Definition. Ein Hund der stirbt und der weiß dass er stirbt wie ein Hund und der sagen kann dass er weiß dass er stirbt wie ein Hund ist ein Mensch

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1 Textsammlung: Anthropologie Seite 1 Definition Ein Hund der stirbt und der weiß dass er stirbt wie ein Hund und der sagen kann dass er weiß dass er stirbt wie ein Hund ist ein Mensch Erich Fried

2 Textsammlung: Anthropologie Seite 2 Die Geschichte der Menschheit in vier Worten Eines Tages versammelte der König eines kleinen Landes alle weisen Männer um sich und beauftragte sie, die Geschichte aller Völker aufzuschreiben, möglichst kurz und der Wahrheit gemäß. Die Weisen begaben sich sogleich an die Arbeit und schrieben Tag und Nacht, zwanzig Jahre lang, bis sie zweihundert Bände vollgeschrieben hatten. Das Ganze brachten sie dem König, der unterdes schon fast ein Greis 5 geworden war. Er begrüßte sie freundlich, aber schließlich sagte er zu ihnen:»ich habe wirklich nicht mehr Zeit genug, um eure ausführlichen Arbeiten zu lesen, so wertvoll sie sind. Ihr müßt sie zusammenfassen. Ich danke euch.«die weisen Männer gingen davon, und nach einer gewissen Zeit kamen diejenigen, die noch am Leben waren, mit einem Kamel, das mit zwanzig Bänden beladen war, zum König. Dieser war unterdessen schneeweiß 10 geworden, und als er sie sah, wurde er ganz melancholisch. Und wieder gingen Jahre dahin, bis die paar überlebenden Weisen mit einem einzigen großen Band vor dem König erschienen, der die kurze Zusammenfassung enthielt, die er von ihnen verlangt hatte. Der König war nun schon steinalt und bettlägerig geworden. Als er sie sah, sagte er:»es tut mir leid um eure Mühe, aber ich bin nicht mehr in der Lage, aus eurer Arbeit Nutzen zu ziehen. Sagt mir aber, wenn ihr das könnt, mit wenigen 15 Worten, was in eurem Buch über die Geschichte unserer Vorfahren steht.«da näherte sich der Priester, der sie anführte, dem König und sagte leise zu ihm:»majestät! Sie lebten, sie litten, sie hofften und sie starben...«herkunft unbekannt Keine einheitliche Idee vom Menschen Fragt man einen gebildeten Europäer, was er sich bei dem Worte Mensch denke, so beginnen fast immer drei unter sich ganz unvereinbare Ideenkreise in seinem Kopfe miteinander in Spannung zu treten. Es ist einmal der Gedankenkreis der jüdisch-christlichen Tradition von Adam und Eva, von Schöpfung, Paradies und Fall. Es ist zweitens der griechisch-antike Gedankenkreis, in dem sich zum erstenmal in der Welt das Selbstbewußtsein des 5 Menschen zu einem Begriff seiner Sonderstellung erhob in der These, der Mensch sei Mensch durch Besitz der Vernunft, logos, phronesis, ratio, mens - logos bedeutet hier ebensowohl Rede wie Fähigkeit, das Was aller Dinge zu erfassen. Eng verbindet sich mit dieser Anschauung die Lehre, es liege eine übermenschliche Vernunft auch dem ganzen All zugrunde, an der der Mensch, und von allen Wesen er allein, teilhabe. Der dritte Gedankenkreis ist der auch längst traditional gewordene Gedankenkreis der modernen Naturwissenschaft und der geneti- 10 schen Psychologie, es sei der Mensch ein sehr spätes Endergebnis der Entwicklung des Erdplaneten - ein Wesen, das sich von seinen Vorformen in der Tierwelt nur in dem Komplikationsgrade der Mischungen von Energien und Fähigkeiten unterscheide, die an sich bereits in der untermenschlichen Natur vorkommen. Diesen drei Ideenkreisen fehlt jede Einheit untereinander. So besitzen wir denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine theologische Anthropologie, die sich nicht umeinander kümmern - eine einheitliche Idee vom Menschen aber 15 besitzen wir nicht. Max Scheler Differenzieren Sie die drei»ideenkreise«in genauere Vorstellungen vom Menschen, und stellen Sie die Unterschiede im einzelnen heraus. Sehen Sie Möglichkeiten, die genannten»ideenkreise«nicht als sich ausschließende Gegensätze anzusehen, sondern sie zu einer Zusammenschau zu bringen? Suchen Sie nach weiteren Antwortrichtungen sowohl in den europäischen als auch in den außereuropäischen Weltanschauungen, die das hier benannte Spektrum noch erweitern.

