Ärzteblatt. Brandenburgisches. Offizielles Mitteilungsblatt der Landesärztekammer Brandenburg 24. Jahrgang Juni

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1 Brandenburgisches Ärzteblatt Offizielles Mitteilungsblatt der Landesärztekammer Brandenburg 24. Jahrgang Juni Fotos: Anja Zimmermann (M.A.), KVBB, KH Angermünde Medizinische Hochschule Brandenburg Seite 5 Interview zum Rheumastrukturvertrag Seite Apotheker- und Ärztetag ein Erfolg Seite 8 Zehn Jahre Bündnis Gesund aufwachsen Seite 18

2 Klein, leise und hochauflösend! DC-N2 SONORING DC-N3 SONORING Unsere Mindray Farbdoppler- Bestseller: Sonothek Dresden Gottfried-Keller-Str Dresden Tel Sonothek Berlin Allee der Kosmonauten 33 G Berlin Medizintechnik Jendreyko Tel Impressum Inhaber und Verleger Landesärztekammer Brandenburg Präsident: Dr. med. Udo Wolter Dreifertstraße 12, Cottbus, Telefon Telefax Herausgeber Dr. med. Udo Wolter Zuschriften redaktioneller Art bitten wir, nur an den Herausgeber zu richten. Für mit Autorennamen gekennzeichnete Beiträge wissenschaftlicher und standespolitischer Art sowie Artikel, die die Kennzeichnung Pressemitteilung von enthalten, wird keine Verantwortung übernommen. Die darin geäußerten Ansichten decken sich nicht immer mit denen des Herausgebers. Sie dienen dem freien Meinungsaustausch innerhalb der Ärzteschaft. Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck ist nur mit schriftlicher Genehmigung statthaft. Rücksendung nicht verlangter Manuskripte erfolgt nur, wenn ein vorbereiteter Umschlag mit Rückporto beiliegt. Mit der Annahme von Originalbeiträgen zur Veröffentlichung erwirbt der Herausgeber das uneingeschränkte Verfügungsrecht. Änderungen redaktioneller Art bleiben vorbehalten. Redaktion Anja Zimmermann M.A. Landesärztekammer Brandenburg Dreifertstraße 12, Cottbus Telefon Telefax Repro, Satz, Druck, Herstellung, Verlagswesen Druckerei Schiemenz GmbH Byhlener Straße 3, Cottbus, Telefon Telefax Vertrieb Regio Print Vertrieb GmbH Straße der Jugend 54, Cottbus, Telefon Telefax Anzeigenverwaltung Götz & Klaus Kneiseler GbR Uhlandstraße 161, Berlin, Telefon Telefax , Zur Zeit gilt Preisliste Nr. 24, gültig ab Bankverbindung: Postbank Berlin, Kto.-Nr , BLZ Das Brandenburgische Ärzteblatt erscheint monatlich (Doppelnummer Juli/August). Bezugsgebühr (ab Ausgabe 4/2010): jährlich 35,00; ermäßigter Preis für Studenten 17,50. Einzelpreis 3,35. Bestellungen bitte an die Druckerei Schiemenz GmbH, Byhlener Straße 3, Cottbus. Die Kündigungsfrist für Abonnements beträgt 6 Wochen zum Ende des Kalenderjahres. Für die Mitglieder der Brandenburgischen Ärztekammer ist der Bezugspreis mit dem Mitgliedsbeitrag abgegolten. Hinweise für die Autoren Wenn Sie Ihre Texte im Word erfassen, achten Sie bitte darauf, die Texte im txt- oder doc- Format für DOS abzuspeichern. Bitte legen Sie einen Ausdruck des Artikels dazu. Texte können Sie mit entsprechender Betreffzeile per übermitteln. Verwenden Sie Bilder für Ihren Artikel, bitte die Vorlagen separat zusenden und im Text vermerken, wo das Bild stehen soll. Am besten sind Fotos geeignet (Aufsichtsvorlagen).

3 INHALT Brandenburgisches Ärzteblatt Offizielles Mitteilungsblatt der Landesärztekammer Brandenburg 24. Jahrgang Juni KAMMERINFORMATIONEN / GESUNDHEITSPOLITIK Die Entscheidung: Medizinische Hochschule Brandenburg Lösungen zur Kasuistik Folge Brandenburgischer Apotheker- und Ärztetag Grundsteinlegung Neubau Potsdam ARZT UND RECHT Risikoaufklärung bei Routineimpfungen Seite 8 Seite 9 Seite 16 FORTBILDUNG Fortbildungsangebot AKTUELL Marburger Bund: 4. Brandenburger Frühjahrsempfang Onlineregistrierung für Camp D freigeschaltet Interview zum Rheumastrukturvertrag Angststörungen Neue Leitlinie definiert Behandlungsstandards Multiple Sklerose: Aktualisierungen zur Leitlinie Angehende Fachärzte im Klinikum Niederlausitz Otto-Körner-Promotionspreis verliehen Neue Jobbörse für MFA Zehn Jahre Bündnis Gesund Aufwachsen Klinikum Niederlausitz: Beckenbodenzentrum eröffnet Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere Behandlungsfehlerstatistik Leitfaden für Peer Review-Verfahren Brandenburgs Kliniken vorgestellt: Krankenhaus Angermünde Woidke zu Besuch im Forßmann Krankenhaus CTK und KH Spremberg bauen Zusammenarbeit aus Jahre Psychiatrie in Cottbus PERSONALIA Wir gratulieren Fontana-Klinik Bad Liebenwerda: Neuer Chefarzt Rheumatologie Klinikum E. v. Bergmann: Neue Chefärztin für Kinderchirurgie Geburtstag Herbert Krahforst KULTURECKE FIDELIO im Hof der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus REZENSIERT Facharztkompendium Orthopädie und Unfallchirurgie Operative Zugangswege in Orthopädie und Traumatologie WEITERE RUBRIKEN Editorial... 4 Kurse und Fortbildungsangebote KVBB informiert LUGV, Abteilung Gesundheit Brandenburgisches Ärzteblatt

4 EDITORIAL Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dipl.-Med. Hubertus Kruse Foto: Thomas Kläber Der 1. Brandenburgische Apothekerund Ärztetag am 10. Mai in Potsdam war ein voller Erfolg. Der Saal war mit knapp 250 Teilnehmern bis auf den letzten Platz gefüllt und die anwesenden Ärzte und Apotheker erlebten einen informativen Tag, wobei die Probleme beider Berufsgruppen zur Sprache kamen. Alle Vorträge waren pointiert und inhaltlich spannend. So war der erste, einführende Vortrag von Herrn Prof. Gerhard Danzer dem Thema Umgang mit aufgebrachten Kollegen gewidmet. Ein vorher zwar problembeladener aber scheinbar trockener Vortrag über das Verhalten mit temporär emotional affektierten Kollegen wird den Teilnehmern sicher lange im Gedächtnis bleiben (wer wusste vorher schon den Unterschied zwischen Zorn und Wut ). Die weiteren Themen: Polypharmakotherapie, Rabattverträge, Regresse, Richtgrößen, Relaxationen, aber auch Medikamenteneinnahme (!) wurden ebenfalls verständlich, informativ, aber auch unterhaltsam vorgetragen. Somit kann man nur eine Fortsetzung der Brandenburger Ärzte- und Apothekertage wünschen. In welchem Zeitrahmen, ob jährlich oder in größeren Abständen, wird sich zeigen. Gewinner bei diesem gemeinsamen Treffen der seit 800 Jahren getrennten Berufsgruppen ist in jedem Fall der Patient. Mehr zum 1. Brandenburgischen Apotheker- und Ärztetag lesen Sie ab Seite 8 in diesem Heft. Ebenfalls dem Wohle des Patienten dient es, wenn der behandelnde Arzt ihn nicht nur angemessen therapiert, sondern ihn auch versteht. In Brandenburg sind ca. 900 ausländische Medizinerinnen und Mediziner tätig, das heißt, etwa jeder zehnte Arzt ist in der Regel ein nicht Deutsch als Muttersprache sprechender Kollege. So wichtig wie die ärztliche Tätigkeit ist aber auch der in deutscher Sprache und Schrift verständliche Umgang dieser Kollegen mit den Patienten in Brandenburg. Die angestrebte einheitliche Sprachprüfung mit Anamnese, Status, Behandlungsplan und Arztbrief in deutscher Sprache ist in diesem Sinne ausdrücklich zu begrüßen. Im Übrigen wird der Monat Juni vermutlich die Entscheidung bringen, ob die geplante Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) unter die Aufsicht des Landes gestellt wird oder nicht. Wahrscheinlich ist sie in diesem Moment, in dem Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Zeilen lesen, schon gefallen. Ein kurzer Rückblick: Die erste Medizinische Hochschule Brandenburgs ist seit längerer Zeit in ihrer Gründungsphase. Dem Engagement der Gründungsväter werden immer wieder neue Steine in den Weg gelegt. Ein klares Wort für die Gründung der medizinischen Bildungseinrichtung in Brandenburg seitens der Landespolitik ist Fehlanzeige. Frau Ministerin Tack, als Vertreterin des MUSGF, äußerte sich in der Kammerversammlung im März 2014 vor den Brandenburger Ärztekammerdelegierten zwar mehr oder weniger pro Gründung, wies aber nahezu zeitgleich auf die Einwände (Ablehnung) des Vertreters der Berliner Charité, Prof. Einhäupl, hin. Von einer eindeutigen Unterstützung seitens der Ministerien MUGV, Frau Anita Tack, und der Ministerin MWFK, Frau Sabine Kunst, konnte bisher jedenfalls keine Rede sein. Natürlich weiß niemand, ob der Kiebeeffekt der zukünftigen Brandenburger medizinischen Bildungseinrichtung erheblich ist. Erfahrungen vorhandener Universitäten zeigen aber, dass ein erheblicher Anteil der Absolventen später im Umfeld ärztlich tätig wird. Lesen Sie mehr zu diesem Thema auch ab Seite 5 in dieser Ausgabe. Dipl.-Med. Hubertus Kruse 4 Brandenburgisches Ärzteblatt

