Jahresbericht Ich könnte wieder besser atmen. Leben mit Schulden Fakten, Zahlen, Massnahmen

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1 Jahresbericht 2005 Ich könnte wieder besser atmen Leben mit Schulden Fakten, Zahlen, Massnahmen

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3 Jahresbericht 2005 des Co-Präsidiums Im letzten Vereinsjahr hat sich der Vorstand zu sieben Vorstandssitzungen getroffen. Auch im vergangenen Jahr wurde zusätzlich in Untergruppen gearbeitet und einmal mehr hat uns die Finanzbeschaffung beschäftigt. Wir möchten an dieser Stelle unseren Geldgebern, dem Kanton Luzern, den Gemeinden welche dem Beitragsfond für fördernde Sozialhilfe (BFFS) angeschlossen sind, für die finanzielle Unterstützung herzlich danken. Ein grosser Dank geht an die katholische und reformierte Landeskirche, diese haben uns wiederkehrend mit grosszügigen Beiträgen unterstützt. Im Juni konnten wir im Rathaus von der Stiftung Luzerner helfen Luzernern Fr. 10' entgegennehmen. Dazu kommen Spenden von Vereinen, Organisationen und Einzelpersonen. Auf diese sind wir angewiesen, da die Unterstützung von der öffentlichen Hand alleine die Ausgaben nicht decken würde. Es zeigte sich schon seit einiger Zeit, dass die Stelle erweitert werden muss. Mit dem 75%- Arbeitspensum kam der Stellenleiter bald an seine Kapazitätsgrenze, immer mehr Ratsuchende mussten abgewiesen werden. Im November haben wir eine Sekretariatsstelle ausgeschrieben und auf konnte Frau Loekie Wyss mit einem 25%-Pensum angestellt werden. Mit dieser Anstellung kann auch die Stellvertretung von Charly Gmür sichergestellt werden. Auch 2005 konnte mit Geld aus dem Fonds-de-Roulement verschiedenen Personen und Familien eine Schuldensanierung ermöglicht werden. Um aus dem Fonds ein zinsloses Darlehen zu bekommen, sind die Antragsstellenden an ein Reglement gebunden. Das Geld muss in vertraglich geregelten Raten an den Fonds zurückbezahlt werden.

4 Das Hauptthema des Jahresberichtes ist dem Thema Leben mit Schulden gewidmet. In der Beratung zeigt sich immer mehr, dass die finanzielle Situation von vielen Menschen nicht verbessert werden kann. Die Leute müssen mit Schulden leben lernen. Auf den folgenden Seiten lesen Sie, warum nicht bei allen Ratsuchenden die Schulden saniert werden können und was es heisst, mit Schulden zu leben. Luzern im April 2006 Margaretha Reichlin, Andreas Schacher Vorstandsmitglieder Britschgi-Jakober Maria Sozialvorsteherin Budliger Armin Betreibungsbeamter / Sachwalter Hermann ** Rita Budgetberaterin Schacher * Andreas Lic. iur. / Sozialamt Sörensen Birte Dipl. Sozialarbeiterin FH Reichlin * Margaretha Friedensrichterin Suter Linus Lic. iur. / Sachwalter Thalmann Regula Dipl. Sozialarbeiterin FH * = Co-Präsidium ** = Kassierin

5 Jahresbericht der Fachstelle Der Abschied vom gewohnten Alltag Leben mit Schulden bedeutet eine grosse Belastung psychisch und physisch und mit enormen Auswirkungen auf den Alltag, welcher nicht mehr alltäglich ist. Leben mit Schulden bedeutet, mit einem Existenzminimum leben zu müssen. Auto, Ferien, Handy etc. gehören der Vergangenheit an. Fast alle Klienten äussern gesundheitliche Phänomene, welche auf Störungen im vegetativen Bereich hinweisen (Schlaf- und Essstörungen, Depressionen, Magenbeschwerden usw.) Stark belastet von Schulden sind die Frauen, welche für den täglichen Einkauf besorgt sein müssen und täglich mit notwendigen Ausgaben und finanziellen Wünschen der Kinder konfrontiert wird. Leidtragende sind die Kinder: Musikschule, Sportvereine, Lager, Schulausflug, Studium werden zur unüberbrückbaren finanziellen Herausforderung, denn diese Kosten müssten aus dem Existenzminimum bezahlt werden.

6 Ich schäme mich Besser atmen Fast alle unsere Klienten erleben Phasen, in denen sie die Post gar nicht mehr öffnen. Wieso soll ich sie öffnen, ich weiss ja, dass ich es nicht bezahlen kann. Die Konfrontation mit der Realität beim Öffnen wird als bedrohend erlebt. Ich schäme mich, ich werde wütend, ich weine. Fakt ist: Einen emotionslosen Umgang mit Schulden erleben wir praktisch nie. Was wäre morgen anders, wenn eine Fee Ihre Schulden heute Nacht wegzaubern würde? Die meisten Klienten äussern, dass sie dann wieder besser atmen könnten. Auf einer Skala zwischen 1 (sehr schlecht) und 10 (sehr gut) bezeichnen die meisten Klienten ihre Befindlichkeit mit 3 bis 4 20 % der Fälle 1 oder 2. Quelle: Befragungen nach der Befindlichkeit der Klienten bei der Fachstelle für Schuldenfragen.

