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1 Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftspolitik der LINKEN Beiträge zur Wirtschafts- Politik Linke Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten 2009

2 Linke Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten Herausgeberin: Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftspolitik der LINKEN. Berlin, Dezember 2009 V. i. S. d. P. Dr. Judith Dellheim

3 Inhaltsverzeichnis Seite Kurze Einleitung 3 1. Die Krise Anamnese wider Amnesie 6 2. Konsum, Kredit und die Finanzkrise Quo vadis Staat Einige Schlussfolgerungen für sozialistische Wirtschaftspolitik 56

4 Kurze Einleitung zum aktuellen Heft Das vorliegende Heft in der Reihe»Beiträge zur Wirtschaftspolitik«knüpft an den»diskussionsanstoß aus der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftspolitik zur Finanz- und Wirtschaftskrise«vom 29. November 2008 an (siehe»beiträge zur Wirtschaftspolitik«2008). Dieser wurde nicht zuletzt von Mitarbeiter/innen am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung aufgegriffen, was seinen Niederschlag in»kontrovers«01/09 (»Die Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus Herausforderungen für die Linke«) findet. Die zahlreichen 2009 von Linken veröffentlichten wissenschaftlichen Analysen, Abhandlungen und wirtschaftspolitischen Beiträge zu Krisen wurden von den Autorinnen und Autoren unseres Heftes gründlich studiert und diskutiert. Mehrere thematisierten politökonomische Defizite, die sich dreifach zeigen: Erstens im Verständnis von Begriffen, was sich schon im Gebrauch von»politik«,»wirtschaftspolitik«,»gesellschaft«und»staat«zeigt; zweitens in einem Mangel an Historismus bei der Bearbeitung von Problemen und drittens in unzulänglichem reproduktionstheoretischen Herangehen. Diese Defizite erschweren die ohnehin hochgradig komplizierte Arbeit an Strategien linker bzw. sozialistischer Politik im Allgemeinen und an linker bzw. sozialistischer Wirtschaftspolitik im Besonderen. Das erklärt zum einen die Zusammenstellung des Heftes und begründet zum anderen drei Schlussfolgerungen oder Orientierungen: 1. Wir sollten als Arbeitsgemeinschaft dafür wirken, dass unsere Partei sich auf ihren Gründungsparteitag vom Juni 2007 besinnt und wesentlich stärker als in den beiden vergangenen Jahren an ihre 1. Konferenz anknüpft, die nicht zufällig eine energiepolitische Konferenz war. Eine wesentliche Botschaft des Gründungsparteitages war: Wir wollen die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig verbessern helfen, vorrangig die der sozial Schwächsten in unserer Gesellschaft und weltweit. Diese Lebensbedingungen sind immer zugleich durch die Verhältnisse zwischen den Menschen insbesondere im gesellschaftlichen Arbeitsprozess bestimmt und von der Verfasstheit der natürlichen Lebensgrundlagen, den Stoffwechselprozessen zwischen den Menschen und der Natur. Es kann daher in linker Politik keine Trennung zwischen dem Sozialen und dem Ökologischen geben, keine Rangfolge und kein gegenseitiges Ausspielen. Wir wollen sowohl die Verhältnisse zwischen den Menschen als auch den Stoffwechsel mit der Natur so verändern, dass die Menschen selbstbestimmt in Würde, in solidarischem Miteinander und in intakter Natur leben können. 3

5 Dazu bedarf es einer grundsätzlichen Umgestaltung der Gesellschaft, ihrer ökonomischen Basis und ihrer Wechselverhältnisse mit der Natur. Ein Kernstück dieser Umgestaltung ist eine Wende in der Energiepolitik, ein tiefgreifender Wandel der Energiewirtschaft (siehe»beiträge zur Wirtschaftspolitik«2007). 2. Lange vorbei ist der Zeitpunkt, da es noch möglich war, relativ schmerzarm für die Bevölkerungsmehrheiten im globalen Norden die Produktions- und Konsumtionsstrukturen, den Einsatz und die Nutzung von Ressourcen so zu wandeln, dass zugleich wirksam gegen globale Armut, globale Erwärmung und schwindende Biodiversität vorgegangen wird. Dies aber muss eine Priorität verantwortungsvoller linker Politik sein und bedeutet insbesondere: Einführung armutsfester Mindeststandards, einseitige Initiativen und Vorleistungen in Sachen drastischer Reduzierung von klimaschädigenden Emissionen und Hilfen für den globalen Süden; grundlegende Umorientierung in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik; Umorganisation und Neubewertung gesellschaftlich notwendiger Arbeit, Umverteilung von Vermögen und Einkommen sozialökologischer Umbau. 3. Das erste Quartal des 21. Jahrhunderts kann in die Geschichte eingehen als Zeitspanne, in der die global Herrschenden und Regierenden eine menschenwürdige Zukunft verspielen konnten und die Linken versagt haben. Die im Frühjahr 2009 gestartete NATO-Strategiedebatte, der Verlauf und die Ergebnisse des Ernährungsgipfels von Rom und der Verhandlungsstand vor dem Klimagipfel in Kopenhagen belegen und steigern die Gefahren. Durchgreifendes Handeln ist also vonnöten, was Akteure voraussetzt, die das wollen und können. 90 % der EU-Bürgerinnen und EU-Bürger sagten im vergangenen Jahr aus, dass sie in der globalen Erwärmung ein ernsthaftes Problem sehen. 61 % der 2009 in Deutschland befragten Frauen und 48 % der Männer befürchten, dass sich»der Zustand der Umwelt verschlechtert«. 89 % der EU-Bürgerinnen und Bürger wünschen sich von ihren Regierungen Sofortmaßnahmen im Kampf gegen die Armut in ihren Ländern. 46 % wollen, dass die EU dabei wirksame Unterstützung gibt. Die große Mehrheit will wesentlich mehr EU-Einsatz im Kampf gegen globale Armut. 61 % der Deutschen sind für den schnellen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Es kommt also darauf an, diese Bevölkerungsmehrheiten zu entsprechendem politischen Engagement zu ermutigen, um tatsächlich einen politischen Richtungswechsel zu erwirken, der gerechte und solidarische Problemlösungen und damit gesellschaftspolitische Reformalternativen ermöglicht. Wir sollten also überlegen, wie das Interesse zahlreicher Bürgerinnen und Bürger politikwirksam werden kann, vernünftig und solidarisch zu sein, ihr Leben, das Leben anderer und die Natur nicht zu zerstören, Lebensbedingungen und Ressourcen nicht zu vergeuden. 4

