Eine Einführung in die moderne MS-Therapie

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1 3 Eine Einführung in die moderne MS-Therapie Referenzreihe Multiple Sklerose

2 Die moderne MS-Therapie hat das Leben von tausenden Betroffenen weltweit verbessert. Während Kortikosteroide eingesetzt werden, um plötzlich auftretende Symptome (Schübe) zu behandeln, können die etablierten immun modulierenden Wirksubstanzen wie z. B. Beta-Interferone den natürlichen Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen. In dieser Broschüre werden die Wirkmechanismen der Beta-Interferone auf die Nervenzellen erklärt und alternative Therapie konzepte vorgestellt. Diese Broschüre gehört zur Referenzreihe Multiple Sklerose, die in mehreren Teilen die Grundlagen, die Diagnose und die Therapie der MS behandelt. Für Informationen über Therapien, die sich zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses für diese Ausgabe (s. Rückseite) noch in der klinischen Testphase befinden, verweisen wir Sie auf Quellen der jeweiligen Hersteller. Herausgeber: BETAPLUS -Serviceteam Groner Landstr Göttingen Telefon (geb.frei): Internet: Inhaltsverzeichnis Moderne MS-Therapie 4 Kortikosteroide bei Schüben 5 Immunmodulierende Medikamente als Basistherapie 6 Beta-Interferone 7 Aufbau der Beta-Interferone 7 Wirkmechanismen der Beta-Interferone 8 Schutz von Myelin und Axonen 10 Nebenwirkungen 13 Alternativen zur Therapie mit 14 Beta-Interferonen Glatiramerazetat 14 Teriflunomid 16 Dimethylfumarat 17 Immunglobuline 18 Azathioprin 19 Übersicht ausgewählter, zugelassener MS-Basistherapien 20 Medikamente bei aktiver & hochaktiver Verlaufsform 22 Fingolimod 22 Natalizumab 23 Alemtuzumab 25 Mitoxantron 26 Cyclophosphamid 26 Stufentherapie der Multiplen Sklerose 28 aus der DGN/KKNMS-Leitlinie Glossar

3 Moderne MS-Therapie Bisher ist die MS nicht heilbar. Jedoch stehen eine Reihe von hochwirksamen Medikamenten zur Linderung des Krankheitsverlaufs zur Verfügung: Als Basistherapie werden immunmodulierende Medikamente eingesetzt. Sie können die Anzahl und die Schwere von MS-Schüben verringern. Plötzliche Symptome (Schübe) werden mit Kortikosteroiden behandelt. MS wird gemäß der individuellen Situation eines Betroffenen behandelt: Schübe werden mit Kortikosteroiden behandelt. Immunmodulierende Substanzen werden zur positiven Beeinflussung des natürlichen Verlaufs der Krankheit eingesetzt. Besonders aktive und weit fortgeschrittene Krankheitsstadien können mit Immunsuppressiva behandelt werden. Kortikosteroide bei Schüben Kortikosteroide sind Medikamente, die standardmäßig bei akuter Krankheitsaktivität (Schub) verabreicht werden. Sie verringern die Dauer und die Intensität dieser Attacken. Kortiko steroide (auch als Glukokortikosteroide oder einfach Steroide bezeichnet) leiten sich vom Kortison ab, einem im Körper produzierten Hormon. Die verabreichten Kortikosteroide unterscheiden sich geringfügig vom körpereigenen Kortison, haben aber den gleichen Effekt und können mittels Infusionen oder oral über einige Tage hinweg verabreicht werden. Kortikosteroide haben im Falle eines Schubes positive Auswirkungen. Die wichtigste davon ist die Unterdrückung des Immunsystems (entzündungshemmender Effekt). Entzündungen und Wasseransammlungen (Ödeme) im ZNS werden vermindert und die Funktion der schützenden Blut-Hirn-Schranke wieder hergestellt. Akute und kurzzeitige Behandlungen sind im Allgemeinen gut verträglich. Kortikosteroide eignen sich jedoch nicht für Langzeitbehandlungen. Sie unterstützen lediglich die Erholung nach einem akuten Schub. Positive Effekte einer Langzeittherapie der MS mit Kortikosteroiden wurden nicht gezeigt, ferner eine Langzeitbehandlung mit Kortikosteroiden kann Nebenwirkungen wie z.b Osteoporose hervorrufen. 4 5