7 Tabuthema Schulden oder: Vom König zum Bettler Mit Schulden leben heisst mit einem Makel leben. Deshalb wird darüber nicht geredet. Oft endet die Freiheit des Konsums mit der Unfreiheit der Pfändung. Selbst sehr enge Familienangehörige ahnen oft nur, dass Probleme vorhanden sind, kennen jedoch das Ausmass nicht. Eine 25-jährige Frau hat rund. 70'000 Franken Schulden und stand kurz vor der Pfändung. Weder ihr Freund, mit dem sie zusammenwohnt noch ihre Familie weiss um die Situation. Speziell erkennbar ist diese Tabuisierung bei sehr jungen Paaren und bei Konkubinatspaaren sowie bei Personen mit einem hohen Status. Je höher das Einkommen war, desto höher sind auch die Schulden.

8 50'000 Franken Schulden 800'000 Kredite Die durchschnittliche Verschuldung bei unseren Klienten beträgt rund 50'000 Franken. Nur in den seltensten Fällen wäre es überhaupt möglich, innerhalb von drei Jahren diese Summe zu sparen.* Demzufolge werden auch die Pfändungen während Jahren oder Jahrzehnten weitergehen während dieser Zeit ist sämtliches Einkommen, welches erarbeitet wird und über dem Existenzminimum liegt, gepfändet. Die Motivation zur Arbeit sinkt sehr oft, denn monitäre Anreize liegen kaum mehr vor. * Drei Jahre mit dem erweiterten Existenzminimum zu leben, um so Schulden zu bezahlen, erachten wir als zumutbar. In der Schweiz gab es Ende '903 Konsumkredite mit einem Betrag von 6,5 Mia. Franken* 461'943 Leasingverträge mit einem Betrag von 6,9 Mio. Franken* Ohne Schulden würden ganze Branchen stillstehen: Insbesondere in der Auto-, Kommunikationsund Unterhaltungsbranche sind Konsumkredite alltäglich geworden. Genau wie der Konsument mittels Schulden den Konsumballon aufbläst (bis er mit der Pfändung platzt) genauso bläst die Wirtschaft mit den Krediten den Ballon Konsum auf. * Quelle: ZEK (schweiz. Meldezentrale für Bonitätsinformationen aus Kreditgeschäften der privaten Haushalte.

9 Fakten, Zahlen, Massnahmen Beratungen 2005 Im vergangenen Jahr hatten wir mit unseren Klienten fast 300 Beratungen durchgeführt. Jahr 2005 Kurzberatungen Beratungen Klienten Beratungen Sozialtätige Beratungen Drittpersonen Bei rund der Hälfte aller 298 Kontaktaufnahmen erlaubte die Situation keine andere Lösung, als sich (weiterhin) betreiben zu lassen. Gründe: Ein Ende des Bezugs von wirtschaftlicher Sozialhilfe zeichnet sich nicht ab Es waren bereits viele Einkommenspfändungen im Gange (davon auch laufend neue Pfändungen), Eine Sanierungsquote zeichnet sich nicht ab (d.h., dass das durch die laufenden Steuern erweiterte Existenzminimum nicht erreicht wird) Drohende Aussteuerung bei arbeitslosen Personen oder Kein pfändbares Einkommen.

10 Chancen auf Sanierung Im vergangenen Jahr bestand bei 63 Personen eine gewisse Chance für eine Sanierung. Dies erforderte entsprechende längere und aufwändigere Abklärungen. Nach den entsprechenden Abklärungen zeigte sich, dass bei 28 Personen (11 % aller direkten Kontaktaufnahmen) eine Sanierung geplant werden kann - sei dies mit oder ohne Erlass. Dabei war jedoch noch nicht klar, ob die Sanierung dann in der Praxis auch gelingt. Bei 13 Personen haben wir die Abgabe einer Insolvenzerklärung (Privatkonkurs) empfohlen und den Rückkauf der Verlustscheine vorbereitet Sanierung vorstellbar Leben mit Schulden

11 Die Einkommenspfändung Nur in den seltensten Fällen verfügen unsere Klienten über pfändbares Vermögen, so dass eine Einkommenspfändung unvermeidbar wird. Bei knappen finanziellen Ressourcen muss dringend ein detailliertes Haushaltbudget erarbeitet werden, welches auf das Existenzminimum ausgerichtet ist. Dabei sind folgende Besonderheiten zu berücksichtigen: Die Bezahlung der laufenden Steuern ist im Existenzminimum nicht vorgesehen. Das Steueramt hat bei massiven Überschuldungen keine andere Möglichkeit, als ebenfalls eine Betreibung einzuleiten. Wenn diese dann nach zwei Jahren mit einem Verlustschein endet, gehen die Steuern dieser zwei Jahre wieder in Betreibung. Aus dem Existenzminimum müssen auch folgende Kosten bezahlt werden: Musikschule der Kinder, Sportvereine, Lager, allfällige Zusatzversicherungen, Schulausflug usw. Rückzahlungen von alten Schulden sind meist nicht mehr möglich, da die Klienten unter das Existenzminimum fallen würden. Gleichwohl müssen bestimmte Schulden an die Hand genommen werden (unter Umständen mit kleinsten Raten), damit grösserer Schaden vermieden werden kann (z.b. Umwandlung von Bussen in Haft, Kündigung der Wohnung).

