Die Herausforderung einer alternden Gesellschaft und deren Wünsche an seniorengerechte Dienstleistungen. Dr. Hans-Joachim von Kondratowitz

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1 Die Herausforderung einer alternden Gesellschaft und deren Wünsche an seniorengerechte Dienstleistungen Dr. Hans-Joachim von Kondratowitz Deutsches Zentrum für Altersfragen Berlin Kontakt:

2 Gliederung 1. Demographische Alterung 2. Ökonomische Ausstattung und Verbrauch der Altenhaushalte der Zukunft 3. Alltägliche Zeitverwendung im Alter 4. Forderungen der Seniorenorganisationen: Nationaler Aktionsplan der Expertengruppe 5. Dienstleistungskulturen als fördernde oder hemmende Voraussetzung: Belege aus dem OASIS-Projekt 6. Das Problem der vorpflegerischen Dienstleistungen Alternativorganisation

3 1. Demographische Alterung 1.1. Gesamtbevölkerungszahl sinkt 1.2. Anzahl und Anteil älterer Menschen steigt 1.3. Starke Zunahme der Hochbetagten 1.4. Zunahme des Ausländeranteils in der Altenbevölkerung 1.5. Altersstrukturwandel regional unterschiedlich stark 1.6. Lebensformen von Frauen und Männern im höheren Alter und ihre demographischen Gründe

4 Entwicklung der Bevölkerungszahl und des Anteils älterer und hochaltriger Menschen, Alter Kalenderjahr (jeweils 1.1.) Zu- / Abnahme (in Jahren) Bevölkerungszahl: Insgesamt ,1 % -14,3 % 60 und älter ,8 % +33,5 % 80 und älter ,6 % +169,9 % 90 und älter ,1 % +198,1 % Bevölkerungsanteil: 60 und älter 15,1 % 19,9 % 23,0 % 28,5 % 35,8% +7,8 %-Pkte. +12,8 %-Pkte. 80 und älter 1,1 % 2,0 % 3,6 % 6,3 % 11,3% +2,5 %-Pkte. +7,7 %-Pkte. 90 und älter 0,1 % 0,1 % 0,6 % 1,0 % 2,1% +0,5 %-Pkte. +1,5 %-Pkte. Altenquotient 2 27,8 39,8 41,3 52,8 74,7 +48,6% +80,9% Quelle: 4. Altenbericht (BMFSFJ 2002, S.55) 1) Die Angaben für die Jahre 2020 und 2050 sind Schätzwerte auf der Grundlage der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts (Variante 2); 2) Altenquotient: Bevölkerung im Alter von 60

5 Geschätzte Entwicklung der Zahl der Menschen ab 100 Jahren, Quelle: Birg 2001, S.191

6 Erwartete Zunahme der Anzahl älterer Ausländer und ihres Anteils in der Altenpopulation Ausländische Bevölkerung im Alter von 65 und mehr Jahren Anzahl (in 1000) Anteil (%) 2,3 4,6 7,4 8,9 12,4 15,7 Quelle: BMI 2000, Variante B; Berechnungen Engstler.

7 Altenquotient in den Bundesländern* 1998 und 2050 Bundesdurchschnitt Bremen Saarland Baden-Württemberg Nordrhein-Westfalen Niedersachsen Rheinland-Pfalz Berlin Bayern Hessen Hamburg Sachsen Mecklenburg-Vorpommern Sachsen-Anhalt Thüringen Brandenburg ab 60-Jährige je 100 der 20- bis unter 60-Jährigen Quelle: Roloff 2000, S.12,189; *) ohne Schleswig-Holstein; Berlin-Werte: 1998 nur West-Berlin

8 Entwicklung der durchschnittlichen ferneren Lebenserwartung 60-jähriger Männer und Frauen Jahre 30 Frauen 24, ,50 Männer 21,39 19,25 19, ,24 16,07 14,17 15, , / / / /2000 GST 2002 Quelle: GeroStat Deutsches Zentrum für Altersfragen; Statistisches Bundesamt; Bomsdorf 2002.

9 Anteil dauerhaft Lediger unter den 1930 bis 1960 geborenen Frauen und Männern Früheres Bundesgebiet Ehemalige DDR / Neue Länder Prozent 30 Prozent Männer Männer Frauen Frauen * * Geburtsjahrgang Geburtsjahrgang Quelle: Engstler/Menning 2003; Daten: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; *) Teilweise geschätzt.

