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1 Banken, Fonds, Real Estate, Versicherungen Krisentests mögliche Schocks und ihre Auswirkung auf Finanzinstitute Krisentests sind ein Risikomanagementtool, das der Quantifizierung der Widerstandsfähigkeit eines Institutes (z.b. Bank, Versicherung) gegenüber außergewöhnlichen, aber plausiblen, möglichen Ereignissen dient. Der Text konzentriert sich darauf, Krisentests als Teil des Risikomanagements in Banken zu skizzieren, auch wenn diese von Asset Management Gesellschaften sowie Versicherungen gleichermaßen eingesetzt werden können. Während Krisentests in der Vergangenheit trotz gesetzlicher Verankerung in der Öffentlichkeit relativ unbemerkt geblieben sind, schenkt man ihnen in der jüngsten Vergangenheit und insbesondere seit der Finanzmarktkrise wieder mehr Aufmerksamkeit. Zwar sind vom Committee of European Banking Supervisors (CEBS) dem Vorläufer der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) bereits in 2006 Guidelines in Bezug auf Krisentests herausgegeben worden 1 (diese sind auch für inländische Kreditinstitute maßgeblich), doch die Mehrzahl der Publikationen und Vorschriften zum Thema Stresstesting stammt jedoch aus der Zeit nach So finden sich die gesetzlichen Vorgaben in Bezug auf Krisentests z.b. in Artikel 177 der Capital Requirements Regulation (CRR), die als EU-Verordnung seit unmittelbar anwendbar ist und unter anderem die FMA-Solvabilitätsverordnung abgelöst hat. Die CRR schreibt Kreditinstituten vor, dass sie über geeignete Krisentests zur Beurteilung der Angemessen- Auf einen Blick Krisentests sind ein für Banken immer wichtiger werdendes Kontrollund Steuerungsinstrument. Krisentests sind fixer Bestandteil des Risikomanagements unter der Gesamtverantwortung des Vorstandes. Krisentests dienen auch als Instrument der Aufsicht, um Kapitalausstattung und Liquiditätssituation der Banken besser einschätzen zu können. Mit Krisentests wird die Finanzmarktstabilität bezüglich des Systemrisikos im Markt analysiert. 1) Technical aspects of stress testing under the supervisory review process CP 12 2) CEBS Guidelines on Stress Testing (GL32), EBA Guidelines on Stressed Value-at-Risk EBA/ GL/2012/2, Principles for effective risk data aggregation and risk reporting BCBS239, Fundamental review of the trading book: A revised market risk framework BCBS265

2 heit der Eigenmittelausstattung verfügen müssen. Banken sind auch verpflichtet, potentiell eintretende Ereignisse und künftige Veränderungen der ökonomischen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, die sich nachteilig auf die Werthaltigkeit ihrer Forderungen auswirken können. Die Krisentests sollen unter anderem darüber Aussage geben, inwieweit das Institut in der Lage ist, derartigen negativen Einflüssen standzuhalten. Während die CRR selbst keinerlei Auskunft gibt, wie eine Krisentestlandschaft auszusehen hat, noch wie Krisentests an und für sich zu gestalten sind, finden sich in den Unterlagen der European Banking Authority (EBA) und der Bank of International Settlements (BIS) doch wesentliche Informationen darüber, welche grundlegenden Strukturen einzurichten sind und wie Krisentests durchzuführen sind. Abbildung 1: Schematische Darstellung einer Krisentestlandschaft (Quelle: PwC) Governance Aspekte Infrastruktur Methodik Ergebnisse und Maßnahmen Kreditrisiko Marktrisiko Liquiditätsrisiko Operationelles Risiko Szenarien Sensitivitätsanalyse Szenarioanalyse Reverse-Stresstest Krisentestprogramme Ausgangspunkt für die Einrichtung eines effektiven Krisentestprogrammes sind immer die organisatorischen Rahmenbedingungen. Die Verantwortung liegt beim Gesamtvorstand, der sich aktiv im Krisentestprogramm engagieren muss. Das Krisentestprogramm ist Kernbestandteil des Risikomanagements und muss auch als solcher z.b. in den Risikohandbüchern definiert sein. Abläufe und Methoden müssen klar