EINE-WELT-ARBEIT IN MÜNSTER

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1 EINE-WELT-ARBEIT IN MÜNSTER Informationsmaterial über Münsteraner Eine-Welt-Akteure

2 2. Auflage (Dezember 2012) Impressum Eine-Welt-Forum Münster e. V. Breul Münster Herausgeber Der SprecherInnenrat des Eine-Welt-Forums Ingrid Sieverding Dr. James Pankhurst Karlheinz Müller Anna Proc Dr. Reinald Döbel Brigitte Thomas Nikola Siller Redaktion Ingrid Sieverding Dr. Reinald Döbel Layout Michael Schwarz Anna Proc Julia Stalke

3 Informationsmaterial über Münsteraner Eine-Welt-Akteure 2

4 Inhaltsverzeichnis Impressum Eine-Welt-Arbeit in Münster Inhaltsverzeichnis Eine-Welt-Arbeit in Münster. Die Arbeit des Eine-Welt-Forums e.v. als Beitrag zu lokaler Politik und weltweiter Solidarität AK Eine-Welt & Mission St. Gottfried AK Eine-Welt Jakobus Aktion Kinderhilfe Münster e.v Arbeitskreis Mission-Entwicklung-Frieden St. Clemens / Hiltrup Arbeitsstelle Weltbilder Attac Regionalgruppe Münster BasisGesundheitsDienst (BGD) - St. Benedikt Brasilienkreis Roxel Eine Welt für Alle Center for African Culture NRW e. V. (gegründet 1997) Checkpoint Africa e.v Christliche Initiative Romero (CIR) / Für Gerechtigkeit und Würde DAHW Leprahilfe Darfur-Hilfe e.v Der Weltladen Münster Eine-Welt-Kreis/Ghanakreis St. Marien, Münster-Hiltrup Eine-Welt-Kreis St. Stephanus Eine-Welt-Kreis Trinitatis Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung (ESE) e.v Evangelische-Friedens-Kirchengemeinde Münster FAIR-Handelsgesellschaft mbh Groß- und Einzelhandel für Produkte aus Fairem Handel Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Regionalgruppe Münster

5 Gemeindepartnerschaft arco-íris Münster Timbiras (Brasilien) Ingenieure ohne Grenzen Regionalgruppe Münsterland Institut für Theologie und Politik (ITP) Junges Theater Cactus La tienda e.v MinderheitenarchivMünster Arbeitsstelle für Minderheiten und Menschenrechte Missionsausschuss und Eine-Welt Kreis der Gemeinde Heilige Edith Stein Mutoto e.v Ökumenischer Kreis für Frieden und Gerechtigkeit Ökumenischer Zusammenschluss christlicher EINE-WELT- Gruppen Münsters (ÖZ) Our Children e.v Ökumenischer Eine-Welt-Kreis St. Nikolaus Wolbeck e.v Pan y Arte Sachausschuss Entwicklung-Frieden-Mission, Hl. Kreuz SPD-Bundestagsabgeordneter - aktiv für Menschenrechte in der Einen Welt The Global Experience (früher: Solarnet International ) Thushanang - Ökumenische Eine-Welt-Initiative der Gemeinden Lukas und Liebfrauen-Überwasser im Stadtteil Gievenbeck Vamos e.v Verein zur Förderung von Selbsthilfegruppen in Lateinamerika e.v Weitblick Zwischenzeit e.v