6 Wie können wirksame politische Kämpfe für sozial und ökologisch vernünftige Lebensstile, für sinnvolle und damit existenzsichernde ökologisch verantwortbare Arbeit organisiert werden? Neben der Website und der Info-Mailinglist der Arbeitsgemeinschaft gibt es nunmehr einen Diskussionsblog Neue Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sind herzlich willkommen (Kontakt: Judith. Einige Gegenüberstellungen, die gesellschafts politische Kräfteverhältnisse und gesellschaftliche Probleme illustrieren: Weltweiter Hilfsfonds zur Hungerbekämpfung 2009: 9,5 Mrd. Euro Gesamtentwicklungshilfe der 22 Geberländer 2007: 104 Mrd. Dollar Kosten für die Verringerung der weltweiten Kindersterblichkeit um ca. 6 Millionen jährlich: 15 Mrd. Dollar Bundesprogramm»Bildung und Betreuung« : 4 Mrd. Euro Weltweite Rüstungsausgaben 2008: 1,34 Billionen Dollar (USA: 547; Deutschland: 36,9) Global erforderliche Reduktion von CO 2 -Emissionen bis 2050 (< Niveau 1990): % SchülerInnen- und Studierenden-BaFöG jährlich: 2,2 Mrd. Euro Jährliche Investitionskosten für eine Reduktion des Anstiegs des verbreiteten Energiebedarfs um 50 %: 130 Mrd. Euro, Rendite: 17% Neuverschuldung des Bundes (Mai 2009): 47,6 Mrd. Euro Kosten für die Rettung der HypoRealEstate 2008/2009: 135 Mrd. Dollar SiFFin-Bankenrettungsfonds: 480 Mrd. Dollar Schrottpapiere, die in bad banks ausgelagert werden (sollen): 258 Mrd. Euro Mehr als eine Milliarde Menschen hungern; mehr als ein vietel der Bevölkerung in Entwicklungsländern leben unter der Armutsgrenze Emissionseinsparung durch grüne Anteile in den Konjunkturprogrammen der EU: 0,44 % deutsche Kohle-Subventionen 2008: 2 Mrd. Euro 1. Bankenstützungspaket der US-Notenbank vom November 2008: 600 Mrd. Euro, Rendite: 0 siehe Claus Leggewie, Harald Welzer, Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, 2. Auflage, Oktober 2009, S. 37, 46, 47, 51, 54, 71, 88, 114, 228 5

7 Die Krise Anamnese wider Amnesie Matthias Schindler Die Zeitungen quellen über, die elektronischen Medien nicht weniger. Bücher erscheinen, Studien erläutern, Experten erklären. Die Banken fallen, Versicherungen kippen, der Markt stockt. Geld fehlt, verbrannt von der Gier der Manager. Es jagen einander Kreditausfälle, Wertberichtigungen, Sonderabschreibungen, Verkäufe in Panik, Käufe aus Angst.»Die Politik«handelt, stürmt Gipfel auf Gipfel und ist einig. Billionen stehen bereit, Milliarden fließen bereits.»der Staat«wird Retter. Alles scheint geschrieben, alles beleuchtet, alles gesagt, alles geregelt.»nehmt das doch an und das Fahrwasser wird wieder sicher. Chaos war gestern, Aktion ist heute und und morgen (wieder) schöne alte Ordnung.Der wilde Turbokapitalismus wird nicht mehr sein Unwesen treiben können«(so der luxemburgische Ministerpräsident Juncker nach der Abstimmung der EU-Staaten am 12. Oktober 2008 im»heute Journal«). Kapitalismuskritik est tres chic 1. Finanzkrise! Die Operation am nicht narkotisierten, offenen Körper einer globalen Weltwirtschaft vereint viele Operateure. Die Live-Übertragung erreicht alle Wohnzimmer.»Regt doch die Zirkulation an! Das Herz muss produzieren! Stimuliert es! Der Körper muss konsumieren! Füttert ihn! Vertrauen!Vertrauen ist der Anfang von allem«(deutsche Bank) Am Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts brachen nahezu gleichzeitig zwei grundsätzliche Prozesse die Verhältnisse der bis dato existenten Weltwirtschaft auf und wälzten sie grundlegend um. Was irgendwann in den vierziger Jahren mit der Elektronisierung der Gerätetechnik begann, erreichte im Verlauf der achtziger Jahre eine solche Qualität, dass die so genannten»informationstechnologien«nahezu jeden Produktionszweig zu durchdringen und zu revolutionieren begannen. Die Folgen waren ungeheure Produktivitätsschübe im Kontext mit qualitativer Umgestaltung arbeitsteiliger Prozesse, steigendem Rohstoffhunger, massenhafter Freisetzung von Arbeitskräften und einem gigantischen Ausstoß an Waren, die ihre Käufer suchten Eine Entfaltung von Kräften, deren Grenzen der Verwertung im gesetzten Rahmen bereits deutlich hervortraten Mit der Implosion des»sozialistischen Systems«fielen parallel die Schranken, die den unentdeckten Markt weitgehend abschotteten, und jene, die über Jahrzehnte die widersprüchliche Koexistenz verschiedener Systeme in einer bipolaren und spätestens seit Mitte der siebziger Jahre auch mit einer»dritten Welt«regelten. 1 ist sehr schick 6

