OBERFLÄCHLICH WELTFREMD - MENSCHENFEINDLICH

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1 OBERFLÄCHLICH WELTFREMD - MENSCHENFEINDLICH - HARSCHE KRITIK AM UND KONSTRUKTIVER GEGENVORSCHLAG ZUM VORSCHLAG DER EVANGELISCHEN KIRCHE VON WESTFALEN ÜBER DIE NEUREGELUNG DER TAUFE - von Prof. Dr. Harald Weber, Bielefeld KURZFASSUNG Hinweis : Die Angabe von Seiten und Thesen in Klammern verweist auf die entsprechenden Passagen in der Langfassung dieser Stellungnahme. GRUNDLAGEN 1. Die ursprüngliche Taufordnung stammt aus dem Jahr Sie ist 1953 und 1970 geändert worden. Danach ist 2002 eine neue Taufordnung erlassen worden. Diese soll nunmehr 2013 erstmals geändert werden. Angesichts der geradezu revolutionären Veränderungen des Glaubens, der Familie und der Gesellschaft in dieser langen Zeit ist nicht nur eine punktuelle Änderung, sondern eine grundlegende Überarbeitung der Taufordnung überfällig (Seite 1 und These 1). 2. Die Taufe hat 3 Aspekte - allerdings mit ganz unterschiedlichem Gewicht : - Sie ist Gnade und Geschenk Gottes an den Täufling; - Die Taufe bewirkt den Erwerb der Mitgliedschaft in der Körperschaft Kirche mit allen Rechten und Pflichten; - im Hinterkopf: Die Taufe begründet insbesondere die Pflicht, Kirchensteuern zu zahlen. 3. Zentrale biblisch-theologische Grundlage der Taufe ist der Taufbefehl ( Matthäus 28, 18 20). Taufe ist faktisch in aller Regel (Schätzung: mindestens 90 v.h.) Taufe von Kleinkindern. Daher ist die Segnung der Kinder ( Markus 10, = Matthäus 19, = Lukas 18, 15 17) weitere biblisch-theologische Grundlage der Taufe, fehlt aber in der Taufordnung ( Seite 2 und These 1). 4. Die Taufe ist eine Gnade und ein Geschenk Gottes an den Täufling. Angesichts dessen ist es theologisch dubios und äußerst zweifelhaft, ob die Kirche dem Täufling überhaupt verwehren und ihn dabei behindern darf, dieser Gnade und dieses Geschenks Gottes teilhaftig zu werden, weil Voraussetzungen fehlen, die überhaupt nicht in seiner Person selbst, sondern in der Person von Eltern oder Paten begründet sind ( Seite 1). 5. Im Gegensatz zur Taufe selbst ist das Patenamt nicht biblisch und daher nicht zwingend vorgeschrieben. Daher ist die Kirche frei, hier neue Entwicklungen in Familie, Gesellschaft und Kirche zu berücksichtigen.

2 6. Die Taufordnung und die Änderungsvorschläge der westfälischen Landeskirche stehen an vielen Stellen in klarem Widerspruch zu der berühmten Denkschrift Kirche der Freiheit der EKD = Evangelischen Kirche in Deutschland von 2006 (Seite 3 und mehrfach). 7. Jedwede Organisation, die an Mitgliederschwund, deren finanziellen Folgeproblemen und Auszehrung leidet, kann es sich überhaupt nicht leisten, die Hürden für den Erwerb der Mitgliedschaft hoch zu hängen (Seite 3 und These 3). 8. Mindestens 90 v.h. der Taufen sind Kindstaufen durch Entscheidung ihrer Eltern. Kircheneintritte von Jugendlichen ab Religionsmündigkeit mit 14 Jahren und von Erwachsenen höchstpersönlich sind verschwindend gering. Ohne Kindstaufen hat die Kirche daher langfristig keine Zukunft. Jegliche Erschwerung von Kindstaufen ist daher kirchengefährdend (Seiten 3 und 4 und These 4). 9. Jeder Täufling von heute ist der Kirchensteuerzahler zwar nicht von heute und morgen, aber von übermorgen. Jegliche Erschwerung von Kindstaufen ist daher kirchensteuergefährdend (Seite 4 und These 5). 10. Die EKD-Denkschrift Kirche der Freiheit weist darauf hin, dass 3,5 bis 5 Mio. Menschen in den letzten Jahrzehnten aus der Kirche ausgetreten sind und als potentielle neue Kirchenmitglieder umworben werden sollten. Sie als Eltern oder Paten zurückzustoßen, widerspricht der EKD-Denkschrift (Seiten 4 und 5 und These 6). 