6 . Die Arbeit des Eine-Welt- Forum e.v. als Beitrag zu lokaler Politik und weltweiter Solidarität Sebastian Nessel Eine-Welt-Arbeit bedeutet Verantwortungsübernahme für die Anliegen von benachteiligten Menschen in Ländern des globalen Südens und der eigenen Gesellschaft. Das Engagement in entwicklungspolitischen Gruppen, die sich aus einem Gefühl der Verbundenheit heraus für die Anliegen anderer einsetzen, ist Ausdruck solidarischen Handelns. Solidarität mit Menschen aus Entwicklungsländern wird in Münster in vielfältigen Formen und Bereichen von zahlreichen Einzelpersonen und Initiativen geleistet. Die innerhalb des Eine-Welt-Forum Münster e.v. (EWF) vertretenen Gruppen bilden mit ihren unterschiedlichen Aktivitäten einen exemplarischen Spannungsbogen transnationaler Solidaritätsarbeit ab. In über 40 Mitgliedsgruppen arbeiten Engagierte in Bereichen wie der Kulturverständigung, dem Fairen Handel, der Förderung migrantischer Anliegen, in christlichen Sach- und Missionsausschüssen, in Theatergruppen oder Bildungszentren. Ebenso vielfältig wie die Träger und Bereiche der Solidaritätsarbeit sind die Projekte und Beziehungen, die sie unterhalten. Die Interventionen der Gruppen setzen auf verschiedenen Ebenen an, fokussieren unterschiedliche Bereiche menschlicher Entwicklung (Politik, Bildung etc.) und werden mit vielfältigen Mitteln (Bildungsarbeit, Fairer Handel etc.) durchgeführt. Die Verbindung dieser Gruppen im EWF ergibt sich aus ihrer gemeinsamen Überzeugung, dass allen Menschen dieselbe universell geteilte Chancengerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit zukommen soll. Von diesen Gruppen, ihren Projekten und Beziehungen erzählt die vorliegende Broschüre. Ihr Ziel besteht darin, die Arbeit 5

7 der vielen Engagierten in den Kontext gelebter Solidarität und globalen Denkens zu stellen. Die vielfach ehrenamtliche Arbeit und der Einsatz für Benachteiligte werden so nicht als isolierte Einzelhandlungen abgetan, sondern in ihren vielschichtigen Dimensionen gewürdigt. Das entwicklungspolitische Handeln in Münster wird als Teil einer sozialen Bewegung sichtbar gemacht, die bedeutende Wirkungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene entfaltet und von der Arbeit ihrer Engagierten getragen wird. Ihr Ziel besteht gleichsam darin, Interessierten einen Einblick in die Vielfalt der Eine-Welt-Arbeit in Münster zu geben, neue Motivation zur Mitarbeit zu schaffen und eine gegenseitige Vernetzung der Gruppen durch Sichtbarmachung ihrer Aktivitäten anzuregen. In dieser Einleitung wird die Arbeit der lokalen entwicklungspolitischen Gruppen in Münster, die am EWF beteiligt sind, überblickshaft vorgestellt. Beginnend mit dem Selbstverständnis und den Zielen der Münsteraner Eine-Welt-Gruppen wird zunächst ein grundlegendes Verständnis für ihr Handeln und die Motivation ihres Engagements geschaffen. Dass die entwicklungspolitischen Gruppen zusammengenommen trotz aller Unterschiede in ihrer Organisation oder ihren jeweiligen Themenschwerpunkten als soziale Bewegung aufzufassen sind, wird vor dem Hintergrund ihrer Handlungsmotivation deutlich: Aus einer moralischen Empörung über die empfundene weltweite Ungerechtigkeit heraus übernehmen die Mitglieder Mitverantwortung für die Anliegen der Menschen im globalen Süden. Wie vielfältig sich Menschen in Münster für dieses Ziel einsetzen, wird aus einem Überblick über die Struktur der Eine-Welt-Szene in Münster deutlich. Ein Spannungsbogen der Aktivitäten der Gruppen zeigt sodann die Fülle dieses Engagements. Der Einsatz für die Anliegen der Menschen in den Ländern des globalen Südens wird sowohl durch Projektarbeit in 6

8 den Zielländern als auch durch Kampagnen-, Informations- und Bildungsarbeit in Deutschland geleistet. Wie die Betrachtung der Wirkungsebenen solidarischen Handelns zeigt, gehen die Wirkungen der Aktionen und Projekte weit über den lokalen Kontext hinaus. Die unterschiedlichen Facetten des Umweltund Politikhandelns der Eine-Welt-Gruppen und ihre gegenwärtige Verfasstheit werfen jedoch auch Fragen in Bezug auf die zukünftigen Perspektiven der Eine-Welt-Arbeit auf. Kritisch muss dabei nach den Grenzen des Handelns sowie nach neuen Perspektiven zur Überwindung von Hemmnissen der Arbeit gefragt werden. Als Felder zukünftigen Handlungsbedarfs werden daher abschließend ein verbesserter Informationsfluss, ein stärkeres gemeinsames Auftreten, eine zunehmende Institutionalisierung und eine stärkere Bündelung von Ressourcen diskutiert. Damit wird verdeutlicht, dass eine Berücksichtigung dieser Ansätze dazu beitragen kann, die transnationale Solidaritätsarbeit und die lokale Praxis von Eine-Welt-Gruppen als Form einer neuen partizipativen (Welt-) Politik weiter zu stärken. Selbstverständnis und Ziele der Münsteraner Eine-Welt- Gruppen Das Engagement der Münsteraner Eine-Welt-Gruppen gründet sich in einem Gefühl der moralischen Verantwortung für Menschen, die wirtschaftlicher, sozialer und politischer Benachteiligung ausgesetzt sind. Es erwächst aus der Einsicht, dass die missliche Lage und die Benachteiligung von Menschen oftmals nicht selbst verschuldet, sondern vielfach Ergebnis aktueller und historischer Prozesse auf internationaler Ebene sind. Das Wissen um die Zusammenhänge zwischen lokalem und nationalem Handeln im Norden und seinen globalen Wirkungen 7