8 Es war eben diese Überwindung von Schranken, der die neuen Produktivkräfte entfesselte, ihre globalen Potentiale freilegte und sie auf den nun scheinbar umfassenden Weltmarkt warf. Für einen historischen Augenblick schien diese schöne neue Welt schrankenlos. Sie harrte ihrer Neuaufteilung. Scheitern, Agonie und Diskreditierung der Überbleibsel des einen wurden die Legitimationsbasis für das zwar krisenhafte, aber letztlich verbleibende Wirtschaftssystem. Nur von»krise«und»kapitalismus«mochte zu diesem Zeitpunkt keiner reden. Die Überlegenheit universeller privatkapitalistischer Produktionsverhältnisse scheint zu diesem Zeitpunkt als Naturgesetz begründet und das Vertrauen in die grenzenlose Wachstumsfähigkeit ihrer Kräfte wird nahezu allgegenwärtig.»confidence is good, earning better«(wachovia) 2 Noch boten die Märkte der alten Welt Stabilität, Kalkulierbarkeit und zwar sinkende, aber sichere, geregelte Profite. Doch ihre Raten fielen und stetig steigende Vorinvestitionen verlangten nach Ausdehnung der Verwertung, sollten sie retournieren und auch noch abwerfen. Es war die Universalität als sich eruptiv öffnender, gigantischer Arbeits-, Bezugs und Absatzmarkt zunächst im nahen Osten Europas, der die entfesselten Kräfte mit Gewalt anzog. Wo sonst in dieser neuen Welt stand eine solch disziplinierte, qualifizierte, aber vor allem preiswerte neue industrielle Reservearmee bereit und wusste vom Kreislauf der Warenproduktion? Ihre Einbindung in den kapitalistischen Reproduktionsprozess bei gleichzeitiger Destruktion ihrer bisherigen Reproduktionsbedingungen stellte Wertvorteile in einer Größenordnung in Aussicht, die jenseits der Rationalisierungseffekte früherer Jahrzehnte lagen und die eine riesige Ausdehnung der Märkte der produktiven und konsumtiven Konsumtion versprachen.»das Gute«lag so nah und eignete sich auch noch als Mittel, überbordende Wünsche traditioneller Belegschaften zu zügeln. Noch verlangte es jedoch der geeigneten Produktionsbedingungen, um die einmal eröffneten Potentiale tatsächlich zu erschließen. Unklar war auch noch die Antwort auf die Fragen nach dem schnellen Transport auf den kurzen Wegen, nach der Zahlungsart und -weise, der Umweltakzeptanz auszulagernder Produktionen aber vor allem nach der Stabilität der neuen Verhältnisse. Lag hier nicht auch Gefahr? 2»Vertrauen ist gut, verdienen ist besser«7

9 »Opportunity is everywhere«3 (Bank of America) Aber boten die längst Integrierten, die an der Schwelle standen oder das gerade erst beordnete, aber wieder zum großen Sprung ansetzende China nicht noch lichtere Ausblicke? Auch sie lockten und boten mit.»herausforderungen annehmen«noch rieb sich das Kapital ungläubig an den Möglichkeiten, traute deren Ausmaß nicht und hatte noch mit den Folgen seines Verwertungsdrangs auf den angestammten Märkten zu kämpfen. Noch wurde die Last des Ausbleibens seit langem geschuldeten Rückflusses staatlicher Vorfinanzierung nicht in ihrer Bedrohlichkeit empfunden. Sollte das angestaute Potential nicht ungenutzt und zerstörerisch verpuffen, verlangte es nach einem Schmiermittel, das es in Bahnen lenkt in Bahnen veränderter und vor allem verwertungssicherer institutioneller Rahmenbedingungen, die es noch nicht gab. Wie auch immer, ohne den richtigen Anschub würden all diese Möglichkeiten im Hypothetischen und Unerschlossenen verbleiben und letztlich auch den ereichten Besitzstand bei Strafe des Untergangs gefährden. Handeln war zwingend geboten.»the bank for a changing world«4 (BNP) Kredit!»Kredit auf alles«musste die große Hoffnung heißen. Von allen Seiten verlangte es nach ihm, verknappte das Angebot. Gutes Geld wurde teuer. Auch waren die Regeln noch so, dass jeder Akteur sein Quantum eigenes Kapital benötigte. Die Geber konnten wählen und doch drohten so viele Möglichkeiten ungenutzt zu bleiben. Mehr von diesem Kredit musste her. Doch ohne angemessenen eigenen Beitrag blieb diese Forderung nur Phantasie und die Größe des anvisierten Geschäfts aus einer Hand kaum zu bewältigen. Wo der einzelne oder das bereits Konzentrierte oder Zentralisierte zu klein waren, boten nun Fonds die geeigneten Konstrukte. So konnte jeder Sparer oder Altersvorsorgender ein wichtiges Rädchen in der großen Sache werden. Der Bedeutung angemessen sollte die Vergütung sein und mancher Staat zahlte Bonus obendrauf. Aber, wie absichern? Reichte bei aller Erwartung das Versprechen auf die leuchtende Zukunft in dem noch unsicheren Umfeld? Wer sicherte dieses ab?»wir öffnen Horizonte«(Volks- und Raiffeisenbanken) Wo sich das Private so ins Zeug legt, ist sein Staat schon mittendrin. Und wo dieser nicht selbst aktiv sein konnte, hatte er im Streit und Einvernehmen mit den 3»Es gibt überall Möglichkeiten«4»Die Bank für eine sich ändernde Welt«8