11. Beim Taufgespräch ebenso wie beim Traugespräch und beim Trauergespräch kommt es zwingend zu einem individuellen und gründlichen seelsorgerischen Gespräch mit dem Pfarrer / der Pfarrerin. Die Kirche sollte sich hier den Menschen zugewandt und so offen und einladend wie möglich präsentieren. Jegliche Irritation dieser Gespräche durch die Kirche selbst ist unverantwortlich (Seite 5 und These 7). 12. Der Taufgottesdienst ebenso wie die kirchliche Trauung und der Trauergottesdienst ist eine einmalige Gelegenheit, um für den evangelischen Glauben zu werben. An ihnen nehmen als Gäste der Familienfeier auch Kirchenferne, Mitglieder anderer Konfessionen, anderer Religionen sowie Glaubenslose teil. Die Kirche sollte sich hier den Menschen zugewandt und so offen und einladend wie möglich präsentieren. Jegliche Irritation dieser Gottesdienste durch die Kirche selbst ist unverantwortlich (Seiten 5 und 6 und These 8). 13. Bei der Taufe stehen nicht die Kirche und ihre Dogmen und Traditionen, sondern der Täufling und seine Interessen und Bedürfnisse im Mittelpunkt. Es ist ein schwerer Fehler des Vorschlags, dies überhaupt nicht zu beachten (Seite 6 und These 9). 14. Ein Gesetzgeber, der Pflichten der Gesetzesunterworfenen begründet, obwohl er genau weiß, dass die Betroffenen die Pflichten nicht einhalten werden und dass er dies nicht kontrollieren und sanktionieren kann, untergräbt die eigene Autorität und die Autorität des Gesetzes. Dies gilt erst recht für kirchliche Verhaltensnormen. Berühmtes Beispiel : die Enzyklika humanae vitae (Seite 6 und These 10).

3 PERSÖNLICHE VORAUSSETZUNGEN DER ELTERN DES TAUFKINDES 15. Wenn weder der Vater noch die Mutter der evangelischen Kirche angehören, soll nach der Taufordnung die Taufe zurückgestellt werden. Das ist fatal. Denn es ist davon auszugehen, dass sie danach kaum jemals nachgeholt wird (Seiten 7 bis 9 und These 11). 16. Die Regelung ist viel zu pauschal und wird den verschiedenen Sachverhalten nicht gerecht: Es kann sein, dass beide Eltern katholisch sind, aber ihr Kind nicht katholisch, sondern evangelisch taufen lassen wollen. Es kann sein, dass ein Elternteil katholisch, der andere Elternteil dagegen glaubenslos ist und eine katholische Taufe strikt ablehnt. Die evangelische Taufe kann der Kompromiss zwischen ihnen sein. Es kann sein, dass beide Eltern früher evangelisch waren, aber ausgetreten sind und dass ihr Wunsch, ihr Kind zu taufen, der erste Schritt ist, sich der Kirche wiederanzunähern. Es kann sein, dass beide Eltern nie mit dem christlichen Glauben in Berührung gekommen sind (z.b. neue Bundesländer) und dass ihr Wunsch, ihr Kind zu taufen, der erste Schritt ist, sich der Kirche anzunähern. 17. Die Entscheidung darüber, ob in diesem Fall die Taufe vollzogen werden soll, sollte dem Pfarrer autonom überlassen werden, der das seelsorgerische Gespräch geführt hat. Das Presbyterium zu beteiligen, bedeutet in aller Regel nur eine bürokratische und störende Verzögerung. UMGANG MIT MENSCHEN, DIE PATEN WERDEN SOLLEN ODER WOLLEN, DIE ABER WEDER DER EVANGELISCHEN NOCH EINER ANDEREN CHRISTLICHEN KIRCHE ANGEHÖREN 18. Es sind zahlreiche Sachverhalte denkbar, in denen sich ein Mensch schon vor der geplanten Kindstaufe für das Kind engagiert hat und daher zum Paten gemacht werden soll. Dies gilt besonders, wenn die werdende Mutter vom Vater verlassen worden ist. Hier können nur 2 Fälle herausgegriffen werden. Der Vater, der Kinder strikt ablehnt, hat die Mutter wegen / während der Schwangerschaft verlassen. Ein Mensch hält die alleingelassene Mutter davon ab, das Kind abzutreiben, und motiviert sie, es auszutragen. Oder : Ein Verwandter der Mutter erklärt sich bereit, die alleingelassene Mutter, die in Armut zu fallen droht ( Stichwort Armutsrisiko alleinerziehende Mütter ), fortan ständig finanziell zu unterstützen. Die Mutter möchte dieses Verhältnis zementieren, indem sie ihn zum Paten machen möchte. In allen diesen Fällen stellt sich heraus, dass diese dritte Person das Erfordernis der Kirchenzugehörigkeit nicht erfüllt.