4 Ein frühzeitiger Therapiestart mit einem immunmodulierenden Medikament kann nach neuesten Studien von Vorteil sein, anstatt auf den nächsten Schub zu warten. Er kann die jährliche Schubrate senken. Zudem können die kognitiven Fähigkeiten länger erhalten bleiben. Der Beginn der Therapie sollte bereits nach dem ersten klinischen auf eine MS hinweisenden Anzeichen erfolgen. Genauere Informationen erhalten Sie von Ihrem Arzt oder Apotheker. Immunmodulierende Medikamente als Basistherapie Bei der MS sind bestimmte Reaktionen des Immun systems fehlgeleitet, und es kommt zum Angriff auf körpereigenes Gewebe (Autoimmun reaktion). Diese Reaktionen gilt es zu beeinflussen. Medikamente, die das tun, nennt man immunmodulierend. Diese Medikamente verändern (modulieren) bestimmte Aktionen fehlgeleiteter Abwehrzellen. Das Immunsystem wird damit wieder in Richtung des ursprünglichen Zustands gelenkt bevor dieser von einer Krankheit wie der MS verändert wurde. Es existieren mehrere immunmodulierende Medikamente, die sich in ihrer Darreichungsform und Wirkweise unterscheiden. Langjährige Erfahrungen liegen in der Beta-Interferon Therapie vor. Beta-Interferone Interferone umfassen eine Familie von Eiweißen, die im Körper von bestimmten Abwehrzellen produziert werden, um das Immunsystem zu jedem Zeitpunkt der aktuellen Situation (z. B. Infektion) anzupassen. Man unterscheidet zwischen Alpha-, Beta- und Gamma-Interferonen. Sie spielen unterschiedliche Rollen im Rahmen der natürlichen Abwehrfunktion des Immunsystems. Typ I-Interferone (Alpha- und Beta-Interferone) wirken Entzündungen und viralen Infektionen entgegen; Typ II-Interferone (Gamma-Inter feron) wirken entzündungssteigernd und werden bei MS verstärkt produziert. Beta-Interferone sind Gegenspieler des Gamma-Interferons und werden als Immunmodulatoren in der MS-Therapie eingesetzt. Die moderne Biotechnologie ermöglicht es, diese natürlichen Eiweiße in ausreichender Menge herzustellen und sie als Medikamente zu nutzen. Aufbau der Beta-Interferone Künstliche Beta-Interferone sind dem menschlichen Beta-Interferon sehr ähnlich (Abb. 1). Sie werden entweder von Bakterien oder von Hamsterzellen produziert und seit vielen Jahren erfolgreich in der MS-Therapie eingesetzt. IFN beta-1b Abb. 1: Interferone haben eine definierte Molekülstruktur. 6 7

5 Wirkmechanismen der Beta-Interferone Das Modul 1 der Referenzreihe Multiple Sklerose erklärt, wie das Immunsystem irrtümlich körper eigenes Gewebe als Feind erkennt und wie Abwehrzellen die normalerweise verschlossene Blut-Hirn-Schranke (BHS) überwinden und das Myelin angreifen (Autoimmunreaktion). Schädeldecke* Blutgefäß Nervenzelle Abwehrzelle durchdringt Blut-HirnSchranke Aktivierte Fresszellen (Makrophagen) Beta-Interferon vermindert die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für fehlgeleitete Immunzellen. Gehirn Rücken mark Interferon gamma aktiviert Abwehrzellen 8 Ohne Interferon betabehandlung Mit Interferon betabehandlung Beta-Interferon reduziert das Eindringen von Abwehrzellen durch die Blut-Hirn-Schranke Nichtaktivierte Abwehrzelle Die Behandlung mit Beta-Interferon kann die Funktion der BHS wieder normalisieren und damit eine wichtige Ursache für die Entzündung des Gehirns eindämmen. Durch diese Eigenschaft kann Beta-Interferon entzündliche Prozesse im Gehirn vermindern und helfen, die fehlgeleitete Immunreaktion wieder unter Kontrolle zu bringen (Abb. 2 unten). Abb. 2: Angenommener Wirkmechanismus von Interferon beta. Weniger Entzündung und Schaden an Nerven Vorhandensein von Interferon beta reduziert die Pro duktion von Interferon gamma und die Aktivierung von Abwehrzellen *Abbildung nicht maßstabsgetreu 9

