Inwiefern ist Literatur identitätsstiftend in Goethes Werther und in Fatih Akins Film Auf der anderen Seite?

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1 Inwiefern ist Literatur identitätsstiftend in Goethes Werther und in Fatih Akins Film Auf der anderen Seite? Können die Thesen zur Funktion von Literatur in Goethes Werther fruchtbar gemacht werden für das Verständnis von Literatur in Fatih Akins Film Auf der anderen Seite?

2 Übersicht Teil A A. I. Thesen: Auswirkungen der Literatur auf Werther II. Wirkung der unterschiedlichen Dichter auf Werther III. Werthers Haltung zur Literatur bei Ankunft in Wahlheim IV. Die Kehrseite Werther ohne Literatur V. Die Briefe im Roman Die Leiden des jungen Werther und ihre Funktion VI. Zwei zentrale Aussagen zur Literatur

3 Übersicht Teil B B. VII. Fatih Akins Auf der anderen Seite und ein erweiterter Literaturbegriff VIII. Fatih Akins Auf der anderen Seite und ein erweiterter Literaturbegriff Beispiele IX. Fatih Akins Auf der anderen Seite und der erweiterte Literaturbegriff einige relevante Szenen X. Stellung nehmen zum Zitat von Katja Nicodemus unter Bezug auf die Rolle der Literatur in Auf der anderen Seite für die Entwicklung kultureller Identität XI. Stellung nehmen zum Zitat von Fatih Akin in Bezug auf die Rolle der Literatur in Auf der anderen Seite für die Entwicklung kultureller Identität

4 I. Auswirkungen der Literatur auf Werther Zitate aus R. Safranskis Goethe- Biografie Werther rennt mit seinen starken Lektüreeindrücken gegen die Unmöglichkeit seiner Liebe an. Werther ist eine Romanfigur und ist als Figur ein Charakter, der durch die Literatur geformt wurde. Werther ist das, was er gelesen hat. Werther ist nicht so unabhängig, wie er vorgibt. Werther ist abhängig von seinen Lektüren.

5 II. Wirkung der unterschiedlichen Dichter auf Werther Die Literatur der Dichter hat einen je unterschiedlichen Einfluss auf Werther Die Bilder des einfachen Lebens sind durch Homer gesehen. Die erlebten Szenen am Dorfbrunnen bekommen literarischen Goldglanz. Die Idylle im Haus des Amtsmanns ist durch Goldsmith gesehen. Gedanken an ein Gedicht Klopstocks bei Gewitter vereinigen die Herzen Lottes und Werthers. Bei der letzten Begegnung mit Lotte wird Ossian vorgelesen. Die Literatur muss aushelfen, wenn die innere Leere droht. Sie hilft gegen den horror vacui. Wenn die Gefahr droht, wieder zu dem stumpfen, kalten Bewusstsein zurück gebracht zu werden, dann greift man am besten nach einem Buch.

6 III. Werthers Haltung zur Literatur bei seiner Ankunft in Wahlheim Werther ermahnt sich, seine Einbildungskraft (ins Verlieben verliebt sein, das Empfinden empfinden, das Genießen genießen) in Grenzen zu halten. In Wahlheim möchte er ausdrücklich nicht, dass ihm Wilhelm Bücher nachsendet: Du fragst, ob Du mir meine Bücher schicken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, lass mir sie vom Hals. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst. Werther greift aber doch zu Homer und zeigt damit, der Wille zum Eigensinn ist da. Für das Publikum wirkt das wie eine Ermunterung selbst zu lesen. Letztlich leidet er nach Lottes Heirat an der Angst vor der Abstumpfung der Einbildungskraft; ihm droht die Rückkehr zum stumpfen, kalten Bewusstsein.

7 IV. Die Kehrseite: Ohne Literatur oder wenn die Einbildungskraft ausbleibt Die Gefahr, wenn ihm die Einbildungskraft versiegt: Er bleibt sich selbst aus. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Nicht die geliebte Frau fehlt ihm, er selbst fehlt sich. Was fehlt einem Menschen, wenn er sich selbst fehlt? -> Die heilige belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf, bleibt aus. Es geht um die Macht der Einbildungskraft, die Werther sein Herz nennt. Sein Herz ist ganz allein die Quelle von allem, aller Kraft, aller Seligkeit und allen Elends.

8 V. Die Briefe im Roman Die Leiden des jungen Werther und ihre Funktion Werther als Briefroman ohne Antwortschreiben = Werthers Perspektive kommt uneingeschränkt subjektiv zum Ausdruck. Ein grüblerisches Insichgehen ist seine Sache nicht. Was ihn angeht, soll zur Sprache kommen. Zur Sprache kommen heißt, zu sich selbst kommen. In der Sprache und im Schreiben bringt er sich selbst hervor, stellt er sich dar, auch für sich selbst. Schreiben ist eine realitätsschaffende, selbsterschaffende Macht.

