Innovationskraft ohne Fachkräfte Wie können Familienunternehmen

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1 Innovationskraft ohne Fachkräfte Wie können Familienunternehmen gegensteuern? Eine Erhebung unter Familien unternehmen und Absolventen technischer Hochschulen zur aktuellen Situation.

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3 Eine Erhebung unter Familien unternehmen und Absolventen technischer Hochschulen zur aktuellen Situation. Innovationskraft ohne Fachkräfte Wie können Familienunternehmen gegensteuern?

4 Innovationskraft ohne Fachkräfte Wie können Familien unternehmen gegensteuern? Herausgegeben von der PricewaterhouseCoopers AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Von Dr. Peter Bartels, Sebastian Holtze, Dr. Christina Müller sowie Andreas Gorholt, Swen Henke und Dr. Thomas Ull Januar 2012, 44 Seiten, 24 Abbildungen, Softcover Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigungen, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien sind ohne Zustimmung der Herausgeber nicht gestattet. Die Ergebnisse der Studie sind zur Information unserer Mandanten bestimmt. Sie entsprechen dem Kenntnisstand der Autoren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Für die Lösung einschlägiger Probleme greifen Sie bitte auf die in der Publikation angegebenen Quellen zurück oder wenden sich an die genannten Ansprechpartner. Alle Meinungsbeiträge geben die Auffassung der Autoren wieder. Printed in Germany Januar 2012 PricewaterhouseCoopers Aktiengesellschaft Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Alle Rechte vorbehalten. PwC bezeichnet in diesem Dokument die PricewaterhouseCoopers Aktiengesellschaft Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die eine Mitgliedsgesellschaft der PricewaterhouseCoopers International Limited (PwCIL) ist. Jede der Mitgliedsgesellschaften der PwCIL ist eine rechtlich selbstständige Gesellschaft.

5 Vorwort Vorwort Liebe Leserinnen und Leser, welche neue Idee hat das Potenzial zum Kassenschlager? Wie lassen sich Produkte und Dienstleistungen, Geschäftsmodelle und Geschäftsfelder erfolgreich weiterentwickeln? Unternehmen, die in Zeiten wachsender Globalisierung und immer kürzeren Produktlebenszyklen erfolgreich sein wollen, müssen mit der Zeit gehen. Dies gilt auch für deutsche Familienunternehmen, die sich diesen Gedanken seit jeher zu Herzen nehmen und sich durch frische Ideen und dank ihrer Innovationskraft an die weltweite Spitze gearbeitet haben. Ungeachtet dieser positiven Bilanz bleibt der Weg von der ersten Idee hin zu einem markt fähigen Produkt für viele Familienunternehmen mühselig und ist oft mit zahlreichen Hürden verbunden. Häufig scheitern Innovationen an den hohen Kosten, erschwerten Finanzierungsbedingungen und ihrem hohen wirtschaftlichen Risiko. Eine weitere Innovationsbremse: der wachsende Mangel an Spezialisten. Ob Querdenker oder Neuerfinder, gut ausgebildete Fachkräfte sind schon heute Mangelware und setzen Familienbetriebe zunehmend unter Druck. Wie Familienunternehmen mit Innovationsbarrieren, insbesondere dem zunehmend spürbaren Fachkräftemangel, umgehen und welche Maßnahmen sie einleiten (könnten), um ihre Innovationsdynamik beizubehalten, ist Gegenstand der vorliegenden Studie Innovationskraft ohne Fachkräfte Wie können Familienunternehmen gegensteuern?. Dafür wird der Unternehmerperspektive auch die Sicht potenzieller Arbeitnehmer und Ideengeber Hochschulabsolventen technologie orientierter Studiengänge gegenübergestellt. Ziel ist es zu hinterfragen, ob die von Familienunternehmen eingeleiteten Schritte ziel führend sind, um dem Fachkräftemangel im F&E-Bereich Herr zu werden, und welche Ansprüche junge Talente an ihre zukünftigen Arbeitgeber stellen. Abschließend gibt die Studie Handlungsempfehlungen, wie Familienunternehmen Innovationsbarrieren erfolgreich begegnen können. Ich wünsche Ihnen eine informative Lektüre. Dr. Peter Bartels Leiter Familienunternehmen und Mittelstand Innovationskraft ohne Fachkräfte 5

6 Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Vorwort... 5 Abbildungsverzeichnis... 7 A Zusammenfassung... 9 B E i n le it u n g...11 C Innovationskraft heute und morgen Begriffsabgrenzung Wie innovativ sind deutsche Familienunternehmen? Eine Selbsteinschätzung Was bremst die Weiterentwicklung? Innovationsbarrieren in Familienunternehmen...19 D Selbst sind Familienunternehmen Innovationsbarrieren aktiv entgegentreten F&E-Kooperationen Mitarbeiterbindung und -förderung E Familienunternehmen attraktive Arbeitgeber für Hochschulabsolventen? Wichtige Arbeitgebereigenschaften aus Sicht künftiger Hochschulabsolventen Möglichkeiten zur Attraktivitätssteigerung von Familienunternehmen aus Sicht der Absolventen...32 F Mit welchen Maßnahmen Familien unternehmen den Nachwuchs locken G Fazit und Handlungsempfehlungen H Methodologie Beteiligte Familienunternehmen Hochschulabsolventen...39 Ihre Ansprechpartner Innovationskraft ohne Fachkräfte

