WELTKIRCHE N r. FREMD SEIN GAST SEIN 131 Lerngemeinschaft Kirche 2004

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1 WELTKIRCHE FREMD SEIN GAST SEIN Lerngemeinschaft Kirche Nr

2 3 Bildimpuls INHALT KIRCHE ALS INTERKULTURELLE LERNGEMEINSCHAFT 4 Von der Mission zur Lerngemeinschaft Weltkirche 6 Methode: Möglichkeiten des Dialogs 7 Zusammenleben lokal global: Ökumenisches Lernen in Partnerschaften 8 Rollenspiel: Was eine Handglocke alles auslösen kann INTERKULTURELLES LERNEN 9 Einander begegnen kann nicht immer gelingen (M. Jäggle) 10 Methode: Ich und das Fremde 13 Methode: Empörung, Wut, Verwirrung 14 Methode: Verschiedene Sichtweisen 17 Kommunikation: Was ich sagen wollte 18 Methode: Bilder im Kopf 20 Umgang mit kultureller Differenz 21 Methode: Sprichwörter erzählen von Kulturen FREMDSEIN IN DER BIBEL 22 Ein heimatloser Aramäer war dein Vater: Fremdsein im AT 23 Er hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann: Fremdsein im NT FREMD SEIN GAST SEIN 24 Texte: Fremd sein in Österreich 25 Texte: Gast sein in der Fremde BIBLISCHE GASTFREUNDSCHAFT 27 Gegengift für unsere Angst vor dem Fremden: Gast sein im AT 28 Methode: Gastfreundschaft sichtbar machen 29 Tradition der Gastfreundschaft im NT LERNEINSÄTZE 30 Junge Menschen im Einsatz 31 Weltsicht entwickeln 33 Zwischen den Welten Gedanken nach der Rückkehr (von Barbara und Hannes Velik) Titelbild: Petra Röhr-Rouendaal VORSCHAU: Werkmappe Nr. 132: Thailand Beispielland zum Sonntag der Weltkirche 2004 Liebe Leserin, lieber Leser! Fremdsein Gastsein ist das Thema der diesjährigen Internationalen Studientagung von Missio. Auch heuer werden dazu Menschen von ihren kirchlichen Einsatzorten aus allen Kontinenten zusammenkommen. Kirche als interkulturelle Lerngemeinschaft wird spürbar. Das gleichberechtigte Miteinander der vielen Kulturen und Ortskirchen innerhalb der einen Weltkirche bleibt bis heute eine Herausforderung. Besonders die Missionsgeschichte zeigt, dass im Umgang mit anderen Kulturen erst ein mühsamer Weg vom Paternalismus über Patenschaft bis zum Ideal der Partnerschaft durchschritten werden musste. Heute gibt es immer mehr Direkt-Partnerschaften, Personalaustausch und Lerneinsätze zwischen den Ortskirchen in Nord und Süd. Weltweite Kirche wird durch persönliche Begegnungen an der Basis erfahrbar. Doch geht es in diesen Partnerschaften wirklich um einen gleichberechtigten Dialog? Oder sind sie nicht doch wieder Ausdruck des alten Macht- Ohnmachtgefälles zwischen Nord und Süd? Wo lassen wir uns wirklich auf Begegnung mit fremden Kulturen ein? Ein solcher Begegnungsprozess spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. WERKMAPPE WELTKIRCHE befasst sich deshalb mit den Perspektiven interkulturellen Lernens. Zahlreiche Fallbeispiele aus dem Erfahrungsschatz von MissionarInnen und EntwicklungshelferInnen beleuchten die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen und Blockaden in der Kommunikation. Für die Arbeit mit Ihren SchülerInnen und Jugendgruppen haben wir unterschiedliche Methoden zusammengestellt. Sie können der Begegnung mit dem Fremden den Weg bereiten. Gerade junge Menschen sehen in Lerneinsätzen und Begegnungsreisen eine interessante Herausforderung. Die Erfahrung in einer fremden Kultur Gast zu sein, lässt auch die Bedeutung der biblischen Gastfreundschaft neu verstehen. In diesem Sinn lade ich Sie herzlich ein: Werden auch Sie Gast bei der Missio-Studientagung in Innsbruck (siehe letzte Seite), zahlreiche interkulturelle Begegnungen erwarten Sie! Ihre 2 IMPRESSUM FEEDBACK SERVICE: MISSIO IM INTERNET: Herausgeber und Medieninhaber: Missio Austria Päpstliche Missionswerke in Österreich Redaktion: Mag a. Maria Schelkshorn- Magas, Mag a. Karin Hintersteiner. Mitarbeit: Mag a. Birgit Mbwisi-Henökl Alle: Seilerstätte 12, 1015 Wien, Tel.: (01) Herstellung: Eva Meixner, 1030 Wien, WMP Druckvorbereich GmbH Druckservice, 2340 Mödling, St. Gabriel, Grenzgasse 111/9 Druckkostenbeitrag: 8,- jährlich, Einzelnummer: 2,- Erscheinungsweise: Viermal jährlich OFFENLEGUNG IM SINNE DES MEDIENGESETZES: Alleineigentümer: Missio Päpstliche Missionswerke in Österreich. WERKMAPPE WELTKIRCHE hat sich die Information und Bewusstseinsbildung über Fragen der Weltkirche zum Ziel gesetzt. P.b.b. Verlagspostamt 1010 Wien, Sponsoringpost GZ 02Z030313S Gedruckt auf Recyclingpapier Fremd sein Gast sein Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004

3 Kirche als interkulturelle Lerngemeinschaft Kolonialisierung Im 14. Jahrhundert begann Europa, auf die ganze Welt auszugreifen. Motiviert war dieser Expansionismus sowohl ökonomisch als auch religiös. Wirtschaftliche Interessen hatten sich mit politischem und religiösem Sendungsbewusstsein verbunden. Europa wurde zum Maß aller Dinge: Das Selbstverständnis als christliches Abendland war die Legitimation für die Zivilisierung und Bekehrung fremder Völker und Kulturen. Dies führte zu einer engen Verflechtung von militärischpolitischer Eroberung, wirtschaftlicher Ausbeutung und religiösem Kolonialismus. Die Fremden provozierten bei den Europäern höchst unterschiedliche, auch gegensätzliche Reaktionen, wie Abwehr und Unterdrückung, Interesse und Auseinandersetzung, Bewunderung und Idealisierung. Die scheinbar so konträren Klischees vom Barbaren und vom edlen Wilden entstanden: auf der einen Seite das fremde Wesen, dem häufig sein Menschsein abgesprochen wurde, was die Ausbeutung von Sklaven moralisch erleichterte. Auf der anderen Seite der unschuldige, glückliche, im Naturzustand lebende Mensch. Doch sowohl die Abwertung als auch die Idealisierung des Fremden werden den Anderen nicht gerecht: Beide bauen auf Vorurteilen auf und nehmen die fremde Kultur nicht als Eigenwert wahr. Mission VON DER MISSION ZUR LERNGEMEINSCHAFT WELTKIRCHE Von Klaus Piepel Kommunikation in der Kirche: Seit dem Beginn der Missionstätigkeit in der neuen Welt hat sich die Kommunikation innerhalb der Kirche stark verändert. Doch das gleichberechtigte Miteinander der vielen Kulturen innerhalb der einen Weltkirche bleibt nach wie vor eine Herausforderung. Herzog/missio Außerhalb der Kirche kein Heil ( Extra ecclesiam nulla salus ): Aufgrund der Überzeugung, die ungetauften Heiden kämen mit großer Wahrscheinlichkeit in die Hölle, entwickelten die Missionare einen ungeheuren Eifer zur Rettung der Seelen. Überzeugt von der scheinbaren religiösen Überlegenheit gingen sie davon aus, den Anderen auch kulturell überlegen zu sein. So sahen die meisten Missionare dieser Zeit in der Ausbreitung der westlichen Zivilisation die Voraussetzungen für das Kommen des Gottesreiches auf Erden. Kolonisation und Mission benötigten einander also: Die Kolonialmächte schufen mit der militärischen Eroberung die Basis für eine missionarische Arbeit, die Missionare lieferten die ideologische Rechtfertigung. Auch wenn sich viele Missionare der (kolonial-)politischen Dimension ihrer Tätigkeit nicht bewusst waren und sich nicht selten an die Seite der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialbehörden stellten, waren sie doch unverzichtbare Stützen der Kolonisatoren. Eine Anerkennung oder Wertschätzung der fremden Kulturen und Religionen wurde dadurch unmöglich. Der interkulturelle und -religiöse Dialog ist jedoch keine neue Erfindung. Schon im 16. Jahrhundert begann in ersten Ansätzen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Fremden und wurden erste Versuche einer Inkulturation des Christentums (vor allem in Asien) unternommen. Viele Wissenschaftler bemühten sich um ein besseres, vorurteilsfreies Verständnis fremder Völker und Kulturen. Dazu kam dann im 19. Jahrhundert bei vielen eine Haltung, die in allen Menschen