5 KAMMERINFORMATIONEN/GESUNDHEITSPOLITIK DIE ENTSCHEIDUNG Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane Am 4. Juni nach der Schlussredaktion dieses Berichtes hat die Expertenanhörung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) bereits stattgefunden. Die Ministerin, Frau Prof. Dr. Kunst, hat sich vor ihrer Entscheidung, die geplante Hochschule unter die Aufsicht des Landes zu stellen oder sich dagegen auszusprechen, noch einmal beraten lassen. Beim Erscheinen dieses Ärzteblattes ist die Entscheidung wahrscheinlich gefallen. Die MHB wird als staatliche Hochschule durch das Land genehmigt sein, oder nicht. Warum eine Medizinische Hochschule für Brandenburg Seit vielen Jahren regen sich in Brandenburg immer wieder Initiativen mit dem Ziel, eine im Land ansässige Medizinische Hochschule zu etablieren. Die hier tätigen Klinikchefs standen häufig vor dem Problem, Nachwuchs zu finden und erfahren, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen mit den Besonderheiten der Arbeit im ländlichen Umfeld wenig vertraut waren. Die meisten von ihnen sind Durchreisende, die ihre Weiterbildung in Brandenburg durchführen, weil in den Uni-Städten die Plätze bereits vergeben sind. Auch aktuell sieht man, dass viele junge Ärztinnen und Ärzte wohl hier arbeiten, ihren Lebensmittelpunkt aber z. B. in Berlin behalten. Ohne es ihnen zu verdenken, müssen dennoch für das Land andere Lösungen gesucht werden: schon während des Studiums vertraut werden mit Land und Leuten, Weiterbildung in Kliniken, die aus dem Studium bereits bekannt sind, insgesamt bis zu zehn Jahren und mehr Sozialisation in der Region. Welche Rolle die Präsenz von Unikliniken in einer Region spielt, zeigte Frau Prof. Sundmacher (LMU München) in einer Studie. Die Zahl der ansässigen Vertragsärzte steigt um den Faktor zehn. Wenn diese Kliniken der Hochschule an mehreren Standorten vorhanden sind, könnten verschiedene Regionen profitieren. Die Initiative MHB Sie besteht seit 2010 mit der Absicht, eine private Hochschule (in kommunaler Trägerschaft) zu errichten. Die beteiligten Kommunen sind Brandenburg an der Havel mit dem Städtischen Klinikum und der Landkreis Ostprignitz mit den Ruppiner Kliniken. Anfänglich entwickelte sich noch eine zweite Initiative aus den Christlichen Krankenhäusern heraus. Inzwischen haben beide Gruppen zueinander gefunden und verfolgen das Ziel gemeinsam: eine Medizinische Hochschule genehmigt und unter der Aufsicht des Landes. Der Weg dahin ist folgender: Der Antrag auf Genehmigung wurde im September 2012 beim MWFK eingereicht. Von dort wurde er zur Prüfung an den Wissenschaftsrat (WR) weitergeleitet. In der Beurteilung vom Juni 2013 teilte der WR einige Bedenken mit und erteilte den Rat, den Antrag so nicht zu genehmigen. Die Kritik wurde von den Initiatoren aufgenommen und der Antrag überarbeitet. Gleichzeitig wurde zusätzlich ein erster weiterer Studiengang aus den Gesundheitsberufen entwickelt und zur Akkreditierung einem dazu berechtigten Institut vorgelegt: Bachelor und Master in Psychologie. Die Vor-Ort-Begehung und Beurteilung hat im März 2014 stattgefunden. Gegenwind Seit Monaten entwickeln sich nun Aktivitäten, die sich gegen die MHB Fontane richten. Offenbar war erwartet worden, dass die Initiatoren von ihrem Vorhaben ablassen. Da dies nun nicht der Fall ist, wird öffentlich (z. B. die Warnungen von Prof. Einhäupl, Charité) und hinter den Kulissen alles unternommen, um die Errichtung einer Medizinischen Hochschule in Brandenburg zu verhindern. Warum? Die Antworten können nur spekulativ sein. Abwehr von Konkurrenz (bei 45 Studienplätzen)? Wahrung der hergebrachten Strukturen? Lenkung der Patientenströme? Befürchtung finanzieller (negativer) Auswirkungen? Es bleibt unklar. Aber eine mächtige Abwehr ist spürbar. Ein vorrangig nach außen getragenes Argument betrifft die (noch) nicht vorhandenen Forschungsleistungen. Und: Nur Spitzenforscher können gute Lehre machen. Die Logik beider Aussagen lässt sich nicht erschließen. Der Reformierte Studiengang Medizin an der MHB Der Studiengang der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) Theodor Fontane führt zur ärztlichen Approbation. Am Ende des Studiums sollen die Absolventen über eine umfassende medizinisch-wissenschaftliche Ausbildung (Vernetzung von Grundlagenwissenschaften, klinischen und psychosozialen Aspekten) verfügen. Die Ärztin und der Arzt sollen nach Abschluss des Studiums 1. über hinreichende Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten verfügen, um an der ärztlichen Versorgung teilnehmen zu können 2. befähigt sein, ärztliche Entscheidungen unter Berücksichtigung ethischer, ökologischer und ökonomischer Aspekte zu treffen 3. die eigene Kompetenz einschätzen und im Team kooperieren können 4. bereit sein, sich in eigener Verantwortung kontinuierlich fortzubilden 5. befähigt sein, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten 6. Wissen und Fertigkeiten zielgruppengerecht an Patienten, deren Angehörige sowie an medizinisches Fachpersonal weitergeben können Der Studiengang orientiert sich an bereits erprobten nationalen und internationalen reformierten Studiengängen. Charakteristisch ist die Einführung eines größeren Praxisanteils im Studium. Brandenburgisches Ärzteblatt

6 KAMMERINFORMATIONEN/GESUNDHEITSPOLITIK Der frühzeitige Praxisbezug soll die Studienmotivation erhöhen und durch Verknüpfung von Theorie und Praxis das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Bedingungen von Krankheit und Gesundheit fördern. Weiterhin wird Wert darauf gelegt, dass die Studierenden Gelegenheit haben, (Gesprächs-)Kompetenz im Umgang mit Patientinnen und Patienten zu entwickeln. Themen wie Prävention, Gesundheitswissenschaften und Ethik erhalten ein stärkeres Gewicht. Foto: Kaarsten fotolia Gemäß den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, verfolgt der Studiengang eine an Problemen orientierte Systematik (Aufhebung der Trennung zwischen Vorklinik und Klinik und der nach Fächern getrennten Ausbildung), d. h. ausgehend von konkreten Problemstellungen werden natur- und geisteswissenschaftliche Grundlagen zusammen mit klinisch relevanten Inhalten in geeigneten Unterrichtsformaten vermittelt und erarbeitet. Eine fachübergreifende Struktur, d. h. eine Orientierung an Organsystemen wird auch von der geltenden ÄAppO vorgeschlagen. Aus der Sicht verschiedener Disziplinen soll dabei der gesunde Körper mit seinen Organen, dessen Aufbau, Funktionen und Störungen sowie die daraus resultierenden Erkrankungen dargestellt werden: Beispielsweise kann das Skelett durch den Anatom, Biochemiker, Radiologen und Nuklearmediziner, Pathologen und Orthopäden fachübergreifend im Zusammenhang gelehrt werden. Zum anderen kann ein solches Strukturprinzip ein bestimmtes Problem, wie z. B. die Entzündung oder ein funktionell determinierter Komplex sein wie etwa der Wasserhaushalt, die DNA- oder Protein struktur, deren Darstellung von normalen bis zu häufigen pathogenetischen Grundprozessen erfolgen kann (Wissenschaftsrat, 1992). Lehr- und Lernmethoden Lernen in kleinen Gruppen (Problemorientiertes Lernen, Übung Kommunikation/Interaktion), das Einüben praktischer ärztlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten (z. B. an Modellen) und das Trainieren in Kommunikation (auch an Simulationspatienten) sind Grundbausteine des MHB-Curriculums. Vorlesungen und Seminare dienen der Darstellung von Zusammenhängen oder Spezialthemen, die möglichst interdisziplinär und interaktiv ausgerichtet sein sollen. Die Kleingruppenarbeit steht gegenüber Vorlesungen im Vordergrund. Anhand konkreter Lernziele orientiert sich beim Problemorientierten Lernen (POL) der Erwerb von Wissen an häufigen Krankheitsbildern. Begleitend werden fachbezogene interdisziplinäre Seminare sowie praxisnahe Veranstaltungen angeboten. Dem Selbststudium wird viel Zeit eingeräumt, die wie die Erfahrungen zeigen intensiv und effizient genutzt wird. Die meisten reformierten Studiengänge sehen diesbezüglich ein Minimum von 15 bis 20 Unterrichtsstunden pro Woche vor. Durch ein umfangreiches Angebot an Anamnesegruppen, Kommunikationsund Interaktionstraining sowie supervidierter Patientenbetreuung im stationären Bereich oder in Arztpraxen soll die Gesprächs-, Reflektions- und Interaktionskompetenz gefördert werden. Da praktische Fertigkeiten an realen Patienten und Simulationspatienten nicht ausreichend erprobt werden können, ohne diese in verstärktem Maße zu belasten wird ein Skills Lab eingerichtet. Anhand von Modellen können dort Untersuchungsmethoden und therapeutische Eingriffe geübt werden. Mit entsprechender Labortechnik, visuellen Medien und Computersimulations-Programmen ermöglicht ein solches Lehrmittelhaus wiederholtes Üben und Überprüfen erworbener Fähigkeiten. Gliederung des Studiums Der erste Studienabschnitt (1. 6. Semester) orientiert sich an Themen bzw. Organsystemen (z. B. Bewegungsapparat, Herz-Kreislaufsystem, Atmung). Wöchentliche Hospitationen bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten (2. 5. Semester) ermöglichen den Studierenden zum einen ärztliche Fertigkeiten zu beobachten und einzuüben und zum anderen die ambulante Versorgung in der Fläche kennenzulernen. In der zweiten Studienphase werden strukturierte Blockpraktika für die großen klinischen Fachgebiete angeboten. Eine bereits in den ersten Semestern stattfindende Verzahnung von Praxis und Theorie soll den Studierenden u. a. ermöglichen, den Praxisbezug nicht in Konkurrenz zur klinischen Forschung zu sehen, sondern auf sie hinzuweisen und auf sie neugierig zu machen (Wissenschaftsrat, 1992). Die Studierenden vertiefen und differenzieren im Semester ihr Wissen in den verschiedenen Fachgebieten der Medizin, die didaktisch einzelnen Lebensabschnitten zugeordnet sind. In jeweils vierwöchigen Praktika lernen sie die stationäre Versorgung kennen und werden in den klinischen Fachgebieten unterrichtet (Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, Pädiatrie, 6 Brandenburgisches Ärzteblatt

