Gesundheitsförderung in der Geburtshilfe: Über den Zusammenhang von Stillförderung, Bonding und Familiengesundheit

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1 Gesundheitsförderung in der Geburtshilfe: Über den Zusammenhang von Stillförderung, Bonding und Familiengesundheit von Caroline Ottlik Erstauflage Diplomica Verlag 2014 Verlag C.H. Beck im Internet: ISBN schnell und portofrei erhältlich bei beck-shop.de DIE FACHBUCHHANDLUNG

2 Leseprobe Textprobe: Kapitel 4, Bonding-Prozess und BindungsförderungL: Der englische Begriff Bonding bezeichnet das Entstehen einer emotionalen Beziehung zwischen Eltern und Neugeborenem. In der Literatur wird hierbei in erster Linie auf die Mutter-Kind- Beziehung eingegangen, die Väter standen bisher weniger im Fokus der Forschung. Bonding ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein Prozess. Das Bonding wird von vielfältigen Erfahrungen beeinflusst, insbesondere von der eigenen Erziehung der Eltern und davon, wie sie Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und die ersten Lebensmonate des Kindes erlebt haben (vgl. Klaus et al. 1997: 18; Lang 2009: 1). Der Prozess beginnt eventuell schon mit dem Kinderwunsch; bereits in der Schwangerschaft können Eltern und Kind Kontakt miteinander aufnehmen. Dazu gehört von Seiten der Mutter die innere Zwiesprache mit dem Kind und von beiden Elternteilen zum Beispiel das Berühren des schwangeren Bauches, die Reaktion auf Kindsbewegungen und die direkte Ansprache des Ungeborenen. Wie leicht es einer Frau fällt, sich ihrem ungeborenen Kind zuzuwenden, hängt von vielen Faktoren ab: Ist die Schwangerschaft erwünscht, lebt sie in einer stabilen Partnerschaft und wird vom Partner und der Familie unterstützt, sind die Voraussetzungen günstig. Finanzielle Sorgen, eine problematische Partnerschaft oder gesundheitliche Probleme hingegen können sich negativ auf die Kontaktaufnahme zum Kind auswirken (vgl. Muß 2005: 46). Eine besonders intensive Phase für den Bonding-Prozess sind die Geburt und die ersten Stunden nach der Geburt - nicht nur, weil die Eltern ihr Neugeborenes jetzt zum ersten Mal sehen, hören und riechen können sowie Hautkontakt mit ihm möglich ist, sondern auch weil die hormonelle Situation insbesondere bei Mutter und Kind das Kennenlernen und den Aufbau einer emotionalen Bindung extrem begünstigt. Speziell bei Geburten ohne medikamentöse Interventionen stehen Mutter und Kind unter dem Einfluss verschiedener Hormone und anderer neuroendokriner Stoffe, die in der postpartalen Phase so hohe Konzentrationen wie sonst nie im Leben erreichen (vgl. Lang 2009: 37). Unter 4.3 wird im einzelnen auf die Wirkungen der Hormone eingegangen. Neben medikamentösen und sonstigen, zum Beispiel operativen geburtshilflichen Interventionen spielen auch die Art der Betreuung vor, während und nach der Geburt eine Rolle. Eltern, die eine fürsorgliche emotionale und körperliche Unterstützung während der Geburt erhalten, können die Erfahrung des Behütet- und Umsorgtwerdens umso eher an ihr Kind weitergeben (vgl. Klaus et al. 1997: 18). Wenn eine Gebärende erlebt, dass sie in der Situation der Geburt zwar an ihre Grenzen gebracht wird, diese Herausforderung jedoch bewältigen kann, so wird das Geburtserlebnis zu einer Ressource, die sie für die Elternrolle und überhaupt für ihr späteres Leben stärken kann: Das wunderbare Gefühl, mit dem Kind einen guten Start gehabt zu haben, kann viel Zuversicht vermitteln und erleichtert es, die Elternrolle anzunehmen (Lang 2009: 1). Die frühen Interaktionen zwischen Eltern und Kind haben große Bedeutung für die langfristige Persönlichkeitsentwicklung des Kindes, wie zum Beispiel der deutsch-amerikanische Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson ( ) und der britische Kinderpsychiater John

