Finanzierung neu denken Die Ashoka-Sozialunternehmerkonferenz 2012

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1 Finanzierung neu denken Die AshokaSozialunternehmerkonferenz 2012

2 Soziale Innovation fördern Kreative Finanzierungsinstrumente Das Planetensystem der Geldgeber aus Sicht von Social Entrepreneurs»Gehen zwei Unternehmer in die Bank. Einer hat ein neues Maschinenteil mit Weltmarktpotenzial. Der andere verdoppelt den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund. Die Preisfrage: Wer von beiden bekommt die Wachstumsfinanzierung?«Social Entrepreneurs können die Forschungs und Entwicklungsabteilung der Gesellschaft sein. Deshalb sollte man sie nicht finanzieren, als seien sie ihr Reparaturbetrieb. Sie erzeugen mehr Wert oder sparen mehr Folgekosten als sie verbrauchen. Deshalb sollten wir ihnen nicht nur ihre Kosten erstatten, sondern in die Verbreitung ihrer gesellschaftlichen Wirkung investieren. Dafür verdienen sie von einer klugen Gesellschaft ein großes Spektrum an Wachstumsfinanzierungen. Denn wir alle, die Gesellschaft, sind die Bank, in die Sozialunternehmer in Zukunft gehen können sollten, damit so viele benachteiligte Menschen wie möglich von ihren Innovationen profitieren können. Genau dieses Spektrum existiert noch nicht. Eher gibt es eine zergliederte Landschaft von Geldgebern mit isolierten Finanzierungsmethoden, die nur teilweise passen ähnlich einem System von Planeten, auf denen jeweils eigene Regeln gelten und die jeweils ihren eigenen Bahnen folgen: Öffentliche Hand (Zuwendungen, Subventionen) meist minus 100% Rendite, können Zugänge und Legitimität verschaffen hohe Auflagen mit versteckten Kosten (Beantragung, Vorfinanzierung, Berichtswesen) Kommerzielle Banken (Darlehen) keine Verwendungsauflagen erwarten Rendite und gewisses Volumen, Zugang schwierig für Social Entrepreneurs Unternehmen (Spenden, Sponsoring) meist wenig Auflagen, unternehmerisches Engagement hohe Erwartungen an eigene Sichtbarkeit, Engagement oft getrennt von Kerngeschäft Stiftungen (Spenden) minus 100% Rendite, manchmal risikobereit oft hohe Auflagen (Beantragung, Zweckbindung, Berichtswesen), meist kurze Förderzyklen Privatspender (Spenden) minus 100% Rendite, wenige Auflagen, schnelle Entscheidungen begrenzte Mittel, selten Expertise und Zeit Soziale Investoren (Darlehen, Eigenkapital) (relativ) geringe Rendite, wenige Auflagen, Fachexpertise keine Kleininvestitionen, erwarten Kontrollrechte