10 Durchschnittliche endgültige Kinderzahl der 1930 bis Kinder je Frau 1965 geborenen Frauen 2,2 2,0 1,8 1,6 Früheres Bundesgebiet Ehemalige DDR Deutschland 1, Geburtsjahr der Frau Quelle: Engstler/Menning 2003; Daten: Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung *) Berechnungen auf der Grundlage der altersspezifischen Geburtenziffern der Kohorten, bei den jüngeren Jahrgängen teilweise geschätzt.

11 Anteil kinderlos bleibender Frauen unter den 1940 bis 1965 geborenen Frauen in West- und Ostdeutschland % 35 31,2 30 West 26,4 Ost 25 23,3 19, , ,3 10,1 10,6 8,9 8,5 10 8,0 6, Frauen des Geburtsjahrgangs... Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Dorbritz/Gärtner 1995: 373; Roloff/Dorbritz 1999: 21); Engstler Berechnungen

12 Prognose der Lebensformen der Frauen von 65 bis 79 Jahren Jahr Veränderung Haushaltstyp der Frau in Prozent in %-Punkten Alleinlebend (im Einpersonenhaushalt) 44,0 36,5 40,6-3,4 darunter: ledig oder geschieden 10,4 14,6 26,9 + 16,5 verwitwet 33,6 22,0 13,7-19,9 Mit Partner, ohne Kinder 46,1 53,3 44,0-2,1 darunter: in nichtehelicher Partnerschaft 2,4 3,4 4,9 + 2,5 Mit Partner und Kind(ern) 4,2 5,3 6,3 + 2,1 Ohne Partner, mit Kind(ern) 4,1 2,3 3,0-1,1 In Gemeinschaftsunterkunft (Heim etc.) 1,4 1,5 2,6 + 1,2 Sonstige Lebensform / / / / Insgesamt (in Tsd.) 6 412, , ,9 + 17,9 Quelle: 3. Altenbericht (BMFSFJ 2001, S.219); aus Daten der Lebensformen-Modellrechnung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Mai 2000; Hullen 2000);

13 Prognose der Lebensformen der Frauen ab 80 Jahren Jahr Veränderung Haushaltstyp der Frau in Prozent in %-Punkten Alleinlebend (im Einpersonenhaushalt) 65,6 57,5 50,7-15,1 darunter: ledig oder geschieden 8,2 9,3 14,0 + 5,8 verwitwet 57,5 48,2 36,7-20,8 Mit Partner, ohne Kinder 10,7 25,4 27,3 + 16,6 darunter: in nichtehelicher Partnerschaft 0,9 4,9 5,0 + 4,1 Mit Partner und Kind(ern) 0,7 1,4 3,1 + 2,4 Ohne Partner, mit Kind(ern) 9,8 3,6 5,1-4,7 In Gemeinschaftsunterkunft (Heim etc.) 13,2 12,0 13,8 + 0,6 Sonstige Lebensform / / / / Insgesamt (in Tsd.) 2 119, , , ,6 Quelle: 3. Altenbericht (BMFSFJ 2001, S.219); aus Daten der Lebensformen-Modellrechnung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Mai 2000; Hullen 2000);

14 Prognose der Lebensformen der Männer von 65 bis 79 Jahren Jahr Veränderung Haushaltstyp des Mannes in Prozent in %-Punkten Alleinlebend (im Einpersonenhaushalt) 16,6 23,3 35,1 + 18,5 darunter: ledig oder geschieden 6,6 16,5 30,8 + 24,2 verwitwet 9,9 6,8 4,3-5,7 Mit Partner, ohne Kinder 70,5 61,1 47,5-23,0 darunter: in nichtehelicher Partnerschaft 1,5 2,3 4,8 + 3,3 Mit Partner und Kind(ern) 10,2 10, ,2 Ohne Partner, mit Kind(ern) 1,4 0,9 0,7-0,7 In Gemeinschaftsunterkunft (Heim etc.) 1,2 2,6 5,6 + 4,4 Sonstige Lebensform / / / / Insgesamt (in Tsd.) 4 631, , ,2 + 42,2 Quelle: 3. Altenbericht (BMFSFJ 2001, S.219); aus Daten der Lebensformen-Modellrechnung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Mai 2000; Hullen 2000);