9 schafft das Grundverständnis dafür, die Anliegen aller Menschen in den eigenen Handlungs- und Verantwortungsradius einzubeziehen. Aus dieser Perspektive ist es geboten, den Menschen im globalen Süden die gleichen Lebensgrundlagen zuzugestehen und für gerechte und menschenwürdige Arbeitsund Lebensverhältnisse einzutreten. Um dieses Ziel zu erreichen, werden von den Eine-Welt-Gruppen nicht die Agenturen staatlicher Entwicklungspolitik bemüht. Vielmehr sollen die Lebensbedingungen Benachteiligter durch das eigene freiwillige Engagement zusammen mit den Partnerinnen und Partnern verbessert werden. Das Selbstverständnis der Gruppen leitet sich aus einem Gefühl der moralischen Empörung über gesellschaftliche und globale Missstände und Ungerechtigkeiten sowie aus einem umfassenden Verantwortungsempfinden für Menschen ab, denen universelle Menschen- und Grundrechte verwehrt bleiben. Die Gruppen nehmen eine Stellvertreterrolle für die Anliegen von Menschen aus dem globalen Süden ein und treten ebenso als Advokaten von Benachteiligten in Deutschland ein. Eine zeitweise oder dauerhafte Schwerpunktsetzung der Gruppenarbeit wird maßgeblich durch persönliche Bekanntschaften und Erlebnisse einzelner Mitglieder angeregt. Charakteristisch für transnationale Solidaritätsarbeit ist, dass solidarische Verbundenheit über persönliche Kontakte hergestellt und unterhalten wird. Aus diesem Selbstverständnis leiten sich die Ziele der Münsteraner Eine-Welt-Gruppen ab: Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen, die von Hunger, Armut und wirtschaftlicher und sozialer Benachteiligung betroffen sind; 8

10 Eintreten für die Gewährleistung und Ausweitung universeller Menschen- und Grundrechte bei Wahrung der personalen Verschiedenheit und Würde; Hinweisen auf weltweite Ungerechtigkeiten und ein Interesse für die Menschen im globalen Süden wecken; Reflektion über und Aufzeigen von Interventionsmöglichkeiten bzgl. struktureller Probleme wie asymmetrische Handels- und Abhängigkeitsverhältnisse oder Machtungleichgewichte zwischen Ländern des Nordens und Südens; Aufzeigen von Mechanismen und Tatbeständen wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ausgrenzung von Menschen auch im nationalen Kontext; Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Entwicklungsländern und der eigenen Gesellschaft sowie zwischen Gruppen in diesen Ländern; Schaffung einer Gesellschaft, in der die Menschen respektvoll miteinander umgehen und die auf Gleichheit basiert. Aus diesen grundlegenden Zielen ergeben sich weitere Unterziele, die die praktische Arbeit bestimmen und gleichsam als Mittel zur Erreichung der Hauptanliegen dienen. Dazu zählen die Aufklärungs-, Kampagnen-, Projekt- und Bildungsarbeit, der Verkauf und die Erhöhung des Absatzes fair gehandelter Produkte, die Spenden- und Finanzakquirierung, die Schaffung von hauptamtlichen Stellen zur Unterstützung der Vereinsarbeit oder die Umweltarbeit. Um diese vielfältigen Dimensionen solidarischen Handelns und ihre Wirkungsebenen darzustellen, werden die Aktivitäten der Gruppen im Weiteren eingehend beschrieben. Zuvor soll ein kurzer Überblick über Strukturen, Reichweite und Vernetzung der Münsteraner Eine- 9

