Flexibilität und schulisches Wissensmanagement: Lernplattformen in der Lehrerfortbildung

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1 Flexibilität und schulisches Wissensmanagement: Lernplattformen in der Lehrerfortbildung Macht es Sinn, schulinterne Lehrerfortbildungen online zu begleiten? Ja, sagt Erwachsenenbildner und Religionslehrer Stefan Kugler. Er lobt die Möglichkeiten, die sich dadurch für die Bildung professioneller Lerngemeinschaften und schulinternes Wissensmanagement ergeben. Sehr gut dafür geeignet: Die Plattform rpi-virtuell. Stefan Kugler ist Deutsch- und Religionslehrer an der Regionalen Schule Idar-Oberstein hat er an der TU Kaiserslautern den Fernstudiengang "Erwachsenenbildung" durchlaufen. In seiner Masterarbeit hat er sich mit dem Thema "Lehrerfortbildung online - Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen schulinterner Fortbildung" beschäftigt. Im Interview mit rpi-virtuell fasst er die wichtigsten Thesen zusammen. Erhöhter Fortbildungsbedarf für Unterrichtende Erhöhter Fortbildungsbedarf für Lehrkräfte heute - ist das so? Ja, an der Schule besteht zur Zeit erhöhter Fortbildungsbedarf. Es gibt die deutliche Tendenz, den Schulen mehr Eigenständigkeit zu geben. Wenn das funktionieren soll, brauchen die Schulen immer größere Planungs- und Evaluationskompetenzen. Planungs- und Evaluationskompetenz gefordert Besonders deutlich wird das bei den Lehrplänen. Diese verschwinden zwar nicht ganz, aber die schulinternen Arbeitspläne erhalten immer größeres Gewicht und auch Inhaltsfragen werden stärker als früher auf die Schulebene verlagert. Das bedeutet, dass hier fachliche Kompetenzen wirksam werden müssen. Und es fordert auch viel Teamarbeit, Kooperation und Abstimmung also Zeit und Knowhow. Bildungsstandards erfordern kompetenzorientiertes Unterrichten Verbunden damit werden für bestimmte Klassenstufen und Abschlüsse Zielvorgaben gemacht, was die Schülerinnen und Schüler können sollen: die sogenannten Bildungsstandards. Das ist zunächst einmal ein ungewohnter Blickwinkel auf die Ergebnisse schulischer Arbeit. Es zählt nicht mehr, was im Unterricht durchgenommen wurde, sondern jetzt wird gefragt: Was können die Kinder, wenn sie eine bestimmte Klassenstufe erreicht haben?

2 Daraus entwickelt sich ein Handlungsdruck, wie er bisher nicht da war. Die Verantwortung der Lehrenden besteht darin, Methoden zu entwickeln und Inhalte als Lerngegenstände anzubieten, die es den Lernenden ermöglichen, bestimmte Kompetenzen zu erwerben. So ein Vorgehen muss auch gelernt werden, und je mehr Fächer kompetenzorientiert unterrichtet werden sollen und je mehr Standards definiert werden, um so größer wird der Bedarf an Unterstützung, an Fortbildung. Schulinterne Lehrerfortbildung auf der Online-Plattform begleiten Schulinterne Fortbildungen sollen online begleitet werden, fordern Sie. Sie gehen dabei von einem Mehrwert und einer höheren Nachhaltigkeit aus? Lernen sieht man heute weniger als Ergebnis von Lehren, sondern vielmehr als eine Selbsttätigkeit der lernenden Person. Wenn das in der Schule berücksichtigt werden soll, dann gilt das natürlich auch für die Lehrerinnen und Lehrer bei ihrer eigenen Lerntätigkeit. Die mit der Online-Struktur verbundene Abkehr vom klassischen Seminar- und Vortragsmuster hat auf diese Weise schon für sich genommen Modellcharakter. Ich spreche hier von Kommunikation im Netz, nicht vom reinen Bereitstellen von Texten. Online-Unterstützung erweitert die Zugriffsmöglichkeiten... Es gibt aber auch ganz praktische Vorzüge. Online-Angebote machen es möglich, dann zu lernen, wo es am besten geht und wann es am besten geht. Das kann man morgens, nachmittags oder abends. So lassen sich schulische und private Termine ganz individuell unter einen Hut bringen. Das ist ein riesiger Vorteil. Online-Angebote sind auch flexibler und schneller verfügbar als traditionelle Angebote, bei denen man oft auf den Termin warten muss. Ein Beispiel: Für viele Kolleginnen und Kollegen ist die integrative Betreuung von Förderschulkindern neu. In der Ausbildung kam das häufig noch nicht vor. Mit einem Online-Angebot kann hier zeitnah auf den Bedarf reagiert werden.... und gewährleistet höhere Nachhaltigkeit Besonders wichtig ist mir der Aspekt der Nachhaltigkeit. Gruppenprozesse und ihre Ergebnisse sind auf einer Lernplattform ohne größeren Aufwand längerfristig zugänglich. An den Resultaten einer schulinternen Fortbildung kann problemlos weiter gearbeitet werden, auch wenn die Referenten nicht mehr da sind. Im Forum kann - auch mit Beteiligung von Experten - weiter diskutiert und überlegt werden. Gemeinsame Materialsammlungen können erarbeitet werden. Mit Nachbarschulen sind Netzwerke möglich. So fördern Online-Angebote auch die Bildung von so genannten professionellen Lerngemeinschaften. Und das Risiko, dass nach ein oder zwei Tagen Fortbildung das Ergebnis quasi verpufft, lässt sich deutlich mindern. Kollegengruppen als professionelle Lerngemeinschaften Was versteht man denn unter einer "professionellen Lerngemeinschaft"? In Deutschland wurde der Begriff u. a. durch Martin Bonsen bekannt, der 2007 über "Das Kollegium als professionelle Lerngemeinschaft" geschrieben hat. Er macht deutlich, dass die Gemeinschaft der Lehrenden nicht eine willkürlich oder zufällig gebildete Gruppe ist, sondern dass sich hier Profis in fachlicher und pädagogischer Hinsicht zusammenfinden. Konstitutiv dafür sind eine gemeinsame Wertorientierung, Qualitätsorientierung und das gemeinsamen Interesse an der Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Dazu kommt die , Seite 2