6 Schutz von Myelin und Axonen Durch die Hemmung zerstörerischer Makrophagen schützt Beta-Interferon die Myelinscheiden und Axone vor weiteren Schäden. Unser Gehirn ist in der Lage, Nervenschädigungen in einem gewissen Umfang durch Umlagerung und Remyelinisierung auszugleichen. Abb. 3: Beta-Interferon vermindert die Anzahl von aktivierten Makrophagen. Axon Myelin-Scheibe Beta-Interferon Der Verlust von Nervenfasern tritt schon in frühen MS-Stadien auf und die Schädigung beschränkt sich nicht auf sichtbare Läsionen in MRT-Aufnahmen, sondern ist auch in noch normal erscheinender weißer Substanz des zentralen Nervensystems vorhanden. Wenn aber Entzündungen das Myelin und die Axone andauernd (chronisch) angreifen, versagen diese Ausgleichsmechanismen. Die entstandenen Schäden sind nicht mehr rückgängig zu machen. Zerstörerischer Makrophage Deaktivierter Makrophage Beta-Interferon 10 11

7 Darum können Behandlungen, die Entzündungen vermindern, bleibenden Schäden an den Nervenzellen entgegenwirken. Beta-Interferone werden also u. a. zur Vorbeugung einer permanenten, irreparablen Schädigung des ZNS durch die MS eingesetzt. Bei einer frühzeitigen Behandlung der MS mit den dafür zugelassenen Beta-Interferonen konnte in klinischen Studien eine Verlangsamung der Nervenschädi gung gezeigt werden. MS ist jedoch eine Krankheit mit unterschiedlichen Verlaufsformen, und Ihr Arzt wird Ihnen die Therapieoption vorschlagen, die Ihrem MS-Typ (s. Modul 1 dieser Referenzreihe) gerecht wird. Dass eine frühzeitige Behandlung der MS gerade in der Frühphase der Erkrankung wichtig ist, legen neuere Studien nahe. Demnach ist die MS-typische Entzündung am Anfang der Erkrankung besonders aktiv und der Verlust an Nervenzellen schreitet recht schnell voran. Für drei der zugelassenen Beta-Interferone wurde in klinischen Studien gezeigt, dass ein Einsatz sofort nach dem ersten MS-Schub das Ausbrechen der MS (= 2. Schub) signifikant hinauszögern kann. Verschiedene Verlaufsbeobachtungen ergaben auch Hinweise auf eine anhaltende Wirkung der Beta-Interferone in der Langzeitanwendung bei gleichzeitig guter Verträglichkeit und Sicherheit. Nebenwirkungen Bekannte Nebenwirkungen von Beta-Interferonen sind z. B. grippeähnliche Symptome nach der Injektion und Hautreaktionen an der Einstichstelle. Diese können durch geeignete Maßnahmen zumeist kontrolliert bzw. gelindert werden. Sie treten in der Regel in den ersten Wochen oder Monaten nach Beginn der Therapie auf, denn der Körper muss sich erst an die ungewohnt hohen Mengen Beta-Interferon gewöhnen. Sollten Nebenwirkungen über diesen Zeitraum anhalten oder sich verstärken, ist in jedem Fall der behandelnde Arzt zu kontaktieren. Ihr Arzt oder Apotheker, aber auch die Gebrauchsinformationen ( Beipackzettel ) der einzelnen Präparate informieren Sie ausführlich. Alle Hersteller bieten die Unterstützung durch erfahrene MS-Schwestern und spezielle Therapiebegleitprogramme mit individuell auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Informationen und Hilfestellungen an