Brüder und alle Menschen als grundsätzlich gleichberechtigt sah. Ihren politischen Ausdruck fand diese Haltung im Einsatz für eine menschenwürdige Behandlung der Eingeborenen und im Kampf gegen die Sklaverei. Dennoch blieb das stark zunehmende Interesse für die überseeischen Völker und Kulturen exotisch motiviert. Vom vermehrten Wissen über die Anderen zum Lernen von ihnen war noch ein weiter Weg zurückzulegen. Weltkirche Eine Änderung dieser Sichtweise entwickelte sich erst im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts. Die 4 Fremd sein Gast sein Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004

4 Die Kirche im Süden hat heute eine eigene Stimme. Kolonialstaaten wurden unabhängig und es begann ein Prozess der Neubesinnung auf ihre eigenen kulturellen Wurzeln. Gleichzeitig entwickelten sich in den Missionsgebieten eigenständige Ortskirchen. Im II. Vatikanischen Konzil fand diese Änderung ihren Niederschlag. Aus einer europäisch-abendländischen Kirche wurde eine Weltkirche, die grundsätzlich allen Kulturen gegenüber aufgeschlossen ist. In der Zeit nach dem II. Vatikanum begann die katholische Kirche, kulturell unterschiedliche Gestalten des Christentums in den verschiedenen Ortskirchen auszuprägen. Damit wurde ein langjähriger und vor allem für die europäische Kirche schwieriger Prozess eingeleitet, der trotz Gegenwind langsam voranschreitet. Die Armen und die Anderen Johann Baptist Metz hat in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die katholische Kirche nicht mehr einfach eine Dritte-Welt- Kirche hat, sondern inzwischen eine Dritte- Welt-Kirche ist. Etwa zwei Drittel der KatholikInnen leben im Süden. Bisher hat sich diese Verlagerung in den beherrschenden Themen der Kirche in Europa nicht bemerkbar gemacht. Viele Ortskirchen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens haben in den Jahrzehnten nach dem II. Vatikanum eine vorrangige Option für die Armen getroffen. Sie beinhaltet die Solidarität mit den Armen und den Protest gegen die Armut und ist zu einer großen Herausforderung für die reichen ChristInnen und Kirchen des Nordens geworden. Die Antwort darauf heißt Hilfe und Solidarität. Meist impliziert diese Hilfe ein Gefälle zwischen Gebenden und Empfangenden. Christliche Solidarität mit den Armen zeigt sich jedoch in der Bereitschaft zu echtem Teilen, einem Aneinander-Anteilnehmen in Not, Freude und Hoffnung. Die Armen sind für die Reichen immer auch Fremde, die selbst im gleichen Kulturraum in einer anderen Welt leben. Solidarität heißt deshalb immer auch die Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein. Die ChristInnen und Kirchen Europas zeigen eine viel größere Bereitschaft, den Armen zu helfen, als von ihnen zu lernen. Sie haben eine lange Erfahrung damit, andere zu bekehren, beginnen aber langsam, sich von den Anderen bekehren zu lassen. Solidarität mit den Armen und Lernen von den Anderen sind im christlichen Verständnis gleichgewichtige Elemente des Teilens. nach: Klaus Piepel, Lerngemeinschaft Weltkirche. Lernprozesse in Partnerschaften zwischen Christen der Ersten und der Dritten Welt, Aachen Bearbeitet von Karin Hintersteiner. Paternalismus Das Verhältnis der Missionare zu den Völkern, denen sie das Evangelium predigten, war bis in unsere Zeit hinein von einem klaren Überlegenheitsbewusstsein geprägt. Sie stilisierten sich als geistliche Väter, deren ganze Sorge ihren Heidenkindern galt. Diese paternalistische Haltung änderte sich auch nicht durch die Taufe der Heiden. Bis heute wirkt diese Haltung nach, wo von den jungen Kirchen gesprochen wird, die gegenüber den älteren Kirchen Europas noch Nachholbedarf hätten. Das traditionelle Beziehungsgefüge hat sich hier nicht verändert. Patenschaft Mit Patenschaft können Beziehungen zu den Ortskirchen im Süden bezeichnet werden, die vor allem über