11 Welt-Gruppen den Kontext ihres entwicklungspolitischen Handelns abbilden. Organisationsstruktur, Reichweite und Vernetzung der Münsteraner Eine-Welt-Gruppen Die Organisationsstruktur, Reichweite und Vernetzung der Eine-Welt-Gruppen in Münster ist vielfältig. Organisiert sind die entwicklungspolitisch Aktiven in Vereinen, Initiativen sowie kirchlichen und ökumenischen Arbeitskreisen unterschiedlicher Größe. Die Mitglieder unterscheiden sich dabei in der Form ihres Engagements. Bei großen und in Vereinen stärker institutionalisierten Gruppen gibt es vier unterschiedliche Kreise von Beteiligten: Aktive Mitglieder, die sich an den durchgeführten Aktionen regelmäßig beteiligen; Förderer, die sich durch ihre Mitgliedschaft und die Beteiligung an der Finanzierung engagieren; eine Gruppe von Personen, die unregelmäßig zu bestimmten Anlässen finanziell und tatkräftig mitwirkt; sowie hauptamtliche MitarbeiterInnen. Nur wenige Gruppen arbeiten professionell in dem Sinne, dass die Vereinsarbeit und das Tagesgeschäft von Hauptamtlichen mitbetrieben werden. Die Beteiligten kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und nahezu allen Altersgruppen. Bemerkenswert ist, dass einige Gruppen in jüngster Zeit verstärkt junge Menschen gewinnen konnten und dass die Mitgliederzahl der interviewten Gruppen im Laufe ihres Bestehens konstant blieb oder sich vermehrt hat. Ein unterschiedlicher Grad an Institutionalisierung betrifft neben Größe und Organisationsform der Gruppen die Frequenz ihrer Treffen, ihre Arbeitsweise sowie ihre Einbindung in Netzwerke und Zusammenschlüsse. Die Mitgliedertreffen finden in den meisten Gruppen regelmäßig statt überwiegend 10

12 in einem Turnus von einer bis sechs Wochen. Bei großen Vereinen bietet die Jahreshauptversammlung für Förderer und passive Vereinsmitglieder die Gelegenheit, sich persönlich mit den Aktiven auszutauschen und an offiziellen vereinsrechtlichen Verpflichtungen der Wahl des Vorstandes oder der Zustimmung zur (sachgemäßen) Verwendung der finanziellen Mittel teilzunehmen. Zum Gruppenzusammenhalt tragen neben den regelmäßigen Treffen die durchgeführten Veranstaltungen und Aktionen bei, die die persönlichen Beziehungen der Mitglieder als Grundlage des Vereinsbestehens festigen. Auf den Mitgliedstreffen stehen inhaltliche und organisatorische Fragen im Mittelpunkt. Inhaltlich stehen die Reflektion der eigenen Arbeit oder Informationen über bestimmte Themen- und Länderschwerpunkte und damit die interne Bildungsarbeit auf der Tagesordnung. Organisatorisch werden die Planung von Veranstaltungen oder Fragen des zukünftigen Engagements diskutiert. Die in den Veranstaltungen ebenso wie in den Projekten aufgegriffenen Themen werden auf Initiative Einzelner oder durch das Aufgreifen von Themenschwerpunkten von externen Akteuren Dachverbänden (bspw. Weltladendachverband), kirchlichen Trägern (Diözesen, Weltkirchenrat) oder der außerparlamentarischen Bewegungs- Szene (bspw. mit Umweltgruppen) ausgewählt. Die wichtigste Quelle für neue Themen bilden jedoch persönliche Erfahrungen und Bekanntschaften einzelner Gruppenmitglieder, die eine zeitweise oder dauerhafte Schwerpunktsetzung anregen. In Bezug auf die Vernetzung der Gruppen fällt auf, dass es gerade die wenig institutionalisierten politischen Gruppen sind, die am häufigsten in internationale Netzwerke eingebunden sind. Wenngleich definitionsgemäß alle Gruppen transnationale Verbindungen unterhalten, fällt bei diesen Gruppen auf, 11

