Der Bedarf für psychologische Interventionen in der (somatischen) Rehabilitation Können und sollen wir priorisieren? Oskar Mittag

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1 Der Bedarf für psychologische Interventionen in der (somatischen) Rehabilitation Können und sollen wir priorisieren? Oskar Mittag Reha-Update Psychologie in der medizinischen Rehabilitation 29. April 2016 in Freiburg

2 Das Kurwesen ist eines der jüngsten Anwendungsgebiete klinischer Psychologie, nachdem die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte erstmals 1971 einen Psychologen in einer ihrer Kurkliniken eingestellt hat. Derzeit sind mehrere Psychologen in verschiedenen Kurkliniken tätig und eine größere Zahl weiterer Planstellen ist für die nächsten Jahre vorgesehen, so daß mit einer baldigen Zunahme psychologischer Mitarbeit ( ) zu rechnen ist. (Doubrawa, 1976, S. 176)

3 Und wie sieht es heute aus? Stellung der Psychologie / der Psychologen in der Reha Heute ca Psychologen in Rehaeinrichtungen tätig Viele Leitlinien beinhalten psychologische Interventionen Psychologische Interventionen fester Bestandteil der administrativen Vorgaben der Reha-Träger Psychotherapie und psychologische Hilfen als Leistungen der Rehabilitation im Sozialgesetzbuch (z. B. 26 SGB IX) Rehabilitationspsychologie ist eigenständiges Fach mit Lehrstühlen; Leitdisziplin in der Fachgesellschaft Eigene Fachgruppe im Berufsverband (AK KliPs Reha) Weiterbildung zum Fachpsychologen für Rehabilitation (BDP) Praxisempfehlungen für psychologische Interventionen in der Rehabilitation (derzeit fünf Indikationsbereiche)

4 Und wie sieht es heute aus? Stellung der Psychologie / der Psychologen in der Reha Aber: Was sagt diese starke Verankerung der Psychologie im Versorgungssystem sowie in Lehre und Forschung aus über die tatsächliche Bedeutung psychologischer Interventionen in der Rehabilitation (in Deutschland)?

5 Priorisierung (in der Medizin) Worum geht es? die ausdrückliche Feststellung der Vorrangigkeit bestimmter Untersuchungs- und Behandlungsmethoden vor anderen. (ZEKO, 2007, S. 3) Adressaten sind Entscheidungsträger (Allokation von Ressourcen, Versorgungsstrukturen ) Ziel ist eine sinnvolle und gerechte Versorgung unter den Bedingungen begrenzter Ressourcen Erfordert ein transparentes, rechtlich und demokratisch legitimiertes Procedere

6 Priorisierung (in der Medizin) Zentrale Kriterien für Priorisierungsentscheidungen Bedarf und Solidarität nicht-triviale Problemlage (Schweregrad, Dringlichkeit) und Nutzenpotential der Leistung (Evidenz) Kosteneffektivität (angesichts begrenzter Ressourcen) Evidenz aus der Systemlogik (z. B. Prävention, Empowerment ) Welches Bild ergibt sich, wenn wir psychologische Interventionen in der Rehabilitation unter diesen Kriterien betrachten?

7 Evidenz für die Wirksamkeit psychologischer Interventionen (in der Rehabilitation) Psychotherapie bei komorbider Depression (z. B. Baumeister et al., 2011, 2012; Whalley et al., 2014) Psycho-onkologische Interventionen (z. B. Faller et al., 2013) Verhaltenstherapie bei Rückenschmerzen (z. B. Henschke et al., 2010) Schmerzbewältigungstraining (vgl. Kröner-Herwig, 2016) Entspannungstraining (z. B. Henschke et al., 2010; van Dixhorn & White, 2005) Stressbewältigungstraining (vgl. Rotter et al., 2016) Handlungs- und Bewältigungsplanung (vgl. Krämer & Göhner, 2016) Raucherentwöhnung (vgl. Mai & Mühlig, 2016) Berufsbezogene Interventionen (vgl. Bethge & Neuderth, 2016) Collaborative care hinsichtlich medizinischer Outcomes und (tendenziell) Gesundheitskosten (z. B. Katon et al., 2008, 2010)

