Bertrand Lisbach. Linguistisches Identity Matching

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2 Bertrand Lisbach Linguistisches Identity Matching

3 Bertrand Lisbach Linguistisches Identity Matching Paradigmenwechsel in der Suche und im Abgleich von Personendaten Mit 9 Abbildungen und 20 Tabellen PRAXIS

4 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar. Das in diesem Werk enthaltene Programm-Material ist mit keiner Verpflichtung oder Garantie irgend - einer Art verbunden. Der Autor übernimmt infolgedessen keine Verantwortung und wird keine daraus folgende oder sonstige Haftung übernehmen, die auf irgendeine Art aus der Benutzung dieses Programm-Materials oder Teilen davon entsteht. Höchste inhaltliche und technische Qualität unserer Produkte ist unser Ziel. Bei der Produktion und Auslieferung unserer Bücher wollen wir die Umwelt schonen: Dieses Buch ist auf säure freiem und chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die Einschweißfolie besteht aus Polyäthylen und damit aus organischen Grundstoffen, die weder bei der Herstellung noch bei der Ver brennung Schadstoffe freisetzen. 1. Auflage 2011 Alle Rechte vorbehalten Vieweg+Teubner Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011 Lektorat: Christel Roß Walburga Himmel Vieweg+Teubner Verlag ist eine Marke von Springer Fachmedien. Springer Fachmedien ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich ge schützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Ur heber rechts ge set zes ist ohne Zustimmung des Verlags unzuläs sig und straf bar. Das gilt ins be sondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Umschlagmotiv: artbeat graphic design, Bern (Schweiz) Druck und buchbinderische Verarbeitung: STRAUSS GmbH, Mörlenbach Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier. Printed in Germany ISBN

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6 Geleitwort VonDr.KlausFrick Seit über 15 Jahren unterstütze ich weltweit agierende Firmen darin, ihre global verteilten Datenbestände effektiv zu nutzen. Die Herausforderungen organisatorische,technische,fachliche sindüberdiesenzeitraumgrundsätzlich dieselben geblieben und übrigens auch die konzeptionellen Lösungsansätze. Die Datenvolumina nehmen kontinuierlich zu und noch mehr tut dies die Ge schwindigkeit, mit der diese prozessiert werden können. Aber grundlegend hat sichmeinearbeitindenletzten15jahrennichtgeändertundichdenkeauchnicht, dasssichdaraninkürzeetwasändernwird.allerdingswirdinzukunftdienot wendigkeit des aktiven Datenmanagements der global verteilten Datenbestände u.a. aus wirtschaftlichen und regulatorischen Gründen weiter an Bedeutung ge winnen. Es gehört sicher zu den anspruchsvollsten Aufgaben, heterogene und verteilte Datenbestände in einem global agierenden Unternehmen zu konsolidieren und einerunternehmensweitennutzungzuzuführen.dabeierweisensichinderregel zweithemenbereicheunterfachlichenundorganisatorischengesichtspunktenals besonders schwierig: ein für das Unternehmen einheitlich gültiger Produkte katalog sowie eine zentralisierte Kundendatenbank, bzw. zumindest die Darstellung einer global gültigen und standardisierten Sicht auf die jeweilig zu lässigenlokalenausprägungen.währendfürdieangestrebtestandardisierungdes Produktekatalogs sich zwischenzeitlich für die meisten Industrien defacto Standards etabliert haben, ist dies in Bezug auf die Kunden und Personendaten nichtderfall. DamitwerdenPersonendatennunhäufigzumDrehundAngelpunktbeimeiner Arbeit. Grundsätzliche Anforderung an die Informationssysteme ist, dass diese erkennen,welchedatensätzeindenglobalverteiltendatenbankendieselbenund welche unterschiedliche Personen repräsentieren. Die Rede ist also vom Dublettenerkennen, einer klassischen Aufgabenstellung des Identity Matching. AutomatisiertesDublettenerkennenistdeshalbsoschwierig,weilDateninunter schiedlichen Ländern unterschiedlich eingegeben werden. Insbesondere die Ver arbeitungvonnamensbestandteilenerweistsichoftalsverhängnisvoll:dername derselbenpersonkannausunterschiedlichvielenbestandteilenbestehen,dieteil weisezusammenodergetrenntgeschriebensind.diereihenfolgederbestandteile kann variieren und auch die Namensdatenstruktur. Mit der Globalisierung der Unternehmenkommteszwischenzeitlichzunehmendhäufigervor,dassNamenin

