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1 Erkenntnis ist die Grundlage guter Veränderungen von Prof. Dr. Jürgen Kremer 7. Juli 2013 Wären ökonomische Zusammenhänge in der Gesellschaft besser verstanden, dann wären wir der aktuellen Wirtschaftskrise nicht so hilflos ausgeliefert, sondern dann ließen sich rettende Reformen eher formulieren und umsetzen, so die These dieses Beitrags. Betrachten wir etwa Schulden, die in der gegenwärtigen Krise ein großes Problem zu sein scheinen. Viele Privathaushalte, Unternehmen und Staaten sind verschuldet. Gibt es also zu wenig Geld? Haben wir in der Vergangenheit so sehr über unsere Verhältnisse gelebt, dass nun endlich gespart werden muss, damit die Schulden reduziert werden können und wieder genug Geld da ist? Und wo wir schon dabei sind, was ist eigentlich Geld, wie entsteht es und wodurch ist es gedeckt. Geldsysteme sind Gutscheinsyteme Beginnen wir mit der Frage, was Geld eigentlich ist. In einem Geschäft können wir die dort angebotenen und mit Preisen ausgezeichneten Waren mit den Geldscheinen kaufen, die wir in unserem Portemonnaie mit uns führen. Eine ähnliche Situation kennt jeder von uns aus einem anderen Zusammenhang: Beim Sommerfest auf der Festwiese können am Eingang Gutscheine erworben werden. Ein solcher Bon kann wahlweise gegen ein Stück Kuchen oder gegen ein Getränk eingelöst werden. Diejenigen, die die Gutscheine kaufen, wissen beim Kauf nicht notwendigerweise, welche Kuchensorten angeboten werden und welche Getränke zur Auswahl stehen. Ein Rechtsanspruch auf Deckung der Gutscheine besteht nicht. Gutscheine können also wertlos verfallen, und sie könnten trotz vorhandener Waren möglicherweise nicht eingelöst werden. Geldsysteme sind Gutschein-Systeme, und es spielt keine Rolle, ob die Materialien, aus denen die Gutscheine hergestellt werden, einen Eigenwert besitzen oder nicht. Es ist nicht einmal von Bedeutung, ob es überhaupt einen materiellen Stoff gibt, aus dem die Gutscheine bestehen: Auf unseren Girokonten werden Gutscheine elektronisch verwaltet. Und gedeckt sind unsere Geldgutscheine so, wie die Bons des Sommerfests: überhaupt nicht. Die Golddeckung ist seit den 1970ern passé. 1

2 Geld entsteht durch Schulden Wie entsteht Geld? Die Deutsche Bundesbank schreibt in ihrem Schülerbuch Geld und Geldpolitik, [1], auf S. 72: Geschäftsbanken, also private Institutionen, schaffen Geld durch Kreditvergabe. Wird Zentralbankgeld, also insbesondere Bargeld, benötigt, so leihen es sich die Geschäftsbanken von der Zentralbank und geben es weiter, wobei Bargeld nur einen kleinen Bruchteil der umlaufenden Geldmenge ausmacht. Geld und Schulden sind zwei Seiten einer Medaille; existieren hohe Schulden, so existieren entsprechend hohe Geldvermögen, denn Geld wird durch Verschuldung erzeugt. Umgekehrt verschwindet Geld durch Tilgung wieder. Würden also alle Schulden getilgt, so wäre nur noch das vergleichsweise wenige Geld vorhanden, das nicht durch Kredite entstanden ist. Banken verleihen kein Geld, sondern Banken vergeben Kredite. Insbesondere ist das Sparen keine Voraussetzung für die Kreditvergabe, und somit müssten Sparer auch nicht für das Verleihen von Geld durch Zinserträge kompensiert werden. Und noch etwas: Wer die angesammelten Geldvermögen unserer Ökonomie unverändert lassen möchte, aber eine Verringerung der Staatsschulden fordert, der fordert damit zwangsläufig auch eine Erhöhung der Schulden