150 Jahre Ferdinand Gross. Gelebte Industriegeschichte

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1 inside DIE SONDERAUSGABE ZUM JUBILÄUM 150 Jahre Ferdinand Gross Retter in der Not Emil Gross übernimmt das Handelshaus in einer schwierigen Zeit. In den 1920er Jahren sind die Folgen des Ersten Weltkriegs in ganz Europa spürbar, die politische und wirtschaftliche Situation ist zerrissen. Doch Emil Gross leitet das väterliche Unternehmen sicher durch die Unwägbarkeiten der Nachkriegsjahre. Der umsichtige Kaufmann hat ein gutes Gespür für die Wünsche der Kundschaft und erweitert das Sortiment stetig. Zudem kann er sich der unbedingten Loyalität seiner Mitarbeiter sicher sein was das Unternehmen tatsächlich vor dem Bankrott bewahrt. Seite 3 Sicherer Steuermann Franz Hering übernimmt als ehemals Branchenfremder das Unternehmen. Der Zweite Weltkrieg hat den Schraubenspezialisten Ferdinand Gross an den absoluten Tiefpunkt geführt. Doch der Schwiegersohn von Emil Gross blickt mutig nach vorn und bekommt von den Alliierten recht schnell die Erlaubnis, die Geschäfte wieder aufnehmen zu dürfen. Er manövriert das Unternehmen sicher durch die schweren Nachkriegsjahre und führt das Handelshaus zu neuer Blüte. Das Handelsgebiet erweitert sich stetig, steigende Aufträge sind der Lohn. Auch Franz Hering hat ein Gespür für neue Trends das Unternehmen wächst stetig und feiert 1964 sein 100-jähriges Jubiläum. Seite 4 Fit für die Zukunft Günther und Dieter Hering entscheiden sich für einen Umzug vor die Tore der Stadt. Gründete das Unternehmen und ist bis heute Vorbild: Ferdinand Gross hat die württembergische Industriegeschichte um ein erfolgreiches Kapitel erweitert. Gelebte Industriegeschichte Die beiden Brüder Günther und Dieter Hering führen das Unternehmen nun in der vierten Generation und finden in der Stuttgarter Innenstadt keine geeigneten Expansionsflächen. Sie beschließen, vor die Tore der Stadt zu ziehen nach Leinfelden, direkt an der Autobahn und am Flughafen gelegen. Hier entsteht ein neuer Firmensitz, der so umsichtig geplant wird, dass er auch heute noch nötige Erweiterungen problemlos zulässt. Seite 5 Vor 150 Jahren gründete Ferdinand Gross eine Eisenwarenhandlung in Stuttgart. Seit damals hat nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch das heutige Bundesland Baden-Württemberg eine beeindruckende Entwicklung genommen. Die Geschichte des Schraubenhändlers Ferdinand Gross belegt eindrucksvoll, wie aus einem kleinen Ein-Mann-Betrieb ein prosperierendes mittelständisches Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern, europaweiten Niederlassungen und gut 70 Millionen Euro Jahresumsatz werden kann. Tugenden wie Fleiß, Willen und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten haben zum Erfolg ebenso beigetragen wie Weitsicht, Mut und ein gutes Gespür für die Bedürfnisse der Kunden. Die Geschichte Ferdinand Gross steht auch stellvertretend für die historische Entwicklung Württembergs. Der Südwesten Deutschlands gehört heute zu den wohlhabendsten Regionen in Deutschland und Europa. Das war nicht immer so. Der Aufstieg des Wirtschaftsraumes begann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert später und langsamer als anderswo gelang im Südwesten der Wechsel von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Heute ist Baden-Württemberg eines der leistungsfähigsten deutschen Flächenländer. Es ist ein industrie- und exportintensives Land, das einerseits Industriegiganten von Weltruf wie Daimler, Bosch und IBM Deutschland beherbergt, andererseits aber nach wie vor eine mittelständische Wirtschaftsstruktur aufweist. Erfahren Sie, wie die Geschichte von Ferdinand Gross begonnen hat, die mittlerweile in fünfter Generation fortgeschrieben wird. Seite 2 Liebe Leser der inside, ja, diese Ausgabe unseres News-Magazins sieht anders aus. Das hat seinen Grund: Ferdinand Gross feiert in diesem Jahr sein 150. Jubiläum. Ich möchte Sie deshalb einladen: Begleiten Sie uns auf eine Reise durch anderthalb Jahrhunderte schwäbische Industriegeschichte und lernen Sie mein Unter nehmen aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen von den Anfängen bis heute. Herzlichst, Ihr Gerald Hering inside 1

2 : Wie alles begann Die Generation Ferdinand Gross Kontinuität, Fleiß, unbedingter Wille Seine beiden Söhne bindet Ferdinand Gross früh, aber behutsam ans Unternehmen. Der Ort, an dem alles begann: Im Haus Heinrich Kurtz in der Hauptstätter Straße gründet Ferdinand Gross am 17. November 1864 seine Eisenwarenhandlung. Ein gutes Gespür Eine gründliche Ausbildung, das Wissen um die Bedürfnisse der Kunden und die Fähigkeit, daraus die richtigen Schlüsse für die Sortimentsauswahl zu ziehen diese Kernkompetenzen sollen auch die Söhne Ferdinand Gross erlernen. Schon früh führt Ferdinand Gross deshalb seine beiden Söhne an den väterlichen Betrieb heran die Weichen für die Zukunft wollen gestellt sein. Jeweils im Alter von 14 Jahren treten Alfred (1880) und Emil (1889) in die Firma ein die Nachfolge scheint geregelt. Dabei beweist vor allem Alfred Gross, dass er die Weitsicht seines Vaters geerbt hat: Mit der auch in Stuttgart beginnenden Elektrifizierung richtet er 1893 eine Abteilung für Elektroartikel ein drei Jahre, bevor überhaupt das erste Elektrizitätswerk in Stuttgart ans Netz geht und diese neue Energie eine breitere Verwendung findet. Nun wird auch die Elektrifizierung der Stuttgarter Straßenbahn vorangetrieben, die bereits 1895 begann. Aus der Abteilung für Elektroartikel entsteht die Firma Alfred Gross, im Volksmund auch als Elektro-Gross bekannt wird die Firmennachfolge per Gesellschaftervertrag dokumentiert: Alfred und Emil Gross treten in die Geschäftsführung ein. 1914, nur wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag, gibt Ferdinand Gross die Geschäftsführung komplett an seinen Sohn Emil ab. Am 17. November 1864 eröffnet Ferdinand Gross eine Eisenwarenhandlung in Stuttgart. Dass