3 Bowlby ( ) betonen. Nach Erikson ist die Säuglingszeit geprägt davon, dass sich das Urvertrauen oder ein Urmisstrauen aufbauen, was vorwiegend von der Qualität der Mutter-Kind- Beziehung abhängt. Eine Mutter, die zuverlässig die individuellen Bedürfnisse des Kindes einfühlsam befriedigt, gibt dem Kind die Grundlage für ein gesundes Selbstbewusstsein (vgl. Erikson 1976: 243). Ähnliche Schlüsse zog Bowlby in seiner 1958 publizierten Bindungstheorie, die in den 1960er Jahren von Mary Ainsworth ( ) und anderen empirisch belegt wurde. Diese Theorie wird im folgenden als Bedeutungsansatz herangezogen. 4.1, Bindungstheorie nach Bowlby/Ainsworth: Grundthese a): Menschen zeigen Bindungsverhalten, um die Nähe zu einer Bezugsperson zu halten oder wiederherzustellen. Dieses überlebenswichtige Verhalten dient dazu, für ihren Schutz zu sorgen (vgl. Bowlby 2003: 42). Nach Bowlby ist das Bindungsverhalten angeboren, besteht aus Signalen wie Rufen und Weinen und Verhalten wie Anklammern und Nachlaufen und wird besonders in Belastungs-, Trennungsund Gefahrensituationen aktiviert. Es ist für ein Kind notwendig, zu mindestens einer Person eine Bindung aufzubauen, die ihm Sicherheit gibt und es vor Stress schützt. Ein Säugling, der schreit, ist nicht in der Lage, sich selbst zu beruhigen, sondern braucht Unterstützung für seine Stressregulation, zum Beispiel in Form von Trost durch Körperkontakt (vgl. Brisch 2010: 36). Das Bindungsverhalten ist in der frühen Kindheit besonders deutlich zu erkennen, gehört aber auch zur Verhaltensausstattung von Erwachsenen (vgl. Bowlby 2003b: 59). Mit der Entwicklung von Beziehungen hängen intensive Gefühle zusammen: Stabile Beziehungen sind eine Quelle der Freude und Sicherheit, während der Verlust oder die drohende Trennung von einer Bindungsperson Angst, Trauer oder Ärger auslösen (vgl. Bowlby 2003a: 22).1 Für Bindungen ist es charakteristisch, dass sie über einen langen Zeitraum des Lebenslaufes bestehen. Gerade frühe Bindungen (wie die Bindung an die Eltern) bleiben in der Regel langfristig bestehen (vgl. Bowlby 2003a: 23)2. Grundthese b): Kinder haben neben dem Bedürfnis nach Bindung auch ein Bedürfnis nach Exploration. Die Nähe der Bindungsperson dient als sichere Basis (vgl. Bowlby 2003a: 25). Ein Kind kann sein angeborenes Bedürfnis die Welt zu erkunden besonders gut ausleben, wenn es sich in seinem Bindungsbedürfnis sicher fühlt. Die Neugier von Kindern, die kein Urvertrauen entwickeln konnten, ist zwar grundsätzlich vorhanden, aber gehemmt (vgl. Brisch 2010: 16). Bowlby bezeichnet den Entdeckerdrang als Explorationsverhaltenssystem. Dieses Verhaltenssystem arbeitet mit dem Bindungsverhaltenssystem in einem dynamischen Gleichgewicht (vgl. Ainsworth et al. 2003: 170). So wie ein Kind in der Nähe einer zuverlässigen Bindungsperson seine Umwelt erkundet und entdeckt und zur sicheren Basis zurückkehrt, wenn es müde oder ängstlich wird, verhält sich auch ein Erwachsener: Er entfernt sich von den geliebten Mitmenschen auch weiter und für längere Zeit, wird aber den Kontakt halten und früher oder später zurückkehren - entweder zu seiner Ursprungsfamilie oder zu einer neuen, selbstgeschaffenen Basis (vgl. Bowlby 2003a: 25). Wenn Eltern in der Schwangerschaft, unter der Geburt und im Wochenbett eine Hebamme (oder ein kleines Team) als feste Ansprechpartnerin haben, kann die Hebamme eine sichere Basis für

