Gemeinde Möriken-Wildegg Bundesfeier 2011 auf Schloss Wildegg

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1 Gemeinde Möriken-Wildegg Bundesfeier 2011 auf Schloss Wildegg Ansprache von Urs Becker, Lenzburg* Liebe Erst-August-Gemeinschaft Kürzlich, am Ende einer Autofahrt, ich habe eigentlich schon aussteigen wollen, da ist mir aus dem Radio ein Lied entgegen gekommen, nicht sehr melodisch aber mit einem speziellen Text: Nur noch kurz die Welt retten und 154 Mails checken, dann flieg ich zu dir. Ich bin fasziniert sitzen geblieben und habe zugehört. Der Musiker besingt das Leben in der grossen weiten Welt am Rande des Abgrundes und seine Zugehörigkeit zur kleinen Welt der Familie und sein Abwesend- oder Verspätet-sein in der Familie. Weil immer gibt es noch etwas Wichtigeres zu tun. Muss also die Welt und damit auch die Schweiz gerettet werden? Ist auch die Schweiz ein Sanierungsfall? Die Schweiz hat heute Geburtstag. Am Geburtstag wird gratuliert und gelobt. Aber auch Kritik hat Platz. Muss Platz haben. Doch schön der Reihe nach. Jetzt denken Sie vielleicht: Also diese Ansprache, er redet über ein deutsches Lied, aber wann kommt er endlich zur Sache? Ich muss Sie um Verständnis bitten. Ich habe zwar in meinem Berufsleben (als Redenschreiber) für andere (vor allem Regierungsräte) schon Hunderte von Reden geschrieben, aber selber schreibe und halte ich kaum Reden. Mit Ihrer Anfrage sind Sie also ein gewisses Risiko eingegangen. Vielen Dank für die Einladung und das Vertrauen. Ich versuche mein Bestes zu geben, doch ich garantiere für Nichts. Schliesslich bin ich parteilos. Schliesslich bin ich sechzig gewesen und fühle mich frei. Ein klarer Fall für Altersbonus und Narrenfreiheit.

2 Die Anfrage für diese Ansprache ist mitten im Winter gekommen. Das dauert noch lange, habe ich gedacht und zugesagt. Doch plötzlich ist es August gewesen. Und jetzt bin ich hier und rede über ein paar Sachen, die mir wichtig scheinen. Und ja, meine ganz persönlichen Wünsche an die Schweiz will ich auch noch deponieren. Ich beginne mit einer kleinen Geschichte von meinem Neffen: Er heisst Serge, ist in Paris geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Er ist Schweizer, lebt aber seit mehr als zwanzig Jahren in New York. Nach längerer Zeit ist er im vergangenen Sommer mit Frau und Kind und Kegel wieder mal in die Schweiz gekommen. Und in dieser Zeit hat er mir mit glänzenden Augen und voller Begeisterung von einem Ausflug in die Therme Vals erzählt. Vielleicht denken Sie jetzt an das schöne Bündnerland, an Stararchitektur und Wellness. Doch Serge hat mir erzählt, wie er mit seiner Frau in Zürich die Wohnung seiner Freunde verlassen hat, zur Bushaltestelle gegangen ist, und wie sogleich ein Bus vorgefahren ist und die beiden zum HB gebracht hat. Dort ist der Zug nach Chur bereit gestanden. Im Zug haben die beiden Kaffee getrunken und Gipfeli gegessen. In Chur ist schon die Rhätische Bahn bereit gestanden. Umsteigen. Abfahren. Nach kurzer Zeit sind sie erneut umgestiegen, ins Postauto, auch das abfahrtbereit. Das Postauto hat sie dann unmittelbar vor die Therme Vals gebracht. Was wir täglich als Selbstverständlichkeit hinnehmen, nämlich ein riesiges, flächendeckendes und pünktliches Angebot im öffentlichen Verkehr, das hat bei meinem Neffen grösstes Staunen und grösste Faszination ausgelöst. Wie viel muss da perfekt zusammenspielen, damit das möglich ist?, hat er mich gefragt. Das ist ja unglaublich. Gleisarbeiter, Verkehrsingenieure, Lokführer und und, es muss so viel stimmen. Und dann hat er gefragt: Warum hast du eigentlich ein Auto? An dieser Stelle höre ich natürlich mit der Geschichte auf. Mein Fazit aber möchte ich Ihnen gerne mitteilen: 2

3 Wir haben es gut. Wir leben in unglaublichem Wohlstand. Wir leben im Schlaraffenland. Wir leben in einem Land mit höchster Lebensqualität. Eigentlich müssten wir vor allem dankbar sein. Und eigentlich müssten wir wieder viel mehr staunen. Staunen über Leistung, Können, Engagement. Ich bleibe dabei: Wir haben es gut, und dafür bin ich dankbar. Trotzdem. Ich möchte auf das Lied vom Anfang zurückkommen. Nur noch kurz die Welt retten und 154 Mails checken, dann flieg ich zu dir. Die Schweiz wie die Welt ein Sanierungsfall? Die Schweiz gehört zwar nicht zur EU, aber sie gehört zu Europa. Sie gehört zur Welt sie ist Teil der Welt und wie diese ein Kind des Zeitgeistes. Und dieser Zeitgeist heisst: Schneller, noch schneller; mehr und noch mehr. Beschleunigung bis zum Zeitinfarkt und Gier bis zum Systemkollaps. Und deshalb bin ich überzeugt, dass wir einen andern Umgang brauchen mit der Zeit, als einzelne und als Gemeinschaft. Wir brauchen weniger Tempodiktat und mehr Zeitvariation. Wir brauchen weniger Takt und mehr Rhythmus. Klar, ich bin, wie mein Neffe froh, wenn die Bahn im Takt fährt, nach Taktfahrplan. Doch das Leben, Lebendige hat mehr mit Rhythmus als Takt zu tun. Wir brauchen weniger Takt, weniger Terminpläne und mehr Zeitautonomie. Am Samstag bin ich wieder mal mit dem Velo der Aare entlang gefahren und habe von weitem Schloss Wildegg weiss leuchten sehen. Das Schloss steht heute in neuer Pracht da. Es ist als Bote aus einer andern Zeit ganz besonders geeignet, uns an unser schnelles, zu schnelles Leben zu erinnern. Wir brauchen einen andern Umgang mit der Zeit, in der Zeit und in der Schweiz und weit über die Schweiz und die Zeit hinaus. 3

