Auswirkungen von Wechselkursänderungen auf das schweizerische Hotelleriegewerbe

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1 Auswirkungen von Wechselkursänderungen auf das schweizerische Hotelleriegewerbe Yngve Abrahamsen und Banu Simmons-Süer, KOF Konjunkturforschungsstelle ETH Zürich Der Schweizerfranken gilt seit der Einführung flexibler Wechselkurse in den 1970er Jahren als ein sicherer Hafen in unruhigen Zeiten. Darum neigt er in Zeiten instabiler Finanzmärkte zur Aufwertung gegenüber anderen Währungen. In den letzten Jahren wurde eine kräftige Höherbewertung gegenüber dem US Dollar, dem englischen Pfund und dem Euro verzeichnet. Im Zusammenhang mit der Subprime-Finanzkrise 2008/2009 wurden die USA, das Vereinigte Königreich und die EU von einer schweren Rezession heimgesucht und deren Bekämpfung führte in der Folge zu grossen öffentlichen Haushaltsdefiziten und Schulden. Dies hat den Druck auf den Schweizerfranken so stark erhöht, dass am 9. August 2011 die Parität zum Euro praktisch erreicht wurde. Die Gegenmassnahmen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) mit einer sehr expansiven Geldpolitik und der Aufhebung der Sterilisierung des grossen Geldumlaufs brachten wenig. Darum entschied die SNB am 6. September 2011, eine Untergrenze von Fr pro Euro mit allen Mitteln zu verteidigen. Dies führte zu einer Stabilisierung des Wechselkurses und brachte ausserdem eine erhöhte Planungssicherheit für den Exportsektor. Das Beherbergungsgewerbe, das schon seit Anfang 2008 rückläufige Gästezahlen aus dem Euroraum beklagte, bekundet aber mit einem Wechselkurs in dieser Höhe immer noch Mühe, seine Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Seite 1 von 8

2 Abbildung 1: Logiernächte aus dem Euroraum und Euro-Wechselkurs. Abbildung 2: Logiernächte aus dem Euroraum nach Destinationen und Euro-Wechselkurs 120 Euroraum Indizes 2008=100; Zahl der Logiernächte saisonbereinigt 110 Euroraum Indizes 2008=100; Zahl der Logiernächte (LN): glatte Komponente Zahl der Logiernächte in Hotels Wechselkurs Euro-Gebiet, Euro LN Tourismusgebiete LN städtische Gebiete LN Tessin Wechselkurs Euro Quelle: BFS, SNB Seit 1970 ist die Anzahl der Hotelübernachtungen in der Schweiz ziemlich konstant geblieben. Damals wurden insgesamt 34 Mio. Logiernächte verzeichnet, davon 21 Mio. aus dem Ausland. Im Jahr 2011 dürften die Gäste aus dem Ausland 20 Mio. Übernachtungen von insgesamt 35 Mio. verzeichnet haben. Es haben sich jedoch erhebliche Verschiebungen zwischen den Herkunftsländern der Gäste ergeben: Es kommen weniger Gäste aus den Vereinigten Staaten und Japan, aber auch die grösste Gruppe, die Besucher aus Deutschland, nimmt seit einiger Zeit ab. Dafür kommen mehr Menschen aus anderen Ländern. Besonders deutlich in den letzten Jahren war die Steigerung der Anzahl der Hotelgäste aus China. Die Touristenströme aus anderen Schwellenländern haben ebenfalls zugenommen (s. Abb.4). Seite 2 von 8

