20 JAHRE KUNSTFÖRDERVEREIN KREIS DÜREN E.V. RÜCKBLICKE SCHWERPUNKTE DOKUMENTATIONEN

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2 20 JAHRE KUNSTFÖRDERVEREIN KREIS DÜREN E.V. RÜCKBLICKE SCHWERPUNKTE DOKUMENTATIONEN Herausgegeben zur Festveranstaltung am 31. August 2006 im RWE-Kraftwerk Heimbach aus Anlass des 20jährigen Bestehens des Kunstfördervereins Kreis Düren e.v.

3 INHALT Vorwort Grußworte Gedanken zur Geschichte der Kunstförderung Rückblicke Entstehungsgeschichte des Kunstfördervereins Kreis Düren e.v Wie es begann und was daraus wurde Organigramm Bernoulli, Fibonacci und die rechtsdrehende Milchsäure Schwerpunkte SPANNUNGEN: Musik im Kraftwerk Heimbach Die ersten neun Jahre Ein Lob der Knappheit Links bündig rechts flatternd Aktion für Gutes Bauen im Kreis Düren Art Up! Junge Kunst aus deutschenn Akademien Dokumentationen Die Vorstände von Veranstaltungen von Impressum

4 VORWORT Liebe Mitglieder des Kunstfördervereins, meine sehr verehrten Damen, sehr geehrte Herren, als sich am 23. September 1986 die Gründungsmitglieder in Düren s Posthotel zusammen fanden und den Verein der Freunde und Förderer von Kunst und Künstlern im Kreis Düren e.v. gründeten, war es ihre Absicht, das kulturelle Angebot im Kreis Düren mit einem ausgewählten Programm zu bereichern und jungen Künstlern bei ihrem Start zu helfen. Relativ schnell gelang es dem ersten Vorsitzenden, Herrn Prof. Jochims, eine stattliche Anzahl von Mitgliedern zu werben und ein anspruchsvolles Programm zu realisieren. Dass diesem Verein dereinst die ehrenvolle (und arbeitsintensive) Organisation des Kammermusikfestes SPANNUNGEN: Musik im Kraftwerk Heimbach übertragen werden würde, konnte damals niemand ahnen. Inzwischen ist der Verein 20 Jahre alt und wenn man sich die Zeittafel einmal genauer ansieht, hat er in der zurückliegenden Zeit die kulturelle Szene in der Region mit einem breit angelegten Programm bereichert. Heute stützt sich der inzwischen in Kunstförderverein Kreis Düren e.v. umbenannte Verein auf vier Veranstaltungsbereiche: 4

5 VORWORT Da ist zuerst als tragende Säule die inzwischen als Bürgerbewegung in Sachen Kammermusik (Norbert Ely) weit über Deutschland hinaus bekannte Kammermusikreihe SPANNUNGEN: Musik im Kraftwerk Heimbach. Darüber hinaus bieten wir mit der Lyrikreihe Der Lyrik eine Gasse den Freunden der Dichtkunst regelmäßig Veranstaltungen mit zeitgenössischen Autoren. Unsere dritte Aktivität, die Aktion für gutes Bauen, befasst sich mit der Architektur in der Region und behandelt jährlich in einem Forum ein bestimmtes städtebauliches Thema. Unser jüngstes Kind ist der Bereich Bildende Kunst, mit dem wir im letzten Jahr unsere erste, viel beachtete Ausstellung Art up! Junge Kunst aus deutschen Akademien realisiert haben. Bei unserem diesjährigen Jubiläum blicken wir dankbar zurück auf eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Kreis Düren, die in 20 Jahren reichlich Früchte getragen und heute ihren festen Platz im Kulturleben von Stadt, Kreis und Land gefunden hat. Der heutige Vorstand des Kunstfördervereins sieht sich in der Pflicht, das erreichte Niveau zu halten und immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen, Diskussionen anzustoßen und Impulse von außen in die Region zu tragen. Dabei muss unser besonderes Augenmerk darauf gerichtet sein, dass wir mit den Themen auch die nachwachsende Generation erreichen und begeistern, damit wir noch so manches Jubiläum feiern können. In diesem Sinne werden wir weiter arbeiten und freuen uns, mit Ihnen zusammen auf viele interessante und anregende Begegnungen. Gerhard Quitmann Vorsitzender Kunstförderverein Kreis Düren e.v. 5

