Lydia Möst. Kalle Kalkowski. 100 Jahre Neukölln. Malerei, Trickfilm Seite 10. Foto: privat. Musiker Seite 18. Foto: Jim Rakete. Foto: privat.

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1 ERSCHEINT 6 X IM JAHR 12. AUSG./3. JAHRG. MÄRZ/APRIL 2012 Lydia Möst Malerei, Trickfilm Seite 10 Foto: privat Kalle Kalkowski Musiker Seite 18 Foto: Jim Rakete Foto: privat 100 Jahre Neukölln Seite 12

2 Restaurants, Kneipen, Cafés: L.A. New York, Richardstr. 106 Bierbaum 1, Thomasstr. 9 Zur Mitte, Herrnhuter Weg Sunrise, Sonnenallee 152 Louis, Richardstr./Ecke Richardplatz Villa Rixdorf, Richardplatz 6 Kaktus, Treptower Str. malso Café Bar, Böhmische Str. 14 Cuccuma, Zossener Str. (Kreuzberg) Sorrentina Trattoria-Pizzeria, Gustav-Müller-Str. 1 (Schöneberg) Arztpraxen: Praxis Dr. Harmon, Anzengruberstr. 8 Praxis Dr. Amann/Dr. Fleischer, Hermannstr. 106 Praxis Dr. Schlüter-Block, Sonnenallee 306 Tierarztpraxis Watson-Tasdan, Altenbraker Str. 29 Physiotherapie Joanna Kalläne, Mariendorfer Damm 423a, Berlin (Mariendorf) Läden: Döring Wohnungsauflösung, Emser Str. 42 Schlüsseldienst Heise, Emser Str. 27 Regenbogenlicht, Emser Str. 41 malso Blutwurstmanufaktur, Karl-Marx-Platz 9-11 Ökotussi, Großbeerenstr. 11 (Kreuzberg) Kiez Kiosk, Hermannstr. 110 Lotto-Laden, Karl-Marx-Str. 182 Zeitungsladen, Sonnenallee 159 Zeitungsladen, Sonnenallee/Roseggerstr. Coiffeur Carola, Braunschweiger Str. 22 WuK DRUCK, Emser Str. 42 Kulturelle Einrichtungen: Saalbau Neukölln, Karl-Marx-Str. 141 KGB 44, Hertzbergstr. 1 Neuköllner Leuchtturm, Emser Str. 117 tfk theaterforum kreuzberg, Eisenbahnstr. 21, Berlin (Kreuzberg) Außerdem: Rathaus Neukölln, Karl-Marx-Str. 83 AOK Neukölln, Donaustr. 89 JOB Point Neukölln, Karl-Marx-Str Förderverein Gemeinschaftshaus MORUS 14 e.v., Werbellinstr. 41 Im Reuter-Kiez, im Schiller-Kiez Rund um den Richardplatz Britzer Tor Abonnement - Wir senden Ihnen den NEUKÖLLNER DSCHUNGEL auch gerne zu! Bestellen Sie ein Jahresabonnement (6 Ausgaben) und überweisen Sie 12,- auf das Konto von WuK DRUCK, Berliner Volksbank, BLZ , Kto Die Zusendung erfolgt nach Rechnungseingang. Ihre Bestellung senden Sie an WuK DRUCK, Emser Str. 42, Berlin (Fax 030/ ) oder per 2 Napoleon hatte panische Angst vor Katzen. Nach Marilyn Monroes Tod stieg die Selbstmordrate in den USA zeitweise um zwölf Prozent an. Al Capones Bruder war Dorf-Sheriff. Mao Tse-tung hat sich nie die Zähne geputzt, sondern sie nur mit Tee gespült. In der Eskimosprache gibt es 200 Wörter für Schnee. Herzlichen Glückwunsch! Die Antwort auf unser letztes Preisrätsel lautete: Rathaus Steglitz. Neben zahlreichen falschen, gab es auch 2 richtige Antworten. Die Gewinner sind: Laurent Chantelou aus Neukölln und Ingeborg Siemers aus Schöneberg.

3 Editorial Unsere Rubrik Künstler in Neukölln spricht viele unserer Leser/innen an und die Vielzahl noch unveröffentlichter Interessenten wird nach und nach vorgestellt. Auch der Beitrag über Kalle Kalkowski ist ein exklusiver Bericht. Der bekannte Schlagzeuger, Songwriter und Vollblutmusiker belebt mit seiner Popularität die Szene in unserem Bezirk und darf auf eine lange Zusammenarbeit mit Musikern legendärer Gruppen der deutschen Rockszene, zurückblicken. Sein Porträtfoto stammt von dem Fotografen Jim Rakete, dessen Arbeiten zur Zeit (bis 25. März) in einer Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, in Kreuzberg, zu bewundern sind. Das diesjährige Jubiläum zum 100jährigen Neukölln, wird uns in den nächsten Ausgaben mit interessanten Berichten und Rückblicken begleiten. Senden Sie uns Ihre Fotos, Erlebnisse, Kuriositäten zu, wir werden sie veröffentlichen. Johann Leschinkohl Herausgeber AUS DEM INHALT Der Alte / das haben wir nicht gewusst Neukölln vor 69 Jahren Die Königsheide Blockimann Hauptkommissar Müller Comic Künstler in Neukölln Wie aus Rixdorf Neukölln wurde Auf der anderen Seite Kreuzberg kocht Kalle Kalkowski, Musiker Die Wäscheklammer Es lebe das Naturgesetz Aus dem Umland Rezepte aus fernen Ländern/tfk Veranstaltungshinweise Lesermeinung/Impressum Trude + Erna Herzlichen Glückwunsch Unser Comic-Zeichner Dieter Barth hatte am Geburtstag. Wir wünschen ihm auf diesem Weg noch einmal alles Gute und weiterhin Schaffenskraft für viele neue Comic-Ideen. (s.s.9) Das Team vom NEUKÖLLNER DSCHUNGEL Route 44 Stadtteilführungen mit Frauen und Mädchen vom Richardplatz Ein internationales Dorf Mit Rascha und Rima rund um den Richardplatz. Mit Besuch der Gazi Osman Pasa Moschee. Treffpunkt: 12 h, Imbiss auf dem Richardplatz Neukölln Oneway Mit Hanadi und Gül-Aynur rund um den Richardplatz. Mit Besuch der Gazi Osman Pasa Moschee. Treffpunkt: 12 h, Karl-Marx-Str., Woolworth Alt und neu, laut und leise Mit Meryem und Fatima über den Richardplatz und entlang der Karl-Marx-Str. Mit Besuch der Gazi Osman Pasa Moschee und eines türkischen Supermarktes. Treffpunkt: 13 h, U-/S-Bhf Neukölln www. route44-neukoelln.de Die nächsten Führungen mit R. Steinle: Damals und Heute am Richardplatz Treff: 15 Uhr KGB 44, Hertzbergstr. 1, (S+U Nkln.) Entdeckungen im Reuterkiez Treff: 15 Uhr Klötze und Schinken, Bürknerstr. 12. Vom Schillerkiez zum Rollbergviertel Treff: 15 Uhr Backparadies, Hermannstr /7 Anmeldung: Näheres unter Werben im Hier könnte Ihre Anzeige stehen! 65 x 45 mm 75,00 incl. MwSt. Bei Mehrfachschaltung einer Anzeigengröße erfragen Sie bitte unsere Staffelpreise! 3

