Beitrag: Schuldenkrise Milliardenpoker um Griechenland

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1 Manuskript Beitrag: Schuldenkrise Milliardenpoker um Griechenland Sendung vom 30. Juni 2015 von Eleni Klotsikas und Reinhard Laska Anmoderation: Auch bislang Gutmeinende sind nur noch genervt. Was wollt ihr denn noch, fragen sie die Griechen. Das Paradoxe ist, die Griechen stellen die gleiche Frage: Was wollt ihr denn noch von uns? Wir haben doch schon so viel getan. So sagen kurz vor dem noch geplanten Referendum derzeit wohl die meisten Griechen JA zum Euro, aber NEIN zum Sparpaket. Denn wer überlegen muss, wie er am nächsten Tag an Lebensmittel kommt, lässt sich von den Appellen aus Brüssel und Berlin kaum beeindrucken. Wer nicht satt wird, hat es satt, vom Rest Europas als Jammerer beschimpft zu werden. Eleni Klotsikas und Reinhard Laska über die griechische Sicht der Dinge. Text: NEIN zum Sparprogramm, JA zum Referendum. Rund Anhänger der Linksregierung feiern ihren Ministerpräsidenten vor dem griechischen Parlament. In ihren Augen hat Alexis Tsipras genau das Richtige getan Brüssel die Stirn geboten, den Griechen ihre Ehre wiedergegeben. Wir haben Sonne, Meer und blauen Himmel, wir haben keine Angst. Ich habe nichts zu verlieren. Was hier stattfindet, ist ein Verbrechen gegen unser Volk. Ich habe keine Angst vor einem NEIN, sondern dass die deutschen Arschlöcher noch unsere Enkel unterdrücken. O-Ton griechische Bürgerin:

2 NEIN zum Memorandum! Wir wollen kein Sparprogramm mehr. Wir sterben hier einen langsamen Tod. Die Banken geschlossen, die Wirtschaft eingefroren. Der Plan der Gläubiger ist endgültig gescheitert immer neue Kredite um die alten zurückzuzahlen, das ist vorbei. Griechenland: am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Erstmals im deutschen Fernsehen erklärt der griechische Verhandlungsführer Tsakalotos gegenüber Frontal 21, warum Athen die Verhandlungen abgebrochen hat. O-Ton Euclid Tsakalotos, Syriza, Verhandlungsführer griechische Regierung: Wir wollen die Eurozone nicht zerstören, wir versuchen eine Lösung für Griechenland zu finden, bei der die Eurozone erhalten bleibt. Eine Lösung, die uns keinen wirtschaftlichen Bewegungsspielraum gibt, die einfach nur die seit fünf Jahren andauernde Sparpolitik fortsetzt, fünf Jahre Hoffnungslosigkeit, fünf Jahre ohne Aussicht eine nachhaltige Schuldenregulierung ist nicht gut für die Griechenland und ist nicht gut für die Eurozone. Auch Platon Marlafekas hätte sich eine Einigung gewünscht. Der erfolgreiche Limonadenhersteller findet, dass Griechenland seine Schulden zurückzahlen soll. Aber die Politik der Gläubigerstaaten hilft dabei nicht. O-Ton Platon Marlafekas, Unternehmer: Als erstes möchte ich sagen, dass in den letzten fünf Jahren der Finanzkrise - die in meinem Verständnis schon längst viel mehr ist als eine bloße Finanzkrise - alle ergriffenen Maßnahmen uns lediglich immer weiter in die Rezension geführt haben. Hier in der Nähe von Patras auf dem Peleponnes wird die Limonade hergestellt. 80 Beschäftigte arbeiten für die Marke Loux. Wer am Band steht, verdient monatlich rund 600 Euro netto. Das ist auch in Griechenland wenig Geld. Bei den Ingenieuren sind es immerhin 1500 Euro netto. Loux läuft gut, exportiert sogar. Das Scheitern in Brüssel und ein möglicher Grexit bereitet den Beschäftigten große Sorgen. O-Ton Efthymios Ziaturas, Ingenieur: Ich hoffe, dass die Europäer uns helfen in der Eurozone zu bleiben. Ich glaube, alle Griechen wollen den Euro. Die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds dürfen uns nicht einfach abwürgen. Doch tatsächlich kämpft Loux sowohl gegen die eigene Regierung wie auch gegen die Gläubigerstaaten. Syriza will eine Sondersteuer einführen. Diese Steuer soll nach dem Willen der Brüsseler Eurokraten im Voraus bezahlt werden. Der Wirtschaft