8 Alternativen zur Therapie mit Beta-Interferonen Glatiramerazetat Diese Behandlungsform zählt ebenfalls zu den immunmodulatorischen Therapien. Bei Glatiramerazetat handelt es sich um ein synthetisches Eiweißprodukt, das durch Polymerisation aus vier verschiedenen Aminosäuren hergestellt wird. Es ähnelt einem Eiweißbruchstück des Myelins und soll speziell die Immunzellen blockieren, die das Myelin schädigen. Glatiramerazetat wirkt immunmodulierend, indem es das Immunsystem anregt, entzündungshemmende Immunzellen zu bilden. So wird die Entzündungsaktivität im ZNS vermindert. Wie die Beta-Interferone verringert auch Glatiramerazetat die Häufigkeit von Schüben. Jedoch konnte eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs bisher nicht zweifels - frei gezeigt werden. Das Präparat ist nicht, wie einige Beta-Interferone, für den sekundär chronisch progredienten MS-Verlauf zugelassen. Aus klinischen Studien sind Reaktionen an den Injektionsstellen und unmittelbare post-injektions-reaktionen als häufigste Nebenwirkungen von Glatiramerazetat bekannt. Glatiramerazetat liegt in einer Dosis von 20mg, die täglich unter die Haut gespritzt wird, und von 40mg, die 3x/Woche unter die Haut gepritzt wird, vor

9 Teriflunomid Teriflunomid ist ein selektives Immunsuppressivum. Der genaue Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt, könnte aber auf eine reduzierte Anzahl an aktivierten Lymphozyten im ZNS beruhen. Teriflunomid ist bei erwachsenen Patienten mit schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (MS) zugelassen und wird einmal täglich in Form einer Tablette eingenommen. Vor und während der Behandlung müssen Blutdruck, Blutbild sowie die Leberfunktionen kontrolliert werden. Des Weiteren muss eine Schwangerschaft vor Therapiebeginn ausgeschlossen sein und eine sichere Verhütungsmethode während der Behandlung gewählt werden. Teriflunomid kann nach Beendigung der Therapie bis zu zwei Jahren im Blut bleiben. Bei einem Schwangerschaftswunsch muss das Medikament rechtzeitig abgesetzt werden, da es schwerwiegende Schädigungen am Embryo verursachen kann. Dimethylfumarat Dimethylfumarat ist zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose zugelassen. Der genaue Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt. In präklinischen und klinischen Studien zeigte Dimethylfumarat entzündungshemmende und immunmodulatorische Eigenschaften. Der Wirkstoff reduziert in präklinischen Modellen signifikant die Immunzellaktivierung und die nachfolgende Freisetzung von entzündungsfördernden Zytokinen. Das Medikament wird zweimal täglich in Form einer Hartkapsel eingenommen. Vor und während der Behandlung mit Dimethylfumarat muss das Blutbild kontrolliert werden. Dimethylfumarat sollte während der Schwangerschaft und bei unsicherer Verhütungsmethode nicht angewendet werden. Die häufigsten bekannten Nebenwirkungen sind Hitzegefühl und gastrointestinale Ereignisse

10 Immunglobuline Immunglobuline sind körpereigene Eiweiße mit unterschiedlichen Funktionen. Die einen beispielsweise markieren Eindringlinge (z. B. Bakterien), damit die Fresszellen sie als fremd erkennen und vernichten. Andere schädliche Immunglobuline können dies aber auch mit körpereigenem Gewebe tun und es so schädigen. Man geht davon aus, dass die Gabe gesunder Immunglobuline die schädlichen Immunglobuline binden und vernichten kann. In Deutschland sind Immunglobuline aufgrund nicht eindeutig positiver Studienergebnisse nicht zur MS-Behandlung zugelassen. Einzelne Patienten können jedoch sehr gut auf Immunglobuline ansprechen. Azathioprin Azathioprin ist ein Immunsuppressivum und wird vor allem zur Vorbeugung von Organabstoßungen nach Transplantationen und zur Therapie verschiedener Auto immunerkrankungen eingesetzt. Azathioprin bremst die Vermehrung von Immunzellen und vermindert so die Auto immunreaktion bei der MS. Azathioprin ist als Tablette erhältlich. Engmaschige Kontrollen von Blutbild und Leberwerten gehören zu jeder Azathioprin-Therapie. Wegen des erhöhten Risikos, nach mehrjähriger Therapie an Krebs zu erkranken, wird Azathioprin heute nur noch selten bei der MS eingesetzt. Nach den aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2014 können Immunglobuline im Einzelfall während Schwanger schaft und Stillzeit eingesetzt werden, wenn andere Medikamente nicht gegeben werden dürfen