der Haushalte oder Unternehmen. Denn die aggregierten Geldvermögen entsprechen der Summe der Schulden von Staat, Haushalten und Unternehmen. Ändern sich also die Geldvermögen nicht, dann auch nicht die Gesamtschulden, und eine Reduzierung der Staatsschulden muss durch eine Erhöhung der Schulden anderswo kompensiert werden. Was ist angesichts dessen von der politischen Standard-Zielsetzung zu halten, sowohl Wachstum, getrieben durch Investitionen, Kredite und damit Schulden, als auch eine Verringerung der Staatsverschuldung anzustreben? 2

3 Reformkonzept Vollgeld So weit, so bitter. Es gibt jedoch Reformvorschläge für unser Geldsystem, die durchdacht sind und die einen wirksamen Beitrag zur Lösung der Wirtschaftskrise liefern könnten. So wäre es möglich, unser jetziges Geldsystem ohne Währungsreform und ohne Revolution in das von Prof. Dr. Joseph Huber maßgeblich mitentwickelte Vollgeldsystem zu überführen. In diesem System würde das Geld nicht mehr durch Kredite entstehen müssen, sondern es würde von einer aufgewerteten, von staatlichen Weisungen unabhängigen Zentralbank als Bestand an die Bürger ausgegeben. Ferner könnten in einem Vollgeldsystem die Staatsschulden komplett abgebaut werden, während es in unserem aktuellen Geldsystem bestenfalls darum geht, die Neuverschuldung in Grenzen zu halten, siehe [3] und [4]. Unser aktuelles Geldsystem hat nicht nur den Mangel, dass Geld nicht als Bestand vorhanden ist, sondern die mit seiner Entstehung verbundene Verschuldung verursacht auch eine massive Umverteilung von Vermögen und dies bringt uns zum nächsten Punkt. Armut und Reichtum In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) [2] aus 2009 heißt es: Vermögensungleichheit nimmt weiter zu Ordnet man die Personen nach der Höhe ihres Nettovermögens und teilt sie in zehn gleich große Gruppen (Dezile) ein, so zeigt sich, dass das reichste Zehntel 2007 über mehr als 60 Prozent des gesamten Vermögens verfügte (Abbildung 1). Darunter hielten die obersten fünf Prozent 46 Prozent und das oberste Prozent etwa 23 Prozent des gesamten Vermögens. Gegenüber dem Jahr 2002 hat die Konzentration der Nettovermögen im Top-Dezil weiter zugenommen, in allen anderen Dezilen sind die entsprechenden Anteilswerte für 2007 dagegen niedriger. Mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung besaßen dagegen kein oder nur ein sehr geringes individuelles Nettovermögen. Die untersten 70 Prozent der nach dem Vermögen sortierten Bevölkerung haben einen Anteil am Gesamtvermögen von unter neun Prozent und damit rund 1,5 Prozentpunkte weniger als Aber Hand auf s Herz: Man kann es doch kaum noch hören! Diagnosen wie: Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, der Mittelstand verschwindet, immer mehr Menschen geht es schlechter, Armut breitet sich aus, wir haben zu lange über unsere Verhältnisse gelebt und müssen jetzt sparen. Alles schon x-mal durchgekaut, und dennoch ist es nicht klar. Und tun können wir auch nichts. Die Massen können ihre Steuern kaum noch bezahlen, und den Reichen kann laut unseren Qualitätsmedien und Ökonomen unmöglich noch mehr abverlangt werden, denn die oberen 10% zahlen bereits die Hälfte der gesamten Einkommensteuer. Ach doch, eine Sache wäre wichtig: 3

