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1 2 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Unsere versäumten Tage Liebesbriefe von NVA-Soldaten Ein Feature nach Originaldokumenten von Marie von Kuck Autor: Redaktion: Marie von Kuck Petra Mallwitz Sendung: Wiederholung: Montag, um Uhr in SWR2 Dienstag, um Uhr in SWR2 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte der Sendungen SWR2 Tandem auf CD können wir Ihnen zum größten Teil anbieten. In jedem Fall von den Vormittagssendungen. Bitte wenden Sie sich an den SWR Mitschnittdienst. Die CDs kosten derzeit 12,50 Euro pro Stück. Bestellmöglichkeiten: 07221/ Einfacher und kostenlos können Sie die Sendungen im Internet nachhören und als Podcast abonnieren: SWR2 Tandem können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter oder als Podcast nachhören: Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de 1

2 MANUSKRIPT Wolfgang: Hallo Ihr Lieben daheim! Frank: Liebe Biene! Tommy: Liebe Mutti! Stefan: Meine liebe, gute Katrin! Frank:... Ich habe heute ein ungeheures Mitteilungsbedürfnis. Um nicht an Herzdrücken zu sterben, werde ich Dir erst mal ein paar Zeilen schreiben... Wolfgang:... Am Freitag sind wir hier angekommen... Stefan:... Zuerst mussten wir zum Massenduschen. Du kannst Dir das Bild kaum vorstellen... Frank:... Es ging gleich alles nach Befehl... Wolfgang:... Dann wurden wir eingekleidet, mussten den Schrank einräumen... Tommy:... und schon wenn Du mal an Deiner Uniform einen Knopf zuzumachen vergessen hast, wirst Du angeschrieen und musst Sonderarbeiten verrichten... Tommy:... Hier im Zimmer schlafen wir mit 10 Mann. Wolfgang:... Vor allen Dingen muss man früh gleich aus dem Bette springen. Wenn nicht, dann bekommt man Sonderaufträge... Tommy:... Zum Beispiel mussten wir das Gras von der Wiese wegruppen, was über 10 cm ist... Frank:... Die 18jährigen Unteroffiziere machen uns nur Dampf an den Hacken... Wolfgang:... Man lebt hier wie im Knast... Stefan:... Es ist unmöglich, sich vorzustellen, dass ich hier 1 ½ Jahre bin... Wolfgang:... 1 ½ Jahre... Tommy:...1 ½ Jahre... Frank:... 1 ½ Jahre... 2

3 SPRECHERIN: Die Verbindung nach draußen Michi: Bad Düben, am 6.November. Mein liebes kleines Lämmchen! Drei Jahre Unteroffiziersdienst. Grundausbildung, ein halbes Jahr Unteroffizierschule, 1056 Tage. Heute ist erst der erste Tag, an dem ich Dir schreiben darf! Es ist schon komisch, hier zu sein und zu wissen, Du bekommst meine Botschaft erst in drei oder vier Tagen... Außerdem kann ich ein Vielfaches von meinem Leben hier nicht schreiben, da ich der Schweigepflicht unterliege, und die Briefe kontrolliert werden. Nur soviel: Im Allgemeinen hat der Unteroffizier umfangreiche Aufgaben zu erfüllen. Er ist verantwortlich für die Einhaltung der Disziplin und Ordnung. Er bildet die Soldaten aus und erzieht sie zu sozialistischen Persönlichkeiten. Er muss 24-Stunden-Dienste und Wachdienste stehen. Alles in Allem: ein guter Uffz muss ein Allerweltskerl sein! Hoffentlich bin ich allem gewachsen! Ach Suschen! Du fehlst mir so! Ob Du wohl durchhalten wirst die Zeit, die auch ich durchzuhalten habe? Ich hoffe nur, Du bleibst mir