6 GRUSSWORT 6 Der Kunstförderverein Kreis Düren e.v. feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums spreche ich für den Kreis Düren und auch persönlich die herzlichsten Glückwünsche aus. Ihrer Jubiläumsveranstaltung wünsche ich schon heute einige unterhaltsame Stunden im Kreis zahlreicher kunstinteressierter Gäste. Gegründet als Verein der Freunde und Förderer von Kunst und Künstlern im Kreis Düren e.v. haben Sie diesem Namen in den zurückliegenden 20 Jahren alle Ehre gemacht. Auf das bisher Erreichte können Sie mit Stolz zurückblicken. Im Kreis Düren und der Region steckt ein großes künstlerisches Potential und so verfügt Ihr Verein über ein breitgefächertes Betätigungsfeld. Ob Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen oder Ausstellungen Ihr Anliegen ist es, auf vielfältige Weise in der Bevölkerung Interesse für Kunst und Künstler zu wecken. Überaus eindrucksvoll ist Ihnen dies vor allem mit dem Kammermusikfest Spannungen gelungen. Zum wiederholten Mal präsentieren Sie gemeinsam mit dem Dürener Pianisten Lars Vogt eine hochkarätige Konzertwoche im Kraftwerk Heimbach. Schon seit dem Auftakt im Jahr 1998 hat sich das erstklassige Musikfest geradezu spektakulär entwickelt und ist heute fest etabliert. Kunst und Kultur sind eng miteinander verknüpft, sie haben auch im Kreis Düren einen hohen Stellenwert. Die Aktivitäten des Kunstfördervereins lassen sich aus dem kulturellen Geschehen unseres Kreises nicht mehr wegdenken. Ihrem Engagement sind zahlreiche Initiativen für die Kunstschaffenden und für unsere Region zu verdanken. Die kreativen Leistungen der von Ihnen geförderten Künstlerinnen und Künstler bleiben auch außerhalb der kreisdürener Grenzen längst nicht unbeachtet. Kunst mit all ihren Facetten bereichert unser Leben. Lassen Sie in Ihrem Engagement und Ihrer Begeisterung nicht nach, damit wir uns auch künftig auf viele Veranstaltungen freuen können. Mit den besten Wünschen für eine weiterhin erfolgreiche Arbeit und ein gutes Miteinander verbleibe ichmit freundlichen Grüßen Ihr Wolfgang Spelthahn Landrat des Kreises Düren Düren, im Mai 2006

7 GRUSSWORT Seit am 23. September 1986 in Düren die Gründungsversammlung des Kunstfördervereins Kreis Düren e.v. stattfand, war diese Initiative mehr als ein Glücksfall für unsere Stadt und Region. Vielfältige Beiträge zu einem herausfordernden, spannenden kulturellen Leben sind daraus erwachsen, welche aus dem Landkreis an der Rur nicht mehr wegzudenken sind. Wir in der Kreisstadt schätzen uns glücklich, dass vermehrt in den letzten Jahren Veranstaltungen des Kunstfördervereins ihr Forum in Düren gefunden haben. Dadurch wurden bemerkenswerte Akzente auf ganz verschiedenen Gebieten gesetzt. Durch Kooperation mit deren Kunstakademien konnten auf Schloss Burgau junge Künstlerinnen und Künstler aus unserer französischen Partnerstadt Valenciennes, aber auch aus Düsseldorf und Münster ihre Werke präsentieren. Das Wasserschloss im Dürener Stadtwald ist auch regelmäßig Ort für Lesungen zeitgenössischer Lyrik. Wer je einen dieser Sonntagvormittage mit Hilde Domin, Ulla Hahn, Durs Grünbein oder auch Jan Wagner erlebt hat, wird diese Stunden der Poesie nicht wieder vergessen. Eine weitere Säule sind die Symposien, welche dem guten Bauen gewidmet sind. Anregende und provozierende Vorträge ermöglichen im urbanen Raum der Innenstadt interdisziplinäre Reflexion und kritischen Diskurs. Hieraus kommen wichtige Impulse für unsere Stadtentwicklung. Immer wieder ist die Stadt Düren auch Bühne für Konzerte des Kunstfördervereins. Neben dem Heimbacher Kammermusikfest von internationaler Bedeutung unter Leitung von Lars Vogt, der sich auch als Pianist von Weltruf dankenswerterweise immer wieder in seiner Heimatstadt engagiert, finden auch in Düren Konzerte statt, welche der Kunstförderverein ausrichtet so vor einem Jahr eine herausragende Präsentation traditioneller chinesischer Musik. Für all dies und noch viel mehr danke ich dem Kunstförderverein Kreis Düren und gratuliere sehr herzlich zu zwanzig Jahren wertvoller Arbeit der Kulturförderung in Stadt und Kreis Düren! Ich freue mich auf weitere gute und erfolgreiche Zusammenarbeit! Ihr Paul Larue Bürgermeister der Stadt Düren 7