deren materielle Hilfsbedürftigkeit bestimmt werden. Patenschaften von Pfarren aus dem Norden für Pfarren aus dem Süden, die ab den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts vermehrt entstanden, wurden als Lastenausgleich zwischen den Kontinenten gesehen. Die meisten kamen jedoch über eine finanziell bestimmte Geber-Nehmer-Struktur nicht hinaus. Partnerschaft Der Begriff geht davon aus, dass alle beteiligten PartnerInnen gleichberechtigt sind und ihre je eigenen Interessen einbringen können. Im innerkirchlichen Bereich soll damit ausgedrückt werden, dass es um Freundschaft zwischen Pfarren, Diözesen etc. geht, um wechselseitiges Geben und Nehmen, um ein Füreinander-Eintreten. Dabei übernehmen die beiden Seiten Verantwortung für alles, was geschieht und wie es geschieht oder nicht geschieht. Stark/missio Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004 Fremd sein Gast sein 5

5 Kirche als interkulturelle Lerngemeinschaft ZUSAMMENLEBEN LOKAL GLOBAL Ökumenisches Lernen in Partnerschaften: Gemeinden, die über den eigenen Horizont hinausblicken, nehmen immer häufiger Direktpartnerschaften auf. Weltweite Kirche wird an der Basis durch persönliche Begegnungen erfahrbar. Moderne Kommunikationsmittel und erschwingliche Flugreisen in alle Kontinente haben die Welt zusammenrücken lassen. Sind Partnerschaften deshalb nicht eher ein Reflex und Abklatsch der Globalisierung des Marktes, nur christlich oder entwicklungspolitisch verbrämt? Ein Missionstourismus und Paternalismus in neuem Gewand, der die alten Abhängigkeiten unangetastet lässt? Partnerschaft ein europäischer Begriff So selbstverständlich der Begriff Partnerschaft für uns geworden ist, so fragwürdig kann er in internationalen Beziehungen bei genauerer Betrachtung erscheinen. Er ist ein europäischer Begriff, der in afrikanische oder asiatische Sprachen kaum übersetzbar ist. Wir suchen eigentlich keine Partner, sondern Schwestern und Brüder, sagte ein afrikanischer Kirchenführer. ChristInnen in anderen Ländern gebrauchen lieber Bilder der Gemeinschaft oder der Großfamilie. Partnerschaft im wörtlichen Sinn ist auch kein biblischer Begriff. Historisch wurde er im weltweiten Horizont von der britischen Kolonialmacht eingeführt, als abzusehen war, dass eine Teilung der Macht nicht mehr zu vermeiden war. Entsprechend wurde er bezogen auf Beziehungen zwischen GeschäftspartnerInnen. Erst Mitte des 20. Jh. wurde eine entscheidend neue Dimension in den Kirchen zur Sprache gebracht: In Gehorsam gegenüber Gott sind wir als PartnerInnen alle gleich, gemeinsam auf Gottes Auftrag verpflichtet, als Teil des einen weltweiten Volkes Gottes. Schillernd und vieldeutig So kann sich der Partnerschaftsgedanke mit einer wegweisenden Perspektive verbinden. Dennoch haftet ihm etwas Schillerndes und Vieldeutiges an. In der Praxis bleibt sein Inhalt häufig diffus. Oft führen Partnerschaften ein Nischen-Dasein als Hobbys von engagierten Einzelpersonen, dann sind Schwächen und Gefahren offenkundig: Im globalen Horizont können im Namen von Partnerschaften die tatsächlichen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse verschleiert und überspielt werden. Partnerschaft ist kein Ziel in sich selbst, wenn die realen Lebensverhältnisse und ihre Ursachen nicht im Blick sind. Ein begrenzter Horizont in der Fixierung auf unsere Partner oder auf unser Projekt bekommt weder die Partnerkirche als Ganze noch die Vielfalt und Weite vor Ort in den Blick. Solche Fixierung schafft allenfalls Konkurrenz und Neidgefühle. Ein diffuses Verständnis birgt die Gefahr der Romantisierung der exotischen Lebenswelt der Ökumenisches Lernen Der Begriff der Ökumene wird hier in seiner ursprünglichen, aus der biblischen Tradition stammenden Bedeutung verwendet und bezeichnet die ganze bewohnte Erde. Ökumenisches Lernen meint nicht nur den