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1 FAKTEN. Migräne von Stefan Evers 1. Auflage Thieme 2006 Verlag C.H. Beck im Internet: ISBN schnell und portofrei erhältlich bei beck-shop.de DIE FACHBUCHHANDLUNG

2 18 3 Differenzialdiagnostik der Migräne 3.1 Andere Kopfschmerzformen Episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp! Hinweis: Der episodische Kopfschmerz vom Spannungstyp ist die häufigste und wichtigste Differenzialdiagnose zur Migräne. Lebenszeitprävalenz von 66 %. Geschlechtsverhältnis: Männer zu Frauen = 1:1. Altersgipfel bei Erstmanifestation: Ca. 20. Lebensjahr. Pathophysiologie: Wahrscheinlich beruht der episodische Kopfschmerz vom Spannungstyp primär auf einer Störung der zentralen Schmerzhemmung.! Hinweis: Entgegen früherer Vermutungen spielen Muskelverspannungen in der Pathogenese dieses Kopfschmerzes nur eine untergeordnete Rolle. IHS-Diagnosekriterien: Siehe Tab. 3.1.! Hinweis: Die Diagnosekriterien des episodischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp sind das Gegenteil der IHS-Kriterien der Migräne! Bei Erfüllen der Minimalkriterien für Migräne und den episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp kann es zu Überschneidungen kommen, sodass beide Diagnosen gestellt werden können Tabelle 3.1 IHS-Diagnosekriterien des episodischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp A. Mindestens 10 Episoden, die die Kriterien B D erfüllen. B. Kopfschmerzdauer zwischen 30 Minuten und 7 Tagen. C. Mindestens 2 der nachfolgenden Charakteristika: 1. Beidseitige Lokalisation. 2. Schmerzqualität drückend oder beengend, nicht pulsierend. 3. Leichte bis mittelschwere Schmerzintensität. 4. Keine Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten wie Gehen oder Treppensteigen. D. Beide folgenden Punkte sind erfüllt: 1. Keine Übelkeit oder Erbrechen (Appetitlosigkeit kann vorkommen). 2. Photophobie oder Phonophobie (nicht beides). E. Nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen.

3 3.1 Andere Kopfschmerzformen! Hinweis: Minimalkriterien bedeutet, dass ein Patient gerade genug Kriterien für eine bestimmte Kopfschmerzform erfüllt, damit die Diagnose gestellt werden kann. Therapie: V. a. durch nicht-medikamentöse Verfahren (z. B. Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie). Attackenkupierung: Nur NSAR (es gelten dieselben Therapieempfehlungen wie bei der Migränebehandlung, S. 51.) Kein routinemäßiger Einsatz von Triptanen (auch wenn eine Wirksamkeit von Patienten angegeben wird).! Merke: Es gibt keine Indikation für Triptane beim episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp! Wenn Triptane helfen, helfen NSAR auch!! Hinweis: Es hat sich gezeigt, dass auch die Kopfschmerzen vom Spannungstyp gelegentlich auf Triptane ansprechen und ähnliche Neuropeptid-Aktivierungen aufweisen wie die Migräne (S. 34). Es wird daher zunehmend von einem Kontinuum der beiden attackenartigen Kopfschmerzformen ausgegangen. Eine distinkte Trennung zwischen Migräne und episodischem Kopfschmerz vom Spannungstyp ist auf pathophysiologischer Ebene nicht bei allen Patienten möglich. Chronische Kopfschmerz vom Spannungstyp Lebenszeitprävalenz: 1 2 %. Geschlechtsverhältnis: Männer zu Frauen 1:1. Diagnosekriterien: Die Diagnosekriterien entsprechen den Kriterien für den episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp (Tab. 3.1), allerdings treten die Kopfschmerzen an über 15 Tagen im Monat auf. Er geht gelegentlich mit vegetativen Begleitsymptomen wie die Migräne einher.! Beachte: DD zur chronischen Migräne: Eine chronische Migräne entwickelt sich immer aus einer episodischen Verlaufsform (siehe Tab. 2.4, S. 11). Therapie: Amitriptylin (Saroten ) 75 mg abends. Clusterkopfschmerz! Hinweis: Die Abgrenzung zur Migräne ist aufgrund des typischen klinischen Bildes einfach. 1