4 * Der Alte erinnert sich Eins, zwei, Wechselschritt Der hat nichts am Kreuz, der hält sich nur nicht gerade, meinte der Orthopäde zu meiner Mutter, schicken Sie den mal zur Tanzschule, da wird er sich vor den Mädchen schon aufrichten! Und so begann ich mit 14 Jahren einen Anfängerkurs bei der Tanzschule Meisel in der Jonasstraße in Berlin-Neukölln. Nun hatte ich weder einen Anzug, noch irgendwelche andere elegante Kleidung. Bei Kajot (Kajot gekleidet, flott gekleidet) am S-Bahnhof Neukölln wurden also auf meinen Wunsch ein weinrotes Clubsakko, schwarze Hosen und anschließend hochglänzende schwarze Schuhe bei Schmolke (Ganz Berlin ist eine Wolke, Schuhe kauft man nur bei Schmolke) gekauft. Ein fast völliger Aderlass im Portemonnaie meiner Mutter! 4 Nun ging es los! Der erste Abend war geprägt von Schüchternheit gegenüber einer Vielzahl von Mädchen. Doch die charmante Frau Meisel überbrückte die anfängliche Befangenheit und schon hatte ich ein Mädel im Arm. Doch das interessierte mich sehr viel weniger als die zu lernenden Schritte. Nach 8 Tanzdoppelstunden beherrschten wir die Grundschritte aller Standard- und lateinamerikanischen Tänze. Mir machte das so viel Spaß, dass ich weiter machte und bis zum ersten Turnierkurs durchhielt. Übrigens immer noch im weinroten Clubsakko, das zu meinem Markenzeichen wurde. Pikantes Detail: Ich wurde nicht nur von einer meiner Tanzpartnerinnen in die Tanzkunst eingeführt, sondern auch in die Liebe! Zeichnung und Text: D. Barth... DAS HABEN WIR NICHT GEWUSST... Keiner hat sich gewehrt. Ich auch nicht. Blind, die Augen verschlossen. Verschlossen vor der Wahrheit. An der Straße standen wir. Jubelnd. Schreiend. Rufend. Wartend. Wartend auf den Führer, eine Personifizierung des Teufels, wie ich heute weis. Sieg Heil! Alle rufen es. Keiner denkt nach. Ausnahmslos rufen wir es. Heil Hitler! Fanatische Individualisten. Lauter Einzelgänger. Alleine wären sie harmlos gewesen, wie ein schlafender Drache. Der Drache ist erwacht, geweckt durch eine Person, Adolf Hitler. Er sagt etwas, alle taten es, wie Roboter. Der Drache suchte ein Opfer und fand es. In anders denkenden, in sozial schwachen, in Kommunisten, in den Juden. Freunde wurden zu Feinden, Feinde zu Freunden. Erbarmungslos. Kaum eine Ausnahme. Die Augen verschlossen, einfach gehandelt. Ich war auch dabei. Ich habe mitgeschrien, mitgelacht, bin mitgerannt. Erbarmungslos. Kein Gedanke an das Opfer. Alle haben mitgemacht, wer versucht hatte, sich zu wehren, wurde ausgeschlossen, vernichtet. Ausnahmslos. Adolf Hitler wusste das zu nutzen. Er manipulierte, war der Dirigent. Ich war so eifrig dabei, immer den Großen nacheifernd. Ich wollte so sein wie alle anderen. Nicht einer allein trägt die Schuld an dem, was wir Deutsche angerichtet haben, sondern alle. Der Drache wurden nicht von einer Person verkörpert, sondern wir, das deutsche Volk, verkörperte den Drachen. Wenn die Leute heute sagen,...davon haben wir nichts gewusst..., dann haben sie nichts gelernt. Sie würden wieder so handeln, den Drachen erneut wecken. Er ist nicht getötet worden, er schläft, er wartet auf die nächste Gelegenheit, zu erscheinen, zu zerstören, zu vernichten. Das wird mir dann immer bewusst. Die Geschichte wird vergessen werden, sobald wir alle, die es erlebt haben, gestorben sind. Keiner wird den Mahnenden glauben. Der Drache ist nicht tot, er schläft nur. G. Marstaller (Jeder 3. Jugendliche in Deutschland weiß heute mit dem Begriff Auschwitz nichts mehr anzufangen.)