7 VI Geleitwort unterschiedlichenalphabetenrepräsentiertsindundselbstbeiderdarstellungim selben Alphabet auf unterschiedliche Art transkribiert werden. Von Spitznamen, AbkürzungenundSchreibfehlernimNamenganzzuschweigen. Inzwischen habe ich gelernt, dass das zuverlässige und präzise Matchen von Namensdaten kein triviales Unterfangen ist und sich bis heute auch noch keine allgemeingültigenstandardsetablierthaben.aufderanderenseiteisteserstaun lich,wierelativleichtesjedemlaienfällt,anhandvonbeispielnamenkorrektzu bestimmen, ob zwei Namen dieselbe Person referenzieren oder nicht und wie schwer es gleichzeitig den allermeisten Informatiksystemen fällt, diese Aufgabe ebensozuverlässigzulösen. Die Sache ist leicht zu erklären: Wie Bertrand Lisbach in diesem Buch ausführt, warmanbisherimfalschenparadigmabefangen:manhatmittechnischenmitteln versucht,daseigentlichlinguistischethemadesidentitymatchingsindengriffzu bekommen. Dementsprechend unbefriedigend waren die damit erzielten Ergebnisse. Aber das ist schon nahezu Vergangenheit. Der Einsatz neu entwickelter Informatiksysteme, die entsprechend dem Paradigma des linguistischen Identity Matching entwickelt wurden, zeigt eine signifikant bessere Trefferquote unter gleichzeitiger Reduktion der unerwünschten Fehltreffer. Nicht nur bei der Dublettenerkennung auch im ComplianceUmfeld von Banken, im Customer Relationenship Management oder bei der Personensuche in Melderegistern oder Telefonverzeichnissen erfahren linguistisch basierte Lösungsvarianten einen zu nehmendverbreiteteneinsatz. DiesesBuchistdaserste,welchessichumfassendmitdemvielseitigenThemades linguistischen Identity Matching befasst. Bertrand Lisbach hat ein hoch interessantes Buch zu einem Thema mit rapide wachsender Bedeutung verfasst. Für Entscheidungsträger und Experten, aber auch als zeitgemäße Referenz für engagierte Anwender in diesem sehr dynamischen Themenbereich geschrieben, liefert Linguistisches Identity Matching ein fundiertes Nachschlagewerk und gleichsamentscheidungshilfefürdeneinsatzvonidentitymatchingmethodenfür daseigeneunternehmen. IchwünscheIhneneinespannendeLektüremitvielAnregungfürdiePraxis. Dr.KlausFrick GlobalDatawarehousesExpert

8 Inhaltsverzeichnis Einleitung:ParadigmenwechselimIdentityMatching...1 TeilI:GrundlagendeslinguistischenIdentityMatching Grundkonzepte IdentityMatchingundNameMatching DatenprofileundSuchabfragen TrueundFalsePositives,TrueundFalseNegatives TrefferquoteundGenauigkeit(RecallundPrecision) LinguistischesIdentityMatching...13 Anwendungsfelder KnowYourCustomer(KYC)undEnhancedDueDiligence(EDD) BekämpfungvonGeldwäsche(AML)undTerrorismusfinanzierung (CFT) CustomerDataIntegration(CDI)undDatenDeduplizierung CustomerRelationshipManagement(CRM) KriminalitätsbekämpfungundStrafverfolgung Informationsdienstleistungen Fazit...25 GrundlegendeszuPersonennamen DreiMerkmalevonPersonennamen:Unterscheidungskraft, Konstanz,Bekanntheitsgrad PersonennamensystemeinihrerhistorischerEntwicklung RufnamenundBeinamen PatronymeundMetronyme...30 VornamenundFamiliennamen PersonennamensystemederWelt WestlichePersonennamen...32 RussischePersonennamen...34 ArabischePersonennamen...35 ChinesischePersonennamen ImplikationenfürdasNameMatching...38

