Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

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1 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko Kreditvergabeprozess und Eine Kooperation von Oesterreichischer Nationalbank und Finanzmarktaufsicht FMA

2 Medieninhaber (Verleger): Oesterreichische Nationalbank (OeNB) A-1090 Wien, Otto-Wagner-Platz 3 Finanzmarktaufsicht (FMA) A-1090 Wien, Praterstra e 23 Hersteller: Oesterreichische Nationalbank Fu r den Inhalt verantwortlich: Gu nther Thonabauer, Sekretariat des Direktoriums/O ffentlichkeitsarbeit (OeNB) Barbara No sslinger, Stabsabteilung Allgemeine Vorstandsangelegenheiten und O ffentlichkeitsarbeit (FMA) Redaktion: Gabriela de Raaij, Heidi Koller, Markus Lietz, Wolfgang Spacil, Doris Wanka (alle OeNB) Ursula Hauser-Rethaller, Karin Zartl (alle FMA) Grafische Gestaltung: Peter Buchegger, Sekretariat des Direktoriums/O ffentlichkeitsarbeit (OeNB) Satz, Druck und Herstellung: Oesterreichische Nationalbank, Hausdruckerei Verlags- und Herstellungsort: 1090 Wien, Otto-Wagner-Platz 3 Ru ckfragen: Oesterreichische Nationalbank Finanzmarktaufsicht (FMA) Sekretariat des Direktoriums/O ffentlichkeitsarbeit Wien 9, Otto-Wagner-Platz 3 Postanschrift: Postfach 61, A-1011 Wien Telefon: 01/ DW 6666 Telefax: 01/ DW 6696 Nachbestellungen: Oesterreichische Nationalbank Abteilung fu r Post- und Aktenwesen Wien 9, Otto-Wagner-Platz 3 Postanschrift: Postfach 61, A-1011 Wien Telefon: 01/ DW 2345 Telefax: 01/ DW 2398 Internet: Papier: Salzer Demeter, 100% chlorfrei gebleichter Zellstoff, sa urefrei, ohne optische Aufheller DVR Wien 2004

3 Vorwort Der vermehrte Einsatz innovativer Finanzprodukte wie Verbriefungen oder Kreditderivate und die Weiterentwicklung moderner Risikomanagementmethoden fu hrt zu wesentlichen Vera nderungen in den gescha ftlichen Rahmenbedingungen der Kreditinstitute. Insbesondere im Kreditbereich erfordern die besagten Neuerungen eine Anpassung von bankinternen Softwaresystemen und relevanten Gescha ftsprozessen an die neuen Rahmenbedingungen. Die ªLeitfadenreihe zum KreditrisikoÒ soll eine Hilfestellung bei der Umgestaltung der Systeme und Prozesse in einer Bank im Zuge der Implementierung von ªBasel IIÒ darstellen. Im Laufe des Jahres 2004 werden Leitfa den zu den Themenbereichen Verbriefung, Rating und Validierung, Kreditvergabeprozess und Kreditrisikosteuerung sowie Kreditrisikomindernde Techniken publiziert. Die gezeigten Inhalte orientieren sich an internationalen Entwicklungen im Bankengescha ft und sollen vom Leser als Beispiele fu r eine ªBest PracticeÒ aufgefasst werden, deren Umsetzung auch unabha ngig von der Existenz neuer Eigenmittelrichtlinien Sinn macht. Zweck der Leitfadenreihe ist die Entwicklung eines gemeinsamen Versta ndnisses zwischen Aufsicht und Banken in Bezug auf die anstehenden Vera nderungen im Bankgescha ft. Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) und die Finanzmarktaufsichtsbeho rde (FMA) verstehen sich in diesem Zusammenhang als Partner der heimischen Kreditwirtschaft. In diesem Sinne hoffen wir mit der ªLeitfadenreihe zum KreditrisikoÒ eine interessante Lektu re geschaffen zu haben, vor deren Hintergrund Neuerungen im o sterreichischen Bankwesen effizient diskutiert werden ko nnen. Wien, im Juni 2004 Univ. Doz. Mag. Dr. Josef Christl Mitglied des Direktoriums der Oesterreichischen Nationalbank Dr. Kurt Pribil, Univ. Prof. Dr. Andreas Gru nbichler Vorstand der FMA Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 3

4 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung 7 2 Kreditvergabeprozess Einleitung Segmentierung der Kreditvergabeprozesse Ausgangssituation Beru cksichtigung von Risikogesichtspunkten Ansa tze zur Gliederung der Kreditvergabeprozesse Pru fungsgegenstand und Engagementfu hrung U berblick u ber den Kreditvergabeprozess Einbindung des Vertriebs und der EDV bei der Prozessausgestaltung Prozessschritte bis zur Bonita tspru fung Datenbeschaffung Plausibilita ts- und Vorpru fung Datenu bergabe Engagementbewertung: Bonita tspru fung und Sicherheitenbewertung Standardisierte Modelle zur Datenauswertung (Ratingmodelle) Individualentscheidung Automatisierte Entscheidung Angebotserstellung, Kreditentscheidung und Dokumentation Angebotserstellung Kreditentscheidung Kompetenzordnung Interne Dokumentation und Kreditvertra ge Kreditauszahlungskontrolle Laufende U berwachung der Kreditengagements, Fru hwarnsystem und Mahnwesen Periodische U berpru fungen und Prolongation Risikoinduzierte U berpru fungen Fru hwarnsysteme Mahnwesen Intensivbetreuung und Problemkreditbearbeitung U berleitungsprozess und Verantwortlichkeiten U berleitungsprozesse Ausgestaltung der Intensivbetreuung Ausgestaltung des Sanierungsprozesses Ausgestaltung des Abwicklungsprozesses Risikovorsorge Einleitung Inhalte und Ziele des Kapitels Funktionen des Risikomanagements Voraussetzungen fu r ein effizientes Risikomanagement Verknu pfung von Risikomanagement und Wertmanagement Risikotragfa higkeit Kalkulation der Risiken Ermittlung der Risikodeckungsmasse Gegenu berstellung von Risiko und Risikodeckungsmassen 63 4 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