7 Abbildungsverzeichnis Abbildungsverzeichnis Abb. 1 Abb. 2 Innovationskultur von Familienunternehmen: regelmäßige Umsetzung neuer Ideen Innovationskultur von Familienunternehmen: neue Wege bei bekannten Aufgaben einschlagen Abb. 3 Anzahl eingeführter Innovationen in den letzten drei Jahren Abb. 4 Innovationsstrategie von Familienunternehmen: Innovationsführerschaft bei neuen Produkten/Dienstleistungen Abb. 5 Innovationserfolg der befragten Familienunternehmen Abb. 6 Innovationsbarrieren von Familienunternehmen Abb. 7 Anzahl der gut ausgebildeten Bewerber in Familienunternehmen Abb. 8 Abb. 9 Abb. 10 Abb. 11 Abb. 12 Abb. 13 Spürbarkeit negativer Auswirkungen des Fachkräftemangels bei Familienunternehmen Kooperationen bei Forschungsprojekten und Outsourcing von Forschungsaktivitäten von Familienunternehmen (insgesamt) Kooperationen bei Forschungsprojekten und Outsourcing von Forschungs aktivitäten von Familienunternehmen (national vs. inter national tätige Unternehmen) Kooperationen bei Forschungsprojekten und Outsourcing von Forschungsaktivitäten von Familienunternehmen (unterteilt nach Jahresumsatz) Geplante und umgesetzte Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in Familienunternehmen Attraktivität von Familienunternehmen aus Sicht zukünftiger Hochschulabsolventen Abb. 14 Kriterien der Berufswahl für zukünftige Hochschulabsolventen Abb. 15 Abb. 16 Abb. 17 Abb. 18 Stärken von Familienunternehmen aus Sicht zukünftiger Hochschulabsolventen Präferenzen bei der Arbeitgeberwahl von zukünftigen Hochschulabsolventen Verbesserungspotenziale von Familienunternehmen aus Sicht zukünftiger Hochschulabsolventen Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung von Familienunternehmen aus Sicht zukünftiger Hochschulabsolventen Innovationskraft ohne Fachkräfte 7

8 Abbildungsverzeichnis Abb. 19 Stärken von Familienunternehmen als Arbeitgeber aus Unternehmenssicht Abb. 20 Branchenverteilung der teilnehmenden Unternehmen Abb. 21 Nettojahresumsatz der teilnehmenden Unternehmen Abb. 22 Altersverteilung der teilnehmenden Studenten Abb. 23 Studiengänge der teilnehmenden Studenten Abb. 24 Verteilung der Studenten auf verschiedene Hochschularten Innovationskraft ohne Fachkräfte

9 Zusammenfassung A Zusammenfassung Familienunternehmen und der Mittelstand sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie leisten nicht nur einen signifikanten Beitrag für die volkswirtschaftliche Entwicklung, sondern stellen auch einen Großteil der Arbeitsplätze und sorgen für Stabilität und Wachstum. Ein zentraler Aspekt ihres Erfolgs ist ihre Innovationskraft, mit der sie sich immer wieder an sich verändernde Markt entwicklungen anpassen oder sich gar neu erfinden. Deshalb stellt sich die Frage, wie die Innovationsaktivität und der Innovationserfolg von Familienunternehmen auch in Zukunft sichergestellt werden könnte, welche Barrieren es gibt und wie diese behoben werden können. Diese und weitere Aspekte behandelt die vorliegende Studie. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, ob der teils bereits beobachtbare Mangel an qualifiziertem Forschungsund Entwicklungspersonal, der verstärkt vor allem durch Hochschulabsolventen technologieorientierter Studien gänge gedeckt werden müsste, die Innovationsfähigkeit deutscher Familien unternehmen negativ beeinflussen kann und welche Möglichkeiten sich bieten, diesen zu umgehen. Die Untersuchung erfolgt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: Aus Sicht der Unternehmen wird zunächst die heutige Innovationskraft von Familien betrieben bewertet und deren zukünftige Entwicklung hinterfragt. Untersucht werden auch Innovationsbarrieren und potenzielle sowie eingeleitete Maßnahmen, um diesen Barrieren zu begegnen. Anschließend werden die Stärken und Schwächen und die Attraktivität von Familien unternehmen als Arbeitgeber aus Sicht künftiger Hochschul absolventen analysiert. Potenzielle Hochschul absolventen sind als (künftige) Ideengeber und Treiber der Innovations prozesse nicht nur für Unternehmen besonders interessant. Relevant ist ihre Perspektive zudem vor dem Hintergrund des bereits beobachtbaren Fachkräftemangels. Insgesamt wurden 200 Familienunternehmen und 100 zukünftige Hochschulabsolventen technologieorientierter Studiengänge zum Thema Familienunternehmen und Innovationen befragt. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick Deutsche Familienunternehmen prägen eine ausgesprochene Innovationskultur. Mehr als 90 % der befragten Unternehmen versuchen häufig, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen. 83,5 % beschreiten mitunter neue Wege, um bekannte Aufgaben zu erledigen. Nur 8,4 % der befragten Familienunternehmen haben in den letzten drei Jahren keine Innovationen (neue Produkte, Verfahren oder Dienst leistungen) veröffentlicht. Dennoch ist mehr als ein Drittel der Familienunternehmen mit dem Erfolg ihrer Innovations aktivitäten nicht zufrieden. Mehr als 40 % der Unternehmen sehen sich immer noch als Second Mover, wenn es um die Einführung neuer Produkte oder Dienst leistungen geht. Innovationskraft ohne Fachkräfte 9