4 Was heisst das konkret und am Beispiel unserer weltweit bewunderten direkten Demokratie? Es bedeutet: Demokratie braucht Zeit, direkte Demokratie braucht noch mehr Zeit. Verfassungsgebung, Rechtsetzung und Rechtsprechung brauchen Zeit. Gute Gesetze brauchen Zeit. Faire, ja vielleicht sogar gerechte Gerichtsurteile brauchen Zeit. Das Tempo in Recht und Politik kann nicht das Tempo der Wirtschaft sein. Es darf nicht das Tempo der Wirtschaft sein. Und es darf auch nicht willkürlich sein. Nicht in Bezug auf Verzögerung. Nicht in Bezug auf die Beschleunigung. Zwei Beispiele: Die Abzockerinitiative Der Unternehmer Thomas Minder hat die Initiative am 28. Februar 2008 eingereicht. Die Abstimmung soll am 30. März 2013 stattfinden. 61 Monate nach Einreichung. Ich zitiere aus dem Bundesgesetz über die Bundesversammlung (Art. 100): Die Bundesversammlung beschliesst innert 30 Monaten nach Einreichung einer Volksinitiative in der Form des ausgearbeiteten Entwurfs darüber, ob sie die Initiative Volk und Ständen zur Annahme oder Ablehnung empfiehlt. Ja, die Frist kann verlängert werden (Art. 105 desselben Gesetzes). Und sie ist verlängert worden, aus verschiedenen Gründen, entscheidend für mich sind aber die Angst (vor den Wahlen) und die Taktiererei. Es geht mir bei diesem Beispiel nicht um die Rechtmässigkeit, sondern das Vertrauen. Ein solches Verhalten schwächt unser Vertrauen in die gewählten Vertreter. Es ist schlicht demokratieschädlich. 4

5 Wir dürfen uns empören. Wir sollen uns empören. Denn die Empörung ist der Schlüssel zum Engagement. So hat sich auch der 93jährige(!) ehemalige französische Widerstandskämpfer Stephan Hessel ausgedrückt, in seinem Manifest über die Ungerechtigkeiten in der Welt (erschienen 2011) mit dem Titel Empört euch! Wir haben es im Oktober dieses Jahres in der Hand, welche Politikerinnen und Politiker wir wählen wollen. Das zweite Beispiel: Die Rettung der UBS Hier geht es nicht um Verzögerung, sondern Beschleunigung. Extreme Beschleunigung ist im Rechtsstaat nur mit Notrecht machbar. Notrecht ist Demokratieabbau im Notfall. Notfälle können jedoch durch uneinsichtiges Handeln provoziert werden. Wenn wir Bürgerinnen und Bürger über die Anschaffung eines neuen Feuerwehrautos abstimmen können, bei der Rettungsaktion der UBS in Milliardenhöhe aber nicht mitreden können, dann ist diese Beschleunigung genauso demokratieschädlich wie die Verzögerung der Abzockerinitiative. Ich komme zum Schluss: Ich muss noch kurz die Welt retten. Nein, nein, ich muss weder die Welt, noch die Schweiz retten. Aber Wünsche habe ich schon. Ich wünsche mir National- und Ständeräte, die das Volk ernst nehmen. Ich wünsche mir eine Schweiz, die nicht nur wissenschaftlich-technisch innovativ und Spitze ist, sondern eine Schweiz, die auch im Sozialen mutig und innovativ ist. Ich wünsche mir, dass die Schweiz Eid-Genossenschaft sein darf, nicht Schweiz-AG sein muss. 5

6 Ich wünsche mir, dass die Schweiz ihre breite, seit über 150 Jahren erprobte Dialogfähigkeit Vermittlungsfähigkeit und Demokratiefähigkeit in die Welt einbringen will. Und in die Welt einbringen kann. Und: Ich wünsche mir eine Schweiz, die sich an das Kreuz in ihrem Wappen erinnert. An die Verbindung von Horizontale und Vertikale. Das erfolgreiche Wirken in der Horizontalen, also das Wirken zwischen uns Menschen und zwischen den Institutionen entfaltet sich nur dann zum Wohle unseres Landes, wenn wir Menschen die Senkrechte nicht vergessen, nämlich die Ausrichtung auf das Absolute, auf das Universelle. Darauf bezieht sich auch die Präambel in unserer Bundesverfassung. Zum Glück sind wir alle Kinder von Himmel und Erde; auch wenn es uns manchmal schwer fällt, dies gerade bei Politikerinnen und Politikern zu glauben. Vielen Dank! *Urs Becker, Jurist und Mediator SDM, Bahnhofstrasse 3, 5600 Lenzburg /

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