5 Inhaltsverzeichnis Steuerung der Gescha ftsta tigkeit: O konomisches versus regulatorisches Kapital Risikostrategie Kapitalallokation Limitwesen Verfahren zur Limitfestlegung Ausgestaltung des Limitwesens Limitkontrolle und Verfahren bei Limitu berziehung Risikosteuerung Portfolioabgrenzung und Exposure-Zuordnung Steuerung von Einzelkrediten Steuerung des Portfolios Risikoberichtswesen Risikomanagementsysteme Systemanforderungen Risikou berwachungssysteme und Fru hwarnsysteme Risikosteuerungssysteme 92 4 Aufbauorganisation Einleitung Funktionen in der Kreditorganisation Internationale Trends Organisationsrichtlinien Unternehmensleitung Gescha ftsleitung Risikokomitees Bearbeitung Risikoanalyse Kreditsachbearbeitung Dienstleistungsfunktionen Sanierung/Abwicklung Risikomanagement Funktionen des Zentralen Kreditstabs Kreditrisikosteuerung Portfoliomanagement Kreditrisikokomitees Interne Revision Einleitung Bedeutung und Aufgaben der internen Revision Allgemeine Pru fbereiche Pru fung des Kreditgescha fts Pru fungen Pru fungsplanung und -durchfu hrung Berichterstattung Follow-up Interne Revision und Basel II Pru fungsplanung Literaturliste 114 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 5

6 Abku rzungsverzeichnis Basel II Neue Eigenkapitalvereinbarung des Baseler Ausschusses fu r Bankenaufsicht BWG Bankwesengesetz CAPM Capital-Asset-Pricing-Modell CCF Credit Conversion Factor (Kreditumrechnungsfaktor) CCO Chief Credit Officer CRO Chief Risk Officer EAD Exposure at Default (Erwartete Ho he der Forderungen zum Zeitpunkt des Ausfalls) EU-RLE Richtlinienentwurf der Europa ischen Kommission bezu glich der Kapitalada quanz fu r Kreditinstitute in der EU (Konsultationspapier vom 1. Juli 2003) EVA Economic-Value-Added (eingetragene Marke von Stern, Steward & Co.) EWB Einzelwertberichtigungen IRB-Ansatz Auf internen Ratings basierender Ansatz KN Kreditnehmer KMU Kleine und mittlere Unternehmen LGD Loss Given Default (Verlustquote bei Ausfall) M Maturity (Effektive Restlaufzeit) PD Probability of Default (Ausfallwahrscheinlichkeit) RAPM Risk adjusted performance measure (Risikoadjustierte Ergebnisgro en) (RA)RORAC Risk adjusted Return on Risk adjusted Capital ROE Return on Equity (Eigenkapitalrentabilita t) RORAC Return on Risk adjusted Capital SPV Special Purpose Vehicle (Fu r Verbriefung gegru ndete Zweckgesellschaft) SRK Standardrisikokosten VAG Versicherungsaufsichtsgesetz VaR Value-at-Risk (Risikokapital) 6 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

7 1 Einleitung Der vorliegende Leitfaden ªKreditvergabeprozess und Ò ist der dritte Band der ªLeitfadenreihe zum KreditrisikoÒ, einer gemeinsamen Publikationsreihe von Finanzmarktaufsicht und Oesterreichischer Nationalbank. Mit diesem Leitfaden werden zwei Zielsetzungen verfolgt: Erstens soll dem gesteigerten Informationsbedu rfnis der Kreditinstitute vor dem Hintergrund der Vorbereitungen auf Basel II Rechnung getragen werden. Der zweite Grund ist die aktuell versta rkt erfolgende Neuorganisation dieser Prozesse und der entsprechenden Organisationsstrukturen in vielen Kreditinstituten. Diese Neuerungen lassen in manchen Instituten ein Bedu rfnis nach einer Zusammenfassung von erprobten Konzepten und Methoden entstehen. Hierbei soll der Leitfaden Kreditinstituten als beispielhafter Anforderungskatalog bei ihrer Beurteilung der derzeitigen Ausgestaltung ihrer Kreditvergabeprozesse sowie ihres s dienen und Anhaltspunkte fu r die zuku nftige Ausgestaltung dieser Prozesse liefern. Aufgrund der Vielschichtigkeit der o sterreichischen Kreditwirtschaft werden nicht alle erwa hnten Konzepte und Methoden fu r alle Kreditinstitute gleiche Relevanz besitzen. Auf eine ausdru ckliche Differenzierung nach Gescha ften oder Arten von Kreditinstituten wurde im Sinne einer allgemein gu ltigen Best- Practice-Darstellung im Leitfaden verzichtet. Die o sterreichischen Kreditinstitute sind eingeladen, selbst zu beurteilen, welche der vorgestellten Konzepte und Modelle fu r sie aufgrund ihrer Gescha ftsta tigkeit relevant sind. Der Leitfaden soll darlegen, welche Verfahren im Rahmen des Kreditvergabeprozesses und welche Methoden des s von Finanzmarktaufsicht und Oesterreichischer Nationalbank als ªBest PracticeÒ angesehen werden. Er stellt einen Orientierungsraster dar, aus dem jeder das fu r seine Gescha ftsta tigkeit passende Stu ck herausnehmen kann, um seine eigenen Kreditvergabe- und prozesse einer kritischen U berpru fung zu unterziehen und Verbesserungspotenziale zu entdecken und auszuscho pfen. Dabei ist die Grenze des vertretbaren Aufwands von jedem Kreditinstitut selbst zu ziehen. In diesem Sinne kann dieser Leitfaden insbesondere auch Anregungen fu r die Umsetzung der ªFMA-Mindeststandards fu r das Kreditgescha ft und andere Gescha fte mit AdressenausfallrisikenÒ, die demna chst der Kreditwirtschaft unterbreitet werden, geben. Dieser Leitfaden entha lt keine verpflichtenden Vorschriften fu r Kreditinstitute. Der Leitfaden ist wie folgt aufgebaut. In Kapitel 2 werden entlang der Vielzahl der Einzelprozessschritte einzelne Prozessbestandteile und die ihnen inha renten Risiken dargestellt. In Kapitel 3 werden die Methoden und Prozesse des s behandelt. Das vierte Kapitel umfasst die aufbauorganisatorische Einbindung der dort beschriebenen Risikopru fungs- und U berwachungsfunktionen in die Gesamtbanksteuerung. Das fu nfte und letzte Kapitel bescha ftigt sich mit Fragen der internen Revision. Eine bewusst kurz gehaltene Liste mit Literaturverweisen soll dem Leser das Auffinden weiterfu hrender Literatur erleichtern. Schlie lich soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Leitfaden rein deskriptiven und informativen Charakter hat. Es ko nnen und sollen in diesem Leitfaden keine Aussagen u ber aufsichtsrechtliche Anforderungen an Kreditinstitute zum Kreditvergabeprozess und getroffen Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 7

8 werden, und die zusta ndige Beho rde wird durch den vorliegenden Leitfaden nicht pra judiziert. Hinweise auf Richtlinienentwu rfe beziehen sich auf die zum Zeitpunkt der Erstellung des Leitfadens aktuellen Texte und dienen ausschlie lich der Information. Wenngleich der vorliegende Leitfaden mit gro tmo glicher Sorgfalt erarbeitet wurde, u bernehmen die Herausgeber keine Gewa hr oder Haftung fu r den Inhalt. 8 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