10 Nachbarn verschieden Ding auf internationaler Ebene. Das hieß»ewg«,»eg«oder»eu«, auch»iwf«und Weltbank oder»gatt«. Zwar hatte das System von Bretton Woods verloren, doch wenigstens wurde ein Stück von seinem Geist in einer Truhe verwahrt. Schließlich hatten sie in den vergangenen Jahrzehnten ob keynesianisch oder neoliberal der wohl gesetzten Hoffnung auf die immer währende wachsende Zukunft bei garantierter Versicherung erst das richtige Geschäftsmodell verpasst. Zwar war ein Teil der Handlager in fremde Hände entlassen. Das im eignen Land oder im begrenzten internationalen Rahmen erprobte Modell musste tauglich sein auch für dieses große Neue. Das galt sogar, wenn auch die Erfahrungen von Argentinien oder auch der Philippinen dagegen sprachen. Die neuen Staaten im Osten bedurften des Wandels sowie des Anschubs für ihren Haushalt und die Investitionen. Die erfahrenen Akteure falteten Papiere für gute Staatsschuld und gaben sie auf lange Sicht terminiert gegen sicheren Zins auf den internationalen Markt. Die Papiere wurden gut aufgenommen in den Portfolien vieler Fonds. Der Erlös in den Händen der neuen Regierungen wurde gleich angelegt in Kalk und Stein. Es fehlte ja so viel und Neues musste schnell her. Kein Wunder, dass dabei die Frage nach den Kosten dieses Neuen zur Nebensächlichkeit geriet. Außerdem boten ja die neuen Freunde dieses Neue auch»noch frei Haus«. Wie wollte man da so kleinlich sein? Noch lag der größte Teil der Ökonomien dieser Länder in staatlichen Händen und war wohl zunächst die Gewähr für aufgenommene Schuld. Doch»Markt«und»Staat«wie sollte das zusammengehen? Es hatte doch vorher schon nicht funktioniert. Und außerdem hatten die Produktionsstätten nicht eigentlich nur noch Denkmalswert? Also weg mit dem maroden Teufelszeug und ab in neue Hände! Doch wer sollte es nehmen und hatte das»kleine Geld«für den Erwerb und Neuanfang? Die»weißen Ritter«aus der alten Welt boten genug Garantie für kräftigen Strom von frischem Kapital, zu großem Teil in froher Hoffnung auf»blühende Landschaften«geborgt, die da kommen. Da die neu begründeten Freundschaften auch ihres Kitts bedurften, floss ein gerüttelt Maß an Werten zurück zu»treuer Hand«und besserte das schmale Salär derer auf, die da»in Europas wildem Osten nun schwer an Verantwortung für das Werk der großen Transformation«trugen. Die neuen Teilnehmer am Geschäft ließen es wieder in den großen Kreislauf des G W G einfließen und gaben diesem weitren Schwung. 9

11 Die»Beraterbank«(Dresdner Bank) Es waren die geübten Institute, die sich schnell Filialen sichernd in jenen Ländern, den sie selbst den Weg auch wiesen, was zunächst nun des Investments bedurfte. Man etablierte sich in Ministerien, bewertete Unternehmen und schloss die Märkte auf. Zu Hause die hatten die»mütter«viel zu tun, um das Neugeschäft in»richtige Bahnen«zu lenken. Schließlich sollte am Ende mehr Ertrag als nur Bezahlung für Beratung stehen.»wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause«(lBS) Als in den Achtzigern der»große Bruder«vom»gemeinsamen Haus Europa«sprach, hatte dies eine euphorische Erwartung auf Zukunft in mehr Sicherheit für Ost und West entfacht. Im großen Andersrum ging die Idee wohl fast verloren und kam doch wieder ganz mit neuem Geist. Auch, wenn sich im»alten Teil«die Begeisterung in Grenzen hielt, wurde aus den Römischen Verträgen das mit Vereinbarungen von Maastricht, Schengen, Nizza, Lissabon und weiteren Punkten auf der Landkarte zusammengeschusterte»große Europa der 25«. Der»sibirische Bruder«zerfiel, blieb draußen und war mit seinen Rohstoffen reichlich interessant. Die einheitliche Währung bot endlich das universelle Zahlungsmittel, das Maß der Werte, den Preismaßstab und riss als absolute Ware noch bestehende Schranken im innereuropäischen Zirkulationsprozess nieder. Das stärkte die Position gegenüber anderen Märkten. Dazu kamen unbeschrankte Übergänge und Regelungen auf jede Ware oder auf Produkte, die Waren werden könnten bzw. sollten. All dies war nötig, um zu sichern, dass der sich selbst verwertende Fluss in Angleichung von Produktions- und Reproduktionsverhältnissen mündete.»leistung aus Leidenschaft«(Deutsche Bank) Das Leben in den Metropolen, wo früher eine»mauer«oder»eiserner Vorhang«vor Billigkeit schützten und nur einließen, was auch im Werte Vorteil mit sich brachte, geht nur zusammen mit Reichtum zu lasten eines»rests der Welt«. Zwar waren aus der Vergangenheit die Folgen vom»gang«nach Spanien, Portugal, Italiens Süden oder in die»dritte Welt«bereits bekannt, erreichten aber dennoch eine neue Dimension. Verlagerung der Produktion, Fremdsprachen-Gewirr auf Baustellen oder bei»der Putze«wurde genauso Normalität wie dass die Kohle nicht mehr von der Ruhr kommt.»der Staat«hat sein System auf immerwährendes Wachstum»in der Heimat«, die von den Märkten anderer lebt, ausgerichtet. Immer wird apostrophiert, dass das, was er mit Defizit da finanziert, zurückfließt mit Gewinn. Und dass er dabei nicht nur an die Unternehmen denkt nein, jeder/jedem Einzeln war versprochen, dass sie und er 10

12 sicher in Freiheit und Geborgenheit leben werden. Schließlich war dies dereinst der»große Unterschied«. Gewechselt zwar formal von Keynes zu Friedman, der»fesseln«wegen und im Ziele beider, wobei im Kern die Funktion des Staates nur neu justiziert wurde das Geschäft neu stimulieren und auf andere Art jene auffangen, die vom Roste fallen. Und größer nun auch die Dimension des Finanzierens auf Kredit. Nur aufgenommener Kredit heischt der Rückzahlung und des Zinses, zumindest irgendwann. Um diese Logik kann sich auch»der Staat«nicht drücken. Er kann verstaatlichen und hält dann die, die bisher seine Gläubiger waren. Aber auch die haben ihre Gläubiger nachweisbar mit Schatzbriefen, Wertpapieren, Verbriefungen etc. Er kann Moratorien aussprechen und auch die Zahlung aussetzen. Tragen werden dies die Gläubiger der Gläubiger. Er kann mit Steuern seine Einnahmen erhöhen, am Ende die von denen, die die Gläubiger seiner Gläubiger sind. Und dann? Auch deren vergangenes, heutiges und zukünftiges Einkommen wird längst gehauen sein in Stein oder verausgabt für manch neues Angebot, finanziert mit der Hoffnung auf Erträge dessen, was»vater Staat«in Zukunft zahlen wollte.»auf diese Steine können Sie bauen«(schwäbisch-hall) Wo Waren auf den Markt drängen und gelagert werden müssen, wo Unternehmen ihre Apparate vor lauter Geschäften aufblähen und wo neue Reiche leben wollen, bedarf es ordentlicher Behausung. Nichts Existentes war mehr gut genug. In Glas, Stahl und seltnen Steinen sollte die»neue Zeit«sein Abbild finden. Anlagemöglichkeiten mit sicheren Mietern waren der Anfang für die neue Immobilienglitzerwelt. Ob Hongkong, Kuala Lumpur, Dubai, Moskau, Budapest, Prag oder Bitterfeld kein Ort, der nicht der Center, Lagerhallen oder Repräsentanz bedurfte. Mit Neid blickte die alte Welt auf diese Entwicklung und forderte eben solche ein. Auch hier die Center, Lager für die Warenfluten aus der weiten Welt und neues Licht in den armseligen Hütten der Zentralen eben jener Banken, Konzerne und Berater, die sich gerade neu einrichteten in dem Rest der Welt. Immobilienfonds ob geschlossen oder offen knapp unterlegt mit eigenem Kapital auch dies nicht selten mit dem Blick auf zukünftiges geborgt und reichlich ausgestattet mit Kredit ließen sich überall dort nieder, wo sich ein verheißungsvolles Stückchen Erde bot, und stampften aus dem Boden Rekord um Rekord brechend millionenfach die Quadratmeter. Dies Bauen brauchte Stahl, Stein, Glas und Dämmung, Heizung auch und brachte Beschäftigung. Die Lieferanten lieferten, die Erzeuger erweiterten Kapazitäten und kauften die Rohstoffe auf den Märkten. 11