15 Prognose der Lebensformen der Männer ab 80 Jahren Jahr Veränderung Haushaltstyp des Mannes in Prozent in %-Punkten Alleinlebend (im Einpersonenhaushalt) 33,8 35,5 39,0 + 5,2 darunter: ledig oder geschieden 3,8 10,3 20,2 + 16,5 verwitwet 30,0 25,2 18,8-11,3 Mit Partnerin, ohne Kinder 51,7 50,5 43,5-8,2 darunter: in nichtehelicher Partnerschaft 1,7 2,0 3,5 + 1,8 Mit Partnerin und Kind(ern) 4,7 5,5 6,9 + 2,2 Ohne Partnerin, mit Kind(ern) 4,4 3,1 3,2-1,2 In Gemeinschaftsunterkunft (Heim etc.) 5,3 5,4 7,4 + 2,1 Sonstige Lebensform / / / / Insgesamt (in Tsd.) 792, , , ,5 Quelle: 3. Altenbericht (BMFSFJ 2001, S.219); aus Daten der Lebensformen-Modellrechnung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Mai 2000; Hullen 2000);

16 2. Ökonomische Ausstattung und Verbrauch der Altenhaushalte 2.1. Datenbasis 2.2. Selbsteinschätzungen über den Lebenslauf 2.3. Gesamtausgaben und Konsumquoten 2.4. Sparquoten 2.5. Struktur der Ausgaben für den privaten Verbrauch für Ein- und Zweipersonenhaushalte 2.6. Einkaufshäufigkeiten

17 Datenbasis - Einkommens-und Verbrauchsstichproben des Statistischen Bundesamts (EVS 1998) - Media Analyse Daten des lehr- und medienwissenschaftlichen Forschungszentrums der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln (MA 2000)

18 Einkommensverteilung MA 2000 nach Selbsteinschätzung bis unter bis unter bis unter bis unter bis unter bis unter und mehr Anteil in vh Einkommen in Euro pro Monat Quelle: Fachinger 2004,10 Bezugsperson 30 bis 64 Jahre alt Bezugsperson 65 Jahre und älter

19 Konsumquote Ein-und Zweipersonenhaushalte in v.h t bis bis bis bis bis bis bis bis 69 Konsumquote 70 bis bis bis und älter Quelle. Fachinger 2004, 18 Alter

20 Sparquoten 1993, 1998 Alter Einpersonenhaushalte Zweipersonenhaushalte bis 34 12,7 13,7 18,1 16,5 35 bis 39 11,9 14,3 16,4 17,7 40 bis 44 13,7 16,5 16,4 16,0 45 bis 49 12,9 13,4 15,4 17,1 50 bis 54 12,1 14,2 14,6 15,1 55 bis 59 9,7 7,8 13,3 13,1 60 bis 64 5,9 5,8 10,0 8,1 65 bis 69 3,2 0,4 7,9 1,3 70 bis 74 4,6 5,2 10,1 5,8 75 bis 79 7,1 10,9 7,0 8,3 80 bis 84 6,4 10,1 14,6 6,8 85 und älter 9,5 5,9 9,8 15,2 Quelle: Eigene Berechnungen auf der Basis des scientific use files der EVS 93 und EVS 98: Fachinger 2004, 83

21 Einpersonenhaushalte: Struktur der Ausgaben für den privaten Verbrauch in v.h. Gesamtdeutschland 1998 (ohne unterst. Mietzahl.) Relative Anteile 100% 90% 80% 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% Andere Waren und Dienstleistungen Beherbergungs- und Gaststättendienstleistunge Gesundheitspflege Bildungswesen Freizeit, Unterhaltung und Kultur Bekleidung und Schuhe Nachrichtenübermittlung Verkehr Güter für die Haushaltsführung Nahrungsmittel, Getränke Tabakwaren Energie 30 bis bis bis bis bis bis 59 Alter 60 bis bis bis bis bis und älter Wohnungsmiete

22 Zweipersonenhaushalte in v.h. Gesamtdeutschland % 90% 80% 1. Andere Waren und Dienstleistungen Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen Gesundheitspflege Relative Anteile 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% 30 bis bis bis bis bis bis bis bis bis bis bis und älter Bildungswesen Freizeit, Unterhaltung und Kultur Bekleidung und Schuhe Nachrichtenübermittlung Verkehr Güter für die Haushaltsführung Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren Energie Wohnungsmiete Fachinger 2004, 41 Alter

