Das weltweite Vermögensverwaltungsgeschäft ist ein Wachstumsmarkt, denn die Vermögen nehmen global zu.

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1 Marktzugang: Welche Zukunft für die Vermögensverwaltung in der Schweiz? Nicolas Pictet, Teilhaber, Pictet & Cie Group SCA, Genf Vizepräsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbanken Bern, 16. Januar 2014, Mediengespräch Es gilt das gesprochene Wort. Das weltweite Vermögensverwaltungsgeschäft ist ein Wachstumsmarkt, denn die Vermögen nehmen global zu. Es ist ein Geschäft, das sich auf einige wenige Finanzzentren weltweit konzentriert; es ist per Definition ein weitgehend grenzüberschreitendes Geschäft bzw. ein Offshore-Geschäft, und dies aus durchaus legitimen Gründen. Das Vermögensverwaltungsgeschäft ist folglich seiner Natur nach eine Exportindustrie, für welche der Marktzugang von erstrangiger Bedeutung ist. In diese drei Teile gliedert sich meine heutige Kurzpräsentation. Ich werde sie nun der Reihe nach wieder aufnehmen. 1. Die Vermögen nehmen global und in allen Haushalten zu In den vergangenen drei Jahren lag dieses Vermögenswachstum durchschnittlich leicht unter 6% jährlich; an der Spitze standen Asien und Osteuropa mit je 13% (Slide 1). Dieses Wachstum wurde durch zwei Motoren angetrieben: Durch die Schöpfung neuen Reichtums in den Schwellenländern, aber auch durch die Höherbewertung von Finanzaktiven, vor allem in den Industrieländern, aufgrund der guten Börsenentwicklung. Die Prognosen für die kommenden Jahre sind ebenfalls sehr günstig (Slide 2). Manche Experten gehen von einem durchschnittlichen Wachstum von rund 5% pro Jahr aus, mit überdurchschnittlichen Wachstumszahlen für Osteuropa, Asien, Lateinamerika und den Mittleren Osten (mit jeweils 11,7%, 11,4%, 8,6% und 6,3%). Aber auch die Aussichten für Europa und die USA sind erfreulich (mit 2,5% beziehungsweise 2,1%). China könnte 2017 zur zweitreichsten Nation hinter den USA aufrücken; aber auch Indien und Russland verzeichnen spektakuläre Zuwachsraten (Slide 3). Dazu muss angefügt werden, dass auch die Aussichten für Industrieländer wie die USA, Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Italien gut stehen. Diese Tatsache mag angesichts der Konjunkturlage dieser Länder erstaunen. Die Überalterung der Bevölkerung, die problematische Finanzlage der staatlichen Altersvorsorge und die düsteren Prognosen 1/5

2 für die kommenden Jahre sind jedoch mögliche Erklärungen für das wachsende Bedürfnis, Geld auf die Seite zu legen. Es ist davon auszugehen, dass das Wachstum dieser Vermögen mit einer Zunahme der durch ihre Verwaltung generierten Gewinne einhergehen wird. McKinsey rechnet für 2016 mit einem konsolidierten Gewinn von USD 70 Milliarden für die Finanzindustrie, wobei Asien erneut das Feld anführen dürfte (Slide 4). Es erstaunt daher nicht weiter, dass die Konkurrenz unter diesen Bedingungen immer härter wird. 2. Die Vermögensverwaltung ist weitgehend ein Offshore- oder ein grenzüberschreitendes Geschäft Die Grafik (Slide 5) zeigt, dass dies insbesondere für alle Haushalte der stark wachsenden Märkte (Mittlerer Osten, Südamerika und Osteuropa) gilt, die nicht über ein etabliertes Finanzzentrum verfügen. Wie die Grafik (Slide 6) zeigt, gilt dies auch für Asien, das über zwei sehr bedeutende Finanzzentren verfügt: Singapur und Hongkong, die als Offshore- Zentren für alle anderen Länder der Region dienen. In Europa, für welches die Aussage ebenfalls zutrifft, sind es die Schweiz und London, die analog zu den beiden asiatischen Metropolen eine äusserst bedeutende Rolle spielen. Die Bedeutung des Offshore-Geschäfts wäre noch grösser, d.h. praktisch doppelt so gross, wenn nur die Vermögen über einem bestimmten Betrag betrachtet würden, die breiter diversifiziert werden können. Die Bedeutung des Offshore-Geschäfts wäre auch dann grösser, wenn die in den Domizilländern der Kunden vertriebenen Produkte berücksichtigt würden. Klassische oder alternative Anlagefonds, von den grossen Finanzzentren konzipierte oder verwaltete Finanzprodukte sie zählen nicht zu dem, was gewöhnlich unter dem Offshore-Geschäft verstanden wird, gemäss einem Konzept, das auf die Hinterlegung der Vermögenswerte abstellt. An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass es nicht richtig ist, das Wort Offshore mit einer Reihe von wenig schmeichelhaften Eigenschaften und Tätigkeiten wie die Steuerflucht in Verbindung zu bringen. Die Tatsache, dass einige grenzüberschreitende Finanzzentren beansprucht werden, ist die Antwort auf das Bedürfnis, die bestmögliche Allokation für das Sparkapital zu wählen. Jeder Anleger sucht nach Investments, welche bestmögliche Sicherheit und bestmögliche Rendite vereinen. Dies ist nur an Standorten möglich, wo sich viel Kapital konzentriert. Dort entstehen dank besonderem Know-how bessere Anlagemöglichkeiten zu günstigeren Preisen. Eine bessere Allokation des Sparkapitals wird auch mit einer guten Risikodiversifikation erzielt. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Bürger von Schwellenländern, die sich aufgrund von spektakulären Konjunkturumbrüchen oder veränderten regulatorischen Bedingungen die Finger verbrannt haben, versuchen, ihr Sparkapital in Wertschriften anderer Länder und in anderen Währungen anzulegen. Die Eigentümer grösserer Vermögen in den Industrieländern versuchen gleichermassen, die Abhängigkeit von den wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen in ihren eigenen Ländern zu reduzieren. 2/5