13 dass die Forschungsarbeit häufig in Zielländern durchgeführt wird, in denen Kontakte mit ausländischen Partnern sehr regelmäßig und Einladungen verschiedener PartnerInnen nach Deutschland überdurchschnittlich häufig realisiert werden. Der Grad der Vernetzung ist insgesamt auf lokaler Ebene dichter und fällt in Richtung internationaler Eingebundenheit stark ab. Während lokale Kooperationen bei Veranstaltungen noch relativ häufig sind, ist die Einbindung in lokale Zusammenschlüsse auf kommunaler oder Landesebene weitaus geringer. Eine internationale Vernetzung ist ebenso wie die Beteiligung an Zusammenschlüssen auf Bundesebene kaum anzutreffen. Die Reichweite der einzelnen Gruppen unterscheidet sich in Bezug auf ihre Adressaten sowie in Bezug auf die Verbreitung von Informationen. Bei Veranstaltungen nutzen viele Gruppen einschlägige Verteiler oder Homepages wie bspw. die des EWF. Neben den damit Erreichten und für die entwicklungspolitische Arbeit bereits Sensibilisierten werden Aktionen und Veranstaltungen häufig in der Lokalpresse und mit Plakaten und Flyern beworben. Zu dieser Art der Bewerbung gehören auch regelmäßige Spendenaufrufe oder Aufrufe zu Soforthilfen nach Naturkatastrophen in Tageszeitungen Münsters. Um Informationen zu verbreiten, nutzen schon weniger Gruppen Netzwerke auf Landesebene; nationale und internationale Verteiler werden nur selten eingesetzt. Naturgemäß unterscheidet sich die Nutzung der Kommunikationskanäle von der Art der Information: Während bei kommunalen Aktionen die Lokalpresse und lokale -Verteiler genutzt werden, erweitert sich der Adressatenkreis bei Kampagnen, Publikationen und/oder Forschungsarbeiten auf die internationale Ebene. 12

14 Die Projekte und Aktionen der Gruppen werden aus unterschiedlichen Quellen finanziert. Haupteinnahmen sind (Förder)Mitgliedsbeiträge und Spendeneinnahmen für einmalige oder laufende Projekte. Die Spenden werden in gezielten Aufrufen in der Lokalpresse, in kirchlichen Kollekten und/oder freiwilligen Spenden nach Vorträgen und Veranstaltungen akquiriert. Sie sind zumeist projektgebunden: Die Spender wissen genau, für welche Projekte die Organisationen das Geld verwenden. Einige Gruppen rufen auch Mittel vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) oder der EU ab. Auch kirchliche Institutionen und Entwicklungsbanken tragen zur Projektförderung der Vereine bei. Auffallend ist jedoch, dass insgesamt nur wenige Gruppen Finanzmittel öffentlicher Institutionen in Anspruch nehmen. Eine Erklärung dafür bietet das Selbstverständnis der Gruppen: Als unabhängige entwicklungspolitische Akteure verwirklichen sie autonom und mit eigenem Engagement ihre Ziele. Obwohl nur sehr wenige Gruppen institutionelle Förderung in Anspruch nehmen, ist das Gesamtvolumen der Einnahmen überaus bemerkenswert: Allein in den Vereinen, die in den Interviews und Selbstdarstellungen für diese Broschüre berichten, belaufen sich die Investitionssummen in Projekten, Kampagnen oder Bildungsarbeit auf über 1,3 Millionen Euro. Zusammen mit über zehn hauptamtlichen Stellen und annähernd 1000 Engagierten ergibt sich ein beachtliches Gewicht für die Anliegen benachteiligter Menschen. Lokales Handeln und globale Solidarität. Eine Reise durch die Aktivitäten der entwicklungspolitischen Gruppen in Münster Zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen im globalen Süden werden die Projektarbeit in den 13