3 Textsammlung: Anthropologie Seite 3 Um gleich in die ganze Spannung der Frage hineinzukommen, wollen wir einige charakteristische Bilder betrachten, welche die Neuzeit sich vom Menschen gemacht hat. 5 Da ist das Menschenbild des Materialismus, das im Anlauf zur Französischen Revolution entsteht, im neunzehnten Jahrhundert entwickelt wird und heute das totalitäre Denken bestimmt: Was es gibt, ist danach nur die Materie, bezie- 10 hungsweise die Energie. Sie war von je. Auf Grund ihrer Wesensgesetze ist sie in Bewegung gekommen, und aus dem toten Stoff hat sich das organische Leben gebildet; aus dem organischen das psychische; aus diesem das geistige. Wenn es möglich wä- 15 re, zum Letzten durchzudringen, dann würde man alles aus den Eigenschaften der Materie ableiten können, so, wie der Chemiker eine Verbindung aus ihren Elementen und den Bedingungen des Versuchs ableitet. Für den Materialismus ist der Mensch 20 nichts als hochkomplizierter Stoff. Diesem Bild steht ein anderes gegenüber, das idealistische, wie es von den großen Systemen des ausgehenden achtzehnten und des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt worden ist. 25 Danach ist das Erste und Eigentliche der Geist, und zwar der absolute, der Weltgeist. Er ist zuerst gebunden und stumm, will aber seiner selbst mächtig werden, und erzeugt so die Materie. In Auseinandersetzung mit ihr gestaltet er die Welt, um end- 30 lich im Menschen zum Bewusstsein seiner selbst zu gelangen. Dass der ewige Geist in ihm durchdringt, bildet das Wesen des Menschen. Darin findet er seinen Sinn. Aus der Erkenntnis der gesellschaftlichen Zusam- 35 menhänge ist das soziologistische Bild hervorgegangen, zu Ende gedacht vom Kommunismus. Es sagt: Der Einzelne für sich ist nichts; er ist etwas nur aus dem Ganzen heraus. Ein Gedanke, eine Erfindung, ein Werk - was immer es an Beziehungen und 40 Leistungen geben mag, gewinnt seinen Sinn erst dann, wenn man es aus dem sozialen Gefüge heraus versteht. Wirklich seiend ist die Gesellschaft; der einzelne Mensch sowohl wie sein Werk gehen aus ihr hervor. So ist der Mensch Erzeugnis und Organ 45 des Soziallebens, sonst nichts. Dieser Anschauung stellt sich die des Individualismus entgegen: Wirklich Mensch ist danach nur der Einzelne; in der Vielzahl verschwindet das Eigentliche. Nur als 50 Einzelner hat der Mensch Bewusstsein und Schaffenskraft; nur als solcher hat er Verantwortung und Würde. Sobald Viele sind, entsteht die Masse, die nur Objekt sein kann; Stoff für das Planen und Handeln des Einzelnen. 55 Der Determinismus sieht alles nach unabänderlichem Zwang geschehen: An jeder Stelle gehen die Dinge, wie sie gehen müssen. In jedem einzelnen Vorgang drückt sich der gesamte Weltlauf aus. Freiheit ist Illusion. Sie ist nur eine besondere Art, wie 60 die allbeherrschenden Weltgesetze im Menschen zur Geltung kommen. So ist auch der Mensch selbst ein Gebilde, das aus Notwendigkeiten entsteht; und sein Leben ist ein Vorgang, der sich im Zwang der Weltgesetze vollzieht. 65 Der Existentialismus hingegen sieht den Menschen vollkommen frei: Nach ihm gibt es keine Ordnungen, die das Leben des Menschen bestimmen; eben damit aber auch keine, auf die er sich stützen kann. Ohne Zwang, 70 aber auch ohne Halt, als ein Atom Möglichkeit, ist er ins Leere hinausgeworfen. In jedem Augenblick entscheidet er aus einer souveränen, richtiger gesagt, unheimlichen Freiheit über sein Tun. Er setzt sich selbst seinen Sinn. Ja, er bestimmt sein eigenes Sein. 75 Im Maße er es damit wagt, wird er Mensch. Wir haben da, aufs äußerste vereinfacht, sechs Bilder gezeichnet. Das eine sagt: Der Mensch ist bis in seinen Kern hinein Materie - das andere: er ist eine Gestalt eines absoluten Geistes. Wieder sagt 80 eines: Der Mensch ist nichts als ein Moment in der sozialen Ganzheit - das andere: er ist nur Mensch, sofern er als Persönlichkeit in sich selbst steht. Und noch einmal: Der Mensch geht restlos in der Notwendigkeit der Weltgesetze auf - das andere: er ist 85 absolut frei und Herr seiner selbst. aus: R. Guardini: Den Menschen erkennt nur, wer 4 von Gott weiß. Würzburg 1965, S Erarbeiten Sie die Textaussagen und konkretisieren Sie die sechs angesprochenen philosophischen Richtungen und deren Menschenbilder mit Hilfe von Lexika.

4 Textsammlung: Anthropologie Seite 4 Gibt es Sie, Mister Johns? Stanislaw Lem (*1921) Richter: Das Gericht erörtert nunmehr den Streitfall Cybernetics Company contra Harry Johns. Sind die Parteien anwesend? Anwalt: Ja, Herr Richter. Richter: Sie vertreten die Belange Anwalt: Ich bin der juristische Bevollmächtigte der Firma Cybernetics Company, Herr Richter. Richter: Und wo ist der Beklagte? Johns: Hier bin ich, Herr Richter. Richter: Würden Sie Ihre Personalien angeben? Johns: Gern, Herr Richter. Ich heiße Harry Johns, geboren am 6. April 1917 in New York. Anwalt: Ein Wort zur Hauptsache, Herr Richter. Der Beklagte spricht die Unwahrheit, er ist durchaus nicht geboren Johns: Bitte, hier meine Geburtsurkunde. Und im Saal ist mein Bruder, er Anwalt: Das ist nicht Ihre Urkunde und dieses Individuum ist nicht Ihr Bruder. Johns: Wessen sonst? Ihrer vielleicht? Richter: Bitte um Ruhe. Herr Bevollmächtigter, gedulden Sie sich ein wenig. Nun, Herr Johns? Johns: Mein seliger Vater Lexington Johns hatte eine Autowerkstätte und impfte mir die Leidenschaft zu diesem Beruf ein. Als Siebzehnjähriger nahm ich erstmals an einem Autorennen teil. Seither startete ich berufsmäßig siebenundachtzigmal und habe bis heute sechzehn erste Plätze errungen, einundzwanzig zweite Richter: Danke, diese Einzelheiten sind für den Fall unwesentlich. Johns: Drei Goldpokale, drei Goldpokale Richter: Danke, habe ich gesagt. Johns: Und einen silbernen Kranz. Donovan, Präsident der Cybernetics Company: Da! Er hat sich verklemmt! Johns: Darauf können Sie lange warten! Richter: Bitte um Ruhe! Haben Sie einen Rechtsvertreter? Johns: Nein. Ich verteidige mich selbst. Meine Sache ist lauter wie Kristall. Richter: Wissen Sie, welche Forderungen die Cybernetics Company Ihnen gegenüber geltend macht? Johns: Ich weiß. Ich bin das Opfer der schurkischen Tätigkeit tückischer Finanzhaie Richter: Danke. Herr Bevollmächtigter Jenkins, würden Sie dem Gericht den Gegenstand der Klage darlegen? Anwalt: Sehr wohl, Herr Richter. Vor zwei Jahren erlitt der Beklagte bei einem Autorennen in der Nähe von Chicago einen Unfall und verlor ein Bein. Damals wandte er sich an unsere Firma. Die Cybernetics Company erzeugt bekanntlich Arm- und Beinprothesen, Kunstnieren, Kunstherzen und andere Ersatzorgane. Der Beklagte bezog gegen Teilzahlung eine linke Beinprothese und erledigte die erste Rate. Vier Monate später wandte er sich neuerlich an uns, diesmal bestellte er Prothesen zweier Arme, eines Brustkorbs und eines Genicks. Johns: Quatsch! Das Genick, das war im Frühling, nach dem Bergrennen! Richter: Unterbrechen Sie nicht. Anwalt: Nach dieser zweiten Transaktion belief sich die Verschuldung des Beklagten an die Firma auf Dollar. Nach weiteren fünf Monaten wandte sich namens des Beklagten dessen Bruder an uns. Der Beklagte weilte damals im Monte-Rosa-Krankenhaus bei New York. Der neuen Bestellung gemäß lieferte die Firma nach Erhalt einer Anzahlung eine Reihe von Prothesen, deren Einzelaufzählung bei den Akten liegt. Dort figuriert unter anderem als Ersatz für eine Großhirnhalbkugel ein Elektronengehirn Marke Geniox zum Preis von Dollar. Hohes Gericht, bitte die Tatsache zu beachten, dass der Beklagte bei uns die Luxusausführung des Geniox bestellt hat, mit Stahlröhren, farbentreuer Traumbildanlage, Stimmungsentstörer und Sorgendämpfer, obwohl dies die finanziellen Möglichkeiten des Beklagten klar überstieg. Johns: Freilich, das tät euch so passen, wenn ich jetzt mit eurem Serienkleinsthirn herumholpern müsste! Richter: Bitte um Ruhe! Anwalt: Dass der Beklagte in der bewussten böswilligen Absicht handelte der Firma die bezogenen Teile nicht zu bezahlen, davon zeugt auch die Tatsache, dass er bei uns keine gewöhnliche Armprothese bestellte, sondern eine Spezialprothese mit eingebauter Schweizer Uhr Marke Schaffhausen mit achtzehn Steinen. Als die Schuld des Beklagten auf Dollar angestiegen war, klagten wir auf Rückgabe aller bezogenen Prothesen. Jedoch das Staatsgericht wies unsere Klage mit der Begründung ab, dass ihn der Entzug der Prothesen um das weitere Dasein gebracht hätte. Zu jener Zeit war