9 2 Kreditvergabeprozess 2.1 Einleitung Im Rahmen dieses Kapitels werden einzelne Prozessschritte des Kreditvergabeprozesses dargestellt und exemplarisch deren Ausgestaltung erla utert, da diese sowie deren Umsetzung wesentlichen Einfluss auf das mit der Kreditvergabe verbundene Risiko haben. In diesem Kapitel kann jedoch keine abschlie ende Darstellung eines Modellkreditprozesses erfolgen; zu vielfa ltig sind die bei der Konzeption von Kreditprozessen zu beachtenden Unterschiede, die ihren Ursprung zumeist in der Heterogenita t der zu bearbeitenden Produkte haben. Nichtsdestotrotz ist es mo glich, bestimmte Prozessbestandteile herauszuheben und deren prinzipielle Ausgestaltung eines unter Risiko- und Effizienzgesichtspunkten optimierten Kreditprozesses aufzuzeigen. Dementsprechend sind es grundsa tzlich die Risikotreiber bei der Durchfu hrung eines Kreditvergabeund Ratingprozesses, die den Aufbau dieses Kapitels ma geblich beeinflussen. Zuna chst ist die Frage nach den mo glichen Fehlerquellen zu stellen, auf deren Vermeidung die Ausgestaltung des Kreditvergabeprozesses ausgerichtet sein muss. Die in der Praxis am ha ufigsten anzutreffenden Fehler lassen sich auf folgende zwei Quellen zuru ckfu hren: Materielle Fehler: Diese umfassen die fehlerhafte Beurteilung eines Kreditengagements trotz einer vollumfa nglichen und transparenten Darstellung. Prozessuale Fehler: Prozessuale Fehler treten in zwei Erscheinungsformen auf. Einerseits kann bereits die ablauforganisatorische Ausgestaltung der Kreditprozesse durch prozessuale Fehler gekennzeichnet sein. Diese Fehler fu hren zu einer unvollsta ndigen oder falschen Darstellung eines Kreditengagements. Andererseits ko nnen prozessuale Fehler auch durch eine fehlerhafte Durchfu hrung des Kreditprozesses entstehen. Diese beruhen auf einem bewussten oder unbewussten Fehlverhalten der fu r die Durchfu hrung des Kreditprozesses verantwortlichen Personen. In diesem Kapitel wird in vielen Bereichen bei der Darstellung einzelner Prozessschritte auf die grundsa tzliche Logik der Fehlervermeidung durch Einwirkung auf die Risikotreiber zuru ckgegriffen, jedoch nicht an jeder Stelle erneut erla utert, welche Fehlerquellen durch jeweilige Ausgestaltung gemindert bzw. ausgeschaltet werden ko nnen. Wa hrend die Bonita tspru fung beispielsweise darauf abstellt, Transparenz u ber den Risikogehalt eines mo glichen Engagements zu schaffen (und damit die Vermeidung materieller Fehler unterstu tzt), zielt die in den internen Richtlinien vorgegebene Ausgestaltung der sonstigen Prozessbestandteile im Wesentlichen auf die Vermeidung von prozessualen Fehlern im Rahmen des Kreditvergabeprozesses ab. Dennoch werden sowohl materielle als auch prozessuale Fehler in der Regel durch dieselben Risikotreiber beeinflusst. Diese Risikotreiber sind auch der Ansatzpunkt fu r die unter Risikogesichtspunkten optimale Ausgestaltung von Kreditprozessen. Dabei ko nnen Banken auf verschiedenste Ma nahmen zur Risikominimierung zuru ckgreifen. Abbildung 1 stellt diesen Zusammenhang dar. Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 9

10 Abbildung Segmentierung der Kreditvergabeprozesse Die Beurteilung des Kreditrisikos setzt eine intensive Auseinandersetzung mit der wirtschaftlichen und rechtlichen Situation des Kreditnehmers sowie den jeweiligen Rahmenbedingungen (z. B. Branche, konjunkturelle Entwicklung) voraus. Die Qualita t von Kreditvergabeprozessen ha ngt einerseits von der transparenten und umfassenden Darstellung der Risiken bei der Kreditgewa hrung und andererseits von deren ada quaten Beurteilung ab. Daru ber hinaus stellt die mo glichst effiziente Ausgestaltung der Kreditprozesse ein entscheidendes Bewertungskriterium dar. Auf Grund der stark unterschiedlichen Merkmale verschiedener Kreditnehmer (z. B. Privatpersonen, bo rsennotierte Unternehmen, Staaten etc.) bzw. der zu finanzierenden Objekte (z. B. Wohnimmobilien, Produktionssta tten, Maschinen etc.) und der hohen Produktanzahl und -komplexita t kann es keinen einheitlichen Prozess zur Beurteilung von Kreditrisiken geben. Entsprechend ist eine Differenzierung vorzunehmen. Dieses Unterkapitel beschreibt die ma geblichen Kriterien, die unter Risiko- und Effizienzgesichtspunkten bei der Ausgestaltung dieser Differenzierung zu beru cksichtigen sind Ausgangssituation Die gro e Mehrheit der Kreditinstitute betreut eine Vielzahl an unterschiedlichen Kundensegmenten. Die Segmentierung wird in erster Linie zur Differenzierung der Betreuungsansa tze und zur Individualisierung der Marketingbemu - hungen herangezogen. Daraus resultiert, dass es sich in den meisten Fa llen um eine an den Bedu rfnissen der Kunden ausgerichtete Abgrenzung handelt. Die Bank versucht, den Bedu rfnissen der Kunden im Hinblick auf zeitliche und ra umliche Erreichbarkeit, Produktangebot und -know-how sowie Beratungsintensita t entsprechend ihrer Gescha ftspolitik nachzukommen. In der Praxis 10 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