interkonfessionellen Dialog, sondern auch das interkulturelle und interreligiöse Gespräch. Ausgangspunkt ist die weltweite Verflechtung der Politik, Wirtschaft, Religion, etc. Ökumenisches Lernen setzt sich aus einem sozialen, einem geistlich-theologischen und einem politisch-solidarischen Lernprozess zusammen, seine drei grundlegenden Dimensionen sind also Kommunikation, Spiritualität und Solidarität. respect Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004 nach: Stefan Waibel, Lern- und Austauschreisen im Rahmen kirchlicher entwicklungspolitischer Bildungsarbeit in Österreich, Diplomarbeit, Wien 1999 Fremd sein Gast sein 7

6 Kirche als interkulturelle Lerngemeinschaft PartnerInnen. Partnerschaft kann so zum Mittel der Zivilisationsflucht auf der Suche nach unverbildeten Menschen und nach der wahren Kirche werden, im Gegensatz zum eigenen Umfeld. Dem entsprechen Klischees in der Deutung von Partnerschaft, wie z.b. die Aussage: Die PartnerInnen im Süden geben uns spirituell, wir geben ihnen materiell. Die Rolle des Geldes erweist sich als die tückischste Falle: Partnerschaften, die sich vor allem über Hilfe, über Projektgelder definieren, laufen Gefahr, Abhängigkeiten zu schaffen und zu zementieren Ausdruck des alten Gefälles von Entwickelten zu Entwickelnden. Vielleicht wird gerade jener starke Impuls, helfen zu wollen, zum größten Hindernis für gelingende Partnerschaften, und zwar überall dort, wo zu allererst Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und genaues Hinhören gefordert sind. In allen diesen kritischen Fällen ist zu fragen: Was wird tatsächlich gelernt, und welche Lernprozesse werden zugleich blockiert, verhindert? Perspektiven der Partnerschaftsarbeit Nur dort, wo ein gemeinsames Verständnis von Partnerschaft und eine klare Zielvorstellung vorliegen, tun sich Perspektiven für die Partnerschaftsarbeit auf: Auch wenn Partnerschaft im engeren Sinn kein biblischer Begriff ist, geht es doch darum, dass die weltweite Kirche Jesu Christi erfahren wird, in ihrer jeweiligen Gestalt am konkreten Ort. Wo Begegnungen gelingen, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten des Teilens und des Voneinander- Lernens, der gegenseitigen Bereicherung und Ermutigung. Partnerschaften ermöglichen ökumenisches Lernen in der Einen Welt: Fremde Menschen und ihr Alltag, ihre kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebensbedingungen bleiben nicht abstrakt, sondern nehmen Gestalt an, verbinden sich mit Namen und Gesichtern. Da lernen wir, das eigene Leben mit neuen Augen zu sehen. Partnerschaften machen auch neugierig für das Andere, das Fremde vor der Haustür, in der eigenen Nachbarschaft. Partnerschaften können Impulse für die Gemeindeerneuerung geben. ChristInnen in Minderheitensituationen, lebendige Gemeinden, von Laien getragen, ChristInnen, die im Alltag tagtägliche Nachbarschaft mit anderen Religionen praktizieren, Kirchen, die ihre prophetische Stimme gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Korruption erheben, sie können uns Mut machen, die Herausforderungen der Zukunft aufzunehmen. Schließlich hängt Entscheidendes von einem sorgfältigen Umgang mit dem Thema Geld und Projekthilfe ab: Wechselseitige Transparenz und professionelle Beratung helfen, die Mittel verantwortungsvoll einzusetzen. Was eine Handglocke alles auslösen kann Während eines Besuchs einer kamerunischen Partnerdelegation in einer österreichischen Pfarre stellt eine Vertreterin der Frauenarbeit eine etwas ungewöhnlichen Frage: Wo denn eine Handglocke erhältlich sei? Jede Frauengruppe der Kirche benutze eine Handglocke, doch die seien in Kamerun schwer zu bekommen. Auf Seiten der österreichischen Gastgeber löst das Anliegen hektische Betriebsamkeit aus: Über das Telefon wird konferiert, ein Geschäft wird ausfindig gemacht. Die Gastgeber kaufen