3 Reflexion der eigenen Arbeit im kollegialen Austausch. Das setzt Vertrauen voraus. Lehrende sind aber seit der Ausbildung darauf geprägt, dass Unterrichtsbesuche von Kollegen oder gar Vorgesetzten dazu dienen, Beurteilungen vorzunehmen. Das belastet. Es gilt also, gemeinsames Arbeiten einzuüben und eine Vertrauensbasis zu entwickeln. Gemeinsame Arbeit an Unterrichtskonzepten als Chance... Es ist daher eine große Chance, wenn z. B. in der Fachkonferenz Pläne gemeinsam erarbeitet werden und auch die Umsetzung gemeinsam erprobt wird. Dabei beobachten die Unterrichtenden, wie der Unterrichtsentwurf bei einer Klasse ankommt, benennen Positives und Veränderungswürdiges. Dies Vorgehen befreit die Beteiligten ein Stück weit vom individuellen Erfolgsdruck, da die Arbeit gemeinsam verantwortet ist. Das entlastet mental. Die gemeinsame Arbeit an Unterrichtskonzepten entlastet auch im Hinblick auf die individuelle Vorbereitung. Dadurch ist längerfristig mit einer Verbesserung des Arbeitsklimas zu rechnen und mit einem positiven Effekt für die ganze Schule.... für Arbeitsklima und professionelles Selbstbewusstsein Die Art, wie die externe Evaluation vermengt mit der Schulaufsicht in Rheinland-Pfalz zur Zeit betrieben wird, fördert eher eine negative Stimmung. In anderen Bundesländern ist das teilweise ähnlich. Das Vorgehen erinnert mich an den häufig zu beobachtenden Umgang von Eltern mit ihrem pubertierenden Kind: Die Eltern fordern Selbständigkeit und können die Kontrolle doch nicht lassen. Das Kind reagiert mit Widerstand oder innerer Emigration... Wenn sich Kollegien selbstbewusst als professionelle Gemeinschaft verstehen lernen und erwachsen werden, können sie der Gefahr, trotz oder wegen äußeren Drucks in Lethargie zu verfallen, erfolgreicher widerstehen. Auch das kann der Schule als Ganzes nur zugute kommen. Individuelle Fortbildung als Teil der Organisationsentwicklung Sie sprechen damit einen Zusammenhang zwischen individueller Fortbildung und Organisationsentwicklung an? Wir sprechen von "lernenden Organisationen", doch sind Organisationen als solche nicht lernfähig. Auch die "lernende Schule" lernt nicht, sondern die zu ihr gehörenden Menschen lernen und zwar individuell. Was allerdings erstaunen mag, ist, dass auch hier das Ganze mehr ist, als die Summe der Teile. Je größer eine Organisation, je größer eine Schule ist, umso komplexer wird der Vorgang des Organisationslernens sein. Individuelle Deutungsmuster können Modellcharakter entwickeln... In einer größeren Gruppe wird es immer divergierende Interessen und Interpretationen von Wirklichkeit geben. So kann man darüber unterschiedlicher Meinung sein, ob ein Leistungsrückgang der Schüler auf veraltete Methoden, eine ungünstige Jahrgangskonstellation oder entfallene Aufnahmeprüfungen zurück zu führen ist. Individuelle Fortbildung kann dazu beitragen, dass sich zunächst ganz individuell Deutungsmuster für die schulische Wirklichkeit verändern. Vielleicht probiert eine Kollegin dann eine neue Methode aus. Ein Kollege erkennt den Erfolg und schließt sich an und schon ist es möglich, dass diese Methode Modellcharakter annimmt und zum Ausgangspunkt von Veränderung wird. Je besser die Kommunikationsstrukturen im Kollegium sind, umso eher wird sich ein solcher Effekt einstellen , Seite 3

