Marc-Wilhelm Kohfink Bienen überwintern

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1 Marc-Wilhelm Kohfink Bienen überwintern

2 22 Warum Bienenvölker im Winter sterben Verzuckerte Waben sind entweder auf einen ungeeigneten Futter sirup oder auf eine Meliszitose-Tracht zurückzuführen. Meliszitose ist ein Zucker, den Bienen im Wald von Blattläusen sammeln, die Lärchen parasitieren. Aber auch jede andere Waldtracht hat für die Überwinterung ihre Tücken. Honig auf der Basis von Honigtau ent hält viele Mineralstoffe, welche den Darm der Bienen belasten und zu Durchfall führen. Wenn auf Frost der Tod folgt Bienen sind wärmeliebende Tiere. Sie überstehen milde Winter bes ser als kalte. Ist der Winter anhaltend frostig, verliert eine Kolonie deutlich mehr Bienen als in einem milden Winter. Daher sind beson ders schwache Einheiten, die im Oktober weniger als fünf Waben besetzen, Todeskandidaten in kalten Wintern. Eine Langzeitstudie an der Universität Hohenheim mit Bie nenvölkern hat gezeigt, dass bei einer winterlichen Durchschnittstem peratur von 0 C die Auswinterungsstärke im März bei 65 % bis 70 % der Oktober/November-Stärke liegt. Liegt die Durchschnittstempera tur über 4 C, haben die Völker sogar eine Auswinterungsstärke von über 90 %. Dabei entscheidet besonders die Temperatur im Februar über die Auswinterungsstärke, denn die Bienen, die im März gezählt werden, sind im Februar noch im Ei- oder Larvenstadium. Entfällt dieses aufgrund eisiger Temperaturen, fehlen im März die Bienen. Dabei ist es ganz normal, dass während der gesamten kalten Jah reszeit Bienen abgehen. Oft findet der Imker im Schnee einzelne klamme oder tote Bienen liegen und bedauert ihren Verlust. Daher verkleinern wohlmeinende Imker das Flugloch im Winter bis auf einen kleinen Spalt von circa vier Zentimeter. Sie wollen damit die Bienen am Ausflug hindern. Das ist nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich! Das Bienenvolk dünstet im Winter Wasserdampf aus. Ist das Flugloch klein und hat die Beute womöglich keinen offenen Gitterboden, gefriert der Wasserdampf am Flugloch, sodass es ganz zufrieren kann. Die Bienen sind dann eingesperrt. Retten Sie Ihre Bienen Stellen Sie fest, dass ein Flugloch zugefroren ist, müssen Sie die Bie nen aus ihrem eisigen Gefängnis befreien. Erhitzen Sie dazu einen Stockmeißel oder einen Schraubendreher beispielsweise über einer Gasflamme und schmelzen Sie damit den Ausgang auf. Räumen Sie vorsichtig die hinter dem geöffneten Flugloch liegenden Bienen aus.

3 Pflanzenschutzmittel: Zu Tode gespritzt Dachüberstand Es gibt auch Imker, die das Flugloch mit einem circa Zenti meter messenden Brettchen abdecken. Es wird wie ein Vordach über einem Hauseingang angebracht. Die Bienen können ausfliegen und von unten in das Flugloch krabbeln. Die Konstruktion dient als Sonnen blende. Sie soll verhindern, dass Bienen durch Sonnenschein, der durch das Flugloch in die Beute dringt, herausgelockt werden. Auch diese Methode ist veraltet. Sie stammt aus der Zeit, in der noch mit Strohkörben geimkert wurde. Bei diesen Bienenwohnungen befindet sich das Flugloch oft in Höhe des Bienensitzes, sodass tat sächlich Bienen durch Sonnenschein ins kalte Freie gelockt wurden. Bei den heute gebräuchlichen Beuten ist das Flugloch hingegen im Boden untergebracht, das heißt der Winterbienensitz ist stets in völ liger Dunkelheit. Pflanzenschutzmittel: Zu Tode gespritzt Für das Bienensterben werden häufig Pflanzenschutzmittel (PSM) verantwortlich gemacht. Für viele Imker sind sie die Hauptursache, dass die Bienen nicht durch den Winter kommen. Sie erzeugen den politischen Druck, der dafür notwendig ist, dass mit Hinweis auf den Bienentod bestimmte Wirkstoffgruppen in einzelnen Ländern der Europäischen Union oder europaweit verboten werden. Tatsächlich ist ein Zusammenhang zwischen dem Einsatz von PSM und Überwinterungsverlusten keinesfalls eindeutig. Das legen Untersuchungen des Bienenbrots nahe. Es wird von den Bienen als Futter für Arbeiterinnen und Larven gesammelt. Es besteht aus Pol len, körpereigenen Fermenten und Propolis. Darüber hinaus finden sich auch Rückstände aus PSM und Medikamenten im Bienenbrot. Gut zu wissen Bienen, die im Winter ihr Lebensende nahen fühlen, verlassen aus eigenem Antrieb die Wintertraube und fliegen durch das Flugloch ins Freie. Auch Bienen, die in absoluter Dunkelheit, beispielsweise in Kellern überwintern, verlassen die Beute. Daher sind alle Versuche, die Bienen durch das Ver kleinern des Fluglochs oder durch Blenden am Verlassen der Beute zu hindern, überflüssig. Die toten Bienen liegen dann am Boden der Beute und müssen vom Imker entsorgt werden. 23

