Interdisziplinäre Erarbeitung eines Konzeptes zur Entwicklung von Flusslandschafts-Leitbildern: Leitbilder und Leitbildentwicklung

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1 i.a. des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur / Forschungsschwerpunkt 'Kulturlandschaft' unter Leitung der Abteilung für Hydrobiologie, Fischereiwirtschaft und Aquakultur, Universität für Bodenkultur Wien Interdisziplinäre Erarbeitung eines Konzeptes zur Entwicklung von Flusslandschafts-Leitbildern: Leitbilder und Leitbildentwicklung Brigitte Ömer, Alfred Strigl Österreichisches Institut für Nachhaltige Entwicklung, Wien Positionspapier zu Teilmodul 2 / Modellkonzeption Leitbildentwicklung für Flusslandschaften im Rahmen des Forschungsprojektes Flusslandschaftstypen Österreichs - Leitbilder für eine nachhaltige Entwicklung von Flusslandschaften 1. Zwischenbericht Wien, Dezember 2000

2 Leitbilder und Leitbildentwicklung 1 Interdisziplinäre Erarbeitung eines Konzeptes zur Entwicklung von Flusslandschafts-Leitbildern: Leitbilder und Leitbildentwicklung Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem endlosen Meer. Antoine de Saint-Exupéry Die Erstellung eines Leitbildes ist der erste Schritt einer aktiven Zukunftsplanung, in der die langfristige gewünschte Entwicklungsrichtung einer Gemeinde bzw. Region festgelegt wird. Ein Leitbild entwickeln heißt, ein visionäres "Bild" über einen gewünschten, in der Zukunft liegenden Zielzustand zu entwerfen. Es betrifft stets die Gesamtentwicklung einer Gemeinde oder Region und weist daher einen hohen Komplexitätsgrad in ihren Aussagen auf. In der in Abb. 1 dargestellten Hierarchie nimmt es deshalb die oberste Stufe ein, während Leitlinien, Leitziele und Maßnahmen einen je stufenweise höheren Konkretisierungsgrad besitzen. Indikatoren sind schließlich Messinstrumente für die Erfolgskontrolle der Maßnahmenumsetzung.

3 Leitbilder und Leitbildentwicklung 2 Abb. 1: Hierarchische Begriffsordnung gemäß deren Konkretheit. Leitbild beschreibt die gewünschte Entwicklungsrichtung eines Gesamtsystems Leitlinien beschreiben gewünschte Entwicklungsrichtungen von Teilsystemen Leitziele präzisieren die Vorstellungen über den Zustand in einem ausgewählten Teilbereich Maßnahmen konkrete Projekte zur Verwirklichung der Ziele partizipative Indikatoren überprüfen den Erfolg der bisherigen Maßnahmenumsetzung Der Zeithorizont des Leitbildes umfasst im Idealfall ca. 30 Jahre. Diese Zeitspanne sollte nicht kürzer sein, weil sonst das entworfene Bild der Zukunft noch zu sehr von der Gegenwart geprägt ist. Sie sollte aber auch nicht länger sein, um den Handlungsdruck auf die Gegenwart nicht abzuschwächen. Der Zeitaspekt des Leitbildes ist auch eng verknüpft mit dem Perspektivenwechsel von der Auswirkungs- zur Ursachenebene: In der bisher praktizierten Problemorientierung bei der Zukunftsplanung wurden die in der Gegenwart erkannten Probleme in der unmittelbaren Zukunft zu lösen versucht, d.h. Ansatzpunkte für Lösungsfindungsprozesse waren stets nur die Symptome bzw. Auswirkungen von mehr oder weniger weit in der Vergangenheit zurückliegenden Ursachen. Die