beschrieben und Verantwortlichkeiten eindeutig zugeordnet sein. Eine geeignete Infrastruktur und die für die Durchführung der Krisentests notwendigen personellen Ressourcen sind zur Verfügung zu stellen. Die Methodik der vom Institut angewendeten Krisentests ist entsprechend zu dokumentieren. Die Krisentests haben alle wesentlichen Risiken zu umfassen, denen ein Institut ausgesetzt ist. Diese umfassen üblicherweise Kredit-, Markt-, Liquiditäts- und Operationelle Risiken. Im Rahmen der Krisentests sind Sensitivitätsanalysen, Szenarioanalysen und auch sogenannte Inverse Krisentests durchzuführen. Die Szenarien sind auf das Institut abzustimmen und sollen plausibel sein, aber auch entsprechende Schweregrade aufweisen. Für das Krisentestprogramm gilt das Proportionalitätsprinzip, d.h. kleine Institute konzentrieren sich eher auf qualitative Aspekte und simple Sensitivitätsanalysen, während große, komplexe Institute, von denen die Bereitstellung einer entsprechenden Infrastruktur erwartet wird, entsprechend quantitative Analysen zu liefern haben. Ziel der Krisentests ist, einen Überblick über das Verhalten der Portfolien und im Endeffekt der gesamten Bank im Krisenfall zu erhalten, sodass eine zeitgerechte Reaktion auf negative Marktveränderungen und Überlegungen von Exitstrategien möglich ist. 2

3 Arten von Krisentests Der einfachste Typ des Krisentests ist eine Sensitivitätsanalyse. Hier erfolgen Tests lediglich bezogen auf einen einzelnen oder mehrere Risikotreiber, um die Sensitivität des Portfolios von diesem Risikotreiber zu analysieren. Komplexere Krisentests basieren auf Szenarioanalysen, die sowohl auf historischen Daten basieren (backward-looking) als auch unter Einbeziehung von makroökonomischen Annahmen zukunftsorientiert sind (forward-looking). Die Entwicklung eines Szenarios startet aus der historischen Analyse, darf sich jedoch nicht darauf alleine konzentrieren, da sonst das Szenario rein backwardlooking wäre. Szenarien sollen unterschiedliche Ereignisse und Schwere berücksichtigen. Wichtig ist, dass alle materiellen Risikotypen des Institutes abgedeckt sind und dadurch institutsspezifische Schwächen zum Vorschein kommen und behandelt werden können. Szenarien müssen schwer genug sein, um eine entsprechende Aussagekraft zu haben. So kann zum Beispiel ein Stressszenario, bei dem die Zinskurve nur um wenige Basispunkte geshiftet wird, keinerlei Aussage über den optionalen Charakter eines Zinsbuches liefern. Des Weiteren ist zwischen absoluten und relativen Szenarien zu unterscheiden. Absolute Szenarien haben immer dieselbe Schwere, relative Szenarien haben einen gravierenden Einfluss insbesondere in der Phase eines wirtschaftlichen Abschwunges. Inverse Krisentests dienen dazu, Szenarien zu identifizieren, die die Fortführung des Geschäftsmodelles gefährden. Man geht von signifikanten Verlusten aus, und ermittelt danach die Ursachen und somit die Risikofaktoren, die zu solchen Verlusten führen können. Daraus werden Maßnahmen abgeleitet, die verhindern sollen, in eine solche Situation zu geraten. Dies kann durch eine Evaluierung der Annahmen des Geschäftsmodells oder der Geschäftsstrategie erfolgen, aber auch Änderungen in der Kapitalplanung nach sich ziehen. Wichtig ist zu verstehen, dass diese Tests nicht als Unterstützung zur Kapitalplanung gesehen werden, sondern einzig und allein der Suche nach Szenarien und deren zugrundeliegender Dynamik dient, die zum Default eines Unternehmens führen können 3. Ergebnisanalyse Die Ergebnisse der Krisentests sind in Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die GuV bzw. Risikotragfähigkeit der Bank zu analysieren und daraus die entsprechenden Maßnahmen abzuleiten. Im Ergebnisreport sind das Szenario das angewendet wurde, eindeutig zu beschreiben, die Ergebnisse insbesondere auf die Risikodeckungsmasse darzustellen, und eine entsprechende Interpretation zu