Die Geschichte Ecuadors und Lateinamerikas

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1 Dr. Eckehart Wolff Die Geschichte Ecuadors und Lateinamerikas Die Beiträge wurden für die Sendung Land und Leute in Südamerika erstellt. Alle Rechte liegen beim Autor Dr. Eckehart Wolff

2 Inhaltsverzeichnis Einführung...4 Mais:...5 Sonne Mond und Sterne Altamerikanische Kulturen...7 Cochasqui...9 Aufstieg des Inkareiches Spanien am Vorabend der Entdeckung Amerikas...14 Siedlungsform - die Stadt...16 Die ersten Kolonien...19 Vorbereitung zur Conquista des Andenhochlandes Die Conquista des Inkareiches Die Inbesitznahme des ecuadorianischen Hochlandes...25 Das Inkareich wird spanische Kolonie...27 Das indirekte Mandat Das direkte Mandat Gold und Silber Kolonialverwaltung...37 Kirche der anfänglichen Kolonialzeit Missionsstrategie...41 Textilindustrie - und der Mensch im Wandel Schwarze in Amerika Steuerrebellion Textilproduktion...52 Zweiklassengesellschaft Alltag im kolonialen Quito...56 Kirche der Audiencia von Quito im 17. Jhd.: V/ Katastrophen im 17.Jahrhundert Küstenentwicklung...65 Eugenio Espejo oder Ecuador am Vorabend der Unabhängigkeit Napoleon -Vorbereitung der Unabhängigkeit Unabhängigkeit Ecuador, ein selbständiger Staat...74 Cascarilla...77 Die ersten Jahre des selbständigen Staates Ecuador Regionen wachsen zu einem Staat zusammen - García Moreno Der Indio Ecuadors in den ersten Jahren der Unabhängigkeit Das Leben in Quito Ende des 19.Jahrhunderts Kakao: Eloy Alfaro und die Liberale Revolution Kakao - zweiter Teil...99 Die Kirche Ecuadors des 19. am Übergang zum 20. Jahrhundert Die Eisenbahn Das Ende des Liberalismus und die soziale Frage Der Mittelstand Velasco Ibarra Der Panamahut Seite 2

3 Vom Kakao zur Banane Wirtschaftsentwicklung Ecuadors im 20. Jhd Die soziale Bewegung: Die Feste im Jahreskreis in Quito Der Campesino Ecuador in der Zeit nach dem II. Weltkrieg Die zweite Militärdiktatur Ecuador heute Anfänge der Mission in Ecuador Geistlicher Aufbruch in Ecuador Die Pioniermissionare Ecuadors Missionierung der Colorados und am Chimborazo Mission um Otavalo Die Missionierung der Shuars: Die Missionierung der Huauranis HCJB Wycliff oder die angebliche Kulturzerstörung der Mission Evangelische Kirchen in Ecuador heute: Die Katholische Kirche Ecuadors heute Ausklang Seite 3

4 Einführung Am 12. Oktober 1992 jährt sich zum 500. Mal die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Auf der Suche nach Indien war er auf Land gestoßen. Wie bei vielen großen Ereignissen hatte er nicht gewusst, welche Auswirkungen seine Entdeckung haben würde. Bis zum Ende seines Lebens ließ er sich kaum davon überzeugen, dass es nicht Indien war. Im Deutschen nennt man die Ureinwohner Amerikas wenigstens noch Indianer. Im Spanischen und Englischen heißen sie noch heute INDER. Der 12. Oktober ist ein Feiertag in ganz Lateinamerika. Über alle sonstigen Streitigkeiten hinweg ist man sich hier einig. Es sind dabei oft Worte zu hören wie: Mit diesem Datum hat das moderne und zivilisierte Amerika angefangen. Und nahezu jede Stadt Lateinamerikas zelebriert noch ihren eigenen Stadtfeiertag. Wieder ist es in der Regel der Gründungsfeiertag durch die Spanier, auch wenn diese Region nachweislich schon vorher bewohnt war. So hat Quito z.b. viel ältere Wurzeln als die Neugründung durch die Spanier. Sie reichen bis weit vor die Inkazeit zurück. Doch feierlich gedacht wird der spanischen Wurzel. Spanisch ist die Grundlage der Sprache, des Denkens. Spanische Arbeitshaltung und Werte haben sich erhalten und südamerikanisch weiter entwickelt. Die indianische Wurzel ist gestutzt worden wo immer es ging, später vergessen worden; doch sie lebt noch fort, meist ein kümmerliche Dasein. Hier und da erwacht sie neu. Im Zuge eines neuen Selbstbewusstseins muss wieder mit den Indios gerechnet werden. Sie machen mit Forderungen wie etwa der nach Land von sich reden. Freudig begrüßen es die einen, die anderen haben Angst. 500 Jahre Entdeckung Amerikas - ein Fest für die einen, wie man es seit 500 Jahren gefeiert hat, für die anderen ein Trauertag. "500 Jahre weißer Terror und Zerstörung unserer Identität", ist auf Häuserwänden zu lesen. 500 Jahre Entdeckung Amerikas - Verlage werden das Datum für neue Bücher nutzen. Bildbände mit schönsten Fotos, Fernsehfilme werden fesseln. Doch ich fürchte, dass in den meisten der einheitliche Tenor vorherrschen wird vom bösen kulturzerstörenden Spanier, der die ach so friedliebenden Indios umbrachte. So wie seinerzeit alles Indianische verteufelt wurde und als minderwertig galt, so ist man heute oft ins Gegenteil verfallen. Beides wird der Realität nicht gerecht. Denn immer haben Kulturen in Auseinandersetzung gelegen, hat eine die andere verdrängt oder sich in ihr aufgelöst. Wer das verhindern will, muss einen Menschenzoo schaffen. Und immer ging Auseinandersetzung mit Grausamkeit einher - leider. Das ist geschichtliche Tatsache. Ziel dieser Sendereihe ist es nicht, das Klagelied für die eine oder andere Seite zu singen, genauso wenig wie nur Loblieder. Mir kommt es darauf an, Linien aufzuzeigen. Wie sehr haben Amerika und Europa in Wechselwirkung gelebt, voneinander profitiert. Dabei sollen Einzelheiten aus der Geschichte lebendig gemacht, neu erzählt werden. Für den einen mag viel, für den anderen weniger Neues darin sein. Zusammenhänge in den beiderseitigen Entwicklungen sind für mich wichtiger als trockene Zahlen vorzutragen. Dabei sollen kurz die Zeiträume der Früh- und Vorinkageschichte angeschnitten werden. Wussten Sie, dass auf Ecuadors Boden die bisher älteste Kultur Amerikas zu finden ist? Weiter geht es mit den Inkas, diesem kurzlebigen Riesenreich, das allem seinen Stempel aufdrückte und im Grunde genommen doch nur Wegbereiter für die spanischen Eroberer war. Hintergründe der Conquista, der Eroberung sind ein weiteres Thema. Welche Gründe brachten Menschen des Mittelalters dazu, sich über Grenzen hinauszuwagen? Was waren Motiv und Hintergrund ihres Handelns. In der Kolonialzeit war Amerika Spiegelbild, oft aber spiegelbildlich verkehrtes Bild des Mutterlandes Spanien. Und es gilt: Keiner kam vom anderen los! Und wie seinerzeit die Entdeckung und Eroberung des Kontinentes scheinbar zufällig klappte, so führte bei Problemen im Mutterland die Seite 4

5 Solidaritätsbekundungen der Kolonien zur Unabhängigkeit. Dann über Nacht unabhängig, fängt man mit der Freiheit wenig an, denn nur äußerlich wurden Formen geändert. Bis aus den Kolonialuntertanen wirkliche reife Staatsbürger werden, dazu bedarf es eines langen Gärungsprozesses. Südamerika ist verschrien als Kontinent der Revolutionen. Dabei wiederholt sich Gleiches jetzt in Afrika. Ich möchte Hintergründe und Linien lebendig machen. Und mancher wird erstaunt sein zu hören: In Europa lief Gleiches zur gleichen Zeit ab. Südamerika hinkte in seiner Entwicklung nicht immer Europa hinterher. Entstanden ist diese Sendereihe aus der Beschäftigung mit Kultur und Geschichte des Landes als Vorbereitung für die Arbeit als Missionar. Nicht nur die Sprache ist wichtig zu verstehen, sondern auch die geistigen und geistlichen Wurzeln. Dabei habe ich Land und Leute lieben gelernt. Deswegen soll auch der Schwerpunkt der Beschäftigung auf Ecuador liegen, dem kleinen Land zwischen Kolumbien und Peru, dem seine Nachbarn im Laufe der Geschichte große Teile entrissen haben. Schwerpunkt ist diese Region Südamerikas, besonders nach der Zeit der Unabhängigkeit. Dafür werden wir zusammen eines der schönsten Länder dieser Erde ein Stück näher kennen lernen. Auf der Fläche etwa der alten Bundesrepublik Deutschland leben zirka. 13 Millionen. Menschen in drei unterschiedlichen Klima- und Geschichtszonen, dem Küstenstreifen, einst weltweite Nr. 1 im Kakaoexport und später bei Bananen. Der Welthafen Guayaquil, größte Stadt des Landes, war lange Zeit wichtigster Schiffsbauplatz der Pazifikküste. Die Sierra, das schmale Andenhochtal in m Höhe ist Heimat vieler kleinerer Völker, die im Inkareich schnell und wenig dauerhaft vereint wurden. Hier finden wir den Cotopaxi, der Welt höchster tätiger Vulkan. Andere kaum weniger hohe schneebedeckte Vulkane haben ebenfalls Geschichte gemacht, einer hat im rechten Augenblick durch seinen Ausbruch das Blatt der Geschichte gewendet. Doch es gab durch sie viel Elend und Leid. Erdbeben taten ein übriges. Besonders die Sierra ist voller geschichtlicher Ereignisse, wohnten doch hier die meisten Menschen, ist noch heute Quito die Hauptstadt, einst größte Stadt Amerikas, bevor sie in ein tiefes wirtschaftliches Loch stürzte, aus dem sie erst jetzt wieder auftaucht. Wir hören etwas von Bevölkerungsentwicklungen. Völkerwanderungen gab es nicht nur in Europa, sie fand auch im Oriente, dem östlichen Tiefland Ecuadors statt, als tausende von Indianern aus dem Hochland flohen und das Stammesgefüge gründlich durcheinander brachten. Dabei ist gerade der Oriente geschichtsträchtig, wie neuerer Entdeckung beweisen. Andererseits sind hier Völker erst lange nach dem 2. Weltkrieg entdeckt worden, so gut abgeschirmt lebten sie im Urwald. Wir Missionare sind Gäste in diesem Land. Aber wir kommen mit einem Auftrag. Weisung und Hilfe im Alltag ist uns die Bibel als Wort des lebendigen Gottes. Viele Parallelen werden wir finden in diesem Wort und sollen mit einfließen in die Betrachtungen. Denn Gott, der Herr der Geschichte lenkt auch die Ecuadors. Dabei wird manches geschichtliche Geschehen anders als üblich bewertet werden. Lassen Sie sich mit hineinnehmen und vergleichen sie selbst. 52 Sendungen sollen jeweils einem Thema gewidmet sein. Manches mag sich wiederholen. Aber es soll ja anschaulich sein. Und Wiederholung kann Vertiefung bedeuten. Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Reise durch die Geschichte des Staates Ecuador und Lateinamerikas. Mais: Wo soll man anfangen, die Geschichte eines ganzen Kontinentes zu beschreiben, dessen Wurzeln immer noch im Dunkeln liegen und jedes Jahr neue wissenschaftlichen Theorien da hinein Licht bringen wollen? Wo soll man anfangen in einem so unterschiedlichen Gebiet mit weiten Eissteppen im Norden, großen Ebenen und gigantischen Bergregionen, mit tropischen Regenwäldern und Wüsten, in denen es durchschnittlich nur höchstens alle 10 Jahre kurz regnet, wo schneebedeckte Vulkane dicht am Meer liegen? Ich möchte nicht spekulieren, ob die ersten Bewohner dieses Kontinentes nur über die Beringstraße Seite 5