3 Wie könnte eine bessere Zukunft aussehen, in der Geld und soziale Wirkung öfter zusammenfinden? In einer optimalen Finanzierungslandschaft für soziale Innovation sollten drei Leitgedanken gelten: Leitgedanke 1 Wer Geld für innovative Vorhaben verleiht, tut das wenn möglich auch an spendenbasierte Projekte und macht diese fit für weitere Investitionen. Bislang gilt leider oft: Spenden gelten als»verliererwährung«für wohlmeinende aber unprofessionelle Sozialprojekte. Wer nicht kurzfristig durch erwirtschaftete Erträge selbsttragend und mit Marktrendite investabel ist, gilt nicht als echter Social Entrepreneur. Leitgedanke 2 Wer Spenden und Zuschüsse an innovative Vorhaben in der Frühphase vergibt, gibt gleichzeitig auch unternehmerischen Freiraum. Bislang gilt leider oft:»kostenloses«geld ist nicht so nützlich, wie es sein könnte. Es kommt erst nach aufwendigem Fundraising, mit Zweckbindung, großem Berichtsaufwand und nur für kurze Zeiträume. Es füllt vorab festgelegte Kostenlücken und schafft dadurch wenig Anreize, effizienter als erwartet zu arbeiten oder weitere Ertragsströme aufzubauen. Was Geldgeber tun können: Banken und Investoren können stärker anerkennen, dass Social Entrepreneurs sich gerade mit den Problemen beschäftigen, deren Lösung nicht klassisch durch Kunden bezahlt werden kann. Dass soziale Innovationen meist eine spendenbasierte Frühphase durchlaufen und oft permanent auf Spenden angewiesen bleiben. Banken und Investoren können schon dann mit rückzahlbaren Formen investieren, denn auch langfristig absehbare Spenden und Fördergelder sind Erträge, die als Sicherheiten gelten können. Und sie können spendenbasierte Social Entrepreneurs durch Geschäftsmodellentwicklung dabei unterstützen, weitere Ertragsströme zu schaffen und für Investitionen noch interessanter zu werden. Was Geldgeber tun können: Spender, Stiftungen und die öffentliche Hand können die Zweckbindungen ihrer Mittel reduzieren und die maximalen Förderzeiten über die typischen drei Jahre hinaus verlängern. Sie können das Erwirtschaften von Erträgen stärker honorieren, indem sie Restmittel überlassen, aktiv Geschäftsmodelle mitentwickeln und Kontakte zu Anschlussfinanzierern herstellen. Für die bessere Zukunft braucht es jetzt Pioniere. Wir laden Sie ein, mit uns zu lernen und zu experimentieren, um Möglichkeiten jenseits der etablierten Finanzierungen zu finden. Um ein Ökosystem zu schaffen, das soziale Innovationen in ganz Deutschland besser wachsen lässt. Leitgedanke 3 Verschiedene Finanzierer verbinden durch kreative Instrumente ihre Präferenzen und Stärken, um für jede Entwicklungsphase eines Social Entrepreneurs die passende Finanzierung zu bieten. Bislang gilt leider oft: Geldgeber unterschiedlicher Art kooperieren nicht. Wer als Social Entrepreneur weder hauptsächlich spendenbasiert noch klassisch kreditwürdig ist, erhält keine Finanzierung unabhängig vom Potential der sozialen Innovation. Was Geldgeber tun können: Finanzierer können schon jetzt eine ganze Reihe kreativer Instrumente umsetzen, insbesondere zur Kombination von Spenden und rückzahlbaren Formen: Eine Bank und eine Stiftung können gleichzeitig ein Darlehen geben und die Zinsen spenden. Eine Stiftung oder ein Spender kann bei einer Bank eine Garantie für einen Social Entrepreneur geben. Oder ein Investor kann durch ein Darlehen fest zugesagte staatliche Zuschüsse vorfinanzieren.