10 Zusammenfassung Zwar sind die befragten Familienunternehmen ihrer Selbsteinschätzung zufolge besonders innovativ. Zwangsläufig stellt sich allerdings die Frage, wie die Innovations kraft auch in Zukunft sichergestellt werden kann, zumal gemäß KfW die Innovationsaktivität im Mittelstand seit 2004 rückläufig ist und sich ein weiterer Rückgang negativ auf die volkswirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auswirken dürfte. 1 Zu den größten Herausforderungen, die Innovationen im Wege stehen, zählen für mehr als ein Drittel der befragten Familienunternehmen fehlendes Fachpersonal und damit der Mangel an qualifiziertem Personal in der Forschung und Entwicklung (F&E), das für die Entwicklung von Innovationen erforderlich ist. Noch wichtiger werden unter anderem die hohen Kosten für F&E und das hohe wirtschaftliche Risiko von Innovationen eingeschätzt. Darüber hinaus stehen Familienunternehmen auch in Bezug auf die Motivation ihrer innovativen Mitarbeiter vor Herausforderungen. Wie die Umfrageergebnisse der Studie zeigen, beteiligen 64 % der befragten Familienunternehmen ihre Mitarbeiter nicht am Innovationserfolg oder zahlen Prämien für angemeldete Patente. Zudem bietet die Mehrheit der Betriebe bislang keine speziellen Weiterbildungs programme für ihr F&E-Personal an, um eine kontinuierliche Innovationsaktivität ihrer Mitarbeiter sicherzustellen und somit die Innovations aktivitäten im Unternehmen nachhaltig zu fördern. Schon heute klagt mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen über einen Fachkräftemangel. Besonders betroffen sind familiengeführte Industrieunternehmen, bei denen die fehlende Qualifikation der Mitarbeiter auch gleichzeitig der größte Hemmschuh für künftige Innovationen ist. 41 % aller befragten Unternehmen konstatieren sogar negative Auswirkungen aufgrund des Fachkräftemangels. An der mangelnden Attraktivität für Studenten kann der Fachkräftemangel von Familienunternehmen nicht ausgemacht werden: Studenten sehen in Firmen in Familienhand durchaus einen attraktiven Arbeitgeber. Gerade einmal 11 % der befragten Studenten wollen sich ausschließlich bei großen Konzernen bewerben. Um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen und künftig auf einen großen Pool an innovativen Köpfen zurückgreifen zu können, sollten Familien unternehmen umfangreiche Rekrutierungsmaßnahmen und Informations kampagnen einleiten. Vielversprechend sind auch das Anbieten von Praktika sowie Gehälter und Boni, die Ideengeber am Innovationserfolg teilhaben lassen. Alternativ bieten F&E-Kooperationen und partnerschaftliche Innovationsaktivitäten sowie die Fremdvergabe von F&E-Aufgaben Potenzial zur Reduzierung der Abhängigkeit von qualifiziertem Fachpersonal im eigenen Unternehmen und können insofern die Innovationskraft von Familienunternehmen unterstützen. Bislang werden jedoch von weniger als 50 % der befragten Familienunternehmen Kooperationen oder partnerschaftliche Innovationsaktivitäten eingegangen. 1 Vgl. KfW, Weniger Marktneuheiten im Mittelstand, Akzente Nr. 54, Dezember Innovationskraft ohne Fachkräfte