er sich als Firmensitz ausgerechnet die Hauptstätter Straße aussucht, ist kein Zufall. Das Quartier im Süden Stuttgarts hat für Händler einen unschätzbaren Vorteil. Angelegt nach dem Vorbild der Prager Vorstadt, profitiert das sogenannte Bohnenviertel wie kein anderes Viertel vom ungeheuren Bevölkerungswachstum. Neue Läden werden eröffnet, Gasthäuser etablieren sich neben den Wohnungen von Handwerkern und Arbeitern. Und die breite Hauptstätter Straße bildet als quirliger Straßenmarkt den passenden Rahmen für das aufblühende Treiben liegt sie doch auf der damaligen Poststraße von Frankfurt nach Zürich. Schnell spricht sich unter den Wagenlenkern herum, dass die Eisenwarenhandlung von Ferdinand Gross eine exzellente und zuverlässige Anlaufstelle ist. Es läuft gut für den jungen Unternehmer sowohl geschäftlich als auch privat: 1865 heiratet Ferdinand Gross seine große Liebe Wilhelmine Schwarz, 1866 kommt der erste Sohn Alfred zur Welt, 1875 folgt dessen Bruder Emil. Die Reichsgründung 1871 sorgt für eine wirtschaftliche Belebung, von der auch die Eisenwarenhandlung Ferdinand Gross profitiert. In den angestammten Geschäftsräumen wird es zu eng, 1886 bezieht das Unternehmen größere Räume gleich gegenüber in der Hauptstätter Straße 19. Doch auch hier sind schnell die Grenzen erreicht: Bereits vier Jahre später kauft Ferdinand Gross das Haus Nummer 50 in der vornehmen Olgastraße, etwas oberhalb des Bohnenviertels gelegen. Bis 1927 wird hier der Firmensitz des Handelsunternehmens sein. Längst hat sich bis weit über die Grenzen der Stadt herumgesprochen, dass die Qualität der Waren und Werkzeuge, die in der Olgastraße 50 verkauft werden, außergewöhnlich gut ist. Zudem entstehen in Stuttgart selbst immer mehr Industriebetriebe, die ohne Schrauben gar nicht produzieren können. Auch am Königlichen Hof wird die Qualität der Waren von Ferdinand Gross geschätzt: Am 25. Januar 1904 verleiht der Hof dem Handelshaus den Titel eines Königlichen Hoflieferanten. Ein weiterer Schub für das Unternehmen, das bereits wieder unter Platzmangel leidet und deshalb selbst zum Bauherrn wird: Im Bohnenviertel entstehen in der Brennerstraße neue, großzügigere Lagerräume, die das Arbeiten wesentlich erleichtern. Um das immer größer werdende Liefergebiet adäquat bedienen zu können, stellt Ferdinand Gross einen ersten Handelsvertreter ein. Das Jahr 1914 markiert für die Firma Ferdinand Gross einen Meilenstein. Nach einem halben Jahrhundert Aufbauarbeit tritt der Gründer am 1. April 1914 im Jahr des 50jährigen Firmenjubiläums in den Ruhestand. Ein wohlverdienter Lebensabend ist ihm indes nicht vergönnt: Am 27. September 1914 stirbt Ferdinand Gross im Alter von 75 Jahren. Bestanden: Das Lehrlingszeugnis von Ferdinand Gross, ausgestellt Breitgefächertes Sortiment Wissen, was die Kunden brauchen. Erkennen, welche Entwicklungen anstehen Ferdinand Gross beweist von Anfang an Weitsicht. Und macht früh Reklame. Deckblatt des Katalogs für Hufbeschlagartikel 1906/1907. Lag anfangs der Schwerpunkt des Sortiments auf Schmiede-, Schlosser- und Wagenbauartikeln, änderte sich dies im Laufe der Jahre kontinuierlich. Dank der Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit 1862 durch König Wilhelm I. fand Württemberg Anschluss an die industrielle Revolution, die in anderen Ländern und im Westen Deutschlands schon längst ihre Spuren hinterlassen hatte. Durch den Siegeszug der Dampfmaschine entwickelte sich in Württemberg eine blühende feinmechanische Industrie. Baumwollspinnereien und Trikotagen etablierten sich ebenso wie die Papierindustrie. Der junge Firmengründer Ferdinand Gross nutzt den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, baut sein aufstrebendes Eisenwaren- und Schraubengeschäft kontinuierlich aus und informiert seine Kunden früh durch Anzeigen sowie kleine Kataloge. Zur Geschäftseröffnung verteilt er einen Werbebrief, im Adress- und Ge schäftshandbuch von 1865 wirbt er beispielsweise unter Zusicherung billiger und reeller Bedienung für sein wohl assortiertes Lager. Auch heute noch setzt das Unternehmen auf eine ausgeklügelte Marketingstrategie.»Die Gründung des Unternehmens fiel in eine äußerst interessante Zeit. In Württemberg hatte die industrielle Revolution noch nicht richtig Tritt gefasst, steckte noch in den Kinderschuhen. Ferdinand Gross konzentrierte sich deshalb auf Handwerker und Fuhrleute mit Erfolg.«2 inside

3 Die Generation Emil Gross : Die Zwanziger Jahre Die Zwanziger Jahre Die Folgen des Ersten Weltkriegs sind in ganz Europa spürbar, die politische und wirtschaftliche Situation zerrissen. Emil Gross leitet das väterliche Unternehmen sicher durch die Unwägbarkeiten der Nachkriegsjahre. Der Erste Weltkrieg stürzt auch das mittlerweile renommierte Handelsunternehmen tief in die Krise. 50 Jahre lang war die Firma Ferdinand Gross stetig gewachsen, eingebettet in eine Zeit, die geprägt war von wirtschaftlichem Aufschwung und recht sicheren politischen Verhältnissen. Das ist nun mit einem Schlag vorbei. Von den rund 2,5 Millionen Einwohnern Württembergs werden Männer eingezogen darunter auch viele Mitarbeiter von Ferdinand Gross. Handwerker und Arbeiter fehlen, die Kunden bleiben aus. Produziert wird nur noch für militärische Zwecke. Die Euphorie, mit der Deutschland den Beginn des Krieges anfänglich aufgenommen hat, ist schnell verflogen. Am Ende des Ersten Weltkrieges 1918 haben sich die staatlichen Verhältnisse in Europa und im Nahen Osten erheblich verändert. Die Leiden des Krieges entladen sich in vielen Staaten Europas in revolutionären Erschütterungen. Auch im Deutschen Reich verstärken Hunger und Entbehrung zusammen mit der Enttäuschung über die militärische Niederlage demokratische und sozialistische Bestrebungen. Am 9. November 1918 wird die Republik ausgerufen. Kaiser Wilhelm II. muss seinen Thron verlassen. Doch auch nach Kriegsende verbessert sich die Situation nicht. Die hohen Reparationsforderungen der Alliierten stürzen