4 20 3 Differenzialdiagnostik der Migräne Lebenszeitprävalenz: 0,1 %. Männer sind häufiger betroffen als Frauen (4:1). Der Altersgipfel bei Erstmanifestation liegt zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr. Pathophysiologie: Der Clusterkopfschmerz entsteht wahrscheinlich durch eine Dysfunktion des Hypothalamus. Diese führt zu einer Hirnstammstörung während der Attacke und zu einer neurogenen Entzündung vor allem des Sinus cavernosus. IHS-Diagnosekriterien siehe Tab Charakteristika des Clusterkopfschmerzes: Der Clusterkopfschmerz entsteht wahrscheinlich durch eine Dysfunktion des Hypothalamus. Diese führt zu einer Hirnstammaktivierung während der Attacke und zu einer neurogenen Entzündung v. a. im Sinus cavernosus. Die Attacken dauern in der Regel 1 Stunde und treten einmal pro Tag auf. Kopfschmerz ist streng einseitig immer auf derselben Seite. Autonome Symptome (z. B. Horner-Syndrom, Augentränen). Die Schmerzintensität übertrifft die der Migräne. Triggerfaktoren: Alkohol, Nitroglycerin, Histamin, helles Licht, Höhe. Tabelle 3.2 IHS-Diagnosekriterien des Clusterkopfschmerzes A. Mindestens 5 Attacken, welche die Kriterien B D erfüllen. B. Starke oder sehr starke einseitig orbital und/oder temporal lokalisierte Schmerzattacken, die unbehandelt 15 bis 180 Minuten anhalten. C. Begleitend tritt mindestens 1 der folgenden Charakteristika auf: 1. Ipsilaterale konjunktivale Injektion und/oder Lakrimation. 2. Ipsilaterale nasale Kongestion und/oder Rhinorrhö. 3. Ipsilaterales Lidödem. 4. Ipsilaterales Schwitzen im Bereich der Stirn oder des Gesichts. 5. Ipsilaterale Miosis und/oder Ptosis. 6. Körperliche Unruhe oder Agitiertheit. D. Attackenfrequenz liegt zwischen 1 Attacke jeden 2. Tag und 8 Attacken/ Tag. E. Nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen.

5 3.1 Andere Kopfschmerzformen 21 Therapie: Sehr effektiv! In der Attacke: Sumatriptan (Imigran ) 6 mg s.c. oder 100 % Sauerstoff (mind. 7 l/min). Prophylaxe: Verapamil (Isoptin ) 320 mg/tag (! Hinweis: Manchmal muss deutlich höher dosiert werden). Steroide (100 mg/tag über eine Woche, dann langsam ausschleichen). Lithium (Serumspiegel 1 mmol/l). Donnerschlagkopfschmerz! Hinweis: Sehr seltene idiopathische Kopfschmerzform. Zur Epidemiologie und Pathophysiologie des Donnerschlagkopfschmerzes ist bislang nichts bekannt. Charakteristika des Donnerkopfschmerzes: Plötzlich auftretende stärkste Kopfschmerzen. Entscheidend: Der Schmerz erreicht innerhalb von 1 Minute seine maximale Intensität. Kopfschmerzen können im weiteren Verlauf Kriterien einer Migräne erfüllen.! Beachte: Bei V. a. Donnerkopfschmerz muss immer eine SAB durch CCT und/oder Lumbalpunktion ausgeschlossen werden!! Hinweis: Es existiert keine Therapie des Donnerschlagkopfschmerzes! Zervikogener Kopfschmerz! Hinweis: Der zervikogene Kopfschmerz wird sehr häufig mit einer Migräne verwechselt! Das Geschlechtsverhältnis Frauen : Männer = ca. 2:1. Die Lebenszeitprävalenz und der Altersgipfel bei Erstmanifestation sind nicht bekannt. Pathophysiologie: Funktionelle oder strukturelle Veränderungen der oberen HWS, die zu einer reproduzierbaren Auslösung von Kopfschmerzen führen. Die IHS-Kriterien sind für den klinischen Einsatz relativ unspezifisch. Daher wurden klinische Kriterien (nach Sjaastad) entwickelt (Tab. 3.3).

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