4 die Eltern darstellen, indem sie das Maß an Sicherheit vermittelt, dass die Eltern brauchen, um sich mit Vertrauen und Neugier auf die neue Lebenssituation einlassen zu können (vgl. Klein 2007: 363). Grundthese c): Zu einer gesunden Entwicklung gehört das Muster der sicheren Bindung (vgl. Bowlby 2003b: 63). Eine sichere Bindung liegt vor, wenn ein Mensch zuversichtlich ist, sich jederzeit auf die hilfreiche Unterstützung einer Bindungsperson verlassen zu können. Für ein Kleinkind heißt das zu erleben, dass eine bestimmte Person (meist die Mutter) für das Kind zuverlässig verfügbar ist, auf seine Signale angemessen antwortet und liebevoll reagiert, wenn es bei ihr Schutz, Trost oder Beistand sucht (vgl. Bowlby 2003b: 63f.). Daraus lernt das Kind, dass die Welt ein guter Ort ist - bzw. es entwickelt Urvertrauen (vgl. Erikson 1976: 243) -, was sich umfassend auf die Persönlichkeit auswirkt, zum Beispiel auf das Selbstvertrauen. Neben der Feinfühligkeit der Bindungsperson gegenüber den kindlichen Äußerungen hängt es noch von weiteren Kriterien ab, ob eine sichere Bindung entsteht. Ein Faktor ist Körperkontakt: Mary Ainsworth führte aus, dass häufiger und andauernder körperlicher Kontakt zwischen Mutter und Kind insbesondere in den ersten sechs Lebensmonaten sowohl die Entwicklung einer gesunden Bindung fördert als auch die Entwicklung von Kompetenz anregt (vgl. Ainsworth; Wittig 2003: 143). Ein weiterer wesentlicher Faktor besteht darin, ob sich die Eltern in das Spiel des Kindes einmischen und dem Kind Körperkontakt aufdrängen, oder ob sie die Autonomie des Kindes respektieren und fähig sind, Interventionen mit den Rhythmen des Kindes zeitlich abzustimmen (vgl. Ainsworth et al. 2003: 195f.; Ainsworth; Wittig 2003: 143; Bowlby 2003b: 66). Reagiert eine Mutter angemessen und feinfühlig auf die Signale ihres Babys, indem sie zum Beispiel ein weinendes Kind prompt hochnimmt, fördert das die sichere Kind-Mutter-Bindung (vgl. Ainsworth 2003a: 321). Babys mit einer sicheren Bindung werden nicht verwöhnt durch die prompte Zuwendung ihrer Mütter, sondern zeigten in den Studien von Bell und Ainsworth (1974) besonders positives Verhalten in dem Sinne, dass sie sich schnell trösten ließen und sich dann bereitwillig wieder der Erkundung zuwendeten, ohne quengelig und anklammernd zu werden (vgl. Ainsworth; Bowlby 2003: 83). Langfristig zeigen sicher gebundene Kinder ein besseres Sozialverhalten im Kindergarten und in der Schule, mehr Einfühlungsvermögen, eine größere soziale Kompetenz, mehr Phantasie, eine größere Anpassungsfähigkeit, weniger Verhaltensauffälligkeiten sowie mehr positive und weniger negative Affekte als nicht sicher gebundene Kinder, außerdem gibt es Hinweise auf eine höhere Selbstachtung und bessere emotionale Gesundheit (vgl. Ainsworth 2003a: 333; Bowlby 2003b: 65). Grundthese d) Verhält sich die Bindungsperson nicht zugewandt und mitfühlend gegenüber dem Kind, entstehen Bindungsmuster, die das zwischenmenschliche Miteinander erschweren (weil das Kind zum Beispiel mit Anklammern und ausgeprägter Trennungsangst reagiert) oder sogar zu Persönlichkeitsstörungen und Delinquenz führen können (vgl. Bowlby 2003b: 64). Grundthese e): Bindungsmuster werden transgenerational weitergegeben. Das Interaktionsverhalten zwischen Eltern und Kind wird von den frühen Erfahrungen, die die Eltern wiederum mit ihren Eltern gemacht haben, stark beeinflusst (vgl. Ainsworth; Bowlby 2003:

5 71). Die Erfahrungen, die ein Kind im ersten Lebensjahr macht, besonders die Liebe und Zuneigung, die es erfährt, prägen in besonderer Weise seine Beziehungsfähigkeit und dienen damit als Modell für die Beziehungen, die es selbst später eingehen wird (vgl. Bowlby 2003a: 26). Deshalb wiederholen sich ähnliche Bindungsmuster über Generationen. Wie Bowlby betont, sind Bindungsmuster sowie die dazugehörigen Persönlichkeitsmerkmale in den ersten Lebensjahren zwar offen für Veränderungen, aber nur, wenn sich das Umfeld bzw. die Art der Interaktionen, die das Kind erlebt, ändern. Ein Kind kann zur Mutter ein anderes Beziehungsmuster haben als zum Beispiel zum Vater. Die Stabilität der Muster ist also nicht auf angeborene Eigenschaften zurückzuführen, sondern ist eine Folge davon, dass Eltern dazu neigen, ihr Verhalten im Umgang mit dem Kind nicht zu ändern. Daraus können Teufelskreise entstehen: Eine unharmonische, zwiespältige Eltern-Kind-Beziehung in Kombination mit widersprüchlicher elterlicher Erziehung führt zu aufsässigem und zwiespältigem Verhalten des Kindes, was eine missbilligende Reaktion der Eltern hervorruft, so dass das Kind wieder Ablehnung erfährt (vgl. Bowlby 2003b: 66; Herbert 1999: 19). Wenn ein Kind älter wird, werden die Bindungsmuster und die dazugehörigen Persönlichkeitsmerkmale zunehmend zu Eigenschaften des Kindes und lassen sich schwerer verändern. Das führt unter anderem dazu, dass ein Bindungsmuster von einer auf andere Personen übertragen wird (vgl. Bowlby 2003b: 67).

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