5 Textsammlung: Anthropologie Seite 5 nämlich von dem ehemaligen Mister Johns nur noch die eine Gehirnhälfte übrig. Johns: Was heißt»ehemaliger Johns«? Wirst du von der Firma für Schimpfwörter bezahlt, Prozessverpfuscher? Richter: Bitte um Ruhe. Wenn Sie die klagende Partei nochmals beleidigen, Mister Johns, dann werde ich Sie mit einer Geldbuße bestrafen. Johns: Aber er beleidigt doch mich! Anwalt: In diesem Zustand, das heißt verschuldet und prothesenbestückt bis über beide Ohren bei der Cybernetics Company, die ihm so viel Güte bezeigt und im Nu alle seine Wünsche erfüllt hat, begann der Beklagte öffentlich nach allen Seiten unsere Erzeugnisse anzuschwärzen und über ihre Qualität zu meckern. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, nach drei weiteren Monaten bei uns vorzusprechen. Er klagte über eine Reihe von Beschwerden und Gebrechen, die sich, wie unsere Experten feststellten, daraus ergaben, dass sich seine alte Hirnhalbkugel in der neuen, sozusagen Gesamtprothese gewordenen Umgebung nicht wohl fühlte. Aus Menschenfreundlichkeit ließ sich die Firma nochmals herbei die Bitte des Beklagten zu erfüllen und ihn ganz zu genialisieren, das heißt, seinen eigenen alten Gehirnteil durch einen genauen Zwilling des bereits eingebauten Apparats Marke Geniox zu ersetzen. Für diese neue Forderung stellte uns der Beklagte Wechsel auf die Summe von Dollar aus, wovon er bis heute lediglich 232 Dollar und 18 Cents bezahlt hat. In Anbetracht des geschilderten Sachverhalts Hohes Gericht, der Beklagte versucht mir böswillig das Reden zu erschweren, indem er mich mit allerlei Gezisch, Gezwitscher und Geknirsche übertönt. Hohes Gericht, bitte Ihn zu vermahnen. Richter: Herr Johns Johns: Das bin ich nicht, das ist mein Geniox. Der macht das immer, wenn ich intensiv denke. Bin ich etwa für die Cybernetics Company verantwortlich? Das hohe Gericht kann Herrn Präsidenten Donovan vermahnen, für diese Pfuscharbeit! Anwalt: Dem geschilderten Sachverhalt entsprechend ersucht die Firma das Gericht ihrer Forderung stattzugeben und ihr die vollen Eigentumsrechte an dem von ihr hergestellten, hier im Gerichtssaal befindlichen, eigenmächtig aufmuckenden Prothesengefüge zuzuerkennen, das sich unrechtmäßig für Harry Johns ausgibt. Johns: So eine Frechheit! Und wo ist Johns, Ihrer Ansicht nach, wenn nicht hier? Anwalt: Hier im Saal ist Johns nicht, denn die irdischen Überreste dieses bekannten Rennchampions ruhen verstreut an verschiedenen Autobahnen in ganz Amerika. Durch ein Gerichtsurteil zu unseren Gunsten wird demnach keine physische Person geschädigt, da die Firma nur das in Besitz nehmen wird, was von der Nylonhülle bis zum letzten Schräubchen rechtens ihr gehört! Johns: Freilich! In Stücke wollen die mich zerlegen, in Prothesen! Präsident Donovan: Was wir mit unserem Eigentum tun, das geht Sie nichts an! Richter: Herr Präsident, ich ersuche Sie höflichst Ruhe zu bewahren. Danke, Herr Bevollmächtigter. Was haben Sie zu sagen, Mister Johns? Anwalt: Herr Richter, zu der Hauptsache möchte ich noch bemerken, dass der Beklagte im Grunde genommen gar kein Beklagter ist, sondern ein materieller Gegenstand, der behauptet sich selbst zu gehören. Da er jedoch in Wirklichkeit nicht lebt Johns: Sie, kommen Sie mal rüber zu mir, dann zeig ich Ihnen, ob ich lebe oder nicht! Richter: Tja Hm, das ist wirklich ein sehr, sehr merkwürdiger Fall. Hm Johns: Denn bitte zu erwägen, hohes Gericht, was sind die Argumente der Firma denn wert? Die sagen, sie hätten ein Recht auf meine Person. Worauf soll das beruhen? Gesetzt, dass jemand auf einen Kredit bei einem Gemischtwarenhändler Nahrungsmittel einkauft, Mehl, Zucker, Fleisch und so weiter; und nach einiger Zeit geht dieser Gemischtwarenhändler vor Gericht und fordert, man solle ihm den Schuldner als Eigentum übergeben. Denn wie wir aus der Medizin wissen, werden im Zuge des Stoffwechsels die Körpersubstanzen fortwährend durch Nahrungsmittel ersetzt, sodass nach einigen Monaten der ganze Schuldner samt Kopf, Leber, Armen und Beinen aus dem Fett, dem Eiweiß, den Eiern und Kohlenhydraten besteht, die ihm dieser Gemischtwarenhändler auf Kredit verkauft hat. Nun, würde irgendein Gericht auf der Welt die Ansprüche dieses Gemischtwarenhändlers anerkennen? Leben wir im Mittelalter, wo Shylock* ein Pfund vom lebendigen Fleisch seines Schuldners forderte? Hier haben wir eine analoge Situation! Ich bin der Rennchampion namens Harry Johns und keine Maschine! *Shylock: Wucherer aus Shakespeares Schauspiel»Der Kaufmann von Venedig«, der für verliehenes Geld ein Pfund Fleisch aus dem Körper des verschuldeten Kaufmanns beansprucht.