4 Leitbilder und Leitbildentwicklung 3 Leitbildorientierung stellt eine völlig andere Verfahrensweise dar: Der entworfene gewünschte Zukunftszustand in ca. 30 Jahren ist zugleich ein Summenbild über die Auswirkungen jener Handlungen, die in der Gegenwart gesetzt werden müssen. Die Gegenwart wird also aufgewertet zum aktiven Gestaltungszeitraum, da sie als Ursachenbereich für den angestrebten Leitbildzustand verstanden wird. In ihr müssen die grundlegenden Weichenstellungen in der Weise vorgenommen werden, dass der gewünschte Leitbildzustand auch erreicht wird. Die Wirkung eines Leitbildes ist in Abbildung 2 veranschaulicht. Sie besteht in der Ausrichtung der individuellen Entscheidungen und Handlungen auf eine gemeinsame Entwicklungszielrichtung. 1. Die Situation heute: Jeder Akteur trifft Entscheidungen aus seiner Sicht. A D B C E F 2. Die Funktion des Leitbildes: Verständigung auf ein gemeinsames Ziel und entsprechende Ausrichtung des individuellen Handelns. Leitbild A D C F B E Abb. 2: Die Wirkung eines Leitbildes.

5 Leitbilder und Leitbildentwicklung 4 Im allgemeinen können einem Leitbild drei Funktionen zugesprochen werden 1 : a. Orientierung: Leitbilder bieten Orientierung, indem sich die Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozesse der Menschen an einem gemeinsamen Bezugspunkt im Zukunftsdenken ausrichten. Sie sind sinnstiftend und orientierungsleitend. Eine eindeutige Richtung für die zukünftige Entwicklung wird vorgegeben. b. Koordinierung: Leitbilder koordinieren diese Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozesse, indem sie als übergeordnete Zielvorstellung die in den alltäglichen Kooperations- und Kommunikationsprozessen auftretenden Spannungen abbauen. Die Betroffenen in einer Gemeinde bzw. Region besitzen durch das Vorhandensein eines Leitbildes weitgehende Erwartungskonformität über die zukünftige Entwicklung ihres Lebensraumes. c. Motivierung: Leitbilder spiegeln normative Werte wider und aktivieren auch immer emotionale Potentiale der Menschen. Ein Leitbild sollte sich nicht nur in den Köpfen verankern, sondern muss auch zur Herzenssache der Menschen werden. Damit kommt der strategische Charakter eines Leitbildes zum Ausdruck: Es muss attraktiv sein, Sehnsucht nach einer veränderten und verbesserten Zukunft wecken und Aufbruchsstimmung erzeugen. Die sprachliche Formulierung des Leitbildes bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Prägnanz und Unschärfe: Einerseits muss das Leitbild in prägnanter und griffiger Sprache sehr kurz, d.h. etwa im Umfang von ein bis zwei DIN A4 Seiten, formuliert werden, sodass es von jedermann in der Gemeinde oder Region sofort verstanden werden kann. Nur so ist eine rasche Identifikation der Bürger mit dem Leitbild möglich. Je eingängiger die gesamte Leitbildbeschreibung ist, umso mehr werden es die Menschen in ihre Handlungen einbeziehen. Andererseits besitzt das Leitbild - wie wohl jede Beschreibung eines Zukunftszustandes - notwendigerweise eine gewisse Unschärfe in den Aussagen. Diese Unschärfe gibt aber zugleich jenen Freiraum, den jeder offene Arbeitsprozess (wie es Agenda-Prozesse sind) benötigt, um flexibel auf neue, noch nicht erkennbare Entwicklungen reagieren zu können, ohne das Leitbild immer wieder ändern zu müssen. Literatur: Rasmus, C.: Leitbilder für Lokale Agenda 21-Prozesse und deren Umsetzung. Vortrag anlässlich einer Tagung in Tutzing vom In: 21 plus zwei, Nr. 10, Juli Siehe Rasmus, C.: Leitbilder für Lokale Agenda 21-Prozesse und deren Umsetzung. Vortrag anlässlich einer Tagung in Tutzing vom In: 21 plus zwei, Nr. 10, Juli 1999, S. 17.

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