"Es ist nicht wahr, dass mit 40 oder 50 d e Mög ichkeiten schwinden!"

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1 DAS BESONDERE GESPRÄCH Susan Neiman "Es ist nicht wahr, dass mit 40 oder 50 d e Mög ichkeiten schwinden!" Die Philosoph in Susan Neiman hat ein Plädoyer fürs Erwachsenwerden und gegen die Idealisierung der Jugend geschrieben. Im Gespräch mit BRIGITTE WOMAN erklärt die 59-Jährige, weshalb sie nie wieder 20 sein möchteund warum das Erwachsensein zu Unrecht einen so schlechten Ruf hat 1\HJ:\IE\1 JULIAKARNICK IIITii', DAGMAR MORATH BRIGITTE WOMAN: Wenn mein 16-jähriger Sohn Sie fragt, warum es sich lohnt, erwachsen zu werden -was antworten Sie? Susan Neiman: Du wirst dein Leben in deine eigenen Hände nehmen können. Es wird dich nicht mehr so quälen, das Leben. Denn du wirst Erfahrung darin haben, Entscheidungen zu treffen, und du wirst erkannt haben, dass wenige dieser Entscheidungen endgültig sein müssen, dass du Fehler machen darfst. Ist nicht das Beste am Erwachsensein, dass man bestimmte große Entscheidungen nicht mehr fällen muss? Nein, ich wehre mich dagegen, dass mit 30, 40 oder auch 60 alles festgelegt ist. Das ist eine fürch- tedich resignative Idee, und sie ist nicht wahr. Die einzige Wahl, die man für immer trifft, ist die, Mutter oder Vater zu werden. Schon die Entscheidung, wie das Leben mit Kindern dann aussieht, kann man immerwieder revidieren.} eder kennt Menschen, die mitten im Leben von vorn angefangen haben, beruflich oder privat. Vieles bleibt beweglich. Wenn man nichts bewegen möchte, weil man zufrieden ist: wunderbar! Aber ich will ein Zeichen setzen gegen die Vorstellung, dass mit den Lebensjahren nach und nach automatisch die Möglichkeiten schwinden. Warum ist Ihnen das so wichtig? Weil gerrau diese Vorstellung schuld am schlechten Ruf des Erwachsenseins ist. Heute möchte doch kaum noch jemand als erwachsen gelten. Die meisten fühlen sich lieber jung so wie jener Freund, den Sie im Buch erwähnen, der.,peter Pan", das ewige Kind, als seinen Helden bezeichnet? Dieser Freund ist einer der erwachsensten Menschen, die ich kenne: nicht weil er erfolgreicher Wissenschaftler ist und Großvater. Sondern weil er einerseits das Alleinsein schätzt und zugleich ein extrem offener Mensch ist, dermehrere Sprachen spricht, in vielen Ländern gelebt hat und dabei sehr aktiv ist in der israelischen Friedensbewegung. Dieser Mann übernimmt überall Verantwortung, für die Familie, für seinen Beruf, für sein Land. Gleichzeitig ist er so aufgeschlossen, dass er ständig Neues erlebt und erfährt. Ausgerechnet dieser Freund reagierte entsetzt, als ich sagte, ich schriebe ein Buch zum Thema "Warum erwachsen werden?". Das ist absurd. Es sagt weniger über ihn aus als über das schlechte Bild, das unsere Gesellschaft vom Erwachsensein hat, während es die Jugend idealisiert. Auch aus Sehnsucht nach ewiger Sexyness? I> 62 BRIGITTE woman 03115

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3 Wer Sexyness mit Jugend gleichsetzt, macht es sich zu einfach. Sex wird nur bessermit der Erfahrung des Älterwerdens. Das wissen wir doch alle. ln der kommerziellen Bilderweit sieht das anders aus. Da ist,.sexy" gleich,.jung". 