Unisex Tarife. Dr. Maria Heep-Altiner Köln, Seite 1. GKA / Aktuariat, Dr. Maria Heep-Altiner

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1 Unisex Tarife Dr. Maria Heep-Altiner Köln, Seite 1

2 Inhalt 1. Hintergrundinformationen 2. Argumente für und gegen Unisex Tarife 3. Position der DAV 4. Zusammenfassung Seite 2

3 EU: 1.1 Politische Hintergründe Richtlinienentwurf vom zur Gleichbehandlung bei der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen expliziter Bezug auf Versicherungsdienstleistungen maßgeblicher Einfluss der damaligen Sozialkommissarin Anna Diamantoploulous 1) Zustimmung des EU-Parlaments zum Entwurf im März 2004 Ablehnung im EU Ministerrat im Juni 2004 Aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben Deutschland: Unisex Tarife für riesterfähige Rentenprodukte 1) Rücktritt im Februar 2004 wegen Kandidatur bei den griechischen Parlamentswahlen Seite 3

4 1.2 Unisex Tarife in der deutschen Lebensversicherung Kapital Lebensversicherung Unisex Tarife bis Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts Einführung differenzierter Tarife als Produktfortschritt gerade für Frauen Renten Versicherungen Unisex Tarife bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts Einführung differenzierter Tarife, um der dramatischen Verbesserung der Lebenserwartung Herr zu werden Seite 4

5 1.3 Wissenschaftliche Untersuchungen The sex mortaliity differential. Swiss Re. In dieser Ausarbeitung werden die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zum Thema Differenzierung durch das Merkmal Geschlecht aufgelistet. Reiner H. Dinkel and Marc Luy, Nature or behaviour? A contribution towards an explanation of excess male mortality through a comparison of the population of monastic institutions and the general population, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 2/1999. M. Luy, Gender specific differences in mortality Time for a provisional appraisal, Oktober 2002, Zeitschrift für Gereontologie und Gereatrie, Diese beiden Arbeiten resultieren aus der Doktorarbeit von des Geographie Studenten Marc Luy, in der die Lebenserwartung bayerischer Mönche und Nonnen untersucht wurde mit dem Ergebnis, dass in dieser life style freien Umgebung der Unterschied in der Lebenserwartung 0 2 Jahre beträgt. Seite 5

6 1.3.1 Höhere Lebenserwartung von Frauen in Europa im Alter von 45 Jahren Dänemark Schw eden Griechenland Großbritannien Irland Niederlande Belgien Italien Deutschland Österreich Portugal Spanien Luxemburg Finnland Frankreich 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 6,0 7,0 Jahre Quelle: WHO, 2000 Seite 6

7 1.3.2 Sterbewahrscheinlichkeiten der Männer im Verhältnis zu den Sterbewahrscheinlichkeiten von Frauen Alter Raucher Nichtraucher Total Unter 30 3,4 2,4 2, ,2 1,1 1, ,5 1,1 1, ,8 1,3 1,4 Über 60 1,2 2,4 1,9 Quelle: Report on the mortality investigation , The Mortality Committee, Institute of Actuaries of Australia Seite 7

8 1.3.2 Sterbewahrscheinlichkeiten der Männer im Verhältnis zu den Sterbewahrscheinlichkeiten von Frauen Alter Ledig Verheiratet Verwitwet Geschieden Total Unter 16 1,2 0,0 0,0 0,0 1, ,4 0,8 0,0 0,0 2, ,7 2,4 0,0 0,0 2, ,4 1,7 2,7 3,7 2, ,3 1,6 1,1 2,0 2, ,0 1,2 1,6 2,2 1, ,9 1,2 1,3 1,9 1, ,8 1,3 1,8 2,0 1, ,6 1,3 1,6 2,0 1, ,7 1,4 1,7 1,9 1, ,9 1,5 1,8 2,0 1, ,8 1,7 1,9 2,0 1, ,8 1,7 1,9 1,7 1, ,7 1,7 1,8 1,6 1, ,3 1,6 1,6 1,5 1,4 Über 85 1,0 1,6 1,3 1,0 1,2 Quelle: Report on the mortality investigation , The Mortality Committee, Institute of Actuaries of Australia Seite 8

9 1.3.3 Wissenschaftliche Begründungen für die erhöhte Lebenserwartung der weiblichen Bevölkerung Frauen haben ein verbessertes Immunsystem, da das zweite X Chromosom die Kapazität der Gene erhöht, die das Immunsystem positiv beeinflussen Genetische Abnormalitäten auf einem X Chromosom können bei Frauen kompensiert werden, bei Männern nicht. Östrogene schützen Herz und Blutgefäße vor vorzeitiger Alterung. Darüber gibt es weitere positive Einflüsse der Östrogene, wie erhöhte Stress Resistenz oder größere Langzeitenergie. Fazit: In allen hoch entwickelten Ländern, in denen kein nennenswertes Geburtsrisiko mehr existiert, leben Frauen deutlich länger als Männer. Seite 9

10 2.1 Gleichheitsbegriffe am Beispiel einer Rentenversicherung Äquivalenzprinzip Gleichheit von Leistung und Gegenleistung über den Finanzierungszeitraum Fundamentalprinzip der Versicherungsmathematik Ziel: Finanzierbarkeitsgerechtigkeit 1) Solidaritätsprinzip 1) gleicher monatlicher Konsumverzicht heute = gleiche monatliche Konsummöglichkeit morgen politischer Leitgedanke bei Unisex Tarifen Ziel: gleiche Lebensqualität 1) Obwohl das Solidaritätsprinzip durchaus auch dem Versicherungsgedanken zugrunde liegt, wollen wir an dieser Stelle den Begriff ausschließlich in der von uns definierten Form als politisches Solidaritätsprinzip verwenden. Seite 10