15 Zielländern sowie Kampagnen-, Informations- und Bildungsarbeit in Deutschland durchgeführt. Diese Unterteilung der Aktionsformen ist idealtypisch zu verstehen: In der Praxis werden Interventionen zumeist in verschiedenen Bereichen parallel durchgeführt, kommen Bereiche im Laufe des Gruppenbestehens hinzu oder werden mit weiteren Themen und/oder PartnerInnen verknüpft. In den meisten Gruppen umfasst die Vereinsarbeit mehrere Arbeitsfelder mit unterschiedlichen Länderschwerpunkten. Ein bedeutender Bereich der entwicklungspolitischen Arbeit beinhaltet die Durchführung von Projekten. In Kooperation mit Partnerorganisationen werden in verschiedenen Zielländern Projekte in den Bereichen Bildungsarbeit, Gesundheit, Infrastrukturförderung und wirtschaftliche Hilfe zur Selbsthilfe/ländliche Entwicklung durchgeführt. Das Engagement beinhaltet Einzelmaßnahmen und längerfristige Interventionen teilweise bestehen Partnerschaften von über 25 Jahren. Der Bereich Bildungsförderung zielt auf die Verbesserung der Schulbildung sowie auf Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Besonders hervorzuheben ist, dass in den Zielländern auch weiterführende Schulen finanziert werden, die vom BMZ nicht bezuschusst werden. Der Beitrag der Gruppen erweitert damit den Horizont staatlicher Entwicklungspolitik. Die Schaffung der nötigen Infrastruktur ist jedoch oftmals nicht ausreichend, um Jugendlichen den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen. Kinder und Jugendliche in Entwicklungsländern sind oft eng in die familiäre Ökonomie eingebunden und vielfach fehlen die finanziellen Mittel, um den Transport und die Kosten für den Besuch einer Schule aufzubringen. Schulpatenschaften und -Stipendien leisten hier einen wichtigen Beitrag, um Jugendlichen den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen. 14

16 Im Bereich Gesundheit gilt der Schwerpunkt vieler Gruppen der Förderung medizinischer Einrichtungen und dem Aufbau einer medizinischen Grundversorgung. Gefördert werden bspw. die Ausbildung von Gesundheitshelfern, der Bau von Gesundheits- und Behandlungsstationen oder die medizinischpsychologische Betreuung von HIV-Patienten und ihren Angehörigen. Ein weiterer Schwerpunkt solidarischen Engagements in der Projektarbeit ist der Aufbau von technischer und sozialer Infrastruktur. Im Mittelpunkt stehen hier die Anschubfinanzierung des sozialen Wohnungsbaus, der Aufbau von Sozialeinrichtungen oder die Verbesserung der Wasserversorgung. Neben der finanziellen Unterstützung von Projekten sind mehrere Gruppen an einem Jugend- und Erwachsenenaustausch beteiligt. Durch diese Art des Begegnungsaustauschs erwächst eine oft langjährige persönliche Beziehung zwischen den Beteiligten, die Motivation und Handlungsantrieb für weiteres solidarisches Engagement bildet. Eng verbunden mit den aufgeführten Infrastrukturmaßnahmen sind Interventionen zugunsten ländlicher Entwicklung und wirtschaftlicher Selbsthilfe. Auf dem Land sind die Menschen in Entwicklungsländern stärker noch als ihre Mitmenschen in den Großstädten von mangelnder Gesundheitsversorgung und fehlenden Bildungs- und Einkommensmöglichkeiten betroffen. Um den damit verbundenen hohen Abwanderungsraten aus den ländlichen Gebieten und der Erosion kleinbäuerlich-traditioneller Lebensweisen zu begegnen, ist es grundlegend, sowohl dauerhafte Einkommensperspektiven als auch notwendige Investitionen zum Aufbau und dem Erhalt einer nachhaltigen Infrastruktur vorzunehmen (Nessel 2009). In beiden Bereichen finden sich zahlreiche Projekte Münsteraner Gruppen, die in dieser Weise zur 15

17 ländlichen Entwicklung in Afrika, Asien und Lateinamerika beitragen. Während sich fast alle Gruppen in irgendeiner Form an der Projektarbeit in den aufgezeigten Bereichen engagieren, ist auch der Verkauf von Waren aus Fairem Handel eine weit verbreitete Form entwicklungspolitischer Arbeit. Neben den festen Institutionen in Münster Weltläden, Verkaufsstände in Gemeindezentren und Großverteilerzentrum bieten viele Gruppen auf öffentlichen Veranstaltungen Waren von Kleinproduzierenden aus Entwicklungsländern an. Mit dem Verkaufserlös werden Kleinproduzierende sozial und ökologisch nachhaltige Einkünfte ermöglicht und Projekte in den Zielländern finanziert. Ein weiterer Bereich der Solidaritätsarbeit ist die Öffentlichkeitsarbeit. In Veranstaltungen informieren die Gruppen über entwicklungspolitische Themen und die Situation in Entwicklungsländern. Während manche dieser Veranstaltungen die konkrete Situation von Menschen in den Partnerorganisationen beleuchten, reflektieren andere die internationalen Wirtschaftsstrukturen stärker unter politischen Aspekten. Öffentlichkeitsarbeit wird von einigen Gruppen auch als professionelle Bildungsarbeit betrieben. Bildungsarbeit im engeren Sinne zielt auf die Schaffung interkultureller Kompetenz sowie auf die Vermittlung von Handlungsperspektiven in Bildungs- und Reflektionsprozessen. In Workshops und Seminaren soll bei dieser Form der Solidaritätsarbeit ein gesellschaftliches Solidarpotential gezielt durch Wissen über Strukturzusammenhänge, der Wahrnehmung eigener Handlungsalternativen sowie der Einübung solidarischen Handelns aktiviert werden. Aus der Forschungsarbeit der Gruppen im Bereich Bildung entste- 16