11 spielen dabei U berlegungen zur Verbindung des Vertriebs mit den Risikoanalyseeinheiten in vielen Fa llen zuna chst keine Rolle. Die Vertriebsorganisation bestimmt ha ufig die Ausgestaltung der Ablauforganisation in den Risikoanalyseeinheiten. Entsprechend spiegelt sich die auf der Vertriebsseite bestehende Vielfalt an Segmenten oft in der Gliederung der Aufbau- und Ablauforganisation 1 in den Risikoanalyseeinheiten wider. Nach Kundensegmenten vorgenommene Gliederungen werden unter anderem durch produktspezifische Segmente erga nzt; ein einheitliches Modell ist jedoch dabei nicht zu erkennen. Betrachtet man die unterschiedlichen Gro en von Banken, ist ein solches Modell, bedingt durch geringe Mengengeru ste 2 an vergleichbaren Forderungen bei kleinen Banken, auch aus Gru nden der Komplexita t, Wirtschaftlichkeit und Kundenna he nicht opportun. Die transparente und umfassende Darstellung sowie die objektive und subjektive Bewertung der mit der Vergabe von Krediten einhergehenden Risiken mu ssen jedoch in allen Fa llen, unabha ngig von der Gro e der Bank, gewa hrleistet werden. Die Kriterien, die im Rahmen der Darstellung und Bewertung von Kreditrisiken beachtet werden mu ssen, sind daher fu r eine Ausgestaltung der Kreditvergabeprozesse entscheidend. Erfolgt auf Basis der jeweils relevanten Kriterien eine unterschiedliche Ausgestaltung der vertriebsseitigen und der analyseseitigen Segmentierung, so entsteht in Hinblick auf die Weitergabe von Kreditengagements vom Vertrieb in die Bearbeitung ein Spannungsverha ltnis. Die jeweils einem Vertriebssegment zugeordnete Risikoanalyse bzw. Kreditsachbearbeitungseinheit kann unter Umsta nden nicht alle im entsprechenden Vertriebssegment angebotenen Produkte unter Risikogesichtspunkten optimal bearbeiten (z. B. Bearbeitung einer privaten Baufinanzierung in der Risikoanalyseeinheit fu r Unternehmenskunden). Dies kann durch eine Flexibilisierung der Schnittstelle zwischen Vertrieb und Bearbeitung vermieden werden. In diesem Fall sollten die internen Richtlinien auf die hier behandelte Problematik eingehen. Eine Flexibilisierung der Schnittstelle zur Lo sung potenzieller Spannungsverha ltnisse kann sowohl unter Risikoals auch unter Effizienzgesichtspunkten sinnvoll sein Beru cksichtigung von Risikogesichtspunkten Entscheidend fu r die Qualita t des Kreditvergabeprozesses aus Risikogesichtspunkten sind die bestmo gliche Identifizierung und Bewertung des mit einem mo glichen Engagement verbundenen Kreditrisikos. Das Kreditrisiko kann dabei auf vier Risikokomponenten aufgeteilt werden, die als solche Eingang in die Neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung (im Folgenden: Basel II) 3 gefunden haben: a. Ausfallwahrscheinlichkeit (PD = Probability of Default) b. Verlustquote bei Ausfall (LGD = Loss Given Default) c. Erwartete Ho he der Forderung zum Zeitpunkt des Ausfalls (EAD = Exposure at Default) 1 Die Ausgestaltung der Aufbauorganisation wird in Kapitel 4 dieses Leitfadens behandelt. 2 Anzahl an zu bearbeitenden Kreditantra gen. 3 Die Europa ische Kommission u bernimmt einen Gro teil der Empfehlungen vom Baseler Ausschuss fu r Bankenaufsicht. Die daraus resultierende EU-Richtlinie zur Kapitalada quanz ist von den EU-Mitgliedstaaten in nationales Recht u berzuleiten und damit fu r alle in der EU ta tigen Kreditinstitute rechtlich verbindlich. Dieser Leitfaden bezieht sich daher unter dem Schlagwort Basel II an vielen Stellen auf den diesbezu glichen EU-Richtlinienentwurf (Review of capital requirements for banks and investment firms; Commission services third consultation paper; Working document; 1 July 2003), in weiterer Folge EU-RLE genannt. Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 11

12 d. Effektive Restlaufzeit (M = Maturity) Im Rahmen der Kreditvergabeprozesse ist insbesondere auf die Ausfallwahrscheinlichkeit (PD), die Verlustquote bei Ausfall (LGD) und die erwartete Ho he der Forderung zum Zeitpunkt des Ausfalls (EAD) abzustellen. Die effektive Restlaufzeit (M) ist fu r die Berechnung des Eigenmittelerfordernisses notwendig, spielt jedoch in der Engagementpru fung eine untergeordnete Rolle. 4 Die Bedeutung der Ausfallwahrscheinlichkeit (PD), der Verlustquote bei Ausfall (LGD) und der erwarteten Ho he der Forderung zum Zeitpunkt des Ausfalls (EAD) wird im Folgenden na her erla utert Ausfallwahrscheinlichkeit Die Pru fung der Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kreditnehmers erfolgt im Kern durch die Bewertung seiner aktuellen und zuku nftigen Fa higkeit zur Begleichung der Zinszahlungs- und Tilgungsverpflichtung. Diese Bewertung muss auf unterschiedliche Charakteristika des Kreditnehmers (natu rliche oder juristische Person) Ru cksicht nehmen. Entsprechend sollte eine Differenzierung der Kreditprozesse anhand der von der Bank betreuten Kreditnehmer erfolgen. Zusa tzlich ist zu beru cksichtigen, dass bei bestimmten Finanzierungen die Begleichung der Zinszahlungs- und Tilgungsverpflichtungen ausschlie lich aus dem Cashflow des zu finanzierenden Gegenstands erfolgen soll, ohne dass ein Ru ckgriff auf weitere Vermo genswerte des Kreditnehmers vorgenommen werden kann. In diesem Fall muss die Bonita tspru fung auf die Tragfa higkeit des zu Grunde liegenden Gescha ftsmodells eingehen: Die Quelle der zur Begleichung der Zinszahlungs- und Tilgungsverpflichtungen beno tigten Zahlungsstro me ist daher zu beru cksichtigen Verlustquote bei Ausfall Die Verlustquote bei Ausfall wird durch den Besicherungsanteil sowie die Kosten der Sicherheitenverwertung beeinflusst. Entsprechend ist der ermittelte Wert der Sicherheiten bzw. die Art der Besicherung ebenfalls bei der Ausgestaltung der Kreditvergabeprozesse zu beru cksichtigen Erwartete Ho he der Forderung zum Zeitpunkt des Ausfalls In den allermeisten hier zu besprechenden Fa llen entspricht die erwartete Ho he der Forderung zum Zeitpunkt des Ausfalls dem der Bank geschuldeten Betrag. 5 Also ist die Ho he der Forderung neben der Art der Forderung ein wesentliches Kriterium im Rahmen der Kreditvergabeprozesse. Zusammenfassend sollten somit vier Faktoren bei der Segmentierung von Kreditvergabeprozessen beru cksichtigt werden: 1. Art des Kreditnehmers 2. Quelle der Zahlungsstro me 3. Wert der Sicherheiten bzw. Art der Besicherung 4. Ho he und Art der Forderung 4 Die vorgesehene Laufzeit des Engagements ist im Rahmen der Kreditentscheidung zu beru cksichtigen. Da sie jedoch keiner gesonderten Pru fung zu unterziehen ist, wird sie im Rahmen dieses Kapitels nicht explizit behandelt. 5 Die Sonderfa lle, die unter anderem in Zusammenhang mit au erbilanziellen Bankgescha ften auftreten ko nnen, werden im Rahmen dieses Kapitels nicht ero rtert. 12 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

