Die vergessenen Kinder

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1 Die vergessenen Kinder Die Situation der Kinder psychisch kranker Eltern aus der Sicht einer Betroffenen

2 Gliederung des Vortrags : 1. Zum Verständnis der Situation der Kinder psychisch kranker Eltern: allgemeiner Überblick und Schilderung meiner Kindheit als Kind einer schizophrenen Mutter 2. Wünsche der Kinder an Fachkräfte und Eltern 3. Gestaltung einer Beratung

3 Fakten Betroffene Kinder: geschätzt zwischen Mio. in der BRD Flächendeckende Versorgung ist nicht gewährleistet 1/3 der Sorgerechtsentzüge basieren auf der psychischen Erkrankung eines Elternteils Erhöhtes Risiko, selber zu erkranken 1/3 bis ½ der Patienten in den Kinder und Jugendpsychiatrien haben ein psych. krankes Elternteil Prägung des gesamten weiteren Lebens durch die Erkrankung des Elternteils (Berufs und Partnerwahl, Entscheidung für oder gegen eigene Kinder)

4 Verhaltensweisen des Betroffenen, die Familienleben beeinflussen Inaktivität und Apathie oder aber übermäßige Aktivität Gestörter Tag und Nachtrhythmus Vernachlässigung des Äußeren Vernachlässigung des Haushaltes (Hygiene und Ordnung) Abweichendes Sozialverhalten Rededrang Störung familiärer Routinen z.b. durch Blockade des Badezimmers Rückzug Übermäßige Gefühlsäußerungen; lautes Schreien

5 Zwangseinweisungen, Suizid pp Traumatisch für Betroffene, Partner und Kinder Verantwortlichkeiten Spätere Konflikte

6 Wirtschaftliche Beeinträchtigungen durch Erkrankung Ehekonflikte, Scheidung und deren Folgen für das Kind Alleinerziehende erkrankte Eltern Arbeitslosigkeit Hohe, nicht nachvollziehbare Ausgaben / Kosten z. B. bei Manikern Zerstörung oder Beschädigung von Sachen Unterhaltspflichten der Kinder für ihre Eltern Regress des Sozialleistungsträgers gegen Angehörige

7 Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die Psyche des Kindes Desorientierung Verängstigung Verwirrung Ständige Anspannung Kind wird in Wahnvorstellungen des Elternteils einbezogen Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen Schuldgefühle Gegenüber erkranktem Elternteil: emotionale Erpressbarkeit Gegenüber Dritten: Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, viel Rücksichtnahme auf andere Kommunikationsverbot Kind kann sich niemanden wirklich öffnen; Folge : Verschlossenheit und wenig Vertrauen zu anderen Menschen Ev. Schüchternheit Loyalitätskonflikte

8 Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die soziale und familiäre Sphäre des Kindes Parentifizierung = Kind übernimmt die Elternrolle; d.h. es übernimmt Aufgaben im Haushalt oder bei der Betreuung der Geschwister Folge : Überforderung des Kindes und Verlust der kindlichen Unbeschwertheit Betreuungsdefizite Fehlende Aufmerksamkeit und Zuwendung Gestörte Kommunikation zwischen Eltern und Kind Versorgung des Kindes gefährdet Vernachlässigung des Haushaltes Aggressionen der Eltern gegenüber dem Kind Negatives Klima in der Familie Verbale Angriffe selten Gewalttätigkeiten

9 Meine Kindheit als Kind einer Familiäre Situation schizophrenen Mutter Meine Mutter erkrankte kurz nach der Geburt meines Bruders zunächst an einer postnatalen Depression, die bald darauf zu einer paranoiden Schizophrenie entwickelte. Ich war damals knapp drei Jahre alt. Mein Vater war ganztägig berufstätig, so dass ich und mein Bruder tagsüber mit meiner Mutter alleine waren.

10 Auswirkungen der Erkrankung Lernen, nur eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen: Meine Mutter hörte Stimmen. Sie saß auf dem Sofa und redete mit jemand der nicht im Raum war, war nicht ansprechbar, lebte in ihrer eigenen Welt. Folge: Kein Vertrauen in die eigene Mutter Erfahrung, sich auf jemand verlassen zu können; besser alles selber machen

11 Auswirkungen der Erkrankung Unberechenbarkeit des Verhaltens Ständige Anspannung = ständiger Stress Normales Verhalten musste ich erst lernen Schüchternheit, extreme Anpassungsfähigkeit Viel Rücksichtnahme auf meine Mutter, eigene Bedürfnisse waren zurückzustellen (Folge: Angst vor Nähe, Angst vor Verlust, Angst davor Forderungen zu stellen, Probleme in Partnerschaften) Ihr auch einfach schlechtes Verhalten wurde mit Erkrankung entschuldigt Verschweigen der Erkrankung Isolation und Ausgrenzung: Alleinsein auch innerhalb der Familie (symbiotische Beziehung meiner Eltern), wenig Freunde Wenig Freunde mit nach Hause bringen Gefühle von Wut, Trauer, Hilflosigkeit angesichts von Ungerechtigkeiten

12 Belastungen: Keine Krankheitseinsicht meiner Mutter; sie wollte keine Medikamente Übernahme der Mutterrolle, Haushalt Kein Kind sein dürfen, Überforderung Keine Probleme haben/machen dürfen Fehlende Unterstützung und Förderung durch die Eltern (Sport, Musikunterricht) Keine Bereitschaft Hilfe u holen, Folge: keine Hilfe von Dritten (wg. Nachwirkung der Zeit von in der Familie und der Zustände in Kliniken vor der Psychiatrie Enquete)