6 marschierten, als in der letzten Eiszeit der Meeresspiegel so weit abgesunken war, dass man trockenen Fußes passieren konnte. Viele glauben auch an frühere Schiffsverbindungen mit Australien, Indonesien, den Philippinen und evtl. auch Ägypten. Tor Hayedahl hat dazu mit seinen zwei Probefahrten auf dem Balsafloß Kontiki und dem Papyrusboot Ra eindrucksvolle Beispiele geliefert. Und viele spezielle Funde in Ecuador selbst weisen auf Verwandtschaft zu fernöstlichen Kulturen hin. Außerdem ist der amerikanische Ureinwohner rassisch gesehen keine Einheit, sondern es gibt hier in einem einzigen Land Amerikas größere Unterschiede als in ganz Europa. Nein, wenn wir Amerika betrachten wollen, begeben wir uns lieber auf den Boden der bekannten Tatsachen und heben wir anfangs eine viel größere Kulturleistung hervor als nur der Marsch oder die Bootsfahrt über lange Strecken. Betonen wir ruhig einmal die Kultivierung von Pflanzen. Wussten Sie, welche der in aller Welt heute selbstverständlich angebauten Nutzpflanzen ursprünglich aus Amerika stammten? Denken Sie sich von ihren Speiseplan nur einmal folgende Dinge weg: Kartoffeln, Tomaten, Maisprodukte, einige Bohnensorten, Sonnenblumen, Avocados, Erdnüsse, Kakao, ferner, bei Fleisch Truthahn und einige Entenarten. Wenn sie sich dann noch die aus anderen Erdteilen stammenden Nahrungsmittel wie Reis, Kaffee, Tee etc. wegdenken, dann sehen, sie, wie deutlich eingeschränkt das tägliche Angebot ist. Ja Europa hat sehr von anderen Erdteilen profitiert, besonders von Amerika. Die ersten Amerikaner dürften wie auch die ersten Asiaten und Europäer Jäger und Sammler gewesen sein. Doch erst wer bedenkt, dass ein Jäger zum Leben je nach Region 2-5 km² Land benötigt, kann sich vorstellen, dass so ein Leben auf der Grundlage der Jagd allein ein Zusammenleben großer Familienverbände nicht gestattet. Und so gibt es aus der Steppe Nordamerikas Beispiele von Familien, die 300km und mehr zur Nahrungssuche zurückzulegen hatten. Und Familienverbände allein sind nie Keimzelle einer Großkultur geworden. Erst die Landwirtschaft ermöglicht Dorfbildung oder gar Städte. Und so liegt bezeichnenderweise auch die Frühgeschichte Amerikas im Dunkeln. Mit der Kultivierung von Nutzpflanzen kommt es zu bleibenden Kulturleistungen. Und diese Entwicklung ist wie sonst nichts in Amerika gebunden an eine Pflanze - den Mais. Um 7000 v.chr. zeigen Funde die ersten Maissorten in Ecuador an. Die entscheidende Kultivierung erfolgte aber um v.chr. Und damit entsteht in Ecuador die erste Hochkultur Amerikas, zur gleichen Zeit wie erste feste Reiche in Mesopotamien, Ägypten und China. Aber ursprünglich kommt der Mais aus Mexiko. Aus zentralamerikanischen Teosinten gezüchtet, zeigen sich 2 Linien: Erstens eine runde Kornart mit unregelmäßiger Anordnung, der Nal-Tel-Chapolote, den wir heute als Popcorn-Mais kennen und zweitens der Maíz de ocho, in 8 Reihen angeordnete große Körner am Kolben. Später wird dieser in Sorten mit 10 und 12 Kornreihen weitergezüchtet. Davon gibt es wiederum Weiterentwicklungen je nach Klimazone. Wenn man dann noch weiß, dass Tage Arbeitszeit auf dem Feld ausreichen, um den Jahresnahrungsbedarf einer Familie zu produzieren, versteht man, warum die ersten Spanier von der indianischen Kultur als der "Kultur des Müßigganges" sprachen. Mais wurde die effektivste Art, sein täglich Brot anzubauen und Hauptnahrungsmittel ganz Amerikas. Daneben erlangte für Südamerika eine andere Pflanze fast genauso große Bedeutung - die YUCA, auch Maniok genannt. Diese Knolle eines Busches ist stärkehaltig und schmeckt wie fasrige Kartoffel. Im gesamten Amazonas-Orinokobecken ist sie bis heute für viele das Hauptnahrungsmittel. Diese beiden Nutzpflanzen, Mais und Yucca, trafen in Ecuador aufeinander und ergänzten sich, denn der Mais eignet sich mehr für trockenes kälteres Klima, die Yucca für feucht-heißes. Aber das war nicht der ganze Speisezettel der Menschen hier. Insgesamt waren um das Jahr 3000 v.chr in Ecuador mind. 36 Kulturpflanzen in Gebrauch darunter Erdnüsse, verschiedene Bohnen und Kürbisarten, Rübenarten wie Möhren aber auch Früchte wie Ananas, Guabas, Avocados. Des weiteren Seite 6

7 finden wir Pflanzen wie Kakao, Mate- und Cocatee, Tabak, Baumwolle und viele Gewürze wie Achiote, Koriander, sog. span. Pfeffer und, und, und. Andererseits will ein früherer Jäger und Sammler aber nicht ganz auf das Fleisch verzichten. So finden wir parallel zur sich entwickelnden Landwirtschaft auch die Viehzucht. Zahlreiche Knochenfunde weisen auf die Zucht von Vögeln wie Entenarten in den tieferen Ländern hin, von Truthähne mehr in höheren Regionen. Daneben gibt es recht früh die Hundehaltung, wohl hauptsächlich aus dem "lobo del páramo", dem Wolf des Hochlandes gezüchtet, biologisch gesehen einer Fuchsart. Dabei dürfte das eine oder andere Tier auch im Kochtopf gelandet sein. Hauptfleischquelle aber war bis in die Inkazeit hinein das "Cuy", das Meerschweinchen, das im und um das Haus herum für Abfallbeseitigung und reichlichen Nachwuchs sorgte und bei Bedarf frisches Fleisch lieferte. Noch heute gilt es den Hochlandindianern als besonderes Festessen und wird an der Straße in speziellen Lokalen als Delikatesse angeboten. Weiter wurden in dieser Zeit Lama, Alpaka und Vikunja als Lieferanten für Wolle, Fleisch oder als Lasttiere gezüchtet. All das kam in den Jahren ab 7000 v.chr. zusammen aus den verschiedensten Regionen Amerikas. Dabei ist der rege Warenaustausch ein Merkmal altamerikanischer Kulturen. Weshalb das alles zusammen in Mittelamerika und zuerst an der Küste Ecuadors zu kultureller Blüte führte, kann nur vermutet werden. Vielleicht waren es besondere klimatische Begünstigungen mit Jahreszeiten am sonst so gleichmäßigen Äquator. Fischreiche Gewässer sind vor der Haustüre. Zum anderen ist Austausch immer wichtig gewesen und hier sind die Anden am leichtesten zu überqueren, da nur wenige Kilometer breit. Die Küste lädt zu Nord-Süd-Handel ein. Welche Gründe auch immer, auf der Halbinsel Santa Helena, der westlichsten Landzunge Ecuadors entsteht die erste Hochkultur Amerikas - Valdivia - mit reicher Keramik. Voraussetzung dafür aber ist die Landwirtschaft. Und die Produktionsform wird z.t. heute noch an der Küste betrieben, die Vielfruchtkultur an den Flussrändern. Man beachte die Ähnlichkeit mit den zeitgleichen Kulturen in Mesopotamien, Ägypten und China. Zur Regenzeit steigen die Flüsse zirka. 3 m an, um dann langsam abzusinken. Auf der Höhe des Flussufers befinden sich Bäume und Sträucher, die mehrjährig sind und tiefes Wurzelwerk für die Trockenzeit besitzen. Ihre Früchte brauchen mit teilweise 8 Monaten auch die längste Zeit bis zur Reife. Darunter folgt der Mais, der anfangs am Wasserrand ist, später aber die Trockenheit zur Reife braucht. Mit niedrigerem Wasserstand wird mehr vom Ufer freigegeben, so dass nach dem Mais Bohnen, Kürbisse, Melonen gesät werden können, die schneller Frucht bringen aber bis zum Schluss Wasser brauchen. Am Schluss kommt dann der am schnellsten wachsende Reis, früher waren es andere Getreidesorten. So dürfen wir sehen, welche Kulturleistung Entwicklung in Amerika brachte. Die Landwirtschaft war die Grundlage für zahlenmäßiges Wachstum und durch größere Menschenansammlungen Anlass für Kulturentwicklung. Insbesondere der Mais sorgt für effektive Ernten. Ecuador gehört zwar nicht zur Wiege der Menschheit, aber ist von Anfang an Schnittpunkt vieler Linien. Auf seinem Boden finden wir die älteste Hochkultur Amerikas. Sonne Mond und Sterne Altamerikanische Kulturen In der letzten Sendung sahen wir die Bedeutung von landwirtschaftlicher Entwicklung für die Staatenbildung in Amerika. Heute möchte ich Ihnen mehr berichten über eben diese Staaten. und da das Thema zu umfassend für solch eine kurze Sendung ist, soll dies schwerpunktmäßig am Beispiel der Religion geschehen. Die ersten großen Staatsverbände, die wir kennen, sind die der Olmeken im Hochland von Mexiko mit dem imposanten Kultzentrum Monte Albán bei Oaxaca und das der Mayas im südlichen Mexiko bis nach Mittelamerika hinein. Letztere nennt man auch die Griechen Amerikas, da sie hohe Seite 7

