Laudatio. Freitag, 24. April 2015

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1 Laudatio Verleihung des Preises der KAAD-Stiftung Peter Hünermann für das Jahr 2015 an Dr. Hiyam Marzouqa (Palästina) Chefärztin des Caritas Baby Hospitals in Bethlehem Freitag, 24. April 2015 Sehr geehrter Herr Bischof Theising, lieber Herr Professor Hünermann, verehrte Gäste und Mitwirkende der diesjährigen KAAD-Jahresakademie, liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten, die KAAD-Stiftung Peter Hünermann vergibt seit 2011 jedes Jahr einen mit 3.000,- Euro dotierten Preis an Alumni, die sich in ihren Heimatländern auf eine besondere Art und Weise verdient gemacht haben. Er geht in diesem Jahr an KAAD-Alumna Dr. Hiyam Marzouqa, die Chefärztin des Caritas Baby Hospitals in Bethlehem. Mit der Auszeichnung würdigt die Stiftung die Verdienste der christlichen Kinderfachärztin um den Ausbau der Gesundheitsversorgung in Palästina. Dr. Hiyam Marzouqa kam 1980 zunächst mit einem DAAD- Stipendium nach Deutschland. Ihre erste Station war München, wo sie das Studienkolleg absolvierte nahm sie ihr Fachstudium der Humanmedizin an der Universität Würzburg auf. 1988, mitten in der ersten Intifada, kehrte sie zurück und erlangte in Jerusalem die jordanische Approbation. Ein Jahr später nahm sie ihren Dienst als Assistenzärztin am Caritas Baby Hospital in Bethlehem auf. Im Januar 1993 darf der KAAD Hiyam Marzouqa als Stipendiatin in Deutschland begrüßen. Sie soll sich hier auf Empfehlung ihrer Krankenhausleitung und des griechisch-orthodoxen Patriarchats in 1

2 pädiatrischer Geräte- und Intensivmedizin fortbilden. Ein Glücksgriff: für den KAAD, insbesondere den Bildungsbeirat, in den sie umgehend hineingewählt wird, für die Katholische Hochschulgemeinde in Würzburg, wo sie als eine der aktivsten Stipendiatinnen geschätzt wird, und schließlich ein Glücksgriff für die Kinderhilfe Bethlehem, den Trägerverein des Baby Hospitals, als deren Botschafterin sie um Spenden wirbt geht Hiyam Marzouqa nach Bethlehem zurück und wird Oberärztin am Caritas Baby Hospital. Ein Kurzzeitstipendium im Rahmen des KAAD-Wiedereinladungsprogramms ermöglicht es ihr 2003, erneut nach Deutschland zu kommen. Dieses Mal frischt sie ihre Verbindungen nach München auf: An der dortigen Universitätsklinik bildet sie sich drei Monate lang in Frühgeborenen-Ultraschalldiagnostik weiter. Damit ist die Bethlehemer Kinderärztin, inzwischen selbst zweifache Mutter, für die wichtigste medizinische Leitungsposition ihres Spitals bestens qualifiziert übernimmt Dr. Hiyam Marzouqa die medizinische Leitung des Caritas Baby Hospitals. Wir haben einen Filmausschnitt vorbereitet, in dem wir ihr gleich für einige Minuten bei der Arbeit über die Schulter schauen können. Aber erlauben Sie mir vorher einen kurzen Rückblick auf die Gründungsgeschichte des Krankenhauses. Ein Schweizer Ordensmann, der katholische Salettiner-Pater Ernst Schnydrig, gründet 1952 in Bethlehem ein improvisiertes Gesundheitszentrum für Flüchtlingskinder mit spartanischer Ausstattung und zwei Mitarbeitenden. Pater Schnydrig wollte am Geburtsort Jesu ein Zeichen setzen: Flüchtlinge, die ihr Hab und Gut verloren hatten, sollten nicht auch noch ihre Kinder verlieren: an lebensbedrohliche Armutskrankheiten, die damals wie heute in den Flüchtlingslagern zum Alltag gehören. Pater Schnydrig war damals für den Deutschen Caritasverband in Freiburg tätig. Mit hartnäckiger Lobbyarbeit gelingt es ihm 1963, einen länder- und bistumsübergreifenden Trägerverein für das Caritas Baby Hospital zu schaffen, die heutige Kinderhilfe Bethlehem. Unter dem Leitspruch Wir sind da engagieren sich heute zahlreiche 2