5 Neukölln vor 69 Jahren Seit neun Jahren herrschte der braune Terror in Deutschland und hatte die Welt vor drei Jahren in den 2. Weltkrieg gestürzt. Andersdenkende wurden verfolgt, in Gefängnisse und Kz s gesteckt, Hunderttausende wurden ermordet. Der Krieg war nun auch unmittelbar nach Berlin gekommen. Fliegerangriffe belegten die Stadt mit Bombenteppichen, die Lebensmittel waren rationiert, es herrschte Not und Elend. Aus dem Tagebuch von Elfriede A Die Zeit nach deinem Urlaub hat mir viel Kummer und Sorge bereitet und trotzdem gab es Tage voller Sonnenschein, die ich unseren beiden leiben Spatzen zu verdanken habe. Ich kann heut nicht mehr aufzählen, was sich alles in diesen Wochen ereignete; will aber versuchen, die kommende Zeit für dich in diesem Büchlein festzuhalten Ich habe eine schlimme Nacht hinter mir; keine Minute Schlaf. Peterle hustete stark und fand keine Ruhe und Monika fantasierte und wälzte sich bei 41 Fieber abends 9 Uhr. Als ich nach hause kam und die Spatzen so ruhig und friedlich schlafend vorfand, war ich so erfüllt von Dankbarkeit und Sehnsucht; ich mußte diese Zeilen noch schreiben. Dankbarkeit dafür, dass es den Spatzen wieder besser ging und Sehnsucht nach dir, lieber Helmut. Lieber, lieber Vati, warum kannst du jetzt nicht bei mir sein? Ich sehe dein Bild vor mir und kann alles gar nicht fassen. Wo wirst du jetzt sein; geht es dir gut und bist du gesund? Warum muß das alles sein? Ich bin in Gedanken immer bei dir und meine Liebe zu dir gibt mir die Kraft, daran zu glauben, dass du lebst. Du mußt wiederkommen. Ich warte auf dich!! Elfride A., 1916 geboren, lebte mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Mareschstraße, in Neukölln. Anfang 1943 wurde ihr Mann an die Ostfront geschickt und kehrte nicht mehr zurück. Sie hat diese Zeit in einem Tagebuch festgehalten ist sie verstorben, aber ihre Kinder haben uns das Tagebuch zur Verfügung gestellt. Wir möchten in den nächsten Ausgaben einige Auszüge daraus abdrucken. Denn wir finden es wichtig, die Erinnerung an diese Zeit aufrecht zu erhalten Heut kam mein Brief, den ich an das Rote Kreuz in Genf geschrieben habe zurück. Warum??? Gibt es denn gar keinen Weg zu dir, lieber Vati? Heut ist es nun schon neun Wochen her, dass ich den letzten Brief von dir bekam. Ich weiß noch immer nicht, wo du bist und wie es dir geht. Hoffentlich kommst du recht, recht bald und gesund wieder bei uns sein Mein lieber, lieber Helmut! Es kann doch nicht wahr sein!! Eben wurde mir ein Schreiben deiner Einheit überreicht. Man muß doch wissen, wo du bist; ein Mensch kann doch unmöglich spurlos verschwinden! Mir ist unendlich elend zu mute. Ich kann das alles gar nicht fassen. Besteht denn nicht eine Möglichkeit zu erfahren, wo du geblieben bist?... Warum muß gerade uns das Schicksal so hart treffen? Hochzeit 1939 Fotos: privat 5

6 Ferienspiele mit Neuköllner Kindern in der Königsheide um Die Königsheide Diesmal gehen wir fremd; nach Treptow, in die Königsheide. Es ist ein kleines Waldgebiet gleich hinter dem Britzer Verbindungskanal, zwischen der Südostallee und dem Königsheideweg und war bis 1961 auch für viele Neuköllner (und früher für die Rixdorfer) ein wichtiges Naherholungsgebiet. So fanden z.b. in der 1920er Jahre dort Ferienspiele für Kinder statt und die gab es ja reichlich in diesen Zeiten. In früheren Zeiten war es ein Teil eines großen Waldgebietes, zu dem auch die Köllnische Heide, die Wuhlheide und der Grünauer und Köpenicker Forst gehörten. Die fortschreitende Bebauung zerteilte dann dieses große Gebiet. Von 1961 bis 1989 war die Königsheide für die Neuköllner dann nicht mehr zugänglich und verschwand aus deren Gedächtnis. Und heutzutage kennt kaum noch jemand aus Neukölln dieses schöne Fleckchen Erde. Doch es lohnt sich ein Besuch zu allen Jahreszeiten. Ob zum Radeln oder Joggen, zum Spaziergang oder zur Schnipseljagd mit den Kindern; und ein paar Bänke laden die Älteren unter uns zum Verweilen ein. Fotos und Text: LA 6 Foto: privat Ob im bunten Blätterwald des Herbstes oder in der Stille des verschneiten Waldes: Erholung pur.

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8 Hauptkommissar Müller Von H. F. Witzel Flegeljahre Frühstück in Neukölln, Wartheplatz, Belletage, mit frischer Zeitung, heilen Kaffeetassen und angeknacksten Eiern von freilaufenden Hühnern aus Bodenhaltung. Du bist doch schon lange kein Nachwuchsmusiker mehr, Müllerchen, versuchte Frau Müller heute mäßigend auf ihren Mann einzuwirken. Wieso? wunderte sich Hauptkommissar Bernd Müller. Hier steht ausdrücklich: An diesem musikalischen Nachwuchswettbewerb dürfen alle teilnehmen, die noch keine CD veröffentlicht haben. Also, Schatz, da kannst du sagen, was du willst: Eine CD hab' ich jedenfalls noch nicht rausgebracht. Aber du kannst doch nicht jetzt plötzlich die Gitarre aus dem Schrank holen und dich heute abend zwischen all die jungen Leute hinstellen, Müllerchen. Ha, was meinst du, was ich alles kann, Schatz! Der Hauptkommissar stand begeistert auf, um schon mal die Gitarre aus dem Schrank zu holen. Wenn du das tust, zischte seine Frau, und ihre Kastanienaugen verwandelten sich in Kugelblitze, dann... dann... beim nächsten Ton wurde es 6 Uhr, 59 Minuten und 50 Sekunden, dann bleib' ich jedenfalls ganz bestimmt weg, und du kannst dich alleine blamieren! Ab sieben Uhr herrschte Funkstille. Beleidigt fuhr Müller zum Dienst. Hallo, Chef, begrüßte ihn fröhlich sein Anwärter, Herr Krahlmann aus Pankow, Leben noch frisch? Tach, Herr Krahlmann, brummte der Hauptkommissar empfindlich wie eine Leberwurst. Was soll das denn nun schon wieder heißen, Sie junger Ostspund? Meinen Sie, bloß weil ich noch keine CD rausgebracht habe, dürfen Sie sich alles erlauben, oder was? Er hängte seine Lederjacke an die Seitenwand vom Aktenschrank. Krahlmann schwieg verdutzt. 8 Alt und grau dürfen Sie werden, Herr Krahlmann, aber nicht frech, fuhr Müller fort, nachdem er sich hingesetzt hatte, sonst spielen wir hier nämlich gleich die Kreuzberger Polizei- Passionsspiele vom 1. Mai durch. Und dann spiele ich aber mal den jungen Straßenkämpfer und Sie die Erwachsenen in Uniform. Vorsichtig, Chef! Der harte, realistische Ausdruck unverstandener Jugend grub sich jetzt ins Gesicht des Anwärters. Wenn Sie mir Verrichtungen übertragen wollen, die weder dem Ausbildungszweck dienen noch meinen körperlichen Kräften angemessen sind also, ich kenne meine Rechte laut zweiter Abschnitt, erster Unterabschnitt, Paragraph sechs, Absatz zwo Berufsbildungsgesetz. Und überhaupt und mal ganz unabhängig davon: Zu meinem 23. Geburtstag lasse ich mir sowieso meinen DDR-Pass wiedergeben und mach' einen auf Doppelstaatsbürger. Und dann wollen wir erst mal sehen, Chef, wer von uns beiden der Einwanderer ist und wer im Reservat landet. Die Bürotür flog auf. Ihr Abschnittsleiter, Kriminalrat Schurwandt, preschte mit einem prall gefüllten Aktendeckel in der Hand unverhofft in die optische Mitte des Raumes: Mahlzeit, die Herren! Was ist denn hier los? Gute Frage. Nun denn, wie auch immer, am Abend nach Feierabend jedenfalls stellte Müller sich mit der Stromgitarre auf die Bühnenbretter des brechend vollen HEIMATHAFENS NEUKÖLLN, registrierte mit Panoramablick, dass er mit seinen dreiundvierzig Jahren der Stubenälteste war, schrammte einen satten Septimakkord aus seiner Fender Stratocaster und legte los mit jenem Evergreen, den ihm die Emser Straße beigebracht hatten: Bei uns im Dschungel ist

