Reinhard Brandt. Wozu brauchen wir noch Universitäten? Und welche? 1

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1 Reinhard Brandt Wozu brauchen wir noch Universitäten? Und welche? 1 Die gegenwärtigen Universitäten enthalten wie ältere Gebäude unterschiedliche Bauschichten, die man freilegen kann und die erkennen lassen, wie es zu den heterogenen Bestandteilen gekommen ist und welche Bedeutung sie hatten. Diese Bau-Formationen der Universität lassen sich hauptsächlich folgenden vier Phasen zuordnen: Erstens der Vorgeschichte in der Antike und im frühen Mittelalter bis ca. 1200; dann der Feudalzeit von 1200 bis ca. 1800, danach der bürgerlichen Phase bis, sehr pauschal, 1968, und endlich der Gegenwart der globalen Massen- und geplanten Eliteuniversitäten. I. Antike und frühes Mittelalter Aus der Antike und Spätantike gehen in die Gründung und in die weitere Geschichte der Universität u. a. folgende Stücke ein: 1. Private, aber auch staatliche Schulen einer höheren musischen, philosophischen, juristischen oder anderen Bildung, desgleichen Zentren des praktischen Könnens. 2. Darstellungen und Erörterungen von teils curricularen, teils enzyklopädischen Erkenntnisordnungen. 3. Die Unterscheidung von Wissen bzw. Meinung, später auch Glauben und Erkenntnis und die unterschiedlichen Begründungen dieser Unterscheidung. Desgleichen die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis und zwischen mathematischen und sprachlichen Disziplinen. Und vor allem die Unterscheidung dreier Sorgebereiche des Menschen: Seine Seele, sein Körper und seine äußeren Güter. Genauer: 1. Zu den naturwüchsig entstehenden Höheren Schulen gehören die bekannten Philosophenschulen der Akademie, des Peripatos, der Stoa, der "Garten" des Epikur. Es gibt Ärzteschulen, Einweisungen in den Priesterberuf, in der römischen Antike treten Juristenschulen hinzu. Die Bibliothek in Alexandria ist eine Stätte der Gelehrsamkeit und von deren Tradierung. In der Spätantike und dem frühen Mittelalter werden Dom- und Klosterschulen gegründet. Neben diesen Orten der Vermittlung von Können, Wissen und Erkenntnis gibt es seit den Vorsokratikern eine intensive Produktion von Fachliteratur, die als Einführung dient. In der Medizin sind es besonders die Hippokratischen Schriften und später die Werke Galens; in der Architektur bündelt Vitruv die Kenntnisse in seinem Handbuch De architectura, Xenophons Lehrbuch der Reitkunst dient einer der vielen militärischen Disziplinen als Grundlage. Bienenzucht, Ackerbau, Strategie und Taktik, in Athen und Rom ist alles zu haben. Ein begehrter Titel ist die Ars amatoria. Jeder kann sich seines eigenen Verstandes bedienen und studieren, was er will, und publizieren, worüber er will. Ob es vorsokratische Handbücher gab, die in die Kunst des Piratentums einführten, Peri peiratikes, ist noch nicht erforscht. Also: Ein erregendes Lernen und Lehren, Wissen und Erkennen rings um das Mittelmeer in vielen Sprachen, ohne institutionelle Einheit, ohne Titel und Zertifikate, ohne Universitäten. 2. Die bekanntesten Versuche, Erkenntnisse enzyklopädisch und curricular zu erfassen, finden sich in der Platonischen Politeia, das Lehrcurriculum im 7. Buch ist die Grundlage der artes liberales. Varro und Isidor schließen sich an. Daneben wird im Hellenismus der Kanon von 1 Festvortrag anläßlich der feierlichen Verleihung des "Heidelberger Förderpreises für klassischphilologische Theoriebildung" am 12. Februar 2010.