13 2.2.3 Ansa tze zur Gliederung der Kreditvergabeprozesse In den folgenden Unterpunkten werden Segmentierungsvorschla ge fu r die Beru cksichtigung der vier oben genannten Faktoren in der Gliederung der Kreditvergabeprozesse dargestellt. Bedingt durch die gro en Unterschiede in der Gro e und Komplexita t des durch Banken betriebenen Kreditgescha fts ist die Definition eines optimalen Modells nicht mo glich. Von der Darstellung einer Mustersegmentierung wird daher abgesehen. Anschlie end an die Segementierungsvorschla ge werden zwei Prinzipien behandelt, die bei der Differenzierung der Kreditvergabeprozesse nach den vier Risikokomponenten erga nzend zu beachten sind, um eine effiziente Ausgestaltung der Kreditprozesse zu gewa hrleisten: Unterscheidung zwischen Standard- und Individualprozessen in den einzelnen Segmenten Beru cksichtigung der Forderungsklassen nach Basel II Art des Kreditnehmers Im Allgemeinen wird die Art des Kreditnehmers als oberste Gliederungsebene der Kreditvergabeprozesse herangezogen. Dies la sst sich auf die u bergeordnete Bedeutung der Pru fung der rechtlichen und wirtschaftlichen Verha ltnisse im Rahmen der inhaltlichen Bonita tspru fung zuru ckfu hren. Die Art der Beurteilung der wirtschaftlichen Verha ltnisse ist ma geblich von den zur Verfu gung stehenden Daten abha ngig. Entsprechend lassen sich folgende Segmente unterscheiden: Staaten Sonstige o ffentliche Stellen (z. B. Regionalregierungen, lokale Beho rden) Finanzdienstleister (inkl. Kreditinstitute) Firmenkunden Privatkunden U blicherweise werden zumindest die Segmente Firmenkunden und Privatkunden weiter differenziert (etwa nach Produktkategorien) Quelle der Zahlungsstro me Die Unterscheidung der so genannten Spezialfinanzierungen von den sonstigen Unternehmensfinanzierungen beruht darauf, dass die prima re, regelma ig sogar die einzige Quelle fu r die Ru ckfu hrung der Verbindlichkeit, die Einku nfte aus dem finanzierten Objekt sind und weniger die davon unabha ngige Zahlungsfa higkeit eines auf einem breiteren Fundament agierenden Unternehmens. Entsprechend hat sich die Pru fung der Bonita t auf das zu finanzierende Objekt und den erwarteten Cashflow zu konzentrieren. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, sollte auch die Gliederung der Kreditvergabeprozesse zwischen Krediten an Kapital- oder Personengesellschaften oder einen Einzelunternehmer und Spezialfinanzierungen unterscheiden. Innerhalb der Spezialfinanzierungen haben die Kreditinstitute fu r die Eigenmittelberechnung nach Basel II zwischen 1. Projektfinanzierungen, 2. Objektfinanzierungen, 3. Rohstoffhandelsfinanzierungen und Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 13

14 4. Finanzierungen von einkommensgenerierenden gewerblichen Immobilien zu unterscheiden. 6 Diese Untergliederung von Basel II dient prima r der richtigen Bestimmung des Eigenmittelerfordernisses, kann aber auch unter prozessualen Gesichtspunkten sinnvoll sein. Auf die spezifische Ausgestaltung von Kreditvergabeprozessen bei Spezialfinanzierungen wird im Rahmen dieses Kapitels nicht gesondert eingegangen. Die allgemeinen, prozessualen Bestimmungen, die zum Zweck der Risikominimierung beru cksichtigt werden sollten, gelten auch fu r die unter dem Begriff ªSpezialfinanzierungenÒ zusammengefassten Finanzierungsformen Wert der Sicherheiten bzw. Art der Besicherung Der Wert der Sicherheiten bzw. die Art der Besicherung beeinflusst das mit der Vergabe von Krediten verbundene Risiko signifikant. Hervorzuheben sind jene Sicherheitenarten, die dem Kreditgeber dingliche Anspru che an den Sicherheiten einra umen 7, und jene Produktkonstruktionen, bei denen der Kreditgeber rechtlicher und wirtschaftlicher Eigentu mer des Finanzierungsobjekts ist. Zwei Finanzierungsformen sind diesbezu glich von besonderer praktischer Relevanz: Hypothekarfinanzierungen und Leasing-Finanzierungen Die Hypothekarfinanzierungen und das Leasing sind diejenigen Finanzierungsformen, in denen der Kreditgeber oftmals einen besonders hohen Einfluss auf das zu finanzierende Objekt hat. Auf Grund der starken Rechtsstellung, die mit der Einra umung dieser Sicherheiten erreicht wird, kann eine spezialisierte Behandlung der entsprechenden Finanzierungsformen opportun sein. Bezu glich der verschiedenen Sicherheitenarten, die von Banken u blicherweise akzeptiert werden, und deren Bewertung sei auf verwiesen Ho he des Engagements Die Engagementho he beeinflusst unmittelbar den bei Ausfall eines Engagements zu erwartenden Verlust (EAD). Entsprechend sollte mit steigender Engagementho he eine intensivere Pru fung der Bonita t des jeweiligen Kreditnehmers vorgenommen werden. Darauf und auf der Risikominimierung, die sich durch Standardisierung und Automatisierung erreichen la sst, beruht die ha ufig vorgesehene Trennung in kleinvolumiges und gro volumiges Kreditgescha ft im Rahmen der Ausgestaltung der Kreditvergabeprozesse. In der Praxis haben sich fu r die darauf zuru ckgehende Untergliederung innerhalb der Forderungssegmente die Begriffe Standardprozess und Individualprozess etabliert Standard- und Individualprozesse Die Unterscheidung zwischen Standard- und Individualprozessen begru ndet kein eigenes Segment. Vielmehr handelt es sich um eine ha ufig anzutreffende Prozessdifferenzierung innerhalb von Forderungssegmenten, die anhand der zuvor beschriebenen Kriterien definiert werden. Das Kriterium der Engagementho he ist in den allermeisten Fa llen fu r die Abgrenzung zwischen Standard- und Indivi- 6 Das im EU-RLE noch vorgesehene HVCRE ist zum Zeitpunkt der Drucklegung des Leitfadens nicht mehr vorgesehen. 7 Auch andere Sicherheiten (z. B. Garantien, Bu rgschaften) stellen einen erheblichen Sicherungswert dar. Trotzdem tritt meist ihre Eigenheit hinter jene der Kreditnehmerart zuru ck, sodass in der Praxis keine Segmentierung entlang diesen Sicherheitenarten vorgenommen wird. 14 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

