Scheidung, was tun? Das neue Unterhaltsrecht Tipps für eine faire Trennung

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1 Scheidung, was tun? Das neue Unterhaltsrecht Tipps für eine faire Trennung

2 Gleichstellungsbüro der Landeshauptstadt Düsseldorf und Axel Weiss, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Familienrecht Düsseldorf, Oktober 2009 Diese Broschüre erhebt keine Gewähr auf Vollständigkeit und ist nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Jede Haftung ist ausgeschlossen. Gesetze und Rechtsprechung können sich ändern. Bitte beachten Sie deshalb das Erscheinungsdatum der Broschüre. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte ist ohne schriftliche Zustimmung des Herausgebers nicht gestattet. Dies gilt insbesondere auch für die Vervielfältigung und Dar - stellung der Inhalte in elektronischen Systemen.

3 Vorwort verliebt verlobt verheiratet wer kennt nicht diesen Abzählreim? Leider geht er in rund einem Drittel der in Deutschland geschlossenen Ehen so weiter: getrennt geschieden. Realität ist: die Zeiten der Liebe bis der Tod uns scheidet sind für viele lange vorbei. Bislang gingen mehr als die Hälfte der Scheidungen von den Frauen aus. Und das, obwohl sich viele von ihnen auf die soziale und finanzielle Absicherung durch die Ehe verlassen und ihre Berufstätigkeit aufgegeben oder eingeschränkt haben. Vor allem Mütter müssen sich heute darauf einstellen, nach der Reform des Unterhaltsrechts zum 1. Januar 2008 durch die Scheidung finanziell schlechter gestellt zu werden. Deshalb ist diese Broschüre in erster Linie für Frauen verfasst worden, da sie es sind, die in der Regel von den sozialen und finanziellen Folgen einer Scheidung härter betroffen sind. Grundsätzlich gilt für beide Partner, die vor einer Trennung und Scheidung stehen: informieren Sie sich über Ihre Rechte und Pflichten und lassen Sie sich in dieser schwierigen Lebensphase beraten. In Düsseldorf bieten zahlreiche Institutionen und Organisationen Vorträge, Informationen und Unterstützung für Sie und auch für Ihre Kinder an. Eine Übersicht der wichtigen Anlauf- und Beratungsstellen finden Sie am Ende der Broschüre. Der Bezirkssozialdienst des Düsseldorfer Jugendamtes bietet beispielsweise wie die Beistandschaft eine kostenlose Beratung an. Diese Broschüre soll Ihnen einen Weg weisen in turbulenten Zeiten und bietet Ihnen Rat und Sicherheit in rechtlichen Fragen unter anderem zum neuen Unterhaltsrecht, zum Sorgerecht, zu Eheverträgen und vielen anderen Themen. Sie kann aber keine Einschätzung der Besonderheiten Ihrer persönlichen Lebensumstände sein und deshalb eine fachkundige Beratung zu Ihren individuellen Rechten nicht ersetzen. Ein besonderer Dank gilt dem Autor dieser Broschüre, Herrn Rechtsanwalt Axel Weiss, der aus seiner täglichen Beratungserfahrung die Informationen und Tipps lebensnah und praxisorientiert formuliert hat. Wir hoffen, dass Ihnen diese Broschüre, die in Kooperation zwischen Gleichstellungsbüro und Jugendamt entstanden ist, weiterhilft. Trennung kann schmerzhaft sein. Sie bedeutet aber auch immer einen Neuanfang. Dagmar Wandt Gleichstellungsbeauftragte Johannes Horn Leiter des Jugendamtes 3

4 4 Inhalt

5 1 Wozu dient diese Broschüre? Wie sinnvoll ist ein Ehevertrag? Inhaltskontrolle von bestehenden Eheverträgen Was heißt hier Trennung? Wie werde ich geschieden? Bekomme ich Unterhalt? Setzen Sie Ihren Mann in Verzug Sie haben ein Recht auf Auskunft Wie berechnet sich der Unterhalt? Ehegattenunterhalt Der Anspruch der Kinder auf Unterhalt Die Düsseldorfer Tabelle Ausnahmen vom Koordinatensystem der Tabelle Dynamische Titulierung des Kindesunterhalts Krankenversicherung des Kindes Sonderfrage: Kindesunterhalt und Besuchsrecht Das staatliche Kindergeld Wer bekommt das Sorgerecht für die Kinder? Welche Möglichkeiten der Sorgerechtsregelung gibt es? Das Besuchsrecht des Vaters Ehewohnung Haushaltsgegenstände Gemeinsame Konten Schulden Zugewinnausgleich Versorgungsausgleich Krankenversicherung bei Trennung/Scheidung Schutz vor Gewalt und Nachstellungen Steuern Die richtige Steuerklasse nach der Trennung Realsplitting Sozialleistungen Wenn es zur Auseinandersetzung kommt Wie finde ich meine Anwältin oder meinen Anwalt? Außergerichtliche Verhandlungen Wie läuft ein Verfahren beim Familiengericht ab? Scheidung mit einer Anwältin oder einem Anwalt? Was kostet ein familienrechtliches Verfahren? Anspruch auf Verfahrenskostenvorschuss Verfahrenskostenhilfe/Beratungshilfe Rechtsschutzversicherungen Adressanhang... 73

6 1 Wozu dient diese Broschüre? 6 Diese Broschüre ist unvollständig. Sie soll und kann nicht mehr sein als eine Anregung, eine Sensibilisierung dafür, dass Sie mehr Rechte haben als Sie denken. Daher als erster und wichtigster Tipp: Informieren Sie sich über Ihre Rechte. Lassen Sie sich fachkundig beraten. Diese Broschüre wendet sich in erster Linie an Frauen. Das Gesetz aber ist geschlechtsneutral. Rechte und Pflichten, die dort verankert sind, treffen Frauen und Männer gleichermaßen. Deshalb dürfen die Hinweise und Tipps dieser Broschüre nicht so verstanden werden, als würden sie nur für Frauen gelten. Bei den Beispielen in dieser Broschüre wurde zugunsten einer besseren Lesbarkeit eine einseitige Geschlechtsform verwendet. Die Beispiele dienen lediglich der Veranschaulichung, Benachteiligungen bestimmter Personen oder Personengruppen sind keinesfalls beabsichtigt.