treu! Ich brauch Dich mehr denn je! Dein Michi. Ich liebe Dich! Stefan: Seit der ersten Woche hier sind für mich Briefe das Wichtigste. Das Warten auf den ersten Brief erschien mir wie eine Ewigkeit. Wolfgang: Ein Brief ist eine moralische Stütze, eine Art Verbindung zum Zivilleben... Frank:...Wenn man hier den Dienst einigermaßen überstanden hat, dann kann man eigentlich nur Briefe schreiben, um nicht vollständig zu verblöden. Michi:...Ohne einen Brief, ohne eine Antwort, ohne ein Zeichen, dass man irgendwo gehört, verstanden, gebraucht wird, kann man hier leicht durchdrehen... SPRECHERIN: Kasernenalltag Stefan: Wolfen, der 9.November. Meine allerbeste Katrin! Endlich! Ich hab Post von Dir erhalten und freue mich sehr, denn man möchte schon gerne wissen, was zu Hause los ist. Wenn Du von unserer kleinen Anne schreibst, geht mir ein Stich durch n Magen. Ich kann mir jetzt schon gar nicht mehr vorstellen, wie unser Kind aussieht und sich entwickelt hat. Dass sie jeden Tag durch die Wohnung krabbelt und mich überall sucht, ist schrecklich. Ich freue mich aber, dass sie mich noch nicht vergessen hat. Ich glaub Dir auch, dass es jetzt bei Euch sehr ruhig ist, obwohl Du sicherlich viel zu tun hast. An Deiner Stelle würde ich die Wohnstube auch nur heizen, wenn Du von vornherein weißt, dass Du noch n bisschen länger aufbleiben willst. 3

4 Diesen Brief schreibe ich übrigens wieder zwischen Tür und Angel, denn gleich ist Stubendurchgang, und da muss jeder mit seinem Schlafanzug vor seinem Schrank stehen und sich abmelden. Schrankkontrolle haben wir auch jeden Tag. Man hat hier so wenig Zeit, dass man manchmal nicht mal auf den Abort gehen kann. Bleib tapfer, wie ich es bin. Und grüß die kleine Anne schön von ihrem Papi! Dein liebster Stefan SPRECHERIN: Spätherbst, erstes Diensthalbjahr, Grundausbildung Wolfgang:...Wir sollten heute noch einmal über die Sturmbahn gehen, aber einzelne Elemente waren gerade frisch gestrichen worden. Als wir das sahen, konnten wir natürlich nicht umhin, unsere Freude darüber auszudrücken. Das missfiel unserem Unteroffizier, jedenfalls mussten wir in voller Ausrüstung, mit Winterkampfuniform, Watteuniform, Stahlhelm und Schutzmaske umgehängt, einige Runden laufen. Das an sich genügte mir schon. Aber dann ging s erst richtig in den Dreck: Gleiten, in Sprüngen vorwärtsbewegen, Häschen Hüpf und das fast ausnahmslos mit Schutzmaske. Hinterher waren wir alle ganz fertig, und die Klamotten sahen fein aus! Stefan:... Gegen Abend war dann ein Forum, wo jeder seine Beschwerden vorbringen konnte. Einige haben es getan, da ihnen versprochen wurde, dass ihnen keine Nachteile daraus erwachsen. Das Gegenteil ist dann geschehen. Ich will darüber gar nichts weiter schreiben... Wolfgang: Am Montag werden wir das erste Mal scharf schießen, und am Sonntag werden wir vereidigt. Diese Tage haben wir deshalb sehr viel Exerzieren gehabt... Tommy:... Man muss ständig dazu ein Lied trällern. Es wurde immer noch mal und noch mal geübt... Stefan:... Bei dieser Kälte und dem Wind ist das grausam. Der Stahlhelm ist so unwahrscheinlich schwer und drückt auf dem Kopf... Michi: Hoffentlich kommt Ihr! Hoffentlich! Ich brauche Euch alle so sehr! SPRECHERIN: Vereidigung ICH SCHWÖRE: Der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen ICH SCHWÖRE: 4