liefern. Es müssen auch die daraus abgeleiteten Maßnahmen erläutert werden. Maßnahmen könnten z.b. sein: die Intensivierung der Überwachung der Risiken, Risikoabsicherungsaktivitäten, Erhöhung der Liquiditätsreserve oder aber auch nur Veranlassung weiterer Analysen. Abbildung 2: Beispiel für Management Summary eines Krisentestreports. Illustrativ (Quelle: PwC). Szenariobeschreibung: Alle Auswirkungen des Betrachtungszeitraumes inklusive der Verschlechterung des Portfolioratings, der Sicherheiten, der Restwerte sowie einer Änderung der Zinsstruktur und der Wechselkurse beziehen sich auf das aktuelle Portfolio. Brutto RDM Wertberichtigungen Expected Loss Mittlerer konjunktureller Abschwung Marktrisiken, Oper. Risiken, Effekte auf Budget und EK, sowie nicht quantifizierte Risiken (1) Netto RDP Eigenkapital- Bestandteile inkl. Vorschauergebnis Risikodeckungspotenzial Risiko im Szenario (1) z.b. Strategisches Risiko, Reputationsrisiko Kritische Reflexion der Ergebnisse: GuV-Auswirkung: Zusätzliche GuV Verluste würden zu einem negativen Ergebnis führen. Risikopotenzial: Das Risikodeckungspotenzial würde zur Deckung des Risikopotenzial ausreichen. Ergebnis: In dem Szenario wird das Risikodeckungspotenzial nicht überschritten. Maßnahmen: keine Notwendigkeit zum Ergreifen von Maßnahmen 3) Bundesgesetzblatt 160, Teil I, ; Bankeninterventions- und -restrukturierungsgesetz sowie Änderung des Bankwesengesetzes und des Finanzmarktaufsichtsbehördengesetzes 3

4 Möglicher Projektablauf für Krisentests im Marktrisiko Ein Projektablauf für den Aufbau einer Kristentestlandschaft im Bereich Marktrisiko ist typischerweise in vier Phasen gegliedert und in Abbildung 3 dargestellt. Ein wesentlicher zu beachtender Aspekt ist der Einfluss der Ergebnisse der Krisentests auf das Geschäftsmodell, auf Handelsentscheidungen (z.b. Änderung der Positionierung, eventuell Schließung von Positionen), auf Prozesse sowie auf die Modellierung der Krisentests selbst. Einmal definierte Krisentests dürfen nicht als statisch betrachtet werden, sie sind regelmäßig unter anderem an das geänderte Marktumfeld, die Geschäftsstrategie und an die Risikopolitik des Institutes anzupassen. Aktuelle Herausforderungen Die aktuelle Herausforderung für jene Kreditinstitute, die direkt der Aufsicht der EZB unterstellt werden sollen, ist das Comprehensive Assessment. Dieses besteht aus drei Säulen: dem Supervisory Risk Assessment (in dem durch qualitative und quantitative Analysen unter anderem eine Einschätzung des intrinsischen Risikoprofils der Bank sowie ihre Verwundbarkeit gegenüber exogenen Faktoren erzielt wird), dem Asset Quality Review ( in welchem die Assets der Bank zum Stand per analysiert werden), und Krisentests. Diese EUweiten Krisentests, die von EZB und EBA gemeinsam ausgeführt werden sollen und bei denen die Szenarien von der Aufsicht vorgegeben sind, ergänzen den bzw. setzen auf dem Asset Quality Review auf und sollen eine zukunftsorientierte Sicht über die Fähigkeit der Banken, Krisen zu meistern, liefern. Weitere Themen, mit denen sich Kreditinstitute im Moment auseinandersetzen, umfassen vor allem Anforderungen hinsichtlich Krisentests im Liquiditäsrisikomanagement. PwC arbeitet zurzeit gemeinsam mit einigen österreichischen Banken an der Entwicklung und Umsetzung von institutsspezifischen und marktweiten, sowie kombinierten Krisentests, die zur Identifikation von möglichen Quellen von Liquiditätsengpässen dienen. Noch heuer umzusetzen sind die auf Marktveränderungen basierenden Krisentests zur Bestimmung von zusätzlichen Liquiditätsabflüssen 4 in Verbindung mit Bedarf an Besicherung, der sich aus der Auswirkung eines adversen Marktszenarios ergibt. Bei diesem Thema unterstützt PwC bereits österreichische Banken bei der Umsetzung dieses Standards. Abbildung 3: Mögliche Prozessschritte zur Entwicklung einer Krisentestlandschaft im Marktrisiko (Quelle: PwC) Projektvorgehensweise I. Identifikation und Definition II. SOLL-Konzept III. Technische Umsetzung IV. Betrieb und Anwendung Festlegung der zu stressenden Portfolien Analyse der Portfolien und Identifikation der Risikofaktoren Definition der Szenarien und somit Definition der möglichen Veränderungen der Risikoparameter Definition der gewünschten Stresstest-Reports und Inhalte (Interpretation der Ergebnisse) Fachliches und technisches Design der Stresstest-Landschaft Modellentwicklung (mathematische Beschreibung der anzuwendenden Veränderungen der Risikofaktoren) Technisches Umsetzungskonzept Design und technisches Umsetzungskonzept der Stresstest - Reports Technische Umsetzung des Stresstestgenerators Technische Umsetzung Stress Testing Tasks und Automatisierung Technische Umsetzung Reporting Technische und fachliche Tests Inbetriebnahme der Berechnung der Stresstests Inbetriebnahme des Stresstest - Reportings Administration der Szenariogenerierung, Stresstest- Berechnung und Reports Aufnahme der Resultate in die regulären Reportingprozesse Einbeziehung der Ergebnisse in Entscheidungsprozesse 4) Draft Regulatory Technical Standards On additional liquidity outflows corresponding to collateral needs resulting from the impact of an adverse market scenario on the institution s derivatives transactions, financing transactions and other contracts for liquidity reporting under Article 411(3) of the Draft Capital Requirements Regulation (CRR). 4

5 Zum Autor Gerald Brandstätter Senior Manager, Financial Services Consulting Gerald Brandstätter ist für den Bereich Risk und Regulations von PwC in Österreich verantwortlich. Er verfügt über umfassende Erfahrung in der Implementierung von Risikomanagementsystemen, Markt- und Zinsrisikomessung, und in der Bewertung von strukturierten, komplexen Produkten. Vor seiner Tätigkeit bei PwC war er sechs Jahre als Risikomanager in einer großen österreichischen Regionalbank sowie mehr als fünf Jahre für ein anderes Beratungsunternehmen im Bereich Trade und Riskmanagement tätig. Ihr Ansprechpartner Roland Schöbel Partner Financial Services Consulting PwC Wien Erdbergstraße 200, 1030 Wien In der nächsten Ausgabe Finanzaufsicht will Schattenbanken beleuchten Die aktuelle Reform des Finanzsektors macht auch vor Schattenbanken nicht halt. Ziel von neuen regulatorischen Bestimmungen ist es, das Finanzsystem stabiler und weniger anfällig für Krisensituationen zu machen. Aufgrund der umfassenden Regulierung von Kreditinstituten und anderer Finanzdienstleister gibt es natürlich Anreize einer regulatorische Arbitrage. D.h. Finanzinstitute, die von Regulierungen betroffen sind, versuchen Geschäfte in aufsichtsrechtlich weniger bis nicht regulierte Bereiche zu verschieben - dem soll ein Riegel vorgeschoben werden. Medieninhaber und Herausgeber: PwC Österreich GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Erdbergstraße 200, 1030 Wien Für den Inhalt verantwortlich: StB Mag. Thomas Strobach, Für Änderungen der Zustellung verantwortlich: Nicole Schön, Tel.: , Fax: Der Inhalt dieses Newsletters wurde sorgfältig ausgearbeitet. Er enthält jedoch lediglich allgemeine Informationen und spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider, daher kann er eine individuelle Beratung im Einzelfall nicht ersetzen. PwC übernimmt keine Haftung und Gewährleistung für die Vollständigkeit und Richtigkeit der enthaltenden Informationen und weist darauf hin, dass der Newsletter nicht als Entscheidungsgrundlage für konkrete Sachverhalte geeignet ist. PwC lehnt daher den Ersatz von Schäden welcher Art auch immer, die aus der Verwendung dieser Informationen resultieren, ab. PwC bezeichnet das PwC-Netzwerk und/oder eine oder mehrere seiner Mitgliedsfirmen. Jedes Mitglied dieses Netzwerks ist ein selbstständiges Rechtssubjekt. Weitere Informationen finden Sie unter

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