23 Einkaufshäufigkeiten (MA 2000) Generell zeigt sich in den personenbezogenen Daten eine deutliche alterspezifische Differenzierung: während in den Altersgruppen bis zum 50sten Lebensjahr eine von Produkt zu Produkt zwar jeweils unterschiedliche Einkaufsintensität festgestellt werden kann, sinkt in den darauf folgenden Altersgruppen die Einkaufshäufigkeit bei Geräten der Unterhaltungsindustrie, Computern, Kameras, Freizeitartikel und Heimwerker- und Gartenbedarf. Für das Produkt Auto wird deutlich, daß in der Gruppe der 70- jährigen über die Hälfte nie ein Auto erworben hatten (womöglich Kohortenproblem)

24 Intergenerationeller Austausch in Deutschland Transfers von Geld und Sachwerten......von den Älteren an die Jüngeren...von den Jüngeren an die Älteren (Schwieger-)Eltern der 40-85jährigen 10,5% 4,7% 40-85jährige (Geburtsjahrgänge ) 30,0% 2,0% Erwachsene Kinder der 40-85jährigen 13,0% 0,1% Erwachsene Enkel der 40-85jährigen Alterssurvey Welle Quelle: Motel-Klingebiel 2000 Basis: Personen mit (Schwieger-)Eltern (n=2104/2117), mit erwachsenen Kindern (n=3633/3647) bzw. mit Enkeln (n=1197/1204).

25 3. Alltägliche Zeitverwendung im Alter 3.1. Datenbasis: Zeitbudgeterhebung 2001/2002 des Statistischen Bundesamts - Personenfragebogen -Tagebuch 3.2. Informelle Hilfen Älterer (60+) 3.3. Zeitverwendung außerhalb der Wohnung 3.4. Stayer-at-home

26 Zeitlicher Umfang der informellen Hilfe Älterer (60+) an andere Haushalte nach Hilfeart (bei Ausübenden) Tagebuch Transport und Umzüge Zubereiten von Mahlzeiten Haustierpflege Reparatur/Wartung von Fahrzeugen 0:54 0:48 1:06 3:28 Reparieren und Bauen Alten- und Krankenpflege Gespräche, Ratschläge bei Problemen 0:51 1:17 2:54 Versicherungs-, Behördenangelegenheiten Bei Anderen nach dem Rechten sehen Einkaufen, Besorgungen Putzen, Aufräumen Gartenarbeit Kinderbetreuung 0:30 1:06 0:57 1:11 1:26 1:27 Std./Tag

27 Personenfragebogen Private Hilfe an andere Haushalte Fragetext: Geben Sie bitte an, welche (privaten) Hilfen Sie innerhalb der letzten vier Wochen für Personen außerhalb des eigenen Haushalts geleistet haben und wie viele Stunden pro Woche Sie aufgewendet haben. Zusätzliche Erläuterung: Gemeint ist hier Nachbarschaftshilfe oder die Unterstützung von Verwandten, Freunden, Arbeitskollegen usw. Ehrenamtliche Tätigkeiten oder Hilfeleistungen, die im Beruf (z.b. Altenpfleger/in, Kindergärtner/in) erbracht werden, sind hier nicht mit einzubeziehen. Methodische Einschränkung: Gefahr der Überschätzung des zeitlichen Engagements im Selbsturteil der Befragten.

28 Zeitlicher Umfang der informellen Hilfe Älterer (60+) an andere Haushalte nach Hilfeart (bei allen) Personenfragebogen + Tagebuch Transport und Umzüge Zubereiten von Mahlzeiten Haustierpflege Reparatur/Wartung von Fahrzeugen Reparieren und Bauen Alten- und Krankenpflege Gespräche, Ratschläge bei Problemen Versicherungs-, Behördenangelegenheiten Bei Anderen nach dem Rechten sehen Einkaufen, Besorgungen Putzen, Aufräumen Gartenarbeit Kinderbetreuung 0:09 0:02 0:46 0:07 0:30 0:04 0:04 0:33 0:11 0:23 0:03 0:46 0:01 0:10 0:01 0:42 0:02 0:36 0:04 0:46 0:07 0:40 0:05 0:25 Std./Woche Personenfragebogen Tagebuch 2:27 Anteil Älterer (60+) mit geleisteter finanzieller Hilfe: 12 Prozent

29 Personenfragebogen Empfänger privater Hilfeleistungen von Älteren: Anteil Älterer (60+), die innerhalb der letzten 4 Wochen Hilfe für folgende Empfängerhaushalte geleistet haben (in %) für Kinder od. Enkelkinder darunter: für erwachsene Kinder für Enkelkinder für Eltern od. Schwiegereltern für Geschwister für andere Verwandte für Nachbarn, Freunde, Kollegen für sonstige Personen %