9 VIII 4 Inhaltsverzeichnis Transkription Transkription,TransliterationundTranslation Romanisierung RomanisierungkyrillischerNamen GeschichteundVerbreitungdeskyrillischenAlphabets Variationsquellen RomanisierungarabischerNamen GeschichteundVerbreitungdesarabischenAlphabets...50 Variationsquellen RomanisierungchinesischerNamen GeschichteundVerbreitungderchinesischenSchrift...55 Variationsquellen Fazit:TranskriptionalsdieAchillesfersedesNameMatching AbgeleiteteNamensformen Verniedlichungsformen NameninÜbersetzung AbgeleiteteundübersetzteFormeninNamenjuristischerPersonen...65 PhonetischesMatchen Homophonie DasMatchenvonHomophonen...68 Tippfehler BegrifflicheAbgrenzung:Variationen,Schreibfehler,Tippfehler MotorischbedingteTippfehlerunddieRollederComputertastatur OpticalCharacterRecognition(OCR) Fazit:TippfehlerimNameMatching...74 TeilII:NameMatchingVerfahren NameMatchingVerfahrender1.Generation Einleitung G1StringComparison:LevenstheinDistanceundngram ÄhnlichkeitundEditieroperationen BrauchbarkeitderLevenshteinDistanceimNameMatching..80 VergleichvonSubstringsmitngramVerfahren...81 BrauchbarkeitvonngramVerfahrenimNameMatching...82

10 Inhaltsverzeichnis IX 8.3 G1PhoneticEncodingmitSoundex PhonetischeSimilarityKeys...83 BrauchbarkeitvonSoundeximNameMatching G1SuchemitVarianten:Thesauri EinKatalogvonNamensvariationen...86 BrauchbarkeitvonThesauriimNameMatching BrauchbarkeitderG1VerfahrenimÜberblick WarumG1Verfahrenheutenochverbreitetsind NameMatchingalsMitgift StrukturproblemeaufAnbieterseite...92 FehlendeExpertiseaufderKäuferseite...93 FehleneinesnormativenStandards NameMatchingVerfahrender2.Generation Einleitung G2StringComparison:ErweiterungenvonLevenshteinundngram Erweiterungen BrauchbarkeitvonG2StringComparisonimNameMatching G2PhoneticEncoding:ErweiterungenvonSoundex Erweiterungen...99 BrauchbarkeitvonG2PhoneticEncodingimNameMatching G2SuchemitVarianten:GenerativeAlgorithmen Konzept Anwendungsbeispiele BrauchbarkeitgenerativerAlgorithmenimNameMatching BrauchbarkeitderG2VerfahrenimÜberblick Fazit:DreiJahrzehnteNameMatching NameMatchingVerfahrender3.Generation Einleitung GrundanforderungenanG3Verfahren AllgemeineGrundanforderungen SpezielleGrundanforderungen...113

11 X Inhaltsverzeichnis 10.3 MultilingualeSimilarityKeysfürdasMatchenvon TranskriptionsvariantenundHomophonen KomplexitätdurchSprachenvielfalt KomplexitätdurchSuchgenauigkeitsstufen KomplexitätdurchBerücksichtigungdesZeichenkontextes ThesaurifürVornamensformenundSpezialfälle GenerativeAlgorithmenfürTippfehler IntegrationderVerfahren Fazit Benchmarkstudie:DieVerfahrenimVergleich DatengrundlageundTestnamen VerfahrenundVersuchsbedingungen VorgehenundErgebnisse G1Verfahren G2Verfahren G3Verfahren Limitationen Schlussfolgerungen TeilIII:BereitfürdenParadigmenwechsel G3NameMatchingundIdentityMatching RaumbezogeneIdentitätsattribute Länderdaten:Nationalität,Geburtsland,Gründungsland Oikonyme:NamenvonStädten,StadtteilenundOrtschaften Adressen ZeitbezogeneIdentitätsattribute KlassifikatorischeIdentitätsattribute Identifikationscodes IntegrationderEinzelvergleiche DasFiltermodell DasGewichtungsmodell KombinierteModelle Fazit...154