7 KAMMERINFORMATIONEN/GESUNDHEITSPOLITIK Neurologie, Psychiatrie und Geriatrie). Der dritte Studienabschnitt entspricht dem Praktischen Jahr. Prüfungen finden nach jedem Semester statt. Sie ersetzen den ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung. Das Studium wird mit dem zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung im Anschluss an das Praktische Jahr abgeschlossen. Kosten des Studiums Die Gesamtkosten eines Studienplatzes belaufen sich für das Semester auf insgesamt 115 T. Davon können 80 T als Stipendium in einer dualen Ausbildung vergeben werden. Die Förderung durch eine Klinik ist dann verbunden mit der Verpflichtung, die Facharztweiterbildung in eben dieser Klinik durchzuführen. Geholfen ist beiden. Dem Studierenden wird der größte Teil der Studiengebühren finanziert und er hat bereits einen sicheren Weiterbildungsplatz. Die Kliniken bekommen sicher die dringend benötigten Ärzte im Nachwuchs. 35 T sind von jedem Studierenden selbst zu tragen. Zur Finanzierung des Eigenanteils können von Studierenden günstige Kredite in Anspruch genommen werden. Zukünftig soll es auch möglich werden, den Eigenanteil bis zu 100 Prozent in einem sogenannten umgekehrten Generationenvertrag vorzufinanzieren. Bereits 541 Bewerberinnen und Bewerber Das ist der Stand von Mitte Mai Wie werden diese Bewerber auf die zur Verfügung stehenden 45 Studienplätze ausgewählt? Die Bewerbungen erfolgen schriftlich und sind verbunden mit der Einreichung von schriftlichen Aufgaben, die jeweils zuvor für eine Bewerbungsphase festgelegt wurden. Die eingereichten Unterlagen werden nach einheitlichen Kriterien gesichtet. Etwa 150 Bewerber werden dann zu einer persönlichen Vorstellung eingeladen. Hier müssen sie einzeln und in kleinen Gruppen Aufgaben erfüllen. Sie werden auf den unterschiedlichen Stationen von den jeweiligen Ratern beurteilt. Am Ende haben es dann 45 Bewerber geschafft. Natürlich müssen alle die Zugangsberechtigung zu einer Hochschule haben in der Regel Abitur. Der Notendurchschnitt des Abiturs spielt nur eine nachgeordnete Rolle. Einen Bonus erhalten Landeskinder. Der Studiengang Psychologie Dieser ist der erste von weiteren Studiengängen für Gesundheitsberufe, für die die MHB Zug um Zug ausgebaut werden soll. Der NC-freie Bachelorstudiengang Psychologie integriert grundlegende psychologische und spezifische biomedizinische Kompetenzen in verschiedenen Anwendungsfeldern der Psychologie. Zu den Pflichtmodulen gehören: Allgemeine Psychologie Entwicklungspsychologie Sozialpsychologie Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie/Diagnostik Klinische Psychologie/Psychotherapie 1: Grundlagen Klinische Psychologie/Psychotherapie 2: Verhaltenstherapeutische Ansätze Klinische Psychologie/Psychotherapie 3: Tiefenpsychologische Ansätze Gesundheitspsychologie und Personale Psychologie Biologische Psychologie Einführung in die Methodenlehre und Statistik Methodische Vertiefung Nach erfolgreichem Bachelorstudium besteht die Möglichkeit, ein Masterstudium anzuschließen. Dieses gilt auch für Bachelor-Absolventen der Psychologie anderer Einrichtungen. Die Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane i. Gr. bietet voraussichtlich den Masterstudiengang Klinische Psychologie und Psychotherapie ab dem Sommersemester 2015 an. Die Studiengänge Psychologie sind kostenpflichtig, es wird ein Betrag von monatlich 680 Euro berechnet. Ulrich Schwantes Zertifizierte Kasuistik Lösungen zur Kasuistik Folge 40 Thema: Rapide Visusverschlechterung und Kopfschmerzen (BÄB 04/2014) Richtige Antworten zu den Fragen: 1d, 2c, 3c, 4c, 5a, 6a, 7a, 8a, 9e, 10c Die Folge 41 der Reihe erscheint in der Juli-Ausgabe 2014 des Rheinischen Ärzteblattes und im Internet unter Foto: Minerva Studio fotolia Foto: Gina Sanders fotolia Brandenburgisches Ärzteblatt

8 KAMMERINFORMATIONEN/GESUNDHEITSPOLITIK 1. BRANDENBURGISCHER APOTHEKER- UND ÄRZTETAG Brücke zwischen beiden Berufsständen schlagen Jens Dobbert, Prof. Martin Schulz und Dr. Udo Wolter Fotos: A. Zimmermann Anregungen und Fragen gab es zu allen Vorträgen, im Bild Dr. med. Joachim-Michael Engel (Bad Liebenwerda) Der 1. Brandenburgische Apotheker- und Ärztetag war ein Erfolg. Über 250 Apotheker und Ärzte nahmen im Mai an der Veranstaltung im Potsdamer Kongresszentrum teil. Initiiert wurde die Konferenz von der Landesärztekammer und der Landesapothekerkammer Brandenburg. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Veranstaltung stand die Optimierung bereits bestehender Synergien, um Patienten die bestmögliche medizinische und pharmazeutische Versorgung bieten zu können. Dr. med. Udo Wolter, Präsident der Landesärztekammer Brandenburg und Jens Dobbert, Präsident der Landesapothekerkammer, betonten die hohe Bedeutung, zukünftig noch enger zusammenzuarbeiten, gemeinsame Ziele zu verfolgen und umzusetzen. Beide Berufsstände sind zahlreichen Regularien von Krankenkassen und Politik unterworfen. Viele Hürden und Probleme, die daraus entstehen, ähneln sich, andere wiederum müssen kommuniziert werden, um das Verständnis der jeweils anderen Berufsgruppe zu erlangen. Eine gute Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern ist unumgänglich und Ausgangspunkt für das Erreichen höchstmöglicher Ziele innerhalb der Patientenversorgung, so das Fazit des 1. Brandenburgischen Apotheker- und Ärztetages. Dass dies nicht immer einfach ist, wurde an zahlreichen Beispielen aus dem Alltag von Ärzten und Apothekern erkennbar. Kommunikation und ihre Defizite Warum Menschen so kommunizieren, wie sie kommunizieren, welche Kommunikationsdefizite und auch Missverständnisse es innerhalb der Kommunikation gibt, stellte in einem anschaulichen Vortrag Prof. Dr. med. et phil. Gerhard Danzer, Chefarzt Medizinische Klinik C für Psychosomatik Ruppiner Kliniken GmbH, Neuruppin, dar. Das gegenseitige Verständnis für die jeweils andere Berufsgruppe stehe an erster Stelle, so Prof. Danzer. Der Umgang miteinander sei ausschlaggebend für ein erfolgreiches Gespräch, Missverständnisse innerhalb der Kommunikation seien oft auf Unsicherheiten, Ängste und Affekte zurückzuführen. Sinnbringend sei es also, zu hinterfragen, warum jemand so reagiert, wie er reagiert. Ebenso gehöre es zu einer guten Kommunikation, sich selbst zu hinterfragen, zu verstehen statt zu urteilen, so Prof. Danzer weiter. Sicherheit innerhalb der Arzneimitteltherapie An vorderster Stelle stehe, dem Patienten Sicherheit zu bieten, so Prof. Dr. med. Eckart Frantz, Chefarzt der Klink für Innere Medizin am St. Josefs-Krankenhaus Potsdam-Sanssouci. Eine Brücke zwischen beiden Berufsständen zu schlagen sei dafür die wichtigste Voraussetzung. Prof. Dr. rer. nat. Martin Schulz, Geschäftsführer für den Geschäftsbereich Arzneimittel der ABDA und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK), betonte: Wir brauchen Kommunikation und Interaktion auf der persönlichen Ebene. Die besten Ergebnisse bezüglich der Therapietreue werden dann erzielt, wenn Ärzte und Apotheker zusammenarbeiten. Es müsse der gesamte Medikationsprozess berücksichtigt werden: von der Verschreibung des Medikaments in Praxis oder Krankenhaus, über die Abholung des Medikaments in der Apotheke bis hin zur Einnahme durch den Patienten. Dazu stellte er das sogenannte Medikamentenmanagement vor, welches bereits in Thüringen und Sachsen angewendet wird. Bei diesem System haben alle Parteien Arzt, Apotheker und Patient einen Gesamtüberblick über die Medikation, alle Parteien können auf die Dokumentation des Arztes zurückgreifen. Ziel des Medikamentenmanagementes ist ein optimaler Therapieerfolg und zugleich eine Risikominimierung. Auch hier steht die Kommunikation im Mittelpunkt: Für einen optimalen Therapieerfolg sei eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient sowie Apotheker und Patient und vor allem auch zwischen Arzt und Apotheker nötig, so Prof. Schulz. Außerdem sei eine Arbeitsteilung wichtig, es müsse klar definiert werden, welche Aufgaben der Arzt und welche der Apotheker hat. Neue Patienten erfordern Umdenken bei Ärzten und Apothekern Neben der Arzneimitteltherapiesicherheit wurde auch die Veränderung des Patienten diskutiert. Die neuen Alten sind nicht mehr die alten Alten. Patienten folgen ärztlichen Ratschlägen nicht mehr kritiklos sagte Dr. rer. nat. Hiltrud von der Gathen, Ickerner Markt-Apotheke, Castrop-Rauxel. Dabei ginge es auch um die Motivation zur Eigenverantwortung des Patienten: Ärzte und Apotheker sollen den Patienten nicht mehr nur behandeln, sondern mit ihm auch die Behandlung besprechen: Wie will der Patient behandelt werden, was kann er selbst für seine Genesung tun? so Dr. von 8 Brandenburgisches Ärzteblatt

9 KAMMERINFORMATIONEN/GESUNDHEITSPOLITIK der Gathen weiter. Auch sie plädierte für eine Abgrenzung beider Tätigkeiten, bzw. für eine Arbeitsteilung beider Berufsgruppen. Beide hätten ihren eigenen Kompetenzbereich. So sei ein Apotheker kein kleiner Arzt, ein Arzt sei aber auch kein Apotheker. Beide müssen ihr Einsiedlerdasein verlassen, sich zusammensetzen und miteinander reden, forderte Dr. von der Gathen. So sei eine Kontaktaufnahme zu Ärzten von Apothekern häufig gewünscht. Schlechte Erreichbarkeit des jeweiligen Arztes oder falsches Verständnis füreinander würden aber oftmals zu wenig Erfolg führen. Umgekehrt appellierte sie an die Apotheker, sich auf Gespräche mit Ärzten vorzubereiten. Viele Kommunikationsdefizite müssen noch ausgeräumt werden, so von der Gathen. Ziel sei es, den Patienten bestmöglich über die richtige Einnahme und mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten zu informieren. Auch Prof. Dr. med. Walter E. Haefeli, Ärztlicher Direktor Medizinische Klinik (Krehl-Klinik), Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie am Universitätsklinikum Heidelberg hob in seinem Vortrag zur erfolgreichen Arzneimitteltherapie den hohen Stellenwert der Kommunikation mit dem Patienten hervor. Viele Medikamente würden ihre Wirkung nicht erreichen, da sie vom Patienten falsch eingenommen werden. Aufklärung durch Ärzte und Apotheker sei unverzichtbar. Dr. med. Udo Wolter und Jens Dobbert hoffen auf eine Fortsetzung des Brandenburgischen Apotheker- und Ärztetages, um auch in Zukunft Dinge, die positiv für den Patienten sind, gemeinsam zu beratschlagen und umzusetzen. Anja Zimmermann Bild links: Prof. Schwantes und Prof. Danzer im Gespräch Bild rechts: Dr. von der Gathen GRUNDSTEIN FÜR DEN NEUBAU IN POTSDAM GELEGT Bauarbeiten gehen zügig voran Der Grundstein für das neue gemeinsame Büro- und Verwaltungsgebäude der LÄKB und der KVBB wurde am 30. April in Potsdam gelegt. Gäste aus Wirtschaft, Politik und Medizin waren anwesend. Kammerpräsident Dr. Udo Wolter betonte noch einmal die Vorzüge des zukünftigen Wirkens beider Körperschaften an einem Ort: Beide Körperschaften, die LÄKB und die KVBB, genießen eine hohe Bedeutung im Land Brandenburg. Zukünftig werden sie ihre bereits bestehenden guten Synergien noch weiter ausbauen. Entscheidungen können auf kurzem Weg getroffen werden, zum Wohle der Ärzteschaft sowie der Patientinnen und Patienten in Brandenburg. Durch die zukünftige Präsenz der LÄKB an zwei Standorten können außerdem Fort- und Weiterbildungen noch effizienter durchgeführt werden, die Erreichbarkeit für die Brandenburger Ärzteschaft wird erleichtert. Dr. Hans-Joachim Helming, Vorsitzender der KVBB, und Dr. Udo Wolter begrüßten zudem die Nähe zur Landesund Bundespolitik. Mit dem Einzug beider Körperschaften in den Neubau in der Potsdamer Pappelallee 5 können gemeinsame Ziele zukünftig schneller und direkt kommuniziert werden. LÄKB und KVBB bedankten sich bei allen Verantwortlichen, die dazu beigetragen haben, die gemeinsamen Pläne schnell umzusetzen. Besonderer Dank ging dabei an die Architektengemeinschaft Kleihues + Kleihues & platena + jagusch sowie an den Oberbürgermeister der Stadt Potsdam Jann Jakobs. Der Oberbürgermeister zeigte sich sehr erfreut darüber, dass beide Körperschaften beschlossen haben, ihren neuen Standort gemeinsam in Potsdams Innenstadt zu legen. Die Planungen für den Neubau gehen zügig voran. Geplant ist der Einzug für das vierte Quartal Anja Zimmermann Bild links: Dr. Udo Wolter Foto: KVBB Bild rechts: Die Arbeiten auf der Baustelle gehen zügig voran Foto: Angelika Neumann Brandenburgisches Ärzteblatt

