Liquidität durch finanzielle Flexibilität

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1 Science to Business GmbH Hochschule Osnabrück und buw Unternehmensgruppe Liquidität durch finanzielle Flexibilität Strategischer Erfolgsfaktor bei der Bewältigung von finanz- und realwirtschaftlichen Schocks

2 2013 buw Holding GmbH Alle Rechte vorbehalten. Ansprechpartner: Prof. Dr. Bernd-Joachim Kruth Professor der Hochschule Osnabrück Mobil: Science to Business GmbH Hochschule Osnabrück Postfach Albrechtstr Osnabrück Ansprechpartner: Thomas Iwanski Leiter BPO Tel.: Fax: buw Holding GmbH Rheiner Landstraße Osnabrück

3 Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis 4 Vorwort 5 1 Management Summary 6 2 Liquidität Liquidität Was ist das? Interne und externe Quellen Steuerung durch die Geschäftsführung Rahmenbedingungen und Entwicklungen Flexibilisierungsansätze Intern orientierte Maßnahmen Extern orientierte Maßnahmen 22 3 Umfrageergebnisse: Finanzielle Flexibilität deutscher Unternehmen Unternehmensdaten Liquiditätssteuerung Operativer Bereich Investiver Bereich Finanzieller Bereich 34 4 Fazit und Ausblick 37 Literaturverzeichnis 38 Übersicht aller Fragen der Studie 39 Profil der Herausgeber 44 Ihr Ansprechpartner 45 Über die buw Unternehmensgruppe 46 3

4 Abbildungsverzeichnis Abb. 1 Kapitalflussrechnung in Anlehnung an den Deutschen Rechnungslegungs Standard (DRS 2) 10 Abb. 2 Innen- und Außenfinanzierung der nichtfinanziellen Unternehmen in Mrd. Euro 11 Abb. 3 Ratingrelevante Kennzahlen 12 Abb. 4 Kredithürde im verarbeitenden Gewerbe 14 Abb. 5 Einlagenfazilität und Risikoprämien für Bankanleihen 15 Abb. 6 ifo Konjunkturuhr Deutschland: verarbeitendes Gewerbe 16 Abb. 7 Einflussfaktoren zur Straffung der Kreditstandards 17 Abb. 8 Ansatzpunkt für die Flexibilisierung des Personalaufwands durch BPO 19 Abb. 9 Beispielhafte Darstellung des Prozesses vor und nach dem BPO 20 Abb. 10 Prozesskostensenkung bei der Eingangsrechnungsbearbeitung durch BPO 21 Abb. 11 Ansatzpunkte für die Erhöhung finanzieller Flexibilität in Anlehnung an die 23 Kapitalflussrechnung nach dem Deutschen Rechnungslegungs Standard (DRS 2) Abb. 12 Gesamtumsatz Factoringmarkt Deutschland 24 Abb. 13 Volumen des Schuldscheinmarktes (ausstehende Titel im Mrd. Euro) 26 Abb. 14 Vergleich Schuldschein und börsennotierte Mittelstandsanleihe 27 Abb. 15 Branchenzugehörigkeit 28 Abb. 16 Umsatz 2010 in Mio. Euro 28 Abb. 17 Internationalisierungsgrad 29 Abb. 18 Funktion der Umfrageteilnehmer im Unternehmen 29 Abb. 19 Bereiche der Cashflow-Planung 30 Abb. 20 Zeitlicher Horizont der Cashflow-Planung 30 Abb. 21 Kurzfristige Möglichkeiten der Liquiditätsbeschaffung 31 Abb. 22 Maßnahmen zur Flexibilisierung von Lohn- und Gehaltszahlungen 31 Abb. 23 Auslagerungsfähige Tätigkeiten 32 Abb. 24 Motive für eine Auslagerung 32 Abb. 25 Beschaffung kurzfristiger Liquidität im investiven Bereich 33 Abb. 26 Auslagerungsfähige Unternehmensbereiche im investiven Bereich 33 Abb. 27 Anzahl aktiv genutzter Banken 34 Abb. 28 Kriterien bei Auswahl der Bankverbindung 34 Abb. 29 Nutzung alternativer Finanzierungsinstrumente 35 Abb. 30 Zukünftige Nutzung alternativer Finanzierungsinstrumente 35 Abb. 31 Gründe für die Nutzung von Finanzierungsalternativen 36 4

5 VORwort Viele Unternehmen sind konjunkturellen Nachfrageschwankungen ausgesetzt. Hinzu kommen plötzliche finanz- und realwirtschaftliche Schocks wie die letzte Finanzmarktkrise und die derzeitigen Turbulenzen im europäischen Währungsraum. In allen Fällen kommt es auf der Absatzseite teilweise zu erheblichen Umsatzeinbußen; und die Banken halten sich bei der Kreditvergabe an Unternehmen aller Größenklassen in schwierigen Zeiten spürbar zurück. Damit entfällt das Bankensystem zumindest teilweise als Liquiditätspuffer bei vorübergehenden Nachfrage- und Umsatzrückgängen. Die Unternehmen müssten daher möglichst flexibel mit ihrer Produktion und