8 Evidenz für die Wirksamkeit psychologischer Interventionen (in der Rehabilitation) Aber die Evidenz ist insgesamt schwach (Studienqualität, Effektstärken), und die Übertragbarkeit auf das Versorgungssystem in Deutschland bleibt fraglich

9 Evidenz für die Wirksamkeit psychologischer Interventionen (in der Rehabilitation) Psychotherapie bei komorbider Depression (z. B. Baumeister et al., 2011, 2012; Whalley et al., 2014) Psycho-onkologische Interventionen (z. B. Faller et al., 2013) Verhaltenstherapie bei Rückenschmerzen (z. B. Henschke et al., 2010) Schmerzbewältigungstraining (vgl. Kröner-Herwig, 2016) Entspannungstraining (z. B. Henschke et al., 2010; van Dixhorn & White, 2005) Stressbewältigungstraining (vgl. Rotter et al., 2016) Handlungs- und Bewältigungsplanung (vgl. Krämer & Göhner, 2016) Raucherentwöhnung (vgl. Mai & Mühlig, 2016) Berufsbezogene Interventionen (vgl. Bethge & Neuderth, 2016) Collaborative care hinsichtlich medizinischer Outcomes und (tendenziell) Gesundheitskosten (z. B. Katon et al., 2008, 2010)

10 Psychologische Interventionen bei KHK Dauer in Stunden bei den Primärstudien aus Whalley et al. (2011) Stunden M h = 23,7 SD = 25, Deutschland # Studien

11 Verhaltenstherapie bei Rückenschmerz Dauer in Stunden bei den Primärstudien aus Henschke et al. (2010) Stunden M h = 46,9 SD = 60, Deutschland # Studien

12 Evidenz aus der Systemlogik heraus Rolle der Rehabilitation im Versorgungssystem 1. Fokus auf Änderung von gesundheitsbezogenen Lebensstilen (Rauchen, Bewegung, Ernährung ) 2. Interdisziplinäres Team mit Ärzten, Psychologen, Pflegepersonal, Physiotherapeuten

13 Evidenz aus der Systemlogik heraus Rolle der Rehabilitation im Versorgungssystem 1. Fokus auf Änderung von gesundheitsbezogenen Lebensstilen (Rauchen, Bewegung, Ernährung ) 2. Interdisziplinäres Nachhaltige Team Änderungen mit Ärzten, des Psychologen, Lebensstils Pflegepersonal, erfordern Physiotherapeuten den systematischen und langfristigen Einsatz psychologisch fundierter Interventionen

14 Evidenz aus der Systemlogik heraus Rolle der Rehabilitation im Versorgungssystem 1. Fokus auf Änderung von gesundheitsbezogenen Lebensstilen (Rauchen, Bewegung, Ernährung ) 2. Interdisziplinäres Team mit Ärzten, Psychologen, Pflegepersonal, Physiotherapeuten Team- und Konzeptentwicklung, Fortbildung und Qualitätsmanagement außerdem Evaluation und Forschung... Für die meisten Patienten einzige Gelegenheit, wo sie mit Psychologen und psychologischen Interventionen in Berührung kommen!

15 Können und sollen wir priorisieren? Fazit Es spricht einiges dafür, psychologische Interventionen in der (somatischen) Rehabilitation hoch zu gewichten: (Fast) einmalige Chance für Diagnostik und Behandlung von psychischer Komorbidität bei chronischen Krankheiten Psychologisch fundierte Interventionen (z. B. Abbau von Risikofaktoren, Schmerz- und Stressbewältigung, Coping ) Einrichtungsbezogene Aufgaben (z. B. Fort- und Weiterbildung, Team- und Konzeptentwicklung, Forschung ) Aufstiegschancen müssen verbessert werden (z. B. Leitungsfunktion für approbierte Psychologen)! Die Evidenzlage ist schlecht, und wir brauchen dringend aussagekräftige Studien mit belastbaren Designs!

16 Vielen Dank!

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