Max Urchs Warum Philosophie im BWL-Studium?

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1 Max Urchs Warum Philosophie im BWL-Studium? Seit dem Wintersemester 2003 gibt es an der ebs das studium universale. Was ist das Ziel dieser Veranstaltungsreihe zur Philosophie? Am Ende der Ausbildung sollen fachlich hochqualifizierte Absolventen stehen, die in der Lage sind, die Zukunft der Gesellschaft mitzugestalten. Dazu bedarf es junger Leute, die kreativ denken, statt in Routinen zu verharren, die sensibel für unerwartet auftauchende Probleme sind und schnell bereit, in solchen Fällen auch Nichtstandard-Lösungen auf ihre Tauglichkeit zu prüfen, die gelernt haben, in Zusammenhängen zu denken, neuartige Verbindungen und Beziehungen herzustellen. Zugleich sollen sie in der Lage sein, die Folgen ihrer Entscheidungen im Blick zu behalten, also verantwortungsvoll zu handeln. Dazu gehört die Fähigkeit, hochkomplexe Situationen nicht nur zu analysieren und so die Kernprobleme zu erkennen, sondern sich auch verständlich zu machen, um anderen die eigene Sicht der Dinge zu vermitteln, und so gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Die Veranstaltungen des studium universale sollen den Studenten helfen, ihr Selbstverständnis, ihre Identität zu klären, die Werte zu erkennen, die ihnen wichtig sind, um so zu starken Persönlichkeiten zu werden. Angesichts der Komplexität der gegenwärtig und in Zukunft anstehenden Fragen kann es im Studium nicht nur darum gehen, konkrete Problemlösungen zu vermitteln. Die Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft haben eine Dynamik und systemische Offenheit erreicht, die fertig vorgegebene Schemata mit hoher Sicherheit rasch unbrauchbar werden läßt (ganz im Sinne des Kalauers: Unsere Lösung Ihr Problem! ) Vielmehr müssen Kompetenzen bei der Problemanalyse und lösung vermittelt werden. Philosophie vermittelt den Schlüssel zu einer Schatzkammer menschlichen Wissens. Wenngleich das oft kolportierte Bild der Philosophie als der Quelle aller anderen Wissenschaften inzwischen nicht mehr recht plausibel ist, so steht doch die Philosophie den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen insgesamt näher, als jede beliebige Einzelwissenschaft. Nicht nur verfügt die Philosophie aus ihrer mehrtausendjährigen Geschichte über einen sonst unerreichten Bestand an Beispiellösungen für alle Arten von theoretischen und praktischen Problemen. Die Philosophie ist verglichen mit den Einzelwissenschaften auch offener gegenüber außerwissenschaftlichen Formen menschlicher Erfahrung, wie Kunst oder Religion. Es macht also auch für Betriebswirtschaftler Sinn, den Weg über ein Studium (zumindest der Anfangsgründe) von Philosophie zu gehen. Nach einer Philosophischen Propädeutik im ersten Semester, bei der Fragen der Erkenntnistheorie, der Begriffsanalyse und der Sprachphilosophie im Mittelpunkt

2 stehen, liegt im zweiten Semester der Schwerpunkt auf Argumentationstheorie und logischem Folgern. Ferner wird die Anwendung und Fortführung dieses Wissens in einer Einzelwissenschaft demonstriert. Grundzüge der Wissenschaftstheorie im dritten Semester runden den Bereich der sog. theoretischen Philosophie ab. Hier können Wesen, Methoden und Grenzen der Wissenschaft, des kritischen rationalen Denkens, der Erarbeitung von Problemlösungen und Orientierungen allgemein, wie auch an konkreten Beispielen aufgezeigt werden. Wissenschaftstheorie und Logik vermitteln einen Denkstil. Goethes sarkastischer Rat aus dem Faust ist jedem deutschen Abiturienten wohlvertraut: Gebraucht die Zeit, sie geht so schnell von hinnen, Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen. Mein teurer Freund, ich rat Euch drum Zuerst Collegium Logicum. Da wird der Geist Euch wohl dressiert, In spanische Stiefel eingeschnürt, Daß er bedächtiger fortan Hinschleiche die Gedankenbahn Und nicht etwa, die Kreuz und Quer, Irrlichtere hin- und her. Johann Wolfgang von Goethe, Faust I Da er die Worte dem Teufel selbst in den Mund legt, ist die Botschaft klar: Vertrödelt nicht Eure Zeit mit grauer Theorie, Richtig und Falsch erkennt der wache junge Geist auch von allein. Nun ist aber Mephisto nach eigener Auskunft ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Und als hätte es einer Illustration bedurft, unterläuft dem Dichterfürsten schon wenige Zeilen später ein peinlicher Logikfehler! Die Logik gehört offenbar nicht zufällig seit jeher zur akademischen Grundausbildung. Natürlich hat die Hochschuldidaktik in den letzten 300 Jahren Fortschritte gemacht. Für das Beschreiten der steilen Pfade zu den hellen Gipfeln des Wissens, hat sie inzwischen durchaus fußfreundlicheres Schuhwerk, als die Spanischen Stiefel, anzubieten. Festzuhalten bleibt allerdings, daß man mit Filzpantoffeln oder Stilettos an den Füßen jene hellen Gipfel kaum erreichen würde. Angesichts rascher Veränderungen der politischen und gesellschaftlichen Situation und vor dem Hintergrund unbefriedigender Prognoseleistungen ökonomischer Theorien stehen heute Kohärenz und Angemessenheit der wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmen auf dem Prüfstand. Eine auf dem Konzept des Homo Oeconomicus fußende Kapitalmarkttheorie liegt klarerweise konträr zu