3 Verbände, Hilfswerke und Diözesen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien für die Arbeit des Babyhospitals. Sie bringen dafür jährlich rund 10 Millionen Euro auf. Dazu kommen viele aktive Einzelspender, zum Beispiel in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Johann Baptist in Bad Honnef, die Dr. Hiyam Marzouqa am Sonntag besuchen wird. Im Jahr 1952 wurde das Caritas Baby Hospital gegründet. Das war genau vier Jahre nach Beginn der Nakba, der ersten großen Flüchtlingskatastrophe des Nahen Ostens nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein katholischer Ordensmann beginnt zu handeln. Er findet Menschen und Institutionen, die sagen: Wir sind da. Auch wir sind Zeugen einer historischen Flüchtlingskatastrophe im Nahen Osten, einer die ebenfalls vor genau vier Jahren ihren Anfang nahm. Unter den zentralen Schauplätzen dieser Katastrophe unserer Tage sind drei KAAD-Schwerpunktländer: Syrien, Jordanien und der Libanon. Und wir sind dankbar, dass wir uns ähnlich wie Pater Schnydrig damals Partnern verbunden wissen dürfen, die in dieser Situation sagen: Wir sind da. Aller Voraussicht nach wird der KAAD im Herbst 2015 ein Drittlandstipendienprogramm anbieten können, das sich an syrische und irakische Flüchtlinge richtet, die ihr Studium abbrechen mussten. Mit Hilfe des Bischöflichen Hilfswerks Misereor möchten wir ihnen die Möglichkeit eröffnen, als KAAD-Stipendiaten an jordanischen und libanesischen Universitäten ihre akademische Qualifikation fortzusetzen. Wir sind dankbar über die ermutigenden Signale aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und aus der Deutschen Bischofskonferenz. Bestärkt fühlen wir uns auch durch das Interesse auf protestantischer Seite an enger Konsultation und Kooperation in der Projektarbeit für syrische Flüchtlinge. Immer wieder erhalten wir die Rückmeldung, wie einzigartig und wertvoll das ökumenisch weit gespannte akademische Netzwerk des KAAD in der Nahostregion ist. 3

4 Das macht den KAAD in der Tat einzigartig: Lokale Partner zu haben, die die Lage und den Bedarf vor Ort genau kennen und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Partner, die sagen: Wir sind da. So wie Dr. Hiyam Marzouqa, als wir sie fragten, ob sie bereit wäre, im KAAD-Partnergremium Palästina mitzuarbeiten. Oder als wir sie einluden, 2010 auf dem Ökumenischen Kirchentag mit Herrn Dr. Weber und weiteren Gästen über Strategien gegen den Exodus der Christen aus dem Heiligen Land zu sprechen. Und natürlich, als wir sie fragten, ob Sie uns beehren würde, den Preis der KAAD-Stiftung Peter Hünermann heute in Bonn persönlich entgegen zu nehmen. Filmausschnitt Der Film hat Ihnen einen Eindruck von der Massivität der israelischen Abriegelungspolitik gegeben, die das Leben in der Region Bethlehem regelrecht abschnürt. Israels Regierungen haben eine halbe Million jüdischer Staatsbürger auf besetztes palästinensisches Gebiet umgesiedelt. Ihrem Wohlergeben und ihren Sicherheitsinteressen gilt die vorrangige Sorge der Besatzungsmacht. Ein klarer Bruch des Völkerrechts, dem international bislang nicht entschieden genug widersprochen wurde. Es verwundert nicht, dass viele derjenigen, die über Bildung und gutes Einkommen verfügen, in dieser Situation ihre Koffer packen und ins Ausland gehen. Die Bevölkerung der Region Bethlehem bestand vor 100 Jahren zu 80% aus Christen. Heute stellen sie nur noch rund 12%. Wir sind da. Mit dieser Botschaft werben Dr. Hiyam Marzouqa und die Kinderhilfe Bethlehem um Unterstützung für das Caritas Baby Hospital entschlossen und selbstbewusst: - Spezialisierte pädiatrische Grundversorgung auf hohem technischen Niveau anzubieten direkt im Schatten von Mauern und völkerrechtswidrigen Siedlungsblöcken auf besetztem Gebiet das bedeutet, einer Politik der Demoralisierung die Stirn zu bieten. - Jungen Männern und Frauen, Christen und Musliminnen, in Bethlehem Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu geben, die 4

