hr2-camino Religionen auf dem Weg Gott befohlen Warum Eltern ihre Kinder taufen lassen Autorin: Doris Weber

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1 Dieses Manuskript stimmt nicht unbedingt mit dem Wortlaut der Sendung überein. Es darf nur zur Presse- und Hörerinformation verwendet und nicht vervielfältigt werden, auch nicht in Auszügen. Eine Verwendung des Manuskripts für Lehrzwecke sowie seine Vervielfältigung und Weitergabe als Lehrmaterial sind nur mit Zustimmung der Autorin/des Autors zulässig. hr2-camino Religionen auf dem Weg Gott befohlen Warum Eltern ihre Kinder taufen lassen Doris Weber Beginnt O-Ton: Elke Hemsaat: Ganz bewusst haben wir Saskia nicht taufen lassen, und das war, glaube ich, ganz richtig, dass wir gesagt haben, das musst du selber entscheiden. So dieser Schritt, willst du dich taufen lassen, dann musst du vorher in die Kirche eintreten, ja, warum willst du das? Glaubst du an irgendwas oder machst du das, weil deine Freundinnen das machen? Für Elke Heemsat, die Mutter von Saskia, bedeutet Kirche und Glauben Zwang und Unfreiheit. Du musst dich taufen lassen, du musst dich konfirmieren lassen, forderten ihre Eltern, forderte auch der Pastor im Dorf. Saskia, ihrer Tochter, sollte es einmal besser gehen. Sie sollte frei sein in ihrer Wahl: katholisch, evangelisch oder gar nichts. Doch wie konnte sich das Kind entscheiden in einem Elternhaus, das mit Kirche gar nichts am Hut hatte? Saskia begab sich allein auf die Suche: O-Ton: Elke Heemsat: Sie ging zu Firmungen und war in katholischen Haushalten, wo wirklich gläubige Menschen sind. Das hat sie fasziniert, und dann ging sie in evangelische Familien und hat sich dort alles angeschaut. Und dann sagte sie: so, ich will mich konfirmieren lassen. Und dann hat sie das gemacht. Es war komisch für mich. 1

2 Sie ließ sich taufen, konfirmieren und heiratete schließlich kirchlich. Zwei Söhne wurden geboren, und Saskia entschied sich ganz anders als ihre Mutter: O-Ton: Elke Heemsat: Ich kann es mir bis heute nicht erklären, warum sie ihre Kinder taufen lässt. Als Moritz getauft wurde, habe ich gesagt, ihr habt gerade vor dem Pastor geschworen, dass ihr euer Kind religiös erzieht. Kannst du das? Weißt du wie das geht? Aber sie hat gesagt, sie macht das. Saskia kann ihrer Mutter erklären, warum ihre Kinder getauft sein sollen: O-Ton: Saskia: Ich möchte gern, dass Religiosität und dieser Glaube an Gott und das Christentum, dass das ganz natürlich Bestandteil ihres Lebens wird, das dass nicht etwas ist, das sie sich explizit aneignen müssen, so, wie es bei mir war: du musst dich entscheiden, mach es oder mach es nicht, sondern dass das ein ganz normaler natürlicher Bestandteil ihres Lebensweges wird, dass es ganz normal ist, in der Kirche zu beten und sich nicht komisch dabei zu fühlen, Ich kam mir immer ein bisschen komisch vor, wenn ich in die Kirche ging weil ich dachte, oh, ich bin ja gar nicht getauft, darf ich überhaupt beten? Wenn sie dann sagen: ne wir glauben nicht an Gott, dass sie sagen können, wieso sie nicht an Gott glauben. Deshalb ist es so wichtig, dass sie frühzeitig mit der Kirche und der Gemeinschaft in Kontakt kommen. Saskia ließ sich taufen, weil sie unbedingt Patin werden wollte. Sie selbst hat keine Geschwister, aber sie wollte gern Tante sein und sich um andere Kinder kümmern. Nach ihrer Taufe und Konfirmation hat sie dann auch ganz