Sexualität im Alter und bei Demenz

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1 Sexualität im Alter und bei Demenz Gatterer Gerald Sozialtherapeutisches Zentrum Ybbs/Donau Institut für Alternsforschung an der Sigmund Freud Privatuniversität

2 Aspekte des Alterns Kalendarischer Aspekt (Alter in Jahren) Biologischer Aspekt ( Alter der Organe und des Körpers) Psychologischer Aspekt (subjektives Alter) Sozialer Aspekt (Stellung in Gesellschaft) Ökologisch/kontextueller Aspekt (Umwelt) Systemischer Aspekt

3 2000+ Von der 3-phasigen zur 5-phasigen Biographie M.Horx Ruhestand? Jugend und Ausbildung Postadoleszenz Erwerbsleben Familienleben zweiter Aufbruch Jugend und Ausbildung Erwerbsleben Familienleben Ruhestand Jahre 1960

4 Sexualität im Alter? - Gesellschaft Tabuthema schon bei relativ jungen alten Menschen Oft auf Bereich der Zärtlichkeit reduziert Mit Aspekten von noch immer, nett, lieb,... verniedlicht Wird leicht pathologisiert Krankheit nicht mit Sexualität vereinbar Enttabuisierung erfolgt langsam

5 Alter Bedürfnis Männer % Frauen % Hoch Mittel ,4 Nieder Hoch Mittel Nieder Hoch Mittel Nieder Hoch Mittel Nieder Hoch Mittel nieder

6 Männer Männer Männer Frauen Frauen Frauen Variable % 61.2% 46.4% 54.1% 46.5% 32.8% Masturbation allein Masturbation mit Partner 27.9% 17.0% 12.9% 17.7% 13.1% 5.5% Oralsex von Frau 48.5% 37.5% 19.2% 0.9% 0.6% 1.5% Oralsex von Mann 8.4% 2.6% 2.4% 34.2% 24.8% 7.8% Oralsex zu Frau Oralsex zu Mann 44.1% 34.3% 24.3% 0.9% 0.9% 1,5% 8.0% 2,6% 3.0% 36.2% 23.4% 6.8% Vaginalsex 57.9% 53.2% 42,9% 51.4% 42.2% 21.6% Analsex aktiv 11.3% 5.8% 1.7% Analsex passiv 4.6% 6.0% 1.7% 5.6.% 4.0% 1.0%

7 Problembereiche im Alter Normalität von Alterssexualität Normalität von Sexualität bei Krankheit Normalität von Sexualität bei Demenz Sexualität bei Pflegehandlungen Sexualbereich oder Ausscheidungsbereich Nähe und Distanz in der Pflege Eigene Werte und Normen

8 Biologie der Sexualität Plateauphase Orgasmusphase Reiz Refraktärszeit

9 Sexualität im Alter Biologie der Frau Klimakterium: Hormonelle Umstellung mit psychischen Auswirkungen Erregungsphase: weniger intensiv, langsamer, weniger körperliche Veränderungen, Risiko von Verletzungen Plateupahse: weitgehend unbeeinflusst Orgasmusphase: weitgehend unbeeinflusst oft besser. Rückbildungsphase: Schneller Refraktärzeit: Verlängert

10 Sexualität im Alter Biologie Mann Auch hormonelle Umstellung ab 40 Lj. Erregungsphase: Zunahme zeitweiser erektiler Dysfunktionen, verlängerte Erektionszeit. Plateuphase: Oft verkürzt Orgasmusphase: Kürzer, weniger intensiv Rückbildungsphase: Schneller Refraktärzeit: Verlängert

11 Erregungsstärke Abbildung: Veränderungen und Probleme der Sexualität im Alter (mod. Gatterer, 2013) Verzögerter/ausbleibender Orgasmus; Männer 6%; Frauen 8-37% Männer: Ejakulatio Praecox 23% Orgasmus prinzipiell unverändert; Frauen berichten besseren Orgasmus; Männer weniger Kontraktionen Plateauphase bei Männern verkürzt; bei Frauen unverändert Biologisch gibt es zwar Veränderungen aber Sexualität ist bis ins hohe und höchste Alter möglich! Sexuelle Appetenz Dyspareunie vor allem bei Frauen 1-25% Refraktärphase verlängert bis neuerliche Erregung Verminderung (Verlust) sexuellen Verlangens 16-35% Zeit