Beschäftigung reagieren, um wettbewerbsfähig und liquide zu bleiben. Leider verhindern vertragliche und institutionelle Rahmenbedingungen häufig, dass die Angebotsseite derartige Nachfrageschwankungen über flexibel ausgestaltete Beschäftigungsverträge und Investitionsgüternachfrage auffängt. Diese Rigidität trifft die Unternehmen umso mehr, je stärker der internationale Wettbewerb bei globalisierten Finanzmärkten ist. Nachfrageschwankungen in ausländischen Märkten und finanzwirtschaftliche Fehlentwicklungen breiten sich äußerst schnell über die Weltwirtschaft aus. Deutschland als eine der größten Exportnationen ist davon besonders betroffen. Mithin sind Instrumente gefragt, die eine größere finanzielle Flexibilität gewährleisten. Mit dieser finanziellen Flexibilität und der damit einhergehenden Verbesserung der Liquidität befasst sich diese aktuelle Studie. Auf der Grundlage gesamtwirtschaftlicher Rahmenbedingungen und aktueller Entwicklungen auf den Finanzmärkten werden Instrumente und Steuerungsmechanismen zur Verbesserung der Unternehmensliquidität diskutiert. Dazu zählen auch Möglichkeiten, Prozesse oder einzelne Prozessschritte modular an spezialisierte Dienstleister auszulagern und vorhandene Fixkosten zumindest teilweise zu flexibilisieren. Darüber hinaus wurde eine branchenübergreifende Befragung bei ausgewählten Unternehmen des Mittelstands über diesen Themenbereich durchführt. Die Ergebnisse bestätigen die zunehmende Wichtigkeit dieser Thematik und den gezielten Einsatz geeigneter Instrumente wie das Outsourcing administrativer Prozesse und die Nutzung flexibler Finanzierungswege. Prof. Dr. Bernd-Joachim Kruth Professor der Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Thomas Iwanski Leiter BPO buw Unternehmensgruppe Karsten Wulf Geschäftsführender Gesellschafter buw Unternehmensgruppe 5

6 1 Management Summary Vor dem Hintergrund derzeitiger Turbulenzen auf den Finanz- und Bankenmärkten sowie der Verschuldungskrise im europäischen Währungsraum hat die Studie die Fragestellung untersucht, inwieweit Unternehmen die finanzielle Flexibilität als eine strategische Maßnahme zur Sicherstellung der jederzeitigen Liquidität betrachten. Der Liquiditätsbegriff wird dabei im weiten Sinne als die gegenwärtige und zukünftig erwartete Zahlungsfähigkeit des Unternehmens definiert. Die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens ist insbesondere dann gesichert, wenn das Unternehmen auch bei finanz- und realwirtschaftlichen Schocks also in Krisensituationen ( rainy days ) in der Lage ist, seinen fälligen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Grundsätzlich ergeben sich zwei Ansatzpunkte für die Erhöhung der finanziellen Flexibilität: Das Unternehmen kann bei unerwarteten Einzahlungsrückgängen seine Auszahlungen adäquat einschränken oder sich zusätzlich notwendige Finanzmittel zur Finanzierung der Auszahlungsverpflichtungen kurzfristig besorgen. Zur Flexibilisierung von operativen Zahlungsströmen kann ein Unternehmen u. a. versuchen, im Rahmen vertraglicher Absprachen und geeigneter Outsourcing-Modelle seine administrativen Verwaltungsprozesse, wenn nicht komplett, so doch zumindest teilweise, modular auszulagern. Hierzu zählen die Rechnungsverarbeitungs-, Buchhaltungs- sowie Human Resource-Prozesse. Darüber hinaus können Zahlungsziele mit Lieferanten/ Abnehmern bedarfsorientiert angepasst und Maßnahmen zur Reduzierung der Vorratsbestände ergriffen werden, um das working capital, d. h. die Forderungs- und Vorratsbestände, zu optimieren. Investiv bedingte Auszahlungen sind teilweise mit Blick auf die Fälligkeit der Zahlung und das Volumen anpassbar, sofern dies vertraglich möglich und aufgrund revidierter (Absatz-)Prognosen notwendig ist. Auf der Ebene der externen Kapitalbeschaffung ergeben sich Flexibilisierungsansatzpunkte vor allem bei der Erschließung alternativer Kapitalgeber und Finanzierungsinstrumente. Darüber