schnell für ihre beiden Cousinen eine Patenschaft übernommen. Das war Klasse, sagt Saskia und darum ist es ihr heute wichtig, dass ihre Kinder ebenfalls gute Paten haben, so wie ihr erster Sohn Moritz: O-Ton: Saskia: Er hat zwei Paten, meine beste Freundin, die ist griechisch Orthodox, das ist die offizielle Patin, und mein bester Freund, der ist leider nicht getauft, das ist der inoffizielle Pate, der war aber auch mit in der Kirche. Und da ist es mir wichtig, weil ja die Patin auch etwas mit gibt über ihre Religion. Griechisch-orthodox ist ja anders als die evangelische Kirche, und dass er da 2

3 Erfahrung sammelt, dass sie mitkommt in die Kirche oder sie nimmt ihn mit sie ist selber nicht streng religiös aber gewisse religiöse Feste werden eingehalten, und dass mein Sohn das auch mit bekommt, was es sonst noch so gibt. Moritz hat Glück, er hat Paten, die ihre Aufgabe mit Freude erfüllen. Nun soll sein kleiner Bruder Bruno getauft werden. Doch hier gibt es ein Problem: O-Ton: Saskia: Wir brauchen halt Paten, und das ist schwierig, in unserem Freundeskreis Paten zu finden, die nicht nur getauft sind und konfirmiert, sondern die auch noch in der Kirche sind, den viele treten ja relativ schnell aus, wenn sie im Berufsleben sind und können dann halt nicht mehr Pate werden. Vor dem Problem stehen wir jetzt. Und das wird ne echte Suche. Als Moritz getauft wurde, hatte ich schon das Gefühl, jetzt ist da jemand, der hält die Hand über ihn. O-Ton: Inge Kuschnerus: Bei Martin Luther ist das so gewesen: der war ein Mensch bei dem es ja beileibe nicht immer geradeaus ging, der an vielen Wegscheiden stand, und das war auch immer jemand, der oft und schwer gerungen hat mit vielen Ängsten, Anforderungen auch dem Gefühl, schuldig geworden zu sein, Irrtümer begangen zu haben. Damit hat er sich oft fürchterlich rumgeplagt, und von ihm ist überliefert, dass er sich mit Kreide auf seinen Tisch geschrieben hat: Ich bin getauft. Auf Lateinisch. Für ihn war das so eine Art Anker, wenn er stark angefochten war und mit Angst zu kämpfen hatte, dann hat er sein Buch beiseite geschoben und dann stand da: Ich bin getauft und dann konnte er sich daran festhalten. Die Gemeindepastorin Inge Kuschnerus ist begeistert, nicht nur von Martin Luthers Geschichte. Das Thema Taufe habe sie gepackt, sagt sie, seitdem die Evangelische Kirche in Deutschland, die EKD, das Jahr 2011 zum Jahr der Taufe erklärte. Inge Kuschnerus wurde beauftragt, in Bremen dieses Jahr der Taufe zu koordinieren. Begleitend dazu gab die EKD eine so genannte Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis der Taufe in der evangelischen Kirche heraus, in der sie ihrem Wunsch Ausdruck verleiht, dass die Eintrittstür in die christliche Gemeinschaft für alle Beteiligten deutlicher zu erkennen sein sollte. Ein Wunsch und gleichsam eine Kritik. Denn die EKD erwartet von ihren Pfarrerinnen und Pfarrern eine der heutigen Zeit angemessene Taufpraxis, damit, wie sie wörtlich schreibt, die Zusage der Lebensgemeinschaft nicht banal 3