die Wirtschaft der jungen Republik weiter in den Abgrund. Die Währung verfällt in rasendem Tempo, die Inflation steigt stetig, der Mittelstand verarmt zusehends. Mit zehn bis zwölf Mitarbeitern und Lehrlingen hält Emil Gross in diesen schweren Tagen die väterliche Firma am Laufen. Seinen guten Ruf hat das Unternehmen während des Krieges nicht verloren. Vor allem Schmiedemeister, Wagenbauer und Schlosser decken sich nun bei Ferdinand Gross ein. Beliefert werden aber auch mechanische Werkstätten, landwirtschaftliche Maschinenbaufirmen und andere Fabriken. Blankgedrehte Schrauben spielen noch keine große Rolle. Emil Gross blickt mutig nach vorn, will den Unwägbarkeiten der Nachkriegsjahre trotzen und das Unternehmen wieder in ruhigere Gewässer steuern. Er hat Erfolg: Nach der Währungsreform 1924 entspannt sich die Situation zusehends, ein neuer Anfang wird gemacht, es geht langsam wieder aufwärts. Der erste eigene Transporter, ein Opel Blitz, steht ab 1925 auf dem Hof. Umsichtig wie bereits sein Vater, möchte Emil Gross das Fortbestehen des Unternehmens früh gesichert wissen. Am 1. April 1928 holt er deshalb seinen Schwiegersohn Franz Hering in die Firma. Der hat freilich wenig Ahnung vom Sortiment, bringt dafür aber eine unbändige Neugier und großes Interesse mit. Der im Unternehmen hochgeschätzte Mitarbeiter Traugott Bäßler wird quasi sein Lehrmeister, führt ihn in alles Wichtige ein, verrät ihm die Kniffe des täglichen Geschäfts. Kaum zwei Monate im Unternehmen, erteilt sein Schwiegervater Franz Hering Prokura ein deutlicher Beweis, wie schnell er sich in die ihm bislang unbekannte Materie einarbeitet.»das moderate Wirtschaftswachstum Württembergs Mitte der zwanziger Jahre war auf den Kraftfahrzeugbau, den Maschinenbau, die Feinmechanik und die Elektrotechnik begründet alles Branchen, die von Ferdinand Gross beliefert werden auch heute noch.«der zweite Start Emil Gross übernimmt das Handelshaus Ferdinand Gross in einer schwierigen Zeit. Dennoch gelingt ihm ein erfolgreicher Neustart. Mit Ausdauer, Standfestigkeit, Geschick und der Unterstützung seiner Mitarbeiter hat Emil Gross das Unternehmen durch die schwere Nachkriegszeit geführt und beginnt nun mit einer Neuausrichtung: Er stellt nämlich fest, dass die Anzahl der Auto- und Motorradwerkstätten schnell zunimmt, die Schmiede und Wagenbauer (bislang die Hauptkundschaft) dagegen abnehmen. Der umsichtige Kaufmann erkennt die Zeichen der Zeit sofort und reagiert unmittelbar: Er beschließt, kleine und größere Blankschraubensortimente zusammenzustellen und diese in Fächer unterteilten Holzkästen zu 25 bzw. 50 DM an die Werkstätten zu verkaufen. Der Erfolg gibt ihm recht: Die Kästen verkaufen sich bestens. Emil Gross ist auch gesellschaftlich hoch angesehen: 1925 wird er von der Stuttgarter Handwerkskammer zum Handelsrichter ernannt. Ein ehrenvolles Amt, das er voll Leidenschaft bekleidet und sechs Jahre lang ausüben wird. Immer auf der Suche nach Optimierung, zieht das Unternehmen 1927 von der Olgastraße 50 in die Brennerstraße 31 um seit gut 20 Jahren befindet sich hier bereits das Lager, die Wege sind ab sofort deutlich kürzer. Ins Adressbuch des gleichen Jahres wird Ferdinand Gross noch als»schraubenhandlung mit Hufbeschlag- und Wagenbauartikeln«eingetragen. Zu dieser Zeit beginnt Ferdinand Gross, sein Sortiment um spanlos verformte Schrauben zu erweitern Emil Gross hatte den steigenden Bedarf an diesen Verbindungsteilen erkannt und sofort drauf reagiert. Auch das Sortiment an Werkzeugen wird vergrößert. Die Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Börsen-Crash in den USA am 24. Oktober 1928, macht auch Ferdinand Gross zu schaffen selbst wenn Württembergs qualitätsorientierte Industrie mit ihrem hohen Anteil an Eigenkapital nicht ganz so schwer getroffen wurde. Völlig unerwartet stirbt Emil Gross am 6. Oktober 1933 im Alter von gerade mal 58 Jahren. Sein Schwiegersohn Franz Hering übernimmt die Geschäfte. Der ehemals Branchenfremde hat sich in den vergangenen fünf Jahren zu einer festen Größe innerhalb des Unternehmens entwickelt und sich einen Ruf als zuverlässiger Geschäftspartner erarbeitet. Wie schon sein Schwiegervater vor ihm, will Franz Hering die Firma mit Mut, Entschlossenheit und einem guten Gespür für die Entwicklungen des Marktes erfolgreich in die Zukunft führen. Emil Gross sichert das Überleben der Firma während der Weltwirtschaftskrise. Ganz im Dienste der Firma Von Anfang an setzt Ferdinand Gross auf langfristige Beziehungen auch in Bezug auf seine Mitarbeiter. Emil Gross erlebt in der schwierigen Zeit der Weltwirtschaftskrise, wie Loyalität, Verbundenheit und Respekt ein ganzes Unternehmen retten können. Loyaler Mitarbeiter: Traugott Bäßler. Im November 1920 sucht Emil Gross per Anzeige im Stuttgarter Wochenblatt einen Fakturisten. Mehr als 40 Bewerber stellen sich vor, die Wahl fällt schließlich auf Traugott Bäßler ein einmaliger Glücksgriff, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen wird. Seinen neuen Fakturisten lernt Emil Gross schnell schätzen ein loyaler Mitarbeiter, gewissenhaft, fleißig und offen für neue Ideen. Emil Gross ist überzeugt davon, dass dieser Mann noch mehr kann als Rechnungen schreiben und die Handwerkerkundschaft zu bedienen. Bereits im Februar 1921 fragt er ihn, ob er nicht Lust habe, auf Reisen zu gehen und die Kundschaft zu besuchen, respektive neue Kunden zu gewinnen. Bäßler willigt ein und findet schnell Gefallen an der Reisetätigkeit. Die galoppierende Inflation im Zeichen der Weltwirtschaftskrise treibt jedoch auch das Unternehmen Ferdinand Gross an den Rand des Ruins: Emil Gross kann die Gehälter seiner Mitarbeiter nicht mehr bezahlen, sieht keine Möglichkeit mehr, die Firma weiterzuführen. Doch Traugott Bäßler glaubt noch an eine Chance: Wenn alle Mitarbeiter auf die Hälfte ihres Gehalts verzichten, müsste das Unternehmen zu retten sein er sollte recht behalten. Dieses Ereignis, das das Überleben des Unternehmens in dieser schier aussichtslosen Situation überhaupt erst möglich machte, hat bis heute Auswirkungen auf die Philosophie und das Selbstverständnis des Spezialisten für Verbindungsteile: Der Mitarbeiter ist das höchste Gut gut ausgebildet, motiviert, eben»the excellent s/crew«. Übrigens: Vater Bäßler, wie er respektvoll genannt wurde, ist Ferdinand Gross immer treu geblieben 55 Jahre lang stand er im Dienst der Firma. Drei Generationen hat er erlebt und ist ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Viele Innovationen etwa der Einbau des ersten Lastenaufzugs im Schraubenlager hat er mitinitiiert. inside 3