11 Einleitung B Einleitung Die deutsche Wirtschaft konnte sich sowohl im europäischen als auch im weltweiten Vergleich schnell von der Finanz- und Wirtschaftskrise erholen. Zwar trüben die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten, ausgelöst von der Schuldenkrise in zahlreichen Mitgliedsstaaten der EU und in den USA, den Ausblick und hinterlassen erste Spuren in der Realwirtschaft. Deutsche Familienunternehmen und der Mittelstand bleiben aber bisher robust. Die stabile Entwicklung der deutschen Wirtschaft ist in erster Linie auf Familienunternehmen und Mittelständler zurückzuführen, die sich insbesondere durch ihre Innovationskraft auszeichnen und sich durch neuartige Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz erarbeitet haben. Laut einer Untersuchung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln zählt der deutsche Mittelstand zu den innovativsten in Europa. 2 Bestätigt wird die Innovationskraft von Familienunternehmen zudem auch in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen: Familienunternehmen pflegen eine Kultur radikaler und progressiver Innovationen, um ihre Überlebensfähigkeit sicherzustellen, sich gegenüber ihren Wettbewerbern zu behaupten und Gewinne zu erzielen. 3 Zwar hat die deutsche Wirtschaft im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 ihre F&E-Ausgaben um 2,4 % reduziert. Doch der Rückgang war weniger stark als der des Bruttoinlandsprodukts und Unternehmen investierten nach wie vor mehr in ihre Innovationsaktivität als stiegen die F&E-Ausgaben wieder deutlich und auch für 2011 standen die Zeichen auf Wachstum: Nach einer Umfrage des Stifterverbands wollten 75 % der befragten Unternehmen ihre F&E-Aufwendungen erhöhen, gut ein Drittel wollte ihre F&E-Anstrengungen sogar deutlich steigern. Für 2011 erwartet der Stifterverband daher ein Wachstum der F&E-Ausgaben von 5,1 %. 4 Das KfW-Mittelstandspanel zeigt, dass Neuerungen in der Produkt- und Dienst leistungs palette unabhängig von der jeweiligen Konjunkturphase die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens verbessern. Bei innovativen Mittelständlern stieg die Beschäftigung zwischen 2005 und 2009 beispielsweise schneller als bei den weniger innovativen. 5 Weiterhin zeigten innovative Betriebe deutlich höhere Erwartungen im Hinblick auf ihr Umsatzwachstum. Doch die Innovations kraft der Familienunternehmen ist nicht nur ein wichtiger Treiber für den Erfolg einzelner Unternehmen, sondern auch für die Stabilität und das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft insgesamt. Schließlich sind 92 % aller Unternehmen in Deutschland in Familienhand, sie erzielen mehr als die Hälfte 2 Vgl. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, facts Forschung & Entwicklung: Zahlen und Fakten aus der Wissenschaftsstatistik GmbH im Stifterverband, Januar Vgl. auch Bergfeld, M.; Weber, M.; Kraus, S., Innovationsverhalten und Performance in Familienunternehmen: Durch generationenübergreifende Innovation zum Großunternehmen, ZfKE Zeitschrift für KMU und Entrepreneurship, 2009, S Vgl. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Pressemitteilung vom 27. Mai, 14. Juli und 5. Dezember Auch der Stifterverband der deutschen Wissenschaft bestätigt die positive Wirkung von Innovationen auf die Beschäftigung: In den vergangenen zehn Jahren wurden in der mittelständischen Forschung Vollzeitstellen geschaffen. Innovationskraft ohne Fachkräfte 11

12 Einleitung aller steuerpflichtigen Umsätze und stellen mehr als 50 % der Arbeitsplätze in Deutschland. 6 Die langfristige Sicherstellung dieser Innovationskraft ist daher vor allem auch im Hinblick auf die Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Innovation als Treiber für zukünftiges Wachstum ist auch außerhalb von Deutschland aktuell wichtiger denn je. Laut der PwC-Studie Demystifying innovation Take down the barriers to new growth wird der Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen genauso viel Bedeutung zur Steigerung des Umsatzes beigemessen wie der Steigerung des Marktanteils in bestehenden Märkten. 7 Oft fehlen vor allem mittelständisch geprägten Familienunternehmen aber die finanziellen Mittel, um ein ausbalanciertes Neuproduktportfolio zu entwickeln, das langfristig die Unternehmens existenz sicherstellen und gegebenenfalls Misserfolge beim Innovations prozess durch andere Innovationserfolge ausgleichen kann. Entwicklungs projekte werden häufig aus meist limitierten internen Mitteln finanziert. Hinzu kommt der erschwerte Zugang zu externen Finanzierungsquellen (z. B. Bankkredite, Kapitalmarkt). Ein weiteres Problem dürfte in Zukunft hinzukommen: Der bevorstehende (und teils bereits beobachtbare) Fachkräftemangel, der sich negativ auf die Innovationskraft der Unternehmen auswirken kann. 8 Denn wer soll zukünftig technologische Weiterentwicklungen in Familienunternehmen vorantreiben, wenn nicht kreative Fachkräfte, die neue Impulse mit einbringen? Staatliche Maßnahmen wie die aktuelle Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) Auf den Mittelstand setzen: Verantwortung stärken Freiräume erweitern sowie das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) als Basisprogramm des BMWi für die marktorientierte Technologieförderung von innovativen mittelständisch geprägten Unternehmen sind ein guter Anfang, um Themen wie Innovationen, Fachkräfte und Finanzierung zu adressieren. 9 Doch es ist und bleibt unumgänglich, dass Familienunternehmen auch von sich aus aktiv potenziellen Innovationshemmnissen, insbesondere dem Fachkräftemangel, entgegenwirken. Die vorliegende Studie untersucht genau diese Problematik und geht dabei der Fragestellung nach, wie mittelständische Unternehmen selbstständig Innovationsbarrieren überwinden können, ohne auf staatliche Maßnahmen angewiesen zu sein. Hierfür wurde neben der Unternehmensperspektive auch die Sichtweise von zukünftigen Hochschulabsolventen technologieorientierter Studiengänge berücksichtigt. Mittelständisch geprägte deutsche Familienunternehmen wurden befragt, wie sie ihre Erfolge bei der Einführung neuer Produkte, Dienstleistungen und Prozesse einschätzen und welches die maßgeblichen Hürden sind, die ihre Innovationskraft aktuell und in Zukunft einschränken. 6 Vgl. Stiftung Familienunternehmen, Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Familienunternehmen, Vgl. Henke, S. et al., PwC, Demystifying innovation Take down the barriers to new growth, 2011, S Vgl. KfW, Creditreform, IfM, RWI, ZEW (Hrsg.), Konjunkturelle Stabilisierung im Mittelstand aber viele Belastungsfaktoren bleiben. MittelstandsMonitor 2010 Jährlicher Bericht zu Konjunktur- und Strukturfragen kleiner und mittlerer Unternehmen, Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Auf den Mittelstand setzen Verantwortung stärken Freiräume erweitern, 2011; siehe auch: 12 Innovationskraft ohne Fachkräfte