4 wird. Es gelinge kaum noch das, was die Taufe bewirke, so auszusprechen, dass es von den Gemeindegliedern verstanden wird. Denn wer antwortet heute noch auf die Frage: Was gibt oder nützt die Taufe? mit Martin Luthers Kleinem Katechismus von 1528, wo geschrieben steht: Sie wirkt Vergebung der Sünden, erlöst vom Tode und Teufel und gibt ewige Seligkeit allen, die es glauben. Solche Begriffe müssten neu interpretiert werden. Die Gemeindepastorin Inge Kuschnerus deutet sie so: O-Ton: Inge Kuschnerus: Die Botschaft, die wir da zu bringen haben mit der Taufe heißt: du bist wirklich als Mensch in jeder Zeit deines Lebens als Gotteskind und angenommen. Das soll ja nun auch gerade seine Kraft entfalten in Zeiten, wo man durchgeschüttelt wird, wo man nicht der Norm entspricht. Das ist ja gerade die Botschaft, der Taufe. Gott setzt für dich andere Normen, der begegnet dir mit seiner Liebe und setzt nicht diese Normen und Grenzen, die eine Gesellschaft setzt Paulus benutzt ja im Korintherbrief das Bild von einem Leib, der viele Glieder hat, die verschieden sein können und müssen, mit Gaben, Funktionen, Stärken, Schwächen. Und Taufe ist eben diese Eingliederung in diesen Leib, dieses Ja, die Zusage, du darfst dazugehören, du gehörst zu Christus, und auch zu der Gemeinschaft der Christen. Die Taufe ist, aus christlicher Sicht, eine Gnadengabe. Ein Geschenk Gottes. Als Symbol zum Jahr der Taufe wählte die EKD ein Geschenkpaket, umwickelt mit einer roten Schleife. Und die Christen nehmen es gern an. Denn die Taufbereitschaft ist gewachsen. 80 Prozent aller evangelischen Eltern lassen ihr Kind taufen. Obwohl sie selbst oft der Kirche fern stehen, sagen sie sich: Schaden kann es nichts, wenn mein Kind getauft ist. Sie möchten auf Nummer sicher gehen, weil sie ahnen, dass in der heutigen Risikogesellschaft ihrer Fürsorge Grenzen gesetzt sind, dass Krankheit, Tod, Einsamkeit, fehlende Anerkennung menschliches Leben seelisch und körperlich bedrohen. Inge Kuschnerus, selbst Mutter von vier Kindern, hört dies immer wieder, wenn sie mit den Eltern Taufgespräche führt: O-Ton: Inge Kuschnerus: Es ist tatsächlich so, das ist auch meine Erfahrung als Pastorin, dass viele Eltern, wenn sie Eltern werden, ganz neu die Verwundbarkeit erfahren, ihres eigenen Lebens aber auch des Lebens ihres Kindes. Und sich da ganz neue Fragen auftun und sie tatsächlich merken, ich als Mutter und als Vater habe Grenzen. Ich werde mein Kind nicht vor allem Bösen bewahren können, und die wollen ganz einfach Gott an ihrer Seite wissen. Die Eltern wissen in den allermeisten Fällen sehr gut, dass die Taufe keine magische Handlung ist und keine Schluckimpfung, die sie vor allem Bösen bewahrt, aber sie haben sehr deutlich das Gespür, ich 4

5 komme an meine Grenzen. Die Möglichkeit besteht und ich möchte Gott an meiner Seite wissen, ich möchte mich dessen vergewissern. Einladung zur Taufe ist Einladung zum Glauben, schreibt die EKD. Werden kleine Kinder getauft, so ist es die Aufgabe der Eltern, das Taufbegehren zum Ausdruck zu bringen. Ihr stellvertretendes Ja zur Taufe ist unverzichtbar. Denn sie sind es auch, die vorrangig für die religiöse Erziehung ihres Kindes zuständig sind. Darum wird von ihnen bei der Taufe das Versprechen erwartet, ihr Kind christlich zu erziehen, und ihm nach bestem Vermögen den Weg zu einem Leben als Christ zu weisen. So steht es im Taufbuch der Union Evangelischer Kirchen. Darüber hinaus stehen dem Täufling noch Paten zur Seite. Die Pastorin Inge Kuschnerus sieht Täufling und Paten in einer ganz besonderen Beziehung: O-Ton: Inge Kuschnerus: Ganz wichtig ist mir auch, dass Paten für ihre Patenkinder beten können. Es verändert mein Verhältnis zu meinem Patenkind, wenn ich für es bete und mit meinen Gedanken bei diesem