3 Abbildung 3: Zusammensetzung der ausländischen Hotelgäste seit 1980 nach Herkunftsländern. Abbildung 4: Hotelgäste aus den grossen Schwellenländern 25 Alle Regionen Zahl der Logiernächte in Mio. (2011 bis November) 250 Alle Regionen Zahl der Logiernächte in Tsd., Originalwerte Übrige Länder Indien China Russland Japan Vereinigte Staaten Rest Europäische Union Vereinigtes Königreich Rest Euroraum Italien Frankreich Deutschland Brasil Russland Indien China Quelle: BFS Wechselkurs und Hotelübernachtungen In einer neuen Studie der KOF wird die Abhängigkeit der Hotelübernachtungen vom Wechselkurs und weiteren ökonomischen Einflussfaktoren näher untersucht. Mit Hilfe von Regressionsrechnungen werden die sogenannten Wechselkurselastizitäten in Bezug auf die Anzahl der Logiernächte in Hotels unterschiedlicher Herkunftsländer für die Zeit nach 1990 geschätzt. In einer detaillierteren Analyse für den Zeitraum seit 2005 wird die Untersuchung auf unterschiedliche Destinationen in der Schweiz erweitert. Wir unterscheiden einerseits nach Sprachregion, andererseits nach eher städtischen bzw. ländlichen Gebieten. Die Elastizitäten geben an, um wie viel Prozent sich die Anzahl der Logiernächte bei einer Änderung des Wechselkurses um ein Prozent ändert. Wenn der Schweizerfranken sich aufwertet, ist eine Verringerung der Zahl der Übernachtungen zu erwarten. Bei einer Abwertung ist eine Erhöhung zu vermuten. Die Wechselkurse sind jedoch nicht die einzigen Einflussfaktoren für die Nachfrage nach Hotelleistungen. Die Preise in lokaler Währung für die bezogene Dienstleistung wie auch die Preise für alternative Destinationen dürften eine genau so wichtige Rolle spielen. Der so genannte reale Wechselkurs, der in einige der Schätzungen eingeht, korrigiert den direkt Seite 3 von 8

4 beobachtbaren Wechselkurs um die unterschiedliche Preisentwicklung im In- und Ausland. Allerdings wird nur das generelle Preisniveau von Konsumgütern herangezogen. Darum werden zusätzliche Schätzungen mit dem Hotelpreisniveau in der Schweiz und dem unkorrigierten Wechselkurs als Ergänzung durchgeführt. Schliesslich spielt die Einkommenssituation und -entwicklung der Hotelgäste, die den Aufenthalt aus eigenen Mitteln zahlen, eine entscheidende Rolle. Im Geschäftstourismus wird die Ertragssituation der Unternehmen die Nachfrage nach Hotelaufenthalten für ihre Angestellten ebenfalls beeinflussen. Darum wurde in allen Schätzungen der private Konsum in den Herkunftsländern als Erklärungsvariable für die Einkommenselastizität berücksichtigt. Das erwartete Vorzeichen bei einem Wechselkurs ausgedrückt als Preis in ausländischer Währung pro Schweizerfranken ist also negativ. Resultate mit einem positiven Koeffizient werden als nicht plausibel angesehen. Die Resultate zeigen insbesondere für die Nachbarländer, dass die Nachfrage auf die Wechselkursänderungen elastisch reagiert, d.h. dass eine einprozentige Erhöhung des realen Wechselkurses eine langfristige Nachfrageeinbusse von mehr als einem Prozent zur Folge hat (Elastizität < -1). Die Anpassungsgeschwindigkeit ist jedoch niedrig, sie beträgt im Durchschnitt lediglich rund 25 Prozent pro Quartal (=Anpassungskoeffizient). Für Deutschland, mit einer geschätzten Wechselkurselastizität von 1.90 heisst dies, dass bei einer Erhöhung des Wechselkurses des Frankens gegenüber dem Euro um 10%, die Zahl der Logiernächte auf längere Sicht um 19% abnimmt 1. Tabelle 1: Elastizitäten für reale Wechselkurse und Einkommen (privater Konsum) im Herkunftsland. Schätzung mit Fehlerkorrekturspezifikation, Quartalsdaten 1990Q1 bis 2011Q2 1 Der Anpassungskoeffizient (hier 0.28) drückt die Geschwindigkeit der Reaktion pro Quartal aus. Die Reaktion in dem auf den Wechselkursanstieg folgenden Quartal ist eine Abnahme um 5.3%. Im nächsten Quartal beträgt die Abnahme weitere 3.8%. Nach einem halben Jahr liegt die Abnahme somit 9.1% unter demjenigen Wert, der beim Ausbleiben des Wechselkursanstiegs resultiert hätte. Erst nach 3 bis 4 Jahren wird die Abnahme von 19% erreicht. Seite 4 von 8