4 24 Warum Bienenvölker im Winter sterben Nach Ergebnissen des DiBiMos sind die häufigsten in Bienenbrot vor kommenden Wirkstoffe: Coumaphos aus Varroabehandlungsmitteln Boscalid, ein im Winterrapsanbau weit verbreitetes Fungizid, und Terbuthylazin, ein im Maisanbau eingesetztes Herbizid. Das DeBiMo hat bisher keinen Zusammenhang zwischen Überwinte rungsverlusten und erhöhten Konzentrationen dieser und anderer Pflanzenschutzmittel nachweisen können. Das bedeutet: Bienenvöl ker, deren Bienenbrot mit PSM kontaminiert war, überwinterten nicht schlechter als Bienenvölker, in deren Bienenbrot nichts gefun den wurde. Dies gilt übrigens auch für die in letzter Zeit stark in die Diskussion geratenen und ab 2014 vorerst verbotenen Neonicotino ide. Allerdings vertreten die Autoren des DeBiMo-Berichts die Ansicht, dass Pestizide generell eine schädigende Wirkung auf Honig bienen haben, weswegen gezielte Experimente nötig sind, um ver tiefte Einsichten zwischen dem winterlichen Bienensterben und PSM zu bekommen. So erkranken beispielsweise Bienen, die durch subletale Effekte von Pflanzenschutzmitteln geschädigt sind, leichter an Nosemose. Diese ist eine der häufigsten und im Winter oft tödlich verlaufen den Krankheiten bei erwachsenen Honigbienen. Die typischen Kotspritzer finden sich häufig bei eingegangenen Bienenvölkern auf den Waben. Nachgewiesen ist beispielsweise auch, dass Neonicotinoide die Orientierung der Flugbienen im Gelände behindern. Die Bienen gehen mit höherer Wahrscheinlichkeit bei ihren Ausflügen ver loren und finden nicht mehr zum Bienenstand zurück. Das wirkt sich auf die Stärke des Bienenvolkes aus und kann somit auf die für die Überwinterung wichtige Volkstärke einer Kolonie Einfluss haben. Das unterstreicht einmal mehr die vielfache Verflechtung der einzel nen Gründe, warum Bienenvölker den Winter nicht überleben. Veränderungen im Leben der Imker Wenn darüber debattiert wird, warum in Deutschland die Bienenhal tung in den vergangenen Jahren rückläufig war, geraten selten bis nie kulturelle, ökonomische oder psychosoziale Gründe in den Blick. Dabei sind die Zahlen eindeutig: In schlechten Zeiten imkerten mehr Menschen als in Zeiten des allgemeinen Wohlstands. So waren 1922, also nach dem 1. Weltkrieg, Imker im Deutschen Imkerbund organisiert. Nach dem 2. Weltkrieg waren es auf dem Gebiet der alten

5 Geringere Sterblichkeit Bundesrepublik immerhin noch (1951). Innerhalb der fol genden 20 Jahre verlor die Imkerorganisation in der Bundesrepublik einen Großteil ihrer Mitglieder, nämlich über Bienenhalter blieben gerade Imker übrig. Mit den Bienenzüchtern verschwanden auch die von ihnen betreuten Bienenvölker. Dieses lautlose Verschwinden der Bienenvölker lief parallel zum ökonomi schen Aufschwung aus der ärmlichen Nachkriegszeit in die Zeit der Vollbeschäftigung. Das heißt: Ändern sich die Lebensumstände für den Bienenhalter, hat das auch Auswirkungen auf die Überlebens chancen seiner Bienenvölker. Was sonst noch diskutiert wird Da sich das Bienensterben im Winter im Verborgenen vollzieht und Imker im Frühjahr Völker abräumen müssen, die im Herbst scheinbar noch kerngesund waren, kursieren noch einige weitere Erklärungs versuche in der interessierten Öffentlichkeit. Genannt werden bei spielsweise Elektrosmog, geheime Wetterexperimente ( Chemtrails ), Sonnenflecken und gentechnisch veränderte Pflanzen. Verfechter dieser Theorien kommen überwiegend aus den sogenannten Grenz wissenschaften und stehen mitunter esoterischen Verschwörungs theorien nahe. Sie liefern keine seriösen Erklärungsansätze für das Bienensterben im Winter. Geringere Sterblichkeit Die Autoren der DeBiMo-Studie haben zusammenfassend folgenden Tipp für jeden Imker: Eine wirksame Behandlung von Varroa destructor ist die beste Lebensversicherung, die man für ein Honig bienenvolk abschließen kann. Außerdem erhöhen sich die Überle benschancen der Bienenvölker, wenn sie als starke Völker mit einer jungen Königin an der Spitze eingewintert werden. Wenn man diese Ratschläge beherzigt, bekommt man zwar keine unsterbliche Honig bienenvölker, aber die Wintersterblichkeit der Bienenvölker wird auf jeden Fall zurückgehen. 25

6 26 Bausteine einer erfolgreichen Überwinterung Im letzten Kapitel haben Sie erfahren, welche Ursachen für den win terlichen Bienentod bekannt sind oder zumindest vermutet werden. In diesem Abschnitt erfahren Sie im Umkehrschluss, welche Bedin gungen für eine erfolgreiche Überwinterung notwendig sind. Dabei hat sich die Art, wie wir Bienen heute halten, in den ver gangen Jahren rapide geändert. Das hängt nicht nur mit neuen Beuten typen und der Ausbreitung der Varroamilbe zusammen. Bienen haltung erfordert eine Vielzahl verschiedener Arbeitsschritte. Gesund Überwintern Standort Beutensystem PSM Sublaterale Effekte Fachliche Praxis Gewohnheiten Sorgfalt Medikamenteneinsatz Gesund überwintern Agrarlandschaft Monokulturen Trachtangebot Winterfutter Qualität und Menge Krankheiten Viren, Bakterien, Parasiten Varroa - Befall fördert Sekundärerkrankungen - Behandlung fördert Resistenz Wetter

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