Paulus Hochgatterer. Vom Mittagsschlaf und anderen Nebenrechten (20 Jahre KiJA Steiermark, 18/03/2015)

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1 Paulus Hochgatterer Vom Mittagsschlaf und anderen Nebenrechten (20 Jahre KiJA Steiermark, 18/03/2015) Sehr geehrter Herr Landesrat, sehr geehrte Festgäste, liebe Jubilarinnen! Zwanzig Jahre. Wenn einem als Kinder- und Jugendpsychiater im klinischen Kontext ein Zwanzigjähriger vorgestellt wird zum Beispiel weil in seinem Zimmer Pflanzen wachsen, bei denen es sich eindeutig nicht um Philodendren oder Usambara-Veilchen handelt, oder weil er wenige Tage vor seinem dritten Versuch, die Matura zu machen, den Eltern strahlend eröffnet, er wolle jetzt endgültig sein Leben ändern und eine Lehre zum Mediendesigner beginnen wenn einem also so ein Zwanzigjähriger mit dem dringenden Wunsch ans Herz gelegt wird, man möge doch bitte seine Festplatte austauschen, zieht man nach außen hin ein bedauerndes Gesicht und wir wollen ja versuchen ehrlich zu sein freut sich dahinter vielleicht ein wenig. Man ist nämlich nicht mehr zuständig. Wenn man als Kinderpsychiater eingeladen wird, an einem zwanzigsten Geburtstag zu reden, also an einem Geburtstag, der außerhalb der formalen Zuständigkeit des eigenen Faches liegt, kann das somit dem Wunsch entspringen, vielleicht doch eine Ausnahme zu machen, oder wohl eher der nicht ganz falschen Vermutung, man habe zumindest eine Ahnung davon, wie Zwanzigjährige zu den Zwanzigjährigen geworden sind, als die wir sie vorfinden. Wie sind also Zwanzigjährige? Zwanzigjährige haben den Führerschein, ein Smartphone und (Minimum) ein Tatoo. Zwanzigjährige waren im Real Life zumindest schon einmal in Übersee, bewegen sich im Web auf mehreren sozialen Plattformen gleichzeitig und finden es süß, dass wir gut Fünfzigjährigen immer noch per SMS kommunizieren. Zwanzigjährige haben den ersten realen Geschlechtsverkehr in der Regel hinter sich, sind auf Grund ihres Wissens und dank der Segnungen der modernen Empfängnisverhütung historisch betrachtet weiter denn je davon entfernt, selbst Eltern zu werden, und finden Porno-schauen im Internet auch nicht spannender, als wir gut Fünfzigjährigen das tun. Zwanzigjährige wollen von irgendwo weg 1

2 und irgendwo hin, - was zumeist zu einer gewissen Inkongruenz zwischen Imagination und Realität führt; mit anderen Worten: in Gedanken befinden sich Zwanzigjährige eher schon dort, wo sie hin, in der Realität noch da, von wo sie weg wollen. Die Zwanzigjährigen, die auch in Gedanken noch da sind, von wo sie in Wahrheit gar nicht weg wollen, gibt es übrigens auch. Manche unter uns kennen einen oder eine von ihnen, - nur ganz entfernt, versteht sich. Zwanzigjährige borgen sich von Mama oder Papa das Auto aus (typischerweise mit der Behauptung, sie müssen etwas von IKEA holen), Zwanzigjährige fragen, bis zu welchem Alter denn die Mitversicherung bei den Eltern gesetzlich möglich sei, Zwanzigjährige schenken einem schließlich diesen Wo bleibt die Dankbarkeit? -Blick, nachdem sie einem ausnahmsweise einmal einen Sechser Mineralwasser in die Wohnung gestellt haben, ohne dass man davor ein schriftliches Bittgesuch abgeben hat müssen. Zwanzigjährige, so könnte man in erfahrungsbasierter Pointierung sagen, sind dadurch charakterisiert, dass sie keine Ahnung haben und kein Geld aber immerhin, sie sind auf dem Weg. Ich versuche es auch zu sein, auf dem Weg nämlich, hin zum Thema des heutigen Tages, das merken Sie, und was Sie auch gerade begonnen haben zu merken, ist die Richtung der Route, die ich dabei bin zu nehmen. Ich liebe den Umweg, über die Zwanzigjährigen zum Beispiel, die Abschweifung, die Parenthese. Vielleicht ist dieser Umstand auf eine kindliche Traumatisierung meinerseits