5 WK WK Privater Anpassungskoeffizient Kurzfristig Langfristig Konsum adj. R 2 Euroraum ** 0.38 ** Deutschland ** Frankreich ** 0.60 ** Italien ** Österreich * Spanien ** 0.58 ** Niederlande ** Belgien ** Portugal ** Finnland ** Irland ** UK ** 0.68 ** Schweden ** Dänemark ** 0.96 ** USA Japan * * und **: Statistisch signifikant bei 10% bzw. 5% Irrtumswahrscheinlichkeit Legende: Kurzfristig: ca. bis 2-3 Monate, langfristig: 1 Jahr Quelle: KOF 2011 Die Nachfrage aus den USA und Finnland kann dagegen als wenig elastisch bezeichnet werden: Der Rückgang ist kleiner als die Wechselkursänderung. Generell ist eine Variation der geschätzten Elastizitäten in Abhängigkeit der Schätzperiode festzustellen. Die Elastizität der Nachfrage aus einigen Ländern des Euroraums ist in der letzten Dekade zurückgegangen, so zum Beispiel für Frankreich. Die Elastizität der Nachfrage aus Deutschland und den Niederlanden hat dagegen seit der Bildung des Euroraums zugenommen. Der Grund für diese erhöhte Reaktion mag eine grössere Transparenz in Bezug auf alternative Feriendestinationen sein. Wenn man die Elastizitäten mit nominellen Wechselkursveränderungen und den schweizerischen Hotelpreisen berechnet, stellt man fest, dass sie niedriger sind als diejenigen für den realen Wechselkurs, der lediglich das allgemeine Preisniveau beider Länder berücksichtigt. Auffallend ist die hohe Reagibilität der skandinavischen, britischen, österreichischen und französischen Touristen auf Preisänderungen. Mit Ausnahme der Gäste aus Frankreich reagieren sie dafür weitaus weniger auf Wechselkursänderungen. Bei den deutschen Gästen verhält es sich gerade umgekehrt: Hier ist eine hohe Wechselkurselastizität bei niedriger Preiselastizität festzustellen. Seite 5 von 8

6 Tabelle 2: Elastizitäten für nominelle Wechselkurse, Hotelpreise und Einkommen (privater Konsum) im Herkunftsland. Schätzung mit Fehlerkorrekturspezifikation, Quartalsdaten 1990Q1 bis 2011Q2 WK WK Hotelpreise Privater Anpassungskoeffizient Kurzfristig Langfristig Schweiz Konsum adj. R 2 Euroraum ** ** 2.08 ** Deutschland ** Frankreich ** ** 2.00 ** Italien ** ** Österreich * ** 3.19 ** Spanien ** Niederlande ** ** Belgien ** Portugal * 2.54 ** Finnland ** UK ** ** 1.54 ** Schweden ** 2.55 ** Dänemark ** 3.31 ** USA ** Japan * * und **: Statistisch signifikant bei 10% bzw. 5% Irrtumswahrscheinlichkeit Legende: Kurzfristig: ca. bis 2-3 Monate, langfristig: 1 Jahr Quelle: KOF 2011 In der Untersuchung über die Auswirkungen nach Destinationen finden wir einige Unterschiede nach Sprachregion (s.tab.3). Die Untersuchungen zeigen, dass die Übernachtungszahlen im italienischsprachigen Gebiet (Tessin) kräftiger auf Wechselkursänderungen reagieren als in den deutsch- bzw. französischsprachigen Gebieten. Zwischen den beiden grösseren Sprachgebieten gibt es jedoch keine systematischen Differenzen. Hingegen ist eine deutliche Reaktion in den ländlichen bzw. in den vom Skitourismus geprägten Regionen auszumachen (Graubünden, Zentralschweiz, Berner Oberland und Wallis). Auf der anderen Seite reagiert die Nachfrage in den grösseren Städten wie Basel, Zürich und Genf kaum auf die Wechselkursänderungen. Bei den Übernachtungszahlen in der Berner Region sowie in der Region um Luzern und Zug ist die Wirkung von Wechselkursveränderungen viel stärker, vermutlich aufgrund des höheren Anteils des Freizeittourismus und des kleineren Anteils von Geschäftsaufenthalten. Darum wurde die letztgenannte Region (Zentralschweiz) in die Gruppe der ländlichen Tourismusregionen integriert. Tabelle 3: Elastizitäten für reale Wechselkurse (langfristig) nach Destination. Schätzung mit Fehlerkorrekturspezifikation, Monatsdaten Januar 2005 bis Juli 2011 Seite 6 von 8