15 dualprozessen ma geblich. Neben der Engagementho he ko nnen einige allgemeine Differenzierungskriterien beschrieben werden, die den jeweiligen Prozesstyp kennzeichnen. Die Einrichtung von Standardprozessen verfolgt ganz allgemein das Ziel, eine effizientere Prozessdurchfu hrung zu ermo glichen. Da in den meisten Segmenten bestimmte Produktspezifikationen besonders ha ufig vorkommen, ko nnen Prozesse entwickelt werden, die spezifisch auf diese Charakteristika ausgerichtet werden. Standardprozesse zeichnen sich dadurch aus, dass sie lediglich zur Bearbeitung von bestimmten Kreditprodukten mit beschra nkten Ausgestaltungsmo glichkeiten vorgesehen und geeignet sind. Abbildung 2 entha lt einige der in der Praxis u blichen Merkmale des jeweiligen Prozesstyps. 8 Abbildung 2 Die Beschra nkung auf bestimmte Produkte und maximale Engagementvolumina ermo glicht Vereinfachungen bzw. Automatisierungen im Rahmen des Prozesses (vor allem Kreditentscheidung mittels eines Votums 9 und Mo glichkeit zur weitgehend automatisierten Kreditentscheidung). Individualprozesse sind durch eine adaptive Ausgestaltung gekennzeichnet, welche die Beru cksichtigung einer Vielzahl an unterschiedlichen Produkten, Sicherheiten und Konditionen erlaubt. Typischerweise ist dies vor allem im gro volumigen Unternehmenskundengescha ft erforderlich, da sowohl die bei der Bonita tspru fung zu beachtenden Eigenschaften der Kreditnehmer als auch die Ausstattung der nachgefragten Produkte sehr heterogen sind. Dem ho heren Risikogehalt von Krediten, die innerhalb eines Individualprozesses behandelt werden, sollte mit einer Doppelvotierung (ein Votum des Bereichs ªMarktÒ, eines des Bereichs ªMarktfolgeÒ) Rechnung getragen werden. 8 Diese Aufza hlung erhebt keinen Anspruch auf Vollsta ndigkeit. Auch findet sich in der Praxis eine Vielzahl an Prozessen, die mit den Begriffen Standard- und Individualprozesse bezeichnet werden, die einige der in Abbildung 2 beschriebenen Merkmale nicht aufweisen. Die Darstellung bezweckt allein eine illustrative Darstellung der hinter der Differenzierung stehenden Logik. 9 Vgl. dazu Abschnitt Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 15

16 Forderungsklassen nach Basel II Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung stellt wie bereits erwa hnt in ihrer Umsetzung in das europa ische und folglich in das o sterreichische Recht zwingende Vorschriften zur Eigenmittelunterlegung von Forderungen aus sa mtlichen Bankbuchgescha ften 10 von Banken und Wertpapierfirmen dar. Zur Beurteilung der erforderlichen Kapitalunterlegung sieht Basel II zwei Methoden vor: 1. einen Standardansatz sowie 2. einen auf internen Ratings basierenden Ansatz (IRB-Ansatz). Der IRB-Ansatz 11 ermo glicht eine risikosensitivere Berechnung (auf Basis bankinterner Scha tzungen) der zur Absicherung der Forderungsrisiken erforderlichen Kapitalunterlegung, als dies im Ansatz nach Basel I und im nun modifizierten Standardansatz mo glich war bzw. sein wird. Ziel dabei ist, das aus o konomischer Sicht notwendige Eigenkapital zum Ma stab fu r die aufsichtsrechtliche Eigenkapitalunterlegung zu machen. Diese Mo glichkeit wird allerdings nur dann gewa hrt, wenn die Banken eine den aufsichtsrechtlichen Kriterien entsprechende Messung der Risiken durchfu hren. Im IRB-Ansatz werden 7 Forderungsklassen unterschieden: 1. Forderungen an Staaten 2. Forderungen an Banken 3. Forderungen an Unternehmen 4. Forderungen im Retailgescha ft 5. Beteiligungspositionen 6. Verbriefte Forderungen 7. Anlagevermo gen Entscheiden sich Banken zur Berechnung der Eigenmittelunterlegung fu r die Anwendung des IRB-Ansatzes, mu ssen diese Forderungsklassen und die jeweiligen Subsegmente der Forderungen an Unternehmen und im Retailgescha ft bei der Ausgestaltung der Segmentierung beru cksichtigt werden. Im Hinblick auf eine effiziente Konzeption von Kreditvergabeprozessen wa re daher eine Kongruenz zwischen der Segmentierung und den oben genannten Forderungsklassen empfehlenswert. Eine daru ber hinausgehende Verfeinerung der Segmentierung entsprechend der jeweiligen Gescha ftsausrichtung wird im Regelfall notwendig sein. In Basel II 12 wird dabei zuna chst allein auf die Art des Kreditnehmers abgestellt (Forderungsklassen 1 3), bei den Retailforderungen (Forderungsklasse 4) wird jedoch davon abgegangen. Forderungen an Privatpersonen sind dem Retailportfolio zuzuordnen. Dem Retailportfolio ko nnen jedoch neben Krediten an Privatpersonen auch Kredite an KMUs zugeordnet werden, wenn das Gesamtengagement der Bank, genau genommen der Kreditinstitutsgruppe, gegenu ber jedem dieser Unternehmen (ebenfalls auf Konzernebene betrachtet) kleiner als eine Million Euro ist. Daru - ber hinausgehend du rfen solche KMUs in den bankinternen Kredit(risiko)pro- 10 Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung entha lt auch Regelungen fu r Handelsbuchgescha fte, auf die allerdings im Rahmen dieses Leitfadens nicht explizit eingegangen wird. 11 Auf die weitere Unterteilung innerhalb des IRB-Ansatzes in den Basisansatz bzw. fortgeschrittenen Ansatz wird hier nicht weiter eingegangen. 12 Die Ausfu hrungen beziehen sich auf den IRB-Ansatz. Auch im Standardansatz gibt es diese Dichotomie von Segmentierung der Assetklassen nach Kreditnehmer sowie nach sonstigen Eigenschaften der Forderung. 16 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