zurückzuführen, genauer, auf die Tatsache, dass mein Vater Deutschlehrer war und die Themenverfehlung etwas vom Schlimmsten, das einem passieren konnte. Vielleicht entspringt er auch einfach einer gewissen einschlägigen Erfahrung. Ein Thema, das eingekreist wird, entschlüpft einem nicht so leicht, wie wenn man direkt darauf losstürmt, und im beruflichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen gelangt man früher oder später zwangsläufig zu der Vermutung, dass die Via Regia, die Route, die mit größter Wahrscheinlichkeit ans Ziel, also zu den wirklich wichtigen Dingen, führt, in Wahrheit immer der Umweg ist. Die wirklich wichtigen Dinge. Wenn die Jubilarin, die es zu würdigen gilt, eine Einrichtung ist, die sich den Kinderrechten verschrieben hat, dürfen dieselben nicht fehlen. Kinderrechte also. Eigentlich wollte ich mit dem dezidierten Mut zur Unoriginalität wieder einmal Janusz Korzcak zum Ausgangspunkt meiner Gedanken machen, genauer, seine zentrale Forderung nach Grundrechten für Kinder: Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist. Das Recht des Kindes auf den eigenen Tod. Sie alle kennen das. Über Janusz Korczak zu reden hätte abgesehen vom Umstand, dass er im August 1942 gemeinsam mit den zweihundert jüdischen Kindern seines Waisenhauses in Treblinka vergast wurde daher 2

3 geheißen, auch über Letzteres, das Recht des Kindes auf den eigenen Tod, reden zu müssen und wer will schon den Tod als Thema, wenn Geburtstag gefeiert wird. Ich habe also beschlossen, nicht über diese großen, gewichtigen Dinge zu reden, Liebe, Tod und Freiheit und auch nicht über Grundrechte; die Rede darüber ist, so nebenbei, zwangsläufig auch immer mit jener Art von Pathos verknüpft, die ganz stark Ohnmacht und Kapitulation in sich trägt, und auch die beiden passen nicht so recht auf ein Geburtstagsfest. Ich möchte über die kleinen Dinge reden, über Sachen, die handlich sind und überschaubar, über Nebenrechte, wenn man einen juristischen Terminus verwenden möchte. Ich möchte das mit Hilfe einer kleinen empirischen Untersuchung tun und am Ende anhand eines Beispiels aus der Literatur. Beginnen möchte ich allerdings mit dem, bei dem ich mich immer schon am wohlsten gefühlt habe, mit dem Erzählen einer Geschichte. Sie ist einigermaßen aktuell und nicht sehr lang. Es ist die Geschichte von Patrick und seinem Angry Bird. Diejenigen unter Ihnen, die ab und zu bei BILLA einkaufen, wissen, was ein Angry Bird ist. Diejenigen unter Ihnen, deren Kinder Freunde haben, deren Eltern bei BILLA einkaufen, wissen ebenfalls, was ein Angry Bird ist. Für alle anderen: Angry Birds sind kugelige Plüschvögel, die sehr nett und zugleich sehr zornig dreinschauen, sich als Kopfpolster und Wurfgeschosse perfekt eignen und bis vor nicht allzu langer Zeit bei Erfüllung mittelgradig erpresserischer Konditionen in den Filialen der genannten Supermarktkette günstig erworben werden konnten. Angry Birds gab es in gelb, rot, blau und schwarz. Ich habe einen von den schwarzen. Die schauen am allerzornigsten und meine Frau behauptet, das passt zu mir. Patrick besaß einen blauen Angry Bird. Patrick war zum Zeitpunkt, als wir ihn kennenlernten, sechseinhalb Jahre alt und ging in die erste Klasse Volksschule. Seine Mutter brachte ihn an die Abteilung und erzählte im Aufnahmegespräch, sie und ihr Mann seien mit ihrem Latein völlig am Ende. Der Bub sei seit kurzem unkonzentriert und fahrig, bekomme Wutanfälle und lutsche exzessiv am Daumen. Obwohl es ihm grundsätzlich an Klugheit und Interesse nicht mangle und es auch nie ein soziales Problem gegeben habe, hätten Mitarbeit und Leistungsbereitschaft in der Schule schlagartig abgenommen. Und außerdem, sagte die Mutter, quält er seinen Angry Bird. Was sie damit meine, fragte ich, und die Mutter erklärte, er schlage mit der Faust auf den Kopf des Plüschvogels und trample auf ihm herum; am liebsten steche er ihn mit der Gabel oder mit hölzernen Schaschlikspießen in den Körper. Sie finde das gar nicht lustig, sie könne kaum darüber reden. Ich dachte an meinen Angry Bird und fand es auch nicht lustig. Am ersten Abend an der Abteilung war Patrick offenbar weit davon entfernt, seinen blauen Vogel mit Spießen zu stechen, ganz im Gegenteil: in 3