10 ARZT & RECHT ROUTINEIMPFUNGEN UND AUFKLÄRUNG Risikoaufklärung bei Routineimpfungen Dr. Daniel Sobotta Foto: Thomas Kläber ChaotiC Photograph fotolia Seit Anfang 2013 gilt in Deutschland das sog. Patientenrechtegesetz. Dabei handelt es sich bekanntermaßen im Schwerpunkt um eine Ergänzung des Bürgerlichen Gesetzbuches. Ausdrücklich geregelt wird damit erstmals der Behandlungsvertrag ( 630 a ff. BGB) einschließlich Vorschriften über die Aufklärung, Einwilligung, Einsichtnahme in Patientenunterlagen sowie Beweislast. Das Gesetz folgt dabei ganz überwiegend der zu diesem Rechtsbereich entwickelten Rechtsprechung. 630 e Abs. 2 BGB schreibt fest, dass die Aufklärung mündlich zu erfolgen hat; lediglich ergänzend kann auch auf Unterlagen Bezug genommen werden, die der Patient in Textform erhält. Im Vorfeld des Erlasses des Patientenrechtegesetzes war in einer Entwurfsfassung darüber hinaus die Papieraufklärung für bestimmte Fälle geringer Eingriffsintensität vorgesehen. Damit hätte für diese Fälle die bloße Aufklärung per Aufklärungsbogen (also ohne mündliche Aufklärung im ärztlichen Gespräch) genügt. Diese Klausel ist jedoch vor Erlass des Gesetzes gestrichen worden, sodass gegenwärtig an sich der genannte 630 e Abs. 2 BGB mit seiner Forderung einer ausnahmslos mündlichen Aufklärung gilt. des Bundesgerichtshofes sowie des Bundessozial gerichts. Geklagt hatte ein Patient, der gegen die vorgenannten Erkrankungen simultan geimpft und zuvor lediglich schriftlich durch ein entsprechendes Formular aufgeklärt worden war. Er entwickelte im Nachgang eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit der Folge einer schweren körperlichen Behinderung sowie Berufsunfähigkeit. Das Gericht verneinte auf Grundlage eines eingeholten Sachverständigengutachtens sowohl einen Behandlungs- als auch Aufklärungsfehler. Bei Routineimpfungen, die öffentlich empfohlen werden, genüge die schriftliche Aufklärung, wenn hiernach zumindest eine Gesprächsgelegenheit mit dem Arzt besteht. Bei dieser Entscheidung wurde zwar noch altes Recht zu Grunde gelegt, da sich der Fall vor dem Inkrafttreten des Patientenrechtegesetzes zutrug. Dennoch wird von den Kommentatoren angesichts der Aktualität des Beschlusses davon ausgegangen, dass dieser ein Indiz dafür ist, dass die Rechtsprechung nicht sklavisch an den Buchstaben des Patientenrechtegesetzes festhält, sondern Spielräume im Einzelfall annimmt, die jeweils sach- und interessengerechte Entscheidungen ermöglichen. Freilich lässt sich aber nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob auch künftig Gerichte dieser Sichtweise folgen. Empfehlen wird es sich daher, den Patienten vorsorglich auch vor Routineimpfungen zumindest zu befragen, ob er den Aufklärungsbogen verstanden und ggf. noch Fragen dazu hat. Dr. Daniel Sobotta Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund der Beschluss des Oberlandesgerichts Zweibrücken vom 31. Januar 2013 (Az. 5 U 43/11). Darin stellt das Gericht fest, dass für Routineimpfungen, im dort vorliegenden Fall Impfungen gegen das saisonale Grippevirus und das H1N1-Virus 2009 (sog. Schweinegrippe), eine schriftliche Risikoaufklärung genügt. Damit folgen die Richter früheren Entscheidungen Anzeigen Ihre FortBIlDUnGen 2014 Berliner Notfallkurs & Hauptstadt-Notarztkurs Zusatzqualifikation Intensivtransport (DIVI-Kurs) Kindernotfallkurs nach dem Curriculum der DIVI Grundlagen der Intensivmedizin (ICU Beginner) Termine, Anmeldung & weitere Kurse unter 10 Brandenburgisches Ärzteblatt

11 FORTBILDUNG AKADEMIE FÜR ÄRZTLICHE FORTBILDUNG Fortbildungsangebot Impfaufbau-/ Refresherkurs 5 P (fachübergreifend für Ärzte und Praxismitarbeiter) 10. Sept. 2014, 14:00 bis 18:00 Uhr Ort: Potsdam Leitung: Dr. med. R. Schrambke, Schorfheide Teilnehmergebühr: 55 Refresher-Kurs zur fakultativen Vorbereitung auf die Wissenskontrolle zum Nachweis der Qualifikation zur fachgebundenen genetischen Beratung ( 7 Abs.3 GenDG) 6 P 17. Sept. 2014, 15:00 bis 20:00 Uhr Ort: Potsdam Kursleiter: Herr Dr. L. Pfeiffer, Berlin Teilnehmergebühr: 80 (anschließende Wissenskontrolle möglich Gebühr 30 ) Intensivvorbereitung auf die Facharztprüfung Allgemeinmedizin 8 P 20. Sept Ort: Potsdam Leitung: Dr. med. R. Schrambke, Schorfheide Teilnehmergebühr: 100 Zentrale Weiterbildung für Medizinische Fachangestellte Nord/West Brandenburg Aus der Praxis für die Praxis 24. Sept Ort: Neuruppin Leitung: Dr. med. H. Wiegank Teilnehmergebühr: 30 Kompetenzssicherung Geriatrie 16 P 26./27. Sept Ort: Potsdam Leitung: Dr. med. R. Schrambke, Schorfheide Teilnehmergebühr: 220 Hausarztforum 8 P 18. Okt Ort: Neuruppin Leitung: Dr. med. R. Schrambke, Schorfheide Teilnehmergebühr: 80 für Ärzte, 45 für Praxispersonal Kurse im Strahlenschutz gemäß Röntgenverordnung Einführungskurs zur Unterweisung nach RöV 8 P 4. Nov Teilnehmergebühr: 60 Grundkurs im Strahlenschutz 17 P 5./6. Nov Teilnehmergebühr: 300 Spezialkurs im Strahlenschutz 17 P 7./8. Nov Teilnehmergebühr: 280 Ort: Cottbus Kursleiter: Prof. Dr. med. habil. C.-P. Muth, Cottbus Sonographie-Kurse Abdomen und Retroperitoneum 30 P Grundkurs: 6. bis 9. Nov Ort: St. Josefs-Krankenhaus Potsdam Kursleiter: Dr. med. B. Kissig, Potsdam Teilnehmergebühr: 420 ausgebucht! Weiterbildungstage Allgemeinmedizin Modul 3: 13. bis 15. Nov P Teilnehmergebühr: 250 Ort: Potsdam Leitung: Dr. med. R. Schrambke, Schorfheide Röntgen-Aktualisierungskurs (8 Stunden) je 9 P gemäß Röntgenverordnung 22. Nov Ort: Blankenfelde/Mahlow Kursleiter: Prof. Dr. med. habil. C.-P. Muth, Cottbus Teilnehmergebühr: je 120 Seminar Leitender Notarzt 40 P gemäß Richtlinie der LÄKB zur Qualifikation des Leitenden Notarztes 1. bis 5. Dez Ort: Cottbus Kursleiter: T. Reinhold, Oranienburg Teilnehmergebühr: 700 Grundkurs Palliativmedizin (40 Stunden) 40 P 16. bis 20. Juni 2014 Ort: Potsdam Kursleitung: Dr. med. I. Schade, Neuruppin; Dipl.-Med. K. Wendt, Beeskow Teilnehmergebühr: 560 ausgebucht! Psychosomatische Grundversorgung (80 Stunden) 80 P gemäß Weiterbildungsordnung der LÄKB 13./14. Sept ausgebucht! 1./2. Nov /7. Dez /11. Jan /8. Febr Ort: Potsdam Leitung: R. Suske, Werneuchen Teilnehmergebühr: Qualifikationskurs für Transfusionsbeauftragte/Transfusionsverantwortliche 16 P 20./21. März 2015 in Cottbus Kursleiter: Prof. Dr. R. Moog, Cottbus Teilnehmergebühr: 220 Leuchten für Praxis, Büro, Wohnräume. Cottbus An der Oberkirche Sandowerstr. 53 Ihre Anmeldung richten Sie bitte an die LÄKB, Referat Fortbildung, Postfach , Cottbus, Fax: , Internet: Es gelten die Teilnahmebedingungen für Fortbildungsveranstaltungen der Landesärztekammer Brandenburg. Diese sind unter (Arzt/Fortbildung/ Anmeldung) einsehbar oder telefonisch unter anzufordern. Anzeige Brandenburgisches Ärzteblatt