Kind verweile, bei ihm bin und mir überlege, was braucht dieses Kind jetzt um gut und sicher leben und seinen Weg gehen zu können. Ich glaube, dass es so etwas gibt wie Für-Glauben, Glauben für diesen Menschen, dass das, was ich in diesem Moment verstehe und meine, was mein Glaube ist, der erstreckt sich ich auf die Menschen, die mir anbefohlen sind, auf die Menschen, die ich liebe. Die Paten bürgen für die Ernsthaftigkeit des Taufwillens und übernehmen als Zeuge Verantwortung für die christliche Entwicklung des Täuflings. Darum ist am geistlichen Auftrag des Patenamtes festzuhalten, wie es im Kirchenrecht geschrieben steht, fordert die EKD in ihrer Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis der Taufe. Mindestens ein Pate muss evangelisch sein. Und hier eröffnet sich ein Problem: Es herrscht zunehmend ein Notstand an Taufpaten. Eltern finden zwar genügend Freunde und Verwandte, die ihre Kinder liebevoll begleiten möchten, doch können diese nur noch selten eine Mitgliedschaft in der Kirche vorweisen. Die EKD besteht jedoch auf ihrem Kirchenrecht und lehnt Ausnahmen von dieser Regelung ab: O-Ton: Inge Kuschnerus: Meine Linie ist, ein Pate sollte wirklich in der Kirche sein, aber ich würde jemanden, der nicht in der Kirche ist, nicht zurückweisen. Ich sage den Familien, welche Rolle dieser Mensch hat im Leben des Kindes, dass es eine entscheidende religiöse Rolle spielt, der Pate, das Patenamt. Streng genommen, im Sinne der Kirche, kann das dann nicht sein. Aber ich würde so jemanden in einem Taufgottesdienst nicht 5

6 zurückweisen. Der ist dabei und wird auch angeredet und angesprochen. Da wird Kirche ihrer seelsorgerlichen Verantwortung nicht gerecht, wenn sie da harte Schnitte macht. Das fände ich nicht angemessen. Daran: O-Ton: Monika Niermeier-Stamm Mir war wichtig, dieses Bewusstsein zu haben, dass ich eine Verantwortung übernommen habe, eine Verpflichtung für dieses Kind: Für mich war klar, wenn den Eltern was passiert wäre, hätte ich mich selbstverständlich darum gekümmert. Ich hab immer gesehen und gehört, wie es dem Kind, geht; was er macht, welche Interessen er hat. Und dann hat er mir mal einen ganz tollen Brief geschrieben, das hat mich umgehauen, so ein wunderschöner Brief. Er hat mir alles erzählt, wie sein Leben abläuft; mit welchen Leuten er zu tun hat, das hat mich gefreut und da hab ich gemerkt; dass ich ihm auch nicht unwichtig bin. Und was ich ganz schön fand war, als er seinen ersten Sohn bekommen hat, hat er gesagt: ich hoffe sehr, dass wir für Leo einen so guten Paten finden, wie du es für mich gewesen bist. Und das war der schönste Satz, den ich aus seinem Mund gehört habe. Monika Niermeier-Stamm wurde vor 32 Jahren Patentante für sie ist es eine Lebensaufgabe. Paten sollten Vorbild sein, sagt sie, wahrhaftige Menschen, die für christliche Werte einstehen und das Wohlergehen des Kindes nicht aus dem Blick verlieren, und dafür, meint Monika Niermeier-Stamm, müsse ein Pate nicht zwingend einer Kirche angehören: O-Ton: Monika Niermeier-Stamm: Ich hätte den Anspruch, dass das ein Mensch ist, der verlässlich ist, und dass das Kind das weiß. Diese Erwartung habe ich an mich gestellt, das war für mich eine klare Sache. Wichtig ist, dass man ein Auge auf das Kind hat, dass man es mit Liebe begleiten will. Mir war es als Patentante wichtig zu sehen, dass dieser Junge ein anständiges, fröhlicher, liebenswerter