Badische Zeitung vom Freitag, 28. Juli Latein, Germanistik und Currywurst

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1 Badische Zeitung vom Freitag, 28. Juli 2006 Latein, Germanistik und Currywurst Wer bereits jetzt für sein Studium im Nebenjob Geld verdienen muss, den treffen die Studiengebühren besonders hart Von Claudia Bötsch Nina steht an der brutzelnden Fritteuse. Das lange Haar hat sie zu einem Zopf gebunden, die Ärmel hochgekrempelt; ihre Wangen sind von Anstrengung und heißer Luft gerötet. Routiniert füllt sie kleine, gelbe Papptüten mit dampfenden Kartoffelecken. Zweimal die Woche arbeitet sie in dem Laden einer Fastfood-Kette acht Stunden Frittieren und Kassieren im Akkord. Hauptsächlich ist Nina aber Studentin, im dritten Semester Latein und Germanistik. "Das bringt aber kein Geld daher bin ich hier", sagt sie und streicht sich die weiße Arbeitsbluse glatt. Nina ist eine von rund Studenten der Universität Freiburg. Wie zwei Drittel der knapp zwei Millionen deutschen Studierenden bessert sie ihren Lebensunterhalt mit Nebenjobs auf und denkt mit Grauen an die 500 Euro Studiengebühr, die vom Sommersemester 2007 an zu zahlen sind: "Ich mache mir große Sorgen, gerade weil ich am Anfang meines Studiums stehe. Außerdem ist es bereits jetzt schwierig, Arbeit und Studium unter einen Hut zu bekommen", klagt Nina. Die Studiengebühren für Baden-Württemberg sind seit Dezember 2005 beschlossene Sache. Daran haben die zahlreichen landesweiten Proteste der Studierenden, auch in Freiburg, nichts zu ändern vermocht: "Leider konnten wir mit unseren Aktionen nicht wirklich viel erreichen", sagt Nina und wischt sich müde lächelnd eine Strähne aus der Stirn. Nina wohnt noch zu Hause im Freiburger Umland, eine halbe Stunde Zugfahrt von der Universität entfernt. Sie erhält keine Ausbildungsförderung vom Staat und finanziert bis auf geringe Zuschüsse der Eltern ihr Studium selbst. Sie arbeitet 15 Stunden pro Woche. "Das ist ungefähr so viel Zeit, wie ich für Seminare an der Universität aufwende Lernen exklusive." Die 22-jährige Studentin verdient rund 400 Euro im Monat bei sechs Euro Stundenlohn. Sie muss noch mindestens sechs gebührenpflichtige Semester studieren. Mit den 100 Euro Sozialbeitrag und Verwaltungsgebühren ergibt das zusammen 3600 Euro in drei Jahren. "Das sind rund 100 Euro zusätzlich im Monat das ist ein Viertel meines Lohnes oder zwei volle Arbeitstage", sagt

2 Nina, während sie eine dampfende Wurst zur Currywurst zerkleinert. Durch die kommenden Studiengebühren muss sie ihre Finanzen komplett neu überdenken. Seit einigen Monaten führt sie Buch über ihre Ausgaben. "Das ist aber gar nicht so einfach mein Einkommen reicht gerade so, um über die Runden zu kommen. Bücher, Lernmaterialien, Kleidung, Benzin ich finanziere das fast alles selbst." "Manchmal denke ich, das ist schon jetzt ungerecht" Mehrarbeit, zum Beispiel in den Semesterferien, kommt für sie erst einmal nicht in Frage. Nina möchte ihr Studium so schnell wie möglich beenden, deshalb schreibt sie ihre Hausarbeiten in den Semesterferien. Durch ihren Nebenjob sieht sie sich allerdings schon jetzt benachteiligt: "Während ich für meinen Lebensunterhalt arbeite, können Mitstudenten, die von Papi bezahlt werden, lernen. Manchmal denke ich, das ist schon jetzt ungerecht wie wird das dann erst mit Studiengebühren?" Empört rubbelt Nina ihre Arbeitsfläche sauber. Die ersten Studiengebühren sind im Januar 2007 fällig bei der Rückmeldung zum Sommersemester. Darum will sie vorsorgen: "Ab dem Sommer heißt es sparen." Die 500 Euro will sie ihren Eltern nicht aufladen: "Ich möchte jeden Monat mindestens 100 Euro auf die Seite legen dafür verzichte ich auf Benzin und Zigaretten." Das Auto bleibt schon jetzt meistens in der Garage. Nina ist wieder auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen, soweit das auf dem Land möglich ist. Einen Kredit will sie nicht aufnehmen, weil sie die Schulden fürchtet. "Aber mein Traum, endlich von zu Hause auszuziehen, ist erst einmal in weite Ferne gerückt." Ninas Chef ruft. Sie wird an der Kasse gebraucht. Ob sie wohl noch einmal studieren würde, trotz Gebühren? Nina schüttelt den Kopf und gibt hektisch einen Klecks Ketchup und Zwiebeln auf ein Brötchen. "Ich denke nicht. Wahrscheinlich würde ich eine berufliche Ausbildung oder eine Berufsakademie bevorzugen. Der Druck von einem möglichen Schuldenberg und ungewisser beruflicher Zukunft wird mit den Studiengebühren einfach zu hoch." Dieser Bericht entstand im Rahmen des Seminars "Journalistisches Schreiben" am Zentrum für