12 AKTUELL MARBURGER BUND 4. Brandenburger Frühjahrsempfang Fotos: Döring Der Landesverband Berlin/Brandenburg des Marburger Bundes hatte Mitte Mai zum traditionellen Frühjahrsempfang eingeladen. Diesmal in das Paul-Wunderlich- Haus nach Eberswalde. Neben Vorstandsmitglied und Kammerpräsident Dr. Udo Wolter waren zahlreiche Mitglieder des Marburger Bundes, der Landrat sowie Vertreter der GLG-Kliniken und der Stadt Eberswalde zu Gast. Nach den Grußworten von Thomas Barta, Abteilungsleiter für Gesundheit im MUGV des Landes Brandenburg sowie vom Landrat und Vorsitzenden des Aufsichtsrates der GLG-Kliniken Bodo Ihrke, referierte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Armin Ehl zur Historie und zu den Erfolgen des Marburger Bundes sowie zur aktuellen Auseinandersetzung um die Wahrung der vollen gewerkschaftlichen Rechte. Außerdem gab er einen Ausblick auf Inhalte des Deutschen Ärztetages Ende Mai in Düsseldorf. Eine wichtige Rolle werden hier die Sprachbarrieren ausländischer Kolleginnen und Kollegen in medizinischen Berufen spielen. Nicht nur im Land Brandenburg besteht diesbezüglich Handlungsbedarf. Angestrebt wird ein Sprachtest, wobei Mediziner mindestens mit Sprachniveau B 2 abschließen sollen. Neben einer musikalischen Umrahmung hatten die Gäste des Frühjahrsempfangs auch die Möglichkeit, sich den Werken des 1927 in Eberswalde geborenen Künstlers Paul Wunderlich zu nähern. Auf drei Etagen konnten Gemälde, Grafiken und Skulpturen bewundert werden. Bei einem gemeinsamen Essen wurden bis in den frühen Abend Gespräche geführt. Der Frühjahrsempfang fand in den Vorjahren bereits in Potsdam, Cottbus und Neuruppin statt. Anja Zimmermann 12 Brandenburgisches Ärzteblatt

13 AKTUELL RUND UM DAS THEMA DIABETES Onlineregistrierung für Camp D freigeschaltet Vom Juli 2014 veranstaltet Novo Nordisk zum vierten Mal das Camp für junge Menschen mit Diabetes in Bad Segeberg. Etablierte und neue Workshop-Angebote bieten Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch. Die Online-Registrierung für das diesjährige Camp ist freigeschaltet. Über die Startseite von können sich Interessenten ab jetzt registrieren. Nach spätestens 24 Stunden erhalten sie einen Link zum Online- Fragebogen, in dem sie Angaben über ihre Person und die gewünschte Anreise machen können. Sofern der Fragebogen komplett ausgefüllt ist, erhalten die Teilnehmer die Rechnung über den Eigenanteil in Höhe von 99 Euro. Die Anmeldung erfolgt, sobald der Betrag bei Novo Nordisk eingegangen ist. Beim vierten Camp D, das vom Juli 2014 in Bad Segeberg stattfindet, können wieder bis zu 500 junge Menschen mit Diabetes zwischen 16 und 25 Jahren teilnehmen. Betreut werden sie von rund 150 Diabetologen, Diabetesberaterinnen, Diabetesassistentinnen, Psychologen und Mitarbeitern der Firma Novo Nordisk sowie des Platinsponsors des diesjährigen Camp D, Roche Diagnostics Deutschland GmbH. Camp D bietet ein ambitioniertes Programm rund um das Thema Diabetes. Jeder Teilnehmer kann aus einem Angebot von insgesamt 13 Workshops seine fünf Favoriten auswählen und besuchen. Außer Themen wie Reisen, Beruf und Sexualität werden auch rechtliche Fragen besprochen. Erstmals wird außerdem ein Workshop zum Diabetes-Hund angeboten. Darüber hinaus erwarten die Teilnehmer des vierten Camp D weitere Neuerungen: Ein Breakdance- und ein Stand- Up Paddling-Workshop ergänzen das Programm, zu dem erneut die äußerst beliebten Fußball- und Beachvolleyballturniere, Tricking, Zorbing und der Kletterturm gehören. Für diejenigen, die nicht den ganzen Tag Sport treiben wollen, wird Ole Plogstedt, der bekannte Fernsehkoch, wieder einen Koch-Workshop anbieten. Ein weiteres Highlight steht am Samstag auf dem Camp D-Programm: Roche Diagnostics Deutschland GmbH plant einen Film-Workshop mit Gewichtheber und Olympiasieger Matthias Steiner, der selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Typ 1 Diabetes lebt. Das Programm des vierten Camp D bietet somit auch Wiederholungstätern neue, interessante Inhalte rund um den Diabetes! Weitere Informationen gibt es unter Lena Müller/Kerstin Goerke Novo Nordisk Pharma GmbH/Goerke Public Relations GmbH Anzeige _RZ_AZ-Kampagne_Brandenburgisches-Ärzteblatt_Jun14 Montag, 12. Mai :27:03 Brandenburgisches Ärzteblatt

14 AKTUELL INTERVIEW Rheumastrukturvertrag Priv.-Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Dirk Wernicke Foto: privat Prof. Dr. med. Ulrich Schwantes Foto: Thomas Kläber Der Rheumastrukturvertrag wurde zwischen der KVBB und der AOK Brandenburg geschlossen. Ziel ist eine strukturierte Versorgung von Rheumapatienten im Bundesland. Das Brandenburgische Ärzteblatt im Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Schwantes und Priv.-Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Dirk Wernicke. Worin sehen Sie generell die Vorteile des Rheumavertrages? Schwantes: Verträge dieser Art haben den Effekt, dass sie die Aufmerksamkeit auf eine Krankheit und ihre Symptome lenken und das Bewusstsein dafür schärfen. Dadurch wird Rheuma in diesem Fall deutlich sichtbarer. Beim Rheumavertrag ist die Hinlenkung auf die speziellen Symptommuster aus verschiedenen Perspektiven sehr hilfreich: Für den Hausarzt durch rasche Konzentration auf das Hauptproblem; für den Patienten durch frühe Erkennung und damit schnelle adäquate Einleitung einer Therapie; für den Rheumatologen durch Konzentration auf seine Kernkompetenz, indem eine Vorauswahl bereits stattgefunden hat. Wernicke: Für den Patienten liegen die Vorteile klar auf der Hand: Die frühzeitige Erkennung einer chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankung und eine daraus resultierende schnelle und wirksame Therapieeinleitung erhöhen die Chance auf Beschwerdefreiheit und die Möglichkeit einer vollwertigen Berufstätigkeit. Der Hausarzt wiederum kann sich durch eine frühzeitige Begleitung des Patienten von Beginn der chronischen Erkrankung an internistisch-rheumatologische Standardtherapien aneignen. Das ist für den Hausarzt mit einem ganz praktischen Erkenntnisgewinn verbunden und erhöht sowohl die Effektivität als auch die Sicherheit dieser Therapien. Der Rheumatologe kann ein regionales Netzwerk zur komplexen Versorgung dieser Patienten etablieren. Diese Versorgung beinhaltet in erster Linie, aber nicht nur, eine wirksame medikamentöse Therapie. Damit können u.a. Patienten mit gut etablierten Therapien vom Hausarzt überwacht werden, was für den Rheumatologen Vakanzen für Neuvorstellungen schafft. Nicht zu unterschätzen ist die sich zwangsläufig ergebende persönliche Kommunikation zwischen Rheumatologen und Hausärzten, die wichtiger ist als perfekte digitale Befundübermittlung. Dem Hausarzt kommt ja eine ganz besondere Funktion in dem Vertrag zu. Worin besteht diese und warum ist es so wichtig, dass auch der Hausarzt von Anfang an in die Betreuung von rheumakranken Patienten eingebunden wird? Schwantes: Der Hausarzt ist in der Regel die erste Anlaufstelle für den Patienten. Meist ist er dem Patienten durch bereits bestehenden Kontakt entweder persönlich oder über Familienmitglieder vertraut. In vielen Fällen kann der Hausarzt die Bedeutung bestimmter Symptome durch Kenntnisse der Lebensgeschichte und des Umfeldes des Patienten schneller erfassen. Er hat dann zu entscheiden, in welche Richtung die Diagnostik gehen soll und kann bei Bedarf den Spezialisten hinzuziehen. Auch nach Einleitung einer spezifischen Therapie ist der Hausarzt dann aus den vorher genannten Gründen der ideale Begleiter des Patienten, indem er die Therapie überwacht, den Patienten führt und bei Bedarf rechtzeitig wieder den Rheumatologen einbezieht. Dieser wiederum gewinnt dadurch die Zeit für Neuerkrankte oder für die Betreuung schwerer Verläufe. Wernicke: Internistisch-rheumatologische Therapien haben in den zurückliegenden 15 Jahren eine große Entwicklung erfahren. Es haben sich Standardtherapien herauskristallisiert, die sehr wirksam und sicher sind. Diese Kenntnisse und Erfahrungen müssen in der täglichen Arbeit weitergegeben werden. Da chronische Erkrankungen stets individuelle Erkrankungen sind, ist das Wissen über deren Behandlungen nur praktisch vermittelbar und muss gemeinsam erarbeitet werden. Geht das nicht mit einem hohen bürokratischen Aufwand einher und lohnt sich dieser denn überhaupt? Schwantes: Klar geht das Ganze auch mit einer gewissen Bürokratie einher. Aber dokumentieren müssen wir so oder so. Durch die Strukturierung kann man aber die Dinge nacheinander abarbeiten und gerät nicht in Gefahr, das Eine oder Andere zu vergessen. Durch die Ersterhebung der spezifischen Befunde ist der Hausarzt von vornherein an der speziellen Krankheitsgeschichte beteiligt. Das kommt ihm und dem Patienten zugute, wenn in der Folgezeit die kontinuierliche Betreuung stattfindet. Meine Erfahrung mit den Patienten ist die, dass diese den geringen Aufwand der Einschreibung gerne in Kauf nehmen, wenn sie dadurch eine gründliche Betreuung erhalten. Wernicke: Aus meiner Sicht hält sich der bürokratische Aufwand für alle Beteiligten eher in Grenzen. Hier erweist sich zum Beispiel die Verknüpfung von Abrechnungsmodalitäten mit Anforderungen an die ärztliche Fortbildung als produktiv. Verbesserungswürdig sind noch an einigen Stellen die Abrechnungsmodalitäten für die Hausärzte. Welche Unterstützung bekommen Hausärzte, die an dem Vertrag teilnehmen? Schwantes: Zuerst einmal erhalten sie durch die Teilnahme vor allem klare Strukturen, die es ihnen ermöglichen, kompetent ihre Patienten zu betreuen. Außerdem erhalten sie regelmäßige Fortbildungen zu nicht so seltenen Krankheitsbildern, die sich in der Fülle sonstiger Beschwerden des Bewegungsapparates verbergen könnten. Wernicke: Idealerweise die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit einem Rheumatologen ihrer Wahl. Wie empfinden Sie das kollegiale Miteinander? Schwantes: Es ergibt sich eine besondere und erfreuliche Art kollegialer Zusammenarbeit, die besonders auch aus der gemeinsamen Betreuung der Patienten erwächst. Wernicke: Ich denke, dieses ist für beide Seiten erfreulich, da es um das Wesentliche geht eine gute und effiziente Patientenbetreuung. Gibt es aus Ihrer Sicht noch Verbesserungsvorschläge? Schwantes: Vorlagen für die Dokumentation, die sich in das Praxis-EDV- System integrieren lassen wären praktisch. Wernicke: Vereinfachung einiger Abrechnungsmodalitäten und praktikablere Gestaltung von Vorlagen. Ina Harloff 14 Brandenburgisches Ärzteblatt