11 2.2 Finanzierbarkeit Äquivalenzprinzip Finanzierbarkeit über den Gesamtzeitraum als Grundprinzip Solidaritätsprinzip Schwierigkeiten bei einer Produkteinführung sind nicht gleichbedeutend mit einer (kalkulatorischen) Unfinanzierbarkeit Unisex Tarife sind nicht unkalkulierbar! 1) 1) Wir verweisen an dieser Stelle auf die Ausführungen von Herbert Fromme beim DAV Streitgespräch zum Thema Unisex Tarife am Nach seiner Meinung sind die zu erwartenden Beitragsauswirkungen durch Unisex Tarife vermutlich geringer als die derzeit bereits beobachtbaren Beitragsunterschiede zwischen den einzelnen Marktteilnehmern. Seite 11

12 2.3 Differenzierung Äquivalenzprinzip Signifikante Differenzierungen sollten angewendet werden Verbesserung der Finanzierbarkeit Aber: Je stärker man differenziert, desto mehr weicht man von dem Kollektivierungsprinzip 1) ab. Solidaritätsprinzip Differenzierungen können eingeschränkt werden, z.b. durch Gesetze Legitimer Gestaltungsspielraum der Politik die Richtlinie erlaubt explizit alternative Differenzierungen, z.b. soziodemographische Merkmale 1) Das Kollektivierungsprinzip ist das grundlegende Geschäftsprinzip einer Versicherung. Zu starke Differenzierung würde im Extremfall dazu führen, dass jeder sein individuelles Risiko selbst trägt. Seite 12

13 2.4 Zwangsmitgliedschaft / freiwillige Mitgliedschaft Zwangsmitgliedschaft Wanderungen zwischen Kollektiven sind nicht möglich erleichtert die Kalkulation eines Unisex Tarifes beispielsweise in der gesetzlichen Rentenversicherung oder betrieblichen Altersversorgungssystemen Freiwillige Mitgliedschaft Wanderungen zwischen Kollektiven sind möglich erschwert die Kalkulation eines Unisex Tarifes beispielsweise in der privaten Kranken- oder Lebensversicherung Seite 13

14 2.5 Mögliche marktwirtschaftliche Auswirkungen Wanderungsmöglichkeiten bei freiwilliger Mitgliedschaft Können zu gravierenden Bestandsverzerrungen führen Besondere Probleme bei (realistischen!) Ausweichmöglichkeiten auf andere Märkte ohne Unisex Tarife (z.b. die Schweiz) Wettbewerbsnachteile je nach derzeitiger Bestandsstruktur Unattraktive Produkte können zum Ausweichen auf Bankprodukte führen Kostenexplosionen bei zu geringen Bestandsmengen Seite 14

15 3. Position der DAV Einrichtung einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Dr. Köhnlein, Tillinghast Erarbeitung eines Positionspapiers und Veröffentlichung im Aktuar Diskussion dieses Papiers mit den Ministerien Streitgespräch auf der Mitgliederversammlung am Seite 15

16 3.1 Positionspapier der DAV Verweis auf das Äquivalenzprinzip als Verpflichtung eines Aktuares Mit dem Ziel einer dauerhaften Finanzierbarkeit Das Merkmal Geschlecht kann nicht vollständig subsituiert werden Verzicht auf das Merkmal Geschlecht bedeutet Informationsverlust Insbesondere bei freiwilliger Mitgliedschaft Da in diesem Fall Antiselektion nicht vermieden werden kann Der Informationsverlust erfordert Sicherheitsmargen Und somit eine Anhebung des gesamten Tarifniveaus Verweis auf die daraus resultierenden marktwirtschaftlichen Probleme Ablehnung der Unisex Tarife Seite 16

17 3.2 Streitgespräch der DAV am Teilnehmer Positionen Lizzy Gröner MdEP für die SPD (Pro Position) 1) Prof. Karten (Kontra Position) Herbert Fromme (Moderation) Leugnung der versicherungsmathematischen Grundlagen durch Frau Gröner: Dann müssen Sie eben anders rechnen! Reaktion Prof. Karten: Da bin ich völlig sprachlos! Zusammenfassung von Herbert Fromme: Politik muss sich an den Tatsachen orientieren Preiserhöhungen durch Unisex Tarife bewegen sich innerhalb der jetzt schon existierenden Beitragsunterschiede Opportunismus bei den politischen Aktionen der deutschen Versicherungswirtschaft Fazit: Wer sich in die Politik begibt, kommt darin um! 1) Frau Gröner war die einzige Politikerin, die bereit war, sich dieser Diskussion zu stellen. Seite 17

18 4. Zusammenfassung Das Geschlecht ist ein hoch signifikantes Merkmal in der Lebens- und Krankenversicherung Politik darf hier keine Tatsachen leugnen aber: Politik hat das Recht zu gestalten Sofern die Finanzierbarkeit gewährleistet ist Schwierigkeiten bei der Einführung von Unisex Tarifen bedeuten nicht Unfinanzierbarkeit Szenarien zu den Marktauswirkungen sollten von allen Seiten fair und ergebnisoffen diskutiert werden Seite 18

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