2 Logik, Physik und Ethik entwickelt. Bilden sie ein vollständiges Wissenschaftssystem? In welcher Disziplin müßte dies bewiesen werden? 3. Die Unterscheidung von bloßem Wissen und Erkennen läßt sich bei den Vorsokratikern fassen. Auf eigene, begründete Erkenntnis komme es an, nicht das aufgestapelte Wissen. Die Vorsokratiker werden nervös, wenn beides nicht voneinander getrennt wird. Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben. 2 Viel Denken, nicht viel Wissen soll man pflegen. 3 Und: Demokrit sagte, er wolle lieber eine einzige ursächliche Erklärung finden, als dass ihm das Perserreich zueigen werde. Das Wissen besagt, daß etwas der Fall ist, die Erkenntnis dagegen, warum etwas so sein muß. Die Bereiche bloßer Meinung und exakter, gewisser Erkenntnis sind entweder bestimmten Stufen des Seienden und der auf sie gerichteten Sinne oder Vernunft zugeordnet, oder sie unterscheiden sich durch die Methode. Platon und Aristoteles unterscheiden des weiteren zwischen mathematisch und sprachlich orientierten Erkenntnissen; dies korrespondiert der noch gegenwärtigen Trennung von Natur- und Geistesoder Kulturwissenschaften ab dem 19. Jahrhundert. Und vor allem die Einteilung der Güter, die unser Leben bestimmen und denen wir uns widmen sollen: Die Seele, der Leib, die äußere Habe. Sie ist in der Antike allgegenwärtig, aber heute vergessen; wir werden sehen, daß man ohne sie die alte Universität nicht begreifen kann. Durch die intensive Beschäftigung mit der antiken klassischen Literatur sind diese Kulturelemente dauernd präsent, besonders in den Phasen der Renaissance und des Klassizismus. Sie bilden Teile eines lebendigen kulturellen Gedächtnisses, das erst im 19. Jahrhundert allmählich seine normative Kraft verliert und jetzt nur noch museal erinnert wird. II. Die feudale Universität Um 1200 kommt es zur Gründung der ersten Universitäten in Bologna und Paris, in Bologna im Rückgriff besonders auf eine antike Juristenschulen und in Paris im Rückgriff auf mittelalterliche Dom- und Klosterschulen. Diese Gründungen sind keine genau datierbare Akte top down, sondern ein allmähliches Wachsen von unten. Stimulierend war in beiden Fällen das Schutz- und Organisationsbedürfnis von ausländischen Studenten, die zu den renommierten Schulen als Scholaren gekommen waren. Es bilden sich zwei Eigentümlichkeiten heraus. Erstens die feste Formation von drei oberen und einer unteren Fakultät in der Figuration 1, 2, 3 / 4, und zweitens die Titel, an denen wir noch heute so hängen und ohne die es keine Universitäten mehr gäbe. Die Vier-Fakultäten-Ordnung verlor dagegen die Realfunktion ungefähr zur selben Zeit, als das Heilige Römische Reich deutscher Nation abdankte; sie erhielt sich im 19. und 20. Jahrhundert als bloße Verwaltungsordnung. Warum bilden gerade Theologie, Medizin und Jurisprudenz die oberen Fakultäten? Es wird in den Urkunden nicht überliefert und steht nicht in den heutigen Geschichten der Universität, aber die Antwort ist eindeutig. Es waren die drei antiken kanonisierten Sorgebereiche, der Theologie fiel die Seele zu, der Medizin der menschliche Leib und den Juristen die äußeren Güter. Mehr gibt es nicht. Die drei Bereiche lassen sich gut gegeneinander abgrenzen; so gelang es der europäischen Universität vorbildlich, die Theologie aus dem Rechtsbereich fernzuhalten, was in vielen Hochkulturen nicht gelungen ist. Die Juristen konnten gegen die christlichen Theologen durchsetzen, daß Verträge mit Türken ebenso einzuhalten sind wie mit den Christen unserer Länder. Andererseits: Die christliche Theologie im Fakultätenverbund verhinderte, daß z. B. Juden oder Araber eine Medizin-Professur bekommen konnten, weil sie im Senat über die Theologieprofessur hätten mit entscheiden können. Dies änderte sich erst nach der Französischen Revolution. Die Fakultäten selbst konnten einerseits die reine Theorie und Gelehrsamkeit kultivieren, sich andererseits der Ausbildung für die Praxis zuwenden, die allmählich an Raum gewann. In Lérida und Montpellier durften ab ca Leichen seziert werden; König Juan I. gewährte 2 3 Diels-Kranz 1956, I 160 Heraklit B 40. Diels-Kranz 1956, II 158 Demokrit B 65.