15 AKTUELL ANGSTSTÖRUNGEN Neue Leitlinie definiert Behandlungsstandards Angst kann krank machen. Rund 15 Prozent der Bevölkerung erkranken in Deutschland im Verlauf eines Jahres an einer Angststörung. Damit sind Angststörungen die häufigsten psychischen Erkrankungen. Sie nehmen oftmals einen chronischen Verlauf und wirken sich erheblich auf die Lebensqualität der Betroffenen aus. Eine neue, fachdisziplinenübergreifende Behandlungsleitlinie trägt nun dazu bei, die Versorgung von Patienten mit Angststörungen nachhaltig zu verbessern. Angst vor realen Bedrohungen zu haben, ist sinnvoll. Sie hilft, Gefahren zu erkennen, darauf zu reagieren und uns davor zu schützen. Kommt es jedoch zu übertriebenen, unrealistischen und auch grundlosen Reaktionen zum Beispiel in Situationen, die gar nicht gefährlich sind kann eine Angststörung vorliegen. Zu den Angststörungen zählen die Panikstörung (plötzliche Angstanfälle), die generalisierte Angststörung (übertriebene Angst vor alltäglichen Gefahren) und die soziale Phobie (extreme Schüchternheit). Werden Angststörungen nicht erkannt und richtig behandelt, kommt es häufig zu Chronifizierungen, oftmals mit längeren Krankschreibungen und Frühberentungen. Zudem besteht bei Angsterkrankungen ein erhöhtes Risiko für Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen. Sie sind zudem mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden. Die im Mai in Berlin von allen wesentlichen beteiligten Fachgesellschaften sowie Patientenvertretern vorgestellte S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen enthält Empfehlungen für die Diagnostik und Behandlung aller wichtigen Angsterkrankungen bei Erwachsenen. Die Leitlinie entstand in einem sechsjährigen Entwicklungsprozess. Dabei prüfte eine repräsentative Leitliniengruppe die vorhandenen wissenschaftlichen Studien zur Behandlung mit Psychotherapie, Medikamenten und anderen Therapieformen streng auf Evidenz. 20 Fachgesellschaften waren daran beteiligt, darunter auch Patientenvertreter und Selbsthilfeorganisationen. Die neue S3-Leitlinie richtet sich an alle Berufsgruppen, die Patienten mit Angststörungen behandeln. Dazu gehören insbesondere Hausärzte, Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie psychologische Psychotherapeuten. Trotz ihrer Häufigkeit werden Angststörungen heute in knapp der Hälfte der Fälle nicht erkannt und infolgedessen nicht fachgerecht behandelt. Deshalb will die neue S3-Leitlinie durch die Entwicklung transparenter und nachvollziehbarer Standards die Erkennung und Behandlung von Angststörungen für die verschiedenen Versorgungsebenen verbessern. Die Leitlinie empfiehlt, Patienten mit Angststörungen eine Psychotherapie und/oder Pharmakotherapie anzubieten. Dabei soll der Wunsch des informierten Patienten berücksichtigt werden. Eine wichtige Rolle im Informationsgespräch müssen daher insbesondere der Wirkeintritt, die Nachhaltigkeit, die unerwünschten Wirkungen und die Verfügbarkeit spielen. Jürgen Matzat (Giessen), einer der Patientenvertreter, betont: Aus Patientensicht kann man nur begrüßen, dass nun der aktuelle Stand der Erkenntnis zusammengetragen ist. Wir hoffen, dass die Behandler die Leitlinie zur Kenntnis nehmen und ihre Praxis daran orientieren. Besonders am Herzen liegt uns die Wahlfreiheit und die gemeinsame Entscheidung von Patient und Behandler über die Therapie, die zur Anwendung kommen soll. Psychotherapeutisch empfiehlt die S3-Leitlinie bei allen Angststörungen die kognitive Verhaltenstherapie, deren Wirksamkeit zahlreiche kontrollierte Studien nachweisen konnten. Sie wird z. B. bei Panikstörung oder der Angst vor bestimmten Orten, Plätzen oder Reisen (Agoraphobie) mit angeleiteten Expositionen mit angstauslösenden Situationen kombiniert. In den letzten Jahren gibt es zunehmend auch Studien, welche die Wirksamkeit psychodynamischer Therapien bei der Panikstörung, der generalisierten Angststörung und der sozialen Phobie belegen. Professor Manfred E. Beutel (Mainz) von der Steuerungsgruppe, erläutert: Wir empfehlen in der S3-Leitlinie eine psychodynamische Psychotherapie, wenn sich eine kognitive Verhaltenstherapie nicht als wirksam erwiesen hat, nicht verfügbar ist, oder wenn dies der informierte Patient wünscht. Als ergänzende Maßnahmen raten die Experten zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, bei der Panikstörung auch zu Sport (Ausdauertraining). Wegen ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit empfiehlt die S3-Leitlinie zur pharmakologischen Therapie von Angststörungen in erster Linie Medikamente wie die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) und selektive Serotonin- Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs). Professor Borwin Bandelow (Göttingen) von der Steuerungsgruppe erläutert: In zweiter Linie können Mittel wie trizyklische Antidepressiva oder Pregabalin verordnet werden. Von der Anwendung der Benzodiazepine, die derzeit noch sehr häufig bei Angsterkrankungen verordnet werden, wird wegen der Möglichkeit einer Abhängigkeitsentwicklung abgeraten. In Fällen, in denen eine Psychotherapie oder eine pharmakologische Behandlung nicht ausreichend wirksam waren, soll die jeweils andere Therapieform oder eine Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie angeboten werden. PM Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) Die S3-Leitlinie ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM), des Deutschen Fachverbands für Verhaltenstherapie (DVT), der Gesellschaft für Angstforschung (GAF), der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) sowie weiteren Fachgesellschaften, Patientenvertretern und Selbsthilfeorganisationen. Brandenburgisches Ärzteblatt

16 AKTUELL MULTIPLE SKLEROSE: AKTUALISIERUNGEN ZUR LEITLINIE ONLINE VERFÜGBAR Therapieinformationen zu den neuen Medikamenten und aktualisiertes Stufentherapieschema Eine Aktualisierung zur Leitlinie für Multiple Sklerose steht ab sofort auf den Webseiten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS) zum Download bereit. Experten des KKNMS haben die aktuelle Überarbeitung federführend im Auftrag der DGN erstellt. In der nun verfügbaren Version finden sich Hinweise zum Umgang mit den neu zugelassenen Medikamenten Alemtuzumab, Teriflunomid und Fumarat sowie ein aktualisiertes Stufentherapieschema, das auch in der KKNMS- App verfügbar ist. Die Leitlinie ist so dynamisch wie die Forschung. Das zeigt diese Aktualisierung der Empfehlungen zur Therapie der Multiplen Sklerose, sagt Prof. Dr. Ralf Gold, Mitglied des Vorstands der DGN sowie des KKNMS. Ziel des KKNMS ist es, mit der Leitlinie zur Behandlung der MS einen Beitrag zur bestmöglichen Versorgung der Patienten auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu leisten, ergänzt Prof. Dr. Bernhard Hemmer, Vorstandssprecher des KKNMS. Inhalte der Aktualisierung Der aktualisierte Zusatz zur Leitlinie greift Angaben zu neu zugelassenen Medikamenten sowie neue Erkenntnisse über die bestehenden Therapien auf. Allein in den vergangenen sechs Monaten sind mit Alemtuzumab, Teriflunomid und Fumarat drei neue Medikamente für die Therapie der MS zugelassen worden. Außerdem haben die Autoren das Stufentherapieschema weiterentwickelt: Es sind nun alle aktuell verfügbaren MS-Therapeutika inte griert. Zudem wird nicht mehr zwischen Basistherapie und Eskalationstherapie, sondern zwischen Milde/ moderate Verlaufsform und (Hoch-) aktive Verlaufsform unterschieden. Nachdem die Zulassungsbehörden bei den letzten Genehmigungen auch weichere Kriterien für die Umstellung auf hochaktive Therapeutika eingeräumt haben, haben wir uns entschieden, dies durch eine Veränderung im Diagramm auszudrücken, erklärt Prof. Dr. Ralf Gold, der die Aktualisierung der MS-Leitlinie koordiniert hat. Die Aktualisierung der Leitlinie ist ab sofort verfügbar unter leitlinien.html sowie auf den Internetseiten des KKNMS. iphone- und ipad- Nutzer können die MS-Leitlinie als Teil der DGN Leitlinien App auch im App Store für 7,99 Euro erwerben. Das aktualisierte Stufentherapieschema ist außerdem abrufbar in der kostenlosen MS-App des KKNMS, in die auch die Therapiehinweise zu Alemtuzumab, Teriflunomid und Fumarat zeitnah integriert werden. PM Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) KLINIKUM NIEDERLAUSITZ Angehende Fachärzte trafen sich in Senftenberg 14 angehende Fachärzte trafen sich im Mai am Stadthafen in Senftenberg. Das Klinikum Niederlausitz organisiert organisieren diese Treffen ein bis zweimal im Jahr. Ziel ist das Kennenlernen der jungen Ärzte untereinander sowie der direkte Austausch zu Fragen bezüglich ihrer Weiterbildung. Uns ist es wichtig, mit den Ärzten ins Gespräch zu kommen und die angehenden Kollegen während ihrer Weiterbildungszeit im Klinikum zu begleiten und zu unterstützen, sagt Dr. med. Werner Kärgel, Ärztlicher Direktor des Klinikums Niederlausitz. Dabei geht es sowohl um fachliche Inhalte als auch um allgemeine Hinweise zu den Abläufen im Krankenhaus sowie den einen oder anderen Tipp zur Region. Neben der Arbeit spielt die Freizeit auch eine wichtige Rolle und die Möglichkeiten der Erholung und Freizeitgestaltung hier in der Umgebung sind sehr vielfältig, so Dr. Kärgel. Christine Zenker (27), angehende Allgemeinmedizinerin aus Großräschen kann das bestätigen. Sie studierte bisher in Rostock und absolviert jetzt seit drei Monaten ihre Facharztweiterbildung im Klinikum Niederlausitz. Sie möchte auch zukünftig in der Region bleiben und arbeitet gern hier. Sigrun und Philipp Kapp kamen 2008 aus Stuttgart nach Lauchhammer. Unsere Tochter Friederike ist hier geboren und wir sind mittlerweile heimisch geworden, sagt Philipp Kapp, Arzt in Weiterbildung für Innere Medizin. Seine Frau absolviert die Facharztweiterbildung in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Lauchhammer. Am Klinikum Niederlausitz absolvieren derzeit 45 Frauen und Männer ihre Weiterbildung zum Facharzt in verschiedenen Fachrichtungen. Das Klinikum Niederlausitz bietet den Ärzten in Weiterbildung viele Unterstützungsmöglichkeiten: strukturierte Rotationspläne geben bereits zum Weiterbildungsbeginn Orientierung zum Verlauf der Facharztausbildung, ausländische Ärzte können einen kostenfreien Deutschkurs sowie individuelles Sprachcoaching in Anspruch nehmen. Daniela Graß, Klinikum Nieerlausitz, Anja Zimmermann, LÄKB 16 Brandenburgisches Ärzteblatt

