15. Landeskonferenz des Eine Welt Netz NRW am 17./18. Juni in Münster. Vision Rückblick und Vorschau auf die Eine-Welt(-Bewegung)

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1 15. Landeskonferenz des Eine Welt Netz NRW am 17./18. Juni in Münster Vision Rückblick und Vorschau auf die Eine-Welt(-Bewegung) Woher wir kommen wohin wir gehen von Udo Schlüter, Geschäftsführer des Eine Welt Netz NRW Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, erinnert Ihr euch noch an dieses Lied? Wenn ihr den letzten Baum zerstört, Dem letzten Fluss die Klarheit nehmt, Den letzten Wilden habt bekehrt, Der Vogel nicht mehr singt, Die letzte Straße angekommen, Der letzte Wald zum Parkplatz wird, Der letzte Krieg endlich gewonnen, Der letzte Strand mit ÖL verschmiert. Welch Menge ihr auch nennt Wenn ihr den letzten Fisch gefangen, Die letzte Erde aufgeteilt, Die letzte Bombe hochgegangen, Die letzten Ernten sind verseucht, Die letzte Mutter Kinder liebt, Der letzte Mensch durch Folter stirbt, Der letzte Gott den Segen gibt, Der letzte Hitler für sich wirbt. Welch Menge ihr auch nennt. Das letzte Meer voll Abfall ist, Die letzte Erde ausgehöhlt, Der letzte Tanker langsam bricht, das letzte Paradies zerstört. Die letzte Menschlichkeit besiegt, Das letzte Hochhaus hoch genug, Die letzte Lüge Beifall bringt. Die letzte Blume fault im Krug

2 Seite 2 Welch Menge ihr auch nennt Text und Musik: Fred Ape Das war das Lied Rauchzeichen der Gruppe Cochise. Von Verblüffend, oder? In der Retrospektive drängen sich bei jeder einzelnen Liedzeile Assoziationen auf zu den großen Krisen, Havarien, globalen Themen der letzten Jahre, oder? Woher wir kommen, wohin wir gehen, soll diese kleine Einführung in die Konferenz heißen. Bevor ich mich aber mit dem kommen und gehen beschäftige, müssen wir vielleicht kurz mal fragen, wer den dieses WIR ist? Wahrscheinlich habt Ihr Euch schon gedacht, dass dieses WIR nicht die Menschheit an sich meint, obwohl das gar nicht so abwegig wäre. Das WIR meint natürlich uns, die Eine-Welt-Bewegung, und da schließt sich doch ganz plausibel die Frage an, wer denn dieses Wir überhaupt war bzw. ist. Als ich 1986 anfing, im Informationszentrum Solidarische Welt in Münster Bildungs- und Kampagnenarbeit zu machen, da gab es deutschlandweit ein sehr heterogenes Spektrum, das sich mit Entwicklungspolitik, Entwicklungshilfe, der Dritten Welt, der sog. Dritten Welt, den Ländern des Südens, dem Trikont beschäftigt hat. Der Begriff Eine Welt war noch nicht erfunden. Es gab wie heute sehr viele Vereine und informelle Gruppen, die hier Geld gesammelt und damit Hilfsprojekte in Ländern des Südens umgesetzt haben: Brunnen bohren, Schulen und Krankenhäuser bauen. Die fingen oft ganz hierarchisch als Patenschaften an und haben sich dann manchmal zu Partnerschaften weiter entwickelt, zu echten Lernpartnerschaften für beide Seiten. Der Alternative Handel, Dritte-Welt-Handel, Faire Handel wurde im deutschsprachigen Raum 1969/70 aus den Reihen der kirchlichen Jugendverbände initiiert. Das ging weit über caritative Motive hinaus. Weltwirtschaftliche Strukturen wurden als ursächlich erkannt, da sollt beispielhaft Alternativen entwickelt werden. Es gab politische Bewegungen, die sich auf die Dependenz-Theorie bezogen. Also Entwicklung heißt Befreiung von kolonialen und imperialistischen Strukturen, durch die die Länder der Dritten Welt in Abhängigkeit gehalten werden. Es gab die Solidarität mit antikolonialen und antiimperialistischen Befreiungsbewegungen: die Solidaritätsbewegung mit Nicaragua, die ihre bekanntesten Ausdrucksformen in den internationalen Brigaden und vielen Städtepartnerschaften hatte. El Salvador, Guatemala, Rhodesien/Zimbabwe und natürlich die Anti-Apartheids-Bewegung, die Solidarität mit den Menschen in Südafrika. Es gab politische Kampagnen wie z.b. die BUKO-Pharmakampagne, die Kampagne gegen Rüstungsexporte, die BUKO-Agro-Kampagne, den Koordinierungskreis Verschuldung, der 1988 mehr als Menschen gegen die Tagung von IWF und Weltbank in Berlin auf die Straße gebracht hat.. Gemeinsam war vielen Kampagnen, dass sie die kleinen und großen