8 GRUSSWORT 23. September 1986, nur wenige Tage vor der Welturaufführung des Musicals Das Phantom der Oper, dachte man auch in Düren an Kultur und Musik. So kamen die Freunde und Förderer von Kunst und Künstlern im Kreis Düren zusammen, um den Grundstein für den heutigen Kunstförderverein Kreis Düren zu legen. Was verbindet den Kunstförderverein Kreis Düren e.v. mit Heimbach? Es ist die Burg Hengebach, die von Anfang an als Domizil für Künstlerinnen und Künstler diente und auch heute noch dient. Hier fanden die ersten Sommerkurse unter Prof. Dr. Müller-Heuser statt, und weltberühmte Künstler waren schon in den 80-er Jahren in der heutigen Nationalparkstadt zu Gast. Die Entwicklung nahm ihren Lauf, Ausstellungen und die Sommerkurse auf Burg Hengebach waren beliebt, und dann wurde es ganz spannend, als Lars Vogt im Wasserkraftwerk Heimbach 1997 sein erstes Konzert gab: SPANNUNGEN war geboren. Der Kunstförderverein packte die Idee an, baute zusammen mit Lars Vogt eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse unserer Region auf, das jährlich viele tausend Menschen in seinen Bann zieht. Wir sind sehr stolz darauf, dass Heimbach die von der Natur gegebenen Vorzüge einer einmalig schönen, aber auch günstig gelegenen Landschaft genießt, die es vor mehr als hundert Jahren erlaubte, modernste Technik in die Eifel zu bringen. Wäre nicht das Wasserkraftwerk gebaut worden, gäbe es sicherlich heute keine SPANNUNGEN. Dem unermüdlichen Engagement aller aktiven Mitwirkenden im Kunstförderverein Kreis Düren e.v. gebühren Lob und hohe Anerkennung für ihren Einsatz und ihr Durchhaltevermögen. Augenmaß und Instinkt der Gründer und ihrer Nachfolger sorgten dafür, dass der Verein heutzutage hohes Ansehen und große Anerkennung für sein Wirken im kulturellen Bereich genießt. Harte Arbeit gepaart mit starkem Willen zeichnen die Menschen aus, die den Verein am Leben erhalten. Im Namen von Rat und Verwaltung der Stadt Heimbach spreche ich dem Vorstand und allen aktiven Helferinnen und Helfern meine herzlichen Glückwünsche zum 20-jährigen Bestehen aus. Möge der Kunstförderverein auch in Zukunft seine Ziele und Visionen mit der Unterstützung von Freunden und Gönnern verwirklichen können und uns weiterhin mit Kunst und Kultur ein Stück Lebensqualität bieten und erhalten. Bert Züll Bürgermeister der Stadt Heimbach 8

9 GRUSSWORT Als ich vor gut zehn Jahren begann, den Gedanken eines Kammermusikfestivals in meiner Heimat, der Dürener Eifel, zu entwickeln, gab es eine grundsätzliche Vision, die allem voranging: Es sollte ein künstlerisch kompromisslos auf höchstem Niveau sich abspielendes Ereignis sein, das von Künstlern entwickelt wird, ohne primär auf die Wirkung beim Publikum zu schielen. Es sollte die Künstler, die von höchstem Rang sein sollten, bis an ihre Grenzen fordern, dem Gehalt, der emotionalen Fülle und der Wahrheit in der Musik möglichst nahe zu kommen. Das war der Grundgedanke. Daran schlossen sich jede Menge organisatorische Konsequenzen an, von denen ich glaubte, dass sie sowieso nicht lösbar seien; ich trug den Gedanken also nur als Idee in mir, ging aber nicht aktiv den nächsten Schritt, den der Realisierung. In meinem jugendlichen Überschwang erzählte ich Dr. Peter Johannsen, damals wie heute im Vorstand des Kunstfödervereins Düren, von meinem Grundgedanken. Seiner Hartnäckigkeit, seinem wiederholten Nachfragen ( lass uns nach einem Konzertort Ausschau halten ) ist wohl der erste Impuls der Umsetzung des Kammermusikfestivals in der Eifel zu danken. Schnell merkte ich, dass die Prämisse, die ich für den künstlerischen Teil gestellt hatte, auch für alles Organisatorische galt: Es brauchte echte Musikliebhaber, die ihr Können, ihr Wissen, ihre Liebe und jede Menge Arbeit in den Dienst einer wunderbaren und erfüllenden Sache stellen. Dabei wird wie bei den Künstlern auch nie gefragt: Muss ich das jetzt machen?, Was habe ich davon?, Wieviel Zeit beansprucht das?, sondern es war von Anfang an eine so begeisterte Aufbruchstimmung, dass sich dies auch schnell in meiner künstlerischen Planung niederschlug und in der Tatsache, dass ich dem Projekt SPANNUNGEN höchste künstlerische Priorität einräumte. Alle Musiker, die in Heimbach sind und im imposanten Wasserkraftwerk der RWE auftreten, merken, dass dies kein Ort ist, an dem ein subventioniertes Konzerthaus mehr oder weniger lieblos Künstler einkauft, die ihre Arbeit verrichten, und ein erlesenes Publikum zwischen Champagnerempfang und Krabbenhäppchen nicht allzusehr von störenden oder gar verstörenden Klängen vom gesellschaftlichen Ereignis abgelenkt werden. Hier gilt s der Musik. Jeder merkt das, der in Heimbach ist. Wir fordern uns und wir fordern unser Publikum. Und die Liebe, die in der gesamten Vorbereitung ist, spürt man bis auf die Bühne. Wenn im Kraftwerk beispielsweise ein Streichsextett erklingt, das vor Sehnsucht, Schmerz und Freude vibriert, das das Leben in all seinen Facetten in uns schwingen lässt und Spannung bis zum Zerreißen erzeugt, so spüre ich 9