3 den Prämissen einer als behavioral finance wiedergeborenen Verhaltensökonomie. Kein Wunder, wenn sich aus unvereinbaren theoretischen Konzeptionen dann unerfreulich zahlreiche Prognosen für ein konkretes Problem ergeben. Das in den Wirtschaftswissenschaften weithin dominierende Bild des Homo Oeconomicus als eines absolut zweckrational Handelnden wird spätestens dann problematisch, wenn es über seinen ursprünglich vorgesehenen Deutungsrahmen (also ökonomische Standardsituationen mit bekannten Einschränkungen und Präferenzen) hinaus in der Politik und Verwaltung Anwendung finden soll. Deren Prognoseziele liegen außerhalb des Marktes. Aber auch dort will man das Verhalten der Menschen unter gewissen angestrebten Bedingungen möglichst präzise modellieren. Aus dem unangemessen simplifizierten Zerrbild des Homo Oeconomicus werden dann leicht Handlungsstrategien entwickelt, die nicht einfach wirkungslos bleiben, sondern, wie soziologische Empirie deutlich macht, sich sogar kontraproduktiv auswirken können. Statt als Homo Oeconomicus weitgehend unbeeindruckt vom Wohl und Wehe seiner Mitmenschen eigenen Nutzen zu maximieren, reagiert der mündige Bürger ausgesprochen sensibel auf das Verhalten anderer Menschen, insbesondere auf Fehlverhalten der Eliten. Eine in der Folge dramatisch sinkende Motivation vieler Menschen führt nicht nur zu enormen betriebswirtschaftlichen Verlusten moralische Inkompetenz der Eliten befördert nachweislich die Anomie, wirkt demoralisierend und hat schließlich Einfluß auf die Stabilität des Gemeinwesens (die Zuständigkeiten von Steuerfahndung und Verfassungsschutz sollten vielleicht neu aufgeteilt werden). Angesichts aktueller Herausforderungen ist die heutige Wirtschaftswissenschaft nicht auf sich allein gestellt. Sie kann vielmehr auf einen weiten Bestand an Methoden anderer Disziplinen zurückgreifen. Hochkomplexe mathematische Methoden, wie die Theorie stochastischer Differentialgleichungen oder leistungsstarke Verfahren moderner Spieltheorie, wurden für den Einsatz in ökonomischen Modellierungen nutzbar gemacht und oft gerade im Hinblick auf einen solchen Einsatz weiterentwickelt. Für klar formulierte ökonomische Fragestellungen kann heute oft auf ausreifte Verfahren zurückgegriffen werden. Das Problem besteht freilich darin, die richtigen Fragen zu stellen. Erst dann kann man mathematische und andere Hilfsmittel sinnvoll einsetzten, und so z.b. den hovercraft-effect (the use of high power mathematics to hover over the surface of a problem without touching it) vermeiden. Ähnliches gilt für theoretische Ansätze aus der Psychologie, Soziologie, oder aus dem Gebiet der Philosophie, insbesondere der sog. praktischen Philosophie. Auch hier liegen sehr detaillierte Konzeptionen beispielsweise zur Begründung ethischen Handelns, zur Verteilungsgerechtigkeit oder auch zum Begriff der Rationalität und