3 hilft das nicht. O-Ton Platon Marlafekas, Unternehmer: Da sollen also die Unternehmen, die ihren Gewinn anmelden und brav ihre Steuern zahlen, jetzt noch mit Sondersteuern belegt werden sollen. Das heißt doch, dass man ausgerechnet diejenigen bestraft, die produktiv sind. Sollte jetzt noch der Grexit kommen, hätte das schwerwiegende Folgen für die gesamte Wirtschaft - nicht nur für die Limonadenfabrik Loux. Davor warnt Dimitris Katsikas von dem griechischen Forschungsinstitut Eliamep. O-Ton Dimitrias Katsikas, Forschungsinstitut Eliamep: Wir werden die Verarmung der Bevölkerung erleben. Alle Waren, die wir importieren - und das ist nun mal der größte Teil - werden unerschwinglich sein. Bestimmte Lebensmittel, Medikamente, Benzin und Heizöl werden Mangelware sein. Das wird zu Unruhen in der Bevölkerung führen. Wir werden also eine gewaltige Inflation erleben. Die Folge: Niemand wird mehr in Griechenland investieren. Damit können wir aber auch die notwendigen Reformen nicht mehr durchführen. Die Familie von Dimitrios Zuras gehört jetzt schon zu den Verlierern des sogenannten Reformprogramms. Selten noch kaufen sie frisches Gemüse nur wenn Freunde oder Verwandte ihnen ein bisschen Geld zustecken. Der ehemalige Versicherungsagent ist seit Jahren arbeitslos - wie rund 27 Prozent der Griechen, bekommt keinerlei staatliche Unterstützung. Jetzt wollte Brüssel die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel mehr als verdoppeln. O-Ton Dimitrios Zuras, arbeitslos: Die Steuererhöhung ist einfach dumm. Die sollen mir einen Job geben, dann kann ich auch meine Steuern bezahlen, dagegen habe ich nichts. Das muss so sein, wie sonst in Europa, aber da haben die Menschen auch ein Einkommen. Die drei sind vollständig auf die Hilfe von Wohlfahrtsorganisationen angewiesen, staatliche Unterstützung bekommen sie nicht. Hier im SOS-Kinderdorf holen sie sich ihre Lebensmittel ab, die für sie unerschwinglich geworden sind - und ein kleines Geschenk für den Sohn. O-Ton Dimitrios Zuras, arbeitslos: Vor dem Grexit fürchte ich mich nicht. Ich bin mittlerweile kurz davor, Autos an der Ampel zu waschen. Vielleicht wäre es besser für Griechenland, wenn die Drachme eingeführt würde. Unter dem Euro jedenfalls ist es für uns alles sehr

4 teuer. Die Raten für seine Wohnung kann er nicht mehr aufbringen. Noch schützt ihn ein Gesetz vor Zwangssteigerung. Das wollten die Gläubigerstaaten abschaffen. Für Arbeitsminister Skourletis eines von vielen Beispielen für die unzumutbaren Forderungen der Gläubiger. O-Ton Panos Skourletis, Syriza, Arbeits- und Sozialminister: Für mich ist das ein Beispiel für die geradezu extremistischen Forderungen der Gläubiger. Denn im Moment können die Menschen ihre Wohnung gar nicht verkaufen, die Immobilienpreise sind abgestürzt. Wir müssen diese Menschen beschützen jedenfalls bis die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Wenn wir das nicht tun, haben wir tausende Obdachlose. Wenn die Europäer bei ihrer kompromisslosen Haltung gegenüber Griechenland bleiben, Griechenland bestrafen wollen, dann ist das ein schwarzer Tag für ganz Europa. Wohl auch für Nikolaos Vadegas und seinen Sohn. Vater Nikoloas ist Rentner, will noch schnell Geld abheben. Zu spät. Es gibt nichts mehr. O-Ton Nikoloas Vadegas, Rentner: Der Automat sendet uns seine besten Grüße. Wie viele Rentner muss er mittlerweile seine ganze Familie ernähren - Kinder und Enkel, mit 1000 Euro im Monat. Sie sind verbittert. O-Ton Eleni Vadegas, Hausfrau: Von den 1000 Euro müssen wir alles bezahlen, wir haben fixe Kosten von 600 Euro - ohne Strom und Telefon. Am Monatsende bleiben uns nicht einmal 50 Euro. O-Ton Apostolis Vadegas, Sohn, arbeitslos: Ja, es ist wahr. Ich lebe von meinem Vater. Ich kann nicht heiraten, ich kann keine Familie gründen, ich muss hier als Erwachsener bei meinen Eltern bleiben. O-Ton Nikoloas Vadegas, Rentner: Mein Vater hat für die Freiheit gekämpft. Wir wollen uns nicht noch einmal unterjochen lassen. Sollen sie uns doch alles wegnehmen. Viele Griechen schwanken zwischen Triumpf und Unsicherheit. Was nach dem Referendum kommen wird, bleibt unklar. Und auch die griechische Regierung würde ein solches Abenteuer wohl lieber vermeiden. Sie appelliert jetzt an die deutsche Kanzlerin.

5 O-Ton Euclid Tsakalotos, Syriza, Verhandlungsführer griechische Regierung: Die Kanzlerin Merkel ist die mächtigste Führungspersönlichkeit Europas. Daran besteht, so glaube ich, kein Zweifel. Sie hat eine Menge Initiativen ergriffen, um die Blockade aufzuheben. Ich hoffe, sie unternimmt noch einen Versuch. Sie hat im Blick, was ein Scheitern bedeutet. Ich meine das nicht als Drohung. Ich glaube, sie ist überzeugt, dass Europa scheitert, wenn für die griechische Krise keine Lösung gefunden wird - sowohl aus wirtschaftlichem wie auch aus geostrategischen Gründen. Vielleicht ergreift sie die Initiative. Ich erwarte das für heute oder morgen. Jetzt ruhen alle Hoffnungen der Athener Linksregierung auf ausgerechnet Sparkanzlerin Merkel, die das Steuer noch einmal herumreißen soll Ironie der Geschichte. Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen Wiedergaben benutzt werden. Die in den Beiträgen dargestellten Sachverhalte entsprechen dem Stand des jeweiligen Sendetermins.

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