13 Einleitung Untersucht wurde dabei insbesondere, ob die Unternehmen über ausreichend Personal verfügen, um innovativ tätig zu sein, und ob sich der künftige Fachkräftemangel innovationshemmend auswirken kann. Befragt wurden die Familienunternehmen zudem danach, welche Maßnahmen sie einleiten, um Innovationsbarrieren zu beseitigen. Darüber hinaus wurden Hochschulabsolventen befragt, wie sie Familienunternehmen als potenzielle Arbeitgeber bewerten und welche Möglichkeiten sie sehen, um deren Attraktivität zu steigern. Die Erkenntnisse aus diesen zwei unterschiedlichen Perspektiven ermöglichen Familienunternehmen nicht nur, ihre Innovationskraft und deren Barrieren besser einzuschätzen und sich auf ihre Erfolgsfaktoren zu fokussieren. Vielmehr können sie durch die Berücksichtigung der Sichtweise der Studenten besser beurteilen, welche Maßnahmen gegen den zukünftigen Fachkräftemangel Erfolg versprechend sind und wie sie sich künftig aufstellen sollten, um an die besten Köpfe zu gelangen. Schließlich treiben gute und qualifizierte Mitarbeiter letztlich auch Innovationen und damit die erfolgreichen Entwicklungen der Unternehmen voran. Innovationskraft ohne Fachkräfte 13

14 Innovationskraft heute und morgen C Innovationskraft heute und morgen 1 Begriffsabgrenzung Bei Innovationen handelt es sich um qualitativ neuartige Produkte oder Verfahren, die innerhalb einer Unternehmung (oder eines Marktes) erstmals eingeführt werden. 10 Wörtlich heißt Innovation Neuerung oder Erneuerung, abgeleitet aus dem Lateinischen innovatio etwas neu Geschaffenes und dieses aus novus neu. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Innovation in der Regel im Sinne von neuen Ideen und Erfindungen und deren wirtschaftlicher Umsetzung verwendet. Mithilfe eines Innovationsmanagements soll das Innovationsgeschehen im Unternehmen ressourcenoptimal eingesetzt sowie alle mit Innovationen verbundenen Aktivitäten und Abläufe koordiniert und gesteuert werden. 11 Eine sehr kurze und prägnante Definition des Begriffs Innovationsmanagement findet sich bei Hauschildt und Salomo, wonach dieses als die dispositive Gestaltung von Innovationsprozessen 12 verstanden wird. 13 Die Innovationskraft beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, Innovationen (neue Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen) erfolgreich am Markt zu platzieren und mit ihnen Umsatz zu erzielen. Um die Innovationskraft eines Unternehmens zu messen, bedient man sich der sogenannten Innovationsrate. Sie beschreibt das Verhältnis des Umsatzes der in einer Periode eingeführten neuen Produkte und Dienstleistungen zum Gesamtumsatz in dieser Periode Wie innovativ sind deutsche Familienunternehmen? Eine Selbsteinschätzung Häufig basiert der Erfolg von Familienunternehmen auf ihrer Spezialisierung in Nischenmärkten, in denen sie oft (Welt-)Marktführer sind. 15 In der Literatur werden diese Unternehmen als Hidden Champions bezeichnet. Beispiele sind Firmen wie Brita, ein weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Wasserfiltration mit einem Weltmarktanteil von 85 % bei Wasserfiltern, oder auch die Firma Wirtgen, ein Spezialist bei mobilen Maschinen und hochwertigen Dienstleistungen rund um den Straßenbau (70 % Weltmarktanteil bei Straßenfräsen). Genauso dazu gehören die KometGroup, die Präzisionswerkzeuge und Werkzeugkonzepte herstellt, oder die SMS Group, eine weltweit agierende Unternehmensgruppe des Anlagen- und Maschinenbaus. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen: Ob Fissler, Hersteller von hochwertigem Geschirr in Rostock-Warnemünde, oder Jungheinrich in 10 Vgl. Hauschildt, J./Salomo, S., Innovationsmanagement, 4. Aufl., 2007, S Vgl. Vahs, D./Burmester, R., Innovationsmanagement: Von der Produktidee zur erfolgreichen Vermarktung, 3. Aufl., 2005, S Hauschildt, J./Salomo, S., Innovationsmanagement, 4. Aufl., 2007, S Für eine ausführliche Abgrenzung der Begriffe Technologiemanagement, F&E-Management und Innovationsmanagement vgl. u. a. Gerpott, T. J., Strategisches Technologie- und Innovationsmanagement, 1999, S. 55 ff.; Vahs, D./Burmester, R., Innovationsmanagement. Von der Produktidee zur erfolgreichen Vermarktung, 3. Aufl., 2005, S. 47 ff.; Hauschildt, J./Salomo, S., Innovationsmanagement, 4. Aufl., 2007, S. 32 ff. 14 Vgl. PwC, Innovation Performance Das Erfolgsgeheimnis innovativer Dienstleister, 2006, S Vgl. Lahner, J., Innovative Kleinunternehmen systematisch unterschätzt oder nur übersehen? RegioPol Zeitschrift für Regionalwirtschaft, 2, 2008, S Innovationskraft ohne Fachkräfte