12 Inhaltsverzeichnis XI 13 TippszurToolEvaluation Einleitung ErhebungderAnforderungen LongList,ShortListundRequestforInformation TestgegenstandundTestdesign AuswahlderTestdatenundderTestQueries VorabstimmungmitdemAnbieter Auswertung TrefferquoteundPräzision Trefferbewertung Konfiguration Schlussbetrachtung TheLinguisticSearchStandard DieNotwendigkeiteinesSuchstandards DiePrinzipien Prinzipien16(MatchLevelPrecise) Zusatzprinzipien710(MatchLevelClose) Zusatzprinzipien1113(MatchLevelBroad) DerLinguisticSearchStandardimOriginalWortlaut Literatur Sachwortverzeichnis...187

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14 Einleitung: Paradigmenwechsel im Identity Matching Ein Elementarprozess in Wirtschaft und Gesellschaft DieSuchenachPersonendatenistunsallengutvertraut.WennwirunsimInternet Kontaktdaten von Freunden, Arbeitskollegen oder Geschäftspartnern besorgen, starten wir eine Personensuche. Dasselbe tun wir, wenn wir aus privatem oder wissenschaftlichem Interesse über eine öffentliche Person recherchieren wollen. Natürlich sind wir selbst auch und vielleicht weit häufiger als uns lieb ist GegenstandeinerPersonensuche. Sobald wir uns an einen Bankschalter begeben, um ein Konto zu eröffnen, wird anhandunsererausweispapierefestgestellt,obwirunsauflistenvonbekannten Geldwäschern, sanktionierten Parteien, Terroristen oder politisch exponierten Personen befinden. Geben wir als Neukunden eine Bestellung beim Versand handelaufoderwollenwireineneuewohnunganmieten,istesheuteüblich,dass die Gegenpartei zur Prüfung unserer Bonität eine Personensuche über uns bei einersogenanntenauskunfteiabsetzt.auchdiepersonalabteilungderfirma,für diewirarbeiten,mageinepersonensuchestartenoderderrelationshipmanager einesunternehmens,dessenkundewirsindoder aussichtdesunternehmens werdensollen.eswirdauchjederzumzielobjekteinerpersonensuche,deraufden Radar von Sozialämtern, Strafverfolgungsbehörden oder gar Geheimdiensten ge ratenist. SolchenPersonensuchenstrukturellsehrähnlichistderPersonendatenabgleich.Bei der Personensuche werden Personendaten in der Suchanfrage mit jenen des Datenpools verglichen, in welchem gesucht wird. Beim Personendatenabgleich wirdaufgrundverschiedenermerkmale,z.b.nameundgeburtsdatum,überprüft, obzweiimvergleichstehendedatenprofileineinerdatenbankdieselbeoderzwei verschiedene Personen repräsentieren. In den meisten größeren Organisationen werdenpersonendatenpermanentabgeglichen,z.b.zursicherstellungderdaten qualität oder zur Gewährleistung einer ganzheitlichen Kundensicht. Heutzutage beruhen etliche und oft sehr zentrale Geschäftsprozesse auf einem zuverlässigen undpräzisenabgleichvonpersonendaten.dieserabgleichhatinzwischeneineso hohestrategischebedeutung,dasssichzahlreicheanbietervonsoftwareundbe ratungsdienstleistungenausschließlichdaraufspezialisierthaben.projekte,welche sichmasterdatamanagement,customerdataintegrationoderdatendeduplizierung aufdiefahnengeschriebenhaben,sindohnesolcheprodukteundleistungenzum Scheiternverurteilt. PersonensucheundPersonendatenabgleichsindalsozweienormweitverbreitete Funktionen, die das heutige gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben prägen. B. Lisbach, Linguistisches Identity Matching, DOI / _1, Vieweg+Teubner Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

