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1 Es gilt das gesprochene Wort! Impulse für Weiterbildung Rede von Dr. Gerhard F. Braun Betriebliche Weiterbildung mitgestalten 16. Oktober 2014

2 1 Meine Damen und Herren, in der Physik bedeutet ein Impuls vereinfacht gesagt die Übertragung von Kraft von einem Körper auf einen anderen. Sie alle kennen das Spiel, bei dem Metallkugeln an Fäden nebeneinander aufgehängt sind. Lässt man an der einen Seite mehrere Kugeln auf die anderen prallen, wird auf der anderen Seite die gleiche Anzahl an Kugeln wieder abgestoßen. Dieses Spiel zeigt sehr anschaulich, dass durch einen Impuls etwas in Bewegung gesetzt werden kann, was anschließend fast von selbst weiterläuft. Entscheidend ist es, die Kraft für die erste Bewegung, für den initialen Impuls, aufzubringen. Ich freue mich sehr, dass die Initiative weiter bilden einen solchen Impuls für die betriebliche Weiterbildung gesetzt hat. Nicht nur das außerordentlich große Interesse an der heutigen Veranstaltung ist dafür ein eindeutiger Beleg. Blickt man auf die zahlreichen Projekte, die seit 2009 in gemeinsamer Verantwortung der Sozialpartner erfolgreich umgesetzt wurden, so sprechen sie eine noch überzeugendere Sprache. Rund Unternehmen haben sich an der Durchführung beteiligt. Die Beteiligung war breit gefächert: Neben klassischen Branchen wie Metall + Elektro oder Chemie wurden auch viele andere Branchen aktiv, so zum Beispiel aus den Bereichen Handel, Bauwirtschaft oder Textil. Auch die Projekte selbst waren sehr vielfältig: Wie kann Weiterbildung in einem Drei-Schicht-Modell in der Lebensmittelindustrie aussehen?

3 2 Welche Fortbildungen sind notwendig, damit die Beschäftigten im Öffentlichen Nahverkehr trotz hoher Belastung auch noch im Alter gesund und motiviert arbeiten können? Wie kann die Logistikwirtschaft ihre Beschäftigten noch besser in die Lage versetzen, sich Wissen eigenständig anzueignen und das Bewusstsein für lebenslanges Lernen zu schärfen? Solche und andere Fragen wurden mit viel sozialpartnerschaftlichem Engagement angegangen. Mit Erfolg, wie die Befragungsergebnisse der beteiligten Unternehmen zeigen. So konnten nicht nur erfreuliche Ergebnisse zum jeweiligen Projektansatz erzielt, sondern auch weitere positive Veränderungen beobachtet werden. Zum Beispiel gibt die Hälfte der befragten Unternehmen an, dass sich die Arbeitsabläufe verbessert haben, und die Motivation der Beschäftigten erhöht werden konnte. In 28% der Unternehmen stieg durch die Weiterbildung auch die Arbeitszufriedenheit. In 16% der Unternehmen verbesserte sich das Betriebsklima. Da die Ergebnisse heute noch ausführlich präsentiert werden, möchte ich hier nicht zu sehr ins Detail gehen. Diese Zahlen und Beispiele zeigen eindeutig: Unternehmen haben die wachsende Bedeutung betrieblicher Weiterbildung erkannt. Und sie nutzen sie aktiv, um angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies ist dringend notwendig. Wissenschaftliche Berechnungen sagen voraus, dass bis 2035 rund vier Millionen Arbeitskräfte fehlen könnten. Bereits 2020 wird die Lücke voraussichtlich bei 1,7 Millionen liegen. Der Wohlstand in Deutschland wird dadurch massiv gefährdet, denn es drohen Wertschöpfungsverluste in Milliardenhöhe und hohe Risiken für den Wirtschaftsstandort.

4 3 Um dem entgegenzuwirken, spielt die betriebliche Weiterbildung eine zentrale Rolle. Zum einen ist Lebenslanges Lernen Grundvoraussetzung, um mit der abnehmenden Halbwertzeit des Wissens Schritt halten zu können. Nur wer sich regelmäßig weiterbildet, kann die technischen Neuerungen und die sich rasch ändernden Geschäftsprozesse erfolgreich meistern und dadurch beschäftigungsfähig bleiben. Dies gilt umso mehr, wenn wir uns Entwicklungen wie Industrie 4.0 und die Digitalisierung der Wirtschaft vor Augen führen. Zum anderen wird eine demografiefeste Personalpolitik der Unternehmen immer wichtiger. Bei alternden Belegschaften und zunehmendem Nachwuchsmangel müssen die Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch besser entwickelt und für das Unternehmen dauerhaft erhalten werden. Wissenstransfer ist hier ein zentrales Stichwort. Aber auch die Qualifizierung von An- und Ungelernten, und die Weiterbildung Älterer spielen dabei eine wichtige Rolle. Das bestehende und wachsende! - Engagement der Betriebe zeigt sich über die Initiative weiter bilden hinaus. Dazu einige Zahlen: Rund 83% aller Unternehmen bieten Weiterbildung an. Bei Unternehmen mit Mitarbeitern sind es sogar 95%, ab 250 Mitarbeiter fast alle (98%). Insgesamt investieren Unternehmen in Deutschland jährlich rund 29 Milliarden Euro in Weiterbildung. Dies sind rund 6% mehr als in Pro Beschäftigtem bedeutet dies eine Investition von Euro im Jahr. Der Umfang der betrieblichen Weiterbildung ist deutlich gestiegen: Im Vergleich zu 2007 haben Beschäftigte häufiger an Weiterbildungsmaßnahmen teilge-