5 SPRECHERIN: Heimweh Michi: Bad Düben, am 15. November. Mein Suse-Lämmchen, mein Liebstes! Eben konnte ich Dich noch in die Arme schließen, und schon ist alles wie ein Traum und vorbei. Du sitzt jetzt in einem fremden Wartburg und fährst nach Erfurt zurück. Und ich sitze hier. Ich liebe Dich, hörst Du! Mir wären vorhin, während unseres Spaziergangs zum Handelsplatz beinah die Tränen gekommen. Stefan: Wolfen, den 27. November. Meine Allerbeste! Heute war der schlimmste Tag in meinem Leben Uhr ging s los. Wir waren beladen wie die Zugochsen. Wir mussten alles mitschleppen, was wir haben: Stahlhelm, Magazintasche, Maschinengewehr, Schutzanzug und Schutzmaske, Essen und Kochgeschirr, usw. Das hat schon unwahrscheinlich gedrückt. Ich war der erste von uns, der sich Blasen gelaufen hatte, und jeder Schritt war schon nach den ersten 3 Kilometern ein Schmerzschritt, so dass ich das Gepäck, was ich um hatte, kaum noch gemerkt habe. Wir mussten auch zweimal mit dem ganzen Gepäck rennen, und da war es ganz aus. Ich war total fix und fertig und mir war dauernd übel. Und von da an habe ich das Schlusslicht gebildet. Wenn ich Dir jetzt schreibe, dass wir fünf Stunden ununterbrochen gelaufen sind, dann kannst Du Dir vorstellen, was mit mir los war. Die Leute aus meinem Zimmer haben große Kameradschaft bewiesen. Die letzten 5 km wollte ich immer zusammenklappen, aber ich wurde beidseitig untergehakt. Am Schluss war ich nicht mehr bei vollem Bewusstsein. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass sich so ein Tag wie der heutige nicht gleich wiederholen wird! Grüße die kleine Anne und mindestens 10 Küsse für Dich von Deinem Stefan. Tommy: Schneeberg, 18. November. Hallo Mutti! Was ist denn Dienstag bei Dir bei Frau Doktor Richter rausgekommen? Wenn ich mir nicht solche Sorgen um Dich machen würde, wäre das hier alles besser auszuhalten. Viele liebe Grüße und gute Besserung! Dein Tommy Frank: Viermal Wache in einer Woche und trotzdem noch Ausbildung. Wolfgang: Jetzt ist erst die zweite Wache, und ich könnte schon wieder im Stehen schlafen. Tommy: Und ausziehen dürfen wir uns die gesamten 24 Stunden nicht. Sogar die Magazintasche mit 60 Patronen muss man die ganze Zeit umlassen. Frank: Und keiner kann es sehen, wenn wir mal etwas Freizeit haben. Du wirst manchmal mit Dingen beschäftigt, die so sinnlos sind, und die man nie versteht. Zum Beispiel haben wir zwei Nächte hindurch von sämtlichen Pioniergeräten (Schaufeln usw.) mit einem Taschenmesser die Stiele abgekratzt. Wenn Du uns sehen würdest, bestimmt würdest Du manchmal zweifeln. 5

