Was ist Kommunikation? Oder: Jede Form der Repräsentation von Außenwelt ist immer eine bestimmte Form der Selbstrepräsentation

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1 Was ist Kommunikation? Oder: Jede Form der Repräsentation von Außenwelt ist immer eine bestimmte Form der Selbstrepräsentation sentation zur Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen nach Niklas Luhmann Zur Unterscheidung von Wahrnehmung und Kommunikation: Niklas Luhmann geht davon aus, dass die Wahrnehmung zunächst ein psychisches Ereignis ohne kommunikative Existenz bleibt: Sie ist innerhalb des kommunikativen Geschehens nicht ohne weiteres anschlussfähig. hig. Man kann das, was ein anderer wahrgenommen hat, nicht bestätigen tigen und nicht widerlegen, nicht befragen und nicht beantworten. Es bleibt im Bewusstsein verschlossen und für f r das Kommunikationssystem intransparent. Wintersemester 2009/10

2 Zur Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen (I) psychische Systeme Es mag sich zunächst einmal trivial anhören, wenn man mit Niklas Luhmann davon ausgeht, dass psychische Systeme einen Innenraum markieren, den wir mit Bewusstsein gleichsetzen können. k Bei der Art von Operationen, die ein Bewusstsein vollzieht, können k wir von Gedanken ausgehen: Ein Bewusstsein (als autopoietisches System, also als ein in sich geschlossenes System) würde w genau dies sein die Reproduktion von Gedanken durch Gedanken in einem Netzwerk von Gedanken. Nur in ihm gibt es Gedanken, diese besonderen Operationen, und was nicht als Gedanke erscheint, existiert nicht für f r dieses System.

3 Zur Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen (II) soziale Systeme Soziale Systeme (z.b. Gesellschaft, aber auch eine Schulklasse oder ein Seminar, oder die Vorlesung, in der wir uns befinden) markieren ein Außen. Sie lassen sich analog verstehen, nämlich n als autopoietische (in sich selbst geschlossene) Systeme, die Kommunikationen in einem Netzwerk von Kommunikationen produzieren und sonst nichts! Kommunikationen verketten sich mit Kommunikationen Und wie beim Bewusstsein ist deshalb klar, das alles, was in der Gesellschaft vorkommt, kommunikationsförmig vorkommt oder eben überhaupt nicht: Es gibt in der Gesellschaft keinen sterbenden Wald, kein Ozonloch, keine Heidi Klum,, keine Hunde, keine Katzen, keine Schweinegrippe, keine Menschen es sei denn: als Thema von kommunikativen Operationen. Wintersemester 2009/10

4 Zur Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen (III) Anwendung I Wir können k dazu in Anlehung an Peter Fuchs festhalten: Bewusstsein ereignet oder betreibt sich in Abgeschlossenheit. Wir sind in diesem Hörsaal H vielleicht 400 oder gar 450 Leute, hinter deren Stirnen, in deren Schädelkalotten Bewusstseine ihr Unwesen treiben. Aber niemand unter uns schaut durch die Schädelw delwände irgendeines anderen unter uns hindurch. Er bemerkt dazu, dass es ja auch ein Unding wäre, w wenn wir fürchten f müssten, m jemand könne k unser Bewusstsein lesen. Ich glaube wir würden w unentwegt erröten oder müssten gar vor Scham sterben, selbst dann, wenn wir der Beschreibung eines anständigen ndigen oder heute politisch korrekten Menschen entsprächen. Wäre W jemand intern so, wie es jene externe Beschreibung verlangt, dann n müsste m er eigentlich ein verdammt langweiliger Mensch sein, der all die Genüsse nicht kennt, die man daran erkennt, dass man sie verschweigen muss.

5 Zur Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen (IV) Anwendung II Und Niklas Luhmann führt f dazu aus: Nur Kommunikation kann Kommunikation beeinflussen Wie man leicht sehen kann, gleicht Kommunikation einem außerordentlich aufwändigen Verfahren: Man kann nicht immer genauer und immer genauer nachfassen. Irgendwann, und ziemlich schnell, ist der Grenznutzen der Kommunikation erreicht oder die Geduld das heißt t die Belastbarkeit der psychischen Umwelt erschöpft pft.. Oder das Interesse an anderen Themen oder Partnern drängt sich vor. Luhmann hat dieses außerordentlich aufwändige Verfahren noch konkreter beschrieben: Beteiligte können k ihre eigenen Wahrnehmungen und die damit verbundenen Situationsdeutungen in die Kommunikation einbringen; aber dies nur nach den Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems, z.b. nur in Sprachform, nur durch Inanspruchnahme von Redezeit, nur durch ein Sichaufdrängen ngen, Sichsichtbarmachen, Sichexponieren also nur unter entmutigend schweren Bedingungen. Wintersemester 2009/10