15 2 Einleitung:ParadigmenwechselimIdentityMatching Und beide basieren auf demselben Elementarprozess, dem Identity Matching. Identity Matching vergleicht Personendaten und ermittelt den Grad der Überein stimmung, üblicherweise mittels eines Matchscores. Je höher der Matchscore ist, desto wahrscheinlicher handelt es sich bei den verglichenen Personendaten um dieselbeperson zumindestindertheorie. Die linguistische Herausforderung In der Praxis hat sich Identity Matching als wesentlich anspruchsvoller heraus gestellt, als ursprünglich angenommen. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, die in diesembuchausführlichbehandeltwerden.aufdenhauptgrundseiaberschon andieserstelleeingegangen:diecruxbeimidentitymatchingliegtim(personen) Namen,dernichtnurdasmitAbstandwichtigste,sondernauchdasmitAbstand herausforderndstepersonenmerkmaldarstellt. Warumherausfordernd?WeilderNameeinundderselbenPersonineinerSuch abfrage,ineinemdatensatz,ineinempassoderineinemzeitungsartikel,oftmals ganzunterschiedlichrepräsentiertwerdenkann.diesistkeineneueerkenntnis.es liegen für einige der Variationsquellen von Personennamen sogar schon seit ge raumer Zeit überzeugende Matchmethoden vor. Diese Matchmethoden können z.b.mitvariationenimgebrauchvoninitialen,inderreihenfolgedereinzelnen Namensbestandteile oder in der Datenstruktur umgehen. Die Rede ist hier von einfachen, nichtlinguistischen Verfahren und Algorithmen für einfache Variationsquellen. HiersinddreiBeispielefürnichtlinguistischeVariationsquellenvonNamen: GebrauchvonInitialen: JohnFitzgeraldKennedyimGegensatzzuJohnF.Kennedy Reihenfolge: JohnFitzgeraldKennedyimGegensatzzuKennedyJohnFitzgerald Datenstruktur: Vorname John Fitzgerald im Gegensatz zu Vorname John und Zwischenname Fitzgerald. Es sind allerdings nicht diese eher trivialen Variationsquellen, die das Name MatchingalsTeildesIdentityMatchingsoschwieriggestalten.DiewahreHeraus forderung stellen linguistische Namensvariationen dar. Linguistische Namens variationenkommendurchlinguistischephänomenezustande,dieoftmalskomplex sind und in verschiedenen Sprachräumen ganz unterschiedliche Ausprägungen habenkönnen.linguistischenamensvariationenzuverlässigundpräzisezumatchen bedarfinnovativerlinguistischermethoden.

16 Einleitung:ParadigmenwechselimIdentityMatching 3 EineinfachesBeispielsolldiesveranschaulichen.DererstePräsidentRusslandsist in der englischsprachigen Presse vor allem als Boris Nikolayevich Yeltsin, in der französischsprachigenalsborisnikolaïevitcheltsine,inderportugiesischsprachigen als Boris Nicoláievitch Ieltsin und in der deutschsprachigen als Boris Nikolajewitsch Jelzin bekannt. Eine einheitliche Schreibweise in lateinischer Schrift existiert also nicht. Stattdessen kommen in den einzelnen Ländern (und übrigens auch inner halbeineslandes)unterschiedlichetranskriptionsstandardszuranwendung,die auf je unterschiedliche Weise denselben kyrillischen Namen (hier: )indaslateinischealphabetüberführen. Suchtz.B.einEngländeroderAmerikanermitdemNamenYeltsinineinerDaten bank, in welcher ein Deutscher den Namen Jelzin erfasst hat, sollte das Identity MatchingTool einen Treffer produzieren, denn die Suchabfrage und das Daten profilmögendieselbepersonreferenzieren.umaberjelzinmityeltsin,eltsineund mit Ieltsin zuverlässig und präzise matchen zu können, müssen vorher die ver schiedenen Transkriptionsstandards analysiert und als Regeln oder Algorithmen in die Matchmethode implementiert worden sein eine typisch (computer) linguistischeherangehensweise.mitsolchenmatchmethodenwirdalsonichtexakt gesucht, sondern unscharf oder englisch: fuzzy. Das Ziel einer solchen unscharfen Suche ist es, dass der Suchende jede Transkriptionsvariante eines Namens ver wendenkannunddamitjedeanderemöglichetranskriptionsvariantedesnamens findenkann.egalalso,obmitjelzin,yeltsin,eltsineoderieltsingesuchtwird,die Resultatelistensolltendiegleichensind. NebendenhieraufgezeigtenunterschiedlichenTranskriptionsstandardsexistieren viele weitere linguistische Quellen von Namensvariationen. Diese bedürfen spezieller(computer)linguistischermethoden.mandenkez.b.andasphänomen der Homophonie (gleichlautende Namensvarianten, z.b. MeierundMayr), an die Ableitung von Nicknames aus einer Grundform (z.b. Bill und William) oder an sprachraumübergreifende Verwandtschaftsbeziehungen von Namen (z.b. Stefan, Stéphane,Steven,Stefano,EstêvãoundEsteban). Den nichtlinguistischen, eher trivialen Variationsquellen kann mit relativ ein fachen technischen, nichtlinguistischen Mitteln begegnet werden. Für die viel komplexerenlinguistischenvariationsquellensindhingegenspeziellelinguistische Methoden unerlässlich. Genau dies ist der Hintergrund für den gegenwärtig zu beobachtenden Paradigmenwechsel, der sich im Identity Matching vollzieht: die Abkehrvoneinfachen,nichtlinguistischenMatchmethodenunddieHinwendung zu einem linguistischen Identity Matching. Natürlich kommen auch beim linguistischenidentitymatchingverschiedenenichtlinguistische,z.b.algebraische undprobabilistische(anderwahrscheinlichkeitstheorieorientierte)verfahrenund Algorithmen zur Anwendung. In erster Linie basiert linguistisches Identity Matching jedoch auf der Analyse linguistischer Phänomene, für welche Matchmethoden erst noch erfunden werden mussten ein innovativer Akt, der