7 2 Wie sinnvoll ist ein Ehevertrag? Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Dieser kluge Satz gilt nicht nur für den Entschluss zu heiraten, sondern mehr noch für den Entschluss, die Rechtsfolgen der Ehe vertraglich zu regeln. Das Bürgerliche Gesetzbuch enthält ein ausgeklügeltes System von Vorschriften, in denen eine ausgewogene Verteilung von Rechten und Pflichten zwischen den Eheleuten vorgesehen ist. Bei aller Kritik im Einzelfall und auch nach der Unterhaltsreform vom Januar 2008 lässt sich sagen, dass das deutsche Familienrecht ein hervorragendes System zum Schutz des sozial schwächeren Ehepartners enthält. In der gesellschaftlichen Realität bedeutet dies: Schutz der überwiegend in der Familienarbeit tätigen Ehefrau. Wer heiratet, kommt automatisch in den Genuss des gesetzlichen Schutzes. Das Gesetz regelt die Rechtsfolgen der Ehe ganz allgemein und ohne Rücksicht auf den Einzelfall. Es gibt deshalb die Möglichkeit, die gesetzlichen Regelungen individuell an die konkrete Lebenssituation und Lebensplanung der Eheleute anzupassen. Dies geschieht durch Abschluss eines Ehevertrages. Wegen der Bedeutung, die eine solche vertragliche Regelung für die Betroffenen hat, muss ein Ehevertrag immer notariell beurkundet werden. Es reicht also nicht aus, dass die Eheleute privat ein Schriftstück aufsetzen. Dies gilt sowohl für Regelungen zum Versorgungsausgleich, zum Güterrecht (Zugewinnausgleich/Gütertrennung), aber neuerdings auch für Vereinbarungen zum nachehelichen Unterhalt. Ein solcher Ehevertrag kann jederzeit vor und während der Ehe geschlossen werden, also auch noch in der Trennungszeit. Das ist oft sinnvoll, um Vereinbarungen für die Zeit nach Trennung und Scheidung zu treffen. Dazu aber später mehr. Man hört oft den guten Rat : Wer schon in der intakten Ehe einen Ehevertrag abschließt, der hat bei der späteren Scheidung keinen Ärger mehr und spart Anwalts- und Gerichtskosten. Das ist nur die halbe Wahrheit. Frauen, die durch Ehevertrag auf Unterhalt nach einer späteren Scheidung verzichten, gar noch auf den Versorgungsausgleich (Altersversorgung) und durch Gütertrennung auch auf den Zugewinnausgleich, müssen wissen, dass sie im Fall der Scheidung ohne jegliche wirtschaftliche Absicherung durch den Ehemann sind. Und das ist nur in seltenen Fällen angemessen: nämlich dann, wenn Partnerin und Partner in der Ehe bei nahezu gleichen Einkunfts- und Vermögensverhältnissen voll erwerbstätig waren und die Ehe kinderlos geblieben ist. Daher: 7

8 8 Vorsicht vor Eheverträgen! Zwar prüfen seit einigen Jahren die Gerichte die Frage der möglichen Sittenwidrigkeit und Unwirksamkeit von Verzichtsklauseln in Eheverträgen sehr viel strenger als früher, aber es lässt sich kaum sicher voraussagen, ob ein Ehevertrag für unwirksam erklärt wird. Das prozessuale Risiko ist hoch. Deshalb gilt nach wie vor: Lassen Sie sich über jede Klausel und deren Rechtsfolgen ausführlich fachkundig beraten. Die Beratung muss eine Anwältin/ein Anwalt Ihres Vertrauens durchführen. Lassen Sie sich nicht auf den Rat derjenigen ein, die von Ihrem Ehemann empfohlen oder beauftragt worden sind. Unterschreiben Sie nichts, was Sie nicht verstehen oder dessen Folgen Sie nicht absehen können. Lassen Sie sich nicht von Ihrem Ehemann unter Druck setzen oder überreden. Misstrauen Sie seinen Argumenten. Überprüfen Sie jede Vertragsklausel mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen. Seien Sie sicher: Ihr Ehemann weiß, warum er einen Ehevertrag vorschlägt, der von der gesetzlichen Regelung abweicht. Verzichten Sie nicht auf den Schutz des Gesetzes ohne eine angemessene Gegenleistung.