9 für alle Platz,/wir veranstalten keine Menschenhatz/und keinen Selbstmordattentatterich,/denn du bist genau so ein Wunder wie ich. Beim letzten Ton war es 21 Uhr, 37 Minuten und 40 Sekunden. Funkstille. So still, daß du hättest ein unplugged Plektrum zu Boden fallen hören. Mit dem Kriminalhauptkommissar an der Klampfe hatte das Publikum im HEIMAT- HAFEN ja nun echt nicht gerechnet. Plötzlich eine Frauenstimme, wir kennen sie schon vom Frühstück her: Müllerchen, du warst wunderbar!" Da wußte er, er hatte gewonnen. Und er schnappte sich das Mikrofon und rief: Den Namen Müller werdet ihr in Zukunft noch öfter hören! Foto: privat Das Hauptkommissar-Müller-Buch Die geplatzte Tupperparty (Umschlag von Bernd Pohlenz) ist bei WuK DRUCK, Emser Str. 42, für 7,50 erhältlich. 9

10 Lydia Möst Malerei, Trickfilm 2005 kam ich nach Neukölln. Ich suchte von Bern aus, wo ich studiert hatte, ein Atelier und fand im Internet eine alte Käserei, die noch umgebaut werden mußte. Dort habe ich nun mein Atelier und wohne darüber. Ursprünglich bin ich Malerin, doch 2002 fragte mich eine Kuratorin, ob ich für eine Ausstellung ein Video machen könne und ich sagte 'Ja'. So entstand mein erster Animationsfilm. Zwölf weitere habe ich seither gemacht, der letzte ist zehn Minuten lang und basiert auf der Traumnovelle von Arthur Schnitzler. An der Vertonung arbeite ich gerade. Auch malerisch und zeichnerisch beschäftige ich mich zur Zeit mit den Themen aus dem Buch. Gleichzeitig suche ich wieder nach einem Stoff, der für eine filmische Umsetzung lohnen würde Geb. in Marktoberdorf/Allgäu 1996 Ausbildung zur Kirchenmalerin, München Studium Hochschule der Künste, Bern Studium Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig Szene aus dem Animationsfilm Pinocchios Tod, 6'00 min, Musik: Robert McNaughton. Fotos: privat 10

11 Malerei aus Pinocchios Tod (Zu sehen neben weiteren Filmen unter Malerei aus Prophetenalarm. Auswahl Ausstellungen: 2011 Kunstbahnsteig, Für Augen und Ohren, München 2011 Lange Nacht der Bilder, cadavre exquis, Lichtenberg Berlin 2011 Gasteig Black Box, Lautwechsel, München 2010 Berlin-Potsdam-Perugia, Ex Chiesa di Santa Maria della Misericordia via Oberdan, Perugia 2008 Progr, Weihnachtsausstellung, Bern 2007 clips, Kunstverein Tiergarten, Galerie Nord, Berlin 2006 Kunstkeller Bern 2005 Fremder Sender, Stadtgalerie Bern 2004/5 5 FREUNDE, Progr Bern 2004 De Vishal, Ruimte voor beeldende Kunst, Haarlem 2004 Schichtarbeit, Kunsthalle Bern 2004 POPSTARZ, Videopreis Boswil Prolog, Künstlerhaus Marktoberdorf Oben und unten: Szenen aus Traumnovelle. Links: Malerei aus Traumnovelle. 11

12 Rixdorfer Laubenpieper-Kapelle Foto: privat In Rixdorf ist Musike, Musike, da tanzt die olle Riecke...! Diesen Gassenhauer kannte um 1900 das ganze Land. Rixdorf hatte seinen schlechten Ruf weg. Es wurde viel gefeiert zu damaliger Zeit, denn es wurde auch schwer geschuftet in diesem Arbeiterbezirk. So schossen die Vergnügungsstätten wie Pilze aus dem Boden. Getanzt wurde nicht nur in den zahlreichen Eckkneipen, sondern auch auf Rummelplätzen und in Biergärten, vor allem in der Hasenheide. Hier trafen dann auch die verschiedenen Schichten aufeinander. Und so kam es des öfteren zu Auseinandersetzungen zwischen Ganoven, Zuhältern, Soldaten und Offizieren aus den umliegenden Kasernen und so mancher holte sich ein blutige Nase. Die Obrigkeit sah auch in dem wilden Rixdorfer Schieber ein Grundübel für die Rangeleien. Und so wurden die Schiebertänze verboten, um dem schlechten Ruf Rixdorfs entgegenzuwirken. Man wollte die Ansiedlung vom bessergestellten Bürgertum erreichen, denn der Arbeiterbezirk barg natürlich auch revolutionäres Potential (im roten Rixdorf wurde sozialdemokratisch gewählt) und das konnte die Obrigkeit nicht gebrauchen. Mit der Umbenennung in Neukölln (im Mittelalter gehörte Rixdorf eine Zeit zur Stadt Cölln, bevor diese sich mit Berlin vereinte) hoffte man den Ruf zu verbessern, fand aber keine Mehrheit bei den Umfragen zur Änderung des Namens. Die Stadtregierung handelte nun im Verborgenen. Der Magistrat beantragte beim Regierungspräsidenten Namensänderung und wurde auch beim Kaiser vorstellig, der seine Zustimmung gab. Am 15. Januar 1912 wurde die Namensänderung beschlossen und am 18. Januar beschloss die Schmiede am Richardplatz 12 rechts: Dorfkirche