13 Was wünschen sich betroffene Kinder allgemein? Aufklärung über die Erkrankung Brechen Sie das Schweigen über die Erkrankung: Aufklärungsgespräch mit Kind, Eltern, Arzt pp Praktische Hilfen für die Familie : Haushalt, Kinderbetreuung, Hilfe beim Umgang mit Ämtern usw. Nehmen Sie Ihre Klienten auch als Eltern wahr! Stichwort : Elterntraining Aktivierung von Verwandten (z.b. Großeltern) Ermöglichung der Bindung an verlässliche Bezugspersonen (Patenschaftsprojekte; Nachbarschaft, Großeltern, (Ex )Partner Spiel und Freizeitangebote (Freude erleben)

14 Krisenpläne, in denen auch an die Kinder gedacht wird Patientenverfügungen und Behandlungsvereinbarungen, in denen auch an die Kinder gedacht wird Aber bedenken Sie bitte, dass auch Angehörige nur begrenzte Ressourcen haben (sonst: Kontaktabbrüche) und in Zukunft wohl eher keine Ressource darstellen werden

15 Wünsche an die Jugendhilfe: Sicherstellung der Versorgung des Kindes: Haushalt, Kinderbetreuung Frühdiagnostik und Frühförderung, psychotherapeutische Hilfen Gruppenangebote für Eltern und/oder Kinder Jugendamt: Erziehungsberatungsstellen Elterntraining : Stärken der Erziehungsfähigkeit der Eltern Patenschaftsprojekte, Großeltern etc. aktivieren

16 Wünsche an die Jugendhilfe: Zusammenarbeit von insbesondere von Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie (Klinik und Niedergelassene Psychiater) (siehe auch Manual Prof. A. Lenz) Notfalls : (Zeitweise) Trennung vom erkrankten Elternteil, Sorgerechtsentzug Beachten Sie bitte: Kinder sind kein Mittel der Therapie für ihre Eltern!

17 Das Wichtigste: Vernetzung aller Beteiligten Jugendhilfe Ambulante Versorgung Psychiatrie Umfeld des Kindes: Schule etc Familie

18 Wünsche an die Eltern Seien Sie Vorbild (Nachahmung, Übertragung Entspannung) Zeigen Sie Ihren Kindern, dass Sie sie lieben Hören Sie Ihren Kindern zu, reden Sie mit ihnen Seien Sie ehrlich mit Ihren Kindern Verschweigen Sie ihre Krankheit nicht, kalkulieren Sie Rückfälle mit ein Holen Sie sich Hilfe Holen Sie sich Hilfe für ihre Kinder Nehmen Sie Ihre Medikamente, machen Sie eine Therapie Elternbrief für Krisenzeit an ihre Kinder Notfallpläne (Nur eine Telefonnummer!) Erlauben sie die Einbindung ihrer Angehörigen, auch ihrer Kinder, in die Behandlung und die Information über ihre Behandlung

19 Gestaltung des Beratungsangebotes Angebote sowohl für betroffene Eltern als auch für Kinder als auch Informationsangebote für weitere nahe Angehörige (Partner, Großeltern) oder nahe Freunde sowie Lehrer und Erzieher in Kindergärten; Kitas, Kinderärzte, rechtl. Betreuer, Justiz usw. (also das gesamte Umfeld des Kindes) Möglichst Erlaubnis auch des erkrankten Elternteils für Beratung vor allem des Kindes einholen

20 Beratungsangebot II Größtes Problem: Herstellung des Kontaktes mit Klienten und Kindern Lösungsmöglichkeiten: Kontaktaufnahme in der Klinik Erwachsenen und Kinder und Jugendpsychiatrie (z.b. LVR Klinik Langenfeld + Verein Kipkel) oder über niedergelassene Psychiater, SPDi, SPZ wenn Erkrankung des Elternteils dort bekannt ist Kontaktaufnahme über Jugendhilfe, wenn erkranktes Elternteil dort bekannt ist Kontaktaufnahme über berufsmäßig oder ehrenamtlich mit Kindern befasste Fachkräfte: Lehrer, Erzieher, Kinderärzte, Sporttrainer, Musiklehrer, Nachhilfelehrer Vorstellung der Angebote in den Schulen vor den Schülern mit der Möglichkeit, sich anonym Informationen einzuholen (Hinweis auf Internetseiten und Telefonnummern, die unauffällig abgeschrieben werden können oder Verteilung von Informationen wie z.b. eines Flyers an alle Schüler) Schulprojekte wie Verrückt na und mit Hinweis auf Beratungsangebote Werbung wie bei der Nummer gegen Kummer z.b. in der Straßenbahn, in Ämtern, in Schulen, Sportvereinen usw.

21 Beratungsangebot III Ort und Zeit der Beratung: zentral, gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar (also auch für Kinder, die alleine zur Beratung oder zu anderen Angeboten kommen) Nicht dort, wo andere Kinder dies mitbekommen könnten (ansonsten möglicherweise Stigmatisierung des Kindes in der Peer Group); Achtung: Beschilderung unauffällig Öffnungszeiten: in der Freizeit des Kindes und der Eltern, ev. auch Samstags

22 Beratungsangebot IV Bei Jugendlichen: Beratung durch Peers (wie bei den Streitschlichtern) oder: Beratung durch erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern wie Ex In bei Psychiatrieerfahrenen Möglichkeit, den Berater/das Beratungsteam zu wechseln, wenn die Chemie nicht stimmt Verbesserung des Beratungsangebotes: Test des Beratungsangebotes durch die Zielgruppe: also durch Kinder, Jugendliche und Eltern (Adressatenperspektive), z.b. als Projekt einer Schule

23 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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