6 Textsammlung: Anthropologie Seite 6 Der Mensch Kurt Tucholsky Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn s ihm gut geht und eine, wenn s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion. Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird. 5 Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle. Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft. 10 Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält. 15 Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht. Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter. Der Mensch zerfällt in zwei Teile: 20 In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab. Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frisst er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen. 25 Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen hasst die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und hasst die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Hass nennt man Patriotismus. Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht. 30 Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege. Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen. 35 Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können. 40 Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig. Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot. Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen 45 Zoologie erst in der nächsten Klasse. (von 1931)

7 Textsammlung: Anthropologie Seite 7

8 Textsammlung: Anthropologie Seite 8 Der Mensch ist von Natur aus gut Das erste Gefühl des Menschen war das seiner Existenz, seine erste Sorge die seiner Erhaltung. Der Hunger und andere Begierden brachten ihn dazu, auf die verschiedensten Wei- 5 sen zu versuchen, wie man existieren könnte. [...] Solange die Menschen sich mit ihren eigenen Hütten begnügten, selbst ihre Kleider aus Fell nähten, sich mit Federn und Muscheln schmückten, mit Hilfe von Steinen Fischerboote 10 und primitive Musikinstrumente zurechtbastelten, mit einem Wort nur Werke vollbrachten, welche ein einzelner machen konnte, lebten sie frei, gesund, gut und glücklich. Aber von dem Augenblick an, wo ein Mensch die Hilfe eines 15 anderen nötig hatte, verschwand die Gleichheit, entstand das Eigentum, wurde Arbeit notwendig und die weiten Wälder verwandelten sich in lachende Felder, die man mit dem Schweiß der Menschen bewässern musste und in denen man 20 bald die Sklavenarbeit keimen sah. Aus der Bebauung des Bodens folgte mit Notwendigkeit seine Teilung und nachdem das Eigentum einmal anerkannt war, die Entstehung der ersten Rechtssätze. Nachdem die Dinge 25 einmal soweit gediehen waren, kann man sich leicht den Rest vorstellen. Es begann je nach dem Charakter Herrschaft und Sklaventum, Gewalt und Raub. [...] So ist es gekommen, dass die Gewaltanmaßung 30 der Reichen die Menschen habgierig, ehrgeizig und boshaft gemacht hat... Ich habe versucht, den Ursprung und den Fortschritt der Ungleichheit auseinanderzusetzen. Es folgt aus meiner Untersuchung, dass die Un- 35 gleichheit, die im Naturzustand fast gar nicht vorhanden war, ihre Kraft und ihr Anwachsen Jean Jacques Rousseau aus der Entwicklung unserer Fähigkeiten und dem Fortschritt des menschlichen Geistes genommen hat und schließlich fest und legitim 40 durch die Einrichtung des Eigentums und der Gesetze geworden ist. Man muss eine Form der Vergesellschaftung finden, die mit gemeinsamer Kraft aller Person und Güter jedes Genossen verteidigt und be- 45 schützt und durch die jeder, indem er sich mit allen zusammenschließt, doch nur seinem eigenen Willen Untertan wird und so frei bleibt, wie er vorher war. Das ist das Grundproblem, für das der Gesellschaftsvertrag die Lösung gibt. 50 Die Grundsätze dieses Vertrages sind so sehr durch seine Natur bestimmt, dass ihre geringste Veränderung ihn hinfällig und kraftlos macht. Obgleich niemals ausdrücklich ausgesprochen, sind sie überall die gleichen und werden überall 55 stillschweigend anerkannt, sogar bis zu der Konsequenz, dass bei Verletzung des Gesellschaftsvertrages jeder in seine ursprünglichen Rechte wieder zurücktritt und seine volle natürliche Freiheit wiedergewinnt, unter Verlust der 60 ihm vertraglich eingeräumten Freiheit, zu deren Gunsten er auf seine natürliche Freiheit verzichtet hatte. Wenn man aus dem Gesellschaftsvertrag alles Unwesentliche ausscheidet, so wird man finden, 65 dass er auf folgende Formel zurückzuführen ist: Jeder von uns stellt seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des Gemeinwillens (volonté générale) und nimmt ferner jedes Mitglied als einen unteilbaren Bestandteil 70 des Ganzen auf. [aus Kapitel 6] aus: Jean Jacques Rousseau, Abhandlung über die Ungleichheit (1754) und contract social (1756)

9 Textsammlung: Anthropologie Seite 9 Der Mensch ist von Natur aus böse Zunächst wird angenommen, dass alle Menschen ihr ganzes Leben hindurch ständig und unausgesetzt bemüht sind, sich eine Art der Macht nach der anderen zu verschaffen; nicht deshalb, weil sie nach 5 immer größerer Macht, als sie schon besitzen, streben oder weil sie sich mit einer mäßigen nicht begnügen können, sondern weil sie fürchten, die Mittel ihrer gegenwärtigen Macht und Glückseligkeit zu verlieren, wenn sie diese nicht noch vermehren. 10 Daher sind auch Könige, welche die höchste Gewalt haben, darauf bedacht, ihre Macht im Lande durch Gesetze und außerhalb durch Kriegsheere zu befestigen. Ist auch dies glücklich erreicht, so folgt doch bald wieder ein neuer Wunsch, entweder nach 15 größerem Ruhm oder nach einem anderen Vorteil. Der Wunsch nach Reichtum, Ehre, Herrschaft und Macht jeder Art facht den Menschen zum Streit, zur Feindschaft und zum Kriege an; denn dadurch, dass man seinen Mitbewerber tötet, überwindet und 20 auf jede mögliche Art schwächt, bahnt man sich den Weg zur Erreichung seiner eigenen Wünsche... [aus Kapitel 11] Hieraus ergibt sich, dass ohne Einschränkung der Macht der Zustand der Menschen so ist, wie er 25 zuvor beschrieben wurde, nämlich ein Krieg aller gegen alle. Denn der Krieg dauert ja nicht nur so lange, als tatsächliche Feindseligkeiten geübt werden, sondern so lange der Vorsatz herrscht, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. 30 Wer hierüber noch niemals nachgedacht hat, dem muss es auffallen, dass die Natur die Menschen so ungesellig gemacht und sogar einen zu des anderen Mörder bestimmt hat... [aus Kapitel 13] Thomas Hobbes Weil nun, wie schon gezeigt worden ist, die Men- 35 schen sich im Zustand des Krieges aller gegen alle befinden und jeder sich der Leitung seiner eigenen Vernunft überlässt und da es nichts gibt, was er nicht irgendwann zur Verteidigung seines Lebens gegen einen Feind mit Erfolg gebrauchen könnte, so 40 folgt, dass im Naturzustande alle ein Recht auf alles, die Menschen selbst nicht ausgenommen, besitzen. Solange dieses Recht gilt, wird daher niemand, und sollte es der Stärkste auch sein, sich für sicher halten können. Also ist folgendes eine Vor- 45 schrift oder allgemeine Regel der Vernunft; suche Frieden, solange nur Hoffnung dazu da ist; verschwindet diese, so schaffe dir von allen Seiten Hilfe und nutze sie; dies steht dir frei... [aus Kapitel 14] 50 Beim Abschluss eines Friedens darf niemand ein Recht für sich verlangen, das er dem anderen nicht zugestehen will. Jeder, der mehr Rechte für sich fordert, als er selbst anderen gestatten will, handelt diesem Gesetz entgegen. Denn man darf zwar, um 55 sein Leben zu erhalten, sich dieser oder jener natürlichen Rechte begeben, aber einige müssen doch gewahrt werden, z.b. das Recht, für die ersten Bedürfnisse des Körpers zu sorgen, Feuer, Wasser und Luft und alles zu genießen, ohne das der 60 Mensch nicht leben kann... [aus Kapitel 15] Um aber eine allgemeine Macht zu gründen, unter deren Schutz gegen auswärtige und innere Feinde die Menschen im ruhigen Genüsse der Früchte ihres Fleißes und der Erde ihren Unterhalt finden können, 65 gibt es nur einen einzigen Weg: Jeder muss alle seine Macht und Kraft einem oder mehreren Menschen übertragen, wodurch der Wille aller gleichsam in einem Punkt vereinigt wird, so dass dieser eine Mensch oder diese eine Gesellschaft der Stell- 70 vertreter jedes einzelnen wird und jeder ihre Handlungen so betrachtet, als habe er sie selbst getan, weil er sich ihrem Willen und Urteile freiwillig unterworfen hat... [aus Kapitel 17] Die Verpflichtung der Bürger gegen den Oberherrn 75 kann nur so lange dauern, als dieser imstande ist, die Bürger zu schützen; denn das natürliche Recht der Menschen, sich selbst zu schützen, falls dies kein anderer tun kann, wird durch keinen Vertrag beseitigt... [aus Kapitel 21] 80 Jeder Bürger ist ein so unumschränkter Herr seines Vermögens, dass der Staat ganz und gar keinen Anspruch darauf erheben kann... [aus Kapitel 29] aus: Thomas Hobbes, Leviathan