eine schöne, repräsentative Glocke und präsentieren sie freudestrahlend als Überraschungsgeschenk. Doch die Gesichter der kamerunischen Gäste wirken betreten, verletzt. Erst beim Auswertungsgespräch der dreiwöchigen Begegnung machen sie ihrem Ärger Luft. Die Sache mit der Glocke überschattet viele positive Erfahrungen der Begegnung. Was ist schiefgelaufen? Wir haben euch lediglich um eine Auskunft gebeten, und ihr seid hinter unserem Rücken aktiv geworden. Ihr EuropäerInnen seid große Schwätzer am Telefon. Wir wissen nicht, was über uns geredet wird. Wenn ihr jemanden nach dem Weg fragt, werdet ihr doch auch nicht auf Händen ans Ziel getragen. Wir hatten extra Geld mitgebracht, aber ihr habt uns wie Bettler behandelt. Rollenspiel Teilt euch in zwei Gruppen und spielt die Szene nach. Sucht weitere Erklärungen und Argumente für ein Evaluierungsgespräch. Was war die Motivation für die österreichische Gruppe? Warum hat die afrikanische Gruppe verletzt reagiert? Danach schlüpft wieder aus euren Rollen und überlegt gemeinsam: Wie habe ich mich als EuropäerIn/AfrikanerIn gefühlt? Was hat den Konflikt ausgelöst? Und warum? Wie hätte die Reaktion der österreichischen Gruppe ausgesehen, wenn die Frage nach der Handglocke von einer französischen, dänischen, italienischen Gruppe gekommen wäre? Welche Klischees und Bilder wirken in der europäischen Gruppe? nach: Bernhard Dinkelaker, Zusammenleben lokal global. Ökumenisches Arbeiten in Partnerschaften, in: Zeitschrift für Mission 2000 zusammengefasst von Karin Hintersteiner 8 Fremd sein Gast sein Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004

7 Interkulturelles Lernen WAS ICH SAGEN WOLLTE Kommunikation in interkulturellen Begegnungen: Jede Nachricht enthält viele verschiedene Botschaften, daher wird der Vorgang der zwischenmenschlichen Kommunikation sehr kompliziert und störungsanfällig, besonders wenn SenderIn und EmpfängerIn aus verschiedenen Kulturen kommen. Eine Nachricht enthält: Beispiele: Sachinformation: das, was ich dem/der anderen mitteilen möchte Selbstoffenbarung: ich will auch etwas über mich mitteilen (z.b. dass ich nicht auf den Kopf gefallen bin; dass ich schon gut Deutsch kann; dass ich humorvoll bin etc. Beziehung zum Gegenüber: aus jeder Nachricht geht hervor, wie der/die SenderIn zum/zur EmpfängerIn steht Appell: das, wozu ich den/die andere/n veranlassen möchte Der/die EmpfängerIn hat prinzipiell die freie Wahl, auf welche Seite der Nachricht er oder sie reagieren möchte. Der Alltag zeigt jedoch, dass der/die EmpfängerIn meist auf eine Seite Bezug nimmt, auf die der/die SenderIn das Gewicht nicht legen wollte. Zu Missverständnissen kommt es also dann, wenn nur mit einem Ohr zugehört wird (und nicht mit möglichst allen vier Ohren: nämlich dem Sach-, Beziehungs-, Selbstoffenbarungs- und Appellohr). Damit können andere Botschaften dann nicht mehr ankommen. nach: F. Schulz von Thun, Miteinander reden 1, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek b. Hamburg, 1994, S Impuls Zwischen Menschen, die miteinander kommunizieren, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Ein Konflikt entsteht dann, wenn die Unterschiede nicht zugelassen werden. Ein wichtiger Faktor im miteinander Kommunizieren ist auch die Frage nach der eigenen Kultur und der Sozialisation der anderen Person. z.b. wie gehe ich und wie geht die andere Person mit Lebensgefühlen, Zeit, Vertrauen, Werten im zwischenmenschlichen Bereich um? Gibt es da Gemeinsamkeiten oder Differenzen? Pfuschi Welche Botschaften vermitteln sich die Beteiligten in den oben geschilderten Situationen? Versucht die Botschaft auf ihrer jeweiligen Ebene zu formulieren. Während meiner Projekttätigkeit in einem Land des Südens luden wir die Frauen zu außerschulischen Bildungsmaßnahmen ein. Ich schlug vor, dass wir uns um 14h treffen könnten