3 Seite 3 Schweinereien von Politik und Wirtschaft der Industrieländer vor allem auch der deutschen - in der Dritten Welt öffentlich machten. Ein Wir-Gefühl als Dritte-Welt-Bewegung gab es allenfalls ansatzweise, befördert sicherlich durch Großereignisse wie die IWF- und Weltbank Tagung in Berlin oder die Vorbereitungen für die Aktivitäten zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas, die beide eine große Ausstrahlung auf die unterschiedlichen Spektren hatten. Und es gab Ansätze von Kooperation und Vernetzung in den Dritte-Welt-Zentren, die es deutschlandweit in einigen Städten gab, von denen viele in NRW lagen. Das war nicht immer reibungslos, die Ältesten unter uns werden sich vielleicht daran erinnern, dass es ja damals eine viele größere Debattier- und Streitfreude gab als heute. Zwölf dieser Zentren haben dann 1991 das Eine Welt Netz gegründet. Das entscheidende Ereignis, das wie kein anderes die weitere Entwicklung des Eine Welt Netzes beeinflusst hat, fand dann ebenfalls 1992 statt: Der Umwelt und Entwicklungsgipfel in Rio de Janeiro. Umwelt und Entwicklung zusammen zu denken das was das bestechende Neue. Vorher gab es halt eine gut funktionierende Arbeitsteilung: Umwelt und Naturschutz waren Sache der Umweltschützer und Ökos. Entwicklungspolitik, da ging es um Gerechtigkeit für die Unterdrückten und Ausgebeuteten und einem Dritte- Welt-Aktivisten kamen so Ausreden wie Grenzen des Erdsystems schon mal vor wie ein konterrevolutionärer Trick des CIA oder der Trilateralen Kommission. Aber gleich mit Gründung des Eine Welt Netzes begann auch hier eine ernsthafte, oftmals kontroverse Debatte und sie hat uns die ganzen 20 Jahre lang begleitet. Vielleicht nur einige Meilensteine und Stichworte. Alle 15 Landeskonferenzen von 1994 bis heute haben Aspekte global nachhaltiger Entwicklung zum Schwerpunktthema gemacht haben wir gemeinsam mit allen Promotoren die Kampagne für lokale Agenda-Prozesse in den NRW-Kommunen gestartet. NRW wurde in der Folge das Bundesland, in dem die meisten Menschen in Agenda- Kommunen leben startete unsere Kampagne Entwicklungsland D. Die dazugehörige Ausstellung könnt Ihr draußen sehen und es gibt wahrscheinlich kaum eine nordrhein-westfälische Kommune, in der sie nicht schon präsentiert wurde haben wir die erste landesweite Kampagne für Fairen Handel gestartet. Daraus hat sich unser Büro für fairen Handel entwickelt und auch Großprojekte wie die jährliche Fairhandelsmesse in den Dortmunder Westfalenhallen. Ebenfalls 2001 sind wir in die Kampagne gegen die WestLB- Erdölpipeline durch den ekuadorianischen Regenwald eingestiegen. Ab 2003 wurde der neue Bereich Rückenwind für Nord-Süd- Partnerschaften aufgebaut haben wir die Kampagne zur Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele gestartet und auf Aktionstagen im ganzen Land viele tausend Unterschriften und Videobotschaften an die Bundeskanzlerin eingesammelt. Ebenfalls 2005 haben wir unsere Kampagne gegen Kinderarbeit auf indischen Baumwollsaatgutfeldern in s Leben gebracht. Sie hieß Wer hat