9 Auf jeden Fall sollten Sie darauf bestehen, dass in den Ehevertrag ausdrücklich aufgenommen wird, dass er nur dann gültig bleibt, wenn sich die aktuellen ehelichen Lebensverhältnisse nicht wesentlich verändern. So kann etwa aufgenommen werden, dass ein Verzicht auf Ehegattenunterhalt nach einer Scheidung solange nicht gelten soll, wie noch gemeinsame minderjährige Kinder von Ihnen betreut werden oder Sie wegen der Aufgabe Ihrer früheren Berufstätigkeit während der Ehe nach einer Trennung (noch) kein eigenes angemessenes Einkommen haben. Da das neue Unterhaltsrecht sehr strikte Regelungen für eine Begrenzung und Befristung des nachehelichen Unterhalts vorsieht, können Sie den Ehevertrag auch nutzen, um Ihre gesetzlichen Rechte für die Zeit nach einer Ehescheidung auszuweiten. Der Ehevertrag bekommt hier also eine ganz neue Qualität. So wie er (fast immer) genutzt wird, gesetzliche Rechte einzuschränken, kann er natürlich auch genutzt werden, Ihre Rechtsstellung etwa für Unterhaltszahlungen bei Kinderbetreuung zu verbessern. Auf die Durchführung des Versorgungsausgleichs, also den Ausgleich der Altersversorgungen, sollten Sie nur dann verzichten, wenn Ihre eigene Versorgung bereits ausreichend gesichert ist. Das dürfte aber schon dann nicht der Fall sein, wenn Sie wegen der Familienarbeit und Kinderbetreuung Ihre Erwerbstätigkeit längere Zeit eingeschränkt oder eingestellt haben. Diese Frage lässt sich abschließend nur durch eine fachkundige Beratung (Rentenberaterin oder Rentenberater) beurteilen. Da es heute nicht mehr selten ist, dass die Ehefrau die bessere Altersversorgung hat, kann der Verzicht auf den Versorgungsausgleich im Einzelfall durchaus im Interesse der Frauen sein. Oft wird Gütertrennung vereinbart und gleichzeitig auf den Anspruch auf Zugewinnausgleich verzichtet in der falschen Annahme, dies sei notwendig, um nicht für die Schulden des Partners aufkommen zu müssen. Diese weit verbreitete Ansicht ist falsch. Sie haften als Ehefrau grundsätzlich nicht für Schulden, die Ihr Partner aufgenommen hat. Es gibt also keine Haftung, die allein auf der Eheschließung beruht. Sie haften nur dann, wenn Sie den Kreditvertrag entweder als Kreditnehmerin oder als Bürgin mitunterzeichnet haben. Lassen Sie sich also nicht mit diesem falschen Argument den Anspruch auf Zugewinnausgleich nehmen, sondern fordern Sie gegebenenfalls eine wirtschaftliche Kompensation für den Fall der Gütertrennung. Das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof haben neue Grundsätze für die Überprüfung des Inhalts von Eheverträgen aufgestellt. Danach haben viele alte Verträge keinen Bestand mehr, in denen Frauen auf alle Ansprüche für die Zeit nach einer Ehescheidung verzichtet haben. Sollten Sie also bereits einen Ehevertrag abgeschlossen haben, der derartige Verzichtsklauseln enthält, dann lesen Sie bitte das folgende Kapitel über die Inhaltskontrolle von Eheverträgen sorgfältig und lassen Sie sich anwaltlich über Ihre Rechte aus der neuen Rechtsprechung beraten. 9

10 3 Inhaltskontrolle von bestehenden Eheverträgen 10 Das Recht, einen Ehevertrag zu schließen, ist Teil der grundrechtlich garantierten Vertragsfreiheit. Es fragt sich, inwieweit die Gerichte berechtigt und gegebenenfalls verpflichtet sind, den Inhalt von Eheverträgen zu kontrollieren und zu korrigieren, die zwei geschäftsfähige und gleichberechtigte Ehepartner im Rahmen der Vertragsfreiheit miteinander abgeschlossen haben. Bis zu der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom fand eine gerichtliche Kontrolle des Inhalts von Eheverträgen nur in wenigen Ausnahmefällen statt. Selbst Eheverträge, von deren Abschluss ausdrücklich die Eheschließung abhängig gemacht worden war, wurden von der Rechtsprechung akzeptiert. Niemand sei verpflichtet, eine Ehe einzugehen. Daher sei es nicht zu beanstanden, wenn der Mann die Eheschließung von dem Ehevertrag abhängig mache. Die in den meisten solcher Fälle schwangere Frau habe durch die Eheschließung Vorteile, da ihre Position als Ehefrau rechtlich besser sei als die Position einer unverheirateten Mutter. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2001 hat nun diese fast unbegrenzte Freiheit zur Gestaltung von Eheverträgen aufgehoben. Der Bundesgerichtshof hat seither in mehreren Grundsatzentscheidungen die verfassungsgerichtlichen Vorgaben für die Praxis präzisiert. Das Bundesverfassungsgericht hatte sich in seinem Urteil mit einem Fall zu befassen, in dem eine schwangere Frau im Jahr 1976 unbedingt vor der Geburt des Kindes den Vater heiraten wollte und einen Ehevertrag abschloss, in dem sie weitgehend auf ihre gesetzlichen Ansprüche verzichtet hatte. Damals war die rechtliche und soziale Situation für unverheiratete Frauen und nichteheliche Kinder sehr viel schlechter als dies heute der Fall ist. Das Gericht nahm den Fall zum Anlass, sich grundsätzlich mit dem rechtlich zulässigen Inhalt von Eheverträgen auseinander zu setzen. Nach dem Grundsatz der Privatautonomie seien zwar Eheleute frei, auch die rechtlichen Regeln ihrer Ehe frei zu vereinbaren. Es seien jedoch Grenzen zu beachten. Die Freiheit zum Abschluss von Verträgen bedeute nicht gleichzeitig, dass man frei sei, den Verträgen jeden beliebigen Inhalt zu geben. Die Ehe sei eine gleichberechtigte Lebenspartnerschaft von Mann und Frau. Der Inhalt eines Ehevertrags müsse dies widerspiegeln. Die Selbstbe stimmung jedes Ehegatten dürfe sich durch den Vertrag nicht in eine Fremdbestimmung verkehren. Das sei jedoch dann anzunehmen, wenn der Vertrag einem Ehepartner einseitig Lasten auferlege und der Andere die Gestaltung des Vertragsinhalts einseitig dominiert habe. Bei einer solchen gestörten Vertragsparität müsse von den Gerichten der Inhalt des Ehevertrags auf seinen verfassungsrechtlichen Bestand überprüft und gegebenenfalls für unwirksam erklärt oder angepasst, also inhaltlich korrigiert werden.