4 : Zweiter Weltkrieg und Aufschwung Die Generation Franz Hering Am Tiefpunkt angekommen Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen stürzen das Unternehmen Ferdinand Gross in seine größte Krise. Doch die zähen Schwaben lassen sich nicht unterkriegen. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert auch für das Handelsunternehmen Ferdinand Gross eine Zäsur. Zwar bleibt Württemberg zu Anfang von den Auswirkungen des Krieges verschont. Doch und das trifft den Eisenwarenhändler besonders wird der Bezug von Eisenwaren rationiert, Eisenmarken werden eingeführt. Bereits 1939 werden sämtliche Lkw samt ihren Fahrern an die Kriegsfront im Osten abkommandiert, immer mehr Mitarbeiter werden zum Wehrdienst eingezogen das Personal wird knapp. Nachdem sich die Fliegeralarme in Stuttgart häufen, beschließt Franz Hering, den Betrieb auf verschiedene Standorte im Großraum Stuttgart aufzuteilen. Ziel ist es aber, den gesamten Betrieb nach Niederstetten bei Bad Mergentheim zu verlegen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Im Marstall des Schlosses Haltenbergstetten wird der Boden betoniert, Regale werden aufgestellt. Auch eine Turnhalle wird zum Lager umfunktioniert. Anfang 1943 schließlich zieht die gesamte Familie Hering mit dem Hauptbetrieb nach Niederstetten um, nachdem schon die Betriebsleitung dort Quartier gefunden hat. Im Stuttgarter Stammhaus kümmert sich derweil eine Notbesetzung um die Geschäfte. Die Auswirkungen und Folgen des Krieges werden auch in Stuttgart immer deutlicher spürbarer, Bombenangriffe nehmen zu. Doch Franz Hering hat Glück im Unglück: Die Lager des Unternehmens im Schloss und in der Turnhalle überstehen die letzten Kriegstage nahezu unversehrt lediglich kleinere Schäden in den Dächern müssen repariert werden. Der Geschäftsbetrieb kann also weitergehen auch, weil das amerikanische Militär bestimmte Schrauben und Verbindungsteile für Reparaturen braucht. Doch die Alliierten beschlagnahmen einen Großteil der gerettet geglaubten Waren die Lager müssen geschlossen, alle Angestellten entlassen werden. Das Traditionsunternehmen, das vor rund 80 Jahren als Eisenwarenhandlung begann, ist auf dem absoluten Nullpunkt angekommen.»dass das Unternehmen nach Kriegsende den Betrieb recht schnell wieder aufnehmen konnte und durfte ist nicht zuletzt dem Verhandlungsgeschick meines Großvaters Franz Hering zu verdanken und dem bedingungslosen Einsatz der Mitarbeiter.«Steuermann in schweren Zeiten Als einstmals branchenfremder Quereinsteiger muss Franz Hering das Handelshaus Ferdinand Gross nicht nur durch den Zweiten Weltkrieg manövrieren, sondern auch durch die schweren Nachkriegsjahre. Der Lohn: Er führt das Unternehmen zu neuer Blüte. Franz Hering steuert das Unternehmen sicher durch die Nachkriegswirren. Nachdem Emil Gross am 6. Oktober 1933 völlig unerwartet stirbt, übernimmt sein Schwiegersohn Franz Hering die Geschäfte des Unternehmens. Er, der ehemals Branchenfremde, hat sich in den vergangenen fünf Jahren gründlich in das Geschäft mit Schrauben und Werkzeugen eingearbeitet. Hering erkennt schnell, dass das Schraubengeschäft immer wichtiger wird, dehnt es konsequent auf alle Verwendungsbereiche aus. Er nimmt hochfeste Schrauben ins Sortiment und gewinnt so verstärkt Kunden aus der Industrie hinzu. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben alle Bemühungen von Franz Hering nur ein Ziel: Kontakte zur Militärverwaltung knüpfen, um die Genehmigung zur Fortführung der Geschäfte zu erhalten. Das Vorhaben gelingt: Franz Hering kann nachweisen, dass es sich bei Ferdinand Gross um einen Nicht-Rüstungsbetrieb handelt, der mit Waren für die unmittelbare Versorgung und zur Aufrechterhaltung des täglichen Lebens handelt. Der gerettete Werkzeugbestand wird in einem angemieteten Laden am Wilhelmsplatz untergebracht, auch der Verkauf findet hier statt. Trotz aller Schwierigkeiten blickt Franz Hering entschlossen in die Zukunft: In Neustadt/Schwarzwald entsteht ein Schraubenlager, um Kunden in den südlichen Landesteilen bis hinunter nach Freiburg besser versorgen zu können. Auch die Reisetätigkeit wird bald wieder aufgenommen. Nach der Währungsreform ziehen die Geschäfte spürbar an, das Wirtschaftswunder beginnt. Das Unternehmen profitiert vom Nachholbedarf die Räume in der Brennerstraße 31 reichen bald nicht mehr aus entsteht auf dem zugekauften Grundstück Brennerstraße 38 ein neues Gebäude, in dem die Werkzeugabteilung untergebracht wird. Der nach dem Krieg angeschaffte Framo-Kleinlaster wird 1950 durch einen Opel-Blitz ersetzt, der Umsatz übersteigt erstmals die Zwei-Millionen-D-Mark-Grenze neues Personal wird eingestellt. Der für das Unternehmen so wichtige Schraubenkatalog wird 1950 neu aufgelegt, im Jahre 1952 erscheint mit dem W 90 der erste richtige Werkzeugkatalog der Firma. Franz Herings goldenes Händchen für das Erkennen zukunftsweisender Trends zeigt sich wieder einmal, als aus den USA eine Schraube auf den deutschen Markt kommt, die in einem Arbeitsgang ein Loch bohren und ihr Gewinde selbst schneiden kann: Die Teks-Schraube. Alles, was man braucht, ist ein elektrischer Handschrauber, der mit einer bestimmten Drehzahl arbeitet und der von dem Stuttgarter Unternehmen C. u. E. Fein hergestellt wird. Franz Hering stattet daraufhin alle Vertreter mit Handschraubern