10 GRUSSWORT auch immer das Gesamtkunstwerk Heimbach: Ich spüre darin die höchst persönliche und sensible Künstlerbetreuung über das ganze Jahr hinweg inklusive Probenplanung von Wilfried Nachtigall, der mir auch in der Phase der Programmerstellung mit so viel Fachkenntnis und Gespür zur Seite steht; ich spüre darin das vielfältige, bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehende Engagement von Heinz Hassels, der u.a. für den Saalaufbau und den Kartenverkauf zuständig ist; ich spüre die intensive Musikbegeisterung von Rainer Tillessen, der das Festival von Anfang an durch sein Wissen, seinen Einsatz für Sponsoring, seine Lebenserfahrung und vor allem seine Liebe zur Musik so unendlich bereichert hat; ich spüre die vielen Gedanken, die sich bis heute Dr. Peter Johannsen macht, nun im Pressebereich bei uns tätig, wie das Festival am besten und ganz wichtig am authentischsten nach aussen dargestellt werden kann; ich spüre darin die Begeisterung von Gerhard Quitmann, dessen glückliche Verbindung seiner Erfahrung im Bankgeschäft mit seiner grenzenlosen Kunst- und Musikliebe das Festival auf so solide Beine gestellt hat; ich spüre die vielfältige Arbeit von Günter Mauer, von Justus Peters, von Kirstin Hansen, von Klaus Kenke, von Ingrid Dehn, von Eckhard Tennstedt, von Matthias Pannes, von Helmut Müllejans und von Karl Heinz Krons. Für mich ist dies der erste Teil der Heimbacher Familie, die für mich so wichtig geworden ist und von der ich so viel Vertrauen erfahren und so viel gelernt habe. Der andere Teil sind die wunderbaren Künstler, die Jahr für Jahr nach Heimbach kommen. Ein HOCH auf den Kunstförderverein Düren, den Ermöglicher so vieler künstlerischer Ereignisse und Werke. Meine herzlichsten Glückwünsche zum Jubiläum und vielen herzlichen Dank für diese für mich einmalige und so unendlich produktive Zusammenarbeit. Was wären wir Künstler einsam mit unseren Visionen, wenn es nicht solche Ermöglicher wie die Mitglieder und Unterstützer des Kunstfördervereins Düren gäbe, die die Fähigkeit haben, Feuer zu fangen, an die Vision zu glauben und nicht zu ruhen, bis das Gesamtkunstwerk in grösstmöglicher Schönheit entstanden ist. Lars Vogt Künstlerischer Leiter SPANNUNGEN: Musik im Kraftwerk Heimbach 10

11 GRUSSWORT Der erste Vorstand 1987 von links: Dr. Burchard Sielmann Ludger Dowe Prof. Wilfried Jochims Heinrich Niehaves nicht im Bild: Annette Klein Dr. Erol Kinali Ernst Ohst 11