13 Stadtverordnetenversammlung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten die Umbenennung. Am 27. Januar 1912, Kaisers Geburtstag, wurde es verkündet. Aus Rixdorf wurde Neukölln. Wer noch mehr darüber wissen möchte, dem sei die Ausstellung des Mobilen Museums Neukölln im Rathaus, 100 Jahre Umbenennung Rixdorfs in Neukölln, empfohlen. (Rathaus Neukölln, Karl-Marx-Straße 83, Mo - Fr, 8-20 Uhr) Nun hat ja Neukölln seit einigen Jahren auch nicht den besten Ruf und spätesten seit den Ereignissen um die Rütli Schule sorgte sich auch heute wieder die Bezirksregierung um ihre und Neuköllns Zukunft. Da wäre es eigentlich an der Zeit, den Namen Neukölln wieder in Rixdorf zu ändern, wie es eine kleine Schar aus der Kulturszene schon versuchte. Gefeiert wird immer noch gern. Doch wie schon damals gilt auch heute. Mit Namenänderungen schafft man keine Besserungen. Da bedarf es schon gesellschaftspolitischer Veränderungen. Was wir brauchen, sind bezahlbare Mieten, ein vernünftiges Bildungssystem und vor allem Arbeit, von der man leben kann. Dann wird sich auch der Ruf Neuköllns, vor allem aber auch das Leben aller verbessern. An der Saalestraße. Text/Fotos:LA Protest gegen Mieterhöhung und Luxussanierung. Die Verkehrsverhältnisse haben sich sehr verändert. Die Pferdewagen sind verschwunden, die Straßen zugeparkt. Auch gibt es keinen der damaligen Läden mehr, viele sind zu Wohnungen umgebaut oder stehen leer. So befand sich z. B. an der Ecke zur Mareschstraße ein Blumenladen. Die Aufnahme vom Kohlenwagen in der Brusendorfer Straße stammt aus dem Frühjahr Fotos: privat. (Haben auch Sie noch alte Fotos, schicken Sie sie uns zu.) 13

14 Auf der anderen Seite Dez. 87, Chiang Mai. Die schönste Jahreszeit erreicht ihren Höhepunkt. Der Monsun, die Touristen schon lange gegangen, Zeit zu reisen. Die Einladung in der Tasche , Rantepao, dreitägige Totenfeier, Aufstellung der Tau-Tau- Figur. 7 Tage bis Jakarta. 2 Tage schippern wir über die Java Sea. Meine Koje ist belagert von jugendlichen Karatesportlern. Wir lachen viel. Süd-Sulawesi, Ankunft in Ujung Pandang. Der Monsun tobt, die Straßen sind Matschpisten. Nur schwere LKW s als Busersatz schaffen es in tagelanger Fahrt. Schwielen am Hintern vorprogrammiert. Geschafft! Rantepao. Super Wetter! Pünktlich zur Zeremonie, zum letzten großen Fest der Nonja stehe ich in einer der Gästeschlangen. Vor uns die Gaben: Schweine, Büffel, Geld. Der Zeremonien-Meister führt uns ins Totendorf und unser Haus. Die Gaben vor dem Totenhaus werden durch traditionelle Tänzerinnen willkommengeheißen, gesegnet. Noch an diesem Tag werden alle Schweine geschlachtet und gegessen. Tags darauf alle Büffel. In den Nächten tanzen wir. Am 3. Tag Auszug aus dem Dorf. Der Sarg wird hinaus in die Felsenhöhle getragen. 14 Die lebensgroße, hölzerne Tau-Tau, gekleidet wie die Nonja blickt jetzt wachsam in ihr geliebtes Land. Ich verabschiede mich, fahre zurück Richtung Ujung Padang. Zwischenstopp. 2 ältere Frauen zeigen mir weißen Reis in ihrer Hand, symbolisieren mir damit, was sie von mir halten (verachtende Geste) Nasi Puti. Was haben sie gegen mich?was habe ich ihnen getan? Nasi Goreng sage ich verärgert. Ujung Pandang, der Monsun trumpft noch einmal auf. Nix geht mehr. Ich lungere in meinem Losmen rum Jeder, der ein Fahrzeug hat, wuselt auf der Matschpiste rum, der Rest geht zu Fuß. Man stelle sich vor, ganz Berlin hätte zur gleichen Zeit eine Verabredung auf dem Tempelhofer Feld. Irgendwo soll was (?) sein. Jalan, Jalan ist angesagt. O.K., ich wusele mit... Polizei ist auch unterwegs, verfolgt Randalierer. Blonda! Blonda! (verachtend für Holländer) schreit es hinter mir aus der Menge. Tidak Blonda! Orang Jerman! (Ich bin keine Holländerin, ich bin Deutsche) rufe ich zur Beruhigung in perfektem Indonesisch. Sinnlos. Hart trifft mich ein Stein am Hinterkopf. Traurig gehe ich zurück in mein Losmen. Die Nonja Losmen erzählt mir von dem Massaker einst hier zur Kolonialzeit... Leider gibt es überall immer noch Menschen, die das Trennende suchen. Nur aus Angst und Unwissenheit entsteht Rassismus. I. E. Sollors, Fotos:privat