und fragte die Frauen, ob das auch bei ihnen ginge, was sie bejahten. Um 14 Uhr jedoch saß ich alleine da und wartete. Erst so gegen 16 Uhr kamen die ersten Frauen. Erst war ich verärgert, dann fragte ich, warum sie zu spät kamen. Sie entschuldigten sich damit, dass sie früher gar nicht hätten kommen können, weil sie um diese Zeit erst mit der Feldarbeit fertig waren. Für sie war es jedoch in dem Augenblick, als ich 14 Uhr vorschlug unmöglich zu verneinen. In ihrer Kultur gehört es sich nicht, einem Vorschlag von einer Autoritätsperson (wie sie mich einstuften) zu widersprechen Eine andere Begebenheit: Ein Mann aus Kongo, der seit einiger Zeit in Wien lebt, will einer älteren Dame, die am Ende ihrer Reise einen schweren Koffer aus dem Zug hebt, behilflich sein, denn in seinem Heimatland ist es üblich, alten Menschen Hilfe anzubieten. Die ältere Dame sieht ihn ganz böse an und glaubt, er will ihren Koffer stehlen Von Birgit Henökl-Mbwisi Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004 Fremd sein Gast sein 17

8 Interkulturelles Lernen BILDER IM KOPF Ziel: Verdeutlichen, wie schnell und wie stark sich Bilder im Kopf festsetzen; Kooperationsbereitschaft erproben; Bedeutung der Kommunikation zur Klärung von Situationen erläutern Dauer: ca. 45 Minuten mit Auswertung Gruppe: gerade TN-Zahl Vorbereitung: Malpapier und verschiedenfarbige Stifte für Paargruppen; Nadeln oder Klebeband zum Aufhängen; möglichst zwei Gruppenleiter Räumlichkeit: groß genug, um Zweiergruppen zum Malen zu bilden, ohne sich gegenseitig zu stören; Möglichkeit zum Aufhängen der Bilder Anleitung: In dieser Übung geht es darum, anhand von Bildern Prägungen festzustellen, die wir uns in unserem Kopf mehr oder weniger bewusst machen und die wir behalten. Stellt euch bitte dafür paarweise gegenüber und dreht euch dann mit dem Rücken zueinander. Jeder der beiden Reihen wird nun ein Bild gezeigt, das ihr dann mit eurem Partner zusammen malen sollt. Ihr dürft dabei nicht reden. Die zwei Gruppenleiter zeigen gleichzeitig eine Minute lang der einen Reihe das Bild von der Maus der anderen Reihe das Bild vom Kopf Dann werden die Bilder verdeckt weggelegt. Vor den Reihen stehend wird nun kurz für alle das Bild mit der Synthese von Maus und Kopf hochgehalten: Malt bitte jetzt dieses Bild gemeinsam mit eurem Partner/ eurer Partnerin aus der anderen Reihe, ohne zu sprechen! Maus Fortführung: Nach Beendigung der Bilder sollen diese für alle sichtbar aufgehängt werden. Dann lässt man nacheinander die Bilder und den Malprozess erläutern, z.b. durch Beantwortung der folgenden Fragen: Wie ging es euch bei der Übung? Wer von euch hat angefangen? Wie lief die Zusammenarbeit? Seid ihr mit dem Endprodukt zufrieden? Was hätte anders sein können? Die anschließende Diskussion kann die unterschiedlichen Prägungen an anderen Beispielen und das Beharrungsvermögen von Bildern thematisieren. Gleichzeitig ist es sinnvoll, auf die Bedeutung von Kommunikation hinzuweisen, da sie uns die Verständigung über die Vielfalt von Vorstellungen ermöglicht. Man kann dabei auf die Übung zurückgreifen und nach der Art nonverbaler Kommunikation fragen, die die Partner evtl. angewandt bzw. verweigert haben. Hinweis: Es ist unbedingt notwendig, darauf zu achten, dass die ersten Bilder nur jeweils von einer Hälfte der TN gesehen werden! Die Partner sollen verschiedenfarbige Stifte benutzen, so dass später die Entstehungsgeschichte des Bildes und die einzelnen Beiträge nachvollzogen werden können. aus: Globales Lernen, ded Arbeitsblätter für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit, hrsg. v. Deutscher Entwicklungsdienst, 1998, S.89ff (Quelle: Kantharos/Amsterdam) C OPY OPY 18 Fremd sein Gast sein Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004