Mensch wird, der mit anderen Menschen gut umgeht, mit der Umwelt gut umgeht, eine bewusste Haltung hat und auch kritisch ist. Ich finde schon, dass man als Pate darauf achten muss, zu gucken dass ein Mensch sich zu einem richtig Menschen entwickelt. Trotz abnehmender Kirchenbindung wird der Taufe gegenwärtig eine hohe Wertschätzung entgegengebracht. Insbesondere die Kindertaufe wird von zahlreichen Eltern gewünscht. Die EKD-Orientierungshilfe stellt dazu fest, dass theologisch gute Gründe für eine Säuglingstaufe sprechen, weil gerade die Taufe von Kleinkindern besonders anschaulich zum Ausdruck bringe, dass Gott den Menschen ohne dessen willentliches Zutun annimmt. Gleichwohl sieht die EKD auch, dass sich diese Praxis wandelt und sie weist darauf hin, dass jedes Taufalter zu respektieren 6

7 ist, und dass gerade die Vorbereitung von Taufen mit mündigen Menschen für alle Beteiligten bereichernd sein kann. Greta bestätigt dies. Sie war 14, als sie sich taufen ließ: O-Ton: Greta: Ja, ich wollte getauft werden. Gesegnet zu werden durch dieses Weihwasser, dass man sozusagen Teil der Glaubensgemeinschaft des Christentums ist, ich denke, dass das es ein schönes Gefühl ist. Ein schöner Moment. Meine Taufe war sehr schön an Ostern. Morgens früh um sechs, als es noch dunkel war, sind wir in die Kirche gekommen. Und während der Taufzeremonie ging die Sonne auf. Unser Pastor, das war sehr positiv, der war wahnsinnig toll und total lustig. Der hat nie eine langweilige Rede gehalten. Das fand ich schon sehr schön. Ich habe auch das Gefühl, dass ich in eine Gemeinschaft hineingetauft wurde.ich gehe nicht regelmäßig in die Kirche, aber es ist schön zu wissen, dass man dazugehört. Ihre Patentante hat Greta sich selbst ausgesucht. Natascha, ihr früheres Au-Pair-Mädchen. Mit ihr habe sie eine super schöne Zeit verbracht, erzählt Greta, und darum will sie die Verbindung zu Natascha nicht verlieren. Natascha ist russisch-orthodox. Das findet Greta spannend und wenn sie selbst einmal Mutter werden sollte, wird sie ihre Kinder taufen lassen. Eine Patentante hat sie auch schon: O-Ton: Greta: Eine Freundin von mir aus meiner Kindheit. Das ist Seal, sie ist Chinesin, aber eine Christin. Für sie würde ich mich ganz bewusst entscheiden, weil sie ein wahnsinnig treue Seele ist, eine sehr gute Freundin, und sehr verlässlich. Deswegen glaube ich, dass sie die perfekte Patentante wäre, weil eine Patentante ist ja auch ein Mensch, der, wenn den Eltern mal was zustoßen sollte, für das Kind da ist. Und darüber habe ich auch sehr lange nachgedacht und ich kenne sie gut und ich weiß, dass sie auf jeden Fall für mein Kind da wäre. Ich würde es auf jeden Fall umgekehrt auch für ihre Kinder machen. O-Ton: Grethlein: Ich glaub, das Erste, was man sich deutlich machen muss, ist, dass in den ersten drei Jahrhunderten für die Christen die wichtigste Handlung die Taufe war und entsprechend ausgeschmückt wurde. Die Menschen haben sich drei Jahre vorbereitet auf die Taufe, den Gottesdienst besucht, sich mit dem Bischof, so hieß der Gemeindeleiter, abgesprochen. Und dann kam, meistens in der Osternacht, der Akt selber. Und drei Tage vorher haben die sich versammelt, sie haben gewacht, gefastet sich nicht mehr gewaschen, auch sexuell abstinent gelebt. Und insofern haben sie diese Berührung mit dem Wasser, sie wurden ja richtig 7