6 Was ist Kommunikation und wie kommt sie zustande? (I) Kommunikation kommt durch eine Synthese von drei verschiedenen Selektionen zustande: nämlich der Selektion einer Information,, der Selektion einer Mitteilung und dem selektiven Verstehen oder Missverstehen dieser Mitteilung und ihrer Information. Kommunikation komme nur deshalb zustande, weil zunächst einmal eine Differenz von Mitteilung und Information verstanden werde. Das unterscheide sie von bloßer Wahrnehmung. Information versteht sich nach Luhmann nicht von selbst. Wird die vornehmende Trennung der Selektionen nicht vollzogen, so liegt eine bloße e Wahrnehmung vor. Kommunikation ist daher immer Anschlusskommu- nikation!

7 Was ist Kommunikation und wie kommt sie zustande? (II) Auch das Verstehen ist eine Selektion Verstehen ist nach Luhmann nie eine bloße e Duplikation der Mitteilung in einem anderen Bewusstsein, sondern im Kommunikationssystem selbst Anschlussvoraussetzung für f weitere Kommunikation.. Verstehen ließe e sich demnach operationalisieren als Beobachtung des Unterschieds zwischen Information und Mitteilung. Aus der Differenz zwischen Information und Mitteilung wird geschlossen, was gemeint war. Wichtig ist, dass sich diese Schlussfolgerung auf der Ebene der Kommunikation als (möglicher,( akzeptierter, gelungener) Anschluss darstellt. Nach Peter Fuchs ist es jeweils der Anschluss, der über das entscheidet, was gerade eben geschehen ist: Es ist immer der Anschluss, der seinerseits durch weitere Anschlüsse sse strukturiert, was eigentlich geschieht. Wintersemester 2009/10

8 Was ist Kommunikation und wie kommt sie zustande? (III) Was ist neu an diesem Kommunikationsbegriff? Neu ist nach Niklas Luhmann zunächst die Unterscheidung der drei Komponenten Information, Mitteilung, Verstehen. Vor allem geht es um eine Abgrenzung gegenüber einem handlungstheoretischen Verständnis von Kommunikation, welches den Kommunikationsvorgang (immer noch) als eine gelingende oder misslingende Übertragung von Nachrichten, Informationen sehe. Demgegenüber wird nach einem systemtheoretischen Verständnis nichts übertragen. Spätestens hier sind wir genötigt über die Konsequenzen nachzudenken, die aus diesen Überlegungen z.b. für f r die Gestaltung von Lernumgebungen und Schule insgesamt resultieren.

9 Was ist Kommunikation? Zusammenfassung Niklas Luhmanns Ansatz betont die Differenz von psychischen und sozialen Systemen: Die einen operieren auf der Basis von Bewusstsein, die anderen auf der Basis von Kommunikation. Beide sind zirkulär r geschlossene Systeme, die jeweils nur den eigenen Modus der autopoietischen Reproduktion verwenden können. k Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System kann nicht kommunizieren.

10 Was ist Kommunikation? Ethische Implikationen (I) Die zuvor geäußerte erte Sichtweise begründet nachhaltige Zweifel an privilegierten Weltzugängen einzelner Beobachter, seien es Frauen oder Männer M oder mit Peter Fuchs im Umkehrschluss: Jedes sinnorientierte System hat einen privilegierten Weltzugang, der selbst nicht kommunikabel ist. Irgendeine Frau wird nie wissen, wie irgendein Mann fühlt, f aber auch irgendeine Frau wird nie wissen, wie sich eine andere Frau fühlt, f und nicht irgendein Mann wird wissen, wie sich eine Frau fühlt, aber auch nicht, wie irgendein Mann fühlt. f

11 Was ist Kommunikation? Ethische Implikationen (II) Peter Fuchs schlussfolgert, dass an die Stelle solcher unmöglicher Einsichten soziale Konstruktionen treten, an denen sich Leute und Leutinnen orientieren, und diese Konstruktionen variieren erheblich. Vielleicht darf ich noch schärfer formulieren: Wenn irgendjemand - ob Frau, ob Mann behauptet, er/sie habe einen privilegierten Zugang zur Welt, dann erdröhnen für f r mich im Hintergrund die Sirenen des Faschismus: Viele Menschen sind benachteiligt oder gar getötet tet worden im Namen der Behauptungen anderer Menschen, sie hätten h privilegierte Weltzugänge. Claude Levi-Strauss hat irgendwann einmal gesagt, dass wir lebende Wesen im Schoß des Lebendigen seien, alle, würde w ich hinzufügen, und nicht irgendeines auf besondere Weise.

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