7 Deutschsprachig Französischsprachig Tessin Ländliche Regionen Städtische Regionen Euroraum ** ** ** ** Deutschland ** ** ** ** ** Frankreich ** ** ** Italien ** ** 0.04 Österreich Spanien Niederlande Belgien ** ** ** ** 0.14 Griechenland ** Portugal Finnland Irland UK ** ** ** ** ** Schweden Dänemark Norwegen ** Russland ** ** USA ** ** ** Japan Kanada ** ** ** * und **: Statistisch signifikant bei 10% bzw. 5% Irrtumswahrscheinlichkeit Quelle: KOF 2011 Es fällt auf, dass die Wechselkurselastizitäten durchwegs tiefer sind als in der allgemeinen Schätzung in Tabelle 1. Die (in der Tabelle nicht ausgewiesene) Reaktion auf die Einkommenssituation im Herkunftsland ist allerdings kräftiger. Tatsächlich scheinen die Daten eine Reduktion der Wechselkurselastizitäten in der Zeit der starken Aufwertung des Schweizerfrankens zu bestätigen. Ob dies nur ein vorübergehendes Phänomen darstellt, d.h. die Reagibilität in Perioden mit kleineren Wechselkursänderungen wieder zunimmt, kann noch nicht beantwortet werden. Für einige Herkunftsländer in Europa führen zeitlich frühe Ostertage zu einem deutlich erhöhten Zustrom an Hotelgästen in die ländlichen Tourismusregionen und in das Tessin. Für die städtischen Regionen ist dieser Einfluss dagegen durchwegs negativ und deutlich schwächer. Schliesslich können wir eine Reaktion bei der Aufenthaltsdauer der Gäste feststellen. Eine Höherbewertung des Frankens führt zu einer leichten Reduktion des durchschnittlichen Verbleibs. Seite 7 von 8

8 Fazit Die Nachfrage kann in Bezug auf den Wechselkurs grösstenteils als elastisch bezeichnet werden, allerdings erfolgt die Anpassung der Nachfrage langsam. Die Nachfrage nach Hotelübernachtungen in den Städten ist eine Ausnahme: sie hat bisher nicht oder nur wenig auf die Wechselkursänderungen reagiert. Die starke Aufwertung des Schweizerfrankens hat darum erhebliche negative Folgen für die schweizerische Ferienhotellerie. Diesen kann mit einer Reduktion der Preise der Hotelleistungen begegnet werden. Eine solche Strategie erscheint vor allem für britische, französische und nordische Gäste erfolgversprechend. Wo kein entsprechendes Rationalisierungspotenzial vorhanden ist, geht diese Massnahme aber auf Kosten der Betriebsmarge. Es ist beim Ausmass der bisherigen Höherbewertung anzunehmen, dass der Hotelbetrieb mit der erforderlichen Preissenkung defizitär wird. Dauert die Höherbewertung des Frankens über längere Zeit an, dürfte eine Redimensionierung des Hotelsektors in den touristisch geprägten, ländlichen Regionen unausweichlich sein. Ob dem mit staatlichen Massnahmen begegnet werden könnte, war nicht Gegenstand unserer Untersuchung. Solche Massnahmen könnten beispielsweise sowohl die Unterstützung von Massnahmen zur Attraktivitätssteigerung des touristischen Angebots als auch eine wettbewerbskonforme Entlastung einzelner Kosten beinhalten. Bei letzterer geht es vor allem darum, den Tourismussektor als eine Exportbranche mit WTO-konformen Mitteln von einzelnen Kostenkomponenten zu entlasten. Festzuhalten ist allerdings, dass ein hoher Anteil der Wertschöpfung in diesem Sektor durch Arbeitsleistungen erbracht wird und darum beim hohen schweizerischen Lohnniveau die Möglichkeiten für Gegenmassnahmen begrenzt sind. Eine wirkliche Entlastung würde wohl nur eine Schwächung des Frankens bringen. Vor allem die grösste Gruppe der ausländischen Touristen, die Gäste aus Deutschland, reagiert stark und überdurchschnittlich auf Wechselkursänderungen. Seite 8 von 8

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