10 Textsammlung: Anthropologie Seite 10 Der Übermensch Friedrich Nietzsche Als Zarathustra in die nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheißen worden, daß man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke: Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr 5 getan, ihn zu überwinden? Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehn, als den Menschen überwinden? Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht und vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen und auch jetzt 10 noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe. Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heiße ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden? Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde! Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob 15 sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: mögen sie dahinfahren! Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb und damit sterben auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde! Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese 20 Verachtung das Höchste: - sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen. O diese Seele war selber noch mager, grässlich und verhungert und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele! Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen? Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom 25 aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden. Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dies Meer, in ihm kann eure große Verachtung untergehn. Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der großen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend. Die Stunde, wo ihr sagt: Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen. Aber 30 mein Glück sollte das Dasein selber rechtfertigen! Die Stunde, wo ihr sagt: Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armut und Schmutz und erbärmliches Behagen! Die Stunde, wo ihr sagt: Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armut und Schmutz und ein erbärmliches Behagen! Die Stunde, wo ihr sagt: Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe 35 nicht, dass ich Glut und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Glut und Kohle! Die Stunde, wo ihr sagt: Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung. Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so schreien gehört hätte! Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel! Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner 40 Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müßtet? Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn! aus: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Vorrede 3, Sämtl. Werke 5, S. 8ff.

11 Textsammlung: Anthropologie Seite 11 Den Menschen erkennt nur, wer von Gott weiß Romano Guardini Im ersten Buch der Heiligen Schrift, der Genesis, heißt es:»und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich; sie sollen 5 herrschen über des Meeres Fische, über des Himmels Vögel, über das Vieh und alles Wild des Feldes, und über alles Kriechende, das auf der Erde sich regt. Und Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde. Nach dem Bilde Got- 10 tes schuf Er ihn. Als Mann und als Weib schuf Er sie.«(gen 1, 26-27) Nach diesen Worten ist der Mensch Ebenbild Gottes. Das wird vor allem gesagt, was irgend sonst noch vom Menschen gesagt ist. Es bildet 15 die Grundbestimmung der Schriftlehre vom Menschen und ist in jeder Aussage enthalten, die irgendwo vom Menschen gemacht wird. Was bedeutet das? Kann ein endliches Wesen Gott ähnlich sein? 20 Offenbar handelt es sich hier um etwas Geheimnisvolles; denn eben an dieser Stelle setzt später die Versuchung ein. Und sie erreicht, dass beim Menschen der Wille, Gottes Ebenbild zu sein, in den verkehrt wird, Ihm gleich zu 25 werden. Was meint also diese Ebenbildlichkeit? Ein Ding kann die Nachbildung eines anderen sein. Etwa sagt jemand einem Handwerker, er solle ihm einen Tisch machen, geradeso gestaltet wie jener, den er ihm zeigt. Das wäre eine 30 einfache Ähnlichkeit, eine Kopie. Es gibt aber auch lebendigere Weisen. So kann man zum Beispiel sagen, ein Kind sei das Abbild seiner Eltern. Dann hat es Eigenschaften, die auch die Eltern haben; bei ihm sind sie aber in seine Per- 35 sönlichkeit hinein übersetzt... Wie ist es nun mit der Ähnlichkeit zu Gott? Gott ist doch absolut; Sein einfachhin; Wesen, Leben, Wahrheit, Seligkeit. Er ist in einer Weise, die alles Denken und Sagen übersteigt. Wie 40 kann da der Mensch, der doch geschaffen und also endlich ist, Bild dieses Ungeheuren sein? Und doch ist es so, denn Gott sagt es. Er sagt sogar, dass in dieser Ebenbildlichkeit das Wesen des Menschen liege. 45 Von einer Nachbildung kann hier nicht gesprochen werden, denn von Gott gibt es keine Kopie. Näher kommen wir schon, wenn wir von dem ausgehen, was wir über das Verhältnis der Eltern zum Kinde gesehen haben. Da ist nicht 50 Kopie, sondern Übersetzung. Die elterlichen Wesenszüge übersetzen sich in das Wesen des Kindes; so, dass sie diesem zu eigen, aus dessen Persönlichkeit neu geboren werden. Weiter aber kommen wir vielleicht durch folgende Überle- 55 gung: Wenn wir das Antlitz eines Menschen anschauen, dann sehen wir darin, was in seiner Seele vor sich geht: den Respekt, die Zuneigung, den Hass, die Angst. Für sich kann man die Seele nicht sehen, denn sie ist ja Geist. Sie 60 übersetzt sich aber in den Leib und darin wird sie sichtbar. Der Menschenleib - Gestalt, Antlitz, Miene, Gebärde - ist die Erscheinung der Seelenwirklichkeit; das heißt aber, dass er, in all seiner Verschiedenheit von ihr, doch der Seele 65 ähnlich ist. Auf dieser Linie könnten wir noch weitergehen; wir sind aber wohl dem, was wir hier meinen, nahe genug. Dem Unbegreiflichen, das doch unser Wesen ausmacht; dem wir mit 70 Scheu, aber auch mit Zuversicht nahen sollen: dass Gott, wenn es erlaubt ist, so zu sprechen, die unendliche Fülle und vollkommene Einfachheit seines Wesensbildes in die Endlichkeit und Gebrechlichkeit seines Geschöpfes übersetzt. 75 Ist das so, dann bedeutet das aber auch, dass diese Ebenbildlichkeit das ganze Sein des Menschen durchdringt. Dass sie etwas ebenso Genaues wie Geheimnisvolles ist: die Grundform, in der das Menschliche besteht; der Grundbe- 80 griff, aus welchem heraus es allein verstanden werden kann. Augustinus findet darüber im Beginn seiner»bekenntnisse«den für immer gültigen Ausdruck, wenn er sagt:»zu Dir hin hast Du uns 85 erschaffen, o Gott.«Das ist nicht enthusiastisch oder erbaulich gemeint, sondern genau. Gott hat den Menschen in eine Beziehung zu sich gesetzt, ohne die er weder sein noch verstanden werden kann. Er hat einen Sinn; der aber liegt 90 über ihm, in Gott. Man kann den Menschen nicht so verstehen, dass er als geschlossene Gestalt in sich bestünde und lebte, sondern