15 Innovationskraft heute und morgen Hamburg, einer der größten Anbieter in den Bereichen Flurförderzeug-, Lager- und Material flusstechnik weltweit, allen ist eines gemeinsam: Sie haben sich dank ihrer Innovations kraft bis in die weltweite Spitze hochgearbeitet. Für sie ist die kontinuierliche Generierung von neuen Produkten einer der wichtigsten Bausteine ihrer Erfolgs strategie und hilft ihnen, ihre Wettbewerbsfähigkeit und Marktführerschaft langfristig und nachhaltig zu sichern. Der Bedeutung von Innovationen sind sich deutsche Familienunternehmen bewusst: Der Innovationswille ist häufig bereits in der Unternehmenskultur verankert, wird durch Führungskräfte aktiv gefördert oder durch ein (teils professionell aufgesetztes) Innovationsmanagement vorangetrieben. 16 Dabei spielt der Umgang mit gescheiterten Zukunftsprojekten eine ebenso wichtige Rolle wie die Tatsache, dass Geschäftsführer die Innovationstätigkeit selbst vorleben. Schließlich wirken sich mögliche Sanktionen von Misserfolgen negativ auf die Risikobereitschaft der Mitarbeiter aus. Die nordbadische Freudenberg & Co. KG setzt beispielsweise auf ein konsequentes Innovationsmanagement, dank dessen sich das Familienunternehmen seit 1929 insgesamt 14 neue Produktfelder erschlossen hat. Neben den Vileda-Putztüchern, die Freudenberg in Deutschland bekannt gemacht haben, ist das Unternehmen Spezialist in der Dichtungs- und Schwingungstechnik, bei Vliesstoffen, Filtern, chemischen Spezialitäten und IT-Dienstleistungen. Die auf Innovationen basierende Diversifizierung ist mittlerweile Teil der Strategie. 17 Wie stark der Innovationsgedanke bei deutschen Familienunternehmen in der Unternehmenskultur verankert ist, bestätigen auch die Umfrageergebnisse: Die Mehrheit (91 %) der befragten Unternehmen stimmt der Aussage zu, dass sie häufig versuchen, neue Ideen umzusetzen. Abb. 1 Innovationskultur von Familienunternehmen: regelmäßige Umsetzung neuer Ideen n = 200 trifft überhaupt nicht zu trifft weniger zu 0,5 % 8,5 % trifft zu 53,5 % trifft sehr zu 37,5 % Auch wenn bekannte Aufgaben zu lösen sind, setzt ein Großteil der Unternehmer auf neue Wege (83,5 %). 16 Vgl. Winkeljohann, N., Wirtschaft in Familienhand Die Erfolgsgeheimnisse der Unternehmerdynastien, 2011, S Vgl. ebenda. Innovationskraft ohne Fachkräfte 15

16 Innovationskraft heute und morgen Abb. 2 Innovationskultur von Familienunternehmen: neue Wege bei bekannten Aufgaben einschlagen n = 200 trifft überhaupt nicht zu trifft weniger zu 1,5 % 15,0 % trifft zu 56,0 % trifft sehr zu 27,5 % Diese Selbsteinschätzung deutet bereits auf eine innovationsfreundliche Unternehmens kultur hin. Bei vielen Familienunternehmen sind Innovationen aber mehr als nur Kultur, sie sind auch Teil der Strategie: Sie setzen auf finanzielle Anreizsysteme oder fördern ihre Mitarbeiter durch spezifische Ausund Fortbildungen, um ihre Innovationskraft zu stärken. Jedoch zeigen die Umfrage ergebnisse hier noch Handlungsbedarf für Familienunternehmen auf: Noch immer beteiligen 64 % der befragten Familienunternehmen ihre Mitarbeiter nicht am Innovationserfolg oder zahlen keine Prämien für angemeldete Patente. Darüber hinaus bieten 65 % der befragten Unternehmen bislang keine speziellen Weiterbildungs programme für ihr F&E-Personal an, um eine kontinuierliche Innovations aktivität ihrer Mitarbeiter sicherzustellen. 18 Die Innovationskraft spiegelt sich auch in der Anzahl neuer Produkte wider, die Unternehmen in den vergangenen Jahren am Markt platziert haben. So hat ein großer Teil (44,1 %) der befragten Unternehmen in den letzten drei Jahren mindestens eine bis fünf Neuerungen auf den Markt gebracht. 21,8 % der Familienunternehmen haben sechs bis zehn Innovationen eingeführt, knapp 25 % sprechen sogar von elf und mehr Neuplatzierungen. Nur 8,4 % geben an, keine neuen Produkte bzw. Dienstleistungen eingeführt zu haben. 18 Den positiven Einfluss von betrieblichen Weiterbildungsaktivitäten auf den Innovationsoutput bestätigen beispielsweise: Günther, J./Marek, P., Einflussfaktoren betrieblicher Innovationstätigkeit: Kleine Betriebe in Ostdeutschland mit viel Potenzial, IHW, Wirtschaft im Wandel, Jg. 17 (7 8), 2011, S Innovationskraft ohne Fachkräfte