hinaus sollten die bestehenden Finanzierungsverträge ausreichend flexibel und krisenfest gestaltet sein, damit unerwarteter Liquiditätsbedarf kurzfristig gedeckt werden kann. Auf Basis dieser Systematik wurden Entscheidungsträger ausgewählter Unternehmen bezüglich ihrer finanziellen Flexibilität befragt. Eine Vielzahl der Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, ist international tätig und nimmt eine führende Position auf ihrem Markt ein. Beim operativen Cashflow hat die Umfrage mit Blick auf die finanzielle Flexibilität folgende zentrale Ergebnisse geliefert: Die Entscheidungsträger sehen in der Auslagerung von personalintensiven Tätigkeiten eine Maßnahme zur Flexibilisierung von Lohn- und Gehaltszahlungen. Die Manager halten Tätigkeiten im Finanz- und Rechnungswesen sowie in der Lohn- und Gehaltsabrechnung neben denen im Forderungsmanagement und Inkasso für auslagerungsfähig. Die Erhöhung von Transparenz und Qualität sowie eine Kostensenkung sind entscheidende Motive für eine Auslagerung von Prozessen. Weitere Möglichkeiten zur Flexibilisierung der operativen Zahlungsströme sind auskunftsgemäß die Verkürzung von Zahlungszielen bei den Abnehmern, der Verkauf von Handelsforderungen sowie die Verlängerung von Zahlungszielen bei den Lieferanten. Die zunehmende Bedeutung des Forderungsverkaufs als alternative Finanzierungsquelle von deutschen Unternehmen bestätigen die Marktzahlen im Factoringgeschäft. Die Flexibilisierung des Cashflows für Investitionszwecke erfolgt bei den befragten Unternehmen insbesondere durch die zeitliche Verschiebung von Investitionsauszahlungen und die Anpassung des Investitionsvolumens. Die Ausgliederung kapitalintensiver Bereiche und damit die Überwälzung der langfristigen Kapitalbindung auf einen Dritten als Mittel zur Flexibilisierung von Investitionsauszahlungen wird von den befragten Unternehmen vor allem im IT-Bereich und in der Materialwirtschaft und Logistik als Option betrachtet. Auf der Ebene des Cashflows aus Finanzierungstätigkeit hängt die finanzielle Flexibilität der Unternehmen insbesondere von den zur Verfügung stehenden Finanzierungsquellen und -partnern ab: 83% der befragten Unternehmen unterhalten mehr als zwei aktive Bankverbindungen. Dabei gilt bei über der Hälfte der Befragten eine Bankverbindung als die wichtigste. Eine mehr oder weniger gleiche Behandlung und Inanspruchnahme der Bankpartner erfolgt also nicht. Die Bonität der Bank selbst sowie die Ratingnote des Unternehmens bei der Bank spielen bei der Auswahl des Bankpartners eine untergeordnete Rolle, 6

7 obwohl 37 % der Umfrageteilnehmer von unterschiedlichen Ratingeinschätzungen ihrer Banken berichten. Mit Blick auf die Stärkung der finanziellen Flexibilität ist dies kein positives Ergebnis. Denn eine gute Bonität ist außerordentlich hilfreich, um zu jeder Zeit also auch in angespannten Situationen auf den Bank- und Kapitalmärkten die notwendigen Finanzmittel zu erhalten. Darüber hinaus hat die Umfrage ergeben, dass sich eine große Mehrheit der Entscheidungsträger vorstellen kann, zukünftig alternative Finanzierungspartner und -instrumente zu nutzen. Diese verstärkte Diversifikation dürfte sich positiv auf die Finanzierungsflexibilität des Unternehmens auswirken, da sich die Risikoneigung und der Risikograd der unterschiedlichen Kapitalgeber in Krisenzeiten erfahrungsgemäß unterschiedlich entwickeln. Die Umfrageergebnisse und skizzierten Ansatzpunkte zeigen aber auch auf, dass es noch zusätzliche Instrumente gibt, die die finanzielle Flexibilität eines Unternehmens erhöhen können. Die Unternehmen sind daher gut beraten, strategisch die (noch) bestehenden Möglichkeiten der Flexibilisierung zu analysieren und ggf. einzuführen. Dazu zählen Maßnahmen zur verstärkten Nutzung von spezialisierten Dienstleistern, die standardisierbare Arbeitsprozesse des Unternehmens bis hin zum Outsourcing einzelner Prozesse oder kompletter