12 GEDANKEN ZUR GESCHICHTE DER KUNSTFÖRDERUNG Wilfried Jochims GEDANKEN ZUR GESCHICHTE DER KUNSTFÖRDERUNG 12 Die Förderung der Kunst aller Sparten durch die höfische Gesellschaft fand im 17. und 18. Jahrhundert einen Höhepunkt. Dieses Verständnis fand seinen Ausdruck in den opulenten Palastbauten und Parkanlagen, die der rechte Ort für die Präsentation der Künstler waren, die oft genug den Erwartungshaltungen ihrer Auftraggeber nachkommen mussten. Wenn auch die Großzügigen unter ihnen Werke protegierten, die über das Niveau des Modischen hinausgingen, so blieb doch der tradierte Zeitgeschmack der zentralistischen Kunstförderung ausschlaggebend. Da die Musiker, Poeten und Literaten trotz ihrer Abhängigkeit sich nicht auf Dauer in ihrem Schaffensprozess einschränken ließen, überschritten sie oft mit Lust die Linie der Erwartungen. Erst dadurch konnte die anregende Diskussion in den entsprechenden Zirkeln entstehen. In diesem Sinne war Frankreich für die anderen europäischen Länder von großem Einfluss, was sich im Gebrauch der französischen Sprache, der Tischsitten der Küche usw. niederschlug. Von St. Petersburg, Moskau bis Potsdam und Wien galt es als Beweis für aristokratische Bildung, in der französischen Manier zu musizieren, Moliere, Voltaire oder Corneille zu zitieren. In diese heile Welt schlug der Blitz der französischen Revolution (1789) ein. Ungeachtet der großen Traditionen führte sie zu einer generellen Wende, die bald alle Stätten des ehemaligen Glanzes europaweit erreichen sollte. Das Vakuum blieb spürbar, bis die ersten bürgerlichen Initiativen entstanden. Die Gesellschaft der nachrevolutionären Phase brauchte Zeit, um ein neues kulturelles Netz zu spannen. Es war ein weiter Weg bis zu den Gründungen von ersten privaten Kunstgemeinden. Es ist kaum ein berühmteres Beispiel für den angedeuteten Wandel zu finden, als das Verhältnis zwischen Rodin und Rilke, dem neben der Korrespondenzerledigung die Förderung der Werke des Meisters oblag: Mon maître, je voudrais aller dans le monde répandre votre gloire. So war für Rilke 1905 eine Basis gefunden, in Berlin, Prag, Mannheim und an anderen Orten Verbindungen aufzubauen und so all-

13 GEDANKEN ZUR GESCHICHTE DER KUNSTFÖRDERUNG mählich die Amies de l atelier zu formieren. Die Amies des Musées stehen noch heute in der würdigen Tradition einer solchen Idee. Jede Gründung neuer Initiativen fordert Mut, ohne Zögern den Sprung zu wagen, von dem der französische Philosoph Alain (Pseudonym für Emilie Chartier, ) sagte: Wer zweifelt, ob er über den Graben kommt, fällt schon eben dieses Zweifels wegen hinein. (Qui doute s il sautera le fossé, par ce seul doute, il y tombe.) Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts traten mehr und mehr Stiftungen mit genau definierten Zielen neben die vom Staat gestützten Projekte. Diese kulturpolitische Entwicklung wurde durch den ersten Weltkrieg nachhaltig gestört. Wie schnell folgte darauf der nächste zerstörerische Schlag, der von dem Reichskulturministerium und der nationalsozialistischen Propaganda ausgeführt wurde! Die privaten Initiativen, die progressive und kritische Ansätze zeigten, wurden verboten. Statt individueller Entfaltung begann schon ab 1928 die bedrohliche Ankündigung der nationalsozialistischen Kunstideologie. Als in Deutschland in den avantgardistischen Ateliers und Galerien die Lichter ausgingen, konnten sich in Paris die experimentelle Musik, Poesie, Malerei und Plastik noch eine Weile halten, bis auch dort deutsche Offiziere ihre Stiefel auf die polierten Tische des Cafe de la Paix knallten. Nach 1945 entwickelte sich die Kunstszene in Ost- und Westdeutschland aus ideologischen und politischen Gründen sehr unterschiedlich. In den Jahren nach der Wende 1989 entstanden in den neuen Bundesländern bald zahlreiche Fördervereine. Alleine die den öffentlich-rechtlichen Hochschulen, Museen, Theatern und Orchestern zuarbeitenden Vereinigungen veränderten sehr bald das kulturelle Bild. Während Fördervereine im westlichen Teil der Bundesrepublik immer mehr zu Veranstaltern wurden, zeichnete sich in den neuen Bundesländern mehr die Mithilfe beim Ausbau der kulturellen Umfelder ab. Das Bewusstsein der wiedererlangten Gestaltungsfreiheit ist bis heute wirksam geblieben. Diese deutliche Profildifferenz könnte auch in den alten Bundesländern zu einem positiven Anstoß in der Diskussion über Förderinhalte führen. Auch der Kunstförderverein Kreis Düren e.v. hatte ein anregendes Vorspiel von Diskussionen. Zahlreiche Gespräche wurden über gesellschaftliche Aufgaben und die Positionierung im damaligen Kulturleben geführt. 13