3 Schlüsselqualifikationen der Universität Freiburg. Badische Zeitung vom Freitag, 28. Juli 2006 Die Entdeckung einer neuen Kundschaft Eine Folge der kommenden Studiengebühren: Kreditangebote der Banken für Studierende Von Denise Beil Ein lautes "Haaaatschiii" hinter der Glasscheibe, Schneuzgeräusche, ein Kopf taucht auf: "Heuschnupfen. Entschuldigen Sie. Frau Krause, was kann ich für sie tun?" Bernhard Pflüger schmunzelt, als Lisa ihn nach den neuen Finanzierungsmodellen für Studenten fragt. Sofort hat er Zeit für ein Einzelgespräch im Hinterzimmer der Bank. Noch nie war Lisa in diesem Raum, obwohl sie in dieser Filiale seit ihrem ersten Lebensjahr ein Konto hat. Am Bildschirm seines Laptops erklärt ihr Herr Pflüger geduldig alles im Detail: "Monatliche Maximalkredite bis 800 Euro, dazu 5,9 Prozent Jahreszins& ; eine Karenzphase von zwei Jahren Zinsrückzahlung sofort, & maximal fünf Jahre." Der sonst so reservierte Bankangestellte Pflüger taut auf, als er Lisa Beispiele mit verschiedenen Bedingungen vorrechnet. 300 Euro Kredit pro Monat? Da stehen am Ende ,43 Euro als Gesamtbetrag, den sie nach dem Studium in monatlichen Raten von 194,27 Euro zurückbezahlen muss. "Natürlich erst nach der Karenzphase, einem tilgungsfreien Zeitraum von zwei Jahren." Lisa gefällt das nicht: Wer will schon mit knapp Euro Schulden ins Berufsleben starten? Doch vom Sommersemester 2007 an verlangen die Hochschulen in Baden-Württemberg 500 Euro pro Semester. Lisa ist 21 Jahre alt und will Gymnasiallehrerin werden. Sie studiert im zweiten Semester und hat noch ungefähr acht Semester vor sich. Die Gebühr belastet Lisas Sparschwein um etwa 100 Euro pro Monat. Wenn sie die nicht zusätzlich durch einen weiteren Nebenjob hereinholen will, bliebe eben nur der Kredit