Prozesseinheiten übernehmen. Neben den Möglichkeiten des Business Process Outsourcing können dies auch die kapitalintensiven Investitionen sein, die übernommen werden. Damit werden kurz- bis mittelfristig fixierte Auszahlungsverpflichtungen zumindest teilweise flexibilisiert. Darüber hinaus gibt es weitere Optimierungsansätze auf Ebene der Kapitalbeschaffung. Bei der Auswahl der so genannten Kernbanken sollte in Zukunft verstärkt auf eine ausreichende Anzahl an aktiven Bankverbindungen geachtet werden (Bankendiversifizierung). Diese Kernbanken sollten eine ausreichende Haftungsbasis und ein stabil gutes Rating haben sowie daraus resultierend ausreichende Refinanzierungsmöglichkeiten zu marktgerechten Konditionen. Weiterhin sollte jedes Unternehmen noch stärker als in der Vergangenheit Spezialfinanzierer berücksichtigen, die ihr Kapitalangebot aufgrund ihres Spezial-Know-hows und strategischer Erwägungen vergleichsweise günstiger, umfangreicher und längerfristiger zur Verfügung stellen. Die Erschließung zusätzlicher Finanzierungsquellen (u. a. Investoren, Instrumente) sollte in finanzwirtschaftlich robusten Zeiten erfolgen. Aufgrund der prozyklischen Verhaltensweise vieler Kapitalgeber sind nur dann relativ günstige Vertragsbedingungen (u. a. Margen, Laufzeiten, Reporting, Gewährleistungen) verhandelbar. Die zunehmende internationale Arbeitsteilung mit vielen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern (u. a. China, Indien, Brasilien, Russland) in Verbindung mit den globalisierten Finanzmärkten dürfte dazu führen, dass sich real- und finanzwirtschaftliche Schocks in bestimmten Regionen weltweit schnell ausbreiten. Hinzu kommen die Integrationsbestrebungen in Europa über die gemeinsame Eurowährung mit der Folge, dass wirtschaftlich heterogene Staaten sich in einem gemeinsamen Währungsraum zusammenschließen. Dies wird realwirtschaftliche und politische Anpassungsprozesse bewirken. Vor diesem Hintergrund ist durchaus davon auszugehen, dass sich real- und finanzwirtschaftliche Schocks mit weltweit spürbaren Effekten häufiger als in der Vergangenheit wiederholen. Unternehmen sind daher gut beraten, auch auf finanzieller Seite flexibler zu werden also die finanzielle Flexibilität deutlich zu erhöhen. Die Studie hat erste Ansatzpunkte für die Erhöhung der finanziellen Flexibilität gegeben, damit das strategische Ziel einer besseren Liquidität erreicht werden kann. 7

8 2 liquidität Die Finanzmarktkrise 2008/09 sowie die derzeitige Verschuldungs- und Eurokrise in Europa haben ernst zu nehmende Refinanzierungsschwierigkeiten im Finanzsektor offenbart. Nur das schnelle Eingreifen der Staaten verhinderte, dass während der Finanzmarktkrise neben Lehman Brothers noch andere Kreditinstitute zahlungsunfähig wurden. Trotz des massiven Einbruchs der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage im Jahr 2009 erholten sich die Volkswirtschaften in Europa allen voran Deutschland sehr schnell von diesen finanzwirtschaftlichen Turbulenzen. Eine länger anhaltende Rezession und das lange Zeit diskutierte Risiko einer Kreditklemme in der Realwirtschaft haben sich glücklicherweise nicht eingestellt. Nur zwei Jahre später erschüttert die Verschuldungsund Vertrauenskrise einzelner EU-Staaten die Finanzund Realwirtschaft in Europa. Wiederum ist das Banken- und Finanzsystem durch massive Wertverluste und Abschreibungen auf Staatsanleihen besonders betroffen. Abermals stützen staatliche Programme hochverschuldete EU-Länder und Finanzinstitute. Es ist zurzeit davon auszugehen, dass sich auch die realwirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahren eintrübt, das heißt, ein realwirtschaftlicher Abschwung geht mit einem labilen, im Strukturwandel befindlichen Bankensystem einher. Dies dürfte wiederum zu einer spürbaren Zurückhaltung der Banken und anderer Kapitalgeber bei der Kreditvergabe führen. Beide Schocks zeigen zum einen den erheblichen Regulierungsbedarf im Banken- und Finanzsektor. Zum anderen wird sich das Bankensystem in Deutschland und anderen Staaten weiter konsolidieren und strukturell anpassen. Dies wird dazu führen, dass der Unternehmenssektor tendenziell einer restriktiveren Kreditvergabe des Bankensystems gegenübersteht. Darüber hinaus ist wegen der Globalisierung und Internationalisierung der Finanz- und Realwirtschaft davon auszugehen, dass sich derartige Schocks häufiger als in der Vergangenheit wiederholen. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Ziel von Unternehmen, liquide zu sein, ein noch stärkeres Gewicht. Ein wesentlicher Einflussfaktor zur Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit ist die finanzielle Flexibilität von Unternehmen, d. h. die Fähigkeit des Unternehmens, durch interne Anpassungsmaßnahmen und die flexible Nutzung alternativer Finan-zierungsquellen eine ausreichende Liquidität vorzuhalten. Finanziell flexible Unternehmen dürften vergleichsweise schneller und einfacher Krisenzeiten aushalten und häufig gestärkt gegenüber weniger flexiblen Mitbewerbern überwinden. 2.1 Liquidität Was ist das? Der Begriff Liquidität lateinisch liquidus = flüssig ist in der Betriebswirtschaftslehre bei enger Auslegung die Eigenschaft von Gütern und Rechten, als Zahlungsmittel direkt zu dienen oder indirekt gegen Zahlungsmittel getauscht werden zu können (absolute Liquidität, Vermögensliquidität). 1 In weiter Definition bedeutet Liquidität: die Fähigkeit eines Unternehmens, seinen fälligen Verbindlichkeiten unter der Voraussetzung des reibungslosen Ablaufs des Betriebsprozesses d. h. unter Vermeidung von Notverkäufen termingerecht nachkommen zu können. 2 Diese Abgrenzung (relative Liquidität) berücksichtigt weitere wichtige Merkmale: Ein Unternehmen kann auch dann liquide sein, wenn es derzeit keine Zahlungsmittel vorhält. Wichtig ist nur, dass es sich bei der Fälligkeit von eingegangenen Zahlungsverpflichtungen ausreichende Zahlungsmittel termingerecht besorgen kann. Durch die Terminierung wird der Faktor Zeit explizit berücksichtigt. Das Besondere an dieser Definition ist die Vorgabe des reibungslosen Ablaufs des Betriebsprozesses. Damit fokussiert sich diese Definition von Liquidität auf Unternehmen, die ihre betriebliche Tätigkeit weiterhin ausüben (können) und keine betriebsnotwendigen Aktiva zur Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit veräußern müssen. 1 Vgl. Wöhe, G. et alt. (2009), S Wöhe, G. et alt. (2009), S

9 Die weite Fassung des Begriffs Liquidität betrifft damit im Besonderen solvente Unternehmen, also eine weitaus größere Anzahl an Unternehmen im Vergleich zu der Zahl insolventer Gesellschaften. Die Ratingverfahren der Banken, sonstiger Kapitalgeber wie Leasing-, Factoringgesellschaften und der internationalen Ratingagenturen basieren ihre Analyse und Bewertung auf dieser relativen Definition von Liquidität: Credit ratings provide an opinion on the relative ability of an entity to meet financial commitments, such as interest, preferred dividends, repayment of principal, insurance claims or counterparty obligations. 3 Die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens muss im Rahmen eines schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Umfelds gegeben sein 4 das heißt Stress- und Worst-Case-Situationen stehen bei der Beurteilung der Liquidität im Fokus der Betrachtung von externen Kapitalgebern und Analysten. Entscheidende Einflussfaktoren, die den Liquiditätsstatus des Unternehmens beeinflussen, sind u.a. die Fälligkeitsstrukturen bei den bestehenden Verbindlichkeiten (z.b. Bank-, Steuer-, Pensions-, Lieferantenverbindlichkeiten), die Möglichkeit von internen Anpassungsmaßnahmen, die gebundene Zahlungsmittel freisetzen oder fällige Zahlungen (vorübergehend) stunden (z.b. Lohn-/Gehaltszahlungsflexibilität, Outsourcing von zahlungsintensiven Tätigkeiten an Dritte, Cash- Pooling-Systeme) sowie