14 GEDANKEN ZUR GESCHICHTE DER KUNSTFÖRDERUNG Die nicht nur formale Entscheidung, Kreis Düren in den Namen des Vereins aufzunehmen, eröffnete eine große regionale Spannweite der Aktivitäten, die sich auf der Grundlage eines regen Gedankenaustauschs mit Herrn Josef Hüttemann, Frau Dr. Baumann-Hagemann und Herrn Peters ergaben: Anmietung des Kavaliershauses, vorrangige Nutzung des Burgsaals, Kooperationsvereinbarung mit dem Töpfereimuseum in Langerwehe, dessen Leiter, Herr Dr. Sielmann, auch der stellvertretende Vorsitzende war, Begründung der Reihe Museumskonzerte Düren mit internationalen Solisten, Einrichtung von Meisterkursen auf Burg Heimbach unter Einbeziehung der Hochschule für Musik, Köln (Kooperationsvertrag), Einrichtung von Autorenlesungen im Töpfereimuseum und in der Galerie Die Treppe, Veranstaltungen daselbst mit experimenteller Musik, Förderung aufstrebender Künstler (z. B. erste Motorkettensäge für die Bearbeitung großer Werkstücke für Michael Denkler-Gietz, Stipendiatenunterstützung der Kursteilnehmer in Heimbach), kulturpolitisches Engagement zum Erhalt des Gebäudes Pleußmühle als Jugendkulturzentrum in der Veranstaltung Round Midnight im Leopold-Hoesch-Museum mit 500 bis 600 Gästen (siehe Berichte vom in Dürener Nachrichten und Dürener Zeitung Abb. auf Seite 15), Sitz des Fördervereins im Gründungsausschuss des Lokalrundfunks Radio-Rur usw. Im Rückblick ruhte der Kunstförderverein bald auf drei stabilen Säulen: Veranstaltungsreihen und Kurse Kooperation mit kommunalen Trägern Kulturpolitisches und soziales Engagement Die Tragfähigkeit dieser Stützen wurde in der Nachfolge verstärkt. Die Energie, mit der gegenwärtig der Kunstförderverein geführt wird, und das lebhafte Echo, das er findet, beweist, dass dieser Baum in der Kulturlandschaft des Kreises und der Stadt Düren damals und heute wichtig war und ist. Als Gründungsvorsitzender, der die Entstehungsjahre zusammen mit Herrn Dr. Sielmann gestalten durfte, wünsche ich dieser Initiative eine kraftvolle Zukunft. 14

15 RÜCKBLICKE Dürener Zeitung vom Round Midnight im Leopold-Hoesch-Museum 15

16 RÜCKBLICKE DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES KUNSTFÖRDERVEREIN KREIS DÜREN E.V. Justus Peters DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES KUNSTFÖRDERVEREINS KREIS DÜREN E.V. 16 So hat alles angefangen: Am fanden sich in Düren s Post- Hotel Kunstinteressierte aus der Region zusammen und gründeten den Verein der Freunde und Förderer von Kunst und Künstlern im Kreis Düren e.v.. Die Mitwirkenden waren Prof. Wilfried Jochims, stellvertretender Direktor der Musikhochschule Köln und seine Gattin, Frau Prof. Brigitta Jochims, Dr. Burchard Sielmann, Museumsdirektor des Töpfereimuseums Langerwehe, Ludger Dowe, Leiter der Volkshochschule des Kreises Düren, Annette Baumann-Hagemann, Dezernentin des Kreises Düren, Heinrich Niehaves, Gemeindedirektor in Kreuzau mit Gattin Anne, Heinz Bielefeldt, Schulrat im Schulamt für den Kreis Düren, Annette und Hans-Jürgen Klein aus Aldenhoven, der Dürener Zeichner Ernst Ohst, der türkische Maler Dr. Erol Kinali und weitere Kunstfreunde. Man hatte sich zum Ziel gesetzt, die Arbeit von und mit Künstlern aus dem Kreis Düren, gleich welcher Nationalität, zu fördern und zu unterstützen, sowie das Interesse für Kunst und Künstler, vor allem junger oder unbekannter Künstler, zu wecken und zu fördern. Dazu sollten auch die Förderung von Ausstellungs-, Auftritts- und Aufführungsmöglichkeiten außerhalb des Kreisgebietes und im Ausland zählen. Mindestens einmal jährlich sollten Vorträge, Lesungen, Gesang-, Musik- oder Filmaufführungen oder Ausstellungen veranstaltet werden. Den ersten Vorstand bildeten Prof. Wilfried Jochims, Vorsitzender, Dr. Kinali, Heinrich Niehaves, Dr. Sielmann, Ludger Dowe und Ernst Ohst. Es begannen intensive Überlegungen, in welche künstlerische Richtung man zunächst tätig werden wollte, wo es Kooperationsmöglichkeiten gab, wie junge Künstler gefördert werden könnten, unter Einbindung der Kunstakademie Düsseldorf und der Musikhochschule Köln mit ihren Außenstellen Aachen, Düsseldorf und Wuppertal; es wurde überlegt, an welchen historischen Stätten Veranstaltungen durchgeführt werden könnten, z.b. auf den Burgen in Nideggen und Heimbach sowie im Töpfereimuseum Langerwehe. Eine Reihe Dürener Museumskonzerte sollte begründet werden. Annette Baumann-Hagemann schied aus den Diensten des Kreises Düren und aus dem Verein aus. Ihr Nachfolger in ihrer Funktion bei der Kreisverwaltung Düren wie auch in der Vereinsarbeit wurde ab Justus Peters.