4 deren Beziehung zum emotionalen Denken vor, die selbstverständlich auch in wirtschaftswissenschaftlichen Kontexten von Nutzen sind vorausgesetzt wiederum, man stellt die richtigen Fragen. Dies ist alles andere als trivial. Man muß viel über das Gebiet wissen, dessen Vorleistungen man nutzen möchte. Sonst wird man dort nichts Nützliches finden. Oder man wird das zufällig Gefundene nicht richtig verstehen und einsetzen können. Insbesondere ist es wichtig, die spezifischen Gültigkeitsbedingungen der einzelwissenschaftlichen Ergebnisse zu kennen und zu verstehen, wie diese sich beim Verpflanzen in andere wissenschaftliche Kontexte verhalten. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist beispielsweise bei aktuellen Erfolgsmeldungen aus dem Bereich der sog. Neuroökonomie alle Zurückhaltung geboten. Natürlich kann man Testpersonen in die Röhre schieben, sie im Ultimatum- Spiel die notorischen 10 $ gerecht teilen lassen und dabei fmri-analysen anfertigen. Ehe man auf dieser Basis zu wissenschaftlich soliden Folgerungen für die ökonomische Willensbildung kommt, oder gar eine neue ökonomische Teildisziplin etabliert, muß aber eine lange Liste offener Fragen geklärt werden. Kein ernsthafter Wissenschaftler würde wohl in analogen Fällen über Neuromathematik oder Neurogeographie reden wollen. Nur um nicht mißverstanden zu werden: ich halte die o.g. Art von Untersuchungen für sehr spannend und potentiell fruchtbar. Nur darf man nicht den absurd idealisierten Homo Oeconomicus durch einen ökonomischen Homunculus ersetzen wollen, ohne Grundlagen und Tragweite des neurowissenschaftlichen Ansatzes richtig verstanden zu haben. Daneben entstehen in Zeiten des Umbruchs allgemeinere Fragen. Wann ist ein Theoriegebäude eigentlich eine Wissenschaft? Wie und warum verändern sich wissenschaftliche Theorien, wodurch werden etablierte Konzeptionen reaktionär und fortschrittshemmend, wie setzen sich neue theoretische Ideen durch? Solche Fragen sind allesamt Gegenstand der Wissenschaftstheorie. Deren Kenntnis gehört sich für einen zukünftigen Universitätsabsolventen also nicht nur sowieso irgendwie, sondern sie ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die adäquate und schöpferische Anwendung betriebswirtschaftlicher Theorien im späteren Beruf. Kenntnisse der Wissenschaftstheorie machen betriebswirtschaftliches Denken effektiver. Die Harvard Business School hat unlängst, nach der Verhaftung eines berühmten Absolventen wegen Bilanzfälschungen, zum ersten Mal in ihrer Geschichte für alle Studenten verpflichtende Lehrveranstaltungen zur Ethik eingeführt. Angesichts der kriminellen Geschichten um Ebbers, Lay oder Stewart sicher ein Schritt in die richtige Richtung wenngleich der Anlaß eher an Aktionismus denken läßt. Praktische Philosophie soll die Menschen nicht in erster Linie vor dem Haftrichter bewahren. Sie

5 zielt durchaus höher: Wir brauchen Orientierungen und Werte, aus denen sich Sicherheit im Urteilen ergibt, die wiederum Vertrauen und Autorität bewirken kann. Diese Werte können grundsätzlich nicht schulmäßig vermittelt werden. Das Ergebnis eines solchen Versuches so sich denn überhaupt ein Erziehungserfolg einstellen sollte wäre eben kein Beitrag zur Formung selbständig, kreativ und verantwortungsvoll denkender Persönlichkeiten. Der Weg in der praktischen Philosophie ist also dem oben für die theoretische Philosophie beschriebenen ähnlich. Es sollen die Mechanismen offengelegt werden, aus denen ethisches Denken entsteht. Dies erlaubt, ethische Systeme in ihren Möglichkeiten und ihren Grenzen zu sehen und in konkreten Situationen die richtigen Fragen stellen zu lernen. Ebenfalls wie oben: man erhält Zugang zu einem enormen Bestand an Fallbeispielen, welche die klügsten Köpfe der Menschheit in den vorausgehenden Generationen durchdacht haben. Natürlich wäre es für viele Studierende attraktiver, ohne viel theoretisches Drumherum in die heißen Debatten um Verteilungsgerechtigkeit, Eigenverantwortung des Subjekts oder aktive Sterbehilfe einzusteigen. Und natürlich sollte dem Bedürfnis nach solchen aktuellen Diskussionen an der ebs auch Rechnung getragen werden. Im Unterricht muß es in erster Linie darum gehen, die Studenten in die Lage zu versetzen, sich zu gesellschaftlichen Fragen eine fundierte Meinung zu bilden. In späteren Führungspositionen müssen sie zu solchen Fragen Stellung nehmen. Und je mehr die Unternehmen als Corporate Citzens agieren also gesellschaftliche Rahmenbedingungen durch bewußtes Wahrnehmen ihrer Handlungsspielräume beeinflussen, statt einzig auf vermeintliche Sachzwänge zu reagieren desto wichtiger wird diese Anforderung an die Führungskräfte. Wir brauchen also vor allem die Methode, mittels derer konkrete Lösungen gefunden werden können. Dieser Weg ist anspruchsvoller und erscheint zunächst sicher nicht allen wünschenswert. Aber nur auf diese Weise rüsten wir unsere Absolventen mit dem in ihrem späterem Leben erforderlichen Handwerkszeug aus. Und ein erwartungsgemäß eintretender Nebeneffekt ist ebenfalls willkommen: die intellektuelle Begegnung mit den Geistesgrößen der Menschheit führt in der Regel dazu, daß man sich einerseits mit berechtigtem Stolz in einer Traditionslinie sieht, welche die abendländische Kultur seit dem antiken Griechenland geprägt hat. Und auf der anderen Seite entsteht aus dieser Begegnung Respekt vor den Werken der Alten, eine Art Demut angesichts der Leistungen unserer Vorfahren. Auch das dient der geistigen Reife und ist durchaus persönlichkeitsbildend, ebenso wie die beglückende Erfahrung, eine schwierige Sache gründlich und bewußt verstehen zu können. Oestrich-Winkel, Juli 2006

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