zusätzliche Zugangsmöglichkeiten zu externen Finanzierungsquellen (z.b. breiter Investorenkreis, Spezialfinanzierer). Die Betrachtung der Worst-Case-Situation impliziert, dass auch langfristig fällig werdende Verbindlichkeiten dann als kurzfristig eingestuft werden, wenn der Gläubiger ein kurzfristiges Kündigungsrecht in wirtschaftlich und finanziell angespannten Zeiten hat. Dies dürfte für viele langfristig vereinbarte Bankfinanzierungen gelten, deren Verträge auf den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Banken, die ein Kündigungsrecht bei einer wesentlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage des Kreditnehmers erlauben, basieren. Auch langfristige Finanzierungsverträge, die Kündigungsrechte der Investoren bei Nicht-Einhaltung bestimmter Finanzkennzahlen (financial covenants) erlauben, dürften eher als kurzfristig eingeschätzt werden. Darüber hinaus ist genau zu verifizieren, ob grundsätzlich vorhandene zusätzliche Finanzierungsquellen von externer Seite auch in Stresssituationen zur Verfügung stehen. Die o.g. umfassende Definition ist auch Ausgangspunkt der insolvenzrechtlichen Abgrenzung zu dem Begriff Illiquidität. Nach 17 Insolvenzordnung ist ein Unternehmen zahlungsunfähig, wenn es nicht in der Lage ist, die fälligen Zahlungspflichten zu erfüllen. Zahlungsunfähigkeit ist in der Regel anzunehmen, wenn der Schuldner seine Zahlungen eingestellt hat. Die Insolvenzordnung geht noch weiter: Nach 18 ist auch die drohende Zahlungsunfähigkeit ein Grund für die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Die drohende Zahlungsunfähigkeit liegt dann vor, wenn ein Schuldner voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, die bestehenden Zahlungspflichten im Zeitpunkt der Fälligkeit zu erfüllen. 5 Liquidität in diesem Sinne bedeutet, dass ein Unternehmen nur dann ausreichend liquide ist, wenn auch unter Berücksichtigung der künftigen Entwicklungen davon ausgegangen werden kann, dass die Zahlungsverpflichtungen termingerecht eingehalten werden. Zusammengefasst gilt für den Liquiditätsbegriff: Ein Unternehmen verfügt dann über ausreichende Liquidität, wenn es aller Voraussicht nach seine gegenwärtigen und zukünftigen Zahlungsverpflichtungen termingerecht erfüllen kann. Betriebswirtschaftlich sollte die Zahlungsfähigkeit im Rahmen der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit erfüllt sein. Aus Ratingsicht muss die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens insbesondere in Stresssituationen erfüllt sein. Zu diesen Situationen zählen auch gesamtwirtschaftliche Störungen wie die jüngsten Finanzmarkt- und Eurokrisen. Diese Begriffsabgrenzung ist eine Herausforderung, da in wirtschaftlich und finanziell schwierigen Unternehmenssituationen erfahrungsgemäß meist bei bestehend bleibenden Zahlungsverpflichtungen deutlich weniger Finanzmittel zur Verfügung stehen. 3 FitchRatings (2011), S Our analytical focus here is on the downside: whether the company can meet its obligations on a rainy day, rather than just under the expected circumstances. Standard & Poors (2008), S Vgl. Bundesministerium der Justiz (2011), S. 6. 9

10 2.2 interne und externe Quellen Jedes Unternehmen beschafft sich aus internen und externen Quellen die notwendige Liquidität. Details über die Liquiditätsquellen sind systematisch aus der nachfolgend dargestellten Kapitalflussrechnung eines Unternehmens in Anlehnung an die Methodik des Deutschen Rechnungslegungs Standards Comitees (DRSC) ersichtlich. 