30 Personenfragebogen Art der Hilfe von Älteren (60+) für ihre erwachsenen Kinder (in % der Hilfeleistenden) Finanzielle Hilfe Transport und Umzüge Zubereiten von Mahlzeiten Haustierpflege Reparatur/Wartung von Fahrzeugen Reparieren und Bauen Krankenpflege Gespräche, Ratschläge bei Problemen Versicherungs-, Behördenangelegenheiten Bei Anderen nach dem Rechten sehen Einkaufen, Besorgungen Putzen, Aufräumen Gartenarbeit Kinderbetreuung 0, %

31 Fazit Die älteren Menschen insgesamt leisten mehr informelle Hilfe für andere Haushalte als die Erwachsenen im jüngeren und mittleren Alter Die informelle Hilfe Älterer konzentriert sich weitgehend auf die Kinder und Enkelkinder sowie Nachbarn und Freunde. Hauptformen der Hilfeleistung Älterer sind die finanzielle Unterstützung, die Hilfe bei der Kinderbetreuung und der Haushaltsführung sowie die Unterstützung durch Gespräche und Ratschläge. Das Spektrum der geleisteten Hilfe an die erwachsenen Kinder ist breit; bei der Hilfe für die Enkelkinder überwiegt die Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Es gibt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in den gegebenen Hilfearten Älterer. Das festzustellende Ausmaß der informellen Hilfeleistung hängt nicht unwesentlich von der Erhebungsmethode ab.

32 Wie viel Zeit verbringen Ältere außerhalb ihrer Wohnung? Außerhalb der Wohnung verbrachte Zeit nach Altersgruppen (Std./Tag) 09:55 08:50 08:56 08:25 08:22 Männer Frauen 07:06 06:05 05:11 04:52 04:11 unter Alter

33 Tageszeit, ab der der Prozentsatz von Männern und Frauen, die zu Hause sind, 80 Prozent nicht mehr unterschreitet Saison Alter Geschlecht Männer Frauen Mai-Juli Nov.-Jan

34 Definition einer Stayer-at-home -Gruppe: Personen, die am Befragungstag das Haus nicht oder nur für max. 30 Minuten verlassen haben 20 Männer Anteil der "Stayer-at-home" Frauen 13 Anteil in % unter Alter

35 Welche Faktoren beeinflussen die Mobilität von älteren Menschen? Anteil der "Stayer-at-home"" ( weniger als 30 min. außer Haus) Männer 60+ Frauen 60+ Haushaltstyp Einpersonenhaushalt (11,6) 9,9 Mehrpersonenhaushalt 9,3 16,5 Pflegebedürftige im HH Pflegebedürftiger im Haushalt (22,9) (27,1) kein Pflegebedürftiger im Haushalt 9,1 13,4 Gesundheitszustand Gesundheit gut 8,0 10,0 Gesundheit nicht gut 12,4 17,6 Saison Nov.-Jan. (10,0) 17,9 Mai-Juli (9,6) 12,7 Wochentag Montag bis Freitag 8,7 11,9 Samstag,Sonntag (11,9) 17,9

36 Männer 60+ Frauen 60+ Infrastruktur/ÖPNV Haltestelle ÖPNV nicht vorh./weiter als 15 min. (16,2) (20,4) Haltestelle ÖPNV unter 15 min. 9,0 13,0 Infrastruktur/ Einkauf tgl. Bedarf Laden nicht vorh./weiter als 15 min. (12,4) 16,0 Laden tgl. Bedarf unter 15 min. 8,4 12,8 PKW im Haushalt PKW im Haushalt 9,0 14,0 kein PKW im Haushalt (14,5) 13,5 Gemeindetyp Kernstadt (11,8) 13,0 Ober-/Mittelzentrum (7,9) 12,5 Sonst. Gemeinden (9,8) 17,0 Werte in Klammern: Zellbesetzung unter 200

37 4. Forderungen der Seniorenorganisationen: Nationaler Aktionsplan der Expertengruppe 4.1. Weltaltenplan und Nationaler Altenplan BAGSO und Expertengruppe 4.2. Generationen- und altersgruppenübergreifendes Potential der Forderungen 4.3. Forderungen für die Bereiche Wohn- und Umwelt Freiwilligenarbeit und Ehrenamt Mitwirkungsmodelle für Senioren