3 Selbst wenn die Anleger in ihr eigenes Land, manchmal sogar in ihre eigenen Geschäfte reinvestieren, ist es viel sicherer für sie, dies von einem kompetenten Finanzzentrum aus zu tun, das sie beraten kann, die obligaten Anlegefallen zu vermeiden hilft und ihnen eine sichere und gut regulierte Bankenstruktur zur Verfügung stellen kann. Sein Vermögen in Sicherheit zu wissen, dessen optimale Allokation sicherzustellen und ohne Einschränkungen darüber verfügen zu können sind drei Schlüsselfaktoren für einen Anleger. Es ist jedoch eine Tatsache, dass das dafür erforderliche Savoir-faire und die rechtlichen Voraussetzungen nicht gang und gäbe sind. Daher spielen einige weltweit wichtige Finanzzentren eine Schlüsselfunktion in der Vermögensverwaltungsindustrie. In der Schweiz stehen die Finanzplätze Zürich und Genf auf der Liste der zehn weltweit wichtigsten Finanzzentren. 3. Beim Vermögensverwaltungsgeschäft handelt es sich somit eindeutig um eine Exportindustrie, für welche der Marktzugang von erstrangiger Bedeutung ist Für die Schweiz ist der Zugang zum europäischen Markt in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung. Längerfristig könnte sich dieses Problem jedoch auch gegenüber anderen Ländern stellen. Wie hoch ist das Risiko für unser Land, wenn der Marktzugang von der Schweiz aus blockiert wird? Dieses Risiko ist beträchtlich: - Für die durch die internationale Vermögensverwaltung generierten Arbeitsstellen und Steuereinnahmen. Es muss erneut darauf hingewiesen werden, dass der Finanzsektor in der Schweiz 2012 einen BIP-Anteil von 10,3% darstellte; etwa 6% stammten aus dem Bankensektor, und rund die Hälfte vom Private Banking Geschäft. Auf den Finanzsektor entfallen auch 210'000 Arbeitsstellen, d.h. rund 6% der aktiven Bevölkerung 1. Gemäss den offiziellen Statistiken ist die Arbeitsproduktivität pro Mitarbeiter doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt 2. Gemäss Schätzungen generiert der Finanzplatz mit seinen Mitarbeitern jedes Jahr zwischen 14 und 18 Milliarden an direkten und indirekten Steuern, das sind 12 bis 15% der Steuereinnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden 3 ; 10% dieser Gesamteinnahmen entfallen auf den Bankensektor, und mehr als die Hälfte davon auf die Vermögensverwaltung. Dank dieser Steuereinnahmen, dank den Beiträgen an die Sozialwerke wie AHV und IV, dank der Wertschöpfung für die Wirtschaft, können die Bedürfnisse der Allgemeinheit von der Gesundheit bis zu den Infrastrukturen besser finanziert werden. Die Schweizerische Bankiervereinigung hat den möglichen Verlust von direkten Arbeitsstellen für den Fall, dass wir den Zugang zum europäischen Markt verlieren, auf konservativer Basis auf 7000 Stellen beziffert. Aber jede dieser Stellen generiert indirekt mehr als einen Arbeitsplatz in einem anderen Sektor, sodass sich der Gesamtverlust gut auf 15'000 Stellen belaufen könnte. 1 EFD/SIF, Finanzstandort Schweiz, Kennzahlen, März BAKBASEL, Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Schweizer Finanzsektors, S Ebenda, S. 21: Der gesamte Steuereffekt des Finanzsektors belief sich 2012 auf geschätzte CHF 16,7 Mrd. Dies entspricht 13% der gesamten Fiskalerträge von Bund, Kantonen und Gemeinden. 3/5

