Erfahrungsbericht von Dr. med. Renate Bothur

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1 Erfahrungsbericht von Dr. med. Renate Bothur Mitglied in unserem Verein LLL, Vortrag für den II. Workshop LLL am Medizinstudium im fortgeschrittenen Alter an der Universität Duisburg-Essen Vor einigen Jahren hat mich eine Dame angerufen mit einer eher jugendlichen Stimme. Sie schrieb Ihre Diplomarbeit und wollte dazu Studierende über 50 befragen. Ich wurde neugierig und konnte mir nicht vorstellen, dass es viele gibt, die mit 50 noch studieren. Doch, sagt sie, es gibt eine ganze Reihe Studierende über 50. Ich sage, aber bestimmt bin ich die Älteste. Die eher jugendliche Stimme sagt: Nein, nein, ich bin 71 Jahre, und es gibt noch ältere. Kürzlich haben wir wieder miteinander telefoniert, inzwischen hat sie promoviert. Ich freue mich, Ihnen über meine Erfahrungen mit dem Lernen im fortgeschrittenen Alter berichten zu dürfen. Ich hoffe, Ihnen in einigen Punkten Anregungen geben zu können. Zu meiner Person: Ich bin 1944 geboren, ich bin Ärztin, verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Ich habe die Volksschule damals bis zur achten Klasse besucht, anschließend den hauswirtschaftlichen Zweig der Berufsschule. Mit 18 ging ich als au pair nach England ohne Englisch-Kenntnisse. Anschließend verbrachte ich ein Jahr als Immigrant in BC, Kanada und habe dort Gelegenheitsjobs ausgeführt, um mich finanziell über Wasser zu halten und dabei mein Englisch verbessert. Zurück in Deutschland habe ich an der VHS Schreibmaschine gelernt und in einem Büro gearbeitet habe ich geheiratet und bin mit meinem Mann nach Saigon in Vietnam gegangen. Mein Mann arbeitete dort in einem Entwicklungshilfeprojekt und ich im dortigen Goethe-Institut als Bibliothekarin. Ich war dazu nicht ausgebildet, aber das Goethe-Institut brauchte gerade eine Bibliothekarin, und ich war vor Ort. Nach der Tete Offensive im Januar 1968 kehrten wir nach Deutschland zurück. Ich absolvierte dann die höhere Handelsschule.

2 Meine Mitschüler und später viele meiner Mitstudierenden waren von nun an immer wesentlich jünger als ich. Die Jahre von 1969 bis l982 verbrachte ich mit meinem Mann und den Kindern im außereuropäischen Ausland auf verschiedenen Großbaustellen. Meine Kinder wurden 1970 und 1971 in Saudi Arabien geboren wurden wir in Essen sesshaft. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, und Ruhe eingekehrt war, erinnerte ich mich an die Gedanken, die ich während unserer Auslandsaufenthalte oft hatte. Ich hätte, wenn ich die Chance gehabt hätte, in meiner Jugend bestimmt Medizin studiert. Medizin vereint das Handwerkliche mit dem Wissenschaftlichen. Ich hatte kein Abitur und war schon älter. Aber warum soll man nur in jungen Jahren Abitur machen können und studieren. Vorschriften gab es da keine und jeder sollte eigentlich das Recht auf eine Ausbildung haben. Das Abitur habe ich beim Städtischen Institut zur Erlangung der Hochschulreife in Essen nachgeholt und auch den vorgeschriebenen Test für medizinische Studiengänge gemacht. Im Winterhalbjahr 88 / 89 erhielt ich einen Studienplatz für Medizin in Essen. Am ersten Vorlesungstag standen eine Menge junger Leute vor dem Saal. Ich hatte schon das Gefühl viele sahen in meine Richtung, um auszumachen, ob dieser ältere Mensch vielleicht eine der Profs sei. Natürlich wurde ich immer wieder gefragt, warum ich Medizin studieren wolle, und ob ich nicht einem Jungen den Platz wegnehmen würde. Mein Sohn und meine Schwiegertochter haben zur gleichen Zeit in Essen Medizin studiert. Nach Klausuren oder Examen wurden die beiden weniger nach ihren Ergebnissen gefragt. Das interessierte nicht so sehr. Die Kommilitonen erkundigten sich vielmehr bei ihnen nach meinen Ergebnissen. So stand ich unter großem Druck, und ich hatte Angst die Prüfungen nicht zu schaffen. Mit der Zeit habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass man als älterer Mensch genau so erfolgreich studieren kann, wie ein junger. Man lernt im Alter anders und meist mit Lesebrille. Vor Prüfungen saß ich mit den Mitstudierenden vor den Prüfungszimmern. Man hat sich über Gelerntes unterhalten. Die jungen Leute haben oft auch ganze Tabellen gelernt und brummelten die vor sich hin. In der ersten Zeit bekam ich einen riesigen Schreck, denn ich konnte Tabellen einfach nicht auswendig lernen. Mit den Tabellen konnte ich nicht so viel anfangen. 2