17 Innovationskraft heute und morgen Abb. 3 Anzahl eingeführter Innovationen in den letzten drei Jahren n = ,7 % ,0 % ,8 % ,2 % ,8 % ,1 % 0 8,4 % Bei rund 57 % der befragten Unternehmen drückt sich die Innovationskraft vor allem in ihrem Anspruch an sich selbst aus, Innovationsführer werden zu wollen: Mit einem Neuprodukt als Erster am Markt zu sein und von einem sogenannten First-Mover-Vorteil zu profitieren ist Bestandteil ihrer Strategie (siehe Abb. 4). Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass sich 43 % der Unternehmen selbst als Second Mover bezeichnen, wenn es um die Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen geht. Abb. 4 Innovationsstrategie von Familienunternehmen: Innovationsführerschaft bei neuen Produkten/Dienstleistungen n = 198 trifft überhaupt nicht zu trifft weniger zu 7,0 % 36,0 % trifft zu 41,0 % trifft sehr zu 16,0 % Jedoch muss dies nicht zwangsläufig der falsche Ansatz sein, um mit Innovationen erfolgreich zu sein. Schließlich lassen sich so Entwicklungskosten sparen und die ersten Erfahrungen und Kritikpunkte der Konsumenten einarbeiten, um Produktfehler zu verhindern und die Produkte zu optimieren. So war auch Apple mit dem MP3-Player nicht als First Mover auf dem Markt. Vielmehr reagierte das US-Unternehmen auf die Schwachstellen bestehender Musikspieler und revolutionierte so den gesamten Musik- und Endgerätemarkt. Insgesamt schätzen 62 % der befragten Unternehmen ihren Innovationserfolg im Unternehmen als positiv ein. Innovationskraft ohne Fachkräfte 17

18 Innovationskraft heute und morgen Der Median liegt auf einer Skala von 1 (gar nicht innovativ) bis 10 (sehr innovativ) bei 7. Dies zeigt jedoch auch, dass mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen aktuell noch nicht mit dem Innovationserfolg zufrieden ist. Abb. 5 Innovationserfolg der befragten Familienunternehmen n = = gar nicht innovativ bis 10 = sehr innovativ 10 3,5 % 9 8,0 % 8 22,0 % 7 28,5 % 6 13,5 % 5 14,5 % 4 7,5 % 3 2,0 % 2 0,5 % 1 0,0 % Zwar sind die befragten Familienunternehmen ihrer Selbsteinschätzung zufolge besonders innovativ. Zwangsläufig stellt sich allerdings die Frage, wie die Innovations kraft auch in Zukunft sichergestellt werden kann, zumal gemäß KfW die Innovations aktivität im Mittelstand von 2004 bis 2009 rückläufig war und auch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise nur leicht angestiegen ist. Und zumal sich ein weiterer Rückgang negativ auf die volkswirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auswirken dürfte. 19 Welches sind die maßgeblichen Hindernisse, die Innovationen blockieren (werden)? 19 Positiv stimmt dagegen eine Analyse des Stifterverbands der Deutschen Wissenschaft, nach der der deutsche Mittelstand in den vergangenen zehn Jahren seine F&E-Arbeit ausgebaut und 71 % mehr Geld in die Forschung investiert hat als noch Zudem hätten Unternehmen das Forschungspersonal um 52 % aufgestockt und damit Vollzeitstellen geschaffen. Bei großen Unternehmen habe der Zuwachs dagegen nur bei 8 % gelegen. Vgl. Markt und Mittelstand, Mittelstand überdurchschnittlich innovativ, Meldung vom 4. März Innovationskraft ohne Fachkräfte