6 Wolfgang: Nicht, dass ich mich beschweren will, aber manche stehen das eben nicht durch. Der Kompaniechef hat schon wegen Lächeln bei Ausspruch einer Strafe einen ins Gefängnis befördert. Jetzt fangen manche mit Selbstmorddrohungen an. Auf Wache können die schon nicht mehr ziehen. Also, was hier momentan los ist, das schreit gen Himmel. Dabei soll das jetzt noch nicht einmal die schlimmste Zeit sein... Michi: Liebes Suse-Lamm! Müde und zerschlagen bin ich vom Küchendienst zurück. Diese Woche als Küchenschabe war wohl eine der anstrengendsten meines Lebens. Wie sehne ich mich nach Deiner Wärme, nach Zärtlichkeit, nach einem Gespräch mit Dir! Es ist so kalt hier! Genieße jeden Tag! Mir sind immer nur Minuten vergönnt, die ich genießen kann. Wie sehr wünscht man sich da alte Zeiten zurück! Vielleicht merke ich erst hier, was das heißt: Leben. Weißt Du, dass ich jetzt schon im Stehen einschlafen kann? Subjektive Entscheidungen bleiben einem nur in der Nacht, wenn man träumen kann, was man will, bevor man einschläft. Das sind die schönsten, an einem trostlosen Tag erlebten Minuten. Mich beengt das alles so! In allen Lagen komme ich mir beobachtet vor. Sechs Mann in einem Zimmer, dass nur 3x4 Meter hat, kein Platz zum Drehen und zum Atmen, keine Zeit für sich oder zum Schreiben. So stellt sich keiner das Leben vor. Ich bin so voller Aggressivität, so voller Nervenanspannung, dass glaubst Du gar nicht. Ich schaue nur durch ein Fenster in die Welt. Das Fenster bist Du, Mutti und alle, die mir schreiben und mich lieb haben. Mehr nicht. Mich ekelt hier alles so an: dieser Machthunger der Vorgesetzten und der Egoismus überall. Viele böse Gedanken durchziehen mich. Sogar selbstvernichtende Ideen. Es ist so wichtig, dass einen jemand liebt, auf einen wartet, einem schreibt. Wem kann ich mein Herz ausschütten, wenn nicht Dir? Verlass mich nicht! Michi SPRECHERIN: Advent und Weihnachten Frank: Feldberg, der 18. Dezember. Jetzt ist nun bald Weihnachten. Hier spürt man sehr wenig davon, höchstens wenn einer mal von zu Hause ein Paket bekommt, und wir dann mit einer Kerze auf dem Tisch richtigen Bohnenkaffee trinken... Michi: Ich verstehe nicht, warum kein Weihnachtsschmuck erlaubt ist. Und dass ich Dein Bild von der Schranktür abreißen musste. Ich sitze umgeben von Schränken in einer gefühlskalten Umgebung und versuche, sie mit einer Tropfkerze zum Leben zu erwecken. Die Kerze flackert, es ist schon dunkel. Ich summe leise Weihnachtslieder. 6

7 SPRECHERIN: Ausgang und Urlaub Wolfgang: 3. Februar, Karow. Am Sonnabend war ich das bisher erste Mal im Ausgang. Wie ich schon vorher geahnt hatte, artete das in ein sinnloses Besäufnis aus. Frank: Wir waren in einer Dorfdisco. Aber zu einem Mädchen findet man mit der Scheißuniform und mit dem blöden Haarschnitt sowieso keinen Kontakt. Versteh das bitte nicht falsch, aber man hat einfach mal das Bedürfnis, sich mal wieder vernünftig zu unterhalten. Einziges Resultat dieses Ausflugs war ein sehr schwerer Kopf am nächsten Morgen. Stefan: Trotzdem: Wenn man so im Ausgang ist, da fühlt man mal wieder, was Freiheit bedeutet. Man möchte dann nie mehr in die Kaserne zurück. Stefan: Wolfen, den 10.Februar. Meine liebe, gute Kati! Du wirst sicherlich schon jeden Abend auf mich gewartet haben. Und jetzt ist Sonnabend, Uhr und ich bin immer noch nicht bei Dir. Der Urlaub ist gestrichen. Hier ist schon wieder vier Wochen Urlaubs- und Ausgangssperre! Ich könnte heulen. Sie machen hier mit uns, was sie wollen. Ich habe so eine Wut im Bauch! Grüße unsere kleine Anne! Dein lieber Mann Stefan. SPRECHERIN: Die Regimentsübung Frank: Feldberg, der 11.Februar. Wir erwarten zur Zeit eine Aktion, die sich vom bloßen Gefechts-Alarm-Training zur mittleren Übung entwickeln kann. Etwas Genaues weiß niemand. Nur dass wir irgendwann in dieser Woche mit Gefechtsalarm rausfliegen. Wolfgang: Ihr Lieben daheim! Ich will Euch keinesfalls beunruhigen, muss Euch aber sagen, dass für die Regimentsübung auf einen Ural 30 Zinksärge verladen wurden. Jeder von uns musste an seinem Reisesack eine Paketkarte befestigen mit der Adresse der Angehörigen. Im Falle des Falles werden so die persönlichen Sachen an die Angehörigen geschickt. Macht Euch aber bitte keine Sorgen, ich passe schon auf mich auf. Im letzten Jahr hat es keine Toten gegeben. Bloß welche, die einen Arm oder ein Bein lassen mussten. Wir werden ungefähr acht- bis zehntausend Soldaten sein. Es wird mit scharfem Schuss geschossen. Wir haben alle eine Stimmung hier, und es wird nur davon erzählt. Wenn die Übung vorbei ist, mach ich drei Kreuze. Bis bald, Euer Wolfgang Stefan: Angeblich soll es morgen soweit sein. Alle haben Lampenfieber und hoffen, dass sie heil nach Hause kommen. Tommy: Die ganze Nacht unruhig und fast nicht geschlafen. Sonntag 10 Uhr früh ging s los. Arbeitseinsatz rot, Gefechtsalarm. Mit die Panzer raus in Wald und haben auf das Signal gewartet. Drei Tage lang im Wald gewartet und gefroren, bis es erst richtig losging. 7

8 Wolfgang: Wir mussten bis zu acht Stunden unter Vollschutz Handlungen durchführen und in der Nacht noch Feuerwache. Ich als Kradmelder hatte dabei das besondere Glück, dass ich noch weniger Schlaf hatte, als die andern. Zum Schluss war ich jedenfalls so fertig, dass ich im Stehen eingepennt bin. Frank: Vor allen Dingen wird man von allen Seiten angeschrieen, selbst von den anderen Soldaten, wenn man z.b. keine Kraft mehr hat, die Munitionskisten auf- und abzuladen. Stefan: Es wären fast zehn Soldaten von einer Granate getroffen worden, da sich der Rechner vertan hatte. Der war danach nur noch ein Nervenbündel und konnte kaum noch weiterrechnen. Frank: Ich war als Wachposten am Rande des Zielgeländes eingeteilt. Um 20 Uhr ging das scharfe Schießen los. Um 22 Uhr musste abgebrochen werden, weil die Sicht schlechter wurde. So konnten wir sieben Stunden schlafen, was man aber nicht so nennen kann: Wir lagen zu Acht in Zelten, wo jeweils ein Ofen drin war, auf dem blanken Schnee und hatten nur ein paar schmutzige Decken. Durch das Heizen ist natürlich der Schnee geschmolzen, so dass wir in Matsch und Pfützen lagen. Du kannst Dir überhaupt nicht vorstellen, wie ich gefroren habe. Ich bin auch dauernd vor Kälte aufgewacht, obwohl ich total fertig war, bin ich dann nachts aufgestanden, um mich am Ofen zu wärmen. Wolfgang: Auch das Waschen im Freien mit dem Stahlhelm als Waschschüssel, alles bei Dunkelheit, war eine Angelegenheit, die Beherrschung kostete. Richtig waschen konnte man sich natürlich unter solchen Bedingungen nicht. Man hat gehaust wie ein Schwein. Frank: Von dieser Art Camping haben wir genug. Spaßeshalber haben wir es Russische Wochen genannt. Wolfgang: Übrigens: Resultat der letzten Übung: 3 Tote. Nicht von unserer Einheit, aber schlimm genug... SPRECHERIN: Zweites Diensthalbjahr. Die Neuen kommen Tommy: Schneeberg, 3.März. Liebe Mutti! Dass Du wieder zu Hause bist ich finde es einfach toll! Dein Brief war wie eine Erlösung für mich! Mit Urlaub wird das immer noch nichts, habe ich doch geschrieben. Das hat mit Ausfressen nichts zu tun. Jetzt sind die Neuen gekommen, und da müssen wir jeden zweiten Tag auf Wache. Tschüß und werde gesund! Dein Tommy Stefan: Gestern sind sie angekommen. Ich bin noch ganz aufgekratzt. Wenn man sieht, was die jetzt durchmachen, dann ist man froh über jeden Tag, den man geschafft hat. Nie und nimmer möchte ich wieder am Anfang stehen und alles noch einmal erleben. 8

9 Tommy: Da wird man vom Dachs, wie wir das nennen, zum Vize geschlagen und hat in der Kompanie mehr zu sagen und muss nicht mehr die Toiletten und die Waschräume sauber machen und die Reviere und für alle andern springen. Das müssen ja dann die neuen Dachse machen. Stefan: Ich habe unverschämtes Glück! Ich werde in die Baubatterie versetzt. Dort werde ich als Schreiber für den Hauptmann eingesetzt. Das bedeutet, dass ich nicht mehr mit auf Übung muss, nicht mehr das Schutzzeug anziehen... Du glaubst nicht, wie neidisch die anderen sind. Wolfgang: Ich komme in ein Nest in der Nähe von Berlin. Aber Versetzungsurlaub ist nicht drin. Ich ärgere mich schon gar nicht mehr. Michi: Mir ist alles wie im Hals verschnürt. Die neue Dienststelle liegt sehr abgelegen. Der nächste Ort ist fünf Kilometer entfernt. Der dortige Bahnhof besteht nur aus einem Gleis mit einer Blechhütte. Tommy: Zuerst habe ich mich gefreut, dass in der neuen Bude ein Radio ist, aber wenn es den ganzen Tag ununterbrochen geht, und der größte Mist von Musik kommt, dann kann es einem auch auf die Nerven gehen. Sie lassen es sogar über Nacht laufen. Und man darf nichts sagen als Vize, weil immer noch die E s bestimmen. SPRECHERIN: Sonderaufträge und Erziehungsmaßnahmen Frank: Torgelow, der 21.Mai. Liebe Biene! Heute war hier was los! Es ist jetzt Uhr, und ich bin gerade aus dem Gefechtspark gekommen. Ich musste noch die Wege harken im Dunklen. Die anderen mussten heute Abend die Wiese mit grüner Sprühfarbe grün sprühen. Wenn man s nicht gesehen hat, glaubt man s nicht! Für morgen hat sich nämlich eine Kontrollgruppe unter Leitung eines Generals angekündigt. Man hat eine Angst hier, wenn die kommen, sagenhaft. Wir werden jetzt auch kaum noch in Ruhe gelassen, und alles geht ganz exakt nach Zeit. Zum Frühstück mussten wir sechsmal zum Essen antreten. Zum Mittag dasselbe. Der Kompaniechef ist um uns rum und hat jeden Zweiten abgezählt und zum Friseur geschickt. Im Laufschritt! Der Mann dreht durch. Die Käppis, die etwas ausgewaschen waren, hat er eingesammelt, weil sie keine militärische Farbe mehr haben. Ich hoffe nur, dass der Batzentanz hier bald wieder vorbei ist! Ich küsse Dich und grüß alle schön! Dein Frank Wolfgang: Ich war heute Vormittag auf einer sogenannten Dienstreise. Ich habe zusammen mit meinem Hauptfeldwebel eine Wi-We-Na -Anbauwand geholt und sie auch in seine Wohnung getragen. Stefan: Gerade vorhin musste ich für meinen Hauptmann ein Hirschgeweih putzen. 9