8 wissenschaftliche Blüte besaßen. Ihr Kalender war genauer als der erste Gregorianische Kalender, sie besaßen Hieroglyphenschrift und ein 19-er Zahlensystem. Ähnliche hohe Kultur zeigten ihre nördlichen Nachbarn, die Olmeken. Beide hatten eine Religion der Gestirne, insbesondere von Mond und Sonne. Dies zeigen die erhaltenen Tempelanlagen deutlich. In Ecuador war mittlerweile die erste Hochkultur, die Valdiviakultur um v.chr niedergegangen und für zirka. 300 Jahre durch die von Machalilla ersetzt worden, die ihrerseits von der von Chorrera, v.chr abgelöst wurde. Diese Zentren unterscheiden sich eigentlich nur durch verschiedene Kulturschwerpunkte an der Küste Ecuadors und unterschiedlicher Keramik. Auch sie kannten einen Gestirnenkult. All diesen "Staaten" war gemeinsam, dass es eigentlich keine Staaten im heutigen Sinne waren. Wir wissen von keiner Hauptstadt, höchstenfalls von mehreren kultischen Zentren. Verteidigungsanlagen und Heere scheinen unbekannt gewesen zu sein. Es waren wohl eher lose Städtebunde, die eine gemeinsame Religion aufwiesen, die der Gestirne. Bezeichnend ist, dass der Indio diese Götter immer auf den höchsten Berggipfeln anbetete, also Berge bestieg, weil er ihnen somit näher war. Der Europäer bis in die Neuzeit ängstigte sich vor den Berggipfeln und den dortigen Geistern. Die meisten Gipfel der Alpen wurden erst im 18 Jhd. infolge der Aufklärung bestiegen. In Amerika gesellten sich zu dem allen Kulturen einheitlichen Gestirnenkult später verschiedene Fruchtbarkeitskulte hinzu. Dann tritt, wir wissen nicht warum, eine radikale Änderung ein. Um das Jahr 900 n.chr. kommt es in Gesamt-Amerika zu einer Völkerwanderung. Das Reich der Olmeken wird von den kriegerischen Tolteken überrannt, die bis zu den Mayas eindringen. In Kolumbien gründen Chibchas Staatengebilde. Ähnliche Entwicklungen finden wir im peruanischenbolivianischen Raum schon einige Zeit vorher. Wodurch ausgelöst, wissen wir nicht aber es zeigt sich ein kriegerischer Hang mit Bau von Befestigungsanlagen. Und auch die Religionen ändern sich. Einerseits findet sich eine hierarchische Staatsordnung, andererseits eine Priesterschaft, oft mit dem Herrscher verbunden. Die Betonung der Religion liegt auf dem Begriff Opfer. Erste Menschenopfer kommen wohl auf, eine vorher nicht bekannte Tatsache. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dabei die Drogen. Bis heute finden alle Schamanen, Medizinmänner etc die Verbindung zu den Geistern durch Drogen. Jeder hat sein Geheimrezept. Es gibt eine Unzahl halluzinogener Pflanzen und eine noch größere Zahl an Mischungen der verschiedenster Drogen. Das Wissen ist bis heute im Volk lebendig. Diese Entwicklung verstärkt sich noch einmal mit einer zweiten Eroberungswelle, die zu hauptsächlich 2 straffen Großreichen führt, dem der Azteken und dem der Inkas. Doch beide Reiche kommen in ihrer max. Ausdehnung über 1 Jhd. Überlebenszeit nicht hinaus, dann haben die Spanier ihnen ein Ende bereitet. Bezeichnend für die Staaten der letzten Zeit der Selbständigkeit Amerikas ist, dass sie noch straffer geführt werden, und massenweise Feinde zu bestimmten Zeiten den Göttern opfern. Die Chibchas in Kolumbien waren zu dieser Zeit nachträglich wieder zum Kannibalismus übergegangen, wie auch einige ihrer karibischen Nachbarn. Der Kopf von Feinden wurde als Trophäe aufbewahrt, ein Brauch, der bei einigen Tieflandindianern Ecuadors bis nach dem 2. Weltkrieg ausgeübt wurde. Ich weiß nicht, ob es ihnen genauso geht wie mir. Mir kommen da ganz viele Parallelen zur Geschichte des Mittelmeerraumes und Kleinasien in den Sinn. Auch Mesopotamien hatte zunächst hauptsächlich Sternen- später einen Mondkult. In Ägypten waren es die Jahreszeiten, das ewig wiederkehrende, abhängig von der Sonne wie z.b. Isis und Osiris. Die Reihe ließ sich beliebig fortführen. Später hören wir im kleinasiatischen Raum von Fruchtbarkeitskulten wie dem der Astarte, Menschenopferkulten wie dem des Baal im heutigen Libanon und Syrien. Im allgemeinen neigt der moderne Mensch zu der Ansicht, dass es früher grausame Religionen gab, aber im Laufe der Zivilisation sich das alles gebessert habe, Menschen toleranter geworden seien. Ich bin davon nicht überzeugt. Und für mich ist gerade die Geschichte der Religionen Amerikas ein Seite 8

9 gutes Beispiel, dass es genauso auch umgekehrt laufen kann. Wir wollen weder in der einen noch in der anderen Richtung ein Gesetz daraus machen. Für mich gibt es da eine andere Richtschnur in der Bibel. Schon auf der ersten Seite, am vierten Schöpfungstag wird beschrieben, wie Gott, der Herr Sonne, Mond und Sterne als Lampen an den Himmel setzt, dass sie leuchten und die Zeit einzuteilen - ein klarer Hinweis, dass sie nicht mehr sind als das. Und immer wieder betont die Bibel, dass wir uns keine anderen Götter machen sollen. Und die weitere Geschichte Gottes mit seinem Volk der Juden zeigt, dass die Folge der Gottlosigkeit Weihung der Kinder an Götzen und später die Opferung selbst ist. Die Geschichte hat dem tausendfach Recht gegeben. Die Geschichte zur Zeit der Teilung des jüdischen Reiches in Israel im Norden und Juda im Süden zeigt dies über Jahrhunderte mit erschreckenden Beispielen, nachzulesen im Alten Testament der Bibel in den Büchern Samuel, der Könige und den Chroniken. So interessant Geschichte anderer Völker ist, so sehr wiederholen sich die gleichen Dinge in verschiedener Form immer wieder. In diesem Zusammenhang interessant sind auch die Prophezeiungen, die uns von vielen indianischen Kulturen berichtet werden. So warteten die Azteken auf "weiße Götter mit Bart", die aus dem Osten kommen und die "Wort Gottes" bringen sollen. Ähnliches wird uns von den Mayas erzählt. Es gibt Berichte von Stämmen im Amazonastiefland über ähnliche Prophetenworte. Und kurz vor dem Höhepunkt des Inkareiches wurde der Inkakönig Pachacuti (Regierungszeit n.chr.) von starken Zweifeln geplagt, ob er überhaupt Gott sei. Eigentlich gäbe es doch einen allmächtigen Schöpfergott, den fast alle vergessen hätten. Doch im Hinblick auf die Stabilisierung des Staates wurde die Reform unterdrückt, was zu der Prophezeiung der Zerstörung der Reiches führte. Die ließ dann nicht mehr allzu lange auf sich warten. Weniger als 50 Jahre später landete Kolumbus. Und noch eine Schlussbemerkung. Amerika kannte das Kreuz schon lange vor den Spaniern. Im Zuge der Rückbesinnung auf alte Werte hat es auch heute wieder zunehmende Bedeutung bei den Indios. Die Mayas kannten das grüne, umrankte Kreuz, meist Symbol der Fruchtbarkeit. Die Inkas benutzten es als Symbol der Größe des Reiches, um die riesige Ausdehnung des Reiches anzudeuten, wie ja auch TAHUANTINSUYO, Eigenname für das Inkareich, das Reich der 4 Enden der Erde heißt. Doch es ist Zeichen der Stärke und Größe. Beide haben in keiner Weise etwas mit dem Symbol der Schmach, dem Kreuz zu tun, an dem Jesus Christus für uns starb, um den Weg der Verbindung zu Gott wieder frei zu machen. Wenn wir uns die Geschichte, insbesondere die Religionsgeschichte Amerikas anschauen, so stellen wir fest, dass aus anfänglich friedlichen Staatengebilden hauptsächlich in Mittelamerika und in der Andenregion Staaten immer festerer Struktur entstehen. Ihre Religion, anfänglicher reiner Gestirnenkult, vermischt sich zunehmend mit Fruchtbarkeitskulten und wandelt sich mit straffer geführten Staaten zu Opferkulten mit zunehmender Zahl an Menschenopfern. Drogen spielen keine geringe Rolle. Der weiße Mann kam, von Prophezeiungen erwartet. Was hat er mitgebracht? Was bringt er heute noch den Indios mit? Ist es die unverfälschte Botschaft von Jesus Christus? Andererseits müssen wir uns in der westlichen Welt das Gleiche fragen. Zunehmender Drogenkonsum und damit verbundener Spiritismus sind die gleiche Entwicklung wie schon vor 1000 Jahren in Amerika. Ist es ein Zufall, dass heute wieder die Sternzeichen mehr zu sagen haben als Gottes ureigenste Offenbarung, die Bibel. Lasst uns zurückkehren zu den Quellen. Wir können aus Geschichte auch lernen! Cochasqui Ich sitze im Gras in unendlicher Stille. Nur ab und zu trägt der Wind Laute aus einem nahen Dorf Seite 9