4 100 Euro Kredit im Monat ergeben am Ende fast Euro Schulden Und schon rechnet Pflüger: " bei 100 Euro Kredit im Monat, das macht zusammen 6000 Euro, plus Zinsen & insgesamt zurückzuzahlen 9255,76 Euro." Schon besser. Nach einer halben Stunde sind sie alle Angebote durchgegangen. Pflüger klappt den Bildschirm zu. "Noch Fragen?" Nein, Lisa hat genug. Sie verabschieden sich. Pflüger drückt ihr noch schnell seine Visitenkarte in die Hand. Man weiß ja nie. Beim Herausgehen hört sie noch einmal kräftig Pflüger niesen. "Gesundheit" ruft Lisa und dreht sich kurz um. Den Bankern juckt die Nase, es riecht nach Geld, denkt sie. Sind Studenten jetzt gern gesehene Kunden in einer Bank und waren sie es früher eher nicht? Lisas Freundin Anne ist Bankkauffrau und weiß darum, was derzeit in den Geldinstituten Leitlinie ist: "Seit dem Beschluss der Studiengebühren schießen Studentenkreditmodelle wie Pilze aus dem Boden. Banken stellen sich auf einen Ansturm von Nachfragen ein." Die Studierenden sind als neue Kundschaft entdeckt: " Früher hieß es, Studenten haben kein Geld, also geben wir ihnen keines." Diese Einstellung habe sich um 180 Grad gedreht. Die Banken rechneten damit, dass heutige Studenten später gut bezahlte Jobs haben. Falls was schief gehe, sei ja noch die Familie da. "Ich denke, die Banken freuen sich über die Studiengebühren", sagt die Bankkauffrau. Lisa freut sich jedenfalls nicht. Als sie abends in der Küche des Kaffeehauses Pilze und Putenstreifen für den Salat anbrät, überlegt sie, was sie machen soll. Sie will eigentlich keinen Kredit. Verschulden hört sich nicht gut an, Verschulden ohne gesichertes Einkommen noch weniger. Bernhard Pflüger und seine Bank werden mit ihr wohl nicht ins Geschäft kommen. Dieser Bericht entstand im Rahmen des Seminars "Journalistisches Schreiben" am Zentrum für Schlüsselqualifikationen der Universität Freiburg. Badische Zeitung vom Freitag, 28. Juli 2006

5 Jedes Land hat seine eigene Regelung Meist 500 Euro Studiengebühr Bei der Wahl des Studienorten gab es früher vor allem zwei Kriterien: Behagt der Studienort und ist dort das Wunschstudienfach gut vertreten? Jetzt gibt es ein drittes wichtiges Kriterium: Was kostet das Studium? Denn in Niedersachsen und an den meisten Hochschulen in Nordrhein- Westfalen werden bereits zum kommenden Wintersemester Studiengebühren erhoben. Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg folgen im Sommersemester, und danach werden das Saarland und Hessen Gebühren einführen. In den anderen Bundesländern wird darüber noch diskutiert aber auch sie dürften sich demnächst dazu entschließen, und sei es nur für Nicht-Landeskinder. Das gilt bereits für Bremen: Vom Wintersemester an müssen dort Studierende, die ihren ersten Wohnsitz nicht in der Stadt haben, Gebühren zahlen. Die Länder haben zum Teil recht unterschiedliche Regelungen getroffen. Neben der Höhe der Gebühr variieren die Umstände, die zu einer Befreiung führen können: Darüber sollte sich jeder Studienbewerber im Internet informieren. In allen durchweg unionsgeführten Bundesländern gibt es Angebote für zinsgünstige Darlehen, die die Gebühren sozialverträglich halten sollen. AFP/amp Badische Zeitung vom Freitag, 28. Juli 2006 INFOBOX: STUDIENDARLEHEN Neben den normalen Geschäftsbanken bietet vor allem die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), eine bundeseigene Bank, allgemeine, nicht allein auf die Studiengebühren bezogene Studienkredite an. Ein solcher Studienkredit schaffe größere finanzielle Unabhängigkeit und bietet die Basis für eine verlässliche Planung des Studiums, sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) bei einer ersten Zwischenbilanz des KfW-Angebots. Seit der Einführung im April nutzen bereits 6000 Studierende dieses Förderprogramm, und zwar aus allen Hochschulsemestern. Zu erhalten ist das Darlehen allerdings nicht direkt bei der

6 Kreditanstalt, sondern nur über so genannte Vertriebspartner, das sind Banken, Volks- und Raiffeisenbanken, Sparkassen und Studentenwerke. Der Kredit läuft mit einem einheitlichen Zinssatz, unabhängig vom Studienfach, dem eigenen Einkommen oder dem Einkommen der Eltern. Die Studierenden können die Kredithöhe zwischen 100 und 650 Euro pro Monat jeweils zu Beginn eines Semesters festlegen. Information: KfW 01801/ (Ortstarif), Internet: foerderbank.de

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