und Teks-Schrauben aus, erarbeitet sich so innerhalb kürzester Zeit einen Ruf als Spezialist für diese Schrauben und sorgt dafür, dass das neue Verfahren im ganzen Land bekannt wird. In diese Zeit des Aufschwungs und der Expansion fällt das 100jährige Firmenjubiläum, das gleich doppelt gefeiert wird: Am 17. Oktober 1964 mit einem feierlichen Essen im Kreise aller Mitarbeiter, am 30. Oktober dann auf dem Stuttgarter Killesberg mit Kunden, Lieferanten und zahlreichen Ehrengästen. Der bekannte Humorist Oskar Heiler sorgt dabei für ausgelassene Stimmung. Die ebenso pointierte wie scharfsinnige Festrede hält kein Geringerer als Stuttgarts damaliger Oberbürgermeister Dr. Arnulf Klett. Platzprobleme Immer wieder sieht sich das Unternehmen mit Platzmangel konfrontiert Umzüge sind die Folge. In den Jahren 1953/54 wird der Neubau an der Olgastraße 54 fertiggestellt und jeder Mitarbeiter im Unternehmen ist davon überzeugt, dass der neugewonnene Platz wohl für alle Ewigkeit reichen wird. Doch weit gefehlt: Der Umsatz steigt weiter, die Regale füllen sich mehr und mehr Glücklicherweise gelingt es Ferdinand Gross, die benachbarten Grundstücke bis zur Brennerstraße zu erwerben. Am 17. Juli 1961 wird das Richtfest des Erweiterungsbaus gefeiert, der Umzug folgt im Februar Über 700 Quadratmeter Verkaufsfläche stehen jetzt zur Verfügung, auf der Hofseite gibt es zudem eine Versandhalle mit Laderampe. In zwei Untergeschossen und im 1. Stock wird das Lager eingerichtet, im Erdgeschoss zieht der Versand ein, die Verwaltung breitet sich im 2. Stock aus. Der 3. und 4. Stock wird an das Stuttgarter Verwaltungsgericht vermietet. Das Gebäude steht noch heute. Lange Zeit der Stammsitz von Ferdinand Gross: Das Gebäude an der Olgastraße 54 am Rande des Stuttgarter Bohnenviertels. 4 inside

5 Die Generation Günther und Dieter Hering : Aufbruch in die Zukunft Schritt in die Zukunft Nach 100 Jahren beschließt das Unternehmen Ferdinand Gross, die angestammte Stuttgarter Innenstadt zu verlassen es sind einfach keine passenden Erweiterungsflächen zu finden. Wagen mit dem Umzug auf die Fildern den entscheidenden Schritt in Richtung Zukunft: Günther (li.) und Dieter Hering führen das Unternehmen in eine neue Ära. Investitionen, die Sinn machen Günther und Dieter Hering führen das Handelsunternehmen ins digitale Zeitalter. Das hundertste Jahr des Firmenbestehens ist kaum vorbei, da zeichnet sich ab, dass auch der Erweiterungsbau in der Olgastraße zu wenig Platz bietet. Die Geschäftsführung seit der 100-Jahr-Feier verstärkt durch die Söhne Günther und Dieter Hering als persönlich haftende Gesellschafter ist sich schnell einig, dass innerhalb des Wohngebietes rund um die Olgastraße keine ausreichenden Expansionsflächen zur Verfügung stehen werden. Wie viele andere Unternehmen auch, denkt Ferdinand Gross über einen Umzug ins Stuttgarter Umland nach innerhalb der Stadtgrenzen sind freie Flächen beschränkt. In Leinfelden auf den Fildern findet sich ein passendes Grundstück. Anfang September 1971 ist es dann soweit: In einer Woche werden rund 500 Tonnen Lagerware mit 20 Lkw von Stuttgart nach Leinfelden geschafft. Der Lohn für die Mühen der mittlerweile über 100 Mitarbeiter sind nicht nur modernste Büro- und Lagergebäude, sondern auch eine rauschende Betriebsfeier, mit der der Neubau am 1. Oktober 1971 eingeweiht wird Artikel von A wie Augenschraube bis Z wie Zylinderstift finden sich in dem neuen, Quadratmeter großen Lager. Etwa Tonnen Material werden pro Jahr umgeschlagen, der Fuhrpark ist auf 14 Lkw gestiegen. Dass die Entscheidung für den Ortswechsel richtig war, bestätigt sich spätestens zehn Jahre später: Der Umsatz von Ferdinand Gross verdoppelt sich in dieser Zeit feiert Ferdinand Gross sein 125jähriges Bestehen Zeit, das Lager für die Zukunft fit zu machen. Jetzt zeigt sich, wie klug die Entscheidung war, sich für auf Zuwachs dimensionierte Büroräume und Hallen zu entscheiden. Das Lager mit seinen gut Positionen ist der steigenden Nachfrage auf Dauer nicht gewachsen ein neues, modernes Hochregallager soll Abhilfe schaffen. Das wird 1993 in Betrieb genommen: Mit Palettenplätzen, Fachbodenplätzen und fünf Paternostern, computergesteuerten Richtabläufen und modernster Logistik setzt es Zeichen. Der gewaltige Bau überragt bis heute alle anderen Gebäude im Leinfeldener Industriegebiet rund um die Daimlerstraße und ist auch von der Autobahn weithin sichtbar ein nicht zu übersehender Wegweiser und Markenzeichen zugleich. Doch die Einweihung des Hochregallagers fällt in eine wirtschaftlich schwierige Zeit, in die bisher einzige Rezession in der Bundesrepublik, die binnenwirtschaftlich ausgelöst wurde. Dass Ferdinand Gross diese Krise relativ unbeschadet übersteht, hat laut Dieter Hering unter anderem folgenden Grund: Familienunternehmen lassen sich leichter durch eine Krise steuern. Die Identifikation der Geschäftsführung, aber vor allem auch der Mitarbeiter mit dem Unternehmen ist einfach stärker als bei Großunternehmen. Die Gebrüder Hering konzentrieren sich Anfang der 1980er Jahre darauf, die Arbeitsplätze am neuen Stammsitz in Leinfelden noch effektiver zu gestalten und erkennen schnell die Vorteile der EDV-Technik. Sie nutzen sie soweit es wirtschaftlich sinnvoll ist konsequent. 1984, 120 Jahre nach der Gründung, wickelt das Unternehmen rund 70 Prozent der gesamten Korrespondenz per Telex ab und spart so zum einen Kosten, zum anderen wertvolle Zeit. Schreibarbeiten, Anfragen, Angebote, Bestellungen und Terminzusagen werden kontinuierlich den ganzen Tag über ins System eingegeben, aber erst nach 18 Uhr gesendet der Tarif ist am Abend wesentlich günstiger. Wer mag, kann hier von der typisch schwäbischen Sparsamkeit sprechen. 