12 Textsammlung: Anthropologie Seite 12 er existiert in der Form einer Beziehung: von Gott her, auf Gott hin. Diese Beziehung kommt 95 nicht erst als Zweites zu seinem Wesen hinzu, so, dass dieses auch abgesehen von ihr sein könnte, sondern in ihr hat das Wesen seinen Grund. Der Mensch kann zu einem anderen Menschen 100 in mannigfache Beziehungen treten: des Kennens, der Freundschaft, des Helfens oder Schadens und so fort. In ihnen entfaltet sich sein Wesen, aber es besteht nicht darin. Er bleibt Mensch, auch wenn er diesen oder jenen Ande- 105 ren nicht kennt oder ihm nicht hilft. Die Beziehung hingegen, von der wir sprechen, ist anderer Art. Eine Brücke ist der Bogen, den der Baumeister von einem Ufer des Flusses auf das andere hinüber baut. Ich kann nicht sagen: Die 110 Brücke kann auf dem anderen Ufer aufruhen oder auch nicht und doch immer Brücke bleiben. Das wäre ein Unsinn, denn nur darin ist sie»brücke«, dass sie sich von diesem Ufer abhebt und auf dem drüben aufruht. So etwa ist zu ver- 115 stehen, worum es sich hier handelt. Der Mensch ist Mensch nur in der Beziehung zu Gott. Das»Von-Gott-her«und»Auf-Gott-hin«begründet sein Wesen. Das wird noch deutlicher, wenn wir ins Auge 120 fassen, was den Menschen von allen anderen irdischen Geschöpfen unterscheidet: seine Personalität. Dass er Person ist, bedeutet: er steht im eigenen Stand; er vermag aus eigener Anfangskraft zu handeln; über sich und die Dinge 125 zu verfügen. Auf die Frage: Wer hat das getan? kann und soll er sprechen: Ich - und in Verantwortung dafür einstehen. Als solchen hat Gott ihn geschaffen. Das ist aber nicht so gesehener, dass Er den Menschen geformt und in 130 sich selbst gestellt hätte, sondern etwas von ganz anderem Rang hat sich ereignet: Gott hat den Menschen zu seinem Du gemacht und Er hat ihm gegeben, seinerseits in Gott sein Du, sein eigentliches Du zu haben. In diesem Ich- 135 Du-Verhältnis besteht sein Wesen. Und nur deswegen, weil Gott ihn in die Beziehung des Ich-Du zu Sich begründet hat, kann der Mensch auch zu anderen Menschen in personale Beziehung treten. Zu einem Anderen zu sagen: Ich 140 sehe dich... ich ehre dich, ist ihm nur möglich, weil Gott ihm gegeben hat, zu Ihm, dem Herrn, zu sagen:»du bist mein Schöpfer... ich bete Dich an.«in der für alles Folgende entscheidenden Of- 145 fenbarung auf dem Berge Horeb (Ex 3) erscheint Gott dem Moses im brennenden Dornbusch. Wie dieser nach Seinem Namen fragt, antwortet Gott:»Ich bin der Ich bin.«der Satz ist unausschöpfbar tief. Er sagt:»ich bin Jener, 150 der in Macht hier ist und handeln wird.«tiefer:»ich bin Jener, der keinen Namen von der Welt her annimmt, sondern nur aus Mir selbst heraus genannt werden kann.«noch einmal tiefer:»ich bin Jener, der allein von Wesen her fähig und 155 befugt ist, zu sprechen: Ich.«Dem reinen Sinne nach ist nur Gott»Ich«, Er-Selbst. Wenn wir sagen:»er«, dann können wir irgendeinen Menschen meinen; sprechen wir es aber einfachhin, aus der Tiefe des Geistes, dann meinen wir 160 Gott. Wenn wir sagen:»du«, dann können wir uns damit an einen Menschen wenden; sprechen wir es aber einfachhin, mit unserem ganzen Sein, ins Offene hinaus, dann rufen wir Gott... Dieser Gott ist es, der den Menschen anruft. 165 Und nicht nur so, dass der Mensch schon wäre, und Er richtete nun sein Wort an ihn, damit er irgend etwas erfahre oder tue; sondern indem Gott den Menschen anruft, begründet Er ihn im Sein und dadurch wird er Person. Der Mensch 170 besteht im Angerufensein durch Gott und nur so. Abgesehen davon gibt es ihn überhaupt nicht. Könnte man den Menschen von diesem Angerufensein ablösen, dann würde er zum Gespenst - nein, er würde zu nichts. Der Versuch 175 aber, ihn trotzdem zu denken, wäre Unsinn und Empörung. [...] So viel weiß der Mensch, wer er ist, als er sich selbst aus Gott heraus versteht. Dazu muss er aber wissen, wer Gott ist; und das kann er nur, 180 wenn er Seine Selbstbezeugung annimmt. Lehnt er sich gegen Gott auf, denkt er Ihn falsch, dann verliert er das Wissen um sein eigenes Wesen. Das ist das Grundgesetz aller Menschenerkenntnis. 185 Die erste Auflehnung dagegen geschah in der Ursünde. Sie wurde am Anfang begangen und