15 Von Reis mit Scheiß bis Prinzessinnengartenpizzen Kreuzberg kocht stellt besondere Menschen und ihre kulinarischen Faibles vor. Wir haben dieses Buch gemacht, heißt es in dessen Vorwort, um anderen Menschen Mut zu geben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu sagen: Ich bin unsere Gesellschaft. Das sagten sich die Trümmerfrauen damals dito, deren Enkel und Urenkel heute zusehen müssen, wie der unter Bürgermeister Willy Kressmanns tatkräftiger Ägide aus Schutt und Ruinen mit viel Schweiß und noch mehr Hoffnung wieder aufgebaute Bezirk Kreuzberg, jeden Tag ein Stückchen den Bach runtergeht. Auch in diesem hübsch aufgemachten Buch ist das Neue nicht immer gut für alle, und das Gute stammt schon mal aus Omas umweltfreundlicher Kochkiste. Aber die muss deswegen ja auch nicht gleich schlecht sein. Zwei Jahre haben Ana Lichtwer vom Berliner Büchertisch, Fotografin Anna Schroll und Literaturwissenschaftlerin Cornelia Temesvári an dem Buch gegart, gesotten und gearbeitet. Ihre Mühen haben sich gelohnt: So einfallsreich ist die Kreuzberger Projektszene noch nie porträtiert worden. Das Schöne ist ja, erzählt Cornelia Temesvári, dass jede von uns dreien ganz andere Schwerpunkte, Themen und Interessen hat. Dadurch sind hier im Buch auch Gruppen zusammengekommen, die normalerweise vielleicht nicht unbedingt an einem Tisch sitzen würden. Die gebürtige Leipzigerin hatte große Lust, einfach diese Leute kennenzulernen und zu interviewen. Und dann auch noch bei denen zu essen, sich bekochen zu lassen das war natürlich noch schöner. Herausgekommen sind 55 Geschichten über außergewöhnliche Menschen und ihre Initiativen, die heute den Bezirk Kreuzberg prägen. Sie werden nicht nur interviewt und fotografiert, sondern alle verraten ihre Lieblingsrezepte, die von Reis mit Scheiß über Piratenzöpfe bis hin zu Prinzessinnengartenpizzen reichen. So ist einerseits ein Kochbuch entstanden, das zum Nachmachen einlädt, andererseits ein Lesebuch, das Leute aus dem Kiez vorstellt, die nicht nur Sehnsüchte haben, sondern diese Sehnsüchte auch versuchen auszuleben. Herbert Friedrich Witzel Kreuzberg kocht: Portraits Interviews Rezepte. Edition Berliner Büchertisch 2012, 360 Seiten, farbig bebildert. 14,90 EUR. Grafik: Promo Ein Buch über Ihre Vorfahren? Oder doch lieber die Urgroßmutter in Öl? Genealogie und Stammbaumerstellung: Alte Dokumente und Urkunden entziffern Alte Fotos und Glasnegative digitalisieren Kleine Geschichten und Anekdoten aufschreiben Stammbaum zusammenstellen Gestaltung eines Buches Ingrid Biermann-Volke In Zusammenarbeit mit der Berliner Künstlerin Silvana Czech können Sie ihren Stammbaum oder Ihr Wappen malerisch einzigartig gestalten oder Ihre Vorfahren porträtieren lassen. Sprechen Sie uns an! Silvana Czech: Kontakt Ingrid: Kontakt Silvana: Unser gemeinsames Projekt: 15

16 Gottfried Kalle Kalkowski Schlagzeuger Songwriter Malermeister Geboren ist der Neuköllner Musiker Gelernt hat er Maler und arbeitet noch immer in dem Beruf, denn von der Musik allein lässt sich nicht leben. Schon früh hat die Musik ihn in ihren Bann gezogen. Erste Gitarre aus dem Versand, selbstgebauter Verstärker beginnt er das Trommeln bei der Band The Urchins. Es folgen The Skreaming Butlers und The Outs. Dann erst einmal eine Pause. Er gründet eine Familie. Doch 1974 hat die Musik ihn wieder eingeholt. Röxenon entsteht, bei der Kalle singt und am Schlagzeug sitzt. Es folgen Highway und die Bleibtreu Revue. Ab 1983 tritt er unter eigenem Namen auf, mit wechselden Musikern und die Besetzungslisten sind ein kleines Who is Who der Deutschen Rockszene. So spielt er unter anderem mit Leo Lehr (Curly Curve, Interzone), Manfred Opitz (Lilli Berlin, Metropolis), Mario Schulz (Interzone, Stoppok), Ingo Bischoff (Karthago, Kraan), Alex Conti (Atlantis, Hamburg Blues Band), Ronald Bosien (Morgenrot), Michael Schimer (Feeling B) und Ecke Kremer (Veronika Fischer), um nur einige zu nennen. Von 1977 bis 2008 entstehen so sechs Singles und vier Alben. Kalle liebt seinen Kiez. Neukölln ist nicht nur Beton, mit Parolen übersprüht, Plakate dick wie Leder, 2000-mal überklebt... Neukölln, du alte Hure Neukölln, du Niemandsland, heißt es in einem seiner Lieder. In der Thomasstraße hat er eine alte Hinterhof-Remise zu einem Tonstudio ausgebaut. Hier entstand auch sein letztes Album n i e m a n n s l a n d- revier. Diesmal mit dabei: Boris Kalkowski, Michael Schirmer, Daniel Spülbeck, und Gert Bertram. 16 Foto: Jim Rakete Die 10 selbstgeschriebenen Songs mit deutschen Texten erschienen auf seinem eigenen Label Rebel Rogue, über das man auch die CD beziehen kann. (www.rebelrouge.de) 2010 gewann er den Wettbewerb Unser Lied für Neukölln und war dann 2011 als Mitglied der Jury wieder mit dabei. Live-Auftritte finden immer mal wieder in kleinen Klubs oder auf Straßenfesten statt. Das nächste mal live können wir ihn im Juni auf dem Körner-Kiez-Fest in der Emser Straße erleben. (Auf Plakate achten oder im Internet nachschauen) Im Juli (Termin wird noch bekannt gegeben) gibt es ein Konzert im Körnerpark. Weitere Termine: August auf der Biermeile in der Karl-Marx- Allee und am 9. Oktober in Kreuzberg, im Yorkschlößchen in der Yorkstraße. Drulu

17 Neues aus der Ratschlagecke von Dr. phil. Pfiffig-Simpel Heute: Die Wäscheklammer Diese Klammer ist ein wahres Vielseitigkeitstalent. Zunächst kann ich meine gewaschenen Socken daran aufhängen. Zum Trocknen natürlich. Dann aber setze ich sie bereits zweckentfremdet ein. Zum Beispiel zur Befestigung von Gardinenersatz. Man nehme dazu drei bis vier ausgelesene Zeitungen der Sorte Bild oder Tagesspiegel, spanne eine Schnur vor das Fenster und bringe mittels o.g. Wäscheklammern die nun fast wertlosen Printmedienreste an. Schon ist eine verblüffend einfache, steuergünstige, ja billige Sichtblende, gegenüber sehr neugieriger Nachbarn oder Vertretern des Finanzamtes, fertig. Fotos und handwerkliche Umsetzung: LA Lästiges Ausmessen, Bohren und Dübeln zwecks Anbringung einer Gardinenstange im althergebrachten Sinne entfällt. Außerdem kann man dabei seinen besonderen Geschmack in Sachen Einrichtung neu unter Beweis stellen. Ein anderes Beispiel für die fast unbegrenzte Vielseitigkeit der Wäscheklammer ist der Bau eines Statives für die Halterung von verschiedenen Taschenlampen. Sie alle kennen das mit Sicherheit. Zum Leuchten und Arbeiten fehlt die dritte Hand. Bereits durch zwei Klammern kann eine bemerkenswerte, neue Nachttischbeleuchtung entstehen. Und verstellbar ist das kleine Gerät nahezu unendlich. Noch ein Tipp dazu: Werfen Sie das Licht an die Wand. Es wirkt dann viel weicher. Auch hier beim Bau wenig bzw. überhaupt keine Vorkenntnisse in technischer oder handwerklicher Sicht erforderlich. Bemerkenswert ist der Spielfaktor, den ich bei diesem Gerät mit der Note 3 bewerte. Unkosten: Weniger als 0,1 Euro!!! Liebe Leserinnen und Leser. Denken Sie bitte auch an die urheberrechtliche Seite. Eine schriftliche Anfrage und Abwartung der Antwort an das Bundespatentamt München, sehe ich als unbedingte Voraussetztung für den Bau o.g. Apparate und Hilfsmittel, an. Bitte haben Sie also ein paar Monate Geduld, bis Ihnen ein amtlicher Brief das endgültige o.k. zum Basteln gibt und scheuen Sie für den Brief nicht die ca. 8 Euro Porto zwecks Einschreibegebühr. Herzlichst Ihr Dr. phil. Detlef Simpel-Pfiffig 17