4 Abbildung 1: Individuelle Nettovermögen in Deutschland wir brauchen mehr Wachstum! Keiner weiß, warum, aber es scheint wenigstens alternativlos zu sein. Dabei sollten wir doch, ökologisch und unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten betrachtet, unseren Verbrauch einschränken, und wenn das Öl erst knapp wird, dann müssen wir ohnehin mit Schrumpfungen klarkommen. Also, warum brauchen wir eigentlich Wachstum? Kapitalerträge verursachen Umverteilung Darauf habe ich eine klare Antwort, allerdings beginnt die Erläuterung bei der Analyse der Einkünfte. Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Einkunftsquellen: Die Arbeitseinkommen, also die Einkünfte aus eigener Arbeit, und die Kapitaleinkünfte, also die Einnahmen, die sich auf das Eigentum an Kapitalvermögen gründen. Kapitaleinkünfte sind etwa Dividendenerträge, Mieten und Pachten, aber auch Zinserträge. Diese Kapitaleinkünfte stammen nicht aus eigener Arbeitsleistung, und das bedeutet, dass sie von anderen Menschen erwirtschaftet werden müssen. Die Dividenden, die an Aktienbesitzer ausgeschüttet werden, müssen von den Mitarbeitern der Aktienunternehmen erwirtschaftet werden. Die Mieten und Pachten müssen von den Mietern und Pächtern erarbeitet werden und die Zinserträge, die die Sparer für ihr angelegtes Geld erhalten, müssen von Bankkunden und hier in erster Linie von denen, die Kreditzinsen zahlen, finanziert werden. Wenn die Bank sagt: Lassen Sie ihr Geld für sich arbeiten, dann sollten wir das interpretieren als: Lassen Sie andere Menschen für sich arbeiten. In unserer Wirtschaftsordnung sind die Kapitalerträge derzeit nicht 4

5 begrenzt und werden zudem steuerlich gegenüber Arbeitseinkommen begünstigt. Dies aber bedeutet, dass wir es mit einem sich selbst verstärkenden Effekt zu tun haben: Hohe Vermögen erlauben hohe Kapitalerträge, die wieder angelegt werden können und zusätzliche Kapitalerträge generieren. Die Massen finanzieren so zunehmend die Zuwächse der Vermögenden. Jeder, der einmal Monopoly gespielt hat, kennt diesen Mechanismus der Vermögenskonzentration. Zusätzliche Nahrung erhält diese Entwicklung durch die darüber hinaus erheblich ungleich verteilten Arbeitseinkommen. Wachstum verschleiert Umverteilung Und warum benötigen wir nun Wachstum? Ganz einfach! Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im wesentlichen die Summe aller Arbeits- und aller Kapitaleinkünfte der Haushalte einer Ökonomie, siehe [4]. Zur Zeit haben wir nur wenig Wachstum und das BIP ändert sich von Jahr zu Jahr nur geringfügig; Wachstum ist ja gerade über die Zunahme des BIP definiert. Wenn aber kein Wachstum vorliegt und wenn die Kapitaleinkünfte durch die Anlage hoher Vermögen und durch die Wiederanlage der Zuwächse steigen, dann müssen die Arbeitseinkommen zwangsläufig sinken. Sinkende Arbeitseinkommen fallen aber unangenehm auf. Schöner wäre es, wenn die Vermögenszuwächse der Vermögenden finanziert werden könnten, ohne dass die Massen Einbußen bei ihren Arbeitseinkommen hinnehmen müssen. Und genau das ist bei Wachstum möglich. Wachstum ermöglicht also, alles so zu lassen, wie es ist. Die Umverteilung und die Finanzierung der Vermögenszuwächse der Vermögenden durch die Massen gibt es dann nach wie vor, aber es geschieht unbemerkt. Wachstum verschleiert die Umverteilung von Vermögen. Regeländerungen für unser Monopoly-Spiel Was könnten und sollten wir tun? Wir sollten uns zunächst nicht einreden lassen, dass das jetzige System alternativlos sei. Und wir sollten auch denen nicht auf den Leim gehen, die behaupten, dass es zwei Möglichkeiten gibt, entweder Kapitalismus oder