11 Einer schwangeren Frau gesteht das Verfassungs gericht von vornherein eine strukturell dem Mann unterlegene Verhandlungsposition zu. Einer schwangeren Frau gesteht das Verfassungsgericht von vornherein eine strukturell dem Mann unterlegene Verhandlungsposition zu. Das Gericht leitet das aus der sozialen Position der Schwangeren ab, die vor die Frage gestellt sei, entweder den Status der ledigen Mutter oder die Eheschließung mit einem sie stark benachteiligenden Ehevertrag zu akzeptieren. Die Schwangerschaft bedeute für jede Frau einen existenziellen Umbruch in ihrem Leben. Die Situation nicht verheirateter Schwangerer sei jedoch auch heute noch besonders schwierig. Deshalb befinde sich die ledige Schwangere wegen ihrer Sorge auch um die Zukunft des Kindes und unter dem Druck der bevorstehenden Geburt typischerweise in einer dem Vertragspartner gegenüber weit unterlegenen Position. Der Bundesgerichtshof hat allerdings in späteren Entscheidungen festgestellt, dass die Schwangerschaft nur ein Indiz für eine unterlegene Verhandlungsposition ist. Der Ehevertrag ist also nicht schon deshalb unwirksam, weil die Frau schwanger ist. Es müssen vielmehr noch weitere Nachteile hinzukommen. Weitere Indizien für eine gestörte Vertragsparität leitet das Verfassungsgericht aus einer Gesamtabwägung des Inhalts der Vereinbarung mit der familiären Konstellation der Eheleute ab. Das heißt, planen oder praktizieren die Eheleute eine Ehe, in der jeder seinem Beruf nachgeht und die Aufgaben der Haus- und Familienarbeit geteilt sind, dann besteht eine sehr viel weitere Vertragsgestaltungsfreiheit als bei einer Ehe, die von vornherein als Hausfrauenehe geplant ist. Frauen, die ihre Berufstätigkeit zugunsten von Familienarbeit aufgeben, bedürfen also eines weitergehenden Schutzes vor der ehevertraglich vereinbarten Aufgabe von gesetzlichen Ansprüchen als im Beruf stehende Frauen. Letztlich soll der Inhalt eines Ehevertrags nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts auch aus dem Gesichtspunkt des Kindeswohls Grenzen haben. In einer weiteren Entscheidung hat das Verfassungsgericht dargelegt, wie eine gerechte Aufteilung dessen auszusehen hat, was während der Ehe von den Ehegatten erworben wird. Das Gericht spricht von gleichwertigen Leistungen der Ehegatten für die eheliche Gemeinschaft, gleichgültig ob ein Partner den Haushalt führt oder einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Deshalb haben beide Ehegatten grundsätzlich auch Anspruch auf gleiche Teilhabe am gemeinsam Erwirtschafteten, das ihnen zu gleichen Teilen zuzuordnen ist. Dies gilt nicht nur für die Zeit des Bestehens der Ehe, sondern entfaltet seine Wirkung auch nach Trennung und Scheidung der Ehegatten auf deren Beziehung hinsichtlich Unterhalt, Versorgung und Aufteilung des gemeinsamen Vermögens. 11

12 Zum besonders geschützten Kernbereich gehört in erster Llinie der Ehegattenunterhalt wegen der Betreuung gemeinsamer Kinder und in zweiter Linie der Alters- und Krankenvorsorgeunterhalt. 12 Dadurch hat das Verfassungsgericht noch einmal bekräftigt, dass die Werte, die während der Ehe gleich von wem, gleich wodurch und gleich wofür erwirtschaftet werden, beiden Ehegatten hälftig zustehen. Jede ehevertragliche Vereinbarung, die von dieser Halbteilung wesentlich abweicht, trägt das Risiko der unangemessenen Benachteiligung in sich, wenn nicht Gründe vorliegen, die die Abweichung rechtfertigen können. Solche Eheverträge können also unwirksam sein. Die schwierige Abwägungsfrage ist also: wann schlägt die grundrechtlich verbriefte Freiheit, abweichend vom Gesetz eigene Regeln für die wirtschaftlichen Folgen der Ehe zu vereinbaren, in Sittenwidrigkeit um. Das wird stets nur eine umfassende Prüfung des konkreten Einzelfalls sagen können. Nicht jede Abweichung vom Gesetz führt zur Unwirksamkeit des Ehevertrags. Der Bundesgerichtshof hat in seinen Grundsatzentscheidungen betont, dass der Zweck des Gesetzes (Schutz des schwächeren Partners) nicht beliebig unterlaufen werden darf. Die Grenze zwischen der Vertragsfreiheit und einer Verletzung des Schutzgedankens sei dort zu ziehen, wo die in dem Ehevertrag vereinbarte Lastenverteilung der konkreten Gestaltung der Lebensverhältnisse in keiner Weise mehr gerecht wird, weil sie offenkundig einseitig ist und für den belasteten Ehegatten unzumutbar erscheint. Um eine praktikable Grundlage für diese schwierigen Entscheidungen zu schaffen, hat der Bundesgerichtshof die wirtschaftlichen Folgen der Ehe bewertet und gewichtet. Er hat einen besonders geschützten Kernbereich definiert, in den nicht, jedenfalls nicht ohne angemessene Kompensation, eingegriffen werden darf. Außerhalb des Kernbereichs gibt es noch Abstufungen. Je tiefer der Bundesgerichtshof eine Rechtsfolge der Ehe in diesem Ranking ansetzt, desto größer ist die Freiheit der Ehegatten, vom Gesetz abweichende Regelungen zu vereinbaren. Geschützter Kernbereich Der Bundesgerichtshof hat den besonders geschützten Kernbereich definiert: In erster Linie gehört dazu der Ehegattenunterhalt wegen der Betreuung gemeinsamer Kinder und in zweiter Linie der Alters- und Krankenvorsorgeunterhalt. Diese Ansprüche hätten bei der Beurteilung Vorrang vor den übrigen Unterhaltsansprüchen, die das Gesetz kennt. Ebenfalls zum besonders geschützten Kernbereich gehört der Versorgungsausgleich, also die hälftige Aufteilung der in der Ehe erworbenen Ansprüche auf Altersversorgung. Der Versorgungsausgleich ist gleichermaßen schützenswert wie der Anspruch auf Altersunterhalt und kann daher nicht uneingeschränkt ausgeschlossen werden.