38 Allgemeine Basis der Verständigung Nationale Altenpläne sollen sich an den Empfehlungen des Weltaltenplans von Madrid orientieren und systematisch die Umsetzung der dort gegebenen Empfehlungen in den einzelnen Ländern überprüfen Es herrschte Übereinstimmung in der Expertengruppe, daß Empfehlungen und Forderungen für die Älteren aufzustellen immer auch implizit eine generationsund altersgruppenübergreifende Verbesserung von Lebensumständen bedeutet

39 Umfassende Forderungen Entwicklung lokal gesteuerter Gesundheitsförderung in präventiver Perspektive Entwicklung von lokalen Beratungs- und Servicestrukturen für ältere Migranten Konzentration der Forderungen auf: Haushalte, Wohnen und engeres und weiteres Wohnumfeld Forderungskatalog auch für die Bereiche Freiwilligenarbeit und Ehrenamt und Mitwirkungsmodelle für Senioren

40 Einzelforderungen I - Wohnen und Wohnumfeld Barrierefreiheit, Freizeit, Bildung, kulturelle Angebote, Mobilität, Sicherheit - Wohnen im Alter: Förderung neuer Wohnformen, Informations- und Beratungsservice, laufende Dokumentation von sich vervielfältigenden Wohnalternativen - Barrierefreiheit: ÖPNV wie Niederflursysteme, Haltestellengestaltung, Life, Rampen, Orientierungshilfen, weitere Umweltgestaltung als Erleichterung der alltäglichen Lebensführung verstehen

41 Einzelforderungen II - Versorgung und Infrastrukturentwicklung: Gefragt sind vor allem hauswirtschaftliche Dienste, Alltagshilfen (z. B. Mobilitätshilfen), Beratung, Vermittlung, case management, Kommunikations- und kontaktsichernde Hilfen (insb. für Alleinstehende), gruppenspezifische (alternative) Wohnangebote, Hilfen für (ältere) Menschen mit Behinderungen, Dienste für ältere Migrantinnen und Migranten sowie vielfältige Angebote im Bereich von Gesundheitsversorgung und Pflege einschließlich der Unterstützung pflegender Angehöriger Integrationsorientierung und Betonung der Kleinräumigkeit

42 Einzelforderungen III Freizeit und Medien: - Checklisten für seniorenfreundlichen Tourismus - Dokumentation und Beratung für Freizeitmöglichkeiten auf kommunaler Ebene - Kontinuierliche Beteiligung von Älteren an der Gestaltung von Medieninhalten Mobilität und Sicherheit: - Verständnis, daß Dienste in diesem Bereich wesentliches Erfordernis für gesellschaftliche Teilhabe sind - Veränderung von Verkehrsführungen und die Zurichtung des öffentlichen Raumes (Automatenprüfungen, Wegeerleichterungen usw.)

43 5. Nationale Dienstleistungskulturen als fördernde oder hemmende Voraussetzung: Belege aus dem OASIS- Projekt 5.1. Gegenwärtige Verteilungsmuster des Engagements für seniorenwirtschaftliche Perspektiven in Europa 5.2. Typologien des Wohlfahrtsstaates und ihre gesellschaftlichen Hintergründe 5.3. Dienstleistungskulturen als Handlungsvoraussetzung 5.4. Ergebnisse aus dem OASIS-Projekt

44 Europäische Verteilungsmuster für seniorenwirtschaftliche Perspektiven Vergleicht man innerhalb Europas die Intensität und Differenziertheit, mit der seniorenwirtschaftliche Perspektiven diskutiert und gefördert werden, dann kann man m.e. folgendes Muster identifizieren: - intensive Diskussion und Förderung seniorenwirtschaftlicher Perspektiven in den skandinavischen Ländern und Niederlanden - relativ hoher Entwicklungsstand in Produkten und Diensten in den angloamerikanischen Ländern - geringer Entwicklungsstand in den mediterranen Ländern, was einzelne positive Projektentwicklungen nicht ausschließt

45 Europäische Verteilungsmuster für seniorenwirtschaftliche Perspektiven - in den zentraleuropäischen Ländern beginnt die Entwicklung solcher Initiativen mit einer gewissen Zeitverzögerung, verstärkt in den letzten Jahren Meine These zur Erklärung dieser Ungleichzeitigkeit ist, daß die Entwicklung solcher Perspektiven entscheidend von der in den einzelnen Ländern vorexistierenden sozialen Dienstleistungskultur abhängt. Deren geringer oder umfassender Ausprägungsgrad bestimmt auch die Intensität und Differenziertheit der Entwicklung seniorenwirtschaftlich begründeter Produkt- und Dienstleistungen.