3 Ich habe mir den Stoff angelesen und habe mein Gehirn mit einem Sieb verglichen. Zuerst blieb wenig hängen, bei Wiederholungen wurde das Sieb dann immer dichter und voller. Das funktionierte im Laufe des Studiums immer besser. Beim Lernen profitiert man im Alter auch von der Lebenserfahrung. Man kann meist sehr gut einordnen, was wichtig ist, und worauf es ankommt. Ich bin mir heute sicher, hätte ich in jungen Jahren studiert, ich hätte es nicht besser machen können. Die Angst, man könnte die Prüfungen nicht schaffen, haben die jungen Leute auch und die gehört auch dazu. Aber mit der Zeit entspannt man sich. Um als älterer Mensch zu studieren, genügt wie bei jungen Menschen auch normale Intelligenz und gesunder Menschenverstand und hohe Motivation. Nach meiner Erfahrung ist die Motivation das Wichtigste. Zu 2/3 zählt die Motivation und nur zu 1/3 wie schnell man lernt, auffasst und umsetzt. Lernen ist aber auch Übungssache. Ich denke an Schauspieler z.b. an den verstorbenen Heinz Rühmann oder an den noch lebenden Johannes Heesters. Die erhielten im hohen Alter noch Hauptrollen und das bedeutet in kurzer Zeit ein ganzes Drehbuch auswendig zu lernen. Die beiden waren oder sind trainiert. Die lernten ein Drehbuch, wenn es sein musste, auch in einer Woche. Würde man das von einem ganz jungen, untrainierten Menschen verlangen, der könnte es nicht. Training und Motivation ist für unser Hirn das Wichtigste. Egal wie alt man ist. Mit dem Körper ist es genauso, trainiert ein älterer Mensch regelmäßig auf dem Sportplatz oder auf einem Gerät, ist er einem jungen untrainierten überlegen. Wenn man viel lernt, vergisst man auch wieder viel. Während der Klausuren oder Examen ist man auf dem Höhepunkt mit dem jeweiligen Stoff. Wochen später weiß man einige Sachen noch ganz gut, andere nicht mehr so genau. In der ersten Zeit habe ich die jungen Leute gefragt, ob sie den Stoff der letzten oder vorletzten Prüfung noch drauf hätten. Die haben mir dann versichert, um genaue Antworten geben zu können, müssten sie den Stoff noch einmal wiederholen. Dieses Vergessen hat also nichts mit dem Alter zu tun. Den Jüngeren geht es genau so. Einmal hat mir ein junger Student erzählt, er hätte am Abend vorher Stunden damit verbracht, seine bereits korrigierte Doktorarbeit zu 3