17 AKTUELL KLINIKUM FRANKFURT (ODER) Gesellschaft für Otorhinolaryngology und zervikofaziale Chirurgie verleihen Otto-Körner-Promotionspreis Anlässlich der Jahrestagung der Norddeutschen Gesellschaft für Otorhinolaryngology und zervikofaziale Chirurgie fand im Mai die diesjährige Preisverleihung des Otto-Körner-Promotionspreises statt. Mit diesem Preis würdigt die Gesellschaft herausragende Dissertationen aus dem Bereich der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Die hohe Auszeichnung geht in diesem Jahr an Dr. med. Mike Schimmer, Oberarzt in der Klinik für Hals, Nasen- und Ohrenheilkunde im Klinikum Frankfurt (Oder). Dr. Mike Schimmer befasst sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema der Lebensqualität von Patienten mit einem Oropharynxkarzinom (Rachenkrebs) nach primärer Strahlentherapie und/oder kombinierter Radio- Chemotherapie im Vergleich zur operativen Therapie Eine retrospektive Analyse der Jahre der Tumorpatienten des Landes Brandenburg. Mit dieser Arbeit sollten rückblickend und nach erfolgter Therapie die Lebensqualität von Patienten mit Rachenkrebs erhoben und die Unterschiede nach operativer und nicht-operativer Therapie herausgestellt werden. Von 2000 bis 2009 gab es im Land Brandenburg 954 gemeldete Patienten mit dem bösartigen Tumor im Rachenraum. Für die Messung von Lebensqualität gibt es etablierte und standardisierte Fragebögen, in denen die Patienten ihre Lebensqualität subjektiv einschätzen. Die erforderlichen Daten für die Studie wurden Dr. Schimmer vom Onkologischen Schwerpunkt Frankfurt (Oder) zur Verfügung gestellt. Nachdem die Ethikkommissionen in Hessen und Brandenburg Ende 2010/ Anfang 2011 ihr positives Votum für die Studie gegeben hatten, wurden 954 Patienten angeschrieben. Sie erhielten nähere Informationen zur Studie sowie die Fragebögen und eine Einwilligungserklärung. Insgesamt haben sich 261 Patienten an der schriftlichen Befragung beteiligt. Im Oktober 2012 wurde Mike Schimmer als Doktorand an der Universität Marburg angenommen und während der Promotionsphase von Prof. Dr. Werner, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Marburg und früherer geschäftsführender Direktor der HNO- Klinik der Universität Marburg, sowie von Dr. Günzel, Chefarzt der HNO-Klinik des Klinikums Frankfurt (Oder), betreut und begleitet. Bereits ein Jahr später, im September 2013, reichte Dr. Mike Schimmer seine Promotion ein und verteidigte sie im Januar 2014 erfolgreich. Die Jury würdigte die praxisbezogene Relevanz der Arbeit und die Tatsache, dass diese zeitintensive Arbeit mit statistischer Auswertung von 261 Patientendaten von einer nicht-universitären Klinik aus und ohne den direkten Zugriff auf die Infrastruktur einer großen Universitätsklinik durchgeführt wurde. Wir gratulieren Dr. Mike Schimmer ganz herzlich zur Verleihung des Otto- Körner-Promotionspreises und freuen uns über diese hohe Ehrung, erklärt Dr. Thomas Funk, Ärztlicher Direktor des Klinikums Frankfurt (Oder). Der Namensgeber des Preises Otto Körner war Deutschlands erster Ordinarius für Ohren- und Kehlkopfkrankheiten. Er gründete in Rostock 1899 die erste selbstständige deutsche Universitätsklinik für Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkrankheiten. Sie war damals die erste und fortschrittlichste HNO- Fachklinik in Nord- und Mitteleuropa. PM Klinikum Frankfurt (Oder), Sabine Zinke NEUE JOBBÖRSE FÜR MFA Kostenloser und unabhängiger Online-Stellenmarkt Um die Arztpraxen bei der Personalsuche zu entlasten, bieten das IWW-Institut und der Informationsdienst Praxisteam professionell (PPA) seit 1. April dieses Jahres eine Online-Jobbörse an. Die Jobbörse finden Sie im Internet unter Das kostenlose Angebot richtet sich sowohl an Arztpraxen, die ihr Team mit qualifiziertem Personal verstärken wollen, als auch an MFA, die zurzeit eine Stelle suchen. Das Serviceangebot der PPA-Jobbörse ist kostenlos. Eine gesonderte Regis trierung ist nicht unbedingt notwendig. Facebook-Nutzer können sich direkt über den eigenen Facebook- Account anmelden. Eine interaktive Karte zeigt an, welche Stellengesuche und -angebote es im näheren Umkreis gibt. Die PPA-Jobbörse bietet viele soziale Funktionen wie Beiträge teilen etc. PM IWW Institut für Wirtschaftspublizistik, Stefan Lemberg Foto: Candy Box Images fotolia Brandenburgisches Ärzteblatt

18 AKTUELL KINDER UND JUGENDLICHE IM FOKUS Zehn Jahre Bündnis Gesund Aufwachsen Foto: Kristall fotolia Weitere Details sind auf der Internetseite nachzulesen. Anfang April fand in der Staatskanzlei in Potsdam die Konferenz zum zehnjährigen Jubiläum des Bündnisses Gesund aufwachsen statt. Anita Tack, Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort und würdigte die bisherige Arbeit des Bündnisses. Sie wies aber zugleich auf weitere wichtige Zielstellungen hin, wie unter anderem auf die Prävention von Entwicklungsstörungen im sprachlichen und emotionalen Bereich bei Kindern und Jugendlichen. Anwesend waren über 180 Vertreter der verschiedenen Berufsgruppen, Einrichtungen und Institutionen aus dem sozialen, medizinischen und pädagogischen Bereich, die sich im Netzwerk engagieren (z. B. Berufsverbände, Krankenkassen, Berufsgenossenschaft, Gesundheitsämter, Pharmaindustrie u.v.a.). Im Bündnis Gesund Aufwachsen haben sich landesweite Partner auf Initiative des Gesundheitsministeriums mit dem gemeinsamen Ziel zusammengeschlossen, allen Kindern und Jugendlichen im Land Brandenburg mehr Chancen für ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Die fachliche Arbeit des Bündnisses leisten derzeit im Wesentlichen fünf multiprofessionelle, thematische Arbeitsgruppen. Ihre Arbeit umfasst alle Themen von der Prävention und Gesundheitsförderung bis zur Früherkennung, Versorgung und Rehabilitation. Es sind dies: die AG Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung die AG Frühe Hilfen und pädiatrische Versorgung die AG Mundgesundheit die AG Seelische Gesundheit die AG Unfall-und Gewaltprävention. Die AG-Mitglieder diskutieren aktuelle Probleme auf Grundlage der Gesundheitsberichterstattung und der vorliegenden konkreten Zahlen und Daten und entwickeln Vorschläge zum Abbau von Defiziten und zur weiteren Umsetzung der nationalen Gesundheitsziele. Die Arbeitsergebnisse werden jedes zweite Jahr auf der Kindergesundheitskonferenz präsentiert. In diesem Jahr berichteten die Vertreter der Arbeitsgruppen von ihren Ergebnissen und legten Beschlussvorlagen für die Erreichung der nächsten Ziele vor. Beispielhaft seien hier einige Ergebnisse genannt. Die lokalen Netzwerke Gesunde Kinder sind in enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium für MASF seit Ende 2009 nahezu flächendeckend etabliert. In Zusammenarbeit mit regionalen Frühförderstellen wurden niedrigschwellige Zugangswege geschaffen. Die Datenbank über Verletzungen durch Unfälle und Gewaltanwendung, die auch Risikoprofile erkennen lässt, wurde am Klinikum Cottbus eingerichtet. Außerdem wurde die zahnmedizinische Gruppenprophylaxe intensiviert und seit 2010 auf die Gruppe der unter Zweijährigen ausgeweitet. Die Impfprävention bei den älteren Schülerinnen und Schülern, ein Schwerpunkt der Arbeit innerhalb des Bündnisses, zeigt inzwischen Erfolge. Die Impfraten der DPT-Auffrischung nahmen in den letzten zehn Jahren stetig zu. Dagegen stagniert aber die HPV- Impfungsrate bei den Mädchen. Nur rund 42 Prozent sind vollständig geimpft. Über Netzwerke erhalten junge Familien Unterstützung für eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder. Während der ersten Lebensjahre vermitteln geschulte, ehrenamtlich tätige Familienpaten oder Hebammen Angebote des Gesundheitswesens waren 7,1 Prozent (Vorsorge) der untersuchten zwei- bis dreijährigen Kinder Netzwerkkinder. Die Netzwerkbetreuung führt zu einer höheren Akzeptanz und Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchung und Impfungen. Diskussionen fanden innerhalb der Veranstaltung auch zu den Themen Inklusion und Gesundheit, Versorgung in ländlichen Regionen, Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen sowie zum Thema moderne Familienpolitik statt. Wichtige zukünftige Ziele der Arbeitsgruppen innerhalb des Bündnisses wurden als Beschlussvorlagen erarbeitet. So zum Beispiel die Unterstützung der Verbraucherzentrale im Bereich Ernährung für eine gesunde Lebensweise Heranwachsender, speziell die Ausweitung der Vernetzungsstelle Schulverpflegung. Die AG Frühe Hilfen formulierte eine Forderung für eine qualifizierte Ausgestaltung und Weiterentwicklung von Beratungsleistungen, eine enge Zusammenarbeit mit Schwangerschafts-/Konfliktberatungsstellen und die finanzielle Unterstützung durch die Krankenkassen. Eine weitere Verbesserung des Impfstatus der Jugendlichen, beispielsweise auch durch Aufklärung der Eltern durch Multiplikatoren, wurde beschlossen. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung im ländlichen Raum empfiehlt das Bündnis, die SPZ zu stärken und eine überprüfbare Bedarfsentwicklung für das Land Brandenburg vorzulegen. Die Zusammenarbeit der SPZ mit den psychiatrischen Institutsambulanzen soll intensiviert werden. Durch die Erarbeitung eines Wegweisers soll die Verfügbarkeit wirksamer Präventionsangebote für psychische Störungen sowie für die Stressbewältigung erhöht werden. Zudem ist die Unfallprävention der kleinen Kinder im häuslichen Bereich zu verstärken, da Säuglinge und Kleinkinder weiterhin die höchsten Krankenhausbehandlungsraten aufgrund von Verletzungen aufweisen. Die Gewaltprävention an Schulen ist nachhaltig zu stärken, denn Auseinandersetzungen führen häufig auch zu Verletzungen, die ärztlich behandelt werden müssen. Dipl. med. S. Schwark 18 Brandenburgisches Ärzteblatt