6 Jahresüberschuss +/- Abschreibungen/Zuschreibungen auf Gegenstände des Anlagevermögens +/- Zunahme/Abnahme der Rückstellungen +/- Sonstige zahlungsunwirksame Aufwendungen/Erträge (bspw. Abschreibung auf ein aktiviertes Disagio) -/+ Gewinn/Verlust aus dem Abgang von Gegenständen des Anlagevermögens -/+ Zunahme/Abnahme der Vorräte, der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sowie anderer Aktiva, die nicht der Investitions- oder Finanzierungstätigkeit zuzuordnen sind +/- Zunahme/Abnahme der Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen sowie anderer Passiva, die nicht der Investitions- oder Finanzierungstätigkeit zuzuordnen sind +/- Ein- und Auszahlungen aus außerordentlichen Posten = Cashflow aus der laufenden Geschäftstätigkeit Einzahlungen aus Abgängen von Gegenständen des Sachanlagevermögens/immateriellen Anlagevermögens - Auszahlungen für Investitionen in das Sachanlagevermögen/immaterielle Anlagevermögen + Einzahlungen aus Abgängen von Gegenständen des Finanzanlagevermögens - Auszahlungen für Investitionen in das Finanzanlagevermögen +/- Einzahlungen und Auszahlungen aus dem Erwerb und dem Verkauf von konsolidierten Unternehmen und sonstigen Geschäftseinheiten = Cashflow aus der Investitionstätigkeit Einzahlungen aus Eigenkapitalzuführungen - Auszahlungen an Unternehmenseigner und Minderheitsgesellschafter (Dividenden, Erwerb eigener Anteile, Eigenkapitalrückzahlungen, andere Ausschüttungen) + Einzahlungen aus der Begebung von Anleihen und der Aufnahme von (Finanz-)Krediten - Auszahlungen aus der Tilgung von Anleihen und (Finanz-)Krediten = Cashflow aus der Finanzierungstätigkeit Zahlungswirksame Veränderungen des Finanzmittelbestandes 7 +/- Wechselkurs-, konzernkreis- und bewertungsbedingte Änderungen des Finanzmittelbestandes Finanzmittelbestand am Anfang der Periode = Finanzmittelbestand am Ende der Periode Abb. 1 Kapitalflussrechnung in Anlehnung an den Deutschen Rechnungslegungs Standard (DRS 2) 6 In der wissenschaftlichen Literatur wird diese systematische Ermittlung des Cashflows eines Unternehmens u.a. unter den Begriff finanzwirtschaftlicher Cashflow subsumiert. Es ist der Cashflow, der auf den Ein- und Auszahlungen des Unternehmens basiert. Vgl. Perridon/Steiner/Rathgeber (2009), S. 584 f. 7 Summe aus Cashflow aus der laufenden Geschäfts-, Investitions- und Finanzierungstätigkeit. 10

11 Das Jahresergebnis nach Steuern wird um die Aufwendungen und Erträge, die mit keinen Einund Auszahlungen verbunden sind, die Liquidität, die aus Bestandsveränderungen in der Bilanz z.b. durch den Verkauf von Vorräten oder die Bezahlung von Forderungen resultiert sowie Zahlungen aus dem außerordentlichen Ergebnis korrigiert, um die liquiden Mittel zu ermitteln, die ein Unternehmen aus seiner laufenden operativen Tätigkeit erwirtschaftet. Dieser Cashflow repräsentiert die Innenfinanzierungskraft des Unternehmens und stellt weitestgehend auf Ein- und Auszahlungen ab. Aus diesem Cashflow finanziert das Unternehmen zumindest teilweise notwendige Invest- itionen und die Tilgungs- und Ausschüttungsverpflichtungen. Der Cashflow aus der laufenden Geschäftstätigkeit ist die wichtigste Finanzierungsquelle deutscher Unternehmen in den letzten Jahren. Dies zeigt die nachfolgend dargestellte Abbildung über die Innen- und Außenfinanzierungskraft deutscher Unternehmen (in Mrd. Euro). Nur in den Jahren 1999 und insbesondere 2000 haben deutsche Unternehmen deutlich mehr externe als interne Finanzierungsmittel genutzt. Beide Jahre sind geprägt und damit auch mit Blick auf nachhaltige Finanzierungsstrukturen verzerrt durch die Internet- und Börseneuphorie im Zusammenhang mit dem vergleichsweise neuen Börsensegment Neuer Innenfinanzierung Außenfinanzierung Abb. 2 Innen- und Außenfinanzierung der nichtfinanziellen Unternehmen in Mrd. Euro Quelle: Deutsche Bundesbank (2007, 2010, 2011a) Innenfinanzierung: u.a. Abschreibung, Gewinnthesaurierung Außenfinanzierung: u.a. Kredit-, Anleihe-, Beteiligungsfinanzierung, Pensionsrückstellungen Strukturbrüche in den Datensätzen der Jahre 2006 und 2008 aufgrund geänderter Datenabgrenzung (u. a. Grundgesamtheit) Markt. Viele zumeist (zu) junge Unternehmen haben den Gang an die Aktienbörse gewagt und umfangreiches externes Eigenkapital erhalten. Die Beschaffung von Finanzmitteln von externer Seite ist in den rezessiven Konjunkturphasen von 2002 bis 2004 sowie im Zeitraum der Finanzmarktkrise 2008/09 stark rückläufig oder sogar negativ. 