17 4 Einleitung:ParadigmenwechselimIdentityMatching sichaberbereitssehrraschausbezahlthat.überalldort,woheutepersonensuche undpersonendatenabgleichauflinguistischemidentitymatchingaufsetzen,zeigt sichdiesineinerspürbargesteigertenqualität.diesbetrifftsowohldiepräzision desmatchingalsauchdessenzuverlässigkeit. Für wen wurde dieses Buch geschrieben? Dieses Buch eignet sich sowohl für Berufspraktiker, die bei ihrer Arbeit auf ein effektives Identity Matching angewiesen sind, als auch für Studierende und LehrendediverserinformatiknaherundsprachwissenschaftlicherFächer. Falls Ihr Interesse an dem Thema Ihrer beruflichen Tätigkeit entstammt, werden SieindemBuchvieleFakten,Konzepte,IdeenundHilfsmittelfinden,welcheSie fürihrearbeitdirektgebrauchenkönnen.diesgiltunabhängigdavon,obsieein technisch orientierter SoftwareEntwickler sind, als PowerUser einer operative Tätigkeit nachgehen, als ProduktManager oder BusinessAnalyst einen eher konzeptionellenzuganghabenoderalsführungskraftidentitymatchingauseiner strategischenperspektivebetrachten.dasbuchhatkeinenbesonderenbranchen Fokus.VieleAnwendungsbeispieleentstammenjedochderFinanzdienstleistungs branche, welche traditionell dem Thema Identity Matching besonders viel Be achtungentgegenbringt. Es sind vor allem Angehörige der hier aufgelisteten Berufsgruppen, die in den folgendenkapitelnrelevanteeinsichtenfürihreberufspraxiserwartendürfen: Personen mit Führungs, Fach oder Umsetzungsverantwortung in den ComplianceAbteilungenvonBankenundVersicherungen. Beauftragte für Datenqualität, DatenDeduplizierung und Master Data Management. ProduktManager und BusinessAnalysten, die an der Erstellung und Ein führung von SoftwareLösungen mitwirken, welche Such und Abgleichs funktionen aufweisen. Zu diesen Lösungen zählen z.b. Compliance und CRMSuites,EnterpriseSearchPlatformsoderInternetSearchSolutions. ProduktManager und BusinessAnalysten für Datenprodukte (z.b. Adress daten, Watchlists, News) und Informationsdienste (z.b. Abfragedienste von Bibliotheken,ArchivenoderAuskunfteien). Investigativ arbeitende Berufsgruppen, z.b. Wirtschaftsprüfer, Journalisten und Detektive sowie Mitarbeiter von Polizei und Sozialbehörden, in deren Verantwortungsbereich die informatikgestützte Kriminalitäts und Miss brauchsbekämpfungfällt.