18 Liebe NeuköllnerInnen, mein Name ist Bianca. Ich bin Neuköllnerin. Ich bin gerne Neuköllnerin. Ich wohne an einer großen mehrspurigen Straße (netterweise im Zimmer zum Hof, die Feuerwehr heult andauernd so laut vorbei) und ploppe gleich frühmorgens mit dem Sonnenaufgang ins Leben. Toll. Außerdem hat der türkische Supermarkt immer frische Minze für mich, der Tabakwarenladen an der Ecke befriedigt glücklicherweise meine Kettenrauchsucht zu fast jeder Tages- und Nachtzeit und die BioSpähre in der Weserstraße verkauft mir leckere Dinge zu weniger großen Preisen. Auch toll, weil ich nämlich finanziell nicht gut ausgestattet bin. Und der nette Sudanese bietet mir Tamiya-Halloumi mit genialer Erdnusssoße. Hmmm. Ich wohne in einer Wohngemeinschaft. Zusammen mit vier Frauen. Vier Menschen, vier Welten treffen aufeinander. Dieses Jahr (2011) habe ich mich hilfesuchend an unseren Staat gewandt. Nachdem ich in einer persönlichen Angelegenheit auf strafrecht- und zivilrechtlichem Weg gegen Wände gelaufen bin, habe ich weiter nachgedacht. Und gemerkt, dass ich unzufrieden bin. Mit dem System unserer Gemeinschaft. Also habe ich das Grundgesetz umgeschrieben (ich dachte, ich helfe dem Bundespräsidenten mal ein bisschen, der hat zwar eine Brille, scheint aber trotzdem nicht gut gucken zu können). Zuerst habe ich es umbenannt. Es heißt jetzt NATURGESETZ. Es gibt keine Artikel mehr. Es gibt Scheiben. Scheiben können mit Münzen assoziiert werden 18 oder auch mit der Sonne oder noch ganz anderen Dingen. Ich habe dabei an Münzen gedacht, weil ich nämlich an den Übergang einer Welt mit Geld an eine Welt ohne Geld denke. Scheibe 1: Wohlstand ist wohltuende Kommunikation. Wohltuende Kommunikation kann sehr vielfältig sein. Ein Lächeln. Eine Umarmung. Zusammen einen Sonnenaufgang angucken. Oder sich über Schwäne freuen, die nur zu unserer Erfreuung glitzernde Wasserkügelchen spazieren fahren. Seelentrosttee, der morgens außen an der Zimmertür hängt, wenn abends die Seele durcheinander geraten war. 2 Scheiben: Jeder Mensch hat Bedürfnisse, die er braucht, um zu leben. Das sind Lebensraum, Essen, Kleidung. Diese stellt sich die Gemeinschaft (aus sich selbst heraus) zur Verfügung. (An dieser Stelle Dank an meinen Therapeuten, der mitgedacht hat.) Ich habe lange Zeit als lebende Nicht-Existenz verbracht (ich bin Baujahr 1972 und habe viele Jahre Depressionen geschoben). Es geht hier also nicht um Existenz. Es geht um Leben. Dafür braucht die Gemeinschaft den Staat nicht. Sie ist schon groß (erwachsen) und kann für sich selber sorgen. Das bedeutet, man braucht z.b. einen Putzplan. Weil sich ja Einzelne begegnen und schon wenn zwei Menschen aufeinander treffen, kommen zwei Welten zusammen. Bei uns vier in der WG bin ich z.b. die dreckresistente faule Sau (hm, dafür bin ich aber gut in Kopfordnung), während meine Mitbewohnerinnen das Bad gern einmal wöchentlich geputzt haben möchten. Also bemühe ich mich meiner wöchentlichen Pflicht nachzukommen, weil ich meine Mitbewohnerinnen ja gern hab. Das klappt nicht immer, aber öfter. Wow! Wir brauchen als große Gemeinschaft wirklich einen großen Putzplan. Krass. Das wird viel Arbeit in seiner Umsetzung bedürfen. Aber da man es ja schön haben will, wenn man nach Hause kommt, wie ein Freund von mir sagt, wird man halt mal gelegentlich aufräumen. Ich mache mir dazu so laut Musik an (ich empfehle die 80er, also da bin ich irgendwie hängen geblieben), daß die Nachbarin von nebenan um drei Uhr Nachmittags anruft und mir droht, die Polizei zu rufen, wenn ich die Musik nicht sofort leise