25 angeschlossene Bildschirmterminals machen das möglich, was für uns heute selbstverständlich ist: nämlich mehrmals am Tag den aktuellen Lagerbestand abzurufen, Wartezeiten der Kunden am Telefon zu reduzieren und so mehr Zeit für die eigentliche Kundenberatung zu haben. Doch Ferdinand Gross nutzt die neue Technik nicht nur, das Unternehmen entwickelt sie auch weiter: 1984 sind bereits 500 selbstentwickelte Programme im Einsatz, die sowohl den Wareneinkauf als auch die Lagerorganisation unterstützen. Fortschritt aus Tradition : Dieses Motto bedeutet keineswegs, dass sich das Unternehmen neueste Technologien nur der Technik wegen ins Haus holt. Immer muss der wirtschaftliche Nutzen gegeben sein, muss die Technik der Firma helfen, der Konkurrenz den entscheidenden kleinen Schritt voraus zu sein. Seit 1971 firmiert der Spezialist für Verbindungsteile auf einem großzügigen Gelände in Leinfelden, verkehrsgünstig an Autobahn und Flughafen gelegen. Historische Chance genutzt Im November 1989 fällt die Berliner Mauer, Deutschland ist nicht länger ein geteiltes Land. Ferdinand Gross gehört mit zu den ersten Unternehmen, die sich in Ostdeutschland ansiedeln.»der Umzug auf die Fildern war ein Meilenstein für unser Unternehmen. Vor allem der Weitsicht Günther und Dieter Herings ist es zu verdanken, dass hier ein Firmensitz mit vielfältigen Erweiterungsmöglichkeiten entstanden ist. So konnten wir 2009 unsere Logistik problemlos vergrößern.«es war ein einzigartiges historisches Ereignis: Die friedliche Revolution in der DDR gipfelte in der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze, am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, trat die DDR offiziell der Bundesrepublik Deutschland bei die deutsche Wiedervereinigung führte das seit den 1960er Jahren geteilte Land wieder zusammen. Ferdinand Gross zählt früh zu den Firmen, die sich in den neuen Bundesländern engagieren und bestätigt damit wieder ein mal seine Vorreiterrolle. Bereits 1991 gründet das Unternehmen Niederlassungen in Dresden und Leipzig und schafft so zum einen wertvolle Arbeitsplätze, zum anderen stößt der Schraubenspezialist durch die Expansion die Tür zum Markt in den neuen Bundesländern und Osteuropa weit auf. Mit Erfolg: Heute ist der Spezialist für C-Teile-Management auch in Polen, Ungarn, Tschechien und Rumänien vertreten Connecting Europe. Historisches Ereignis: Der Fall der Berliner Mauer inside 5

6 : Die Weichen werden neu gestellt Die Generation Gerald Hering Wenn schon, dann richtig: Bei der Modernisierung der Logistik und des Lagers wurde erstmals eine Kombination aus zwei verschiedenen Multishuttle-Systemen installiert. Operation am offenen Herzen Mit der konsequenten Ausrichtung auf Kanban positioniert sich Ferdinand Gross noch deutlicher als zuverlässiger Dienstleister der Industrie. Das Wachstum hat Folgen: Das 1993 in Betrieb genommene Hochregallager wird 16 Jahre später aufwendig erweitert. Gerald Hering, Sohn von Dieter Hering und seit 1991 Mitglied der Geschäftsführung, verfolgt den einmal eingeschlagenen Weg konsequent: Er positioniert das Traditionsunternehmen noch eindeutiger als zuverlässigen, europaweit agierenden Dienstleister der Industrie. Der Weg dorthin führt über das C-Teile-Management, das Gerald Hering 1995 einführt und das heute unter dem Namen Ferdinand Gross Kanban einen Großteil des Umsatzes ausmacht. Im Jahr 2000 wird eine eigene Kanban-Abteilung gegründet, die sich ausschließlich um eben dieses C-Teile-Management kümmert. Auch die IT-Strategie des Unternehmens wird komplett umgestellt. Mit Erfolg: Schon im Jahr 2000 steigert Ferdinand Gross den Umsatz um 13 Prozent, im Bereich der Zeichnungsteile gar um 35 Prozent. Die stetige Weiterentwicklung des C-Teile-Managements und der wachsende Kundenstamm bringen das Unternehmen langsam an seine Grenzen so paradox das auch klingen mag. Die Lagerlogistik wird schnell als Flaschenhals ausgemacht. Sie ist einfach nicht mehr in der Lage, das täglich wachsende Geschäft zu bewältigen. Und so wird 2009 das Lager komplett modernisiert und vergrößert. Ein schwieriges Unterfangen, weil sich Ferdinand Gross für einen Umbau bei laufendem Betrieb entscheidet. Gerald Hering ist sich bewusst, was er von seiner Mannschaft verlangt: Monatelang werden die Logistikmitarbeiter auf einer Baustelle arbeiten müssen. Doch die Mitarbeiter zeigen in dieser schwierigen Situation einmal mehr die Bereitschaft, ihren Schrauben-Gross tatkräftig zu unterstützen und nahezu Unmögliches möglich zu machen: Trotz der Arbeiten am offenen Herzen gibt es kaum Verzögerungen oder Engpässe bei den zahlreichen Lieferungen, die das Lager täglich verlassen. Eine Leistung, auf die der geschäftsführende Gesellschafter besonders stolz ist. Die Frage, welches Lagersystem in der neuen Logistik zum Einsatz kommen soll, treibt Gerald Hering lange um. Schließlich entscheidet er sich mutig für eine unkonventionelle Lösung. Gemeinsam mit Dematic, einem der führenden Anbieter für Logistikautomatisierung, wird eine individuelle und innovative Lagerlösung entwickelt, die es weltweit so noch nicht gibt. Ein mutiger Schritt, den beide aber keinen Augenblick bereuen. Herzstück ist ein Multishuttle-System, das die erstmalige Installation der Multishuttle-Varianten Captive und Roaming in einem Regalblock mit baugleichen Shuttles in beiden Bereichen ermöglicht. Das wiederum erlaubt ein hochdynamisches Kommissionieren in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Und wieder steckt hinter der ganzen Idee der Gedanke an die Kundschaft: Die deutlich höhere Effizienz der neuen Lösung garantiert den Kunden wesentlich mehr Flexibilität und Service durch kürzere Auftragszeiten. Nägel mit Köpfen Nicht nur die Logistik wird modernisiert auch die Organisation zieht mit.»mit der Neustrukturierung unserer Organisation haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen können unsere Mitarbeiter nun wesentlich effektiver arbeiten, zum anderen haben wir es geschafft, den Kunden noch mehr Flexibilität einzuräumen.«wird 2009 komplett neu strukturiert: Die Organisation in allen Abteilungen. Die Neuorganisation der Logistik ist allerdings nur ein Teil des Puzzles auch die Organisation muss neu strukturiert werden. Hier folgt das Unternehmen ebenfalls seiner Philosophie und bezieht Mitarbeiter aller Abteilungen maßgeblich in die Optimierung der verschiedenen Prozesse mit ein. Reduzierte Durchlaufzeiten sind ein Ergebnis, die Umstellung auf ein neues Document-Management-System (DMS) ein weiteres. Dank eines neuen Customer-Relationship-Management-Systems (CRM), das zusätzlich als Supplier-Relationship-Management-System (SRM) ausgebaut wird, können die Mitarbeiter sowohl die Kunden- als auch die Lieferantenbetreuung signifikant optimieren. Im Zuge der Systemmodernisierung führt Ferdinand Gross ein völlig neues Lieferanten-Angebots-Portal (LAP) ein, das schnell angenommen wird. 6 inside