13 »We re with you for the long haul«(barclays) 5 Gescannt wird die Welt nach alten und nach neuen Böden, in denen kostbares ungehobenes Material lagert, was fündig werden lässt. Das zieht großes Kapital heran, auch hier zumeist als kreditierten Vorschuss auf den Ertrag, steigende Nachfrage garantiert. So werden Quellen exploitiert als wüchsen Öl, Kohle, seltenes Metall oder Erz auf bäumen nach. So eignete sich nun ebenso Gebrauchtes für den Neueinsatz. Kein Kabel, keine Schiene, kein altes Werk, kein Becher von Danone, kein PC und auch keine Zeitung ohne Kurse, aus denen nicht werden konnte noch ein glitzernd neues Ding. So stiegen die Preise auf Gebrauchtes trotz Trennungsleidenschaft und Sammelwut in den begrenzten Zentren. Umwelt wurde für s Geschäft recycelt. Ob roh, ob alt, es galt sie zu transportieren an die Veredlungsstätten weltweit. Ob Schiff, Lkw oder selbst per Luft auch sie brauchten ihr Öl. Der Druck vom Zapfhahn schien den Rhythmus zu bestimmen und wandelte sich in Kapital, auch wenn es noch ein ungehobner Schatz im Boden war. Unwichtig, dass der Quell versiegen oder aus ihm heiße Luft werden konnte.»demandez plus a votre argen«(bnp) 6 Noch liegen die Guthaben der kleinen Sparer mit ihren klassischen Sparbüchern»herum«und bringen ihren Inhaber/innen schmalen Zins. Noch sind unentdeckt für Großgeschäfte auf Kapitalmärkten. Doch, wo alles nach den Sternen greift, warum nicht auch mit diesem Geld? Zu gleicher Zeit befördert»der Staat«fortwährend das Geschäft mit neuen Schulden. Mehr als eine Generation wartet auf den großen Return. Stattdessen werden immer größere Teile des Etats an Zinsen für verbrauchtes Kapital gebunden, was die Spielräume»des Staates«weiter einengt. Nun folgen die Umkehr in das große Sparen und der Verkauf nicht mehr betriebsnotwendigen Vermögens. Mit»Volksaktie«sollte beiden wohl gedient sein und jeder nun zum Eigentümer werden. Das erste Ziel ist die Post in»gelb«und»blau«überbewertet verwandelt in Magenta mit großen»t«und drei Punkten vielfach überzeichnet und von da ab mit der Kurve ihrer Kurse fiebernd und»für das Alter vorsorgend«. Gern wird geglaubt»die machen das für uns«. Das Modell wird verkauft mit Hilfe prominenter Köpfe und bietet die Basis zur Vervielfachung. In Depots wird gesammelt, was so Rang und Namen hatte. Der tägliche Wetterbericht kommt jetzt von der Börse. Bei all dem Angebot und den Verheißungen durfte es schon mal ein bisschen mehr sein, auch finanziert mit Hilfe dem Garanten Bank. 5»Wir sind mit Ihnen auf großem Fang«6»Verlangen Sie mehr von Ihrem Ersparten«12

14 »Steigern Sie jetzt Ihren Ertragswinkel«(Deutsche Bank) Doch was war diese ganze Welt der alten Industrien und alten Staaten gegen jene Verheißungen realer Virtualität? Wieder stockte es in den Adern hin zu den neuen Märkten mit ihren Risiken und letztlich kleinen Margen. Kurze, schnell geschriebene Programme, aufgeblasen von lässigen Jungen zum großen Ballon oder im»get together«7 bunt gemalte Ideen ohne Programm, schrieen nach Kapital und suggerierten Verwertung. Aus G sollte endlich auf virtuellem Wege G werden, ganz ohne Mühe, schnell und ganz in diesem Sinn wie von Marx dereinst beschrieben. Die hohe Schule stand ins Haus. Die Medien standen Pate und wurden neu. Aus»General des Eaux«wurde»Vivendi«, ganz in Ars zog man von Paris an den zentralen Park. Drei Akkorde und schon bebte der ganze Erdenball, ob auf CD, DVD oder auch schon Mobil. Zu Frequenzen wurden die neuen Rohstoffquellen. Man bot, wo man nur konnte und dann noch alles. Mag sein, dass es ein Kind war, das laut äußerte, der Kaiser sei nackt. Vielleicht war es aber auch nur der Umstand, dass Virtualität ohne Realität am ende doch keinen wert schafft. Sei es wie es sei, am Ende stießen die Banken wohl selber die Nadel in die Blase, um mit der entweichenden Luft das Feuer zu löschen. Das ihr, ihnen nur zu»treuen Händen«anvertrautes G verbrannte vor der Zeit. Die, die ihre Ideen oder die ihre Rechte auf die Ideen anderer rechtzeitig verkauft hatten, konnten dem Lodern mit Vergnügen zuschauen, war das Schmerzensgeld doch mehr als Trost.»Innovative thinking finds innovative companies«(goldman Sachs) 8 Wie immer fanden sich jedoch kluge Köpfe, die die Reste der zerplatzten Ballons zusammenkehrten und sie neu zusammensetzten. Wenn schon nicht aus jeder Idee, zumindest aus der Summe ihrer Bruchstücke ließen sich neue verlockende und auch reale Träume kleistern.»2.0«, geklebt an eine Suchmaschine oder an einen neuen Marktplatz, hieß das neue Zauberwort und lockte wieder an.»digitalisierung für Verwertung«bot nicht nur der/ dem Einzelnen eine völlig neue Plattform, sondern zog jene magisch an, die dringend notwendigen»content«9 liefern konnten. Es war wieder Zeit, einzusteigen in das Riesenrad und sich zu freuen wie sich s wieder schneller dreht.»ideen nach vorn«(commerzbank) Der Charme der Virtualität muss es wohl gewesen sein, der nun nicht nur die Tresore der Banken, sondern auch ihre Geschäftsmodelle erreichte. 7 gemeinsam kommen 8»Innovatives Denken findet innovative Unternehmen«9 Inhalt 13