4 19. Wenn sich Eltern an eine Kirchengemeinde mit dem Wunsch wenden, ihr Kind zu taufen, haben sie sich (so gut wie) stets schon vorher Gedanken um die Personen von Paten gemacht und deren feste Zusage eingeholt, sich für das Kind zu engagieren. Wenn der Pfarrer / die Pfarrerin den Eltern im Taufgespräch nunmehr eröffnen muss, dass die von ihnen als Pate vorgesehene Person nach kirchenrechtlicher Vorschrift nicht Pate werden darf, führt dies stets zu einer Irritation und Belastung dieses wichtigen seelsorgerischen Gesprächs und im übrigen auch zu einer schweren Enttäuschung des Menschen, der nicht Pate werden darf. Es besteht das Risiko, dass selbstbewusste und kirchenkritische Beteiligte wie folgt reagieren: Die Eltern verzichten auf die Taufe und brechen das Taufgespräch ab. Die Eltern lassen es damit nicht bewenden, sondern nehmen dies zugleich zum Anlass, selbst aus der Kirche auszutreten. Die als Pate in Aussicht genommene Person tritt nur zu dem Zweck in die Kirche ein, um das Patenamt übernehmen zu können, tritt aber danach und nach Ablauf einer Schamfrist wieder aus (Seite 11). 20. Gemeindepfarrer und pfarrerinnen kennen das Problem seit Jahrzehnten und gehen damit in der seelsorgerischen Praxis in der Weise um, dass sie Menschen, die nicht der evangelischen Kirche angehören, zwar keinesfalls zu Paten, aber stattdessen zu Taufzeugen oder Taufbegleitern machen. In der Evangelischen Kirche im Rheinland wird dies so gehandhabt. Der Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg hat in einem Zeitungsinterview erklärt, dass er selbst das so gehandhabt hat. Auch in der Nordkirche ist dies offenbar üblich. Auch im Bereich der westfälischen Landeskirche selbst wird dies so gehandhabt. Die seelsorgerische Praxis in anderen Landeskirchen müsste noch ermittelt werden. Es kann sein, dass die Pfarrer, die mit Taufzeugen arbeiten, die Mehrheit bilden. Auf jeden Fall ist es eine sehr starke Minderheit (Seiten 12 bis 15 und These 13). 21. Indem in Zukunft nur noch ein einziger Pate erforderlich sein soll, kommt der Vorschlag nur den Eltern entgegen, die keinen 2. Paten finden können, verstößt aber zugleich eklatant gegen die Interessen und Bedürfnisse des Taufkindes. Das Patenamt hat eine Amtsdauer von 14 Jahren bis zur Religionsmündigkeit des Taufkindes mit 14 Jahren. In dieser langen Zeit können viele Ereignisse eintreten, welche die faktische Erfüllung des Patenamts unmöglich machen oder zumindest erschweren (können): Trennung und Scheidung der Eltern und des Paten, berufliche Überlastung, Umzug und Versetzung, insbesondere in ein anderes Land, Krankheit, Tod, darüber hinaus fehlendes Engagement des Paten und Entfremdung zwischen Paten und Patenkind. Aus allen diesen Gründen reicht eine einzige Bezugsperson neben den Eltern auf keinen Fall aus ( Seiten 15 und 16 und These 14).