7 Die Generation Gerald Hering : Die Weichen werden neu gestellt Kongeniales Führungs-Duo Gerald Hering und Thomas Erb trimmen das Unternehmen weiter Richtung Zukunft. Im Jahr 2001 holt sich Gerald Hering mit Thomas Erb einen Prokuristen im Bereich Vertrieb und Marketing ins Haus, der ebenfalls von der Kanban-Idee überzeugt ist und die Geschicke des Verbindungsspezialisten in den kommenden Jahren entscheidend mitprägen wird. Mit dem 140jährigen Firmenjubiläum im Jahre 2004 bestätigt Ferdinand Gross den erfolgreich eingeschlagenen Weg von der einfachen Eisenwarenhandlung hin zum spezialisierten Dienstleistungspartner der Industrie. Im Jubiläumsjahr wird das 1921 von Emil Gross entwickelte Firmenlogo modernisiert und ein speziell für diesen Anlass gestaltetes 140-Jahre-Logo aufgelegt markiert darüber hinaus den Ausbau der von Thomas Erb forcierten umfangreichen Marketingtätigkeit des Spezialisten für Verbindungsteile. Als erstes Ergebnis wird ein jährlicher Kundenkalender produziert, der die kleinen Hauptdarsteller die C-Teile eindrucksvoll und mit einem Augenzwinkern in Szene setzt. Thomas Erb fasst nun auch die seit Generationen gelebte Wertschätzung der Mitarbeiter in Worte und entwickelt den Claim The excellent s crew. Und das hinter jeder Schraube ein Grossianer steckt, wird den Kunden spätestens ab 2006 bewusst: Seitdem stehen die Mitarbeiter beim jährlich erscheinenden Kundenkalender im Mittelpunkt. Die Idee dahinter ist klar: Wir wollen die Mitarbeiter hinter unseren Produkten und Diensten sichtbar machen, erklärt Gerald Hering die Motivation für diesen Schritt. Finden statt Suchen: FALCON zeigt auf einen Blick, welche Schraube sich in welchem Lagerregal befindet und plötzlich ist Kanban transparent. Gutes besser gemacht Kann man ein eigentlich perfektes System noch optimieren? Man kann. Mit FALCON schließt Ferdinand Gross eine gravierende Lücke im Kanban und gibt dem Kunden die Transparenz zurück. Positionieren das Unternehmen als zuverlässigen Partner der Industrie: Gerald Hering (li.), Geschäftsführender Gesellschafter, und Thomas Erb, Geschäftsführer. Wer sich Tag für Tag so intensiv mit dem Management von C-Teilen beschäftigt, der fragt sich zwangsläufig: Wie kann man das noch besser machen? Vor allem Thomas Erb, seit 2007 zum Geschäftsführer ernannt, treibt diese Frage um. Immer wieder läuft er durchs Lager, steht vor den Kanban-Kisten, analysiert die Abläufe und sucht nach Optimierungspotenzial. Doch wie er es auch dreht und wendet: Das über 50 Jahre alte Kanban-System mit seinem Pull-Prinzip ist im Grunde perfekt, weil sich die Materialbestellung ausschließlich am Verbrauch im Produktionsablauf orientiert. Also Umdenken, nicht den Prozess an sich untersuchen sondern Nachteile der Kanban-Belieferung sichtbar machen. Er begutachtet Kanban-Regale bei Kunden, spricht intensiv mit Einkäufern und stößt auf eine Lücke: Dem Kanban fehlt die Transparenz. Der Einkäufer hat keine Übersicht über den aktuellen Stand der Artikel, es gibt keinerlei Steuerungsmöglichkeiten. Thomas Erb weiß jetzt, was zu tun ist. Er will dem Einkäufer die Kontrolle über seine C-Teile zurückgeben und initiiert die Entwicklung eines webbasierten Visualisierungstools, das das Potenzial hat, Kanban zu revolutionieren. FALCON heißt die neue Innovation benannt nach dem Falken, der jede noch so kleine Bewegung im Blick hat. FALCON visualisiert alle Kanban-Lagerorte des Kunden und der weiß ab sofort, in welcher Kiste welches Produkt zu finden ist. Einer der ersten Kunden, die die enormen Möglichkeiten dieser Kanban-Weiterentwicklung erkennen, ist die Deutsche Bahn AG. Seit April 2012 lässt sich das Unternehmen ausschließlich von Ferdinand Gross beliefern mit rund verschiedenen Artikeln und über 100 Millionen Einzelteilen pro Jahr. Eine weitere Bestätigung für die Schwaben, dass sie mit der unbedingten Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden auf das richtige Pferd setzen. Lohn für diese Innovation ist nicht nur der Zuspruch der Kunden, sondern auch die bereits fünfte Auszeichnung mit dem Gütesiegel Top100. Doch nicht nur an der Optimierung bestehender Prozesse wird ständig gefeilt, das stets offene Ohr für die Anliegen der mittlerweile über Kunden führt auch zu einer Ausweitung des Sortiments. So bietet das Großhandelsunternehmen seit 2013 unter dem Markennamen Grizzly zusätzlich Chemie-Produkte an. Damit erweitert Ferdinand Gross sein Leistungsportfolio, das nun 150 Jahre nach Gründung des Unternehmens auf fünf Säulen steht: Verbindungstechnik, Zeichnungsteile, Technische Sortimente, Werkzeuge und Chemie. Ständige Expansion Die Tochtergesellschaften und Niederlassungen des Unternehmens stoßen an ihre Grenzen und vergrößern sich zwei von ihnen ziehen ebenfalls vor die Tore der Stadt. Die Töchter und Niederlassungen in Osteuropa und Dresden entwickeln sich prächtig. So gut, dass der Platz in der ungarischen Tochtergesellschaft zu klein wird geeignete Ausweichflächen innerhalb der Stadt sind nicht zu finden. Gerald Hering steht also vor einer ähnlichen Situation wie sein Vater Dieter Ende der 1960er Jahre, als das Stuttgarter Stammhaus zu klein wurde und das Unternehmen vor die Tore der Stadt zog. Und der Sohn wählt den gleichen