0 ja, da haben Sie recht! Aberdazu will ich anregen mit dem Buch- wenn wir erwachsen werden wollen, müssen wir anfangen, uns eine eigene Meinung zu bilden. Wir müssen überlegen: Was haben solche Bilder mit der Wirklichkeit zu tun? Die Antwort lautet: Nichts! Die Jugend hat keine Ahnung von Sex, er ist für die meistenjungen und Mädchen erst mal eine wahnsinnige Enttäuschung. Nicht umsonst gibt es den Mythos der "erfahrenen Frau" und des "erfahrenen Mannes". Sex wird also in Wahrheit mit denjahrennicht schlechter, sondern besser - so wie die Forschung auch belegt, dass der Mensch immer glücklicher wird im Laufe des Lebens. Und zwar in allen Kulturen: Wie viele 40- oder 50-Jährige kennen Sie, die wieder 24 sein wollen? Niemanden. Sehen Sie, ich auch nicht. Den 18- bis 30-jährigen wird dennoch ständig erzählt, dies wären die allerbesten Jahre ihres Lebens, danach ginge es nur noch bergab. Dabei ist dieses Jahrzehnt oft das härteste, und mit der Auflösung strukturierender Normen und wirtschaftlicher Stabilität ist es noch deutlich härter geworden. Warum also diese idealisierten Bilder vomjungsein? Ja, warum? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft einer der bekanntesten philosophischen Texte - ImmanuelKants"WasistAufklärung?". Darin steht der berühmte Satz: "Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit." Selbst verschuldet deshalb, so Kant, weil wir zu faul oder zu feige sind, selbst zu denken. Genauso wichtigist aber, was er gleich danach schreibt, was aber oft vergessen wird: Es liege nicht im Interesse der Mächtigen, dass wir selbst denken - also erwachsen werden. Denn ein unmündiges Volk sei vielleichter zu regieren als ein kritisches. Darum versuchten jene, die die Macht haben, uns vom Erwachsenwerden abzuhalten. Und wir machen mit, aus Bequemlichkeit. Zu Kants Zeiten lag die Macht bei König und Klerus. Heute leben wir in einer Demokratie. Heute - in den westlich-demokratischen Industrienationen - sind es die Regierungen und vor allem die Wirtschaft, die ein großes Interesse daran haben, dass wir unmündig bleiben. Also versuchen sie zu verhindern, dass sich attraktive Bilder vom Erwachsensein verbreiten. Auf welche Weise? Indem sie uns weismachen, erwachsen zu sein bedeute, Träume, Hoffnungen und Ideale zu begraben. Wir sollen unser Leben und die Welt akzeptieren, wie sie sind, und den Glauben aufgeben, man könne noch viel dar an verändern. Auf der einen Seite zeichnen sie also ein recht deprimierendes, unattraktives Bild vom Erwachsensein. Auf der anderen Seite werden wir permanent der Botschaft ausgesetzt "So schaffst du es, jugendlich zu bleiben!". Das führt dann dazu, dass eine Freundin zu mir sagt: "Oh, du siehst so jung aus!" Ich habe geantwortet: "Wenn du mir sagen willst, dass ich gut aussehe, dann freue ich mich. Aber warum tun wir es uns an, dass wir Attraktivität- oder auch Neugierde und Weltoffenheit - mit Jungsein gleichsetzen?" Wenn wir das tun, schneiden wir uns doch nur ins eigene Fleisch! Sie meinen, die auf ständiges Wachstum ausgerichtete Wirtschaft will uns ~indisch halten, damit sie uns leichter einreden kann, wir bräuchten immer neu es Spielzeug? Wie verhält sich Ihrer Meinung nach der erwachsene Konsument? Nicht, dass Sie denken, ich sei Asketin. Nein, auch ich genieße schöne Dinge. Aber Konsum bereitet immer nur kurz Freude und ist erst recht keine Lösung, wenn wir unzufrieden sind. Wirkliches Glück im Sinne von Erfüllung entsteht nur da, wo man das Gefühl hat, etwas Sinnvolles zu tun, anderen Menschen etwas zu geben. Es ist eine Frage der Balance: Wie viel Zeit seines Lebens widmet man dem Konsum und anderen Äußerlichkeiten - wie viel Zeit hat man übrig für wichtigere Dinge? Viele Leute verwenden viel Zeit darauf, gut auszusehen. Sind die alle unerwachsen? Nun, wir alle möchten anziehend wirken. Das hat erstens etwas mit Lebensfreude zu tun. Zweitens wäre es gelogen zu behaupten, dass der äußere Eindruck keinerlei Rolle spielt. Pubertär finde ich es eher, wenn man sagt: "Scheiß drauf, man soll mein Inneres mögen, deshalb kümmere ich mich gar nicht um mein Aussehen." Aber, wie gesagt, wir dürfen eben deshalb nicht den Fehler begehen, Schönheit mit Jugend zu verwechseln und nicht vergessen, so sagten Sie, dass es noch Wichtigeres gibt. Wir leben in Strukturen, in denen alle voneinander abhängig sind: Irgendwer näht unsere schöne Kleidung, produziert unsere Lebensmittel, baut unsere Häuser. Sichniemals zu fragen:" Werstellt diese Dinge unter welchen Umständen und mit welchen Folgen her?", ist genau jene unkritische Haltung, die es Wirtschaft und Politik so leicht macht, ihre Interessen durchzusetzen. Als Erwachsener sollte man Verantwortung übernehmen für die Gemeinschaft, von der man profitiert. Vielleicht nicht gerade, 64 BRIGITTE WOffiaß 03115