15 »Derivate«das neue Zauberwort, fernab vom Verbrennen im realen oder virtuellen der»realwirtschaft«im Übrigen ein Begriff der ganz, ganz neuen Zeit, also Surrogate realen Finanzierens. Die Virtualität des Bankens und wieder nur»auf Pump«. Leerverkäufe, CDS, Swaps, Zertifikate oder welchen Namen sie auch immer hatten, sollten reinholen, was in der Vergangenheit an Gegenwart und Zukunft wohl verlustig ging oder aktuell an eben dieser zu verlieren war. Noch waren die Erträge ferner Zukunft vakant. Auf sie ließ es sich zum heutigen Vorteil trefflich wetten. Auch aus den schlechteren Zeiten ließ sich Gewinn ziehen. Und die Dimension konnte man zumindest dieses Mal ganz in eigner Branche steuern. Da tauschte A mit B und B mit C und diese wiederum mit D. D bot A und E ein Teil, die wiederum nicht D und F»leer ausgehen«lassen wollten. Als G davon hörte, konnte er sich auch einen Teil von F sichern, um wiederum mit H»ins Geschäft«zu kommen. Die Bücher aller füllten sich, frischten auf die Aktiva und war n Gewähr für neue Passiva. Auch an diesem Rad drehten wohl Gewinner, die wieder an den Zukunftserträgen der Verlierer zapften. Auch deren Namen vergaß man schnell.»wir machen den Weg frei«(volksbank) Doch immer wieder drohten Verstopfung der Kreisläufe, Überproduktion und fehlende zahlungsfähige Nachfrage. Die immanente Ungleichmäßigkeit schlug aus in völlig neue Amplituden. Auch war in der neuen unbeschränkten Welt nicht alles sicherer geworden. Gefahren, bekannt bisher nur aus den Büchern, drohten und erreichten 9/11 das»herz der neuen Welt«. Seine Rhythmusstörung schoss durch alle Adern und stockte in Sekundenschnelle den Fluss zwischen den Organen. Als Feuerwehr der Staat, der mit billigem Geld wieder Anschub gewähren musste. Und tat s und nicht nur das über Bord werfend die letzten Beschränkungen, die er dem»gewerbe«früher selber auferlegte. Sofern sie nicht schon fielen bei der Überwindung vorheriger Krisen. Nicht mehr zeitgemäß, wenn es um die Rettung des»abendlandes«ging.»we make home possible«(freddy Mac) 10 In der öffentlichen Wahrnahme, aber auch in der Mehrzahl der aktuellen Publikationen wird der Quell der Finanzkrise immer noch in den so genannten»subprime-krediten«für US-amerikanische Hauseigentümer verortet. Dafür spricht zunächst die Tatsache, dass das heraufziehende Beben seine Vorboten bereits im Spätsommer 2006 mit relevanten Ausfällen eben jener für das neue Jahrtau- 10»Wir machen ein Heim möglich«14

16 send entwickelten bzw. zur Massenware profilierten Kreditform auf den Markt sandte.»for sale«11 galt bis zu diesem Zeitpunkt doch lediglich für die Finanzierungen, die den»ur-amerikanischen Traum vom eigenen Haus«für alle im Jetzt und Heute erfüllen helfen sollten. Soweit zur Metaphysik von Träumen. Tatsächlich steht am Beginn der Entwicklung eine Krise, zumindest jedoch eine Verstopfung eines Teilmarktes. Im Grunde waren die USA Anfang des 21. Jahrhunderts flächendeckend mit Eigenheimen versorgt, zumindest soweit es die reale zahlungsfähige Nachfrage betraf. Was blieb den Banken und Finanzdienstleistern letztlich anderes übrig als zu warten auf die Rückzahlung der aufgenommenen Kredite, die gelegentlich notwendige Nachfinanzierung und das Ringen um den Teil von»newcomer«oder Erben, der den Stand des realen Nachfragers erreichte. Es liegt in seiner Natur, dass sich das Kapital bei so trüben Aussichten seine Verwertungsperspektive verstärkt in anderen Sphären der globalisierten Wirtschaft suchte. Prekär für eine ganze Industrie, deren Existenz auf den dauerhaften Fortgang des Geschäfts mit neuen Häusern aufbaute, und die mit lokalen Banken, Versicherungsagenten, lokalen Bauunternehmen, Grundstückseigentümern und vielen mehr so eng über Jahrzehnte zusammengeschweißt ist. Dies in einem Land, in dem noch immer ausreichend Boden brach lag und dessen»arme«bevölkerung im Vergleich zum Rest der Welt immer noch so unermesslich reich war. Da musste doch aus dem Traum amerikanische Realität werden können. Es bedurfte der zündenden Idee, einer die dem Wort bankübliche Sicherheiten einen neuen Klang und Inhalt verlieh.»subprime«wurde zum Zauberwort, das zunächst nur Insidern geläufig war. Was langsam anlief, griff Schritt für Schritt auf immer neue»kunden«über. Die Folge waren steigende Boden-, Bau- und Ausstattungspreise. Scheinbar Wertloses wurde zu Gold gesponnen und alle partizipierten. Zumindest zunächst. Die massenhaften Kreditmittel befeuerten die Umsätze derer, deren Geschäft die Leistung um das Haus war. Und von da aus erreichten sie deren Lieferanten, ihre Mitarbeiter, Subunternehmer und letztlich auch die Supermärkte, Reisebüros etc. Nebensächlich ihr Ursprung, der Kredit und die Frage nach seiner Rückzahlung. Es mag sein, dass einzelnen schon damals schwante, dass die Ausdehnung auf immer größere Teile der US-Bevölkerung, deren Einkommen kaum ausreichten, heutige Existenzbedingungen zu sichern. Und dass das Setzen auf deren»rosige Zukunft«einer bereits verlorenen Wette glich, dass»das Ganze«am Ende im Zusammenbruch enden muss. Für die spezifische Ausgestaltung dieses Kreditinstrumentariums war und ist dies jedoch letztlich irrelevant. 11»zu verkaufen«15