19 Innovationskraft heute und morgen 3 Was bremst die Weiterentwicklung? Innovationsbarrieren in Familienunternehmen Die größten Hürden für Innovationen bei Familienunternehmen sind finanzieller Art: 47,5 % der befragten Unternehmen scheuen die hohen F&E-Kosten. Rund 40,5 % fürchten das enorme wirtschaftliche Risiko, das mit Neuentwicklungen einhergeht. An dritter Stelle folgen die damit in Verbindung stehenden fehlenden (eigenen) finanziellen Mittel (35 %), um Innovationen zu realisieren. Immerhin 22 % der befragten Unternehmen beklagen allerdings auch, dass es ihnen an externen Finanzierungsquellen mangelt, um ihre Forschung voranzutreiben. Dieses Problem dürfte sich im Zuge der aktuellen Unsicherheiten durch die Schuldenkrise zahlreicher Länder weiter verschärfen. Auch die Anforderungen an Banken, aufgrund von Basel III künftig mehr Eigenkapital und Liquidität vorzuhalten, wird die Kreditvergabebedingungen weiter erschweren. Positiv sollte dagegen die Förderpolitik wirken, zumal die EU-Kommission Ende Januar 2011 den Zugang zu EU-Forschungsgeldern für den Mittelstand erleichtert hat oder Fördergelder durch Programme wie die Allianz Industrie Forschung (AiF) bereitstellt. Exkurs: Innovationsförderprogramme Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand des BMWi, ein bundesweites technologie- und branchen offenes Förderprogramm für mittelständische Unternehmen, bietet finanzielle Unterstützung für Innovationsprojekte. 20 Für 2012 hat das BMWi die ZIM-Förderung auf 500 Millionen Euro aufgestockt. Komplementär bietet das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter der Initiative KMU innovativ ein vereinfachtes Verfahren zur Beantragung und Bewilligung von Fördermitteln in zentralen Zukunftsbereichen. 21 Auch die EU unterstützt die Wirtschaft mit zahlreichen Beteiligungsmöglichkeiten. Ziel der Forschungsförderung ist es insbesondere, Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen, wie es die Lissabon-Strategie vorsieht. Die EU fördert Forschung und Innovation in Europa vor allem mit dem 7. Rahmenprogramm für Forschung und technologische Entwicklung (FP7) und mit dem Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit (CIP). Für FP7 ist die Teilnahme mittelständischer Unternehmen dabei zentral. 22 Externe Forschungsunterstützung bietet auch das ERP-Innovationsprogramm (ERP: European Recovery Programme) der KfW-Bankengruppe: Das ERP-Innovationsprogramm gewährt Familienunternehmen und Mittelständlern Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen, damit sie Forschungs- und Innovations projekte finanzieren können. 23 Die Darlehen sind durch Mittel des Bundeshaushalts und des ERP- Vermögens zinsverbilligt. Das ERP-Innovationsprogramm besteht aus einer Nachrangtranche, für die keine Sicherheiten gestellt werden müssen, und einer Fremdkapitaltranche, für die die banküblichen Sicherheiten gestellt werden müssen. 20 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Programmuebersicht/ERP-Innovationsprogramm_I/index.jsp. 21 Siehe BMBF, KMU innovativ, Vorfahrt für Spitzenforschung im Mittelstand, Für eine Übersicht siehe beispielsweise: Stifterverband der deutschen Wissenschaft, facts: Forschungsförderung in Europa Kompaktinformationen des Stifterverbands zur EU- Forschungsförderung, April Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Innovationskraft ohne Fachkräfte 19

20 Innovationskraft heute und morgen Eine steuerlich begünstigte Forschungsförderung, wie sie in 24 der 31 OECD-Länder wie Frankreich, Österreich oder Großbritannien existiert, gibt es in Deutschland dagegen nicht. Zahlreiche Verbände, unter anderem der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Verband der Chemischen Industrie (VCI), fordern diese zwar seit Langem. 24 Nach wie vor müssen deutsche Firmen dagegen für jeden in F&E investierten Euro zwei Cent mehr Steuern zahlen, als wenn mit diesem Geld andere Projekte finanziert worden wären. In Frankreich dagegen bekommen Unternehmen dank steuerlicher Forschungsförderung für jeden Euro an F&E-Aufwendungen eine Steuerentlastung von 43 Cent. 25 Um die Innovations kraft deutscher Unternehmen mittel- und langfristig sicherzustellen, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu steigern und Arbeitsplätze für Hochqualifizierte zu sichern, wäre daher die im Koalitionsvertrag zugesagte steuerliche Forschungsförderung in Deutschland eine wichtige Weichenstellung. Neben diesen externen Einflüssen sind es oft hausgemachte Probleme, die Innovationen behindern: Für 33 % aller befragten Unternehmen ist es nämlich der fehlende Innovationswille der Mitarbeiter, gegen den die Geschäftsführung ankämpfen muss, um Innovationen durchzusetzen. Besonders Handelsunternehmen (mehr als 50 %) führen Mitarbeiter als große Barriere auf der Suche nach neuen Produkten, Diensten oder Prozessen an. Dies könnte insbesondere daran liegen, dass in Handelsunternehmen typische Prozessinnovationen wie die Einführung von Selbstbedienungskassen, Überlegungen zur Integration von RFID-Chips oder verlängerte Öffnungszeiten oftmals mit maßgeblichen Umwälzungen der Arbeitsweise einhergehen. Dieser Art der Veränderung stehen Mitarbeiter daher typischerweise kritisch gegenüber, sodass sie sich weniger engagiert für Innovationen einsetzen dürften. Der fehlende Mitarbeiterwille ist aber nicht das einzige interne Problem: Für immerhin ein Drittel aller familiengeprägten Betriebe ist die fehlende Innovationsstrategie ein Hemmschuh und ein Viertel nennt sogar die mangelnde Managementkompetenz als Showstopper für Veränderungen und neue Ansätze (siehe Abb. 6). 24 Vgl. Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. und Verband der Chemischen Industrie e. V., Die Steuerbelastung der Unternehmen in Deutschland Fakten für die politische Diskussion 2011; Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) e. V., Die BDI-Investitionsagenda In Deutschland investieren, Siehe iw, Forschungsförderung: Hürden statt Hilfen, Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, Jahrgang 26, Juli Innovationskraft ohne Fachkräfte

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