17 DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES KUNSTFÖRDERVEREIN KREIS DÜREN E.V. RÜCKBLICKE Mit viel Engagement begann die Werbung von Mitgliedern. Allein Prof. Jochims hat viele Mitglieder bzw. Ehepaare persönlich angeworben. Ende 1987 verzeichnete der Verein schon 182 Mitglieder. Es wurden Pläne geschmiedet, Arbeitsgruppen gebildet, viele Interessenten in die Planungen eingebunden, eine Woge von Inspirationen und Kreativität griff um sich. Ernst Ohst entwarf das erste Vereinslogo, das über ein Jahrzehnt die Schriftstücke des Vereins einprägsam hervorhob. Es gab neben allem Schwung, mit dem der neugegründete Verein sich an die Arbeit machte, vorsichtige und mahnende Stimmen, die auf das bereits vorhandene, breitgefächerte kulturelle Angebot in Düren verwiesen. Es sollen hier nur die Museumskonzerte und die Industriekonzerte erwähnt sein, die neben allen anderen kulturellen Ereignissen daran zweifeln ließen, ob für die vielseitig geplanten Aktivitäten eines neu gegründeten Kunstfördervereins noch Platz im Kulturleben des Kreises Düren vorhanden sei. Allerdings war und blieb der Elan des neuen Fördervereins und seines Gründungsvorsitzenden ungebrochen und voll Tatendrang. Das Eröffnungskonzert zu den kommenden Aktivitäten des Vereins fand am im Töpfereimuseum in Langerwehe statt ein Harfenkonzert mit der Solo-Harfenistin des Westdeutschen Rundfunks, Sabine Kulke, und der ersten Solo-Harfenistin des Gürzenich-Orchesters Köln, Han-An Liu. Bald schon fiel durch glückliche Zufälle das Augenmerk auf die Burg Hengebach in Heimbach. Die Burg stand vor der kommunalen Neugliederung 1972 im Eigentum des Kreises Schleiden. Sie fand schon in frühen Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges besondere Interessenten und Liebhaber. Der Inhaber einer weit bekannten Düsseldorfer Gaststätte und Brauerei hatte schon Ende der 50er Jahre die wunderbare Lage der Burg entdeckt, sie vom Kreis Schleiden angepachtet und mit viel Aufwand Teile der Burganlage renoviert, um hier exklusive Gäste unterbringen zu können. Später wurde dieses Vorhaben aufgegeben. In den 70er Jahren wurden durch das Kunststudio Bollmann aus Nideggen Kulturveranstaltungen, Ausstellungen und Seminare in der Burg organisiert. Im Zuge der kommunalen Neugliederung ging 1972 das Eigentum an der Burg auf den Kreis Düren über, der sich entschloss, die Instandsetzungsarbeiten in der Burg vollständig fortzusetzen. Die Burg sollte als Zentrum der 17