18 Einleitung:ParadigmenwechselimIdentityMatching 5 Diesen Berufsgruppen stand bisher nur Fachliteratur zur Verfügung, in welcher dasthemadesidentitymatchingalsreintechnischesundnichtalslinguistisches Problemdargestelltwurde.DasvorliegendeBuchversucht,deninletzterZeitmit soviel Erfolg entwickelten linguistischen Ansätzen erstmalig den Platz einzu räumen,welcherihnengebührt.diestutesdurcheinepraktischeausrichtung,die sich konsequent durch alle Kapitel zieht. Nach der Lektüre sollen Sie zu Folgendemfähigsein: Siekönnenermitteln,mitwelcherZuverlässigkeitundPräzisiondievonIhnen entwickelte, eingeführte oder benutzte IdentityMatchingLösung globale Namensdatenmatchenkann(IstAnalyse). SiekönnengenaueAnforderungenaneineIdentityMatchingLösungstellen, die entweder neu zu erstellen, neu zu erwerben oder weiterzuentwickeln ist (SollAnalyse). Sie können sachkundig Evaluationen, BenchmarkStudien und Proof of ConceptsvonIdentityMatchingLösungenplanenunddurchführen.Siesind besser in der Lage, Behauptungen von SoftwareAnbietern in ihrer Relevanz einzuschätzenundinihrerrichtigkeitzuüberprüfen. Das Buch eignet sich darüber hinaus als Lehr und Studienbuch. Es spricht Lehrende und Studierende der Informatik und Wirtschaftsinformatik, der Informationswissenschaften, der Computerlinguistik, der Sprachwissenschaften undderonomastik(lehrevoneigennamen)an. ZumSchlussdieserEinleitungnocheinHinweisdarauf,welcheErwartungendas Buch nicht erfüllen kann: Es behandelt nicht die Missbrauchsgefahren, die mit Identity Matching verbunden sind. Juristische, ethische und gesellschaftliche Aspektebleibenalsoausgespart.SieverdieneneineseparateAbhandlung. Dass wir uns hier ausschließlich auf die Aspekte Linguistik, Technologie und Ökonomie des Identity Matching konzentrieren, bestreitet keineswegs die RelevanzeinerDiskussionumMissbrauchsgefahren.Dieseistumsowichtiger,als qualitativhochstehendeidentitymatchinglösungendem,dersiebeherrscht,ein effizientes Machtmittel zur Hand geben. Und während diese Technologien ihre LegitimitätausAnwendungenwiederBekämpfungderorganisiertenKriminalität oder der Geldwäsche gewinnen, so dürfen doch die damit einhergehenden Ge fahren nicht ignoriert werden. Allem Anschein nach stellt eine missbräuchliche und widerrechtliche Nutzung von privater und staatlicher Seite keine Seltenheit dar.