13 Die einzelnen Ehefolgen kann man wie folgt abstufen in ihrer Bedeutung: 1.Unterhalt wegen Kindesbetreuung ( 1570 BGB) 2.Alters- und Krankheitsunterhalt ( 1571, 1572 BGB), Versorgungsausgleich 3.Unterhalt wegen Erwerbslosigkeit ( 1573 Abs. 1 BGB) 4.Aufstockungs- und Ausbildungsunterhalt ( 1573 Abs. 2, 1575 BGB) 5.Güterrechtliche Vereinbarungen (Zugewinnausgleich) Eingriffe in die ersten beiden oben genannten Gruppen der Rechtsfolgen der Ehe sind immer risikoreich, weil hier der besonders geschützte Kernbereich betroffen ist. Ein Ehevertrag, der in diesen Bereichen Verzichtsregelungen ohne eine angemessene Kompensation vorsieht, wird nicht wirksam sein. Am weitesten ist der Bereich des Vermögens, also der güterrechtliche Bereich für individuelle ehevertragliche Absprachen offen. Die Vereinbarung der Gütertrennung allein also macht einen Ehevertrag nicht unwirksam. Das Gesetz sieht diesen Güterstand sogar ausdrücklich als mögliche Rechtsform für die Ehe vor. 13 Die Bedeutung des Anspruchs auf Krankenvorsorge und Altersvorsorgeunterhalt also Beiträge zur Krankenversicherung und Altersversorgung hatte der Bundesgerichtshof zunächst an die vierte Stelle des Rankings gesetzt. Er hat später geurteilt, dass die Bedeutung dieser Zusatzansprüche sich jeweils nach der Bedeutung des Hauptanspruchs richtet. Wird also in der Zeit der Kinderbetreuung auch Krankenvorsorge und Altersvorsorgeunterhalt verlangt, dann stehen diese Ansprüche ebenfalls auf dem ersten Rang, sind also besonders geschützt. Diese Abhängigkeit von der Bedeutung des Grundanspruchs ergibt sich daraus, dass die Zusatzansprüche unselbstständig sind. Sie sind also immer davon abhängig, dass ein allgemeiner Unterhaltsanspruch besteht. Am weitesten ist der Bereich des Vermögens, also der güterrechtliche Bereich für individuelle ehevertragliche Absprachen offen.

14 Die neue Rechtsprechung bietet eine große Chance für all die Frauen, die in der Vergangenheit Eheverträge abgeschlossen haben, in denen sie weitgehend auf Rechte verzichtet haben. 14 Ob ein Ehevertrag wegen der Verletzung des geschützten Kernbereichs sittenwidrig und daher unwirksam ist, muss der Richter prüfen, wobei er auf die Verhältnisse zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses abzustellen hat. Dabei müssen sämtliche individuellen Verhältnisse der Ehegatten gewürdigt werden, insbesondere also die Einkommens- und Vermögensverhältnisse und die geplante oder bereits verwirklichte Lebenssituation. Zu bewerten ist also, ob nur ein Ehegatte Einkommen und/oder Vermögen hat, ob gemeinsame Kinder geplant sind, wer die Kinder betreuen soll, wer seine Erwerbstätigkeit zugunsten der Familie einschränkt oder aufgibt und so weiter. Werden durch den Vertrag Ansprüche aus dem geschützten Kernbereich ganz oder jedenfalls zu erheblichen Teilen ausgeschlossen, ohne dass dieser Nachteil durch anderweitige Vorteile kompensiert oder wegen der konkreten Lebensverhältnisse der Ehegatten gerechtfertigt ist, ist der Vertrag sittenwidrig und damit unwirksam. Es gelten dann wieder die gesetzlichen Regelungen, so als ob es den Vertrag nie gegeben hätte. Möglich ist auch, dass der Vertrag zum Zeitpunkt des Abschlusses nicht sittenwidrig war, aber sich die Lebensverhältnisse danach wesentlich geändert haben. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn die Ehe als kinderlos geplant war und beide Eheleute voll erwerbstätig bleiben wollten. Bei einer solchen Lebensplanung ist nach wie vor der Verzicht auch auf wesentliche Ansprüche möglich, weil der geschützte Kernbereich bei einer solchen Lebensplanung enger ist. Kommen dann entgegen der ursprünglichen Lebensplanung Kinder und gibt ein Ehegatte seine Berufstätigkeit zugunsten der Familie und Kinderbetreuung auf, so stellt sich eine Situation ein, in der die zunächst wirksam vereinbarten Anspruchsverzichte in den nunmehr sehr viel weiteren geschützten Kernbereich eingreifen. Diese Eheverträge bleiben wirksam. Die Gerichte nehmen jedoch eine sogenannte Ausübungskontrolle vor. Das bedeutet, dass festgestellt wird, in wieweit sich der durch den Vertrag begünstigte Ehepartner wegen der geänderten Verhältnisse noch auf die Regelungen des Vertrags berufen darf. Es ist rechtsmissbräuchlich, sich auf eine Vertragsklausel zu berufen, deren Grundlagen entfallen sind. In einem solchen Fall greifen nicht die gesetzlichen Regeln ein, sondern die Gerichte haben anzuordnen, welche Rechtsfolgen den berechtigten Belangen beider Ehepartner aufgrund der geänderten Situation gerecht wird. Der Vertrag wird also lediglich in seinen problematischen Klauseln angepasst und verbessert, im Übrigen bleibt er bestehen. Der Unterschied zwischen den beiden Kontrollmöglichkeiten von Eheverträgen durch die Ge-