5 UMGANG DER KIRCHE MIT EINEM MENSCHEN, DER WEDER DER EVANGELISCHEN NOCH EINER ANDEREN CHRISTLICHEN KIRCHE ANGEHÖRT BRÜCHIGKEIT DER ABGRENZUNG KIRCHENMITGLIED NICHTKIRCHENMITGLIED 22. Die Frage, wie die Kirche mit einem Menschen umgehen soll, der nach dem Wunsch der Eltern Pate / Patin werden soll und der sich auch schon bereit erklärt hat, sich für das Taufkind zu engagieren, gehört zu der allgemeinen Frage, wie die evangelische Kirche mit Menschen umgehen soll, die nicht der evangelischen Kirche, sondern einer anderen christlichen, einer nichtchristlichen oder gar keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören. Das Problem stellt sich heute ganz anders dar als früher, weil die nicht durch eine christliche Kirche gebundenen Menschen einen immer größeren Bevölkerungsanteil bilden. Die Argumentation, das Patenamt sei ein kirchliches Amt, von einem Menschen, der nicht der evangelischen oder einer anderen christlichen Kirche angehört, könne nicht erwartet werden, dass er dazu beiträgt, dass das Taufkind in den christlichen Glauben hineinwächst, ist auf den ersten Blick logisch zwingend, erweist sich aber bei genauer Betrachtung der Wirklichkeit als brüchig. Die Verbundenheit derjenigen, die Mitglieder der Kirche sind, mit ihrer Kirche ist äußerst unterschiedlich. Einem kleinen Anteil Hochengagierter, die zur engen Kirchengemeinde gehören, steht die erdrückende Überzahl derjenigen gegenüber, die zwar Kirchenmitglieder sind und Kirchensteuer zahlen, aber in mehr oder weniger großer Distanz zur Kirche leben und nur selten Verbindung zu ihr haben. Von ihnen zu verlangen, zu erwarten oder auch nur zu erhoffen, dass sie selbst das Taufkind in den evangelischen oder auch nur christlichen Glauben erziehen, ist weltfremd. Andererseits nimmt die Zahl der Menschen immer mehr zu, die in ihrer persönlichen Glaubenshaltung unverändert engagierte Christen sind, die aber über das Verhalten der Amtskirche derart enttäuscht, ja verzweifelt sind und aus dieser Haltung heraus aus der Kirche ausgetreten sind. Dies gilt in 1. Linie für die katholische, aber auch für die evangelische Kirche. Auch wenn es der Amtskirche selbst noch so schwer fällt, ist das Verhalten dieser Menschen zu respektieren. Die evangelische Kirche sollte alle diese Menschen, die als Paten / Patinnen bereit sich, sich für das Taufkind zu engagieren, nicht zurückstoßen und verletzen, sondern den Wunsch der Taufeltern und deren Bereitschaft akzeptieren und ihnen eine angemessene Stellung bei der Taufe, die zugleich ein großes Familienfest ist oder sein sollte, ermöglichen und einräumen. 23. Was die 3,5 bis 5 Millionen Menschen betrifft, die aus der evangelischen Kirche ausgetreten sind, fordert die EKD-Denkschrift sogar ausdrücklich, um sie zu werben. Nach allem: Die evangelische Kirche sollte alle diese Menschen unverändert einladen, um sie werben und sie keinesfalls zurückstoßen. Kurzum: Die evangelische Kirche soll einladend und nicht abstoßend sein. (Seiten 17 und 18 und These 18).

6 24. Die Begriffe Taufzeuge und Taufbegleiter sind falsch und abzulehnen, weil sie die Sache nicht treffen, um die es hier geht. Diese Menschen sollen nicht nur Zeugen des einmaligen Taufakts sein. Treffend wäre der Begriff Taufkindbegleiter, der aber als Sprachungetüm ausscheidet (Seiten 18 und 19 und These 16). KONSTRUKTIVER GEGENVORSCHLAG 25. VORSCHLAG 1 : Der Begriff Glaubenspate / Glaubenspatin sollte neu eingeführt werden, inhaltlich an die Stelle des Begriffs Pate / Patin treten und diesen ersetzen. Bei ihm kann und sollte an dem Erfordernis der Mitgliedschaft in der evangelischen oder einer anderen christlichen Kirche festgehalten werden. Der Begriff Glaubenspate macht schon durch seinen Wortlaut glasklar, dass von ihm erwartet wird, dass er dazu beiträgt, dass das Taufkind in den Glauben hineinwächst. Das Wort hebt ihn klar und deutlich als besondere Art von Paten hervor. 