4 der Morgenbesprechung am nächsten Tag wurde berichtet, wie er ihn sich liebevoll unter den Arm geklemmt habe und mit ihm zu Bett gegangen sei. Auch das erste Frühstück, das erste Zähneputzen und der erste Besuch der Heilstättenschule am folgenden Vormittag verliefen ohne Auffälligkeit. Die erste Mittagsmahlzeit allerdings ließ der Bub unberührt und verschwand sichtlich angespannt in seinem Zimmer. Man ließ eine Weile verstreichen und erst nachdem sich eine Viertelstunde lang nichts getan hatte, schickte man eine Sozialpädagogin nachschauen. Ihr bot sich ein seltsames Bild: Patrick stand an seinem Bett, hatte seinen blauen Angry Bird vor sich auf der Decke liegen und verpasste ihm in rhythmischer Abfolge Hiebe auf den Kopf nicht sehr fest, wie die Sozialpädagogin (wahrscheinlich vor allem zu meiner Beruhigung) behauptete. Dazu gab er in großer Eindringlichkeit immer wieder denselben Satz von sich: Du sollst nicht schlafen! Du bist schon sechs, du sollst nicht mehr schlafen! Du bist schon sechs, du sollst nicht mehr schlafen. Ein sechsjähriges Kind, dem die Eltern wohl in einer Mischung aus stromlinienförmigem Zeitgeistkonformismus und der Weitergabe eigener Kindheitserfahrungen den Mittagsschlaf verbieten. Ein sechsjähriges Kind, dessen Welt in dem Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Regression und Erholung auf der einen und Loyalität mit Mutter und Vater auf der anderen Seite aus den Fugen gerät. Ein sechsjähriges Kind, das das nächstliegende Objekt, seinen Plüschvogel, nimmt und malträtiert, weil derselbe den Affekt, um den es geht, den Zorn, im Namen und im Gesicht trägt. Ein sechsjähriges Kind, dem das Recht auf seinen Mittagsschlaf aberkannt wird. Von Nebenrechten war vorhin die Rede. Das ist eins, das Recht auf den Mittagsschlaf. Bei der kleinen Geschichte von Patrick und seinen Nöten mit dem Schlafverbot kann einem der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa mit seinem inzwischen zum Standardwerk gewordenen Buch Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne einfallen. Er beschreibt darin, wie sich die Erhöhung des Lebenstempos auf die Menschen auswirkt, wie sie mehr erleben, aber weniger Erfahrungen machen, wie Multitasking zum üblichen Aktivitätsmodus und Fragmentierung zu einem Kennzeichen postmoderner Identität wird. Vor allem aber beschreibt er, wie die Menschen sich rascher bewegen, wie sie rascher denken, sprechen und handeln, wie sie sich, umgekehrt, immer weniger Zeit nehmen für das, von dem wir noch geglaubt haben, dass es den normalen Alltag ausmacht, - fürs Essen, die Körperpflege und den Schlaf. Seit den Neunzehnhundertsiebziger Jahren hat in der westlichen Welt die Schlafdauer pro Tag im Schnitt um eine halbe Stunde abgenommen, stellt Rosa unter anderem fest. Unser Patrick leidet also, aber er liegt im Trend, könnte man sagen. Vielleicht beruhigt das seine Eltern. Mich beruhigt es nicht. 4