19 AKTUELL RAUS AUS DER TABUZONE Beckenbodenzentrum am Klinikum Niederlausitz eröffnet Die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, die Klinik für Urologie sowie die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Klinikums Niederlausitz haben sich am Standort Lauchhammer zu einem interdisziplinären Beckenbodenzentrum zusammengeschlossen. Das Beckenbodenzentrum am Klinikum Niederlausitz ist ein interdisziplinäres Behandlungszentrum, in dem Patienten mit Erkrankungen und Funktionsstörungen des Beckenbodens und der Beckenorgane fachübergreifend versorgt werden. Die Beschwerden, an denen die betroffenen Patienten leiden, sind häufig ein Tabu und schränken die Lebensqualität oft ganz erheblich ein, sagt Dr. med. Thomas Buthut, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Er und seine verantwortlichen ärztlichen Kollegen des Klinikums Niederlausitz sehen es als besondere Herausforderung an, diesen Menschen umfassende Hilfe anzubieten, auch in Bezug auf Unterstützung der Selbstpflegeaktivitäten und der Krankheitsbewältigung. Die Ursachen für Erkrankungen des Beckenbodens sind umfassend. Dazu gehören unter anderem mehrere Geburten, Übergewicht, hormonelle Störungen, die vererbbare Veranlagung, frühere Operationen sowie Veränderungen der Druckverhältnisse im Bauch- und Beckenbereich. Die daraus resultierenden Krankheitsbilder präsentieren sich daher vielfältig. Aufgrund der Vielzahl der Untersuchungen und der daraus entstehenden Krankheitsbilder ist es erforderlich, unterschiedliche medizinische Fachgebiete in Diagnostik und Therapie einzubeziehen, um eine optimale Versorgung für den Patienten zu erzielen. Für die Diagnostik und Behandlung der Erkrankungen des Beckenbodens stehen den Kliniken ein breites Spektrum moderner Medizintechnik und Methoden zur Verfügung. Die Kernleistung des Beckenbodenzentrums am Klinikum Niederlausitz umfasst eine medizinische Versorgung, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht. Das Konzept des Beckenbodenzentrums geht gerade im Aspekt der Vernetzung mehrerer medizinischer Fachdisziplinen über diese Leistung hinaus. Es bietet die Möglichkeit, aktive Kooperationen, auch Kooperationen mit anderen externen Leistungserbringern des Gesundheitswesens, wie beispielsweise den niedergelassenen Fachärzten und physiotherapeutischen Einrichtungen, zu bilden, erklärt Dr. Thomas Buthut. Darüber hinaus ist es auch krankenhausintern gelungen, die Kompetenz eines multiprofessionellen Teams einzubringen, welches in den Behandlungsablauf fest eingeflochten ist. Neben der medizinischen Kompetenz in den Bereichen Urologie, Gynäkologie und Kolo-Proktologie (Behandlung von Erkrankungen des Enddarmes und des Dickdarmes) runden die innere Medizin, Physiotherapie, Ernährungsberatung, sexualmedizinische Beratung und professionelle Pflege das umfassende Behandlungsangebot ab. Das Konzept des Beckenbodenzentrums trägt dadurch auch den zunehmend wichtiger werdenden Leistungsangeboten im Bereich der Vorbeugung und Beratung Rechnung. Wir wollen diese Erkrankungen aus der Tabuzone holen und dass unsere Patienten durch eine optimale Behandlung ihre Lebensqualität wieder erlangen. Dazu bieten wir eine kompetente Beratung bei allen Inkontinenzproblemen in angenehmer und vertrauensvoller Atmosphäre, so Dr. Buthut. Möglich ist dies durch die interdisziplinäre Kooperation mit allen beteiligten Fachdisziplinen sowie niedergelassenen Kollegen, Physiotherapeuten und Heilmittelversorgern, eine spezielle Diagnostik, wie etwa Ultraschalluntersuchungen, Röntgenuntersuchungen inklusive CT und MRT sowie eine differenzierte Enddarmdiagnostik und Darmspiegelungen. Zum Leistungsspektrum gehören auch konservative Therapien wie Beckenbodentraining, Elektrostimulation, Bio-Feedback, Ernährungsberatung, Verhaltenstherapie, eine diffizile operative Therapie wie Band- und Netzimplantationen im Beckenbereich, komplexe Beckenbodenrekonstruktionen, offene und endoskopische Operationen sowie die Chirurgie der Analinkontinenz (Unfähigkeit, den Schließmuskel abzudichten) und Senkungen. Betroffene Patienten und ihre behandelnden Haus- und Fachärzte haben ab sofort die Möglichkeit, im Bedarfsfall einen Vorstellungstermin über die Sekretariate der drei am Beckenbodenzentrum im Klinikum Niederlausitz beteiligten Fachbereiche zu vereinbaren. Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie: Telefon Klinik für Urologie: Telefon Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe: Telefon PM Klinikum Niederlausitz v. l.: Chefarzt Dr. med. Thomas Buthut (Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie), Chefarzt Dr. med. Wolfgang Schmidt (Klinik für Urologie) und Chefärztin Dipl.-Med. Astrid Wollbrandt (Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe) arbeiten im neuen Bodenzentrum Hand in Hand Foto: Klinikum Niederlausitz/ Daniela Graß Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat in jedem Bundesland mindestens eine Beraterin für das Verfahren der vertraulichen Geburt geschult. Für das Land Brandenburg ist dies: Frau von Lindenfels, Beratungsstelle pro familia in Potsdam, Telefon profamilia.de. Brandenburgisches Ärzteblatt

20 AKTUELL NEUES GESETZ IN KRAFT GETRETEN Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt Foto: Jonathan fotolia Im Mai ist das Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt in Kraft getreten. Die Federführung für die Umsetzung dieser bundesgesetzlichen Regelungen liegt innerhalb der Landesregierung Brandenburg beim Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie (MASF). Auch wenn ich vermute, dass Sie schon mit dem Gesetz vertraut sind, möchte ich Sie gerne rein vorsorglich über die wesentlichen Inhalte des Gesetzes informieren. Das Gesetz soll Frauen schützen, die ihre Schwangerschaft verdrängen oder verheimlichen und vom regulären Hilfesystem insbesondere der Schwangerschaftsberatung derzeit nicht erreicht werden. Heimliche Geburten außerhalb von medizinischen Einrichtungen sollen so unnötig wie möglich gemacht und Fälle verhindert werden, in denen Neugeborene ausgesetzt oder getötet werden. Um diese Ziele zu erreichen, bietet das Gesetz das Verfahren der vertraulichen Geburt an. Mit der vertraulichen Geburt soll sowohl dem Wunsch von Müttern in Krisensituationen, ihr Kind vertraulich zur Welt zu bringen, als auch dem Recht des Kindes, seine eigene Herkunft zu kennen, entsprochen werden. Dieses Wissen ist für jeden Menschen von zentraler Bedeutung und vom Bundesverfassungsgericht als Grundrecht anerkannt. Folgende wesentliche Regelungen enthält das Gesetz: Der Bund macht das schon bestehende Hilfesystem für Schwangere besser bekannt. So soll vor allem über den 2012 eingeführten Anspruch auf unbedingte anonyme Beratung nach 2 Abs. 1 Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG) informiert werden. Dadurch soll die Schwelle zum Zugang zu einer Schwangerschaftsberatungsstelle vor allem für Frauen, die ihre Schwangerschaft verheimlichen wollen, gesenkt werden. Darüber hinaus macht der Bund das Verfahren der vertraulichen Geburt bekannt. Der Bund richtet einen Notruf für Schwangere in psychosozialen Konfliktlagen ein und schafft damit einen weiteren niedrigschwelligen Zugang zum Beratungssystem. Bisher gibt es diesen Notruf aber noch nicht. Alle Schwangerschaftsberatungsstellen bieten Schwangeren mit Anonymitätswunsch umfassende Hilfen und Beratung an, um die den Anonymitätswunsch bedingende psychosoziale Konfliktlage zu lösen. Erst wenn eine Lösung nicht gefunden wird, kommt es zur vertraulichen Geburt. Die Schwangerschaftsberatungsstellen nach den 3 und 8 SchKG beraten und begleiten Schwangere mit einem Anonymitätswunsch zum Thema,,Vertrauliche Geburt. Durch eine umfassende Beratung und Begleitung der betroffenen Frauen sowie die Zusicherung von Vertraulichkeit besteht mit der vertraulichen Geburt ein medizinisch sicheres Angebot für Frauen, die sich trotz der bestehenden Hilfeangebote nicht offenbaren können oder wollen. Der Schwangeren wird für mindestens 16 Jahre Anonymität zugesichert. Die Frau muss ihre Daten nur der Beraterin in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle offenbaren, die zur Geheimhaltung verpflichtet ist. Die Daten werden versiegelt und sicher verwahrt. Die persönlichen Daten der Mutter dürfen frühestens nach 16 Jahren und nur vom Kind eingesehen werden. Sie kann aber nach 15 Jahren wichtige schutzwürdige Belange gegen die Offenlegung ihrer Identität geltend machen. Die Schwangere wählt einen Vorund einen Zunamen, unter dem sie im Verfahren der vertraulichen Geburt handelt (Pseudonym). Die Beratungsstelle meldet die Schwangere unter deren Pseudonym in einer geburtshilfefähigen Einrichtung an. Die Möglichkeit der vertraulichen Geburt besteht auch dann, wenn die Schwangere sich direkt zur Entbindung in die Klinik begeben hat. Die Klinik informiert dann die Beratungsstelle, die der Frau Beratung anbietet, aber nicht aufdrängt. Der Bund übernimmt die Kosten, die im Zusammenhang mit der vertraulichen Geburt sowie der Vor- und Nachsorge entstehen. Die Kostenübernahme erfolgt entsprechend der Vergütung für Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung bei Schwangerschaft und Mutterschaft. Die vertrauliche Geburt gewährleistet, dass das Kind medizinisch betreut zur Welt kommen kann und vom Jugendamt in Obhut genommen wird. Es erhält einen Vormund. Die elterliche Sorge der Mutter ruht. Wenn die Mutter das Kind nicht behalten will, kann dieses adoptiert werden, eine Einwilligung der Mutter dazu ist nicht erforderlich. Die Mutter kann das Kind aber grundsätzlich zu sich zurücknehmen, wenn sie ihre Anonymität aufgibt, ihre Mutterschaft feststeht und das Kindeswohl durch die Rücknahme nicht beeinträchtigt wird. Allerdings gilt dies nur bis zu einem Gerichtsbeschluss über die Annahme des Kindes durch die Adoptiveltern. Mit der Neuregelung möchte das Gesetz eine Alternative zu den umstrittenen Babyklappen und einer völlig anonymen Geburt bieten. Eine gesetzliche Grundlage besteht hierfür nicht. Dennoch schafft das Gesetz zur vertraulichen Geburt weder die anonyme Geburt noch die Babyklappen ab. PM Dr. Barbara Winde, Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie 20 Brandenburgisches Ärzteblatt

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