12 Sexualität im Alter? - Realität Ist bis ins hohe Alter möglich und wie Studien zeigen auch gesund Notwendigkeit der Modifikation und vermehrter offener Gespräche bei Paaren große Unterschiede zwischen den Menschen Auch in Heimen und bei Krankheit Thema

13 Psychologie der Sexualität Sexualität als gelerntes Verhalten Rollenbild in der sexuellen Gesellschaft Selbstbild von Mann und Frau Ursachen für Sexualität Verarbeitung von Veränderungen Spaß, Nähe, Beziehung, Befriedigung aber auch Konfliktthema

14 Modell für Alterssexualität Biologisches Substrat Psychische Faktoren Sexualität soziale Faktoren Ökologisch/kontextuelle Faktoren

15 Kritische Betrachtungen Sollte man überhaupt von Alterssexualität bzw. bei Krankheit sprechen? Was ist die Sexualität? Nicht nur Genitalität! Vorsicht vor einem Defizitmodell orientiert an Jungen, Gesunden und sozialen Normen! Sexualität ist individuell und wie jedes Verhalten einem Wandel unterworfen! Wesentlich ist der Spaßfaktor und die Beziehung!!

16 Sexualität im Alter Normalität oder Pathologie?

17 Normalität Medizinische Sicht Statistische Sicht Gesellschaftliche Sicht Individuelle Sicht

18 Wann ist ein Verhalten normal? Schlaf, Antrieb, Essen, Trinken, Aktivitäten, Sauberkeit, Tagesstruktur, Kommunikation, Sozialverhalten, Stimmung, psychiatrische Symptome (Wahn, Halluzinationen) aber auch Sexualität werden nach Häufigkeit, Intensität, Zeitpunkt, Dauer, Situation, Verständlichkeit, Auffälligkeit und eigenen Kriterien beurteilt. individuell/persönlichkeit grenzwertig normal auffällig pathologisch psychiatrisch

19 Unterschiedliche Bedürfnisse bei Paaren Paare entwickeln sich sexuell leider nicht immer gleich Wessen Normen zählen für Normalität Kriterien Häufigkeit Variationen Alternde Ehe!

20 Beispiel Mann mit erektiler Dysfunktion Macht sich und Partnerin massiven Stress Angst Partnerin würde ihn verlassen, da es für sie extrem wichtig sei Partnerin berichtet gegenteilige Bedürfnisse Neue Formen der Sexualität

21 Beispiel 2 Paar in Therapie Er in Pension und möchte wieder Sex Seit 30 Jahren kein Thema Sie hat das beendet Andere Lebensphilosophie

22 Hilfen für Ihn und Sie bei Problemen Erektile Dysfunktion Medikamentöse Therapie Vakuumpumpe und Penisring Operative Eingriffe Sexuelle Unlust/Orgasmusprobleme Psychotherapie Paartherapie Schmerzen

23 Sexualität und Demenz? Demenz als Krankheit was ist normales Verhalten? (Rollen, Normen, Sichtweise) Wessen Bedürfnisse zählen? Wahrnehmung von Sexualität durch Partner Bisheriges Leben wesentlich Häufig Konfliktthema (Heim/Partnerschaft) und Indikation für Therapie Wer wird behandelt?

24 Sexualität und Demenz Bedürfnisse auf beiden Seiten oft vorhanden aber auch Ängste und Schuldgefühle (pervers?) Biografie der Generation wichtig Oft kann im Rahmen der Demenz erst Sexualität gelebt werden Ist eine Möglichkeit für Nähe und Austausch auch wenn Sprache verloren gegangen ist

25 Sexualität und Demenz Bei Angehörigengruppen schildern mehr Männer mit ihren dementen Partnerinnen noch Sex zu haben. Haben aber oft Schuldgefühle. Woran erkenne ich dass Partnerin will? Frauen leiden häufig unter wieder erwachter Sexualität beim Ehemann. Enttabuisierung und Gespräche in Angehörigengruppen wichtig.

26 Sexualität und Demenz Demenz und Sexualität schließen sich nicht aus. Die Möglichkeit für Paare auch bei schwerer Demenz sich nahe zu sein Zärtlichkeit und Kuscheln entschärft Geschlechtsverkehrsvorstellung Verhaltensstörung sind Problem (Medikament?)