17 zessen nicht gleich wie Gro unternehmen behandelt werden. Die Zuordnung zur Forderungsklasse Retail erfolgt nach den unter betriebswirtschaftlichen und Risikogesichtpunkten optimalen Prozessen. Letztendlich ist fu r Retailforderungen auch eine ausreichende Granularita t zu fordern. Dies bedeutet, dass die einzelne Forderung Teil einer gro en Menge von Forderungen sein muss, die von der Bank gleichartig gesteuert werden. Diese Unterscheidung des Retailsegments von den anderen Forderungsklassen ist von erheblicher Bedeutung, denn nach Basel II kann fu r die Unterlegung von Retailforderungen ein so genannter Poolingansatz verwendet werden. Dabei wird bei der Ableitung der Risikoparameter 13 nicht auf eine Einzelforderung, sondern auf einen Pool an gleichartigen Forderungen zuru ckgegriffen. Es kann (nur) in diesem Segment auf vereinfachte Bonita tsbeurteilungsverfahren zuru ckgegriffen werden Pru fungsgegenstand und Engagementfu hrung Kreditvergabeprozesse werden auf Antrag eines Kreditwerbers eingeleitet. Vor allem im Kreditgescha ft mit Unternehmen besteht jedoch ha ufig die Notwendigkeit, mehrere (natu rliche oder juristische) Personen in die Bonita tsbeurteilung einzubeziehen. Dies ist immer dann erforderlich, wenn diese (natu rlichen oder juristischen) Personen als eine wirtschaftliche Einheit zu betrachten sind und somit eine gegenseitige Beeinflussung der Bonita t anzunehmen ist. In der Praxis erfordert die Vergabe eines einzelnen Kredits daher ha ufig die Befassung mit einer Vielzahl von (natu rlichen oder juristischen) Personen. Darauf ist wa hrend des gesamten Kreditvergabeprozesses, jedoch insbesondere bei der Bonita tspru fung zu achten. Ziel einer risikoada quaten und effizienten Ausgestaltung der Kreditvergabe an Unternehmensgruppen sollte es sein, die Pru fung auf den eigentlichen Risikotra ger, jene (natu rliche oder juristische) Person, deren rechtliche und wirtschaftliche Verha ltnisse letztlich fu r die Fa higkeit zur Erfu llung der kreditvertraglichen Verpflichtungen entscheidend sind, zu fokussieren. In jedem Fall ist nach Basel II die Bonita t des Kreditnehmers zu ermitteln. 15 Insbesondere bei weitla ufigen Unternehmensnetzwerken besteht ha ufig mehr als eine vertriebsseitige Verbindung zu dem jeweiligen Kreditinstitut (z. B. eine ausla ndische Konzernholding und eine inla ndische Tochtergesellschaft). In der Praxis fu hrt dies oft zu unklaren Regelungen im Hinblick auf die Engagementfu hrung im Rahmen von Kreditvergabeprozessen. Aus Risikosicht sollte stets das Gesamtrisiko des Risikotra gers u ber die Gesamtbank aggregiert und den Entscheidungstra gern vorgelegt werden. Dazu sollten in den internen Richtlinien Anweisungen zur Abgrenzung eines Risikotra gers erlassen werden. Diese Abgrenzung orientiert sich regelma ig an Haftungsverbu nden oder rechtlicher Zusammengeho rigkeit. Ebenfalls sollte festgelegt werden, ob die Aggregation jeweils durch einen (Konzern-)Verantwortlichen in der Bearbeitung bzw. Risikoanalyse oder dezentral durch jede Einheit selbst erfolgt. 13 Siehe dazu Abschnitt Die unterschiedlichen Datenanforderungen und Bonita tsbeurteilungsverfahren werden im Leitfaden ªRatingmodelle und ValidierungÒ behandelt. 15 Vgl. dazu Annex D-5, 2.1 EU-RLE. Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 17

18 2.2.5 U berblick u ber den Kreditvergabeprozess Die weiteren Unterkapitel folgen in ihrer Reihenfolge dem zeitlichen Ablaufprozess im Rahmen der Kreditvergabe. Grundsa tzlich dient der Neugescha ftsvergabeprozess als Rahmen der Darstellung. Auf die Bestandsbearbeitung wird dann explizit eingegangen, wenn diese risikorelevante Prozessschritte umfasst, die im Neugescha ftsprozess nicht zumindest in a hnlicher Form vorkommen. Abbildung 3 fasst die einzelnen Prozessschritte zusammen: 16 Abbildung 3 In diesem Kapitel wurden die grundlegenden Kriterien, die der Ausgestaltung von Kreditvergabeprozessen zu Grunde liegen sollten, strukturiert aufbereitet. Die Bildung von Forderungssegmenten ist eine wichtige Voraussetzung fu r die risikoada quate und effiziente Bearbeitung von Kreditvergabeprozessen. Viele der angesprochenen Ma nahmen zur Risikominimierung ko nnen ihre volle Wirkung nur dann erreichen, wenn sie auf die spezifischen Eigenschaften der Kreditwerber ausgerichtet werden. Die Segmentierung der Kreditvergabeprozesse ist entsprechend ein zentraler Bestandteil der Risikominimierung. Wa hrend die Ausgestaltung der Instrumente zur Risikominimierung segmentspezifisch vorgenommen werden sollte, gleicht sich jedoch der grundsa tzliche Aufbau dieser Instrumente, die in den folgenden Unterkapiteln behandelt werden. Eine Darstellung der spezifischen Ausgestaltung der Instrumente ko nnte nur unter Bezug auf eine detaillierte Definition der einzelnen Segmente erfolgen. Eine solche Definition ist schon auf Grund der gro en Heterogenita t der mit diesem Leitfaden angesprochenen Banken nicht mo glich und kann daher nur bankspezifisch erfolgen. Entsprechend wird in den folgenden Unterkapiteln prima r der grundsa tzliche Aufbau und die Funktionsweise der Instrumente zur Risikominimierung erla utert. An einigen Stellen wird auf die Trennung zwischen Standard- und Individualprozessen hingewiesen. Diese stellt heute eine zentrale Anforderung an die Ausgestaltung der Kreditvergabeprozesse dar. 16 Wie bereits oben festgestellt wurde, unterscheiden sich Kreditprozesse in den jeweils definierten Segmenten. Diese Darstellung ist daher nicht als allgemein gu ltig zu verstehen. Dabei ko nnen auch mehrere Prozessschritte gleichzeitig erfolgen. 18 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