15 richte ist erheblich: Liegen bereits zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses evidente Eingriffe in den geschützten Kernbereich vor, dann ist der Vertrag von Anfang an unwirksam und es gelten insgesamt die gesetzlichen Regelungen. Werden Vertragsklauseln erst später wegen Änderung der Lebensverhältnisse unbillig, dann gibt es lediglich eine inhaltliche Korrektur des Vertrags, soweit er unangemessen ist. Diese Teilkorrektur durch das Gericht führt zu Regelungen, die unterhalb der gesetzlichen Ansprüche liegen, weil nur die Unangemessenheit zu beseitigen ist, aber nicht der volle gesetzliche Anspruch wieder hergestellt werden muss. Im Übrigen aber bleibt der Vertrag bestehen. Die Vereinbarung des Ausschlusses einer Vermögensaufteilung, also den Ausschluss des Zugewinnausgleichs, hält der Bundesgerichtshof für sich allein genommen für zulässig, weil die Eheleute den Güterstand der Gütertrennung vereinbaren dürfen. Die sprachliche Einschränkung dieses Grundsatzes weist jedoch darauf hin, dass der Bundesgerichtshof durchaus auch den Ausschluss des Zugewinnausgleichs für problematisch ansieht, wenn er mit anderen wesentlichen Verzichtsregelungen verbunden ist. Die neue Rechtsprechung bietet eine große Chance für all die Frauen, die in der Vergangenheit Eheverträge abgeschlossen haben, in denen sie weitgehend auf Rechte verzichtet haben (= nicht gerechtfertigter wesentlicher Verstoß gegen den Halbteilungsgrundsatz). Hier ergibt sich also die Möglichkeit, die Vertragsinhalte neu zu verhandeln (auch ohne, dass es zu Trennung oder Scheidung kommt) oder im Fall der Ehescheidung Ansprüche geltend zu machen mit Hinweis auf die Sittenwidrigkeit und Unwirksamkeit des Ehevertrags beziehungsweise auf die Notwendigkeit unangemessen gewordene Klauseln zu korrigieren. 15 Durch die neue Rechtsprechung ergibt sich die Möglichkeit, die Vertragsinhalte neu zu verhandeln.

16 4 Was heißt hier Trennung? 16 Eine Ehekrise kommt nicht von heute auf morgen. Sie kündigt sich durch viele kleine Auseinandersetzungen in der Partnerschaft an. Vielleicht ist es dann noch möglich, durch Aussprachen mitein - ander oder mit Hilfe von Ehetherapeutinnen und Ehetherapeuten die Krise zu bewältigen. Die Trennung sollte der letzte, wohlüberlegte Schritt sein. Die persönlichen und juristischen Folgen einer Trennung sind so weitreichend, dass man sie nicht leichthin als Mittel der Eheauseinandersetzung benutzen sollte. Drohen Sie also Ihrem Partner in der Auseinandersetzung nicht mit der Trennung, wenn Sie sie gar nicht wollen. Wenn Ihnen aber klar ist, dass die Ehe nicht mehr zu retten ist, dann sollten Sie die Trennung vollziehen. Nur dann nämlich, wenn Sie von Ihrem Ehemann im Rechtssinne getrennt leben, greifen die gesetzlichen Vorschriften des Familienrechts ein, nach denen notfalls das Gericht für Sie den Unterhalt, die Sorgerechtsfrage, die Zuweisung von Wohnung und Hausrat regeln und Sie scheiden kann. Auch das Steuerrecht knüpft an den Tatbestand der Trennung an bei der Frage, welche Steuerklasse die Eheleute nutzen müssen. Diese Einzelfragen werden in den entsprechenden Kapiteln abgehandelt. Hier soll es zunächst nur darum gehen, was unter Trennung überhaupt zu verstehen ist. Das Gesetz spricht von der Aufhebung der häuslichen Gemeinschaft sowie dem nach außen erkennbaren Willen, die eheliche Gemeinschaft nicht mehr herstellen zu wollen. Das heißt, die räumliche Trennung des Ehepaares allein reicht nicht aus. Eine längere berufliche Abwesenheit, getrennte Urlaube oder gar das Absitzen einer Haftstrafe stellen noch keine Trennung im Sinne der Vorschriften des Familienrechts dar. Trennung Trennung bedeutet nicht nur die vollständige Aufhebung der wirtschaftlichen und sexuellen Lebensgemeinschaft (Trennung von Tisch und Bett), sondern auch die deutliche Erklärung an den Ehepartner, dass Sie mit ihm nicht weiter zusammenleben wollen. In der juristischen Praxis ist der Zeitpunkt der Trennung von erheblicher Bedeutung. Da es sich aber um einen Vorgang aus dem innersten und privatesten Familienleben handelt, ergeben sich nicht selten Beweisschwierigkeiten. Ein Beispiel: Frau Klar hat sich von ihrem Ehemann getrennt. Weil sie noch keine eigene Wohnung gefunden hat, ist sie zum Schlafen ins Wohnzimmer gezogen. Sie versorgt den Ehemann nicht mehr, kauft also nicht für ihn ein, kocht, wäscht und bügelt nicht für ihn.