13 Textsammlung: Anthropologie Seite 13 es ist unergründbar, wie das geschehen konnte. Seitdem steht aber die ganze Menschengeschichte unter ihrer Auswirkung. Mit dieser 190 Lehre tritt die Offenbarung in einen grundsätzlichen Gegensatz zu jedem Naturalismus und Optimismus. Sie sagt uns, dass der wirkliche Mensch, seine Geschichte wie sein Werk, nichts mit den neuzeitlichen Anschauungen zu schaf- 195 fen haben, wonach er in sicherem Fortschritt zu immer reicherer Selbstentfaltung gelange. Diesen Menschen gibt es nicht. Die Ursünde bestand darin, dass der Mensch nicht mehr Ebenbild sein wollte, sondern selbst 200 Urbild; wissend und mächtig wie Gott. Damit fiel er aus der Beziehung zu Gott heraus. Die Brücke ging ins Leere. Die Gestalt sank in sich selbst zusammen und es entstand der verlorene Mensch. 205 Von langen Strecken seines Lebens im Dunkel der Verlorenheit wissen wir nichts. Vielleicht werden wir einmal fähig, zu hören, was die Kunst der frühesten Zeit darüber sagt; vielleicht lernen wir auch einmal, die paläontologischen 210 Funde daraufhin zu befragen. Bis jetzt geschieht das alles nicht; sondern Frage und Antwort stehen von vornherein unter dem Bann der Entwicklungsvorstellung, wonach alles Frühere Stufe auf dem Wege zum Höheren ist. In Wahr- 215 heit war jenes Dunkel nicht die Phase vor dem Hinaustritt in die kulturelle Klarheit, sondern die dumpfe Verstörung nach dem Fall. In diesem Zustande wusste der Mensch nicht mehr, wer er ist, noch worin der Sinn seines 220 Lebens besteht. Im Norden gibt es das Märchen von den Leuten, denen der Troll das Herz versehrt hat. Von da an wissen sie nicht mehr, wer sie sind. Sie suchen nach sich selbst und finden sich nicht mehr. Das ist ein Gleichnis für das, 225 was wir meinen: die Menschen wussten nicht mehr, wer sie waren, noch woher sie kamen, noch wohin sie gingen. Und das ist lange so geblieben - trotz aller Größe der Leistungen und aller Herrlichkeit der 230 Werke, welche die Geschichte erfüllen. Wenn man die Antworten prüft, die der Mensch auf die Frage nach seinem Wesen gibt - und nicht nur manche, sondern alle; nicht nur die mutigen, sondern auch die verzweifelten; nicht nur die 235 edlen, sondern auch die gemeinen - dann sieht man: er weiß nicht, wer er ist. Nur hat er sich an dieses Nicht-Wissen so sehr gewöhnt, dass er es in der Ordnung findet; dass er es mit der Problematik der Natur verwechselt, welche die 240 Wissenschaft Schritt um Schritt überwindet; dass er gar noch stolz darauf ist. Das ist die zweite Bestimmung, die der Mensch aus der Offenbarung erfährt. Die erste hat gelautet: Der Mensch ist Gottes Ebenbild. Die zweite: Er hat 245 sich gegen den Bezug zu seinem Urbild aufgelehnt, ohne ihn doch aufheben zu können. So ist er ein verstörtes Ebenbild. Und diese Störung wirkt in alles hinein, wie er sich selbst versteht, was er tut, was er ist. 250 Dann geschah die Offenbarung und Erlösung. Sie vollzog sich auf der schmalen Linie der alttestamentlichen Geschichte und vollendete sich in Christus. Durch sie wurde dem Menschen gesagt, wer er sei, indem ihm gesagt wurde, 255 wer Gott ist. Gotteserkenntnis und Menschenerkenntnis wurden wieder ein Ganzes und das Ebenbild bekam wieder seinen Sinn. Ja in Christus stieg es zu unbegreiflicher Höhe, denn in Ihm wurde das Menschenbild zum Mittel für die 260 Epiphanie des ewigen Sohnes Gottes in der Welt:»Wer mich sieht, der sieht den Vater.«(Joh 4,9) In Glaube und Taufe aber erhält der Mensch Anteil an diesem Geheimnis. Der neue Mensch wird geboren, der»gestaltet ist nach 265 dem Bild von (Gottes) Sohn«(Röm 8, 29). Von hierher konnte er sich wieder verstehen. Er war wie Einer, der nach langer Selbstvergessenheit zu sich kommt. Wenn wir das Denken, Schauen, Gestalten, die Ordnung und Weisheit 270 der ersten fünfzehn Jahrhunderte nach Christus betrachten, so sehen wir, wie in ihnen überall der Mensch zu den eigenen Wurzeln vordringt. Zur Höhe Gottes hinaufsteigend, begegnet er der eigenen Wahrheit. Die Innigkeit Gottes er- 275 fahrend, wird er die eigenen Tiefe inne. Die Herrlichkeit Gottes ahnend, versteht er die eigene Sehnsucht. [...] Das ist die dritte Bestimmung, welche die Offenbarung für das Wesen des Menschen gibt. 280 Sie lautet: Christus hat die Schuld auf sich ge-

14 Textsammlung: Anthropologie Seite 14 nommen und gesühnt. Er hat das heilige Bild in Ihm selbst sichtbar gemacht und der Mensch kann durch Glaube, Liebe und Gehorsam wieder heil werden. 285 Im Lauf einer Geschichte, die eine Geschichte immer tieferen Verstehens und von dorther bestimmten Lebens hätte sein sollen, kam aber dann wieder der Abfall. Nicht nur dieser oder jener Einzelne, sondern viele der Einflussrei- 290 chen und Verantwortlichen lösten sich von der Offenbarung los. Ein ungeheurer Ausbruch künstlerischer, dichterischer und wissenschaftlicher Leistung, staatlicher Gestaltung und wirtschaftlich-technischer Meisterung der Welt 295 ereignete sich. In alledem aber geschah etwas Furchtbares: Ohne zu merken, dass es geschah, ja meinend, jetzt erst dringe er zur wirklichen Wahrheit durch, begann der Mensch wieder zu vergessen, wer er ist. Er verließ das»auf-hin«300 zu Gott und verstand sich selbst als natürlichselbstgenügsames Wesen, sein Werk als selbstherrliche Schöpfung. Dabei verlor er aber sein wahres Sein aus den Augen und ebenso den wahren Sinn seines Tuns. [...] 305 Dabei erhebt sich aber eine schwere Frage: [...] Machen jene, welche die Botschaft gehört und angenommen haben, mit ihr auch wirklich ernst? Nietzsche hat den Christen vorgeworfen, sie sprächen zwar von Erlösung, sähen aber 310 nicht so aus, als ob sie wirklich erlöst seien. Noch einmal radikaler: Sehen denn selbst jene, die es wirklich ernst nehmen, nach Erlöstheit aus? Erscheint in ihnen der»neue Mensch«, der aus dem Glauben und der Liebe hervorgehen 315 soll? Wird das in Christus geheiligte Ebenbild sichtbar? Ist die Botschaft vom neuen, aus der Erlösung hervorgehenden Menschen nicht doch nur ein Wunschbild? Die Antwort hat Einer gegeben, der an der 320 Quelle der Offenbarung selbst steht, nämlich Paulus. Er hat die Frage erfahren, die aus dem Widerspruch zwischen dem Inhalt des Glaubens und der unmittelbaren Wirklichkeit besteht. Der Christ glaubt, er sei erlöst; er glaubt, in ihm sei 325 das neue Menschenwesen von Gott her erwacht - fühlt er sich aber nicht sofort durch die Erfahrung des eigenen Seins widerlegt? Paulus drückt das durch seine Lehre vom»alten«und»neuen«menschen aus; vom Menschen des 330 Geistes und vom Menschen des Fleisches. Damit meint er keinen Dualismus; nicht den platonischen Widerspruch zwischen Geist und Körper. Was er»fleisch«nennt, ist der alte Mensch mit Leib und Seele; was er»geist«nennt, ist 335 der neue, wiederum in Leib und Seele lebende, aber erlöste Mensch. Zwischen beiden geht ein unaufhörlicher Kampf; und das Dasein wird als Vollzug dieses Kampfes verstanden. Gewiss gibt es Augenblicke, in denen der»neue«340 Mensch durchdringt und seiner selbst inne wird; immer wieder tritt der»alte«davor und verhüllt ihn. So befindet sich der Christ in der schweren Situation, das, was er eigentlich ist, gegen das 345 behaupten zu müssen, was er uneigentlich, aber in fühlbarster Intensität ist. Immer neu entsteht der Zweifel: Bin ich wirklich das, was die Verkündung von mir sagt? Und immer neu muss die Frage im»trotzdem«des Glaubens, in der 350»Hoffnung wider die Hoffnung«überwunden werden. Das ist das vierte, was die Offenbarung uns über den Menschen sagt: Was er sein wird, wenn er ins echte Ebenbild gelangt ist, wird erst 355 deutlich am Ende, nach der Auferstehung und dem Gericht. Dazwischen liegt das Kämpfen in der Verhüllung; das Werden im beständigen Widerspruch. Es ist wirklich so: der Christ muss an sein ei- 360 genes Christsein glauben. An seine Eigentlichkeit wider die ungeheure Kraft des Uneigentlichen. Man könnte sagen, im Text des Glaubensbekenntnisses fehle ein Artikel; der müsste lauten: Ich glaube an den Menschen, der ge- 365 bildet wird nach dem Bilde Christi; dass er in mir ist, trotz allem und dass er, trotz allem in mir reife. aus: R. Guardini: Den Menschen erkennt nur, wer 4 von Gott weiß. Würzburg 1965, S (Auszüge)

