Warum Prozessschutz Was heißt das? Definitionen Ziele Begründungen. von. Dr. Georg Verbücheln

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1 Warum Prozessschutz Was heißt das? Definitionen Ziele Begründungen von Dr. Georg Verbücheln

2 Einleitung Die Vilmer Thesen Umsetzung von Prozessschutz in der Naturschutzpraxis

3 A Entstehung und Inhalt der Idee vom Prozessschutz (PS) 1. Die unter dem Signum Natur Natur sein lassen! populär gewordene Vision vom PS ist Ausdruck eines neuen Dynamik -Denkens im Naturschutz 2. Mit Verweis am PS ist die Kritik am bisherigen NS verbunden, ein Schutz gegen das Naturgeschehen zu sein; PS wir daher bisweilen geradezu als Alternative zu tradierten Naturschutzzielen aufgefasst 3. Der PS gilt als Evolutionsschutz, indem Freiräume für natürliche Evolution geschaffen werden sollen 4. Der PS im engeren Sinn schließt per Definition dauerhafte menschliche Eingriffe aus, räumt aber zeitweilige Pflegemaßnahmen zur Einleitung natürlicher Prozesse ein

4 B Begründungen für einen Prozessschutz (PS) 5. Die Argumentation, natürliche Prozesse seien besser und wertvoller als anthropogen beeinflusste Prozesse, ist ethisch ebenso wenig stichhaltig wie die Forderung, mit dem PS solle der Natur zurückgegeben werden, was der Mensch sich genommen habe 6. Der PS hat einen instrumentellen Charakter, wenn durch den Schutz natürlicher Prozesse erwünschte Zustände angestrebt werden 7. PS lässt sich mit der zunehmenden Sehnsucht nach vom Menschen kaum geprägten bzw. nur wenig überformter Natur vor allem eudaimonistisch begründen 8. Die Forderung, natürliche Prozesse um ihrer selbst willen zu schützen, ist streng genommen nur aus einer holistischen Position begründbar

5 C Probleme und Stellenwert des Naturschutzes 9. Obwohl im PS stark auf naturwissenschaftliche Argumente verwiesen wird, sind die Ziele geprägt von kulturellen Denkmustern, die jenseits naturwissenschaftlicher Fragen thematisiert werden müssen 10.Der Prozessschutzgedanke ist Ausdruck einer Sehnsucht nach Wildnis Fazit der Autoren: Der PS ist kein alleiniges und kein oberstes Naturschutzziel, sondern eine sinnvolle und berechtigte Leitlinie des Naturschutzes unter mehreren. Die Vision von PS bietet Ansätze dafür, die natürliche Dynamik und das natürliche Evolutionsgeschehen stärker als bisher zu berücksichtigen. Quelle: PIECHOCKI, R. et al. (2004): Vilmer Thesen zum Prozessschutz. NuL Heft 2

6 Schlussfolgerung für die Naturschutzpraxis: PS auf großen Flächen (Wildnis) schafft in besonderer Weise Raum für natürliche Dynamik ( patch dynamics ) und natürliche Kreisläufe. Ohne PS bleibt Biodiversitätsschutz rudimentär ohne PS ist die Biodiversität nicht ganzheitlich zu sichern; je nach Projekt kann PS mit unterschiedlicher Zielsetzung eingesetzt werden. PS ist ein wichtiger Teil des Naturschutzes; er kann aber nicht die ebenso sinnvolle und wichtige, oft aufwendige Erhaltung nutzungsabhängiger Ökosysteme, z.b. unserer artenreichen Graslandökosysteme, ersetzen. Auch in einem so dicht besiedelten Land wie NRW ist PS im Sinne vermehrter Integration dynamischer Elemente sinnvoll und möglich oft unabhängig von der Flächengröße.

7 Vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen lassen sich unter einem bewusst weit gefassten Begriff PS folgende Flächentypen subsumieren: Segregativer PS: 1. Sich selbst regulierende Ökosysteme (also Gebiete, die mehr oder weniger sich selbst überlassen bleiben (Sukzession) im Sinne von Natur Natur sein lassen) Akzeptanz eines nicht vorher fixierten Endzustandes Integrativer PS: 2. Gebiete, die sich unter Einbeziehung von Prozessschutzelementen weitgehend frei, aber z.b. unter dem Einfluss großer Pflanzenfresser, entwickeln dürfen Systemorientierte PS legt Wert auf vollständige Prozessabläufe. Ein solches Konzept könnte z.b. die vorübergehende Aufrechterhaltung fehlender Prozess- bzw. Systemkomponenten durch den Menschen beinhalten (z.b. Wildregulierung bei fehlenden Großprädatoren) 3. Gebiete, in denen z.b. so genannte Störungen (Störungsbiologie), als Teil dynamischer Prozesse aufgefasst werden, die zu Entwicklungen führen, deren Ergebnisse nicht vorhersehbar ist, z.b. Zulassung von Pionierentwicklungen Uferabbrüche/Uferschwalben/Eisvögel/lehmbewohnende Insekten Hochwasserkolke Kinderstuben für Hecht und Co Biberdämme Kalamitäten 4. Gebiete in denen Elemente des PS im Rahmen der Nutzung bewusst eingesetzt/ akzeptiert werden (z.b. Zulassen von Totholz im Rahmen der Waldbewirtschaftung)

8 Möglichkeiten zu PS im Sinne von Wildnisentwicklung in einem so dicht besiedelten Bundesland wie NRW als Teil des Biotopverbunds: Gewässerrenaturierung (z.b. Strahlursprünge) Still- und Fließgewässer Naturentwicklungsgebiete mit großen Pflanzenfressern vor allem in Auen aber auch im Bereich ehemaliger TÜP Moorrenaturierung/Moorschutz Wildnisentwicklung im Wald NLP NWZ - Wildnisentwicklungsgebiete - bis hin zu Sukzessionswäldern im Ruhrgebiet bei Zulassen der spielerischen Aneignung dieser Sekundär-Wildnis durch Kinder und Jugendliche Fazit: Prozessschutz und seine Elemente, also das Auftreten dynamischer, oft nicht vorhersehbarer Entwicklungen sind in verschiedenen graduellen Abstufungen integraler bzw. ergänzender Bestandteil einer umfassenden Naturschutzstrategie.

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