17 Herr Klar denkt nicht daran, Unterhalt zu zahlen. Von Scheidung will er schon gar nichts wissen. Es kommt zum Verfahren vor dem Familiengericht. Herr Klar erklärt dem Richter, von Trennung könne gar keine Rede sein. Noch am Vortag habe seine Frau für ihn sein Lieblingsessen gekocht, seine Oberhemden seien dank der Bügelkünste der Ehefrau sein ganzer Stolz und als Kavalier wolle er von anderen Dingen gar nicht reden... Der oft gelesene Ratschlag, dem Ehemann einen Brief zu schreiben, in dem die Trennungsabsicht dargelegt wird, hilft nicht immer weiter. Der Brief ist im Verfahren kein Beweis dafür, dass die Trennungsabsicht später auch tatsächlich eingehalten worden ist! Trotzdem: Bevor Sie nichts unternehmen, sollten Sie einen solchen Brief verfassen. Vielleicht hilft er, dass Ihr Partner die Trennung akzeptiert und sie nicht abstreitet. 17 Wenn Frau Klar nicht beweisen kann, dass es doch zu einer Trennung gekommen ist, wird sie das Verfahren verlieren. Ihre eigene Aussage allein reicht als Beweismittel nicht aus. Dieser Fall zeigt, wie wesentlich es ist, die Tatsache und den Zeitpunkt der Trennung beweisen zu können. Kommt es zu einer räumlichen Trennung durch Auszug der Frau oder des Mannes aus der Wohnung, ergeben sich kaum Beweisschwierigkeiten. Spätestens mit dem Auszug ist die Trennung offensichtlich. Auf den Zeitpunkt der Ummeldung beim Einwohnermeldeamt kommt es nicht an, sondern auf den Tag der tatsächlichen Aufhebung der Lebensgemeinschaft. Insbesondere also, wenn die Trennung innerhalb der Wohnung vollzogen wird, tauchen die Beweisprobleme auf. Das gilt aber auch dann, wenn nach einer Trennung die Eheleute zeitweise wieder zusammen sind, zusammen verreisen oder wegen der Kinder gemeinsame Unternehmungen machen. Hallo Franz, ich halte unsere Beziehung für ge - s cheitert und werde ab sofort von dir getrennt leben. Solange wir noch in einer Wohnung leben, werd e ich das Wo hnzimmer für mich alleine nutzen. Bitte bleibe du im Schlafzimmer. Ab sofort musst du für dich selber sorgen. Ich werd e für dich keine Ha us- Bitte akzeptiere meine haltsarbeiten mehr leisten. Entscheidung.

18 5 Wie werde ich geschieden? 18 Nicht selten versuchen Paare eine Versöhnung und ziehen wieder eine Zeitlang zusammen. Ebenso häufig scheitern diese Versuche. Man trennt sich erneut. Das Gesetz ist grundsätzlich ehefreundlich. Das heißt, den Eheleuten soll es nicht erschwert werden, einen Versöhnungsversuch zu wagen. Deshalb unterbricht ein kurzfristiges Zusammenziehen bis zu drei Monaten nicht das Trennungsjahr. Kommt es allerdings zu einer längeren Versöhnungsdauer, dann muss nach der Rechtsprechung erneut ein volles Trennungsjahr eingehalten werden, bevor die Scheidung vom Gericht ausgesprochen werden darf. Die Scheidung beendet die juristische Gemeinschaft Ehe. Früher, also bis ins Jahr 1977, galt für die Ehescheidung das sogenannte Schuldprinzip. Das Gericht musste also feststellen, welcher Partner die Ehescheidung verschuldet hatte. An das Verschulden waren negative Konsequenzen für Unterhalt und Sorgerecht geknüpft. Deshalb wurde damals heftig vor Gericht über die Gründe für das Scheitern der Ehe gestritten. Heute gilt das sogenannte Zerrüttungsprinzip. Das Gericht stellt nur noch fest, dass die Ehe gescheitert ist. Es kommt nicht darauf an, weshalb sie gescheitert ist. Das Scheitern der Ehe ist heute nur ganz selten zwischen den Eheleuten umstritten. Nach einer längeren Trennung wollen letztendlich beide Beteiligten geschieden werden. Strittig sind die wirtschaftlichen und sonstigen Folgen der Scheidung, also Unterhalt, Sorgerecht und so weiter. Wenn also versucht wird, die Scheidung zu verzögern oder zu verhindern, dann hat dies meist allein taktische Gründe. In den seltensten Fällen steht dahinter der wirkliche Wunsch, die Ehe fortzuführen. Nicht selten versuchen Paare eine Versöhnung und ziehen wieder eine Zeitlang zusammen. Ebenso häufig scheitern diese Versuche. Man trennt sich erneut. Das Gesetz sieht vor, dass die Ehe durch das Familiengericht geschieden werden kann, wenn sie gescheitert ist. Gescheitert ist eine Ehe, wenn die Lebensgemeinschaft der Eheleute nicht mehr besteht (Trennung in der Vergangenheit) und nicht mehr erwartet werden kann, dass die Ehegatten die Lebensgemeinschaft wieder aufnehmen werden (negative Prognose für die Zukunft).