12 Weitere Massnahmen unserer Stelle - Während den Verhandlungen mit den Hauptgläubigern erfolgt oft eine Stundung. Während dieser Zeit müssen die dringendsten laufenden Zahlungsrückstände (Krankenkassenprämien, Strom etc.) bezahlt werden, so dass bei Pfändungsbeginn diesbezüglich möglichst keine Rückstände mehr vorhanden sind. - Die Familie muss über Rechte und Pflichten informiert und auch über die Rolle/Funktion des Betreibungsamtes aufgeklärt werden. - Gläubiger (insbesondere Inkassobüros) setzen oft massiven Druck auf die Schuldner aus und stellen oft Kosten in Rechnung, welche nach Gesetz gar nicht geschuldet sind (z.b. Verzugskosten). Die Klienten müssen darauf vorbereitet werden und erhalten konkrete Handlungsempfehlungen. - Die geduldigen Gläubiger sollen nicht dadurch schlechter gestellt werden, wenn sie Geduld zeigten. Scheitert eine Sanierung, so müssen sie über die Notwendigkeit der Pfändung informiert werden.

13 Schlussbemerkungen Die Zahlen zeigen, dass das Thema Leben mit Schulden ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit ist. Für den Staat ist diese Tätigkeit jedoch oft nicht finanziell ertragreich, denn die Steuern können trotz unserer Beratung nicht bezahlt werden. Dazu ist zu erwähnen, dass die Klienten selbst die Aufwendungen für die Fachstelle nicht bezahlen können, denn sie haben ja kein Geld mehr. Gleichzeitig ist diese Betreuung sehr aufwändig, mit viel Kleinarbeit und oft ohne direkte finanzielle Erfolge. Der Erfolg ist jedoch spürbar bei der Befindlichkeit des Klienten und dessen Umfeld und führt dann dazu, dass weniger Leiden vorhanden ist, weniger Krankheit und weniger Trennungen. Und damit leistet die Fachstelle eine wesentliche Arbeit für den Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Wir danken allen, welche uns bei diesem Engagement für Menschen, welche nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, unterstützen. Weitere Informationen sowie Zahlen und Fakten:

14 Rechnung 2005 Fachstelle Auch im vergangenen Jahr konnte die Rechnung nur dank haushälterischem Umgang mit den Finanzmitteln im Gleichgewicht gehalten werden. Erstmals konnten durch Kostenbeteiligungen von Klienten zusätzliche Einnahmen der Rechnung gutgeschrieben werden. Die unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit unseres Stellenleiters Charly Gmür hat dazu geführt, dass durch Vorträge und Referate einige Honorargelder geflossen sind. Den grössten Spendenbatzen durften wir von der Stiftung Luzerner helfen Luzernern entgegennehmen. Die 10'000 Franken ermöglichten uns die Planung und Vorbereitung der dringend benötigten Stellenaufstockung auf Januar Dem Budget stehen mehr Spendeneinnahmen weniger Subventionen gegenüber. Der Zinsertrag aus dem Fonds de Roulement von Fr. 1' wird der Betriebsrechnung gutgeschrieben. Somit ergibt sich ein Defizit von Fr. 4' Fonds de Roulement Aus dem Fonds wurden für fünf Schuldensanierungen Fr bewilligt. Bei zwei Darlehen mussten die Rückzahlungsraten reduziert werden, da sich die Einkommenssituation unerwartet destabilisiert hat. Das Fondsvermögen beträgt Ende Jahr Fr.232' Die Fachstelle weist kein Eigenkapital aus. Das Fondsvermögen wird zweckbestimmt für Darlehen zur Schuldensanierung eingesetzt.

15 Betriebsrechnung 2005 Aufwand 120' Stelle/Lohn/Miete 114' Büromaterial. etc. 1' Porto Weiterbildung Spesen/Diverses Vorstand Bank/PC Spesen Vortrag Verlust ' Ertrag Fachstelle 116' Subventionen 84' Mitgliederbeiträge 1' Spenden 23' Zinsen (Fonds) 1' Kostenbeteiligung 5' Gewinn / - Verlust -4' Fondsrechnung und Bilanz Aktiven 253' Flüssige Mittel Fonds 224' Darlehen 28' Diverse Guthaben Passiven Fondsgelder 232' Transitorische Passiven 23' Fremdgelder (Klienten) 2' Verlust 2005 Betriebsrechnung

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