15 Textsammlung: Anthropologie Seite 15 Das christliche Menschenbild - eine kurze Einführung in eine heilsgeschichtliche Sichtweise - 1. Der Mensch ist Geschöpf und Abbild Gottes. Der Mensch ist ein eigenständiges Wesen. Er besitzt eine Persönlichkeit, Verstand und die Fähigkeit zur Entscheidung. Abbild Gottes zu sein meint Ähnlichkeit der Seele zu besitzen, nicht aber Kopie Gottes zu sein. So wie Kinder Abbilder ihrer Eltern sind, durch Vererbung und Prägung ähnliche Wesenszüge haben, ist der Mensch lebende Übersetzung des lebendigen Gottes in seine Schöpfung. Der Mensch ist als Gegenüber Gottes geschaffen, das heißt er ist in der Lage eine Beziehung zu Gott zu unterhalten, in der Gott der Erst-Handelnde ist. Auf Grund seiner Personalität besitzt aber auch der Mensch einen eigenen Stand und vermag aus eigener Kraft und in Freiheit zu handeln, ist also nicht unbedingt von Gott abhängig. Dies hat zur Folge, dass er auch gegen Gottes Willen handeln kann: 2. Der Mensch ist Sünder. Das klingt hart und wird oft falsch verstanden. Der Mensch ist als eigenständiges Wesen zur Freiheit berufen. Weil der Mensch selbstständig handeln kann, kann er diese Freiheit auch missbrauchen und etwa gegen die Schöpfung und damit gegen Gott handeln. Dies ist eine Folge der Abbildlichkeit des Geschöpfes vom Schöpfer: er besitzt nicht dessen absolute Wesenszüge und kann damit auch irren. Die Theologie spricht hier von der Kreatürlichkeit des Menschen. Dies ist im christlichen Verständnis aber eher beruhigend als drohend gemeint: Weil ich nicht absolut (perfekt) sein kann, muss ich auch nicht so sein, sondern darf Fehler machen. Diese prinzipielle Sündhaftigkeit des Menschen mag ihren Niederschlag gefunden haben in der Lehre von der Ursünde (Erbsünde). Dazu gehört aber auch noch ein weiterer Aspekt. Es gibt in der Welt Zustände, die an sich sündig sind, an denen aber kein einzelner Mensch Schuld trägt (zu denken wäre etwa an die herrschende Weltwirtschaftsordnung etc.). Weil niemand daran selbst schuldig ist, kann auch kein Individuum direkt etwas dagegen tun. Man spricht hier von so genannter struktureller Sünde. Diese Aspekte machen deutlich, dass der Mensch nicht allein seine Sündhaftigkeit überwinden kann. 3. Der Mensch ist durch Jesus Christus erlöst. Nach altem Verständnis ist der Tod eine Folge der Sündhaftigkeit. Dadurch, dass Jesus ohne eigene Sünde gestorben ist, hat er die Schuld der Menschen auf sich genommen. Durch die Überwindung des Todes in seiner Auferstehung ist damit auch die Sünde besiegt. Nach christlichem Glauben hat Christus damit durch seinen Tod und seine Auferstehung die Menschheit von der prinzipiellen Sündhaftigkeit erlöst. Diese Erlösung ist ein Angebot an alle Menschen. Insofern damit verheißen ist, dass der Zustand der Sündhaftigkeit überwunden wird, ist das Reich Gottes bereits angebrochen (das nennt man auch die eschatologische Verheißung ). Die Vollendung des Heils ist aber ein endzeitlicher, von Gott zu bewirkender Akt, also ist das Reich Gottes noch nicht vollendet ( eschatologischer Vorbehalt ). Die Erwartung der Vollendung hat für den Menschen innerweltliche Konsequenzen.

16 Textsammlung: Anthropologie Seite Der Mensch ist als Hoffender auf dem Weg zur Vollendung. Das Angebot der Erlösung erfordert die Annahme durch den Menschen. Diese Annahme geschieht in christlicher Sicht durch Glaube und tätige Nachfolge Christi. Die christliche Ethik erfordert dabei eine Grundhaltung des Menschen, die sich in Gottes- und Nächstenliebe ausdrückt. Durch die Annahme der Erlösungstat Christi gehört der Mensch de facto zu Kirche. Das äußere Zeichen dafür ist die Teilnahme an des Sakramenten, vor allem in der Taufe als Zeichen der Zugehörigkeit und der Entscheidung dafür und der Eucharistie als Zeichen der Vergegenwärtigung von Christi Tod und Leben. Im Bewusstsein seiner Kreatürlichkeit ist der Mensch zur ständigen Reflexion seines Verhaltens gefordert. Die Möglichkeit des Fehlens im Handeln erfordert immer wieder Neubesinnung auf das Ziel und notwendige Umkehr (metanoia). Die Hoffnung der Christen beruht darauf, dass dem, der sich bewusst dafür entscheidet das Reich Gottes sicher sein wird. Im Wissen um die eigene Unvollkommenheit (Kreatürlichkeit) ist das Bemühen um rechtes Handeln entscheidend, nicht der Erfolg. Die fehlende Vollkommenheit wird letztendlich Gott richten, so dass das Reich Gottes, auf das wir warten, am Ende als die mächtige Tat Gottes bewirkt wird.

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