46 OASIS: Konzept und Datenbasis Projektkontext: OASIS Old Age and Autonomy: The Role of Service Systems and Intergenerational Family Solidarity Förderung im fünften Rahmenprogramm der Europäischen Kommission (QLK6-CT ), Vergleich innerhalb des Rahmens des europäischen Wohlfahrtsstaatsmodells Norwegen, England, Deutschland, Spanien und Israel

47 Survey sample OASIS Samples N UK D E IL Total Total Qualitative sample 75+ at risk of dependency und eines ihrer erwachsenen Kinder N UK D E IL Total Total

48 OASIS: Konzept und Datenbasis Disproportional altersgeschichtete, repräsentative Stichprobe der über 25-jährigen Wohnbevölkerung urbaner Regionen Trotz großstadttypisch geringer Ausschöpfungsquote (D: 41,2%) keine studienspezifischen Selektivitätsprobleme OASIS-Survey wird ergänzt durch eine qualitative Teilstudie

49 OASIS: Konzept und Datenbasis OASIS untersucht... die Normen und Präferenzen intergenerationaler Unterstützung und Versorgung im Alter die Qualität und Ausgestaltung intergenerationaler Beziehungen im Alter: Solidarität, Konflikt, Ambivalenz die Inanspruchnahme medizinischer, pflegerischer und hauswirtschaftlicher Dienste im Alter und ihre Bereitstellung durch Familien und Servicesysteme die Lebensqualität im Alter hier besonders: die Bedeutung informeller und formeller Unterstützungs- und Versorgungsleistungen

50 Deutsches Zentrum für Altersfragen Gesellschaften und wohlfahrtsstaatliche Modelle Norwegen institutionell; sozialdemokratisch; nordeuropäisch England residual; marktliberal Deutschland Sozialversicherungsmodell; konservativkorporatistisch, zentral-westeuropäisch Spanien mediterran Israel ; Mischtypus Quelle: Motel-Klingebiel, von Kondratowitz & Tesch-Römer 2002:

51 Deutsches Zentrum für Altersfragen Gesetzliche Verpflichtung zur familialen Unterstützung Älterer Norwegen nein England nein Deutschland ja (Subsidiarität allerdings Pflegeversicherung) Spanien ja (erste Überlegungen zur Pflegeabsicherung) Israel ja (allerdings Pflegeversicherung) Quelle: Motel-Klingebiel, von Kondratowitz & Tesch-Römer 2002: Seite 51

52 Zustimmung zu überwiegender Verantwortung des Wohlfahrtsstaates Norwegen UK Deutschland Spanien Israel Prozent Finanz. Unterstützung Instrument. Hilfen Pflege Quelle: OASIS 2000, nach Daatland & Herlofson 2002, n=5946.

53 Zuständigkeit für finanzielle Unterstützung Norwegen England Deutschland Spanien Israel Prozent Familie Beide gleichermaßen Wohlfahrtsstaat

54 Zuständigkeit für Pflege im Alter Norwegen England Deutschland Spanien Israel Prozent Familie Beide gleichermaßen Wohlfahrtsstaat

55 Zuständigkeit für Haushaltshilfe Norwegen England Deutschland Spanien Israel Prozent Familie Beide gleichermaßen Wohlfahrtsstaat

56 Erhalt regelmäßiger Hilfe im Haushalt Norwegen GB Deutschland Familie Dienste Sonstige Spanien Israel Prozent

57 Wohnformen im Alter Norwegen GB Deutschland mit einem Kind in einem Heim kein Kind vorhanden Spanien Israel Prozent

58 Familiale Transfers und Dienste (75+) Haushaltshilfen, Transport/Shopping, Pflege Norwegen England Deutschland Spanien Israel Familiale Hilfe Servicehilfe Prozent Haushaltshilfen, Einkauf, Transport, Pflege; Hilfen von Kindern: 75%; von Enkeln 9%; falls Kinder/Enkel vorhanden: 82%/11%; Quelle: OASIS 2000, n=2035/2041

59 OASIS Versorgungsmix 75+ Haushaltshilfe, Transport/Shopping, Pflege Norwegen England Deutschland Spanien Servicehilfe Beide Familiale Hilfe Israel Prozent Haushaltshilfen, Einkauf, Transport, Pflege; ausschließlich urbane Regionen; Quelle: OASIS 2000, n=2033

60 Intergenerationale familiale Transfers Wie gestalten sich Generationenbeziehungen unter den Bedingungen verschiedener Gesellschaften? Finden sich mit Blick auf Häufigkeiten und Verteilungen variierende oder ähnliche Muster intergenerationaler Transfervergabe? In welcher Form sind die von Familien geleisteten Transfers mit Indikatoren sozialer Ungleichheit verbunden und variiert dies mit den gesellschaftlichen Bedingungen? Führt der Ausbau sozialstaatlicher Leistungen zu einer Schwächung familialer Unterstützungsnetzwerke im Alter bzw. könnte ein Rückfahren wohlfahrtsstaatlicher Leistungsniveaus durch die Familien kompensiert werden?