8 untergetaucht, ganz elementar erlebt. Und sofort im Anschluss an die Taufe haben sie das Abendmahl mit der ganzen Gemeinde gefeiert. Sie wurden also richtig aufgenommen, und dieser Akt hat sie dann das ganze Leben begleitet. Und heute? Christian Grethlein ist Professor für praktische Theologie an der evangelischen theologischen Fakultät der Universität Münster. Er forscht seit 1985 über das Thema Taufe. Die Taufe, so bedauert er, hat in der Kirchengeschichte einen herben Bedeutungsschwund erlitten. Ähnlich wie die EKD in ihrer Orientierungshilfe, kritisiert er die lieblose Taufpraxis und die mangelhafte inhaltliche Vorbereitung der Täuflinge, der Eltern und der Paten: Taufbefehl, Gebet, kurzer Zuspruch, Glaubensbekenntnis, Taufhandlung, Handauflegung alles werde wie nebenbei eingefügt: und der Gottesdienst geht weiter. In zehn Minuten sei das schnell zu schaffen, sagt Grethlein und fürchtet, dass die Kirche in solch einem inhaltsleeren Ritual ihre Ausdruckskraft verliert und damit einen wertvollen Schatz verspielt: O-Ton: Grethlein: Der Schatz der Taufe sind fünf Grundsymbole, die sich um die Taufe ranken: zuerst das Kreuzzeichen, dann die Nennung des Namens, die Handauflegung, das Wasser und dass Licht der Kerze. Das sind fünf Grundsymbole menschlichen Lebens, die auch in unserem Alltag vorkommen, die alle eine Besonderheit habe, denn sie haben alle eine Ambivalenz: der Name kann liebevoll genannt werde man kann auch schelten, eine Hand kann einen schlagen und sie kann auch segnen. Das Kreuz kulturgeschichtlich Zeichen der Vollendung der Welt, aber im christlichen Zeichen das Marterinstrument, an dem Jesus qualvoll sterben musste. Das Wasser ist etwas, was wir alle zum Leben brauchen, aber wir wissen, wir können auch im Wasser sterben. Und die Kerze ist offenkundig ambivalent: sie wärmt uns, sie erhellt, aber sie verzehrt sich dabei, sie geht zugrunde. Woraus schöpfe ich meine Kraft und meine Hoffnung? Was trägt mich in schwierigen Lebenssituationen? Wie wächst mir Lebensmut zu? Darf ich mich wirklich zu allen Zeiten auf das Ja Gottes verlassen, das mir in der Taufe versprochen wird? Das sind die Fragen, mit denen die Menschen heute in die Taufgespräche kommen. Unsicherheit, Angst, Gefühlskälte in einer technisch hochgerüsteten Gesellschaft, die zwischen wertvollem und wertlosem Leben unterscheidet, Heimatverluste, zerbrochene Familien und bröckelnde Traditionen, das treibt junge Eltern um. Wir dürfen sie nicht mit unserer Sprachlosigkeit allein lassen, mahnt die EKD in ihrer 8

9 Orientierungshilfe. Christian Grethlein hat in zahlreichen Interviews erforscht, warum Eltern ihre Kinder taufen lassen wollen. O-Ton: Grethlein: Und da sieht man zum einen, offenkundig eine Traditionsleitung in unserer Familie werden alle Kinder getauft, das zweite wurde genannt die Generation in Vorsorge, ich möchte, dass es mein Kind mindestens genauso so gut hat wie ich möglichst noch besser. Ich selber bin getauft worden vielleicht hab ich als Christ nicht viel damit angefangen, aber die Chance soll mein Kind auf jeden Fall haben, das es in den Religionsunterricht kommt und dass es später kirchlich getraut wird. Ein weiteres Argument, auf das wir erst vor Kurzem im Rahmen unserer empirischen Untersuchung gestoßen sind, ist weit erstaunlicher, und zwar ist es die Frage nach dem Tod. In Interviews haben über die Hälfte Eltern, obwohl sie nicht danach gefragt wurden, angegeben, dass der