4 4 suchen. Schließlich hatte er sie an einem unmöglichen Platz gefunden. So etwas kann jungen und älteren Menschen passieren. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich meine Lesebrille zwei Mal im Hörsaal vergessen habe. Da wurde ich schon gefragt, ob ich nicht doch langsam etwas vergesslich würde. Das wäre ja auch nichts Ungewöhnliches in meinem Alter. Seitdem habe ich die Brille umhängen. Wenn ich an der Uni war, habe ich doch tatsächlich manchmal vergessen, dass ich einer anderen Generation angehöre. Eine Studentin hat einmal während einer Vorlesung gesagt, dass sie eher gehen muss, ihr Vater würde 50 Jahre alt. Ich dachte, das kann nicht der Vater sein, das muss doch der Ehemann sein. In der nächsten Sekunde fiel mir natürlich ein, dass sie einer anderen Generation angehört. Noch einmal zurück zur Motivation. Ich war hoch motiviert und hatte Pläne. Während des Studiums sprach man von einer Ärzteschwämme. Es war schwierig für junge Ärzte eine Stelle zu finden. Deshalb wurde mir auch immer wieder die Frage gestellt, ob ich nicht einem Jungen später eine Stelle wegnehmen würde. Ich ließ mich aber nicht mehr beirren. Meine Motivation war in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Ich hatte dies vorher mit meinem Mann und den Kindern besprochen. An Auslandsaufenthalte war ich gewöhnt. Früher bin ich mit meinem Mann ohne zu murren in der Welt umhergezogen. Im Alter war mein Mann bereit mit mir zu gehen. Ich brauche nach dem Studium keine Karriere zu machen. Ich muss aber Erfahrungen sammeln. Die Recherchen für meine Doktorarbeit habe ich über die Uni-Essen im King-Faisal Krankenhaus in Riad, Saudi-Arabien, durchgeführt. Meine 1 1/2 Jahre als Ärztin im Praktikum habe ich in der Ruhrlandklinik absolviert. Seit September 2000 arbeite ich als Ambulanz- und Notärztin in den Städtischen Kliniken Duisburg. Von Januar bis August 2002 wurde ich freigestellt, um als Mitglied der offiziellen deutschen UN Kontingents die notfall- und allgemeinmedizinische Grundversorgung der UN- Blauhelmtruppen an der kuwaitisch-irakischen Grenze sicherzustellen. Darüber hinaus in erheblichem Maße auch Notfälle der irakischen Zivilbevölkerung zu versorgen. Dem Rettungsdienst standen eine moderne Notfallausstattung, vier Rettungswagen sowie zwei Hubschrauber Typ Bell 212 der Bangladesch Airforce zur Verfügung.

5 Wir waren ein 14-köpfiges Team: 5 Ärzte, 2 Schwestern und 7 Rettungsassistenten. Ich war schwerpunktmäßig in der allgemeinmedizinischen Grundversorgung und in der Notfallrettung eingesetzt. Außerdem war ich für Hygieneinspektionen der UN Einrichtungen zuständig. Das medizinische Kontingent wurde alle 6 Monate ausgewechselt. Nach meiner Rückkehr erhielt ich einen unbefristeten Vertrag in meiner alten Klinik in Duisburg. Für November 2003 wollte ich eigentlich wieder eine Freistellung für Afghanistan. Aber die Klinikleitung hat mich vertröstet auf April Vorher gibt es keine Freistellung, schließlich gibt es jetzt auch keine Ärzteschwemme mehr. Natürlich ist es schön zu wissen, dass man in der Klinik, in der man arbeitet, auch gebraucht wird. Ich habe dieses Studium noch keine Sekunde bereut. Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden. Ich kann jeden, der ähnliche Pläne hat, nur ermutigen, sich auf keinen Fall davon abbringen zu lassen. Wenn man sich mit Menschen unterhält, hört man oft, dass sie Pläne hatten, die sie nie ausgeführt haben. Der berühmte Satz beginnt mit: Eigentlich wollte ich... Wenn die Motivation stark genug ist, kann man Pläne auch im fortgeschrittenen Alter noch verwirklichen. Die Motivation bestimmt das Durchhaltevermögen. Ich saß während des Studiums oft verzweifelt am Schreibtisch. Auch wenn man nicht immer alles gleich versteht, den Jungen geht es genau so. Nie die Flinte ins Korn werfen, einfach weitermachen, irgendwann hat man auch wieder den Durchblick. Wichtig ist auch sich nicht bluffen oder demotivieren zu lassen. Ich erinnere mich noch gut: Während eines Staatsexamens saß ich zwischen zwei Mitstudierenden. Die waren am erstem Tag mit ihren Aufgaben schon fertig, da war ich noch beim ersten Drittel. Ich war irritiert und nervös und musste mich zwingen ruhig und konzentriert weiter zu arbeiten, ich war ja noch gut in der Zeit. Am zweiten Prüfungstag fehlten die beiden. Der Stoff saß wahrscheinlich noch nicht so gut. Das war mir eine Lehre für den Rest des Studiums. Noch einen kleinen Ausflug in unser Gehirn. Das Gehirn eines Babys wiegt ca Gramm. Die Hirnzellen vermehren sich später nicht mehr, sie teilen sich auch nicht. Sie können nur absterben. Warum wiegt das Gehirn eines Erwachsenen dann ca. 3 Mal soviel wie das eines Babys. 5