61 Intergenerationale familiale Transfers Verdrängungs-/Ersetzungseffekte Familiale Unterstützung werden durch gesellschaftlich vermittelte Leistungen ersetzt Verstärkungseffekte Familiale Transfers werden vor dem Hintergrund wohlfahrtsstaatlicher Sicherung und Dienstleistungen verstärkt vergeben Differenzierungen Teilweise Ersetzung familialer durch Dienstleistungen und Verlagerung familialer Aktivität mit insgesamt höheren Niveaus der Inanspruchnahme in umfassenderen Systemen Gerontologische Perspektive Verfügbarkeit und Inanspruchnahme von Unterstützung zur Aufrechterhaltung von > Lebensqualität im Alter

62 OASIS Zusammenfassung Verdrängung In Israel findet sich eine Ersetzung familialer und Service-Versorgung. Anstelle familialer Hilfen werden im Vergleich zu Deutschland Serviceleistungen genutzt, so dass sich die Hilfeniveaus nicht signifikant unterscheiden. Der Effekt wird durch die größere Verbreitung gemischter Hilfen jedoch relativiert Verstärkung Norwegen zeigt bei umfangreichem Serviceangebot a) ähnliche Häufigkeiten ausschließlich familialer Hilfe jedoch b) zugleich eine erheblich weitere Verbreitung gemischter Versorgung, in der Familie eine Teilverantwortung übernimmt Differenzierung Serviceorientierte Gesellschaften bieten gleiche oder höhere (Norwegen) Gesamthilfeniveaus unter Beteiligung familialer intergenerationaler Transfers als solche mit familienorientierten Politiken und Orientierungen am Primat familialer Unterstützung (Deutschland, Spanien)

63 Merkmale der verglichenen Wohlfahrtsstaaten Norwegen: sehr hohe Präsenz meist öffentlich erbrachter sozialer Dienstleistungen, (noch) geringer Grad an privatwirtschaftlich erbrachter Dienstleistungen England: Konkurrenz von öffentlichen Sektoren, privatwirtschaftlich erbrachten Dienstleistungen und public-private Mixes Spanien: sehr geringe Präsenz öffentlich erbrachter Dienstleistungen, (noch) geringer Grad an privatwirtschaftlich erbrachter Dienstleistungen Israel: hohe Präsenz öffentlich erbrachter Dienstleistungen bei gleichzeitig zunehmender Entwicklung marktgesteuerter Dienstleistungen

64 7. Einige Schlußfolgerungen Jenseits aller Einzelperspektiven, die man aus den hier vorgelegten Materialien entnehmen könnte, bleibt im internationalen Vergleich m.e. das größte Problem, eine Bereitschaft des Experimentierens und der daran sich anschließenden dauerhaften Integration von haushaltsnahen Dienstleistungen in den Alltag in Deutschland zu erreichen. Aushandlung und Flexibilität in der Nutzung solcher Dienstleistungen muß zum alltäglichen Verhaltensrepertoire aller zukünftigen Altersgruppen gehören.

65 7. Einige Schlußfolgerungen Dies wird umso dringlicher, je stärker die vertikale Differenzierung der Generationen zunimmt, weitere Verwandtschaftsbeziehungen in der Bedeutung zurücktreten und der Anteil Alleinlebender zunimmt. Wer Autonomie der Lebensführung zukünftig sichern will, muß diese dauerhafte Integration von unterschiedlichen Dienstleistungen in den Lebensalltag gewährleisten.

66 7. Einige Schlußfolgerungen Erst wenn diese Autonomie durch eine durchaus kritische, verbraucherorientierte Verbindung mit Dienstleistungsangeboten Alltag geworden ist, kann durch die damit gewonnenen Freiräume auch die Entstehung neuer kooperativer Gemeinschaftlichkeiten und Unterstützungsnetzwerke ermöglicht werden.

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