Umgang mit dem Sterben, dem Tod für sie ein ganz wichtiges Motiv war. Und dann auch die Angst um dieses kleine Kind, das ja völlig hilflos ist und auch völlig schutzlos, das also doch einer Macht anzuvertrauen, die es behütet, das scheint ein ganz wesentliches Taufmotiv zu sein. Wenn auch die Taufquote steigt, so gibt es schon seit Jahrzehnten eine offene Wunde, die von der Kirche bisher nicht geschlossen werden konnte. Die Zahl der Taufen von Kindern alleinerziehender Mütter bleibt mit 25 Prozent dramatisch niedrig: O-Ton: Grethlein: Als ich mich 1985 das erste Mal wissenschaftlich mit dem Thema Taufe beschäftigte und Statistiken durchging fiel mir auf, damals wurden ja fast alle Kinder im ersten Lebensjahr getauft, dass das für alleinerziehende Mütter nicht zutraf. Dem bin ich nachgegangen und ein wesentlicher Grund dafür war, dass früher alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern einem besonderen Taufritual unterzogen wurden, Da wurden keine Glocken geläutet, die Mutter musste ein Bußbekenntnis sprechen für ihr unsittliches Verhalten und so weiter und das führte dazu, dass sich die Frauen, als sie durften, herausgezogen haben. Und das ist ganz fatal, hier wurde bürgerliche Moral mit dem Heil, das uns Gott schenkt, verwechselt.das ist ein kulturelles Gedächtnis, heut wird sicher kein Pfarrer und keine Pfarrerin mit alleinerziehenden Müttern so umgehen, aber die Kirche tut gut daran, sich davon explizit zu distanzieren. 9

10 Mit der Taufe erhalten die Christen eine beglückende Zusage, das unumstößliche Ja Gottes, das sie durch alle Höhen und Tiefen des Lebens begleitet. Darum feiern sie dieses Fest so gern in einem besonders sinnlichen Ritual. Da ist das kleine Kind in seinem wunderschönen weißen Kleid. Der junge Täufling in seinem ersten Anzug. Pfarrer berichten davon, dass Menschen oft Jahrzehnte nach ihrer Taufe an die Tür klopfen, um in ihrer Kindheits-Kirche noch einmal den Taufstein zu sehen. Die Taufkerze gibt es immer noch zu Hause. Manche entzünden sie bei Geburten, bei Hochzeiten und schließlich am Sterbebett eines geliebten Menschen. Das Ereignis der Taufe bleibt für viele Christen lebensbestimmend und unvergesslich. Nicht umsonst spricht man deshalb auch von einem Taufgedächtnis, passend zur Tauftheologie. Martin Luther sah die Taufe als Beginn eines Prozesses, der das ganze Leben umfasst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein heißt es im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 43. Unabhängig davon, ob alle anderen Menschen auf der Welt deinen Namen vergessen haben, unabhängig davon, ob du ihn selbst vergessen hast, sagt der evangelische Theologe Christian Grethlein: O-Ton: Grethlein: Ich hatte gerade in einem Bericht aus der Seelsorge mit dementen Menschen, ein ganz anrührendes Beispiel gelesen: ein alter dementer Mann, nicht mehr sprachfähig, nimmt im Anstaltsgottesdienst am Abendmahl teil, nimmt die Oblate, nimmt den Kelch, schaut sich im Wein an, trinkt den Kelch nicht sondern fängt an zu summen: ich bin getauft auf deinen Namen. Irgendeine Erinnerung aus seinem früheren bewussten Leben kam hier hoch, ein stück Tauferinnerung. Irgendwie merken sie, wie wichtig es ist, sich im bewussten Leben das auch klar zu machen, dass man von so einem Vorrat auch zehren kann in einer Zeit in der das Bewusstsein schwindet. 10

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