19 stelle. Uups. Aber wenigstens hatte ich kurz Spaß am Pflichtteil. Nicht jeder mag halt die 80er. 3 Scheiben: Geld ist hiermit abgeschafft. Das erklärt sich von selbst. 4 Scheiben: Niemals wird die Freiheit um der Sicherheit willen aufgegeben. Da in Scheibe 1 steht, dass Wohlstand wohltuende Kommunikation ist, ist hiermit klar, dass Freiheit einen Aushandlungsprozess beinhaltet. Man will den anderen ja nicht erschießen oder vergiften. Auch 9 Scheiben ist hier von Bedeutung. Eine Freundin kommt zu Besuch. Wir trinken frischen Pfefferminztee, ich mit Honig, hören Julee Cruise Floating Into The Night und lümmeln auf meinem Bett herum. Sie schreibt sofort begeistert die ersten vier Scheiben in das neue Freundschaftsbuch rein und gemeinsam denken wir an 5 Scheiben herum. 5 Scheiben: Ein Mitglied, welches sich auf eine eigensinnige Selbstbestimmungssuche begibt, wird von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Es sei denn, es kehrt zurück. Es wird angefragt. Hier waren wir inspiriert von Glennkill, dem Schafskrimi und da dem Schaf Melmoth. Ich kann jedem nur empfehlen, dieses Buch zu lesen. Es handelt von Schafen, die lernen, sich selbst zu hüten. Sie leben in einer Herde und es gibt darin das Gedächtnisschaf, das Philosophieschaf und natürlich das vielleicht klügste Schaf auf der ganzen Welt. Die Schäferin haben die Schafe, damit sie ihnen Geschichten vorlesen kann. Geschichten sind sehr wichtig, da sie kaputte Dinge reparieren können (das habe ich auch von meinem Therapeuten). Nachfolgend wurden alle Scheiben, die während eines Kuschelbades mit Ingwer, Kardamon und Macadamia oder noch vor dem Sonnenaufgang bei musikalischer Untermalung entstanden sind, per sms an die Freundin weitergegeben. Diese hat sie, nachdem sie sie für gut befunden hat, ins Freundschaftsbuch übertragen. 6 Scheiben: Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Nicht wahr, das ist doch wieder selbsterklärend, oder? Jeder hat seine eigene Geschichte und sieht die Welt mit seinen eigenen zwei Augen oder erspürt sie mit seinen eigenen zwei Händen oder oder oder. 7 Scheiben: Der ewige Kreislauf beinhaltet Veränderung, Wandel und Weiterentwicklung. Da muss man nur mal in seinen alten Geschichtsbüchern blättern. Neben Kriegen gab es auch eine Entwicklung hin zur Demokratie, zum Frauenwahlrecht, zur Väterzeit etc. 8 Scheiben: Der Mensch muss wollen dürfen. Nur wenn der Mensch wollen darf, kann er auch, wenn er soll und dann auch wenn er muss. Hier danke ich meiner Arbeitsstätte, wo ich als Praktikantin arbeite. Dort hängt die längere Originalversion im Gemeinschaftsraum an der Wand. Guter Ort, finde ich. 9 Scheiben: Der Einzelne muß sich seiner Grenzen bewusst sein, damit er sein schöpferisches Potential voll entfalten kann. Grenzen kann man auf wirklich nette Art setzen. Dazu muß man nicht sagen, Ey, du Arschloch. Geh mir aus dem Weg. Nee, nee, das geht auch anders. Aber sein müssen sie unbedingt. Sonst leidet die eigene Wohlfühlkulisse (zu meiner gehören z.b. Freunde, Musik, bunte Teelichter, Schwäne, der Fluss und lustige Blesshühner, die wie runtergedrückte Plastefrösche in der Badewanne hoch ploppen, Buttons, auf denen respektiere steht und rosa Kuschelsocken) darunter. 10 Scheiben: Freiheit ist der Sauerstoff zum Atmen, damit Liebe leben kann. Über Liebe muss ich auch keine Worte verlieren. Dafür hat man ja ein Herz. 11 Scheiben: Es lebe die sexuelle Revolution. 12 Scheiben: JAHRESSCHEIBE Diese Scheibe ist besonders. Da jedes Jahr ein besonderes ist. Und sie wandelt sich jedes Jahr, da Welt in einem steten Wandel begriffen ist (siehe 7 Scheiben). Hier kann jeder seinen Wunsch äußern und einer der vielen Wünsche wird dann pro Jahr als Jahresscheibe ausgewählt. Ich für meine Person glaube an die Liebe, an Magie und an den Fluss. Woran glaubt ihr? Ich bin gespannt. Ich wünsche euch ein lebendiges und spannendes neues Jahr. Ein Jahr 2012, das auch mit Erholungspausen gespickt ist! Schöne Grüße, Bianca, Neukölln, Samstag, , große mehrspurige Straße, Zimmer zum Hof 19

20 Im Reich des Schlangenkönigs Wie in meinem Geburtsland Niedersachsen die Häuser zwei gekreuzte Pferdeköpfe an den Giebeln aufweisen, so tragen die Häuser im Spreewald zwei gekrönte Schlangenhäupter als Wahrzeichen. In dieser Gegend, reich an Blindschleichen und Ringelnattern, sollen die Schlangen tatsächlich immer noch eine heimliche Monarchie und einen König haben, der im Verborgenen lebt. Die klugen Viecher verweigern sich hartnäckig unserer Form von Volksherrschaft und wollen partout nicht so wie wir fürsorglich betreut werden von einer demokratischen Dreiviertelmehrheit aus Bankenviertel, Regierungsviertel und Brüsseler Beamtenviertel. Solche gekrönten Schlangenkönigsköpfe an den Giebelenden sollen das Haus und seine Bewohner vor Schulden, Insolvenz und Steuerfahndung beschützen und noch mehr Glück bringen als zwanzig Hufeisen. Alle sagen, es sei zwar bloß ein dummer alter Aberglaube, aber der helfe nun schon seit mindestens viertausend Jahren sogar dann, wenn man nicht dran glaubt. Und jetzt zu uns Reisenden, die wir klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben sind: Was klärt den Kopp bei Mann und Frau? Saure Gurken aus Lübbenau. Genau. Wir sind allerdings nicht nach Lübbenau gefahren, sondern nach Burg. Doch Spreewald ist Spreewald, wo die Post von April bis Oktober mit dem Kahn zugestellt wird. Frau Schröder-Köpf war mit Kind und Kanzler übrigens auch schon mal da und nun kamen wir. Die Kahnfahrt führte wie durch eine andere Welt mit schwirrenden 3D-Libellen, die auch gut ins Avatar -Filmszenario gepasst hätten intensiv aquamarinblau und schmalflügelig wie Rennschmetterlinge. Halbstarke Eschen säumten das Ufer. Es gab sogar eine Kahnfahrt-Autobahnraststätte unterwegs für den kleinen Gurkenimbiss vom Fass zwischendurch. Übrigens finde ich Neukölln immer dann am schönsten, wenn wir sonntags weg waren und ich Montag früh wieder hier aufwache. H. F. Witzel Fotos: privat Schloss- und Schlüsseldienst Walter Heise seit 1947 Inh. Friedrich Laube Telefon Telefax Emser Straße Berlin * * * * Sicherheitsschlösser für jeden Zweck Ersatzschlüssel aller Systeme Tresorschlüssel Tresore, Kassetten Türschließer Schließanlagen Neulieferungen Reparaturen 20

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