11 Übersicht ausgewählter, zugelassener MS-Basistherapien Präparat Betaferon Rebif 22/44 Avonex Plegridy Copaxone 20mg / 40mg Hersteller Bayer Pharma AG Merck Serono Biogen Idec Biogen Idec Teva Pharma GmbH Wirkstoff Interferon beta-1b Interferon beta-1a Interferon beta-1a Peginterferon beta-1a Glatirameracetat Darreichungsform Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung Fertigspritze Fertigspritze, Fertigpen Fertigpen Fertigspritze Applikationsweg subkutan subkutan intramuskulär subkutan subkutan Applikationsfrequenz jeden 2. Tag 3 x wöchentlich 1 x wöchentlich jede 2. Woche jeden Tag / 3 x wöchentlich Einzeldosis 250 μg 22/44 μg 30 µg 125 µg 20 mg/40 mg ph-wert 7,2 8,2 3,5 4,5 4,8 4,5-5,1 5,5-7 Humanes Serum-Albumin ja nein nein nein nein Mannitol ja ja nein nein ja Sonstige Hilfsmittel Lösungsmittel Lagerung keine Natriumchloridlösung (0,54 %), Wasser max. 24 Monate bei max. 25 C Benzylalkohol, L-Methionin, Poloxamer 188, Essigsäure, Natriumhydroxid, Natriumazetat Argininhydrochlorid, Essigsäure, Polysorbat 20, Natrium-Azetattrihydrat Argininhydrochlorid, Essigsäure, Polysorbat 20, Natriumacetat-Trihydrat keine Wasser Wasser Wasser Wasser lichtgeschützt, max. 18 Monate, im Kühlschrank (2 8 C) max. 24 Monate Kühlschrank (2 8 C); max. 1 Woche bei max. 30 C, lichtgeschützt max. 36 Monate Kühlschrank (2 8 C); max. 1 Monat bei 2 25 C, lichtgeschützt max. 24 Monate Kühlschrank (2 8 C); max. 1 Monat bei C, lichtgeschützt 20 21

12 Medikamente bei aktiver & hochaktiver Verlaufsform Die bisher beschriebenen Medikamente werden nach Expertenmeinung als Basistherapeutika bezeichnet und bei milden und moderaten Verlaufsformen zur Vorbeugung von Schüben und der Behinderungszunahme bei MS eingesetzt. Reicht bei erwachsenen Patienten die Wirkung einer dieser Therapien nicht aus oder schreitet die schubförmig-remittierende MS ohne vorherige Basistherapie rasch voran, können Medikamente für (hoch-) aktive Verlaufsformen eingesetzt werden. Fingolimod Fingolimod ist ein selektives Immunsuppressivum. Der Wirkstoff wirkt auf bestimmte Rezeptoren von weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) und blockiert darüber deren Austritt aus den Lymphknoten in das Blut. Dies hat zur Folge, dass weniger krankmachende Lympho zyten in das ZNS eindringen und somit das Nervengewebe zerstören oder Entzündungen auslösen können. Da die Herzfrequenz bei der Erstgabe abnehmen kann, sollte der Patient für mind. 6 Stunden überwacht werden. Des Weiteren muss sich der Patient einigen Voruntersuchungen (wie z. B. Blutuntersuchung, neurologische Untersuchung, Schwangerschaftstest) unterziehen. Das Medikament wird einmal täglich in Form einer Hartkapsel eingenommen. Natalizumab Das selektive Immunsuppressivum gehört zu den mono klonalen Antikörpern. Das sind Eiweißstoffe, die im Labor aus einem einzelnen Zell-Klon synthetisiert werden können und sehr spezifisch bestimmte Eiweißstrukturen im Körper erkennen. Natalizumab blockiert bestimmte Rezeptoren auf der Oberfläche von Immunzellen, die für deren Übertritt aus den Blutgefäßen in Entzündungsregionen von Bedeutung sind. Fingolimod ist als Mono therapie bei hochaktiver schubförmig-remittierender Multipler Sklerose zugelassen. Das Medikament darf nur bei erwachsenen Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit einem Interferon beta oder bei erwachsenen Patienten mit rasch fortschrei tender schwerer schubförmig-remittierend verlaufender MS angewendet werden