19 Werden Unterschiede in der Prozessgestaltung als zentral fu r die Wirksamkeit der Instrumente zur Risikominimierung erachtet, erfolgt eine detailliertere Beschreibung der Ausgestaltung Einbindung des Vertriebs und der EDV bei der Prozessausgestaltung Die fru hzeitige Einbindung des Vertriebs und der EDV ist eine entscheidende Voraussetzung fu r den Erfolg einer Neuausrichtung der Kreditvergabeprozesse. A nderungen von Prozessen mu ssen zu ihrer Umsetzung in der EDV-Infrastruktur der Bank abgebildet werden. Der mit EDV-Projekten verbundene hohe Planungs- und Abstimmungsaufwand (insbesondere die Koordination der EDV- Schnittstellen zu allen Organisationseinheiten, die auf Daten aus den Kreditvergabeprozessen zuru ckgreifen) bedingt die fru hzeitige Pru fung der Machbarkeit und Finanzierbarkeit. Die Abbildung der Kreditvergabeprozesse ist nicht nur fu r die Risikoanalyse und Bearbeitung entscheidend, sondern betrifft insbesondere auch den Vertrieb. Die A nderung von Prozessen, insbesondere die Einfu hrung von weitgehend automatisierten Kreditentscheidungen, geht mit einer deutlichen A nderung der Vertriebsoberfla che einher. Die Akzeptanz solcher A nderungen durch die Mitarbeiter im Vertrieb ist entsprechend fu r den Erfolg der Umsetzung entscheidend. 2.3 Prozessschritte bis zur Bonita tspru fung Die Durchfu hrung der Bonita tspru fung baut auf externen und internen Daten u ber den Kreditwerber auf. Die Einholung dieser Daten, ihre Pru fung auf Vollsta ndigkeit und Plausibilita t sowie die Weitergabe der Daten zwischen den bankintern mit der Betreuung, Analyse und Bearbeitung des Engagements betrauten Personen ko nnen insbesondere bei umfangreichen Engagements erhebliche Ressourcen binden. Ebenso kann es im Rahmen dieser Prozessschritte zu einer Vielzahl an prozessualen Fehlern kommen. Da die aufgenommenen Daten die Grundlage fu r die Bonita tspru fung darstellen, sind Fehler bei deren Beschaffung und Aggregation bzw. Weitergabe auch unter Risikogesichtspunkten von besonderer Bedeutung. Das Unterkapitel konzentriert sich dementsprechend auf Ma nahmen zur Vermeidung von solchen prozessualen Fehlern Datenbeschaffung Die U berpru fung der Bonita t eines Kreditwerbers basiert je Kreditnehmerart auf unterschiedlichen Datenquellen und Datentypen. Unabha ngig davon liegt es in jedem Fall im Interesse der Bank, umfassende und aktuelle Daten u ber die wirtschaftliche und perso nliche Situation des Kreditnehmers vorzuhalten. Um eine einheitliche Betreuung des Kunden sicherzustellen, wird die Koordination der Informationsbeschaffung typischerweise durch den zugeordneten Kundenbetreuer durchgefu hrt. Die Pru fung der Bonita t stellt neben den wirtschaftlichen Daten auch auf qualitative Informationen in Bezug auf den Kreditnehmer ab. Der Kundenbetreuer sollte ein vollsta ndiges und kritisches Gesamtbild des Kreditnehmers aufnehmen. Um sicherzustellen, dass die durch den Kundenbetreuer aufgenommenen Informationen vollsta ndig an jene Person weitergegeben werden, die fu r die Bonita tspru fung verantwortlich ist, sollten Leitfadenreihe zum Kreditrisiko 19

20 standardisierte und strukturierte Besuchsberichte erarbeitet werden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass dadurch auch eine gezielte Steuerung der Kundengespra che erreicht werden kann (Funktion als Gespra chsleitfaden). Damit werden die Vollsta ndigkeit sowie die effiziente Ausgestaltung der Informationsaufnahme gesichert. Die Ausgestaltung der Besuchsberichte sollte segmentspezifisch festgelegt werden und Eingang in die internen Richtlinien finden. Um die Vollsta ndigkeit der Datenaufnahme sicherzustellen, sollten verbindliche Listen mit anzufordernden Daten eingesetzt werden. Deren Inhalt ist mit den Anforderungen des der jeweiligen Kundenart entsprechenden Bonita tspru fungsverfahrens abzugleichen. Zusa tzlich zu den Einzelkreditnehmerdaten sind in vielen Fa llen allgemeine Informationen zur wirtschaftlichen Situation einer Region bzw. einer Branche zur vollumfa nglichen Beurteilung von Kreditantra gen erforderlich. Hierbei kann die Bank auf externe Informationsquellen zuru ckgreifen. Lassen sich im Kreditportfolio einer Bank bestimmte Branchenschwerpunkte bzw. regionale Schwerpunkte erkennen, sollte die Bank auch eigene Analysen zur wirtschaftlichen Situation in diesen Bereichen vornehmen das vor allem dann, wenn externe Informationen nicht in entsprechender Detailtiefe und/oder Aktualita t vorliegen. Die Aktualita t der Kundendaten ist im Hinblick auf die Pru fung der Bonita t besonders hervorzuheben. 17 Die Bank sollte entsprechende Verfahren und Zeitvorgaben in den internen Richtlinien festhalten. In den Individualprozessen ist zu beachten, dass im Rahmen der Engagementbewertung regelma ig ein Periodenvergleich durchgefu hrt werden sollte. Daher sollten die relevanten Daten mindestens fu r zwei, wenn mo glich fu r drei Jahre vorliegen Plausibilita ts- und Vorpru fung Bevor ein Kreditengagement einer umfassenden Bonita tspru fung unterzogen wird, sollte durch den erstverantwortlichen Mitarbeiter eine Plausibilita tsund Vorpru fung durchgefu hrt werden. In dieser Pru fung sollten die Vollsta ndigkeit und Konsistenz der vom Kreditnehmer eingereichten Unterlagen gepru ft werden, um mo gliche Prozessschleifen und Ru ckfragen beim Kunden zu minimieren. Zusa tzlich sollte eine erste inhaltliche Pru fung auf Basis von wenigen, aber aussagekra ftigen Kriterien durch den Vertrieb durchgefu hrt werden. Ziel ist unter anderem die Bewusstseinsbildung und aktive U bernahme von Verantwortung fu r Kreditrisiken durch die Mitarbeiter im Vertrieb. Besondere Bedeutung hat die Vorpru fung in Segmenten mit hohen Ablehnungsquoten, da eine umfassende Bonita tspru fung dort signifikante Ressourcen bindet. Durch die Vorpru fung soll vermieden werden, dass Engagements, die mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden mu ssen, Kapazita ten in der Risikoanalyse binden. Die damit einhergehende Reduktion des Mengengeru sts in der Risikoanalyse ermo glicht eine intensivere Auseinandersetzung mit aussichtsreichen Engagements und ist daher unter Risiko- und Effizienzgesichtspunkten wu nschenswert. 17 Auch der EU-RLE zu Basel-II verlangt von IRB-Banken die Aktualita t der Daten. 20 Leitfadenreihe zum Kreditrisiko

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