4 "Was das Allerschönste am Erwachsensein ist? Dass du keine Angst mehr davor zu haben brauchst, kindisch zu wirken" wenn man noch kleine Kinder zu versorgen hat, aber zumindest irgendwann im Laufe des Lebens. Sie schreiben, dass nach Kant der erwachsen sei, der akzeptiere, dass es immer Probleme geben wird, und der sich dennoch einsetzt für eine bessere Weit, um es mal ein bisschen pathetisch auszudrücken... Halt, Sie sollten das nicht pathetisch nennen! Warum nicht? Weil es nicht pathetisch ist, Ideale zu haben. Menschen mit Idealen heißen heutzutage.,gutmenschen". Was bitte ist daran pathetisch, an eine bessere Welt zu glauben und für sie zu kämpfen? Dass dieser Ausdruck negativ verwendet wird, zeigt, dass immer mehr Menschen sich scheuen, für irgendwelche Werte einzustehen - große Begeisterung zu empfinden oder große Entrüstung. Eine Stimme in unserem Kopf behauptet: "So große Gefühle sind doch kindisch, als Erwachsene solltest du abgeklärter sein." Diese Stimme ist aber gar keine erwachsene Stimme, denn das Allerschönste am Erwachsensein ist ja, dass du dich nicht mehr zu fürchten brauchst davor, unerwachsen zu wirken. Es ist die Stimme der Adoleszenz, die uns einredet, leidenschaftlich für oder gegen etwas zu kämpfen, sei uncool -jene Stimme, die die Leute in Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" dazu bringt zu schweigen. -' Bitte erläutern Sie das. [>

5 Eine der qualvollsten Seiten am Jungsein ist die Furcht vor der Peinlichkeit, in den Augen der anderen kindisch zu wirken. Diese jugendliche Furcht legen leider viele auch im Erwachsenenalter nicht ab. Sie verhalten sich wie der Hofstaat in Andersens Märchen: Alle wissen, dass der Kaiser nackt ist, aber keiner traut sich, das laut zu sagen. Nicht etwa, weil ihnen sonst Gefängnis, Folter oder gar Mord droht. Sondern? Weil sie Angst davor haben, dumm und uncool zu wirken. Diese Haltung muss man ablegen, wenn man erwachsen werden will. Erst wenn wir uns trauen, Wahrheiten auszusprechen wie "Der Kaiser ist nackt!", sind wir wirklich frei. Nehmen Sie das Thema "Rüstung": Ganz ohne Abschreckung funktioniert diese Welt wohl nicht. Klarist aber, dass wir viel mehr ausgeben für Waffen, als für unsere Sicherheit nötig wäre, während wir angeblich kein Geld haben für bessere Schulen und Universitäten. Die Rüstungsindustrie hat uns eingeredet, die Forderung nach niedrigeren Militärausgaben sei naiv. Pegida wehrt sich gegen die angebliche ",slamisierung des Abendlandes" und die.,meinungsdiktatur" der Politik und.,lügenpresse". lslamisten morden in Europa, um sich dafür zu rächen, dass die Herrschenden sich am Kampf gegen den Islamischen Staat beteiligen. Die einen wie die anderen behaupten, sie hätten endlich angefangen, selbst zu denken. In solchen terroristischen Taten erkenne ich kein Selbstdenken im kantischen Sinn: Die Mörder von Paris waren stolz darauf, sich dem Islamischen Staat zu unterwerfen. Und die Tatsache, dass die Pegida-Anhänger behaupten, sie keine Rassisten, bedeutet nicht, dass sie es se~en nicht doch sind- zumindest versteckt. Was wäre eine erwachsene Art, diesen beiden Gruppen von Menschen zu begegnen? Ich glaube an den moralischen Fortschritt, deshalb würde ich zu beiden Gruppen