13 Das Medikament wird einmal monatlich per Infusion verabreicht. Die Infusion dauert ca. 1 Stunde, an die sich eine einstündige Nachbeobachtungsphase auf Anzeichen und Symptome einer Überempfindlichkeitsreaktion anschließt. In den Studien traten bei 4 % der Infusionen Überempfindlichkeitsreaktionen auf, die in ca. 1 % der Fälle schwerer ausgeprägt waren. Das Auftreten einer schwerwiegenden Komplikation (der sogenannten progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML), einer seltenen, lebensbedrohlichen Virusinfektion des ZNS) hatte im Februar 2005 zur Marktrücknahme von Natalizumab in den USA geführt. Im Juni 2006 hat die Europäische Zulassungsbehörde Natalizumab unter strengen Auflagen für eng gestellte MS-Indikationen zugelassen. Natalizumab kommt nur für Patienten mit hoher Krankheitsaktivität nach erfolgloser Behandlung mit einem Interferon beta oder für Patienten mit rasch fortschreitender schubförmig remittierend verlaufender MS in Frage. Die Anwendung von Natalizumab darf nur als Monotherapie und nur von speziell ausgerüsteten Arztpraxen oder im Krankenhaus durchgeführt werden. Alemtuzumab Alemtuzumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen bestimmte Oberflächeneiweiße auf Lymphozyten gerichtet ist. Dadurch kommt es zu einer Zerstörung reifer Lymphozyten, die im Verlauf mehrerer Monate wieder nachreifen. Alemtuzumab ist bei erwachsenen Patienten mit aktiver, schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) zugelassen. Es wird als intravenöse Infusion in zwei Behandlungsphasen ver abreicht. Im ersten Behandlungsjahr wird an fünf aufeinanderfolgenden Tagen eine Infusion verabreicht. Im zweiten Behandlungsjahr wird das Medikament an drei aufeinanderfolgenden Tagen verabreicht. Die Infusion dauert ca. vier Stunden. Während und bis zu zwei Stunden nach der Gabe sollte der Patient von einem erfahrenen Neurologen beobachtet werden. Vor der Behandlung aber auch bis vier Jahre nach Ende der Behandlung müssen monatliche Blut- sowie auch Urinuntersuchungen durchgeführt werden, da unter Alemtuzumab schwerwiegende Infektionen auftreten können und das Risiko für die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen steigt

14 Mitoxantron Bei Mitoxantron handelt es sich um ein Chemotherapeutikum, das in der Regel alle drei Monate stationär per Infusion verabreicht wird. Je nach Schweregrad der Erkrankung können Zeitabstand und Dosis variieren. Die Dosis ist wegen möglicher Schädigung des Herzens auf einen Lebenshöchstwert beschränkt. Cyclophosphamid Als Reserve(chemo)therapeutikum steht Cyclophosphamid zur Verfügung. Die Anwendung der üblicherweise in der Krebsbehandlung eingesetzten Chemotherapeutika zur MS-Therapie erfordert viel Erfahrung und gehört unbedingt in Expertenhand. Bitte fragen Sie Ihren behandelnden Arzt, welche Therapie für Sie am besten geeignet ist