18 hen auch Arbeitsmaterialien, die in verschiedenen Kontexten eingesetzt und von verschiedenen Trägern wie Aus- und Weiterbildungszentren, Weltläden oder Schulen genutzt werden. Publikationen und Schriftenreihen werden zu entwicklungspolitischen Themengebieten veröffentlicht und richten sich sowohl an ein Laien- als auch an ein Fachpublikum. Die Bildungs- und Informationsarbeit informiert über Verhältnisse im globalen Süden und nimmt auch die bundesdeutsche Gesellschaft kritisch in den Blick. Gruppen, die von Menschen mit Migrationshintergrund mitgetragen oder gegründet wurden, bieten zudem regelmäßig Informationsveranstaltungen zu den Themen Rechtsberatung oder Flüchtlingshilfe an. Während die Informations- und Bildungsarbeit durch Wissensvermittlung und Sensibilisierung eher indirekt auf die Schaffung von Solidaritätspotentialen zielt, vereint die Kampagnenarbeit sowohl indirekte als auch direkte Interventionen zugunsten von Benachteiligten. Die Durchführung öffentlichkeitswirksamer Aktionen zielt darauf ab, entwicklungspolitische Anliegen publik zu machen und Unterstützer für die eigenen Ziele zu gewinnen. Einerseits sollen so Unternehmen oder Staaten durch öffentlichen Druck dazu bewegt werden, die Anliegen der von ihrem Handeln Betroffenen einzubeziehen. Andererseits werden Menschen über globale Missstände informiert und für die Folgen ihres Handelns sensibilisiert. Das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten z.b. den Kauf sauberer Kleidung oder den Verzicht auf sozial unverträgliche Güter zeigt zudem das Potential von KonsumentIinnen zur Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen auf. In den bisher genannten Bereichen des Engagements wird von vielen Münsteraner Organisationen der Förderung von Frauengruppen besondere Beachtung geschenkt. Vielfältige Inter- 17

19 ventionen nehmen sich der Benachteiligungen von Frauen sowohl in Entwicklungsländern als auch in Deutschland an. Eine Sensibilität für die Mehrfachdiskriminierung von Frauen und Migranten ist in breiten Kreisen der Eine-Welt-Bewegung anzutreffen. Wie im folgenden Abschnitt verdeutlicht wird, ist diese Sensibilität Teil einer innovativen und gerechten Beteiligungspraxis, die sich der besonderen Situation (mehrfach) diskriminierter Personen bewusst ist. Wirkungen der Eine-Welt-Arbeit als praktischer Solidaritätsarbeit Eine bedeutende Wirkungsebene der Eine-Welt-Arbeit betrifft die konkrete Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in den Zielländern. Die Projektinterventionen tragen dazu bei, den Zugang zu grundlegenden Ressourcen wie Wasser, Nahrung oder Bildung in Entwicklungsländern zumindest für einen Teil der Bevölkerung zu verbessern. Die Verbindung der Projektarbeit mit der Schaffung von dauerhaften Einkommensmöglichkeiten auf Grundlage menschenwürdiger Arbeitsverhältnisse beinhaltet das Potential, gerade in ländlichen Regionen eine nachhaltige endogene Entwicklung zu fördern. Durch die enge Zusammenarbeit der Gruppen mit ihren Partnern vollziehen sich Entwicklungsprozesse unter Partizipation breiter gesellschaftlicher Gruppen: Sie schließen insbesondere diejenigen Menschen ein, die in Entwicklungsländern durch die Politik wirtschaftlicher und politischer Eliten vielfach von gesellschaftlicher Beteiligung ausgeschlossen bleiben. Im nationalen und internationalen Kontext setzt die Kampagnen-, Informations- und Bildungsarbeit von Eine-Welt-Gruppen wichtige Impulse, um durch politische Partizipation und Bil- 18