10 Tommy: Ich war den ganzen Tag in der Spritzerei, wo die Granaten neu gestrichen werden. Frank: Morgen haben wir Parktag. Da putzen wir wieder unsinnig an den Kanonen rum, obwohl sie total sauber sind. Tommy: Wir haben im Volleyball-Turnier haushoch mit 3:0 gegen die Offiziere gewonnen, obwohl wir noch nie zusammengespielt hatten. Die Offiziere haben sich so geärgert, dass wir jetzt viele Erziehungsmaßnahmen kriegen. Zum Beispiel mussten wir unser Zimmer im Gang aufbauen, Sibirischen Winter machen - da bestreuen sie den ganzen Fußboden mit Scheuermittel, und wir müssen so lange putzen, bis kein Schaum mehr kommt - damit wir lernen, was sauber ist, wie sie sagen. SPRECHERIN: Sommer Frank: Torgelow, der 14. Juni. Das Wetter kann man im Moment richtig als sommerlich bezeichnen. Vor allem bei der Ausbildung macht uns die Hitze zu schaffen. Wolfgang: Um die Mittagsstunden rum mussten wir die volle Schutzausrüstung anlegen. Und das zwei Stunden lang. Man kam sich vor wie ein Springbrunnen. Der Schweiß lief wie aus einem Wasserhahn. Mindestens die Hälfte der Batterie hat die Schutzmaske heruntergerissen. Unser Hauptmann hat getobt! Tommy: Das schönste am Tag ist zur Zeit wirklich die kalte Dusche! Stefan: Zweimal hat man uns die Möglichkeit zum Freizeitbaden gegeben. Man höre und staune: Sogar zum Baden muss ein schriftlich fixierter Badebefehl erlassen werden. Frank: Trotzdem freut man sich, wenn man mal rauskommt. Die Gefahr dabei liegt aber darin, dass man an dem See, wenn er auch klein ist, Urlauber und andere Zivilisten zu Gesicht bekommt. Wenn man sieht, wie zwanglos sich die bewegen können, ist einem jegliche Freude genommen... SPRECHERIN: Bergfest Frank: Torgelow, der 1. August. Gestern früh war bei uns gegen 5.30 Uhr, also noch vor Beendigung der Nachtruhe, Stubenkontrolle, wo sie alles umgestülpt haben, um unseren Schnaps zu finden. Sie haben ihn aber nicht gefunden. Gestern war nämlich ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Entlassung. An diesem Tage haben wir den Gipfel überschritten, mit anderen Worten: wir hatten Bergfest. Dieses Ereignis wurde natürlich zum Anlass eines allgemeinen Umtrunks. Stefan: Jetzt noch was Wichtiges, was ich vor einem Dreivierteljahr noch als totalen Blödsinn empfunden habe: Ich brauche zwei Bandmaße aber bitte keine aus Plaste. Vielleicht kannst Du sie mir besorgen oder hast sie sogar schon zu Hause. Ich brauche sie, weil ich doch bald Entlassungskandidat werde! 10

11 SPRECHERIN: Sehnsucht Michi: Badingen, am 27. September. Liebstes Suse-Lamm! Gerade bist Du fort. Mir ist das Herz schon wieder so schwer. Du warst irgendwie so weit weg. Warum hast Du mir gar nichts von Dir erzählt? Es tut mir furchtbar leid, dass Du von unserem Urlaub in mancher Hinsicht enttäuscht warst, und ich kann es gut verstehen. Ich war so müde und zerschlagen, als ich bei Dir ankam. Der Schlafmangel hinterlässt seine Spuren. Vor dem nächsten Urlaub werde ich jede erdenkliche Minute zu schlafen versuchen, damit ich in besserer Verfassung zu Dir fahren kann und du was von mir hast, das verspreche ich Dir! Ich habe so eine große Liebe für Dich im Bauch! Ein Soldat meinte, ob eine Liebe überhaupt so groß sein kann, dass