5 4 nommen 1 Auch der Stundenumfang der besuchten Weiterbildung ist gestiegen, 2 ebenso wie die Zahl der angebotenen Weiterbildungsveranstaltungen 3. Ebenfalls erfreulich ist es, dass Beschäftigte mehr Freizeit für Weiterbildungsaktivitäten einbringen. Doch finden noch immer zwei Drittel der betrieblichen Weiterbildung innerhalb der Arbeitszeit statt. Beschäftige und Unternehmen profitieren beide von Weiterbildung und sollten sich gleichermaßen am Aufwand beteiligen. Eine Mehrheit der Betriebe wünscht sich, dass die Beschäftigten mehr Freizeit für die eigene Weiterbildung einbringen, und wäre dann auch zu höheren Investitionen in Weiterbildung bereit. Die Motivation und das hohe Engagement der Betriebe für betriebliche Weiterbildung habe ich deutlich gemacht. Doch wie sieht es auf der Seite der Beschäftigten aus? Auch hier liefert die Befragung der Unternehmen, die an Projekten der Initiative weiter bilden teilgenommen haben, interessante Ergebnisse. In jedem vierten Unternehmen hat sich durch die Beteiligung am Projekt die Weiterbildungsquote erhöht zum Teil sogar um bis zu 60%. Der Grund dafür? Die Projekte sind nicht durch eine gesetzliche Vorgabe verordnet worden, sondern aus der Eigeninitiative der Sozialpartner entstanden. Außerdem setzen sie am konkreten Bedürfnis der jeweiligen Branche bzw. der Beschäftigten an. Betriebliche Weiterbildung muss nah am Arbeitsplatz, eingebettet in die Produktionsund Dienstleistungsprozesse, stattfinden : 2,26 Teilnahmen pro Person; 2007: 2) 2 (2010: 29 Stunden; 2007: 22 Stunden), 3 (2010: 62 Veranstaltungen je 100 Mitarbeiter; 2007: 54)

6 5 Dort entsteht der Qualifizierungsbedarf, und dort muss sich auch der Lernerfolg niederschlagen. Dass die Weiterbildungsbeteiligung unter solchen Bedingungen besonders hoch ist, liegt auf der Hand: Die beste Motivation, an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen, ist die, dass sie den Beschäftigten im Arbeitsalltag auch etwas bringt. Diese Erkenntnis müssen auch die Weiterbildungsanbieter stärker berücksichtigen und sich als Dienstleister mit individuellen Angeboten verstehen, die sich nach den jeweiligen Bedürfnissen der Beschäftigten und Unternehmen richten. Hierzu zählen insbesondere zeitnahe, praxisorientierte Durchführungsformen und flankierende Maßnahmen für ein Lernen im Arbeitsprozess. Lebenslanges Lernen kann allerdings nur stattfinden, wenn Weiterbildung mit allen Lebensphasen vereinbar ist. Deshalb brauchen wir mehr familienfreundliche und zeitlich flexible Qualifizierungsangebote wie zum Beispiel berufsbegleitende Studiengänge oder Zertifikatskurse. Auch müssen die bereits vorhandenen Möglichkeiten, wie zum Beispiel Ausbildung in Teilzeit, noch stärker genutzt werden. Die wichtigste Grundlage für Lebenslanges Lernen ist jedoch Lernfähigkeit und Motivation. Die Basis dafür muss in der frühkindlichen Bildung und der Schule gelegt werden. Individuelle Förderung von Anfang an, konsequente Unterstützung des selbständigen Lernens und verbindliche Bildungsstandards sind dafür besonders wichtig.

7 6 Meine Damen und Herren, die Initiative weiter bilden hat einen hervorragenden Impuls für betriebliche Weiterbildung gegeben. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kräfte, die durch diesen Impuls in die vielfältigen Projekt-Aktivitäten übertragen wurden, weiter bestehen bleiben. Die BDA begrüßt es ausdrücklich, dass es in der ESF-Förderperiode erneut eine Sozialpartnerrichtlinie geben wird. Dadurch haben wir die Chance, gute Ansätze aus der ersten Förderperiode weiterzuentwickeln und das Thema Fachkräftesicherung als Sozialpartner gemeinsam anzugehen. Den Anwesenden, die zum Gelingen der Projekte der Initiative weiter bilden beigetragen haben, danke ich für ihr persönliches Engagement. Den künftigen Projekten der neuen Förderrichtlinie wünsche ich viel Erfolg.

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