4 ... und Betriebsblindheit überwinden Wichtig ist vor allem, dass individuelle Fortbildung dazu beitragen kann, neue Wahrnehmungsperspektiven in eine Schule zu transportieren. So werden Probleme vielleicht überhaupt erst wahrgenommen und eine Art Betriebsblindheit überwunden. Eine solche Wahrnehmung stört den üblichen Ablauf und bewirkt Veränderung, die alle mehr oder weniger erfasst. Schulinternes Wissensmanagement Schulinternes Wissensmanagement ist ein relativ neues Denkkonzept. Unter dem Aspekt des Organisationslernens ist das Wissen des Einzelnen kein Privatbesitz, sondern gehört allen. Das hat zum einen seine Berechtigung, weil der Arbeitgeber sich zumindest teilweise an den Fortbildungskosten beteiligt. Zum anderen aber kann solches spezifische Wissen nur gemeinsam erarbeitet werden. Jede Kollegin und jeder Kollege ist auf die anderen mit angewiesen. Praxisorientiertes Wissen ist kontextabhängig... Das Wissen, das gefordert ist, um gute Unterrichtsqualität zu gewährleisten, ist an jedem Ort anders. Denn es ist nicht beliebig, ob der Standort in Bayern oder Rheinland-Pfalz ist, ob in der Großstadt oder auf dem Land, ob die Schüler überwiegend einen Migrationshintergrund haben oder zu welchen Milieus sie gehören. Je praxisorientierter der Wissensbereich ist, umso größer ist die Abhängigkeit vom Kontext. Es kommt nun darauf an, die Lehrkräfte in ihrem fachlichen und kontextuellen Wissen optimal zu fördern und nach Möglichkeit sicherzustellen, dass individuelles Wissen auch weiter gegeben werden kann.... und wird über eine Plattform zugänglich Ich denke, dass hier das Modell der professionellen Lerngemeinschaft einen wesentlichen Beitrag leisten kann. Einbeziehen sollte man dabei auch Wissen von außen im im Sinne eines übergeordneten Erfahrungsaustausches und des Kontaktes zur Wissenschaft, koordiniert zum Beispiel von einer "pädagogische Schulleitung" oder einem entsprechender Steuerkreis. Auf einer Plattform im Schulnetz oder Internet können die Ergebnisse gesammelt und verfügbar gemacht werden. Wenn sich im Laufe der Zeit eine Sammlung für die jeweilige Schule besonders gelungener Unterrichtssequenzen oder Arbeitsblätter und erfolgversprechender Medienlinks ergäbe, wäre schon viel erreicht. Vorteile von rpi-virtuell als Lern- und Arbeitsplattform Eine solche Plattform könnte rpi-virtuell sein. Worin sehen Sie die Vorteile von rpivirtuell gegenüber anderen Lernplattformen? Ein großer Vorteil von rpi-virtuell ist die klare Struktur, die sich ohne weiteres dem Nutzer erschließt. Will man tiefer einsteigen und eigene Angebote auf der Plattform machen, gibt es ein differenziertes Schulungsangebot für den Umgang mit den Werkzeugen. Diese (Online-)Seminare sind zeitlich klar begrenzt, der Arbeitsaufwand ist genau kalkulierbar. Auch die Unterstützung der Schule vor Ort ist möglich - und sinnvoll, wenn im Team gearbeitet werden soll. Für Religionslehrkräfte besonders gut geeignet... Für Religionslehrkräfte ist rpi-virtuell deshalb besonders gut geeignet, weil hier ein großer Pool an Material und Anregungen bereits eingebunden ist. Die Suche wird ganz erheblich vereinfacht. Außerdem wächst das Angebot ähnlich wie bei wikipedia beständig aus der , Seite 4

5 Praxis heraus an. rpi-virtuell ist der Struktur nach ein web 2.0 Angebot. Die Kommentare aus der Community helfen bei der Auswahl der Beiträge und Materialien. Besonders interessant ist die Möglichkeit, ein virtuelles Klassenzimmer einzurichten, in das sich die Angebote des Materialpools leicht integrieren lassen.... und unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu empfehlen Insgesamt ist die Plattform von rpi-virtuell sowohl in der Schule als auch im kollegialen Kreis und in der Fortbildung sehr gut einsetzbar. Nachhaltigkeit ist gewährleistet: Wer sich einmal registriert und vertraut gemacht hat, kann sein Knowhow und die eigenen Materialien und Werkzeuge anschließend auch in anderen Fächern und Arbeitsfeldern nützen. Das Interview führte Julia Born , Seite 5

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