5 Wenn mich eine Sache beunruhigt, rede ich mit meinem Freund Klaus. Er ist Kulturjournalist und gibt mir in der Kulturjournalisten eigenen Unerbittlichkeit zu verstehen, wenn er meint, ich verrenne mich irgendwohin. Ich schrieb also eine SMS an Klaus: Aus gegebenem Anlass: Was hältst du von Eltern, die ihrem sechsjährigen Kind den Mittagsschlaf verbieten? Seine Antwort, nach zirka fünf Sekunden: Hast du die Polizei schon verständigt? Ich darauf: Übertreibst du nicht ein wenig? Er: Ihr Psychos seid alle Feiglinge! Und was ist mit dem Jugendamt? Ich: Wer hat das Jugendamt verständigt, als deine Tochter aufgehört hat, zu Mittag zu schlafen? Er: Was heißt aufgehört?! Klausens Tochter ist übrigens zwanzig, und das ist, auch wenn s am heutigen Tag so klingt, ganz und gar nicht erfunden. Es gibt Situationen, da wird sogar ein Geschichtenerzähler wie ich zum Empiriker. Ich bin zwar nicht besonders begabt in diesen Dingen, begann aber, ausgelöst sowohl durch meine eigene Beunruhigung als auch durch die Bewertungsdiskrepanz zwischen Klas und mir, Menschen meiner Umgebung zu befragen, welche Rechte man ihrer Meinung nach Kindern heutzutage so einräumen solle. Am Ende waren es gut dreißig Personen, geschlechtermäßig halbwegs ausgewogen und über alle Altersgruppen verteilt. Ich liste die Dinge, die genannt wurden, der Einfachheit halber nach ihrem zeitlichen Einlangen auf. Die Aufgabe also: Nennen Sie ein bis drei Rechte, die man Kindern Ihrer Ansicht nach heutzutage einräumen sollte. Die Antworten: Das Recht auf Erlebnisse. Das Recht auf Abwechslung. Das Recht auf Bildung. Das Recht auf gute Lehrer. Das Recht auf Bewegung. Das Recht auf intakte Natur. Das Recht auf Wiederholung. Das Recht auf Langeweile. Das Recht auf normales Cola. Das Recht auf die ungesunde Schuljause. Das Recht auf die 300g-Tafel Milka. Das Recht auf die eigene Handschrift. Das Recht auf die eigene Erfahrung. 5

6 Das Recht auf Leistungsverweigerung. Das Recht auf Schikursverweigerung. Überhaupt das Recht auf Verweigerung. Das Recht auf aufgeschlagene Knie. Das Recht auf Nasenbluten. Das Recht auf eine helmfreie Zone. Das Recht auf Germany s Next Top Model. Das Recht auf The Big Bang Theory. Das Recht auf How I met your Mother. Das Recht auf Faulheit. Das Recht auf blöde Fragen. Das Recht auf sehr blöde Fragen. Das Recht auf Krankheit. Das Recht auf Schwäche. Das Recht auf die Masernimpfung. Das Recht auf Schmutz. Das Recht auf den Zornanfall. Das Recht auf den Irrtum. Das Recht auf montessorifreien Unterricht. Das Recht auf Freunde. Das Recht auf schlechte Gesellschaft. Das Recht auf Schadenfreude. Das Recht auf den Schmerz. Das Recht auf Mylie Cyrus. Das Recht auf Justin Bieber. (Das Recht auf Helene Fischer wurde nicht genannt.) Das Recht auf den Führerschein. Das Recht auf ein Piercing. Das Recht auf ein Tatoo. (Ich glaube, die Betonung lag hier jeweils auf ein.) Das Recht auf Traurigkeit. Das Recht auf Rechtschreibfehler. Das Recht auf Schlagzeuglernen. Das Recht auf Horrorfilme. Das Recht auf den elternfreien Tag. Das Recht auf den geschwisterfreien Tag. Das Recht aufs Nichtstun. Das Recht aufs Vergessen. Das Recht auf Sponge Bob. Das Recht auf Bernd das Brot. Das Recht auf die Fernbedienung. So. Schluss mit fragwürdiger Empirie. Die zahlenmäßige Auswertung der Nennungen erspare ich Ihnen; sie hat ohnehin nichts Brauchbares ergeben. Natürlich mag man einwenden, die Sache bilde neben meinem Widerstand gegen die Wissenschaft in erster Linie ab, mit welchen Leuten ich Umgang pflege; dennoch fällt auf, dass bei persönlicher Befragung der Menschen die kleinen Dinge, die handlich sind und überschaubar, in den Vordergrund treten, die Nebenrechte, wenn man so möchte, und ich bekomme plötzlich den Verdacht, dass es sich bei ihnen genauso verhält wie bei der Frage nach der Wahl der zielführenden Route zum Kind. Ich verweise auf vorhin: Geradeso wie im Umgang mit Kindern und Jugendlichen früher oder später der Eindruck entsteht, dass die Via Regia, 6