10 herüber - Hundegebell, Kinderstimmen. Der Blick, er schweift in die Runde. In der untergehenden Sonne leuchten die Berge. Der Schnee wird zu Gold oder Purpur. Zur Linken grenzt der Cayambe, ein erloschener knapp Sechstausender, die einzige Stelle, wo auf dem Äquator dauerhaft Schnee liegt, daneben kleinere Berge, dann der Antisana - selten mal nicht wolkenverhangen, heute leuchtend mit seinem breiten Rücken. Am Horizont steht der spitze Kegel des Cotopaxi - höchster aktiver Vulkan der Erde. Was haben seine herabstürzenden Eis- und Wassermassen bei Ausbrüchen nicht schon für Schaden angerichtet - Hunderte von Kilometern weit. Daneben türmen sich die Ilinizas auf, die Zwillingen, auch dauerhaft von Eis verzuckert, schieben sie dem weiteren Blick nach Süden einen Riegel vor, scheint das Hochtal Ecuadors zu Ende zu sein. Zur Rechten fesselt der Pichincha mit seinen 3 Gipfeln, einziger tätiger Vulkan der westlichen Kordilliere. An seinem Bauch klebt eine Stufe, ein Absatz, wie der Laden eines der vielen Händler in der Stadt, die ihre Ware auf einem Brett vor sich hertragen und lautstark anbieten. Dieser Absatz trägt die Hauptstadt des Landes - Quito. Doch von hier ist von all der Herrlichkeit wenig zu sehen. Weiter nördlich sieht man das Äquatordenkmal, erbaut zu Ehren der Ende des 18 Jhd. hier arbeitenden französischen Wissenschaftlergruppe, die sich doch um 700m mit ihren Berechnungen vertan hat. Ich dagegen sitze nur 170m von der Bauchbinde der Erde entfernt. Können sie sich einen besseren Platz zum Bau eines religiösen Zentrums vorstellen mit Blick mehr als 100km weit und der großartigen Kulisse? Ich sitze in Cochasquí, dem großen Pyramidenheiligtum der Vorinkazeit. 13 verschiedene Pyramiden, nur stückweise ausgegraben aber alle deutlich zu erkennen, waren das Zentrum des religiösen Lebens. Ähnliche Bauwerke finden sich in der näheren Umgebung in großer Zahl, wenn auch einzeln und nicht so groß. Auf der Plattform einer der Hauptpyramiden sind lange Rillen in den Stein gezogen. Damit ließen sich die verschiedenen Bergspitzen anpeilen. Neben Wetterbeobachtungen und Bestimmung der Gestirne, um die beste Zeit für Saat, Ernte und sonstige wichtige Daten einer Bevölkerung zu ermitteln, residierte hier eine ganze Priesterschaft, namhafte Kaziken, also Häuptlinge, sind in kleineren Pyramiden oder Hügeln rundum begraben. Ja, Cochasquí war ein Zentrum am Rande eines erloschenen Vulkans mitten im Hochtal, das so in einzelne Gaue abgetrennt wird. Und um diesen Knoten =Nudo de Mojanda lebten mehrere verschiedene Völkerschaften, die miteinander eng in Verbindung standen. Und eben dieses Zusammenleben soll das Thema der heutigen Sendung sein: Die Welt vor der Zeit der Inkas. Allein in der Sierra, dem Hochtal der Anden in Ecuador, wissen wir von über 20 verschiedenen Volksstämmen mit eigener Sprache und Kultur. Sie unterscheiden sich ihrerseits wieder in mehrere Untergruppierungen und bewohnen ein fest begrenztes Gebiet. Jeder dieser Stämme besteht aus vielen Dörfern. Innerhalb eines Dorfes herrscht ein Kazike, bestimmt die innenpolitischen Geschicke, Gerichtsbarkeit und ist gelegentlich auch noch oberster Priester. Sei Haus ist das größte und sein Gesinde am zahlreichsten. Normalerweise ist ein Dorf autark. So setzt es sich zusammen aus kleiner Oberschicht und breiter Bevölkerung. Jedes Dorf hat sein religiöses Zentrum, daneben gibt es aber auch noch das Zentralheiligtum eines Stammes, das zu bestimmten Festtagen von allen Dörfern besucht wird. Aber auch in Notzeit wie etwa Krieg kommt man zusammen. Dann wird meist der Kazike des größten Dorfes zum Heerführer gewählt. Seine Vollmacht endet aber automatisch mit dem Waffenstillstand. Dann ist er "primus inter pares" einer im Rate gleichgestellter Häuptlinge. Daneben ist von Bedeutung eine kleine Schicht von Händlern. Durch die ganze Geschichte zieht sich wie ein roter Faden der Ost-West-Handel über die Anden. Verschiedene Klimazonen produzieren unterschiedlich und so wandern Baumwolle und Coca in die Sierra und zur Küste, Muscheln als Zahlungsmittel oder Schmuck in das Amazonastiefland. Für beide produziert die Sierra bestimmte Lebensmittel. So sorgen Händler für interkulturellen Ausgleich. Die heutigen Straßen aus der Sierra in Seite 10

11 die Tiefländer sind meist uralte Trampelpfade, denn Lasttiere wie Lamas führten erst die Inkas ein, das Pferd und den Esel brachten die Spanier. Wie aber wurde das Miteinander zwischen den Stämmen geregelt. Vieles ist noch im Dunkeln aber von den ersten Spaniern wissen wir, dass es die Einrichtung eines Friedenskindes gab. So wurde z. B. der älteste Sohn des Hauptkaziken des Stammes der Cochasquis beim obersten Häuptling der Cayambis, also des Nachbarstammes erzogen und deren Ältester vermutlich umgekehrt. Er wuchs also in Nachbarkultur und Nachbarsprache auf, um dann sein eigenes Volk zu regieren. Und solange er lebte, gab es keinen Krieg. Deswegen war auch jedermann darauf bedacht, dass er am Leben blieb, denn sein Leben bedeutete Frieden für alle. Daneben gab es natürlich auch Verbindungen durch Heirat. Meist beschränkte sich der Kontakt einzelner Stämme aber auf den der Häuptlinge und der Händler. Dazu waren schon die Sprachen viel zu unterschiedlich. Aber zurück zu den Pyramiden von Cochasquí. Was macht diesen Ort so wichtig, dass er religiöses Zentrum für gleich drei Völker wird, der Cochasquis, Cayambis und Caranquís. Das ist in einem Satz gesagt: Sie hatten einen gemeinsamen Feind. Das Inkareich hatte sich schnell nach Norden ausgedehnt und Tomebamba, das heutige Cuenca im Süden Ecuadors wird zur prachtvollen zweiten Residenz ausgebaut. Doch damit endet die Expansion für lange Zeit, denn die Nordstämme bilden eine Verteidigungsgemeinschaft, die zusammen schweißt. Einerseits haben die Inkas andere Probleme, andererseits beißen sie sich an diesem Bollwerk fast die Zähne aus. Und erst nach einem jahrelang vorbereiteten Feldzug, der die Kräfte des gesamten Reiches fordert, gelingt es, diese Gemeinschaft zu besiegen. Zunächst fällt das Gebiet der Puruhaes, dann dehnt sich das Riesenreich auch in den Gau von Quito aus. Die letzten und erbittertsten Kämpfe finden wir um den Nudo de Mojanda, eben um diese Pyramiden. Bei der Entscheidungsschlacht am Yahuacocha, dem See des Jaguar bei Imbabura siegen die Inkas endgültig Menschen werden anschließend von den Siegern hingerichtet, so dass der ganze See vom Blut rot gefärbt ist. Seitdem heißt er bei den Einheimischen auch Blutsee. Wir sehen also, dass die oft so friedlich geglaubten Inkas durchaus auch grausam waren, wenn etwas nicht nach ihrem Willen lief. Sie waren nicht besser als alle anderen Eroberer dieser Erde. Noch heute zeugen die Pucaras vom Verteidigungswillen dieser Stämme. Es sind Burgen auf strategisch wichtigen Gipfeln oder Aussichtspunkten. Schneckenhausförmig angelegte Mauern führen zum Zentrum, das oft auch kultisches Heiligtum war. Von da aus wurden etwaige Feinde zuerst gesichtet, konnte sich die Bevölkerung bis zuletzt verteidigen. Die meisten dieser Anlagen sind heute kaum wieder zu erkennen, zeugen aber von der Kultur der überrannten Völker. Und sie haben sich gerächt. Nur 60 Jahre später betraten die Spanier das Land und zerstörten mit nur zirka. 200 Mann ein ganzes Riesenreich. Wie war das möglich? Es ging nur, indem sie vorhandene Rivalitäten wie die der Caranquis, Cayambies und Cochasquis zu den Inkas geschickt ausnutzten, oft unbewusst. Diese standen sofort auf spanischer Seite; doch gerade das war der Anfang für ein neues, diesmal Jahrhunderte langes Blutvergießen. Ich sitze im Gras auf der Pyramide, vor mir die großartige Kulisse in der Abenddämmerung. Kaum ein Laut ist zu hören. Und doch ist die Kulisse vor mir voll von Ereignissen. Wie viele Heere sind wohl hier schon lang gezogen? Hat sich der Einsatz gelohnt? Wo ging die Entwicklung hin? Wahrer Frieden hat wohl eine andere Dimension. Aufstieg des Inkareiches TAHUANTINSUYO, dieser Name lässt auch heute noch Indioherzen in den Anden Ecuadors, Perus und Boliviens höher schlagen. Es ist der Eigenname für das Inkareich. Und der Anfang und rasche Aufstieg dieses Riesenreiches ist noch heute der stille Traum vieler. Mit dieser gloriosen Seite 11