6 Der Grund ist: Bis man erwachsen ist, haben sich ca. 1 Kg Dentriten gebildet. Das sind Verästelungen der Nervenzellen, ohne die wir keine Aufgaben lösen, ja noch nicht einmal einen Satz formulieren können. Mit diesen Ästchen sucht die Zelle Kontakt zur Nachbarzelle mit der sie Informationen austauschen will. So bildet sich im Laufe des Lebens ein Netz von Datenbahnen. Das hört nie auf, solange man das Gehirn nicht verhungern lässt. Denn sobald Routine ins Leben einkehrt und mit ihr vielleicht Denkfaulheit, verkümmern die Nervenverbindungen. Auch im Alter können noch neue Verästelungen der Nervenzellen wachsen, wenn man sein Gehirn fit hält. Forscher haben festgestellt, wer nicht stehen bleibt und sich in sozial und intellektuellen Bereichen weiterentwickelt, erkrankt seltener an Depression oder Alzheimer. Wer also sein Gehirn trainiert, kann auch im Alter noch neue Datenautobahnen im Gehirn legen. Je mehr Ästchen sprießen, je mehr Kommunikationsflüsse zwischen den Zellen möglich sind, desto geistig fitter ist man. Ich möchte mich jetzt noch auf einen Artikel der Financial Times Deutschland vom 15. Sept. 02 beziehen. Der Autor ist der Herr Höfinghoff aus Berlin. Gekappte Karrierechancen und Arbeitschancen für Ältere sind volkswirtschaftlicher Wahnsinn. Deutschland altert, in Deutschland soll laut Artikel in 20 Jahren die Hälfte der Erwachsenen älter als 65 Jahre sein. Auch das Potential an Arbeitskräften sinkt dann dramatisch. Nur Zuwanderung und Mehrarbeit könnten Abhilfe schaffen. Die Älteren müssen arbeitsfähig gehalten werden. Es muss an einer verbesserten Weiterbildung für die Älteren gearbeitet werden. Das klassische Erwerbsleben in Deutschland ist dreigeteilt. Die Jugend lernt, die Erwachsenen arbeiten und die Älteren haben Freizeit. Diese Aufteilung darf es in Deutschland in Zukunft so nicht mehr geben. Nötig ist ein ständiger Wechsel von Weiterbildung und Beschäftigung. Wenn sich die Lebensarbeitszeit verlängert, muss sich auch der Bildungsmarkt mit zielorientierten Angeboten speziell für Ältere darauf einstellen. Bereits 1964, also vor knapp 40 Jahren, war in dem Buch mit dem Titel: Unsere Welt 1985, herausgegeben vom Zukunftsforscher Robert Jungk, ein Beitrag mit der Überschrift: Ein Leben lang lernen Darin wurde bereits vor ca. 40 Jahren beschrieben, dass der Bildungsprozess nicht mehr in dem Augenblick beendet werden darf, wenn ein Mensch die Schule, die Lehre oder die Universität verlässt, 6

7 7 sondern dass der Bildungs- und Lernprozess durch das ganze Leben hindurch fortgesetzt werden muss. Einen meiner Chefs habe ich einmal gefragt, warum er mich genommen hat und nicht eine jüngere Bewerberin oder einen jüngeren Bewerber. Er hat geantwortet: Wenn jemand im fortgeschrittenen Alter so ein Studium durchziehen kann, dann ist er es wert, dass er eine Chance erhält. Ich hoffe, ich konnte Ihnen an Hand meiner persönlichen Erfahrungen zeigen, dass sich lebenslanges Lernen lohnt. gez. Dr. Renate Bothur

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