sagen: "Hey, wir waren in der Geschichte schon mal ein bisscheu weiter, lasst uns miteinander reden!" Dazu gehört auch, eigene Fehler zugeben zu können. Welche zum Beispiel? Die Bush-Regierunghat beim Angriff des Irak gegen internationales Recht verstoßen - darüber wird kaum gesprochen, geschweige denn danach gehandelt: Die Verantwortlichen bleiben ungestraft, sie genießen weiter Reichtum und Ruhm. Das kann keine Rechtfertigung für Terror sein. Aber erwachsene Menschen richten den Blick erst auf die eigene Schuld, bevor sie auf die Schuld anderer hinweisen. Sie glauben an die Macht des Dialogs auch im Kampf gegen Fundamentalismus? ] a, denn wir sollten uns aufkeinen Fall der Meinung anschließen, bei den Islamisten handele es sich um Menschen, denen es unmöglich sei, in unserer Gesellschaft anzukommen. Dass wir im Westen keine attraktiven Vorbilder von Erwachsensein anzubieten haben, ist dabei leider ein grundlegendes Problem. Seit dem Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus wird kaum noch diskutiert über alternative Gesellschaftsformen: Wir haben kaum Ideale für Menschen, die Konsum nicht zum einzigen Sinn ihres Lebens machen wollen oder können. Ich denke, das ist auch der Grund, warum unter den jungen deutschen Muslimen, die sich dem IslamischenStaat anschließen, viele sind, die recht gebildet sind und soziale Aufstiegschancen gehabt hätten. Auch junge Mädchen schließen sich islamistischen Kämpfern an. Meine erste Reaktiondaraufwar natürlich: "Mensch, wieso begeben die sich freiwillig ins Sklaventum?" Dann waren auf einmal im Internet überall Fotos von KimKardashians nacktem Po zu sehen: Die wollte damit das Netz lahmlegen. Da habe ich gedacht: Die ganze Popkultur entwickelt sich inzwischen eindeutig in Richtung Pornografie, der weibliche Körper wird immer mehr zum reinen Verkaufsobjekt. Wenn ein junges Mädchen denkt, Frausein bedeute hierzulande, Kim Kardashian nacheifern zu müssen, dann kann ich schon fast verstehen, wenn sie denkt: "Lieber einen Schleier als das!" Worauf sollte sich der Westen besinnen? Wir müssen uns entscheiden: Entweder wir verfallen in eine vormoderne Nostalgie, damit spielen viele Fundamen'talisten. Oder wir verharren in postmoderner Ironie, lehnen jedes echte Engagement ab und kümmern uns nur noch darum, unsere Gene weiterzugeben. Oder wir wählen die Moderne mit ihrer Möglichkeit zur Selbstkritik und Selbstkorrektur. Dann müssen wir die Werte der Aufklärung verteidigen. Welche Werte sind das? Erstens: das Recht auf Glück auf Erden für alle Menschen. Zweitens: die Vernunft, undzwarnicht die kalte, technokratische, sondern die Vernunft, die hinterfragt und die wir brauchen, um unsere Leidenschaften zu realisieren. Drittens: die Fähigkeit zur Ehrfurcht vor der Schöpfung. Und viertens: der Glaube daran, dass Veränderung und Fortschritt möglich sind. Die Aufklärung ist das beste Produkt, das Europa je hervorgebracht hat, die Europäerinnen und Europäer sollten stolz darauf sein und dafür einstehen -auch damitjunge Menschen sagen können: Für diese Werte möchte ich gern leben und erwachsen werden. 0 Zur Person Die Philosoph in Prof. Dr. Susan Neiman, geboren 19S5 in Atlanta, lebt in Berlin und ist Direktorin des Einstein Forums Potsdam. Ihr Studium absolvierte sie in den 80ern in Harvard. Bevor sie 2000 die Leitung des Einstein Forums übernahm, arbeitete sie als Professorin an der Yale-Universität und an der Universität von Tel Aviv. Sie hat drei Kinder und ist Autorin mehrerer Bücher. Das,..- SUSAN... neueste ist gerade auf Deutsch er- NEJMA schienen: "Warum erwachsen wer den? Eine philosop hische Ermutigung", 240 Seiten, 18,90 E~ 1 ro, Hanser Berli n 66 BRIGITTE WOIDan

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