5 internationalen Standards entsprechen das ist eine Form von Empowerment, die der Bevölkerung Mut macht. - Müttern etwas zuzutrauen und sie zu qualifizieren das ist ein trotziges Nein gegen die Resignation. - Mit medizinisch-pflegerischem Können und liebevoller Zuwendung die Widerstandskraft von Kindern zu stärken gewissermaßen ein täglicher Akt des Widerstands. In ihrer Position als Chefärztin ist Dr. Hiyam Marzouqa Gastgeberin ungezählter Besuchergruppen. Papst Benedikt XVI. besuchte 2009 gemeinsam mit Präsident Mahmoud Abbas das Kinderkrankenhaus. Abbas bezeichnete die Klinik damals als wichtigen Baustein für das palästinensische Gesundheitssystem. Das war mehr als bloße Rhetorik. Die einzige Fachklinik für Kinderheilkunde in der West Bank ist für ihre exzellente ambulante und stationäre Versorgung und ihr hervorragendes Labor bekannt. Die Pflegeschule des Caritas Baby Hospitals ist von der Palestinian National Authority als College anerkannt wurde hier eine hochmoderne, spezialisierte Intensivstation eröffnet. Dem Präsidenten ist bewusst: Die Palästinensische Nationalbehörde finanziert gerade einmal 12 der 50 Krankenhäuser der West Bank. Die anderen werden privat oder von zivilgesellschaftlichen Organisationen getragen. Ohne dieses verlässliche Engagement nichtstaatlicher Akteure würde die medizinische Grundversorgung einbrechen insbesondere für die palästinensischen Familien, die keine teuren Arztrechnungen bezahlen können. Die Bevölkerung rund um Bethlehem weiß, was sie christlichem Einsatz für die Kindergesundheit zu verdanken hat: Etwa, dass heute alle Säuglinge der Region Bethlehems einen Hörtest erhalten können. Die überwältigende Akzeptanz des Caritas Baby Hospitals ist nicht zuletzt dem glaubwürdigen Leitungsstil von Dr. Hiyam Marzouqa zu verdanken. Mit ihrer ärztlichen Kompetenz, ihrem beharrlichen Engagement und ihrer taktvoll-zugewandten Art erwirbt sie dem Krankenhaus höchsten Respekt. Das Motto Wir sind da, ist daher auch eine selbstbewusste Erinnerung daran, dass die Präsenz der Christen für die Zukunft der palästinensischen Gebiete von Bedeutung ist. Und dass dies nicht primär 5

6 eine Frage ihrer demographischen Stärke ist, sondern eine Frage ihrer transformatorischen, gesellschaftsverändernden Kraft. Menschen wie unsere heutige Laureatin, KAAD-Alumna Dr. Hiyam Marzouqa, verbinden auf bewundernswerte Weise fachliches Knowhow, lokales Kontextwissen und menschliche Kontextsensibilität. Viele Orte, an denen Neues erprobt wird, zumal wenn es um neue soziale Praxis geht, werden zunächst argwöhnisch betrachtet. Bewährtes in Frage zu stellen, schafft Konflikte. Aber manche Innovationsstätten werden zu incubators, zu anerkannten Laboratorien, in denen technologische und gesellschaftliche Lösungen entwickelt werden, die Standards setzen und eine Gesellschaft weiterbringen. Zumal wenn diese Brutkästen der Innovation so unmittelbar im Dienst menschlichen Lebens stehen wie bei Dir in Bethlehem, liebe Hiyam. Ich darf nun Herrn Prof. Hünermann bitten, die Urkunde der KAAD- Stiftung Peter Hünermann an die diesjährige Preisträgerin, Frau Dr. Hiyam Marzouqa, zu überreichen. (Laudatio: Dr. Christina Pfestroff) 6

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