19 Teil I: Grundlagen des linguistischen Identity Matching InderEinleitunghabenSieerfahren,wasIdentityMatchinggenaubedeutet,worin derhauptgrundfürdiequalitätsproblemeliegtundwasidentitymatchingheute zu leisten vermag. Sie haben gelesen, dass Identity Matching lange Zeit als eine technische Herausforderung (miss)verstanden wurde, der folgerichtig, aber be dauerlicherweise mit rein mathematischtechnischen Lösungen zu begegnen ver sucht wurde. Es wurde auch deutlich, dass Identity Matching zum wesentlichen Teil Name Matching ist und dass, um globale Personennamen mit all ihren Schreibvariationen zuverlässig und präzise matchen zu können, allen voran linguistischeverfahrenaufzubietensind. Genau dies ist der Paradigmenwechsel, der zurzeit zu beobachten ist und der zu einer sprunghaften Qualitätssteigerung im Identity Matching geführt hat. Die GrundideenundVerfahren,welchesichhinterdemneuenParadigmaverbergen, machendenrotenfadenaus,dersichdurchdiesesbuchzieht.diekapiteldieses erstenteilslieferndafürdasfachlicheundterminologischegrundgerüst. Das erste Kapitel gibt eine kurze und allgemein verständliche Einführung in die GrundkonzeptedesIdentityMatchingundinseinewichtigsteKomponente,dem Name Matching. Dabei bedient es sich einer dem Information Retrieval ent nommenen Terminologie. So wird es möglich, die Zielsetzung von Identity MatchingaufdieeinfacheFormelzubringen:MaximaleTrefferquote(Recall)und maximalegenauigkeit(precision)beiderpersonensucheundbeimabgleichvon Personendaten. Als Reaktion auf die oft zu lesende Behauptung, dass sich die TrefferquotenuraufKostenderPräzision,unddiePräzisionnuraufKostender Trefferquote erhöhen ließe, wird aufgezeigt, dass linguistische Methoden einen AuswegausdemDilemmabieten. DaszweiteKapitelstecktdiezahlreichenundvielfältigenAnwendungsfeldervon IdentityMatchingab.IdentityMatchingisteinElementarprozess,deralleininder Finanzdienstleistungsindustrie Dutzende verschiedener Geschäftsprozesse unter stützt vonder Geldwäsche, Missbrauchsund Terrorbekämpfung bis hin zum CustomerRelationshipManagement.SozialämterdämmenmitIdentityMatching Betrügereien ein. Polizeibehörden hilft es im Kampf gegen Kriminalität und bei derstrafverfolgung.investigativarbeitendeberufsgruppen,wiejournalisten,de tektiveundeinigewirtschaftsprüfer,sindebensoaufeinqualitativhochwertiges Identity Matching angewiesen wie Verlage, Nachrichtenagenturen und andere Informationsdienstleister. Nicht zuletzt müssen sich auch ITAbteilungen von UnternehmenaufdieQualitätdesIdentityMatchingverlassenkönnen,wennsie den Verkaufs, Marketing und ControllingEinheiten ihres Unternehmen be

20 8 TeilI:GrundlagendeslinguistischenIdentityMatching reinigte und konsolidierte Daten über Kunden, Mitarbeiter oder Partner bereit stellenwollen. Die Kapitel 3 bis 6 behandeln die wichtigsten linguistischen Variations und Fehlerquellen von Namen. Denn nur wenn diese in ihrer Verbreitung und Aus prägung bekannt sind, können sinnvollerweise Anforderungen an das Identity Matching formuliert werden. Ohne linguistische oder namenskundliche Kennt nisse vorauszusetzen, werden in diesen Kapiteln Besonderheiten in der Struktur und der Schreibung von Personennamen geschildert. Dabei nehmen wir eine globale Perspektive ein, denn die Struktur von Namen, die Verwendung der einzelnennamenselemente,dieaussprache,dieoriginaleschreibweisewieauch dieschreibweise,dieresultiert,wennnamenindaslateinischealphabetüberführt werden, variieren stark zwischen denverschiedenen Sprach und Kulturräumen. Daher werden Sie nicht nur vieles über westlichenamenssysteme und Sprachen erfahren, sondern auch über Namen z.b. des russischen, arabischen und chinesischensprachraums. NebendenlinguistischenQuellenvonSchreibvariationeninNamensdatengibtes auch nichtlinguistische. Diese werden unter dem Stichwort Tippfehler in Kapitel7behandelt.Eswirdaufgezeigt,wiedurchdieAnalysederverschiedenen UrsachenvonTippfehlern,weitpräzisereundzuverlässigeMatchingundSuch ergebnissemöglichwerdenalsmitherkömmlichenmethoden. WennSiedenerstenTeilgelesenhaben,sindSieterminologischundfachlichbeim ThemadeslinguistischenIdentityMatchingaufderHöhe.Siewissennichtnur,wo IdentityMatchingAnwendungfindetundwasdessenHauptaufgabeist,nämlich das zuverlässige und präzise Matchen von Namensvariationen. Sie können darüberhinausartenvonvariationenundfehlerninderschreibungvonnamen unterscheidenundkennenderenursachen.damitsinddiegrundlagenfürteilii geschaffen, in welchem die gängigen NameMatchingVerfahren unter die Lupe genommenundverglichenwerden.

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