8 Darüber hinaus zeigt sich, dass die Innenfinanzierungskraft der Unternehmen gewissen Schwankungen unterliegt. Diese Schwankungen sind zumindest teilweise auf schwankende Umsatzerlöse zurückzuführen: In Abschwungsphasen sind die Umsatzerlöse und damit auch die Einzahlungen aus der Umsatztätigkeit rückläufig. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Innenfinanzierung mit wenigen Ausnahmen bei deutschen Unternehmen deutlich wichtiger ist als die Außenfinanzierung. 8 Ein negativer Wert bei der Außenfinanzierung bedeutet, dass die nichtfinanziellen Unternehmen in Deutschland mehr Mittel an ihre Investoren (u.a. Tilgung von Krediten) ausgeschüttet als neu aufgenommen haben. 11

12 Ein Unternehmen kann sich auch liquide Mittel beschaffen, wenn es nicht betriebsnotwendiges Anlagevermögen verkauft also desinvestiert. Der Cashflow aus Investitionstätigkeit ist aber im Rahmen der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit durch Re- und Erweiterungsinvestitionen eher negativ und steht daher nur (sehr) bedingt und oftmals als letzte Lösung als Liquiditätsquelle zur Verfügung. Der Cashflow aus Finanzierungstätigkeit ist die externe Quelle der Liquiditätsbeschaffung. Diese Größe fasst das Kapital zusammen, das Eigentümer und Gläubiger in Form von Eigen- und Fremdkapital netto zur Verfügung stellen. Sie kann mitunter auch negativ sein, wenn Tilgungs- und Dividendenzahlungen in Summe größer sind als die Neuaufnahme von Krediten zzgl. neuer Einlagen der Gesellschafter. Die Kapitalflussrechnung zeigt transparent die vielen Ansatzpunkte für die Liquiditätsbeschaffung. Planungen und damit Prognosen über die einzelnen Cashflow-Größen in den nächsten Perioden auf Basis dieser Struktur sind hervorragende Instrumente für die Geschäftsleitung/den Vorstand, um die künftige Liquiditätssituation des Unternehmens einzuschätzen, zu bewerten und zu steuern. 9 Reichen die über den Umsatzprozess generierten Nettoeinzahlungen nicht aus, um die geplanten Auszahlungen z.b. für Investitionen zu finanzieren, muss das Unternehmen frühzeitig Maßnahmen ergreifen, die Liquiditätslücke durch interne und/oder externe Finanzierungsquellen zu schließen: Ein Abbau der Vorräte, die verstärkte Nutzung von Lieferantenkrediten, ein Verkauf der Forderungen können genauso geeignet sein wie die Kreditaufnahme bei Banken oder anderen Kapitalgebern. 2.3 Steuerung durch die Geschäftsführung Zur Steuerung der Liquidität des Unternehmens stehen wichtige cashfloworientierte Kennzahlen zur Verfügung. In nachfolgender Übersicht sind für die Themenstellung ausgesuchte Kennzahlen und ihre Ermittlungsmethodik beispielhaft dargestellt. 10 Dynamischer Verschuldungsgrad = Verzinsliche Nettoverbindlichkeiten Cashflow aus lfd. Geschäftstätigkeit Free-Operating-Cashflow = Cashflow aus lfd. Geschäftstätigkeit Cashflow aus Investitionstätigkeit Verzinsliche Nettoverbindlichkeiten Kapitaldienstfähigkeit = Cashflow aus lfd. Geschäftstätigkeit + Zinsaufwand Cashflow aus Investitionstätigkeit Kapitaldienst (Zins- und Tilgungszahlungen) Zinsdeckungsquote = Cashflow aus lfd. Geschäftstätigkeit + Zinsaufwand Zinsaufwand Investitionsquote = Cashflow aus lfd. Geschäftstätigkeit Cashflow aus Investitionstätigkeit Abb. 3 Ratingrelevante Kennzahlen Quelle: In Anlehnung an Standard & Poors (2008) 9 Die prognostizierte Kapitalflussrechnung wird in der Praxis im Rahmen der längerfristig ausgerichteten Planung verwandt. Unternehmen in finanziell angespannten Finanzierungslagen werden von den Gläubigern häufig dazu angehalten, auf Basis einer direkten Prognose der künftigen Ein- und Auszahlungen den Liquiditätsbedarf zu ermitteln. 10 In Anlehnung an Standard & Poors. Vgl. Standard & Poors (2008), S. 41 ff. 12

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