9 C OPY OPY Interkulturelles Lernen Kopf Synthese Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004 Fremd sein Gast sein 19

10 Interkulturelles Lernen SPRICHWÖRTER ERZÄHLEN VON KULTUREN Ziel: Erfahren von einem anderen Menschenbild und von anderen Lebenseinstellungen. Erspüren von anderen Normen und Werten Zeitbedarf: ca. 40 Minuten (15 Minuten Gruppenarbeit, 25 Minuten Auswertung) Gruppe: beliebige TN-Zahl Vorbereitung: Je vier Sprichwörter auseinander schneiden und kopieren Räumlichkeit: Tische und Stühle für Kleingruppen; Stuhlkreis fürs Plenum Anleitung: Es ist nicht leicht, sich einer anderen Kultur so zu nähern, dass wir etwas von ihrer andersartigen Spiritualität erfahren. Wir wollen hier nur einen kleinen Schritt in diese Richtung wagen. Ich verteile jeweils vier Sprichwörter aus dem afrikanischen Kontext. Bildet bitte Gruppen von drei bis fünf Personen und versucht, die Sprichwörter zu ergründen. Vielleicht findet ihr entweder ähnliche deutsche Redewendungen und Sprichwörter oder ihr erklärt die Unterschiedlichkeit zu unserem Denken beides auch anhand von Beispielen. Fortführung: Nach der Gruppenarbeit werden die einzelnen Ergebnisse vorgestellt und verglichen. Hinweis: Falls Sie mehr TN haben als die entsprechende Anzahl der Sprichwörter, so können unterschiedliche Gruppen dieselben Sprichwörter interpretieren und kommen vielleicht zu verschiedenen Ergebnissen, was die Diskussion belebt. Alternative: Sie können die Gruppen auch bitten, aus den Sprichwörtern eines auszuwählen, und dieses als Pantomime vorzustellen und erraten zu lassen. Quelle: Dritte Welt Haus Bielefeld (Hg.): Von Ampelspiel bis Zukunftswerkstatt. Ein Dritte-Welt-Werkbuch, Wuppertal 1990, S Margrit Kirchner: Afrika was geht das denn uns an? in: Catig AV- Medien Religion: Afrika und wir. Hildesheim 1993, S. 27 Sprichwörter aus Afrika Wenn die Maus ins Feuer rennt, dann steckt eine Macht dahinter, die stärker ist als Feuer. Arbeit ist gut, vorausgesetzt, dass du nicht zu leben vergisst. Wer von einer Schlange gebissen wurde, läuft auch vor einem Regenwurm davon. Bäume können sich nicht treffen, aber Menschen. respect Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, bin ich. Ein Freund gilt mehr als der Ertrag eines Arbeitstages. Man kann das Herz nicht beugen wie das Knie. Nur einer gräbt den Brunnen, aber viele kommen, daraus zu trinken. Nur eine vorwitzige Ziege grüßt die Hyäne. Lieber von einem Verwandten gebissen als von einem Fremden geleckt. Der Elefant stirbt an einem winzigen Pfeil. Wer seinen Hund liebt, muss auch Läuse lieben. Wer zu viel Arbeit hat, fängt am besten mit dem Essen an. Schau dem Wanderer nicht ins Gesicht, sondern in den Magen. Der Mund eines Greises mag stinken, aber nicht seine Worte. Das Herz gibt, nicht die Hand. Werkmappe Weltkirche Nr. 131, 2004 Man kann Weinenden nicht die Tränen abwischen, ohne sich die Hände nass zu machen. Wer auf dem Boden sitzt, braucht sich nicht vor dem Fall zu fürchten. Klein ist das Eichhörnchen, aber es ist kein Sklave des Elefanten. Es regnet auf alle Dächer. Die Eier unterrichten die Henne im Brüten. Nur ein Lügner ist in Eile, nimm einen Stuhl und setz dich. Wenn du gibst, schreib es in den Sand. Nimmst du aber, schreibe es in den Felsen. Lass Wohltaten hinter dir, sie werden dir vorauseilen. Drei Tage lang ist der Gast heilig. Am vierten gib ihm ein Buschmesser in die Hand. Ein alter Besen fegt besser als ein neuer. Ein fauler Zahn lässt alle anderen stinken. Die Sonne geht nie auf dieselbe Weise auf, wie sie untergeht. aus: Globales Lernen, ded Arbeitsblätter für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit, hrsg. v. Deutscher Entwicklungsdienst, 1998, S. 47f ; K.H. Ratke, Der Vater ist ein schattiger Baum, edition innsalz, K.H. Ratke, Des Menschen Herz ist wie der Ozean, Südwind, Fremd sein Gast sein 21

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