20 dung gesellschaftliche Prozesse mit- und umzugestalten. Als Gegengewicht zu wirtschaftlichen und politischen Eliten unterstützen die Engagierten die Anliegen Benachteiligter und befördern so eine Entwicklung von unten. Sie tragen dazu bei, eigene Gestaltungsvorstellungen von Politik in den öffentlichen Diskurs einzubringen und das Konzept der Governance als tragfähigem Regulierungsmechanismus umzusetzen. Die Stärke einer solchen Ordnungspolitik ist der Einbezug möglichst vieler gesellschaftlicher Akteure unter Gleichberechtigung ihrer Interessen (Multi-Stakeholder-Ansätze). Die Unverzichtbarkeit einer breiten gesellschaftlichen Beteiligung wird vor dem Hintergrund globaler Probleme besonders deutlich: Um den globalen Herausforderungen wirkungsvoll zu begegnen, bedarf es der Beteiligung und Sachkompetenz möglichst vieler Akteure auf unterschiedlichen Ebenen. Als Transmissionsriemen internationaler Abkommen kommt zivilgesellschaftlichen Akteuren eine entscheidende Rolle zu. Sie haben gute Sachkenntnisse über lokale Verhältnisse und können durch den langfristigen Vertrauensaufbau mit ihren Partnern Problemlagen besser erkennen und tragfähige Lösungsansätze mit den Betroffenen umsetzen. Als Teil einer arbeitsteiligen Struktur kann die Zivilgesellschaft somit als notwendige und sinnvolle Ergänzung begriffen werden, die die Defizite staatliche[r] Politik ausgleichen und Grenzen überwinden kann (Satz/Wohlfahrt 2010: 55). Das Engagement von Eine-Welt-Gruppen stellt im politischen Kontext noch eine weitere wichtige Ressource dar. In der Beteiligung an diesen Gruppen finden gerade Menschen, denen in den traditionellen politischen Agenturen kaum Möglichkeiten der Beteiligung eingeräumt werden, dies betrifft insbesondere Frauen und Migranten ein Feld politischer Mitgestaltung. Werden zur klassischen Definition von Politik auch 19

21 politische Formen jenseits des Parlamentarismus hinzugezogen (z.b. politischer Konsum, Kampagnen u.a. Proteste), wird ersichtlich, dass die Beteiligung an der Gestaltung von Gesellschaft im Zeitverlauf nicht etwa ab-, sondern im Gegenteil deutlich zunimmt (Micheletti u.a. 2004). Dieser Prozess vollzieht sich nicht innerhalb der traditionellen (geschlechts-, ethnisch- und status-) hierarchisch strukturierten politischen Institutionen, sondern in vielfältigen Formen öffentlicher Partizipation. Zum Funktionieren dieser Form politischer Gestaltung tragen die Mitglieder von Eine-Welt-Organisationen ganz wesentlich bei: Als politische Akteure nehmen die Gruppen im lokalen Kontext an der Gestaltung von Kommunalpolitik teil und haben eine Multiplikatorwirkung auf Stadtviertel und Gemeinden. Auf nationaler und internationaler Ebene sind sie als zivilgesellschaftliche Akteure unverzichtbare Elemente der Öffentlichkeit. Sie erweitern die internationalen, d.h. interstaatlichen, Beziehungen um die Beziehung zwischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Gruppen auf allen Ebenen weltweiter Verbindungen. Die Informations- und Bildungsarbeit schafft nicht zuletzt ein grundlegendes Verständnis für die komplexen Wirkungszusammenhänge internationaler Handels- und Politikstrukturen. Das Aufzeigen von Handlungsalternativen komplementiert die Wissensvermittlung und zeigt tragfähige Lösungsmodelle für globale Probleme ebenso auf wie praktische Hinweise zur nachhaltigen Gestaltung der eigenen Lebens- und Konsumpraxis. Ob damit die Ausweitung des Solidaritätsgedankens in die Gesellschaft hinein und der Bezugsrahmen von Gerechtigkeit erweitert wird, wie es viele Gruppen von der eigenen Arbeit erhoffen, ist schwer abzuschätzen. Wird transnationale Solidarität jedoch anhand von Spendenaufkommen (Radtke 2007), zunehmendem Verkauf fair gehandelter Waren (Krier 2007) 20

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