17 Der Kauf von BMW, Daimler oder Porsche und der von Rolex, Breitling, Glashütte oder der von Havanna oder moderner oder alter Kunst entschädigte für diese Zweifel. Auch die Putzfrau und der Verkäufer manch Luxusappartements warteten auf ihre Zahlung.»Leben Sie, wir kümmern uns um die Details«(Hypovereinsbank) Er mag schon vorher oder parallel in eine neue Qualität vorgestoßen sein, der über Kreditkarten finanzierte Konsum. Aber er stieß. Zumindest fachte auch die Aussicht auf das neue, erfolgreiche Geschäft die Umsätze der Kreditkartengesellschaften und gleichzeitig aller ihnen angeschlossenen»konsumtempel«an. Von da aus konnten sie in die Lieferungen aus China, Taiwan, Indien oder sonst woher und den Unterhalt derer fließen, die der Welt des großen Ein- und Verkaufs ihre Arbeitskraft verkauften um gleich wieder in eben jenen Kreislauf zurückzufließen. Eine weitere Spirale begann sich schneller zu drehen. Ihren Drive bekam auch sie»auf Pump«.»Die unternehmerische Entscheidung«(IKB) Seine tatsächliche Kraft für den globalen Finanzmarkt konnte das Geschäftsmodell jedoch nur entfalten, da dessen Initiatoren objektiv in der Folge relativ geringer eigener Kapitalkraft im Verhältnis zur erhofften bzw. kreierten Dimension des neuen Marktes und seiner Dynamik auf den schnellen Rückfluss des eingesetzten Kapitals angewiesen waren. Auch sie bedurften so dringend frischen Kapitals, um die einmal in Gang gesetzte, verheißungsvolle Maschinerie am Laufen zu halten. Und dieses Kapital vagabundierte in den Sphären des internationalen Marktes,»looking for a possibility«12, stets bereit wie in der Vergangenheit in das gelobte, schillernde Land zurückzukehren oder es neu zu entdecken. Dorthin, wo Verzinsung immer garantiert war oder zumindest garantiert wurde, dorthin, wo die Anlage Glamour versprach. Der zündende Funke sprang über, als dem altmodischen Instrumentarium Verbriefung eine neue, schöne Dimension in Paket und Kette verliehen werden konnte. Mit den Hypotheken auf den Gottesacker im Rücken und dem Glauben gut in großen Happen angerichtet, zertifiziert und mit dem Aufkleber garantierter Renditen versehen, konnten sie nicht übersehen werden. Bigger sells 13. Es waren nur noch die richtigen Verkäufer und Käufer zu finden. Potentiellen Verkäufern bot der eigene Markt ausreichend in Form dessen, was die alte Welt so beneidete ob Brüder- oder Partnerschaft und sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten teuer hinzukaufte named investment banking 14 residierend nah bei Wallstreet oder aristokratisch in Londons City. 12»nach einer Möglichkeit suchen«13 Der Größere verkaut 14»Investitionsbanken«genannt 16

18 »Risiko ist jetzt weniger riskanthalt! Noch nicht verkaufen. Könnte sein, dass die göttliche Hypothek oder der gute Name des Verkäufers allein nicht ausreichen und des Zusatzes von neuen Sicherheiten bedürften«. Auch gebot wohl die Sorgfalt des ordentlichen Kaufmanns dem Geschäft eine kalkulierbare Risikominimierung. Schließlich können honorige Partner Solidität erwarten und haben sie verdient. Immerhin ist Versicherung die Mutter jeden Geschäfts. Einer versichert das gute Geschäft und der andere das Versprechen gegen seinen Ausfall. und der dritte versichert, dass er an den Erfolg glaubt oder zumindest bereit ist, daran zu glauben. An dieser Stelle hilft erst einmal das Mittelstück dieser gegenseitigen Versicherungen, die Partner einander näher zu bringen. So liefen nunmehr auch die Motoren der verschlafenen Branche der Schiffs-, Sturmund Kfz.-Schäden heiß. Ihre Gutachter, Makler und Sachbearbeiter beäugten Landkarten, bewerteten Böden und Bauten, klassifizierten, policierten und gaben dem Geschäft eine Nummer. Ihre guten Gehälter setzten sie um wie jene, die ihre Karten schon bei Wal-Mart, Lidl oder Maceys hinterlegt hatten. Ihre Institute banden die ein, die ihnen Rückendeckung resp. Rückversicherung gaben, selbstverständlich gegen»gutes Geld«. Die institutionellen Anteilseigner vom Hedge-Fonds, Private-Equity-Anleger bis zum Pensionsfonds rieben sich die Hände, ob der unerwarteten Entwicklung, verhieß sie doch einen Zins.»Intelligent investing«(morgan Stanley) 15 Wundersam hatte sich auf diesem Weg der kleine Hauskredit von potenziell zahlungsunfähigen Schuldnern in ein zertifiziertes, verbrieftes und weltweit handelbares Wertpapier mit garantierter Rendite verwandelt. Es galt, sich einzudecken. Auch hier galt, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und sie griffen zu, weltweit. Die Papiere versprachen Sicherheit. Sicherheit, die ein neues Geschäft anfachen konnte. In Deutschland waren es vor allem die von ihren Gründern nur mit Almosen an Eigenkapital und anderen Aufgaben ausgestatteten Landes- und staatlichen Banken, die in wohlfeil angebotenen Wertpapieren ihre Chance zu wahrer Größe sahen. Fleißig legten sie diese zur weiteren Geldbeschaffung den zentralen Banken oder anderen Banken vor und schoben mit diesem wieder an, das Geschäft des Exportweltmeisters. Immer in Erwartung, der Zins, der Zins der bringt s dabei sein, wenn es heckt. 15»Intelligent investieren«17