12 Geschichte identifiziert sich der einzelne gern. Das lässt ihn manches Schwere des Alltags vergessen. Tahuantinsuyo = das Reich der 4 Enden der Erde bestand aus CHINCHANSUYO, dem Norden bis weit hinein in das heutige Kolumbien, dem COLLASUYO, dem Südteil bis zum Rio Maule in Chile, dem CONTINSUYO, dem Küstenland am Pazifik und dem ANTISUYO, dem östlichen Tiefland bis 500km vom Pazifik entfernt X 500km mit zirka. 8 Millionen Einwohnern, das ist schon ein gewaltiges Reich, wenn man beachtet, dass es außer Lamas kein Transportmittel gab und damit Läufer die Verbindung halten mussten zur Zentrale in Cuzco im heutigen Peru. Das Symbol dieses Staates war das Kreuz, das die 4 Himmelsrichtungen oder Enden der Erde signalisiert. Es ist das Kreuz der Herrlichkeit, des Sieges, der Macht. Und die Indianer identifizieren sich heute noch gern damit. Denn es kamen andere, auch im Namen eines Kreuzes. Die Spanier brachten ein anderes Kreuz. Es war ihr Siegeskreuz und sie luden es den Indios auf. Millionen von ihnen konnten es nicht tragen und starben unter der Last dieses Kreuzes. Und es gibt ein weiteres Kreuz. Es ist das Kreuz der Schande. Einer hat es getragen stellvertretend für alle Lasten von Menschen und er hat damit den Weg zu Gott frei gemacht. Für ihn - Jesus Christus - war es eine Schande aber dafür ist es für die, die diesen Zugang zu Gott annehmen, der Anfang für neues Leben. Dieses Kreuz haben bisher nur wenige in Lateinamerika verkündet. Wir sehen also, Kreuz ist nicht gleich Kreuz, schon gar nicht in Südamerika. Und nicht jeder Kreuzweg ist der richtige. Das Kreuz von Jesus Christus wurden im 1. Jahrhundert auf vorbereiteten Wegen verkündigt. Und wir können zu Lateinamerika eine direkte Parallele ziehen. In Kleinasien und dem östlichen Mittelmeerraum hatten Stadtstaaten bestanden von wechselnder Größe. Das Perserreich mit seiner ganz anderen Kultur wurde als fremd empfunden. Dann musste einer kommen, der Grenzen überschritt und aus all dem eine Einheit, ein neues Miteinander machte - Alexander der Große. Seine Leistung ist es, dass eine Infrastruktur geschaffen wurde und Griechisch überall verstanden wurde. So wurde dem Christentum der Weg geebnet. Aber natürlich benutzten auch andere wie das Militär und andere Heilslehren diese Wege. Genauso in Südamerika. In Peru finden wir über viele Jahrhunderte verschiedene Stadtstaaten mit z.t. erstaunlichen Kulturleistungen etwa im Wasserleitungsbau oder in Landwirtschaft und Viehzucht. All ihre Herrscher nennen sich Inkas, was so viel wie Herrscher oder König bedeutet. Um 1400n.Chr. entreißt dann plötzlich der Inka von Cuzco seinem Stadtadel die Macht, fühlt sich im Auftrage Gottes als Sohn der Sonne, heiratet seine Schwester, eine Sitte die zunächst auf die Herrscher von Cuzco beschränkt bleibt, später aber von anderen Kaziken häufig wiederholt wird. Diese Manco Cßpac ist der eigentliche Begründer des späteren Großreiches. Mythen verlegen später seine Geburt an den Titicacasee als Sohn der Sonne. Doch erst dem übernächsten Herrscher gelingt es, den alten Stadtadel aus Cuzco endgültig auszuschalten. Dessen Nachfolger knüpft über Heirat Verbindungen zu den in der Nachbarschaft liegenden Aymarastämmen an. Unter Hatun Topa rufen gerade diese verfeindeten Aymarastämme den Inka von Cuzco zu Hilfe. Die Aktion endet nach einigen Schlachten mit der Einverleibung des gesamten Aymaragebietes nach Cuzco. Das Großreich entsteht. Ein entsprechende Verwaltung wird aufgebaut. Yupanqui gilt als der Expansor. Er nimmt den Titel Pachacutec an, was so viel wie Veränderer der Erde heißt. 1463n.Chr. übernimmt er die Macht und dehnt das Reich bis nach Südkolumbien aus, unterwirft also den größten Teil Ecuadors. Als er 1493n.Chr. die Macht abgibt, ist den Spaniern Amerika seit 1 Jahr bekannt. Sein Sohn, Huayna Cápac stirbt 35 Jahre später, vermutlich an einer über Kolumbien eingeschleppte Infektionskrankheit, vermutlich den Windpocken. Ein kurzer blutiger Bürgerkrieg erschüttert das Riesenreich, ehe ihm zirka. 200 Spanier den Todesstoß versetzen. Ungefähr 100 Jahre war der Traum eines Weltreiches Wirklichkeit gewesen. Dann endet er schneller als Seite 12

13 begonnen. Geblieben ist eine weite Infrastruktur und an Unterwerfung gewöhnte Völker. Das machen sich die Spanier unbewusst zu nutze. Und wie seinerzeit nach Alexander dem Großen werden die Straßen nicht nur von den Boten des Evangelium benutzt, aber sie sind in kleiner Zahl auch dabei, auch wenn die Geschichtsschreibung das gerne übersieht. Wo sonst hätten wir so detaillierte Beschreibungen der Lebensweise der Indios, ihre Geschichte, ihrer Mythen überliefert bekommen? Wie aber sah die innere Ordnung des Inkareiches aus? Grundlage des Reiches war der Staatskult der Sonne, in den der Inka als Sohn der Sonne fest eingebunden war. Zugleich bestand ein starkes Sendungsbewusstsein, wie es expansiven Kulturen eigen ist. Fremde Völker hatten dies als oberste Tatsache anzuerkennen, ungeachtet der lokalen Kulte oder Religionen, die ebenfalls von den Inkas geachtet und mitunter auch gefördert wurden. Eine gut geschulte adelige Elite sorgte für Verbindung und gute Verwaltung. Genannt "orejas", waren sie an dem großen Ohrschmuck erkennbar. Ohrringe waren Männerschmuck. Grundlage war das AYLLU, die Dorfgemeinschaft, die kleinste nicht mehr teilbare Einheit. Sie war gemeinsam dem Inka verantwortlich, bewirtschaftete das Land oft gemeinsam. So hatte im Ayllu jeder seine Felder, aber in Gemeinschaftsarbeit wurden auch Felder für die Alten und Witwen, dann für die Priester und der Anteil für den Inka bewirtschaftet. Letzterer Ertrag ging dann in staatliche Lager, wurde verkauft oder galt für Notzeiten bzw. Truppenverpflegung. Auch musste jedes Ayllu für bestimmte Zeit Männer stellen für staatl. Aufgaben wie Militärdienst, für Straßenbau oder Mienenarbeit. Unruhige Grenzprovinzen wurden befriedet durch Landvergabe an Soldaten der Besatzungstruppen oder Bevölkerungsverpflanzungen. Aber immer blieb das Ayllu zusammen. So gibt es heute in der Zentralsierra Ecuadors Menschen mit der typischen bolivianische Kleidung. Um Cuzco finden wir Volksgruppen aus ehemaligen rebellischen Grenzprovinzen Ecuadors. Die Inkazeit hat die Andenbevölkerung bunt gemischt. Geschickt nutzten die Inkas die lokalen Herrscher und suchten deren Gunst. Beliebt waren Geschenke wie Stoffe aus feiner Lamawolle, eine berühmte Erfindung aus Cuzco, ferner Frauen, seien es Adelige als Ehefrauen, sonstige als Konkubininnen oder Dienstmägde. Erst wenn das alles nicht half, wurden die lokalen Herrscher mit Gewalt ab- oder strafversetzt. Weitere wichtige Einrichtung war die der Aclla: Junger Mädchen wurden meist auf Lebenszeit eingezogen auf die Staatsgüter. Sie verließen im Alter von zirka. 12 Jahren ihr Haus und verloren bald den Familienkontakt. Sie arbeiteten auf den Staatsbetrieben und vor allem in der Herstellung von feinsten Lamastoffen. Diese Stoffe, aber gelegentlich auch ihre Herstellerinnen dienten als Geschenke an verdiente Staatsbeamten. Daneben gab es aber auch private Sklavenarbeit in der Form der Yana. Meist Witwen und Waisen lebten so im Haus des Kaziken und hatten ihr Auskommen. Das Riesenreich war streng zentralistisch geführt. Dafür sorgten gute, gerade Straßenverbindungen. Da kein Rad bekannt war, dienten Lamas als Transportmittel. Lamas können bekanntlich Treppen steigen. So gab es möglichst gerade Staatsstraßen mit Treppen, für die Spanier später ein beträchtliches Hindernis. An diesen Straßen entstanden staatl. Rasthäuser, die Tambos. Sie wurden dann oft Ausgangspunkt für Stadtgründungen. Ambato in der Zentralsierra ist ein solches Beispiel, heute viertgrößte Stadt Ecuadors. Inkareich - eine der interessantes Erscheinungen der Geschichte Südamerikas. Viele Bücher wurden darüber geschrieben und in jedem Geschichtsunterricht ist die Rede davon. Geblieben sind der Traum eines Großreiches unter eigener Regie für die heutigen Indianer und die Sprache. Denn als die Indios später weiter verpflanzt und großteils ausgerottet wurden, gingen auch die lokalen Sprachen fast vollständig zugrunde. So blieb das Quechua aus Peru oder Quichua, seine ecuadorianische Variante als verbindendes Glied erhalten und wurde von der kath. Kirche als einzige nichtspanische Kirchensprache Seite 13