26. VORSCHLAG 2 : Menschen, die keiner ( christlichen ) Kirche angehören, sollten nicht als Paten abgelehnt und zurückgestoßen werden, sondern offiziell - schlichte - Paten/ Patinnen werden können (Seite 19 und Thesen 17 und 18). 27. VORSCHLAG 3 : Der Gemeindepfarrer / die Pfarrerin sollte verpflichtet werden, darauf hinzuwirken, dass ein Taufkind erhält : - in 1. Linie zwei Glaubenspaten - in 2. Linie einen Glaubenspaten und einen Paten - in 3. Linie zwei Paten. Dies alles kann elastisch und menschenfreundlich geregelt werden durch zwingende Mussvorschriften, durch Sollvorschriften, durch die Pflicht des Pfarrers, dem Presbyterium nachträglich zu berichten oder sogar, aber nur im extremen Ausnahmefall, dessen vorherige Zustimmung einzuholen. Hier ist die gestaltende Phantasie der Juristen gefragt. Ich bin bereit, daran mitzuwirken, eine derartige Formulierung zu erarbeiten. NEUE UMSCHREIBUNG DES PATENAMTS 28. Die Vorschriften der Taufordnung, welche die Aufgaben und Pflichten der Paten / Patinnen umschreiben, sollen nach dem Vorschlag unverändert bleiben. Diese Umschreibungen sind weltfremd und lebensfremd. Sie mögen ein schöner Traum von Theologen sein, die keinen Kontakt zu Kindern und Enkelkindern von heute und von daher keinen Zugang zu deren Denk- und Lebenswelt haben. Diese Umschreibungen haben aber mit der Wirklichkeit von heute nichts zu tun. Der Anteil der Paten, die diese Anforderungen nach der Taufordnung faktisch erfüllen, liegt jedenfalls unter 5 Prozent und vermutlich sogar im Promillebereich (Seite 20 und These 19). 29. Der Umgang des voll belasteten Gemeindepfarrers mit den Paten in der Wirklichkeit ist aus vielerlei Gründen sehr lose und flüchtig: im Regelfall kein näheres Kennenlernen, erst recht kein gründliches seelsorgerisches Gespräch.

7 Die Paten / Patinnen erhalten noch nicht einmal eine genaue Information über ihre von der Kirche erwarteten Aufgaben als Paten. Vor diesem ganzen Hintergrund hängen die Anforderungen der Taufordnung an den Inhalt des Patenamts erst recht in der Luft. Würden aber die Paten über ihre Aufgaben nach der Taufordnung gründlich informiert, so würden sie noch mehr vor dem Patenamt zurückschrecken. Es würde erst recht keine Paten mehr geben (Seite 21 und These 20). 30. Die Begründung zu dem Gesetzesvorschlag und der Text der Taufordnung, der unverändert bleiben soll, widersprechen sich eklatant. Die Begründung enthält Formulierungen, die vorbehaltlos zu begrüßen sind : Das Patenamt sei ein kirchliches Amt, das aber im Kontext der Familie wahrgenommen werde. Patenschaft finde zugleich in familiären und freundschaftlichen Zusammenhängen statt. Paten sollten für ihr Patenkind zur Vertrauensperson werden, die neben den Eltern für Fragen des Lebens und des Glaubens ansprechbar seien. Diese doppelte Perspektive sei stets zu beachten. Indessen unterlässt es der Vorschlag, diese richtigen und wichtigen Erkenntnisse in den Gesetzestext zu übernehmen und die Aufgaben aus dem Patenamt grundlegend neu zu formulieren und zu reformieren (Seite 22 und These 21). 31. VORSCHLAG 4 : Die Aufgaben des Paten / der Patin müssen in der Taufordnung vollkommen neu formuliert werden. Begriffe wie erziehen, den Weg weisen, unterweisen, dafür Sorge tragen, dass sich das Kind der Bedeutung der Taufe bewusst wird und dergleichen sind für das Verhältnis des Paten zum Patenkind nicht (mehr) angemessen und überholt. 32. Die meisten / fast alle Paten, auch wenn sie Kirchenmitglieder sind, können sich heutzutage in Fragen des Glaubens gar nicht (mehr) artikulieren und erst recht Kinder darin nicht informieren und belehren. Personen, die beruflich mit Kindern umgehen ( Kindergärtnerinnen, Lehrer, Pfarrer usf. ), können dies viel besser und sind ihnen darin weit überlegen. Vor diesem Hintergrund besteht die Aufgabe des Paten / der Patin nicht mehr ( so sehr ) darin, höchstpersönlich mit dem Patenkind Glaubensfragen inhaltlich zu besprechen, sondern nur noch oder vor allem darin, darauf hinzuwirken / anzuregen, dass das Patenkind einen von der Kirche getragenen Kindergarten besucht, einen Kindergottesdienst kennenlernt und besucht, am Konfirmandenunterricht teilnimmt und konfirmiert wird sowie dass es eine Kinderbibel und andere Bücher und andere Medien über den Glauben besitzt (Seite 23). 