Weg: Er kauft ein Grundstück in Tatabánya, rund 52 Kilometer westlich von Budapest. Auf Quadratmetern wird vor den Toren der ungarischen Hauptstadt ein moderner Neubau erstellt, der allen kommenden Anforderungen gerecht wird sei es im Lagerbereich oder im Büro. 22 Mitarbeiter betreuen nun von dort aus gut Kunden, perfekt positioniert an der Autobahn Budapest Wien sowie an der Eisenbahnstrecke Budapest Wien. Mitte 2014 vergrößert sich zudem die Tochter im polnischen Wrocław. Auch die Dresdner Niederlassung stößt an ihre Grenzen. Sie verlässt im Sommer 2014 ebenfalls die angestammten Räumlichkeiten innerhalb der Stadtgrenzen und siedelt sich etwas außerhalb direkt am Flughafen an. Der neue Firmensitz der Niederlassung Ungarn liegt in Tatabánya.»Mit FALCON haben wir eine Jahrzehnte alte Lücke im Kanban geschlossen. Doch für welches System sich unsere Kunden auch entscheiden mit Ferdinand Gross Kanban bekommen sie immer genau den Service, der zu ihren Ansprüchen und Anforderungen am besten passt.«inside 7

8 : Die Weichen werden neu gestellt Die Generation Gerald Hering Souverän in die Zukunft Fünf Generationen haben Ferdinand Gross zu einem angesehenen Unternehmen gemacht. Die vergangenen 150 Jahre bilden ein ganz außergewöhnliches Zeugnis deutscher Industriegeschichte. Es gibt nicht viele Firmen, die auf eine solch kontinuierliche Vergangenheit zurückblicken können. Krisen wurden gemeistert, Erfolge gefeiert immer im Bewusstsein, dass ein Unternehmen nur so gut ist wie seine Mitarbeiter. Leidenschaft, Flexibilität, ein gutes Gespür für die Bedürfnisse des Marktes und der Kunden sowie der unbedingte Wille zum Erfolg haben aus der einstigen Eisenwarenhandlung für Schrauben-, Schmiede-, Schlosser- und Wagenbauartikel das Unternehmen gemacht, das es heute ist: Einer der erfolgreichsten Großhändler für Verbindungstechnik. 250 Mitarbeiter kümmern sich an sechs verschiedenen Standorten um über Kunden und erwirtschaften einen Umsatz von rund 70 Millionen Euro pro Jahr. Übrigens: Der Umsatzanteil von Ferdinand Gross Kanban beträgt über 60 Prozent vom Gesamtumsatz. Die Weichen sind also gestellt, das Unternehmen ist gut gerüstet für die Zukunft, auch die Niederlassungen in Osteuropa und Dresden entwickeln sich prächtig. Derweil bereitet sich die sechste Generation auf ihre Aufgabe vor drei der vier Töchter von Gerald Hering stehen mitten in der Ausbildung. Ob sie einmal die Geschicke des traditionsreichen Handelshauses leiten werden, vermag heute noch niemand zu sagen. Doch eines ist sicher: Ferdinand Gross wird in Familienbesitz bleiben. Impressum Herausgeber: Ferdinand Gross GmbH & Co. KG, Daimlerstraße 8, Leinfelden-Echterdingen Telefon: , Fax: Redaktion: Thomas Erb (verantwortlich), Regina Kutzborski, Kathrin Schenk Konzept, Text, Layout: STUDIO 7, Korb, Fünf Generationen auf einen Blick: Gerald Hering und sein Vater Dieter inmitten der Porträts der vorangegangenen Firmeninhaber. Trotz sorgfältiger Recherche keine Gewähr für die Richtigkeit des Inhalts. Alle Rechte vorbehalten. Ein unschlagbares Team Wie kaum ein anderes Unternehmen schätzt Ferdinand Gross seine Mitarbeiter, hört ihnen zu und setzt Verbesserungsvorschläge konsequent um entsprechend hoch ist die Identifikation der Belegschaft mit dem Schraubenspezialisten. Von Anfang an ist sich Firmengründer Ferdinand Gross bewusst, dass die Qualität seiner Waren noch so gut sein kann ohne die Loyalität und Unterstützung der Mitarbeiter lässt sich kein erfolgreiches Unternehmen aufbauen. Die Wertschätzung der Mitarbeiter, die Bereitschaft, ihnen zuzuhören und ihre Anregungen und Vorschläge ernst zu nehmen, tragen maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens bei. Diese Philosophie wird von Generation zu Generation weitergegeben und voller Überzeugung gelebt. Wie entscheidend der Rückhalt der Belegschaft ist, erfährt Emil Gross in den 1920er Jahren, als die Mitarbeiter durch Lohnverzicht das Unternehmen vor dem Bankrott retten. Und auch Gerald Hering kann sich während der Weltwirtschaftskrise 2009 auf die Loyalität seiner Angestellten verlassen: Wieder verzichten die Mitarbeiter auf einen Teil ihres Lohnes, das Unternehmen geht über ein Jahr in Kurzarbeit verabschiedet Gerald Hering schweren Herzens sechs langgediente Mitarbeiter in den Ruhestand. Fast alle von ihnen waren mehr als 30 Jahre bei Ferdinand Gross tätig insgesamt gehen in nur einem Jahr 213 Jahre Wissen und Kompetenz verloren. Alle haben zahlreiche Fortbildungen genossen, sind exzellent ausgebildet ihr Ausscheiden ist für das Handelshaus ein herber Verlust. Auf dem Arbeitsmarkt findet der Verbindungsteilespezialist keinen adäquaten Ersatz. Also setzt er verstärkt auf die eigene Ausbildung und beschäftigt neben klassischen Auszubildenden auch erstmals Studenten der Berufsakademie. Die gründliche Ausbildung im eigenen Haus zahlt sich aus, Gerald Hering hält an diesem Konzept fest: Die Ausbildungsquote bei Ferdinand Gross liegt 2014 bei knapp 15 Prozent bundesweit beträgt der Schnitt bei mittelständischen Unternehmen nicht einmal zehn Prozent. Um die Motivation und den Teamgeist noch stärker zu fördern, entwickelt Thomas Erb die sogenannte Team Challenge: Ferdinand Gross Mitarbeiter können über das Jahr verteilt an kostenfreien Veranstaltungen teilnehmen. Das reicht von Kletter- und Tanzkursen über Selbstverteidigung, einen Fußball-Cup und Mountainbike-Ausflügen bis hin zu Bowling-Abenden, einem Race in der Karthalle oder Pilates-Übungen für Körper und Geist. Dass dieses Konzept nicht ganz falsch sein kann, bestätigt die Auszeichnung Top Arbeitgeber, die das Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen bereits 2007 an Ferdinand Gross verliehen hat. Schöne Bestätigung: 2014 nehmen Gerald Hering und Thomas Erb zum zweiten Mal die Auszeichnung Top Arbeitgeber entgegen. Ausgezeichnet: Zum zweiten Mal ist Ferdinand Gross Top-Arbeitgeber. 8 inside

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