27 Sexualität und Pflege Bei Männer oft Spontanerektion Emotionale Betroffenheit des Personals Bei Demenz automatisierter Auslöser Bei Frauen weniger sichtbar aber auch vorhanden Der Genitalbereich ist nicht nur Ausscheidungsbereich

28 Eigene Werte und Normen Welche Bedeutung hat für mich Sexualität? Bewusstsein von mir und Patient/in als sexuelles Wesen In welcher Rolle sehe ich mich? Emotionale Betroffenheit Nähe/Distanzproblem Mann/Frau Rolle

29 Lösungsansätze Was genau ist Problem? Wer hat Problem? Wer leidet? Wer ist aller betroffen? Wann genau tritt es auf? Wer soll behandelt werden? Welche Maßnahmen sind möglich? Was ist Ziel? Für wen? Auswahl sachlich!!

30 Beispiel Frau N., eine 78jährige Frau kommt in die Angehörigenberatung. Sie fühle sich als Frau von ihrem dementen Mann gedemütigt, der von ihr immer Oralverkehr möchte und einfach die Hosen hinunter läst

31 Beispiel Sie versuche nun sich zu wehren und weigere sich. Sie versucht auch ihm zu erklären, dass sie auf diese Art nicht möchte. Das Verhalten ist ein schon immer bestehendes, aber durch die Demenz verstärkt. Sexualität war wichtig.

32 Maßnahmen Aufklärung über die Demenzerkrankung Entkopplung des Sexualverhaltens von Persönlichkeit des Erkrankten Paartherapie Motivation zu vermehrter Zärtlichkeit Medikamentöse Therapie des Gatten Verbesserung der Partnerschaft

33 Beispiel 2 80jähriger Mann kommt zu Beratung. Gattin hätte versucht, ihn in der Nacht zu erwürgen. Sie saß auf ihm und wollte anscheinend Sex. Er traue sich nun nicht mehr neben ihr zu schlafen. Sex seit über 30 Jahren kein Thema mehr. Er möchte sie in Heim unterbringen

34 Maßnahmen Gespräche mit Mann. Sexualität kein Thema Ist überfordert und sieht Gattin und ihr Verhalten primär als krank Bedürfnisse zu Zärtlichkeit gibt es nicht

35 Maßnahmen Aufnahme im Pflegeheim. Gattin fühlt sich dort wohl und kuschelt mit anderen Männer. Konflikt mit Gatten. Heim soll das verhindern! Gespräche über mögliche Maßnahmen Widmet sich nun mehr der Gattin im Heim. Diese wird ruhiger.

36 Beispiel 3 Auf einer Demenzstation schließen sich ein Mann und eine Frau auf der Toilette ein und haben anscheinend als sie gefunden werden sexuelle Aktivitäten ausgeübt. Diskussion auf der Abteilung ob das erlaubt ist und dass man die Frau schützen muss! Mann soll sediert werden.

37 Lösungsansätze Warum ist es ein Problem? Wie war die emotionale Situation der betroffenen Patienten? Hat die Frau um Hilfe gerufen? Welche Bedürfnisse sind vorhanden? Wie sind die eigenen Normen?

38 Beispiel 4 Frau N. wird von Pflegerin dabei beobachtet wie sie mit Suppenlöffel masturbiert. Decurs: Arzt melden Diskussion an der Abteilung hinsichtlich Lösungen Probleme: Verletzungsgefahr, Hygiene, Normalität

39 Modelle Technologische Unterstützung z.b. Roboterrobbe Paro &client=firefoxa&rls=org.mozilla%3ade%3aofficial&channel=s&h l=de&gfe_rd=ctrl&gws_rd=cr&sa=x&oi=image_res ult_group&ei=1rsku9s6oyiqtaaxxicoba&ved=0 CDQQsAQ Paro soll emotionale Bedürfnisse abdecken. Erste Ergebnisse gut Vorbehalte von Betreuern

40 Weitere Hilfen Mann Frau sein dürfen im Heim SexualassistenInnen Prostituierte Arbeit mit PartnerInnen Alternativen im Heim Aufgeklärte MitarbeiterInnen als Voraussetzung

41 Kritische Bemerkungen Sexualität gibt es auch in Heimen. Deshalb sollten die Strukturen dafür vorhanden und das Personal geschult sein damit umzugehen? (Selbstbefriedigung, Homosexualität) Wie möchten denn wir selbst, dass man im Alter mit unseren sexuellen Bedürfnissen umgeht?

42 Viel Spaß bei Sexualität im Alter und mit Demenz! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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