14 erlaubt. Es ist noch heute einigendes Band. In der Betrachtung der Gesamtgeschichte wurde das Inkareich ein wichtiger Meilenstein der Eroberung durch die Spanier. Und wie nach Alexander dem Großen wurden die angelegten Wege von viel Militär, viel Unrecht und nur wenigen wahren Boten Gottes beschritten. Ich bin gespannt, am Ende der Zeiten in Gottes Gericht Inkageschichte einmal aus seinem Blickwinkel bewertet zu sehen. Spanien am Vorabend der Entdeckung Amerikas Geschichte ist kein Zufall, sie ist verantwortliches Handeln des Menschen. Und aus diesem Handeln ergeben sich Konsequenzen, die alle in irgendeiner Form zu tragen haben. Und alles Handeln hat Konsequenzen über lange Zeit hinweg, im Negativen wie im Positiven. Wo könnte man das besser zeigen als am Beispiel der Verbindung von Spanien und Lateinamerika als von dem Mutterland geprägter Kolonie. Das gleiche gilt natürlich auch für Portugal und Brasilien. Ich möchte mich heute beschränken auf das Ziehen von Linien durch viele Jahre der Geschichte und möchte das tun auf außenpolitischem, innenpolitischen und religiösem Gebiet. 1) Außenpolitik: In einem furiosen Siegeszug hatte sich der Islam von der Arabischen Halbinsel her ausgebreitet, war nach kurzer Zeit in Spanien eingefallen und hatte dem Westgotenreich als Überbleibsel der Völkerwanderung ein Ende bereitet. 712 n.chr fiel Toledo, 732 n.chr. konnten die vereinten Kräfte des Frankenreiches sie bei Tours und Poitiers schlagen und auf die Linie der Pyrinäengrenze zurückdrängen. Und man möchte sagen: Die ganze Iberische Halbinsel ist von den Mauren besetzt. Die ganze? Nein, ein unbeugsames Dorf leistet den Eindringlingen erbitterten Widerstand. Kennen Sie das? Aber Spaß beiseite. Im Norden in den unwirtlichen Bergen behält ein kleiner Fleck Wirklichkeit die Unabhängigkeit. Und jetzt geschieht etwas Erstaunliches: Die Heiligen Stätten in Palästina sind in islamischer Hand, ein Christ kann dahin keine Wallfahrt mehr unternehmen. Der Legende nach befindet sich aber das Grab des Bruders Jesu, des späteren Leiters der Jerusalemer ersten Christengemeinde in Nordspanien. Der Heilige Jakobus, spanisch Santiago, wird zur Ersatzfigur für Wallfahrten, sein Grab Ersatzjerusalem. Aus ganz Europa setzen Wallfahrten nach Nordspanien ein. Es spinnt sich ein Netz von Wegen und Herbergen durch Europa mit Ziel Santiago de Compostela. Und diese Region wird jetzt ebenfalls vom Islam bedroht, ja der Weg führt anfangs durch maurisches Gebiet. Und so wächst der Widerstand. Es beginnt der nahezu 800 Jahre andauernde Kampf um die Rückeroberung des Landes. Und können sie sich vorstellen, dass diese Haltung, 800 Jahre lang eingeübt, plötzlich über Nacht verschwindet? Es entstehen nach und nach verschiedene kleine Königtümer, schließlich Kastilien, Navarra, das sich nicht weiter ausdehnen kann, Aragon und Portugal. Navarra wird bald geschluckt, es bleibt der Kampf der 3 anderen um die Vorherrschaft. Aragon versucht sein Glück mit der Ausdehnung in Italien und beherrscht zeitweise Neapel und Sizilien. Portugal und Kastilien setzen die Gebietserweiterung nach Süden fort. Ein Dreiergespann in der Geschichte geht selten gut und so kommt es bald zur Vereinigung von Kastilien und Aragon 1467 n.chr in der Kastilischen Hochzeit zwischen Isabel von Kastilien und Ferdinand von Aragon. Zwar leben beide Reiche noch nebeneinander her, aber Kastilien setzt sich immer mehr durch. Das sieht man schon daran, dass seine Sprache später in den Kolonien tonangebend ist - man spricht castellano und nicht die Sprache Aragons. Portugal ist ausgeschlossen und geht eigene Wege, es beginnt mit ersten Kolonien in Afrika. Das Recht zu Kolonien und Menschenhandel mit Schwarzen für niedere Arbeiten lässt es sich vom Papst schriftlich geben. Seite 14

15 Im Jahre 1492 n.chr. fällt die letzte Bastion der Mauren in Spanien - Granada. Kastilien ist damit dominierend auf der iberischen Halbinsel, es versucht zunächst, die Eroberungen in Nordafrika fortzusetzen aber inzwischen gibt es ein neues Ziel. Zu dem Augenblick, als Granada fällt, kommt ein Schiff zurück aus dem Westen und bringt neue Nachricht von fernen Inseln und unsagbarem Reichtum - Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt! 2)Innenpolitik: Die Reconquista führt zu einer starken Veränderung der Bevölkerungs-Struktur. Stellen wir uns dazu Zentraleuropa des Mittelalters vor. Da gab es lokale Herren in Burgen oder geschützten Häusern und zu ihnen oder einem Kloster gehörten Dörfer, in denen die Bauern wohnten, die ihre Abgaben entrichteten. Größere Städte waren die Ausnahme und fast reine Handelsniederlassungen. Anders in Spanien. Die Rückeroberung ist ein klein-klein-krieg von Überfällen und Zerstörung. Wer darunter am meisten leidet, ist die Landbevölkerung, die in Städte fliehen muss. Man geht nur zur Feldbestellung aufs Land, abends zurück in die befestigte Stadt. Und der entwurzelte Landbewohner geht auch kein Risiko ein. Er verkauft sein gefährdetes Land an einen, der es besser bewachen kann und arbeitet lieber als bezahlter Landarbeiter ohne das Risiko. Auf der anderen Seite während das Rittertum des Mittelalters in Zentraleuropa an Ansehen verliert und mehr und mehr in das Raubrittertum übergeht, stehen die Rittertugenden in Spanien in hoher Blüte. Hier gibt es noch etwas wie Ideale zu verteidigen, denn natürlich wollen die Untertanen beschützt werden. So werden die lokalen Ritter zu Idealbildern und Verteidigern der Schwachen einerseits und andererseits zu Landbesitzern. Später dann bleibt ein Heer von landlosen Städtern zurück. Dörfer sind in Spanien verschwunden. Und eine kleine Adelsschicht besitzt das ganze Land. Kein Wunder also, dass die Aussicht auf schnellen Reichtum ungebundene Menschen lockt. Und sie haben keine Verbindung mehr zur Scholle, ganz anders als nordeuropäische Siedler in Nordamerika. Wer in Spanien als arbeitsloser Städter in ein Schiff steigt, fühlt sich spätestens in der Kolonie als Ritter und Gutsbesitzer. Und ein Ritter hat nie selbst gearbeitet, höchstens im Krieg gekämpft. Wissen sie nun, warum Handarbeit noch heute in Lateinamerika verpönt ist? Man kam hierher um als Ritter zu leben. 3) Kath. Kirche: Die Reconquista war eng mir ihr verknüpft, ja religiöse Motive ursprünglich der Motor gewesen. Von daher hat scheinbar der Erfolg bewiesen, dass es der rechte Glauben ist. Und der Papst ist stolz auf die Spanier, die den Einflussbereich der Kirche vergrößern. In Notzeiten hatten die span. Herrscher selbstverständlich Ausnahmevollmachten erhalten. Eine solche aufstrebende Kirche muss man nicht hinterfragen. Zwar hatte es 2 Jahrhunderte vorher Reformbemühungen z.b. durch Franz von Assisi gegeben. Diese waren in Spanien aber nur sehr zögernd übernommen worden. Und auch die Jesuiten, in Spanien entstanden, finden erst nach Anerkennung in Italien größeren Eingang auf der Iberischen Halbinsel. Nein, eine erfolgreiche Kirche braucht keine Erneuerung. Und die Ereignisse in Zentraleuropa mit der Reformation und dem anschließenden Bürgerkrieg, dem 30-jährigen Krieg, scheinen dem recht zu geben. Nein, in Spanien wird der wahre Glaube ursprünglich verteidigt. Deswegen wird jeder Verkehr mit Zentraleuropa genau kontrolliert. Ketzer dürfen die Kolonien nicht betreten, im Gegenteil, die Inquisition bekommt hier noch Sondervollmachten. Zunächst werden die Mauren zwangsgetauft oder sie wandern zu Tausenden aus. Dann geschieht gleiches mit den Juden. Dabei gehen Spanien mit einem Schlag alle wichtigen Kaufleute verloren, eine Maßnahme, die das Land nie verkraftet hat. Als Folge muss es ausländische Kaufleute um Rat bitten. Die Konsequenz ist, dass nahezu sämtliche Reichtümer, die Spanien den Kolonien entreißt, letztlich Spanien verlassen und in den reichen Handelskontoren in Genua, Venedig, Augsburg, der Hanse oder Holland/Belgien landet. Seite 15