7 jener Weg, der zu den wirklich wichtigen Dingen führt, immer der Umweg ist, könnte man vermuten, dass die Rede von den Nebenrechten nichts anderes ist als der Diskurs über Grundrechte, dem die Schwere genommen wurde. Aber über Grundrechte wollte ich ja nicht sprechen. Wenn man übrigens mich selbst gefragt hätte, wären mir zur eben angeführten Liste noch zwei Nebenrechte eingefallen. Erstens: Das Recht auf Gelassenheit. Warum ständig diese Aufregung, wenn es um Kinder und Jugendliche geht, warum diese unkorrigierbare Affinität zur Apokalypse? Warum blickt man lieber der herbeiimaginierten Katastrophe ins Auge als dem Umstand, dass die Dinge in Wahrheit alle viel besser geworden sind (die Kinder vor allem, - übrigens hervorragend nachzulesen im letztem Buch des deutschen Entwicklungspsychologen Martin Dornes Die Modernisierung der Seele. Kind Familie Gesellschaft )? Warum also der permanente Alarm? Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt in seiner Schrift Streß und Freiheit, die zwar nur sechzig Seiten umfasst, die Lektüre aber trotzdem lohnt, die erregte gemeinsame Besorgnis in hoch individualisierten Gesellschaften als ein Medium des sozialen Zusammenhaltes. Nach meiner Auffassung sind die politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, in erster Linie als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme zu begreifen. Diese haben Bestand nur in dem Maß, wie es ihnen gelingt, durch den Wechsel der Tages- und Jahresthemen ihren spezifischen Unruhe-Tonus zu wahren. Aus dieser Sicht ist eine Nation ein Kollektiv, dem es gelingt, gemeinsam Unruhe zu bewahren. Das ist als Antwort auf die Frage nach der Ursache der Aufregung interessant. Zusätzlich kann einem dazu einfallen, dass Kinder und Jugendliche immer schon ein tonisierendes Thema waren, ja dass die Klage über die gegenwärtige und im Vergleich zu früher hoffnungslos verkommende Jugend seit Jahrtausenden zum festen Stress-Erhaltungs- Inventar aller Kulturkritik zu gehören scheint. Erstens also das Recht auf Gelassenheit. Zweitens: Das Recht auf das Geheimnis. In ihrer wunderbaren und ebenfalls nur sechzig Seiten umfassenden Schrift Wir verschwinden. Der Mensch im digitalen Zeitalter stellt uns die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel als Teile einer Welt dar, in der alles transparent und kontrollierbar zu sein hat: Sind wir nicht Teil einer Maschine, die Denken durch Rechnen ersetzt, Zwiespalt durch Zweifelsfreiheit und Aufklärung durch totale Transparenz? 7

8 (...) Wir können alles beobachten, was die anderen tun, und alles, was wir tun, ist für jeden sichtbar. Nur uns selbst verlieren wir dabei aus dem Blick. Was haben wir lieber, meine Damen und Herren, - Kinder, die in vorgestanzte Bildungsstandards passen, oder Kinder, die nachdenken, Jugendliche, die uns in Zweifel ziehen, oder Jugendliche, die brav den Brei in sich hineinlöffeln, den wir ihnen vorgekaut haben? Was haben wir lieber, - den freien Zugang zum aufgeräumten und frisch gesaugten Kinderzimmer oder die Tür, die uns vor der Nase zugeknallt wird, eine Sekunde, nachdem wir auf dem Bildschirm des Sprosses etwas gesehen haben, was wir besser nicht gesehen hätten? Miriam Meckel, noch einmal: Wir brauchen Momente des Unbeobachtetseins, der Unsichtbarkeit, um mit uns selbst und anderen Menschen aushandeln zu können, wie wir sichtbar sein wollen und was von uns sichtbar sein soll. Kinder haben ein Recht auf Dinge, die unsichtbar, die im Dunkeln bleiben. Kinder haben ein Recht auf das Geheimnis. Speziell wir professionellen Psychos, die wir das Aufdecken im Programm haben, sollten uns das regelmäßig vor Augen führen, denke ich. Der literarische Ausgangspunkt von Miriam Meckels Text und das macht ihn für mich persönlich besonders sympathisch ist übrigens Otfried Preußlers Kinderbuch Das kleine Gespenst, jene