15 Stufentherapie der Multiplen Sklerose aus der DGN/KKNMS-Leitlinie 1 Indikation CIS a RRMS a SPMS a Verlaufsmodifizierende Therapie (Hoch-) aktive Verlaufsform Milde/moderate Verlaufsform - Glatirameracetat - Interferon-β 1a i.m. - Interferon-β 1a s.c. - Interferon-β 1b s.c. - Dimethylfumarat - Glatirameracetat - Interferon-β 1a i.m. - Interferon-β 1a s.c. - Interferon-β 1b s.c. - PEG-IFN-β 1a s.c. - Teriflunomid (- Azathioprin) b (- IVIg) c 1. Wahl - Alemtuzumab d - Fingolimod d - Natalizumab d 2. Wahl - Mitoxantron (- Cyclophosphamid) 3. Wahl - Experimentelle Verfahren mit aufgesetzten Schüben - Interferon-β 1a s.c. - Interferon-β 1b s.c. - Mitoxantron (- Cyclophosphamid) ohne aufgesetzte Schübe - Mitoxantron (- Cyclophosphamid) Schubtherapie 2. Wahl - Plasmaseparation 1. Wahl - Methylprednisolonpuls a = Substanzen in alphabetischer Reihenfolge. Die hier gewählte Darstellung impliziert KEINE Überlegenheit einer Substanz gegenüber einer anderen innerhalb einer Indikationsgruppe (dargestellt innerhalb eines Kastens). b = Zugelassen, wenn INF-β nicht möglich ist oder unter Azathioprin-Therapie ein stabiler Verlauf erreicht wird. c = Einsatz nur postpartal im Einzelfall gerechtfertigt, insbesondere vor dem Hintergrund fehlender Behandlungsalternativen. d = Zugelassen für bedrohlich verlaufende Autoimmunkrankheiten, somit lediglich nur für fulminante Fälle als Ausweichtherapie vorzusehen, idealerweise nur an ausgewiesenen MS-Zentren. 1 DGN / KKNMS -Leitlinie zur Diagnose und Therapie der MS, Online -Version, Stand , Seite

16 Glossar Axon: Fortsatz einer Nervenzelle, der Signale transportiert. Blut-Hirn-Schranke (BHS): Eine natürliche Barriere, die das Gewebe des Gehirns vom Blutgefäßsystem (oder Blutkreislauf) trennt. Demyelinisierung: Zerstörung der Myelinscheide. Kortikosteroide (Kortikoide; Glukokortikosteroide): Medikamente, die vom körpereigenen Kortison abstammen und entzündungshemmende Wirkung haben. Bei der MS zur Therapie von Schüben eingesetzt. Nicht zur Dauer therapie geeignet. Immunmodulation: Medikamentöser Eingriff in ein gestörtes Immunsystem mit dem Ziel, fehl geleitete Immunfunktionen zu normalisieren. Immunmodulator: Medikament (z. B. Beta-Interferon) zur Therapie der MS. Verringert die Entzündungsaktivität im Gehirn und verlangsamt den natürlichen Verlauf der Krankheit. Immunsupressivum: Arzneistoffe, die immunologische Reaktionen unterdrücken oder hemmen. Interferon: Körpereigene Substanz, die eine wichtige Rolle bei Entzündungen spielt. Makrophage: Fresszelle, die sich durch Körpergewebe bewegen kann und Krankheitserreger und abgestorbene Körperzellen vernichtet. Myelin: Isoliermaterial von Nerven; wird von Oligodendrozyten gebildet. Myelinscheide: Aus Myelin bestehende Isolierschicht von Axonen, ohne die Nervensignale nicht richtig und nicht schnell genug übertragen werden können. Neuron: Nervenzelle Schub: Neue oder bereits zuvor aufgetretene Symptome, die - mindestens 24 h anhalten - mit einem Zeitintervall von 30 Tagen zum Beginn vorausgegangener Schübe auftreten - nicht durch Änderung der Körpertemperatur oder Infektionen erklärbar sind Remission: Deutliche Besserung von Symptomen. Diese kann vollständig oder teilweise sein. (Gegenteil: Verschlechterung). ZNS (zentrales Nervensystem): Kommandozentrale des Körpers, bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Läsion: Areal im Gehirn, in dem Entzündungen oder Demyelinisierungen auftreten

17 Mein BETAPLUS Das persönliche Betreuungsprogramm für MS-Patienten Kompetente Betreuung BETAPLUS -Schwestern Individuelle Serviceangebote kompetent individuell persönlich kostenfrei Telefonische Betreuung BETAPLUS -Serviceteam Schriftliche Langzeitbetreuung Mat.-Nr.: L.DE.SM BETAPLUS -Serviceteam Telefon: (gebührenfrei) Internet:

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