man ihr das zumuten kann... Ich habe ihm nichts geantwortet. Dein Michi SPRECHERIN: Herbst. Drittes Diensthalbjahr Stefan: Gestern war der sogenannte Anschnitt. Wir haben unsere Bandmaße an den Stahlhelm gebunden und dann von den Neuen abschneiden lassen, so dass der Stahlhelm auf den Fußboden geknallt ist. Ansonsten verlief alles sehr ruhig. Wir haben noch eine Flasche Alkohol aufgetrieben, so dass jeder wenigstens einen Schluck abbekommen hat. In den anderen Batterien war viel mehr los, so dass einige auch mit Knast bestraft wurden. Tommy: Jetzt wird jeden Abend das Bandmaß abgeschnitten. Die Stube dann stillgestanden, dann wird abgeschnitten. Die Reißzwecke wird auch jeden Tag ein Stück tiefer gesetzt. Stefan: Trotzdem bin ich immer am Boden, wenn ich an die vielen Tage denke, die ich immer noch hier sein muss...zum Glück haben wir jetzt immer abends noch etwas Schnaps... Tommy: Liebe Mutti! Am 18.November wurde mein Maßband kürzer als einen Meter. Heute sind es noch 96 Tage bis zur Entlassung. Von der Hundert angefangen schicke ich jetzt alle Schnipsel nach Hause. Heb sie bitte schön auf und kleb sie alle nacheinander auf eine schöne Flasche Sekt. Wenn alle Schnipsel auf der Flasche sind, können wir auf meine Heimkehr trinken. Bleib gesund! Tommy Michi: Badingen, am 21.Februar. Mein Suse-Lämmchen! Heute wieder kein Brief von Dir. Ich mache mir langsam Sorgen. Wie geht s Dir? Ist was passiert? Es ist kaum auszuhalten, tatenlos warten zu müssen. Ich bekomme furchtbare Angst. Warum rechnet man immer gleich mit dem Schlimmsten? Vergiss nicht, dass ich Dich liebe. Michi 11

12 SPRECHERIN: Frühling. Abschied und letzte Tage Stefan: Wolfen, den 4.April. Meine liebe Kati! Nun ist es bald soweit, dass wir keinen Grund mehr haben werden, uns gegenseitig Briefe zu schreiben. Mir wäre es ganz angenehm, wenn wir uns gemeinsam vom für mich schlimmsten Ort der DDR verabschieden könnten. Kommst Du? In heißer Liebe! Dein Stefan Michi: Badingen, am 14.April. Meine liebe Suse! Endlich Post von Dir! Wenigstens weiß ich nun, dass Du gesund bist. Dein Brief hat mich sehr bedrückt gemacht, und nun, - es fällt mir enorm schwer, dir zu antworten. Ich schwimme, rudere... Du schreibst, Du wärst soweit, Dich von mir zu trennen. Das schockt mich mehr als sonst irgendwas. Man kann Dir ja deshalb nicht mal einen Vorwurf machen. Es ist nun mal natürlich, dass Menschen, die sich nicht sehen, einander fremd werden, und noch mehr vielleicht, dass man des Wartens auf den anderen überdrüssig wird. Aber mit dem Herzen habe ich das nicht begriffen. Ich kann mir ohne Dich nun mal nichts mehr vorstellen, ich habe so eine riesige Liebe für Dich im Bauch. Bitte sprich noch einmal mit mir über alles! Ich warte sehr darauf! Michi Tommy: Großenhain, 26.April. Liebe Mutti! Noch 96 Stunden. Endlich ist hier Schluss in dem Verein. Gegen 16 Uhr fahren wir hier raus. Ich bin ja gespannt was das für eine Hektik auf den Bahnhöfen wird. Ein Paket mit meinen Sachen schicke ich noch am Dienstag ab. Morgen haben wir die letzte Wache. Wochenende können wir dann zusammen essen. Der Heimkehrer Tommy! 12

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