Sozialismus. Wir sollten dagegen nüchtern realisieren, dass die Möglichkeit unbegrenzter Kapitalerträge unserem derzeitigen Wirtschaftssystem Züge eines Feudalsystems verleiht. Die modernen Feudalherren sind die Eigentümer hoher Vermögen, aber die tributpflichtigen Massen kennen weder ihre Herren noch die Höhe der Abgaben, denn die Zahlungen erfolgen anonymisierend über das Bankensystem. Wir sollten daher überlegen, welche Regeln bei unserem derzeitigen ökonomischen Monopoly-Spiel verändert werden müssten, damit das Abgabensystem überwunden werden kann und damit wir langfristig und nachhaltig über die Runden kommen. Beim Monopoly-Spiel wäre doch folgende Änderung außerordentlich wirksam: Die Geld- und gewinnbringenden Sachvermögen, die natürliche Personen auf sich vereinigen dürfen, werden begrenzt. Wenn jemand mehr als das 100fache oder 500fache des Durchschnitts- oder Medianvermögens angehäuft hat, 5

6 dann wird jeder weitere Zuwachs eingezogen. Da das Durchschnittsvermögen der Deutschen etwa beträgt, ergäbe sich als 500facher Wert beispielsweise ein Betrag von 44 Millionen Euro. Wenn eine Persönlichkeit, die bei dieser Beschränkung keinen Leistungsanreiz mehr empfindet, im Ausland ihr Glück sucht, dann sollten wir dies vielleicht weniger als Gefahr denn als Segen betrachten. Eine weitere Maßnahme könnte darin bestehen, die Einkommensspannen, die in Unternehmen maximal ausgezahlt werden dürfen, durch gesetzlich vorgegebene Faktoren zu begrenzen. Jedes Unternehmen kann seine Einkommenshöhen so festlegen, wie es will, aber derjenige, der am meisten erhält, darf nicht mehr als dreimal oder fünfmal oder zehnmal soviel einnehmen wie der, der am wenigsten erhält. Wer die vermeintlich niedrigen Faktoren kritisiert, der sollte sich einmal die Verteilung der Arbeitseinkünfte bei Handwerksbetrieben anschauen und sich fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, in Großbanken einen Faktor von 400 zuzulassen. Es geht darum, dass wir uns für eine Reformierung der ökonomischen Spielregeln zum Wohle der Gesellschaft einsetzen. Unter Wahrung von Freiheit und Eigentum, aber ohne die Auswüchse eines polarisierenden Abgabensystems. Um dies sinnvoll tun zu können, ist ein Verständnis ökonomischer Grundlagen erforderlich, denn ohne dieses Verständnis lässt sich keine sinnvolle Diskussion über Veränderungen und Reformen führen. Wer unser Geldsystem nicht verstanden hat, kann nicht fundiert über Alternativen nachdenken. Es ist daher wichtig, dass wir Bürger uns verstärkt mit volkswirtschaftlichen Zusammenhängen auseinandersetzen. Dem Einfluss von Einsicht und Erkenntnis, so die Hoffnung, wird sich langfristig niemand entziehen können. Ob es um den Glauben geht, dass die Sonne um die Erde kreist, oder um das Vertrauen auf angeblich freie Märkte und auf ewiges Wachstum. Literatur [1] Deutsche Bundesbank (2012). Geld und Geldpolitik Schülerbuch für die Sekundarstufe II, [2] Frick J. R., Grabka M. M. (2009). Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland, Studie DIW, [3] Huber J. (2013). Monetäre Modernisierung Zur Zukunft der Geldordnung: Vollgeld und Monetative, 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Metropolis. [4] Kremer J. (2013). Grundlagen der Ökonomie Geldsysteme, Zinsen, Wachstum und die Polarisierung der Gesellschaft, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Metropolis. 6

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