16 Außerdem ist Rom in keiner Weise auf die Entdeckung der Neuen Welt vorbereitet. Die dunkelste Papstgeschichte ist in vollem Gang. Papst Alexander VI ist gerade beschäftigt, seine Kinder aus allerhand Liebschaften auf lukrativen Posten unter zu bringen und aufzupassen, dass man ihn nicht wie einige der Vorgänger vergiftete. Außerdem gärt es in Deutschland bereits. So stellt er Spaniern und Portugiesen bereitwillig Freibriefe für die Kolonien aus. Sie übernehmen die Missionierung der Heiden als verbindlich, der Papst verpflichtet sich seinerseits, sich aus aller Einflussnahme in den Kolonien rauszuhalten, dafür wird er in barer Münze ausgezahlt. Europa am Vorabend der Entdeckung Amerikas: Hat sich doch eine Politik fast 800 Jahre bewährt und kann jetzt neue Blüte treiben, wo es gilt, einen ganzen Erdteil in Besitz zu nehmen. Hat eine Kultur durch den Erfolg das nötige Sendungsbewusstsein, dass ein Papst auch gern schriftlich gibt. Menschen müssen kultiviert und missioniert werden. Sind Menschen bereit, auf Abenteuer zu gehen, um das schnelle Geld zu verdienen, nicht um zu arbeiten. Es sind dem Land entwurzelte Menschen ohne sonstige Perspektive, jetzt, wo es in der Heimat nicht mehr zu erobern gibt. Sind edle Ritter Vorbilder, doch man ahmt sie nur nach, was schnell zum Raubritter wird. Muss eine Kirche verteidigt werden gegen Feinde des Glaubens, das ist wichtiger als andere für den Glauben zu gewinnen. und was der rechte Glaube ist, das sagt die Zentrale. Was brauchen wir Reformen! Ist eine Kirchenzentrale in eigene Schuld verstrickt und zu Reformen im Moment nicht fähig. Wissen sie jetzt, warum vieles so kommen musste in den Kolonien, wie es kam? Verstehen sie jetzt etwas von einer Kette von Schuld? Doch wie immer in der Geschichte, geschieht wichtiges am Rande. In Böhmen/Mähren lässt sich Kirche nicht mehr totschweigen, sind längst Boten unterwegs. Sie sind mit bei den ersten Siedlern, auch die ersten Glaubenmärtyrer. Und die Reformation ist längst im Gange. Siedlungsform - die Stadt Wenn sie zu wählen hätten zwischen dem Leben auf einem Dorf oder in einer Stadt, was wäre ihnen lieber? doch sicher die Stadt? Stadt ist Synonym für Fortschritt, Freiheit, Entfaltung der Persönlichkeit aber auch Chaos und Verfall der Sitten. Dorf dagegen bezeichnet Ordnung, Sitte aber auch Einengung, Zwang, hier bestimmen die Alten. Dies ist ein weltweites Phänomen der Geschichte von der Antike bis heute. Und jeder Mensch, der vom Dorf in die Stadt kommt, findet das anziehend und spannend, auch wenn viele sich da nicht zurechtfinden. Zurück ins Dorf hieße Rückschritt. Bitte vergleichen sie aber nicht ein deutsches Dorf des Jahres 1992 damit, denn da gibt es längst keine Originaldörfer mehr. Nehmen wir da eher frühere Zeiten zum Vergleich. Und schon die Bibel weiß etwas von dieser Tatsache. Die erste Stadt, die gebaut wird, ist die Stadt Kains, die er als Schutz vor Mordanschlag nach dem Brudermord errichtet. Eine weitere - Babel - wird zum Sinnbild des Bösen. Hier wollen Menschen aus Angst vor weiterer Zerstreuung ein Kultzentrum bauen, eine Einheit bilden. Und Gott selbst zerstreut sie, keiner versteht mehr den anderen. Seitdem müssen Menschen Fremdsprachen lernen, gibt es Verstehensprobleme. Stadt bedeutet in der Bibel das Böse, die Gottferne. Doch es gibt auch eine kleine positive Linie. Da tut eine ganze Stadt Ninive Buße und Gott verzeiht ihr. Am Rande einer Stadt stirbt Jesus am Kreuz für die Schuld aller. Und am Ende der Zeiten wird von einem himmlischen Jerusalem in der Seite 16

17 Offenbarung gesprochen, einer idealen Stadt, von Gott selbst erbaut. Und auch Jesus schickt seine Jünger immer wieder in Dörfer und Städte. Sie sollen die Städte ganz bewusst nicht meiden. Neutestamentliche Mission geht von der Stadt auf die Dörfer drumherum. Wir finden also in der Geschichte eine Linie vom Dorf mit seiner festen Ordnung, wo aber Fortschritt nur schwer möglich ist hin zu der leichtlebigen Stadt. Dieser Prozess ist nicht umkehrbar. Kommt ein Städter ins Dorf, dann bringt er ihnen die Stadt, wird den Dörfler verachten, als rückständig betrachten. Niemals wird er wieder ganz Dörfler, auch nicht in den modernen Zurück-zur-Natur- Bewegung jedweder Couleur. Stadt dominiert und zerstört das Dorf. Ein Wiederaufbau des Dorfes mit seiner festgelegten Ordnung ist nicht mehr möglich oder anders ausgedrückt: Fortschritt und Chaos besiegen Ordnung und Sicherheit. Was hat das jetzt mit Lateinamerika zu tun? Erinnern wir uns kurz: In der Reconquista, der Rückeroberung Spaniens von den Mauren, war im Kleinkrieg über Jahrhunderte die Dorfstruktur zerstört worden, da Städte mehr Schutz boten, man also das Feld tagsüber bestellte, zur Nacht aber in die Sicherheit zurückkehrte. Noch weniger Risiko gingen die ein, die ihre Äcker verkauften und als Landarbeiter in Lohn gingen. Ihnen war jede Verbindung zur Scholle abhanden gekommen. So hat Spanien am Ende der Reconquista praktisch eine Stadtbevölkerung. Selbst in Dörfern lebt man wie in der Stadt. Und dann wurde Amerika entdeckt. Doch diese neuen Länder galt es zunächst nicht zu besiedeln. Es ging einzig und allein um Handel. In mehreren Phasen wurden zunächst Edelmetalle wie Gold und Silber, später auch andere Schätze wie Edelhölzer abtransportiert. Eine besondere, rote Baumsorte aus dem Amazonastiefland war so begehrt und berühmt, dass die portugiesische Krone darauf das Monopol auf Brasilholz beanspruchte und eine ganze Kolonie den Namen dieser Holzart bekam - Brasilien. An der Küste wurden Handelsniederlassungen gegründet, aus denen sich Städte entwickelten. Einzelne Spanier, die diese Hafenstadt verließen, um sich in Indianerdörfern niederzulassen, wurden gewaltsam zurückgeholt. Lebensmittel kamen die ersten Jahrzehnte ausschließlich aus dem Mutterland. Es ging um Handel sprich Ausbeutung des Landes. Anfangs klappte das wohl auch ganz gut. Doch mit den besseren Schiffsverbindungen war der Schmuckvorrat der Indios zu Ende. Erpressung und Druck wirkten zwar kurzfristig, dann flohen die Indios, sofern sie nicht den, wie es hieß, "Befragungen" oder eingeschleppten Krankheiten zum Opfer gefallen waren. Jetzt an die Ureinwohner zu kommen, wurde schwieriger. Die Krone vergab gegen gutes Geld Konzessionen zu Raubzügen durchs Land. Gegen bare Münze durfte ein bestimmtes Gebiet eine bestimmte Zeit lang "abgegrast" werden. So waren nach wenigen Jahren ganze Inseln in der Karibik entvölkert, die vorhandene Struktur zerstört. Eine zweite Welle lief fast parallel. An einigen Stellen begann Bergbau. Gold, Silber, Edelsteine wie Smaragde waren das erste Ziel, später kamen seltenere Metalle dazu. Doch dazu brauchte man Arbeiter. Wieder wurden Indianer gejagt als billige Arbeitskräfte. Und zur besseren Übersicht fasste man sie in neuen, großen Siedlungen zusammen, man reduzierte sie in REDUKTIONEN, eine Maßnahme, die den Indio entfremdete und zum willigen Werkzeug machte. Die Veränderungen der Indianerkultur wurden in der dritten Phase weitergeführt, als die Ära der Edelmetallsuche zu Ende ging und mit landwirtschaftliche Produktion begonnen wurde. Man benötigte die Einheimischen auf den großen Ländereien. So zerstörten Raubzüge, Zwangsarbeit, verbunden mit Zwangsumsiedlung die Kultur der Indios. Der Neuaufbau der Struktur erfolgte von den Städten aus. Am Rande sei hier nur erwähnt, dass sich die Indianer für schwere Arbeiten des feuchtheißen Tieflandes nicht eigneten. Eine andere menschliche Rasse hielt das besser aus. Schwarze wurden in wachsender Zahl eingeführt. Und so erklärt sich die Tatsache, dass ganz Amerika eine Mischkultur darstellt mit hohem Anteil der Schwarzen in den Seite 17

18 tropisch heißen Regionen und starker Indiobevölkerung in den Bergregionen, denn hier zeigte sich die Urbevölkerung den Importen aus Afrika überlegen. Ein weiteres wichtiges Phänomen, das die Gesellschaft Lateinamerikas prägt, ist die Rassenmischung. Dazu müssen wir bedenken, dass die spanische Kultur stark von der arabischen geprägt ist. Der Mann erledigt alle Geschäfte außerhalb des Hauses, die Frau regiert in Haus und Hof. Der spanische Mann hat also zwangsläufig mehr Kontakte zur einheimischen Bevölkerung, die spanische Frau ist da eher isoliert. Dazu kommt, dass es aus verschiedensten Gründen bei Indianerinnen in hohem Ansehen stand, ein Kind von einem Weißen zu gebären. Dem Spanier bieten sich also viele außereheliche Möglichkeiten, dem Indianer nur die Verbindung mit einer Indianerin. Welche Chance haben aber nun diese Mischlingskinder? Mischling und Weißer geben in aller Regel Kinder mit weißen Merkmalen, also gesellschaftlich hochstehend. Wenn es einer Mischlingsfrau also gelingt, Kinder von einem Weißen zu bekommen, dann steigt sie selbst gesellschaftlich auf. Es kommt auf ihr "Kunst" an. Der Mischlingsmann hat nie eine reelle Chance, eine weiße Frau zu bekommen. Er kann sich mit einer Mischlingsfrau bestenfalls auf der Ebene halten oder absteigen zu den Indios. Die Mischlingsfrau entscheidet also über ihr Schicksal selbst, der Mann ist per Geburt festgelegt. Hier beginnt sich ein Karussell zu drehen, das Lateinamerika noch heute bestimmt. Der spanische Mann und die Mischlingsfrau werden zu den gesellschaftlich entscheidenden Faktoren, denn sie haben die Chance, ihr Leben zu gestalten. Ihr Leben ist von Hoffnung bestimmt. Die anderen bleiben am Rand und beschäftigen sich mit Ersatzdingen. So brauchen die anderen Männer ohne Chance Ersatzspiele wie Stierkampf, Hahnenkampf oder sonstige zum Teil recht perverse Spiele, um ihre Männlichkeit zu beweisen. Das unterstreicht nur ihre Hoffnungslosigkeit. Der Macho ist geboren. Ehe wird zur gesellschaftlichen Norm mit praktischen Wert nur für die Weißen. Da aber ein Weißer zwar mit anderen Frau ungestraft Kinder zeugen kann aber sie offiziell nie heiratet, ist Ehe für das Gros der Bevölkerung unwichtig, eine Angelegenheit für die Oberschicht. So kommt es, dass noch heute z.b. in Panama zirka. 70% aller Kinder außerehelich geboren werden. Die meisten Kinder wachsen daher ohne Vater auf, was zu gleichem Verhalten ihrerseits führt. So haben wir als Ergebnis das Phänomen, dass in großen Teilen Lateinamerikas Frauen die Stütze der Gesellschaft bilden und fest in einem Haus wohnen. Die Männer wechseln häufiger. Kinder werden als Hoffnungsträger vergöttert. Das Machoverhalten ist Ersatzbefriedigung, Imponiergehabe, um Hoffnungslosigkeit zu verdecken. Besiedlung Lateinamerikas - was lief da in Wirklichkeit ab? Da hat eine verstädterte spanische Kultur systematisch dörfliches Leben zerstört durch Raubzüge, Krankheiten und Umsiedelung der Bevölkerung. Alte ritterliche Tugenden und Werte wie eine Ehe haben nur bei Spaniern Wert und beschränken sich in der Praxis auf die spanische Frau. Im Zuge der Eroberung eines Erdteils erobert der spanische Mann auch andere Frauen, zumal es für ihn keine unmittelbaren gesellschaftliche Nachteile hat. Die betroffenen Frauen aber haben davon teilweise einen Nutzen und können aufsteigen. Die Hoffnungslosen, die Mehrzahl der Männer, braucht eine Ersatzbefriedigung. Ehe spielt nur eine untergeordnete Rolle. Wissen sie jetzt, warum in lebendigen lateinamerikanischen Gemeinden das Thema Ehe-Familie so gefragt ist, warum Vorbilder gesucht werden - Familien, weniger Einzelkämpfer? Und da es keinen Zweck hat, den Weg zurück ins Paradies, den Garten Eden, das Dorf zu suchen, dieser Weg ist nicht möglich, statt dessen sind wir aufgerufen: der Stadt bestes zu suchen, wie Jeremia schon im Alten Testament fordert. Iberoamerika sucht Familien, die lebendigen Glauben in der Familie vorleben - in aller Unvollkommenheit der Stadt. Vollkommenheit wird erst herrschen, wenn Jesus wiederkommt und auch amerikanische Gesellschaft umgestaltet hat, so dass sie im himmlischen Jerusalem leben kann. Seite 18