33. Die evangelische Kirche ist in der glücklichen Lage, dass sie in den Kindergärten, Kinderkrankenhäusern sowie Familienberatungsstellen, deren Trägerin sie ist, über umfangreiches Personal ( Kindergärtnerinnen, Kinderärzte, Kinderpsychologen) verfügt, die entscheidend dazu beitragen können, eine moderne und kindgerechte Umschreibung der Aufgaben von Paten zu erarbeiten und zu formulieren (Seiten 23 und 24 und These 22). Diese Möglichkeit sollte unbedingt genutzt werden. 34. Viele Formulierungen des Textes der Taufordnung stammen noch aus der ursprünglichen Taufordnung von 1950, also aus lange vergangenen Zeiten und waren schon damals überholt, da das Grundgesetz ein Jahr früher in Kraft getreten war. Dem

8 Text im Ganzen liegen noch ein obrigkeitliches Denken und ein Verhältnis der Kirche zu ihren Untertanen zugrunde und schimmern an vielen Stellen durch, die aus der Zeit vor 1914 stammen (Seiten 24 und 25 und These 24). Nicht nur das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern, sondern auch das Verhältnis der Kirche zu ihren Mitgliedern haben sich in den seitdem verstrichenen 100 Jahren grundlegend gewandelt. Angesichts des Mitgliederschwundes und der zunehmenden Gleichgültigkeit und darüber hinaus bewusst kritischen Haltung ihr gegenüber hat die Kirche allen Anlass, um die Menschen zu werben und selbst die Anforderungen besonders strikt einzuhalten, die sie in ihren Predigten und Stellungnahmen usf. von anderen verlangt. 35. Eine Neuregelung der Taufe in grundlegenden Fragen wie hier sollte keinesfalls von der Evangelischen Kirche von Westfalen isoliert und selbstherrlich beschlossen werden. Vielmehr sollte die Landeskirche zunächst eine Diskussion im Bereich der EKD über die Modernisierung der Taufe auf der Grundlage und im Weiterdenken der vielfältigen Überlegungen und Argumente der EKD-Denkschrift Kirche der Freiheit anstoßen, initiieren und fördern (Seite 25 und These 25). 36. Die Kirche beklagt, dass internationale Untenehmen und Konzerne die Rechtszersplitterung im staatlichen Recht, insbesondere im Steuerrecht, Umweltrecht, Arbeitsrecht usf., ausnutzen und das Land bevorzugen, in dem die Gesetze ihnen am günstigsten sind. Sie beklagt, dass Bürger bei der Abtreibung, der Gentechnologie, der Sterbehilfe usf. das Land bevorzugen, in dem die Gesetze ihnen am günstigsten sind. In gleicher Weise können unterschiedlich strenge Voraussetzungen in den Kirchengesetzen der verschiedenen Landeskirchen über die Taufe einen Tauftourismus provozieren. Clevere und geschickte Eltern erbitten eine Taufe ihres Kindes nicht an ihrem eigenen Wohnort, sondern am Wohnort der Großeltern väterlicherseits oder mütterlicherseits oder eines Paten oder auch an einem beliebigen Ort mit der vorgeschobenen Behauptung, dort solle ein Familientreffen gefeiert werden, in dessen Rahmen auch die Taufe stattfinden solle. Dies alles geschieht mit dem - natürlich nicht offenbarten Hintergedanken, einer für sie negativen Kirchenvorschrift über die Taufe an ihrem Wohnort auszuweichen. Wenn auf diese Möglichkeit im Internet hingewiesen wird, kann sich eine derartige Handhabung bei der jungen Generation der Eltern von Taufkindern als geborener Internet- Generation sehr schnell durchsetzen. Das alles wäre fatal. Ebenso wie der Vorwurf in Wahrheit gegen die Staaten zu richten ist, die ihr Recht nicht vereinheitlicht haben, ist der wahre Vorwurf gegen die Landeskirchen zu richten, die es verabsäumen, das Kirchenrecht ihrer kleinen Kirchenprovinzen über das wichtige Gebiet der Taufe zumindest auf der Ebene der EKD zu vereinheitlichen. Diese Stellungnahme in ihrer hier vorliegenden Kurzfassung und in der Langfassung kann unter heruntergeladen werden.

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