Psychologie im Arbeitsschutz

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1 Fachvortrag zur Arbeitsschutztagung 2014 zum Thema: Psychologie im Arbeitsschutz von Dipl. Ing. Mirco Pretzel 23. Januar 2014 Quelle: Dt. Kaltwalzmuseum Hagen-Hohenlimburg

2 1. Einleitung Was hat mit moderner wissenschaftlicher Sicherheits-Psychologie NICHTS zu tun?

3 1. Einleitung... der naive Glaube, alles sei nur eine Frage der Motivation (Titel des FOCUS, im April 2002)

4 1. Einleitung... Oder dies: Er motiviert seine Mitarbeiter richtig!???

5 Sondern: Psychologie ist die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben des Menschen oder: Mittels psychologischer Ansätze und naturwissenschaftlicher Methoden soll erforscht (= verstehen) werden, warum sich Menschen so verhalten, wie sie sich verhalten (= wahrnehmen, denken, lernen, handeln,... )

6 Unfallpsychologie als ein Teilbereich versucht im nachhinein zu verstehen, warum es zum Unfall gekommen ist, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen welchen Anteil dabei z.b. Menschen haben Achtung!!! Menschliches Versagen ist häufig eine Scheinerklärungen, da sie nur die Folge bestimmter Entwicklungen (z.b. Routinetätigkeiten) ist.

7 Großer Nachteil der Unfallpsychologie: Sie beginnt immer erst nach Eintritt des Unfalls (= ex-post-facto). Anhand der vorliegenden Indizien eine Rekonstruktion der Umstände vorgenommen, die zu dem Ereignis geführt haben (müssten!)

8 Und was ist Sicherheits-Psychologie? Eine Disziplin, die sich erst Mitte der 50er Jahre aus der Unfallpsychologie entwickelt hat.

9 Die sicherheitspsychologische Frage ist daher nicht, wie sich Menschen verhalten sollen, Quelle: DASA (Foto: Schaper) Quelle: DASA (Foto: Schaper) sondern wie sie sich in sicherheitsrelevanten oder kritischen Situationen tatsächlich verhalten. Quelle: Oberbergamt Dortmund)

10 Sicherheitspsychologie untersucht daher das Verhalten von Menschen in gefährlichen Situationen und genau das unterscheidet sie von der klassischen Unfallpsychologie

11 Die Grundlage bildet die sicherheitspsychologische Erkenntnis: Das unser intuitives Gefährlichkeits-Urteil unser Verhalten leitet. aber

12 das aber auch FALSCH sein kann!!!

13 Nicht alles was wir subjektiv als gefährlich ansehen, entspricht nicht immer der objektiven Gefahr. A subjektiv gefährlich B objektive Gefahr C Quelle: (modifiziert nach Musahl, 1997, S. 30) Es gibt Bereiche, in denen man die Gefahr richtig einschätzt oder sogar überschätzt (Bereiche B und C), hier liegt generell eine erhöhte Aufmerksamkeit vor. Problematisch wird es, wenn Gefahren unterschätzt werden (Bereich A): wie z.b. bei Routinetätigkeiten, hier liegt häufig ein trügerisches oder falsches Sicherheitsurteil vor.

14 Wie kommt es, dass wir unsere Umgebung oder unsere Handlungen unter bestimmten Bedingungen falsch einschätzen? Wir sehen zwar mit den Augen, verstehen aber mit unserem Verstand, was uns die Augen melden also: Eigentlich sehen wir mit dem Gehirn!

15 Deutlich wird das, wenn man den Aufbau unseres Auges betrachtet, am sogenannten Blinden Fleck.

16 Das bedeutet aber auch: Wir machen uns sehr schnell einen Reim auf das, was wir gerade sehen, dabei können unfreiwillig gelegentliche Wahrnehmungsfehler oder Denkfehler entstehen!

17 Auch hierzu ein Beispiel:

18 Diese Denkregeln, die wir nach der Verfügbarkeit der Informationen aufstellen, beantworten auch die Frage: Wann halten wir etwas für gefährlich!

19 Gefährlich ist für uns demnach alles, was wir nicht kennen, über dessen mögliche Schäden wir nichts wissen und was wir nicht kontrollieren können. Quelle: Modifiziert nach Musahl, 2005, S. 8)

20 Zwischenfazit: 1. Wir denken nach bestimmten Regeln, mit denen wir uns einen Reim auf unsere Welt machen. 2. Diese Regeln sind oft effektiv und haben sich evolutionär bewährt. 3. Aber unter Zeitdruck, bei routinierten Tätigkeiten oder unter Stress verkürzen wir bestimmte Denkprozesse. 4. Das erleichtert uns die Entscheidung, führt aber gelegentlich zu Fehlern.

21 3. Praktischer Bezug Übertragen wir nun die bisherigen Überlegungen auf den betrieblichen Zusammenhang, dann lautet die Frage: Wie lassen sich die Regeln der Wahrnehmung und des Denkens auf die Beurteilung der Gefährlichkeit in unsere Unternehmen übertragen?

22 3. Praktischer Bezug Hierzu ein Anwendungsbeispiel aus einem Kaltwalzwerk.

23 3. Praktischer Bezug Schritt 1: Tätigkeitsbezogene Datenerhebung der Unfalldaten Quelle: (Musahl, 2010, S. 15)

24 3. Praktischer Bezug Schritt 2: Datenerhebung der subjektiven Gefahrenkenntnis nach Tätigkeiten Quelle: Auszug aus Situ -Software

25 3. Praktischer Bezug Schritt 3: Auswertung der beiden Datensätze mittels einer speziellen Analyse-Software. Quelle: (Musahl, 2010, S. 62)

26 3. Praktischer Bezug Schritt 4: Auswertung und weitere Interventionsschritte Quelle: (Musahl, 2006, S. 64)

27 3. Praktischer Bezug Schritt 4: Auswertung und weitere Interventionsschritte Überschätzten Tätigkeiten Sind Tätigkeiten relativ unfallfrei, dann ist dies ein Nachweis dafür, dass erhöhte Aufmerksamkeit vorliegt oder unbewusst aktiviert wurde. Wenn dennoch Unfälle auftreten, dann muss nach technischen und/oder organisatorischen Verbesserungsmöglichkeiten gesucht werden. Realistisch eingeschätzten Tätigkeiten Gefährlichkeitsurteil stimmt mit dem tatsächlichen Unfallgeschehen überein. Daher sind hier nicht fehlendes Wissen der Mitarbeiter, sondern auch technische und/oder organisatorische Defizite als Ursache für die Unfälle zu ermitteln. Unterschätzten Tätigkeiten Unterschätzungen korrigieren, durch Konfrontation der Betroffenen mit ihren falschen Einschätzungen.

28 3. Praktischer Bezug Zusammenfassung aller Schritte: Quelle: Leitfaden zum Aktivierungs- und Controllingverfahren für die Gefahrenkenntnis (ACG).

29 4. Ergebnisse Zu welchen Ergebnissen hat die Reorganisation der Sicherheitsarbeit geführt?

30 4. Ergebnisse Bewertung: das Unfallgeschehen und Verbandbucheinträge nahmen von 2003 bis 2010 kontinuierlich ab. Meldungen über Beinahe-Unfälle steigen im entsprechenden Zeitraum deutlich an.

31 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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