4 Warum ist es so schwer, dieses Ökosystem für soziale Finanzierung zu schaffen? Weil die Realität viele Fragen aufwirft: Wie geht man um mit Gemeinnützigkeit und Stiftungsrecht (oder der Bankenaufsicht und dem Haushaltsrecht)? Welche sozialen Organisationen sind eigentlich offen für welche Instrumente der Wachstumsfinanzierung? Und welche Einkommens oder Geschäftsmodelle passen dazu? Die Ashoka Fellows in Deutschland haben auf viele dieser Fragen kreative Antworten gefunden und dabei einige Vorurteile widerlegt. Hier sechs konkrete Beispiele: Vorurteil Nr. 1:»Es gibt das eine richtige Finanzierungsmodell für soziale Innovation: Am Ende muss man komplett ohne Spenden und staatliche Fördermittel auskommen.«social Entrepreneurs haben verschiedenste Finanzierungsmodelle. Und alle können richtig sein, weil sie am besten zur jeweiligen sozialen Innovation passen. Sozialunternehmen können überwiegend aus Eigenerträgen/Leistungsentgelten oder auch aus Spenden/öffentlichen Zuwendungen finanziert sein. Viele Sozialunternehmer kombinieren beide Einkommensquellen zu hybriden Finanzierungsformen. Entscheidend ist dabei allein, wo die finanziellen Einkünfte so planbar wie möglich werden und gleichzeitig die Verbreitungsgeschwindigkeit für die Innovation so hoch wie möglich ist. Vorurteil Nr. 2:»Wer gemeinnützig ist, darf keine Erträge außer Spenden und Zuwendungen haben.«gemeinnützigkeit erlaubt grundsätzlich verschiedenste Ertragsarten. Volker Baisch berät mit der Väter ggmbh Unternehmen dabei, wie sie väterfreundlicher werden können. Dabei finanziert er sich zu einem wesentlichen Teil aus den Beratungshonoraren der Unternehmen. Vorurteil Nr. 3:»Nur wer ohne Spenden und öffentliche Zuwendungen auskommt (sog. Social Business), ist investabel.«jedes Finanzierungsmodell kann die Annahme von Darlehen ermöglichen. Judy Korn resozialisiert auf innovative Weise, finanziert durch öffentliche Zuwendungen, mit dem Violence Prevention Network e.v. extremistische jugendliche Straftäter. Murat Vural baut mit dem Chancenwerk e.v. überwiegend spendenfinanziert Mentorenprogramme von Schülern für Schüler auf. Beide werden von sozialen Investoren mit Darlehen unterstützt. Vorurteil Nr. 4:»Erwirtschaftete Erträge von Social Entrepreneurs basieren immer auf privaten Mitteln.«Innovative Social Entrepreneurs können auch auf öffentlichen Erträgen basieren. Michaela Nachtrab ermöglicht mit ihrer Verbavoice GmbH und dem Social Affairs e.v. Hörgeschädigten soziale Teilhabe durch internetbasiertes Schriftdolmetschen in alltäglichen Lebenssituationen. Ihre Leistungen werden aus öffentlichen Mitteln bezahlt (die dadurch deutlich effizienter als zuvor eingesetzt werden). Sie wird durch eine stille Beteiligung eines sozialen Investors unterstützt. Vorurteil Nr. 5:»Wenn Zinsen gespendet werden, bereichert das nur einen Investor.«Zinsspenden können die Wirkung von Spenden vervielfachen. Manchmal ist nur dadurch eine ausreichende Wachstumsfinanzierung für eine soziale Innovation überhaupt möglich. Ein Beispiel außerhalb des AshokaNetzwerks: Der Social Entrepreneur Björn Czinczoll bietet mit der Kinderzentren Kunterbunt ggmbh Komplettlösungen für betriebliche Kinderbetreuung an, für deren Verbreitung er Euro brauchte. Die Renditeerwartung von 8% p.a. eines sozialen Investors konnte er in den ersten Jahren nicht erfüllen. Durch ein zinsloses Darlehen einer Stiftung für die Hälfte des benötigten Kapitals sank die Rückzahlungsverpflichtung auf 4% (Mittelwert aus 0% Zins und 8% Zins). Mittlerweile wurden bundesweit 34 (betriebliche) Kinderbetreuungszentren errichtet. Vorurteil Nr. 6:»Wenn bei Social Entrepreneurs gewerbliche Rechtsformen im Spiel sind, weiß man nie, ob am Ende zu viel Gewinn in privaten Taschen landet.«durch Teilhaberverhältnisse und vertragliche Regelungen lässt sich sicherstellen, dass das Rechtskonstrukt eines Social Entrepreneurs gemeinwohlorientiert bleibt. Gregor Hackmack ist Mitgründer der Transparenzplattform abgeordnetenwatch.de. Sie wird getragen vom Parlamentwatch e.v., der durch Spenden und Beiträge von über 1000 Fördermitgliedern finanziert wird. Die Parlamentwatch GmbH ist technischen Dienstleister und finanziert sich durch Programmieraufträge, Auslandslizenzierungen der Plattform und kostenpflichtige Zusatzfunktionen für Abgeordnete. So reduziert sie die PlattformBetriebskosten. Der Gesellschaftsvertrag der GmbH schreibt vor, dass alle Gewinne gespendet werden, 80% davon an den Parlamentwatch e.v.

5 Mit freundlicher Unterstützung von: Gestaltung: Caspar Wündrich, Tempus Corporate Druck: Kastner AG

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