9 VI. Zwei zentrale Aussagen zur Literatur Die Literatur muss aushelfen, wenn die innere Leere droht. Sie hilft gegen den horror vacui. Wenn die Gefahr droht, wieder zu dem stumpfen, kalten Bewusstsein zurück gebracht zu werden, dann greift man am besten nach einem Buch. Zur Sprache kommen heißt, zu sich selbst kommen. Schreiben ist eine realitätsschaffende, selbsterschaffende Macht. Quelle: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Safranski, Rüdiger, Carl Hanser Verlag München 2013, S

10 VII. Fatih Akins Auf der anderen Seite und ein erweiterter Literaturbegriff Definition von Jost Schneider: Literatur ist eine - im mathematischen Sinne - diskrete Sequenz von Laut- oder Schriftzeichen, die fixiert und/oder sprachkünstlerisch gestaltet und/oder ihrem Inhalt nach fiktional ist. Quelle: /komparatistik/basislexikon/texte/literatur/ extern.html

11 VIII. Fatih Akins Auf der anderen Seite und der erweiterte Literaturbegriff Beispiele: Schöngeistiges Schrifttum, Gesamtbestand aller Schriftwerke eines Volkes, Fachschriftentum, Gesetzestexte, religiös oder politisch motivierte programmatische Anweisungen, Liedtexte, Dokumente für den privaten Gebrauch.

12 IX. Fatih Akins Auf der anderen Seite und der erweiterte Literaturbegriff einige relevante Szenen Eingangsszene (Drehbuch S. 3f.) mit dem Lied von Kazim Koyuncu (Dokument über die Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe, politisch) Vierte Szene u. Folgehandlungen (Db S.4f.)-> Erster Mai -> Grundlage sind politisch motivierte, programmatisch verfasste Grundsätze, die das Denken u. Handeln der Menschen entscheidend beeinflussen; Ayten politische Linksaktivistin am Ersten Mai; Erster Mai in Bremen (Db, S.6) Szene 133 Buchhandlung als Ort der Begegnung (Nejat, Lotte) (Db S.68f.) (Film, S 44, Kapitel 10) Lottes Tagebuch -> privates Dokument ihres Seelenzustands -> Bewusstseinswandel bei Susanne ihrer Tochter und ihrem eigenen Leben gegenüber (Film Kapitel 12, S 51), (Db, S.79 f)

13 Fortsetzung: Einige relevante Szenen 174. (Db, S.84): Diskussion der Bedeutung des dreitägigen Opferfestes (Bayram) im christl. und musl. Kulturzusammenhang (Film, Kapitel 14, S 55) 27. Nejat gibt Ali ein Buch (Db, S.11), 31. Aufforderung das Buch zu lesen (DB, S.13) Ali liest das Buch Die Tochter des Schmieds, 160. (Db, S.77); Nejat wirft vor Wut Bücher in seiner Buchhandlung auf den Boden (sein Vater ist in Trabzon), reißt das Suchfoto von Yeter von der Wand 166. (Db, S.80f.),(Film, Kapitel 13, S 52) Ali erfährt, dass Yeter Türkin ist, als sie das Radio anstellt (Db, S.7) 51: Nejat hält eine Vorlesung im Hörsaal der Universität, Ayten Öztürk schläft auf einer der hinteren Bänke (Db, S.21) (Film, Kapitel 7, Szene 23)

14 X. Stellung nehmen zum Zitat von Katja Nicodemus unter Bezug auf die Rolle der Literatur in Auf der anderen Seite für die Entwicklung kultureller Identität Im Grunde ist Auf der anderen Seite ein hoffnungsfroher Film, weil er zeigt, dass der Tod nicht die letzte Grenze ist. Jedenfalls nicht in einem Film, in dem die Toten den Lebenden auf so schöne Weise helfen, wieder lebendig zu werden. Aus: Die Zeit,

15 XI. Stellung nehmen zum Zitat von Fatih Akin in Bezug auf die Rolle der Literatur in Auf der anderen Seite für die Entwicklung kultureller Identität Im Film geht es um die Motive hinter politischen Dogmen, um den Moment, in dem ein Mensch die Dinge plötzlich differenzierter sieht. Wenn Ayten am Ende der Gewalt abschwört, kollaboriert sie mit der Polizei und wird deshalb von ihrer Gruppe geächtet. Aber sie hat wegen ihrer politischen Überzeugung den Tod ihrer Liebsten verschuldet und erkannt, dass Waffengewalt nur zu Tod und Verderben führt. Sie ist am Ende des Films eine andere. Das ist der Kern von Auf der anderen Seite. Am Anfang liest der Vater nicht, am Ende schon. Der Sohn fühlt sich am Anfang Deutschland zugehörig, am Ende der Türkei. Hanna [Schauspielerin Hanna Schygulla spielt Susanne] beginnt kleinbürgerlich und endet groß. Es gibt mehrere Seiten, und so sollte man die Dinge auch betrachten. Wir haben eine Identität, aber sie ist in Bewegung, weil das Leben in Bewegung ist. ( Im Clinch, S.191)

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