4 - Für das Savoir-faire und die Finanzierungskapazität, von denen die gesamte Schweizer Wirtschaft profitiert. Das Vermögensverwaltungsgeschäft verfügt über eine grosse Anziehungskraft für talentierte Mitarbeiter, wie Mathematiker, Physiker und Informatiker. Diese Mitarbeiter tragen zur Prosperität der Schweiz bei: Mit ihrem ausserordentlichen Savoir-faire und einer Innovationskraft, die zu den besten weltweit zählt. Über die Vermögensverwaltung haben die Schweizer Unternehmen Zugang zu diesem Savoir-faire, das zu einem besseren Risikomanagement beiträgt und die für ihre Aktivitäten erforderliche Finanzierung vereinfacht. Den Finanzplatz in Opposition zum Industriestandort zu stellen, wie dies oft gemacht wird, ist daher falsch. Es handelt sich um zwei sich ergänzende Bereiche, und nicht um Konkurrenten. Unser Binnenmarkt ist sehr klein. Wenn unsere Banken ihre europäischen Kunden nicht mehr von der Schweiz aus bedienen können, müssen sie es von London, Luxemburg oder anderswo aus tun. Wenn das Sparkapital einmal abgewandert ist, ist es schwierig oder sogar unmöglich, es wieder zurückzugewinnen. Einerseits ist es immer schwieriger, einen verlorenen Markt wieder zurückzuerobern, vor allem einen Markt, der zu einem Grossteil auf Vertrauen gründet. Andererseits haben die Finanzdienstleister an einem anderen Ort investiert, und diese Investitionen müssen rentabilisiert werden. Eine Rückkehr ist somit praktisch unmöglich. Im Finanzsektor konnte dies bereits mehrfach beobachtet werden, zum Beispiel beim Goldhandel, beim Handel mit Euro-Obligationen oder bei den Anlagefonds. Mehrere Auslandsbanken packen ihre Koffer aus Gründen, die nicht einmal auf Probleme im Zusammenhang mit dem Marktzugang zurückzuführen sind. Sie machen es vielmehr aufgrund der Verschlechterung der Rahmenbedingungen, über die Herr Gloor sprechen wird. Unsere Behörden und Politiker hätten unrecht, diese Warnsignale ausser Acht zu lassen. Aus diesen Gründen ist der Marktzugang von der Schweiz aus für unser Land von lebenswichtiger Bedeutung. Ich möchte hervorheben, für unser Land, die Schweiz. Denn eine Industrie kann abwandern, nicht aber unser Land. Aus diesem Grund befürworten wir eine Fortsetzung des Dialogs mit der Europäischen Union. Es muss eine Lösung für die institutionellen Fragen gefunden werden, die ein bilaterales Abkommen über den freien Verkehr der Finanzdienstleistungen ermöglichen soll. Wie wir bereits gesagt haben: Wir sind als Gegenleistung bereit, den automatischen Informationsaustausch in Steuerfragen und den bestehenden und zukünftigen Rechtsbestand (Aquis Communautaire) zu übernehmen. Diesen Aquis Communautaire müssen wir auf jeden Fall übernehmen, wenn wir unsere Dienstleistungen den Kunden in der Europäischen Union anbieten möchten. Das Problem ist in erster Linie ein politisches. Die katastrophalen Konsequenzen einer Isolierung auf wirtschaftlicher Ebene sollte ich mit meinen Ausführungen wohl deutlich gemacht haben. Es ist jedoch zu befürchten, dass sich die Sache hinziehen wird. Je mehr Zeit vergeht, desto geringer wird jedoch unser Spielraum. In der Zwischenzeit ist es von lebenswichtiger Bedeutung, dass wir im Rahmen der MiFID-Richtlinie von der Schweiz aus Dienstleistungen im Ausland erbringen können. Selbst wenn die Schweizer Banken nicht immer einer Meinung sind: 4/5

5 hier geht es nicht um die Interessen des einen oder anderen Instituts oder der einen oder anderen Bankengruppe: es geht um die Interessen der Schweiz und ihrer Bevölkerung. Diesem Interesse muss Sorge getragen werden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. 5/5

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