19 Heute gilt das sogenannte Zerrüttungsprinzip. Das Gericht stellt nur noch fest, dass die Ehe gescheitert ist. Es kommt nicht darauf an, weshalb sie gescheitert ist. Das Gericht prüft im Ehescheidungsverfahren lediglich, ob die beiden oben genannten Voraussetzungen vorliegen. Eine Trennungsschuld ( böswilliges Verlassen ) gibt es also nicht mehr. Um den Gerichten die Prüfung zu erleichtern und die Scheidungsverfahren möglichst nicht mit höchstpersönlichen Detailerörterungen zu belasten, sieht das Gesetz in bestimmten Fällen sogenannte Zerrüttungsvermutungen vor. Liegen die Voraussetzungen für eine solche gesetzliche Vermutung vor, dann dürfen die Richterin oder der Richter die Scheidung der Ehe nicht verweigern. Die Ehe muss geschieden werden. 19 Eine solche unwiderlegbare Zerrüttungsvermutung ist gegeben, wenn Ehefrau und Ehemann die Scheidung wollen und ein Trennungsjahr vorbei ist. Ebenfalls ist die Zerrüttung der Ehe vom Gericht zu unterstellen, wenn nur einer der Ehegatten geschieden werden will, aber die Trennung schon länger als drei Jahre andauert. Kommt das Gericht im Scheidungsverfahren schon vor Ablauf der drei Trennungsjahre zu der Überzeugung, dass die Ehe objektiv gescheitert ist, dann muss es die Scheidung aussprechen, auch wenn ein Ehegatte widerspricht. Und ein Scheitern ist in aller Regel anzunehmen, wenn entweder die Ehefrau oder der Ehemann nachdrücklich bestätigt, auf keinen Fall in die eheliche Lebensgemeinschaft zurückkehren zu wollen. Deshalb sollte man sich nicht auf den Gedanken fixieren, die Scheidung drei Jahre lang hinauszögern zu können. Bedenken Sie auch, mit wie viel psychischem Stress ein sich über Jahre hinziehender Prozess verbunden ist. Die Kraft und Energie, die Sie dafür aufbringen müssen, sollten Sie nutzen, um die Trennung zu verarbeiten und sich auf Ihr neues Leben zu konzentrieren. Kämpfen Sie also nicht darum, die Scheidung juristisch zu verhindern. Einen solchen Kampf werden Sie auf Dauer verlieren. Beschränken Sie Ihre Kraft auf die Klärung der wichtigen Probleme, nämlich vor allem die Sicherung Ihrer wirtschaftlichen Existenz.

20 6 Bekomme ich Unterhalt? 6.1 Setzen Sie Ihren Mann in Verzug 20 Unterhalt gleichgültig, ob Ehegatten- oder Kindesunterhalt wird grundsätzlich nur für die Zukunft geschuldet. Für die Vergangenheit kann also eigentlich Unterhalt nicht (mehr) geltend gemacht werden. Die wichtigste Frage nach einer Trennung lautet stets: Wie viel Unterhalt bekomme ich für mich und die Kinder? Die genaue Berechnung der Höhe des Ehegattenund Kindesunterhaltes sollte juristischen Fachleuten vorbehalten bleiben. Die Probleme im Unterhaltsrecht sind zu kompliziert, um deren Klärung dem laienhaften Rat von Freundinnen und Freunden, Verwandten und sonstigen nicht speziell familienrechtlich ausgebildeten Beraterinnen und Beratern zu überlassen. Bedenken Sie, dass jede falsche Berechnung Ihrer Unterhaltsansprüche finanzielle Auswirkungen für viele Jahre haben kann. Die nachfolgenden Erläuterungen können eine fachkundige Beratung nicht ersetzen. Sie sollen Ihnen lediglich Hinweise und Anregungen geben. Nur dann kann auch zu einem späteren Zeitpunkt rückwirkend Unterhalt verlangt werden, wenn Sie Ihre Forderungen bei dem zahlungspflichtigen Partner geltend gemacht haben. Man muss den Ehemann also wie die Juristen sagen in Verzug setzen. Ist dies geschehen, kann der Unterhalt später in einem Verfahren ab Eintritt der Verzugswirkung, also dann auch rückwirkend verlangt werden. Nun haben die Gerichte an einen solchen Verzugseintritt eine Reihe von Voraussetzungen geknüpft, die unbedingt beachtet werden müssen. Sie müssen nachweisen, dass Ihr Ehemann von Ihnen tatsächlich in Verzug gesetzt worden ist. Es reicht also nicht aus, dass Sie den Ehemann mündlich oder telefonisch auffordern, Unterhalt zu zahlen. Die Aufforderung sollte schriftlich und zwar per Einschreiben/Rückschein erfolgen, damit Sie im Streitfall nachweisen können, dass das Schreiben auch bei Ihrem Ehemann angekommen ist. Sie müssen Ihre Unterhaltsforderungen konkret beziffern. Es reicht nicht aus, einfach nur den mir zustehenden Unterhalt anzumahnen. Die Höhe Ihrer Forderung muss ganz genau angegeben werden. Das gilt auch für den Kindesunterhalt.

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