19 »Great return grand results«(citi) 16 Und so eilte das Geld dorthin, wo die Produktion der Waren so verheißungsvoll billig war, wo es nach Anlagen, Ausrüstungen, nach Rohstoffen, nach Energie und allem schrie und vor allem, wo der gigantische Markt der Unterversorgten von mehr als einem Drittel der Weltbevölkerung auf seine Erweckung wartete. Und im Neuaufteilungskampf der Protagonisten durfte man nicht zögerlich sein. Es war schließlich originärer Auftrag, die unternehmen daheim zu befördern und Arbeitsplätze zu sichern. Und diese sicherte man schließlich jetzt in Beijing, Shanghai, Bangalore, Mumbai, Taiwan, Saigon oder irgendwo dazwischen. Da die Seidenstraße zu unsicher und keine Autobahn, aber der Seeweg nach Indien schon entdeckt war, konnten all die uniformen Massenprodukte auf Schiffen ihren weg zurück in die Heimat finden. Am»Grabbeltisch«in ihren»tempeln«warten sie schon und geizten geil. Um den Strom nicht abzureißen lassen, war die Armada bald zu klein. Mehr Schiffe mussten her. Per Fonds konnte man sich auch hier dank Landesbank beteiligen ein neues, schmuckes Stück im Portfolio der professionellen und Hobby-Koupon-Abschneider.»Nous n`avons jamais autant prete a nos clients«(societe Generale) 17 Nein! Wir haben noch nie soviel rausgetan. Nein! Wir hatten noch nie soviel Ideen. Nein! Wir haben noch nie mit so wenig Vergangenheit soviel Zukunft zu kaufen versucht ohne zu wissen, wie man über die Gegenwart kommt. Nein! Wir haben noch nie soviel große, mittlere, kleine und nicht Akteure dieser Welt in dieses Spiel einbezogen. Nein! Wir mussten es. Das ist die Globalisierung. Hat denn nicht jeder komparativ gewonnen? Und welches Geschäft haben Sie?»Erfolg ist die Summe richtiger Entscheidungen«(Deutsche Bank) Und es schien doch alles richtig. Für jede sich öffnende oder potentiell denkbare Möglichkeit schmierte das passende Finanzprodukt den Weg zu ihrer Nutzbarkeit. Im Wettbewerb um scheue Rehe überbot man sich und wollte gern der erste sein. Was dem eine den Ertrag versprach, sollte bald auch im Portfolio anderer sein. Doch im auf Kredit basierten Geschäft droht auch mit der größten Absicherung der Zahltag. Und fällt der aus, dann nimmt es den Garanten in die Pflicht. Der wiederum kann ob des fehlenden Ertrags sich wiederum nur befreien durch neue Schuld. Als Gegenwert muss wieder halten her, was in den Büchern steht. Noch hält s den Wert, wenn s keiner merkt. Doch schon beim nächsten Mal droht der Abschlag. Und auch der Gebende kann s wieder nur»auf Pump«. 16»Großer Rückfluss großartiges Ergebnis«17»Wir haben noch nie so viel unseren Kunden gegeben«18

20 Vielleicht hat der Garant auch wieder einen Garanten. Und dieser auch. Doch auch von diesen muss den schweren Weg nun einer gehen. Am Ende ist es so, dass jeder Akteur an Frisches muss, um altes zu bedienen, und traut doch nicht den eigenen Aktiva, den andre schon lange nicht mehr trauen. Und das geschieht zu einem Zeitpunkt, wo die Weltwirtschaft so»heiß«ist und nach noch mehr von diesem Frischen ruft.»maschine an und raus mit Dollar, Euro oder Yen«und dies dann Tag um Tag. Man nimmt die faulenden Papiere zum hohen Zins auf hohem Gegenwert. Der Zins orientiert sich nicht an dem, was als Leitbild gedacht und nachgefragt war. So verteuert er die Reparatur des Ausfalls bis zum Crash. Und so konnte es denn passieren, dass irgendwo in Idaho nur einer nicht den Zins und die Tilgung für sein Haus zahlen konnte und am Ende wankte dann die ganze Bankenwelt.»Überall ist Idaho«.»Une relation durable, ca change la vie«(credit Agricole) 18»So inniglich verbandelt mit Kredit ist unsre Welt«, dass diese ganz verändert scheint. Mit Waren ist der Markt voll und er macht mit gestern heute möglich, was eigentlich mit Zukunft bezahlt wird. Die Frage ist, wie groß muss diese Zukunft sein, um dies Volumen aufzufangen? Und was ist für die Zukunft da?»citi never sleeps«(citi) 19 Können angesichts dieses Menetekels Merkel, Sarkozy, Steinbrück, Paulson, Bush, Brown und nun auch noch Obama untätig sein? Es ist die Zeit der großen Taten und auch der großen Absicherung. Auf jede Klitsche passt ein Schirm.»Es rechnet sich«nach Hunderten Milliarden. Vor der Billion gibt es noch Angst. Und doch Allgegenwärtigkeit ist auch ihr bereits vergönnt. Versprochen sind in zweistelliger Zahl Kreditversicherungen für auf dem Markt vagabundierendes Kapital, das Werte aus den Büchern vieler Häuser abschreibt. Und die im Namen der Steuerzahler auf die Zukunft aufgenommene Hypothek ist auch nicht kleiner. Doch noch ist dies Vielen nicht genug. Jetzt nur nicht stocken. Es bedarf des großen Konsums.»Das Rad muss wieder angeworfen«werden. Die Welt hält viele Waren bereit. Kauft, kauft, kauft! 18»Eine dauerhafte Beziehung der Wechsel für s Leben«19»Citi schläft nie«19

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