4 Seite 4 mit Kinderarbeit und Kopfschmerzen zu tun und reimt sich auf Mayer. Der Bayer-Konzern fühlte sich zu Recht angesprochen. Seit 2008 machen wir systematische Jugendarbeit: Mit der Kinder- und Jugendkampagne Heiße Zeiten Nimm das Klima in die Hand, mit dem Freiwilligendienst Weltwärts und mit dem Jugendnetzwerk Open Globe. Und von 1991 bis 2011 haben wir unseren Mitgliederstand von zwölf auf über 1500 Mitglieder erhöht. Ja, und was haben wir erreicht? 30 Jahre nachdem Cochise mit seinem zivilisationskritischen Lied durch die Lande getourt ist? Mehr als nur ein bisschen am ansonsten ungebrochenen Fortschritts- und Wachstums- Mainstream zu kratzen? Ich glaube ja. Im Unterschied zu damals kommen unsere Themen immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an. Der Atomausstieg ist das aktuellste Beispiel dafür. Das hat nicht nur und nicht einmal in erster Linie mit unseren erfolgreichen Kampagnen oder unseren pädagogisch-didaktischen Programmen des globalen Lernens zu tun? Es sind ja die globalen Krisen und Katastrophen selbst, die sich regelmäßig mit der Kraft von Naturgewalten in das Bewusstsein sehr vieler Menschen katapultiert. Aber trotzdem bin ich sicher, dass wir unseren Job nicht den Krisen überlassen können. Die UN-Millenniumskampagne wirbt mit dem Slogan, dass wir die erste Generation von Menschen sind, die weltweit Hunger und Armut überwinden kann. Auch unter sich verändernden Umweltbedingungen. Unseren Job als Eine-Welt-Bewegung sehe ich darin, dass wir die gesellschaftliche Debatte darüber initiieren, dass wir Probleme aufzeigen und Alternativen in s Spiel bringen. Dass wir unsere Werte verteidigen, wenn sie mal wieder unseren Interessen zum Opfer fallen sollen. Unseren Job sehe ich darin, einen gesellschaftlichen Stoffwechselprozess mit zu organisieren, der diese Reformpotentiale stärkt. In der Bildungsarbeit und in öffentlichen Kampagnen und Aktionen. Ja, und wohin gehen wir? Mark Twain soll mal gesagt haben Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Ich will daher auch nur einige Fragen formulieren, die für die Weiterentwicklung in den nächsten Jahren bedeutsam sein können. Mehr als Eine-Welt-Organisationen gibt es in NRW aber wie lange noch? Viele von diesen Gruppen sind vor Jahren entstanden und man wird ja nicht jünger. Wie können wir attraktiver für junge Leute werden? Z.B. für die Weltwärts-Rückkehrer, aber es gibt auch noch viele andere, die schon eigene Erfahrungen im Ausland gemacht haben? Welche Angebote zum Engagement können wir Ihnen machen? Unser junges Netzwerk Open Globe ist noch ganz am Anfang. Wie kann daraus ein großes, lebendiges Eine-Welt-Netz des 21. Jahrhunderts werden? Viele Immigranten und Menschen mit Migrationshintergrund engagieren sich eine-welt-politisch? Aber überwiegend noch nicht im Eine Welt Netz? Wie können wir die Zusammenarbeit verbessern? Das Herz der Eine-Welt-Bewegung und auch unserer Mitgliedsgruppen sind die internationalen Kontakte. Im Eine Welt Netz selbst ist dieser Bereich aber noch unterentwickelt. Ich glaube, wir sind noch deutlich unter unseren Möglichkeiten, was den internationalen Austausch angeht. Wie können wir also einen systematischen internationalen Austausch mit

5 Seite 5 den Partnern über globale Entwicklungen stärken? Wie sehen die Entwicklungskonzepte der Zukunft aus? Wie entwickeln sich demokratischere globale Strukturen, wie kann mehr global Governance geschaffen werden? Was tun, damit globale Armutsbekämpfung nicht zu einer Weltsozialhilfe verkommt? Zu einer Art Global Hartz IV in globalen Armutsreservaten. Wir brauchen neue Konzepte und wir brauchen eine global organisierte Zivilgesellschaft. Und unsere eigene Gesellschaft? Welche Kräfte setzen sich hier durch, wenn wir von dem verschwenderischen Wohlstand der letzten Jahrzehnte auf nachhaltigere Lebensstile umsteuern müssen. Wenn wir im Weltgefüge vielleicht kein ABO mehr haben auf einen der Spitzenplätze, weil auch andere nach vorne drängen? Und das Hemd dann doch näher ist als der Rock. Und Entwicklungspolitik sowieso keinen Spitzenplatz im Themenranking einnimmt. Wie können wir die Kommunikation mit unserer Gesellschaft verbessern? Schon die Kommunikation mit unseren Mitgliedern ist deutlich verbesserungsfähig. Die Reformprozesse in den arabischen Ländern haben gezeigt, welche Bedeutung die neuen sozialen Medien haben können. Ja und das Eine Welt Netz als Speerspitze der Zukunftsfähigen Entwicklung fängt gerade mal an, über WEB 2.0 und Facebook nachzudenken. Viele dieser Fragen werden wir auf der Konferenz diskutieren. Ich wünsche dem Eine Welt Netz NRW, dass es viele kleine Geburtstagsgeschenke in Form von guten Ideen und Anregungen bekommt und möchte selbst mit zwei guten Wünschen zum Geburtstag schließen: Der erste Wunsch ist Weiter wie bisher. Der zweite ist Weiter als bisher. Happy Birthday, Eine Welt Netz! Und immer daran denken: Geld kann man nicht essen!

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