19 Die ersten Kolonien Das Mittelalter ist gekennzeichnet durch eine feste Ordnung. Das ganze Leben findet in geordneten Bahnen statt. Mit der Geburt bin ich festgelegt und habe mich in dem mir vorgegebenen Raum als Bauer, Handwerker oder Adeliger zu bewegen. Andererseits gibt mir dieses System auch Sicherheit. Ich kann mich fallen lassen. Das Netz trägt. Wie kommen Menschen des ausgehenden Mittelalters nun dazu, dieses System zu verlassen, in fremde Erdteile zu ziehen und andererseits wie begründen sie das Gefangennehmen und Ausbeuten anderer Völker? 1) Die Idee der Expansion Erinnern wir uns. Der Islam hatte Europa hart bedrängt. Nur mit vereinten Kräften konnten 732 n.chr. die Franken sie wenigstens an die Pyrenäengrenze zurückdrängen. Die Reconquista der Spanier selbst hatte nach und nach die Grenze nicht nur stabil gemacht sondern die Mauren bis Afrika zurückgedrängt. Von der Seite drohte keine Gefahr für Europa. Andererseits hatte man versucht, in den Kreuzzügen auf dem Land- und Seeweg die Heiligen Stätten in Palästina zu befreien, was trotz hoffnungsvoller Anfänge letztlich jämmerlich gescheitert war. Dann fiel auch noch Konstantinopel 1453 n.chr. und wurde sogar als Istanbul die Hauptstadt eines sich bis Zentraleuropa ausdehnenden türkischen Großreiches. Der Islam wurde nun vom Balkan her zur existentiellen Bedrohung Europas. Andererseits kamen tausende von Bewohnern Konstantinopels nach Italien, was zur Renaissance und zu neuem Denken führte. In dieser Zeit fand in Florenz ein Konzil der kath. Kirche statt. Und auf diesem Konzil gab es exotischen Besuch, der die Gemüter beflügelte - Äthiopier. Das Christentum hatte sich seinerzeit im ganzen römischen Reich ausgedehnt. Von Ägypten war es nach Süden bis zu den Quellen des Nils vorgedrungen, dann aber später von der Verbindung zum Mittelmeerraum durch den Islam abgeschnitten worden. So hatte die äthiopische Kirche alleine ein kümmerliches Dasein mit zum teil seltsamen Formen gefristet. Geblieben war nach Jahrhunderten der Separation nicht viel mehr als das Wissen, dass jenseits des Islam noch andere Glaubensbrüder wohnen. Zwar hatte man schon oft Verbindungen knüpfen wollen aber das war gescheitert. Und so versuchte es wieder einige wenige aus dem Süden, die Brüder im Norden aufzusuchen, schafften es diesmal und landeten als Ehrengäste auf dem Konzil von Florenz. Können sie sich vorstellen, wie in einer Zeit der Depression in Europa ein solcher Besuch beflügeln kann? Wie ein Papst aufruft, den Islam in die Zange zu nehmen? Man müsse sich nur mit den Glaubenbrüdern im Süden verbinden. Und wenn man sie auf dem Landwege nicht erreichen könne, dann eben auf dem Seeweg? Die Idee der Umrundung Afrikas war geboren. Wenige Jahre später war Spanien von den Mauren befreit und Kräfte frei für solche neuen Abenteuer. Die Kastillische Hochzeit auf der Iberischen Halbinsel hatte Kastilien und Aragon zu einem Königreich gemacht, die dritte Macht, Portugal, war separiert und richtete ihren Blick nach Afrika, um dieses Ziel in Angriff zu nehmen. Dass das Auffinden Äthiopiens sehr lange dauerte, die weltpolitische Lage sich bis dahin gänzlich geändert hatte und Handelsinteressen inzwischen wichtiger wurden, als den Islam in die Zange zu nehmen, ist eine andere Sache. Aber diese Idee war der Ausgangspunkt, sich über Grenzen hinaus zu wagen. Und den Seeweg nach Indien andersherum über den Weg nach Westen zu suchen, ist nur die logische Konsequenz des neuen Weges und führte zur Entdeckung Amerikas. Die existentielle Bedrohung durch den Islam einerseits, die jedermann des ausgehenden Mittelalters empfand und die neue Idee von Florenz andererseits beflügelten so sehr, dass Grenzen gesprengt wurden. Damit wurde auch das Mittelalter verlassen. 2) Begründung der Expansion Aber nun ist es ein weiter Weg von einer Idee, die beflügelt bis hin zu einer rechtskräftigen Seite 19

20 Tatsache. Mit welcher Begründung, die auch bei Anschuldigung standhielt, konnte man Menschen versklaven? Die Kanarischen Inseln und ihre Bevölkerung vor den Toren Westafrikas zu unterwerfen, konnte noch damit begründet werden, dass sie früher einmal zum Westgotenreich gehört hatten. Die Azoren waren unbewohnt, also auch kein Problem. Aber in Amerika wohnte eine zahlreiche Bevölkerung in wohlgeordneten Staatsgebilden. Da halfen 2 Begründungen: Die europäische Kultur war der der primitiven Wilden deutlich sichtbar überlegen. Diese besaßen nicht die hohe Technik und Wissenschaft der Spanier. Ihnen musste, das konnte jeder auf den ersten Blick sehen, erst einmal Recht und Ordnung beigebracht werden. Außerdem stießen die Spanier gleich zu Anfang auf Kannibalismus in der Karibik und in Mexiko auf ausgedehnte Menschenopferungen der Azteken. Das war gegen Gottes Gebot. Denen musste man mit der eigenen höherwertigen Kultur etwas besseres bringen. Und aus Erziehungsgründen unterstellte man sie den kath. Königen von Spanien. Die zweite große Begründung war die über die Kirche. Gott selbst meinte man nicht fragen zu können, also fragte man den Stellvertreter Christi auf Erden, den Papst. Er als stellvertretender Machthaber des höchsten Gottes konnte selbstverständlich über Heiden bestimmen. Merken sie, wie ein falscher Hirtenbegriff hier fatale Folgen für die ganze Welt hat? Und die Begründung des Papstes zur Unterdrückung der Völker ist die Mission. Der Missionsauftrag Jesu: Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker und taufet sie und lehret sie alles halten, was ich euch gesagt habe... wird zur Begründung für Sklaverei und Ausbeutung. Merken sie, wie hier der Teufel eine ganze Kirche eingewickelt hat und den wichtigsten Auftrag Jesu, den Missionsauftrag pervertiert? So legt Papst Alexander VI, der selbst mit vielen Liebschaften, der Unterbringung seiner Kinder und der Angst vor Giftanschlägen beschäftigt ist, so legt im Staatsvertrag die Grenze zwischen portugiesischem und spanischem "Missionsgebiet" fest, so kommt es, dass Brasilien bis heute Portugiesisch spricht, der Rest Amerikas Spanisch. Die Neue Welt war damit für alle zufriedenstellend aufgeteilt worden. Doch es gab auch Kritik - diesmal gerade aus der Kirche selbst. Das Widerstandnest lag in Spanien. Dominikaner aus Salamanca erhoben von Anfang an Einspruch. Sie, selbst noch ganz in mittelalterlichem Denken verhaftet, begründen aus der Scholastik eines Thomas von Aquin ein Naturrecht, das auch heidnische Völker haben, das nicht ohne weiteres gebrochen werden dürfe. Auch sei der Papst nicht weltlicher Herr der Erde sondern nur im geistlichen Bereich. Er könne also kein Land vergeben. Doch das alles half wenig. Die Inbesitznahme Amerikas ging längst eigene Wege. Die geläufigen Begründungen reichten. An diesem Beispiel können wir sehen wie Geschichte immer wieder abläuft Da wird etwas vorbereitet, bringen ein neues Denken, neue Ideen Menschen in Bewegung. Und sie laufen los, fragen nach Begründung oft erst hinterher. Und das Ergebnis ist oft mehr Unrecht als vorher. Der amerikanische Kontinent schreit jedenfalls seit mindestens 500 Jahren vor Leid und Schmerzen. Das ist Geschichte, so ist eben das Leben, sagen viele. Ich behaupte, dass es einen gibt, der die Geschichte lenkt, wie etwa 1989 in Europa, wo Geschichte plötzlich ins Rollen kommt und keiner so recht weiß warum. Da läuft etwas ab, was Politiker nicht so recht in der Hand haben. Und über diese neuen Phänomene werden dann Bücher geschrieben wird lange nachgedacht. Das Ziel Gottes ist klar: Seine Gemeinde soll in aller Welt gebaut werden. Dazu ändert er Europa, bringt eine Golfregion in Umbruch wie es vorher keiner für möglich gehalten hätte, lässt er Kontinente Seite 20

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