Geschichte, in der sich ein kleines Nachtgespenst aus Neugier dem Tageslicht, also dem permanenten Beleuchtetsein, aussetzt und am Schluss reumütig wieder dorthin zurück kehrt, wo nicht alles transparent ist und bestenfalls der Mond und die Eule die Geheimnisse kennen, die es in sich trägt. Am Ende bin ich also wieder bei den Geschichten gelandet. Das wundert jetzt niemanden, denke ich, und mir erlaubt es, kongruent zu sein. Als ich nämlich vor fünf Jahren anlässlich der Verleihung des Steirischen Kinderrechtspreises hier in Graz sprechen durfte, beendete ich meine Rede mit einem Verweis auf Pippi Langstrumpf, die mit ihren Freunden Thomas und Annika in der Villa Kunterbunt Geburtstag feiert. Zuletzt spielen die drei Boden nicht berühren, vielleicht erinnern sich manche von Ihnen, - dieses Spiel, das wir alle total super finden, solange es die Kinder vom Nachbarn spielen. Da hier und heute ebenfalls Geburtstag gefeiert wird, erlaube ich mir, mit der zweiten Lieblings-Geburtstagsszene zu schließen, die es für mich in der Kinderliteratur gibt. Sie stammt aus Alan Alexander Milnes Roman Winnie-Pu. Derjenige, der Geburtstag hat, ist einer von Winnie-Pus Freunden, I-Ah, der melancholische Esel. Du hast Geburtstag?, fragte Pu erstaunt. Natürlich, sagte I-Ah, kuck dir meine vielen Geschenke an. Den Geburtstagskuchen, die Kerzen, den rosa Zucker. 8

9 Pu kuckte nach rechts, dann nach links. Geschenke?, sagte er, Geburtstagskuchen? Wo? Kannst du sie nicht sehen?, fragte I-Ah. Nein, sagte Pu. Ich auch nicht, sagte I-Ah, kleiner Scherz. In der Folge beschließen Pu und seine Freunde Ferkel und Eule, I-Ah schleunigst etwas zum Geburtstag zu schenken. Pu findet in seinen Vorräten einen kleinen Topf mit Honig, wird aber auf dem Weg zu I-Ah leider von einer kleinen Unterzuckerung befallen, so dass er den Topf leerschlecken muss. Ferkel hat noch einen schönen Ballon von seiner letzten Party zu Hause, an sich das perfekte Geschenk für I-Ah, fällt aber seiner Hyperaktivität zum Opfer, stolpert, und der Ballon zerplatzt. Schließlich stellt sich heraus, dass es auch mit den Schreibkünsten der Eule nicht so gut bestellt ist, wie die anderen dachten, und die gemeinsame Geburtstagskarte daher eher ein Fall für den Legasthenietrainer geworden ist. Als sie am Ende bei I-Ah ankommen, Pu mit seinem leeren Topf, Ferkel mit seinem zerplatzten Ballon und beide mit ihrem schlechten Gewissen, passiert etwas Wunderbares: Als I-Ah den Ballon und den Topf sah, wurde er ganz aufgeregt. Ich glaube, mein Ballon passt genau in den Topf, sagte er. Aber nein, sagte Pu, Ballons sind viel zu groß, um in Töpfe zu passen. Meiner nicht, sagte I-Ah, kuck mal, Ferkel. Als sich Ferkel traurig umsah, hob I-Ah den Ballon mit den Zähnen auf und legte ihn vorsichtig in den Topf; dann holte er ihn wieder heraus und legte ihn auf die Erde; dann hob er ihn auf und steckte ihn wieder zurück, und er war so glücklich, wie man nur sein kann. Eine Geschichte, die damit beginnt, dass von seinen Freunden das Recht eines depressiven Esels auf ein Geburtstagsgeschenk festgestellt wird, eine Geschichte, die das Recht auf einen vollen Topf und das Recht auf den plötzlichen kleinen Hunger genauso in sich vereint wie das Recht auf einen Ballon und das Recht auf ein kleines Missgeschick, eine Geschichte schließlich, die das Recht auf die Teilleistungsschwäche nicht auslässt und damit endet, dass das Recht auf Glück manchmal gleichbedeutend ist mit dem Recht darauf, das Glück ein wenig herbeizureden, - so eine Geschichte ist genau das Richtige, um aufzuhören, denke ich. Liebe Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark, ich wünsche von Herzen alles Gute zum Geburtstag! 9

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