18 RÜCKBLICKE DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES KUNSTFÖRDERVEREIN KREIS DÜREN E.V. 18 Kreisvolkshochschule im Südkreis genutzt werden. Eine Planung des Landesjagdverbandes, die Burg als Jagd- und Naturkundemuseum zu nutzen, konnte nicht realisiert werden. Schließlich veräußerte der Kreis Düren die Burg zum symbolischen Preis von 1,- DM an die Stadt Heimbach. Der damalige Heimbacher Stadtdirektor Vellen widmete sich mit Eifer und Nachdruck dem Ziel der Tourismusförderung in Heimbach. Er sorgte für eine den Umständen entsprechende Möblierung des Kavaliershauses und blieb um eine zufriedenstellende Gastronomie in der Burggaststätte bemüht. Der Heimbacher Chor Eifelperle renovierte in Eigeninitiative das Torhaus mit finanzieller Unterstützung der Krischer-Stiftung. Im wieder hergestellten Torhaus fanden Ausstellungen statt und der Chor Eifelperle bekam dort seinen Probenraum. Es fanden sich wieder Freunde der Burg, so Prof. Meinardi von der Musikhochschule Köln und Frau Martha Harlem mit einem Freundeskreis. Musiker der Hochschule mit dem Heimbacher Chor Eifelperle führten gemeinsam, unter großem Beifall des Heimbacher Publikums, den Gefangenenchor aus Nabucco in der Burg auf. Prof. Wilfried Jochims, der Gründungsvorsitzende des Kunstfördervereins, wurde auf die Burg aufmerksam und schlug der Stadt Heimbach vor, die Burg als Proben- und Veranstaltungsstätte für Meisterkurse der Musikhochschule Köln zu nutzen. Dies wurde von der Stadt Heimbach mit großer Zustimmung akzeptiert. Zudem mietete der Kunstförderverein das Kavaliershaus ganzjährig an, um es als Wohnund Begegnungsstätte für Musikhochschüler, Professoren, aber auch für alle anderen Kunstliebhaber und künstlerisch Schaffenden zu nutzen. Es wurden Meisterkurse der Musikhochschule Köln durchgeführt, so ein Gesangs- und Instrumentalkurs mit Prof. Jochims, ein Kurs für Barocktrompete und Orgel mit Friedemann Immer, aber auch Aktionen mit Kindern, z.b. ein Kinderzirkus und ein Schulwettbewerb Menschen mit Masken. Die Kurse waren teilweise öffentlich zugänglich. So verfolgten 180 Zuhörer den Solokurs von Wilfrid Jochims, der Palas-Saal der Burg war völlig überfüllt beim Abschlusskonzert mit Arien des italienischen und des deutschen Barocks. Während des Trompetenkurses wurde abends von der Burg eine Abendfanfare über Heimbach gespielt, deren Echowirkung reizvolle Effekte hervorrief. Das Kavaliershaus wurde auch Kunstfreunden als Treffpunkt mit Übernachtungsmöglichkeit angeboten, auf das Burgzimmer mit Baldachinbett aus dem Jahre 1726 und das Engelzimmer mit efeuumranktem kleinen Balkon und herrlicher Aussicht auf das Rurtal wurde besonders hingewiesen. Ebenso auf einen Konferenzraum mit offenem Kamin und Küche zur Selbstversorgung. Schon 1988 verzeichnete der Verein 420 Übernachtungen in der Burg. Der Leiter der Musikhochschule Köln, Professor Müller-Heuser, unterstützte die neue kul-

19 DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES KUNSTFÖRDERVEREIN KREIS DÜREN E.V. RÜCKBLICKE turelle Initiative auf der Burg Heimbach durch die langfristige Leihgabe eines Steinway-Flügels und einer kleinen Orgel, um hohe künstlerische Qualität sicherzustellen. Das 3. Fernsehprogramm des Westdeutschen Rundfunks berichtete über die Sommerkurse auf Burg Heimbach. Für die Mitglieder des Kunstfördervereins brachte die Verfügungsbefugnis über die Burg auch viel Arbeit mit sich. Für Gäste oder die Musikstudenten mussten die Zimmer gereinigt und hergerichtet werden, die Betten waren zu beziehen, die Räumlichkeiten im Palas waren zu säubern, Stühle waren zu Veranstaltungen aufzustellen, alles geschah in Eigenleistung mit viel Idealismus, wollte man doch den Verein nicht mit vermeidbaren Kosten belasten. Es war ein Schlüsseldienst zu organisieren, damit die Musikgruppen der Hochschule Köln überhaupt in die Burg und in das Kavaliershaus hineinkamen. Und da niemand vom Verein vor Ort wohnte oder erreichbar war, mussten unzählige Fahrten von Düren aus unternommen werden, oft mit Schrubber, Besen und Putzzeug, um die Burg in einem annehmbaren Zustand zu halten. Mit viel Idealismus und Einsatzbereitschaft ging man ans Werk, zu nennen sind hier insbesondere das Ehepaar Dr. Telse und Dr. Jochen Zimmermann, das Ehepaar Hildegard und Karl-Heinz Krons. Dürener Nachrichten von Erster Sommerkurs auf Burg Heimbach 19

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