3 das Privileg, die Städte sollten den Medizinern jährlich den Leichnam eines Hingerichteten für anatomische Zwecke übergeben, und es müsse pro dicta speriencia seu anathomia fienda` die Todesstrafe an dem Verbrecher durch Untertauchen ins Wasser vollzogen werden. 4 Eine innovative Anatomie ließ sich aus der einen, wiewohl intakten Leiche pro Jahr kaum entwickeln, aber es gab sie. Die untere Vierte, Philosophische Fakultät schafft die Studienvoraussetzungen für die oberen Fakultäten, sie ist in den Fächern jedoch variabel und kann Disziplinen ergänzen wie etwa Geschichte und Geographie oder auch fortlassen wie Astrologie und Poetik. In ihr liegt die wichtigste kreative Komponente, aus ihr wuchs, wie wir sehen werden, die bürgerliche Universität mit ihrer Zweiteilung von Geistes- und Naturwissenschaften. Die Titelvergabe von Bakkalaureus, Magister, Doktor und Professor ist ein den Universitäten vom Papst, Kaiser und später den Fürsten übermitteltes Privileg. Es ist die Besonderheit der "università degli studi" und von unschätzbarem Wert, sie stiftet ihre Aura jenseits aller Zünfte der Handwerker wie z. B. der "università dei pittori". Malen kann man nicht im Talar. Lehrende und Studenten sind Bürger nicht der Stadt, sondern der Universität, nicht "civis Romanus sum", "Ich bin ein Berliner", sondern "civis almae matris sum". Die Universität hat eine eigene niedere Gerichtsbarkeit, an manchen Orten ist der Karzer noch zu besichtigen. Die Universitätsbürger brauchten bei Stadtbränden nicht zu löschen, sondern konnten zu Hause bleiben, falls noch möglich. Für den Ständestaat gilt das suum quisque. Wie der Bürger keine Waffen tragen darf und der Adlige umgekehrt keine Wäscherei betreiben kann, so kommt dem Universitätsbürger das Studium zu und nicht die Arbeit, das "operari". Der Student kann als Hauslehrer, aber nicht im Fuhrbetrieb Geld verdienen. Wer den Faust studierte, ließ sich also nicht von der Verwaltung vorschreiben, daß er dafür 37,5 Arbeitsstunden investieren muß. So wenig wie das sacerdotium, die Predigt und das Gebet, und die Kriegsführung des Adels ließ sich die Zeit des studiums nach dem Modell des Stundenlohnes eines Arbeiters von Verwaltungsbeamten verrechnen. Der heutigen Verwaltung ist das Studium der Universitätsangehörigen absolut fremd, sie kennt nur die Alternative von Malochen und Mallorca. Dies ist ein später Sieg von Karl Marx, der den vierten Stand, den des Proletariats, also der Arbeiter, für alles erklärte: Die Gesellschaft nach der Revolution ist eine einheitlich proletarische. Für die Bürokratie und damit für das Selbstverständnis der Universität bedeutet dies, daß das Studium sich der Logik der Arbeit und ihrer Stechuhren zu unterziehen hat; wer sich dem zu entziehen sucht, erhält nach neuesten Berechnungen nicht einmal Hartz IV. Sacerdotium, studium, militia sind in gleicher Weise keine Arbeit; nur Männer üben diese drei Tätigkeiten aus, Pastorinnen, Studentinnen, Soldatinnen sind bis tief ins 20. Jahrhundert contra naturam. Die gelehrte Frau soll sich doch, wie Kant entsprechend notiert, gleich einen Bart umhängen. Forschung und Lehre waren keine Einheit. Die großen Forschungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, aber auch der Altertumskunde, Geographie und Philologie wurden ab dem Beginn der Neuzeit meist in Akademien oder an Höfen realisiert. Noch im 18. Jahrhundert sollten Dissertationen nichts Neues, keine res novae, enthalten. Im übrigen sind die europäischen Universitäten Orte des Glanzes und der Verwahrlosung. Die Juristen in Frankreich gehören per Amt dem Adel an und haben ein entsprechendes Ansehen und politische Macht, die meisten Universitäten stagnieren dagegen auf niedrigem Niveau und sind Horte der Reaktion, gefährlich für Leib und Leben wie die Sorbonne. III. Die bürgerliche Universität Ab ca wird die Fakultäten-Konstellation zwar noch gebraucht, faktisch aber endet das "ordo"-denken, und es hält die Zweiteilung der Fächer in Natur- und Geistes- oder Kulturwissenschaften Einzug. 4 Denifle 1885, 507.

4 Zur Herrschaft im Staat legitimiert die Französische Revolution idealiter nicht mehr die adlige Geburt, sondern das Versprechen, die kommenden Probleme klug und effizient zu lösen. Die Politik wendet sich damit aus der Vergangenheit in die Zukunft. Die gewaltenteilige Republik setzt auf die Problemlösungskompetenz der demokratisch zu wählenden Regierung Entscheidend ist nunmehr der Blick in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit, Step into future now! Der Reichtum bestimmt sich nicht mehr kameralistisch nach den aufgehäuften Schätzen in der Fürstenkammer, sondern nach dem Kapital, das in die Produktion reinvestiert wird. Der Reichtum der Nation liegt zunehmend in einer immer effizienteren Naturbeherrschung. Auch hier ist der Blick nach vorn in die Zukunft der Geschichte gerichtet. Für die Wissenschaften bedeutet dies: Ihr Gegenstand kann nicht mehr primär die Vergangenheit sein, um mit deren überkommenen Mustern Seele, Leib und äußere Güter der Untertanen zu umsorgen und die gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren, sondern es wird zunehmend die Kompetenz, die Zukunft zu gestalten. Allmählich setzt sich die Aufklärung durch und mit ihr der Geist der Kritik. Die Universität vollzieht die Wende durch die Neugewichtung der Forschung, die dem Nationalstaat nützlich ist. Die national finanzierten Universitäten sind effizient und loyal; die Loyalität reicht in Deutschland bis 1945 bzw Die Loyalität erwächst nicht nur aus der staatlichen Fürsorge für die Beamten, sondern auch aus den feinen Unterschieden in der bürgerlichen Gesellschaft. Der Titel und zwei, drei Lateinwörter wirken in allen Kleinstädten Wunder. Wenn sich der Herr Doktor, d. h. Arzt, Pastor und der Richter zu einem Glas Wein treffen, braucht sich die Bürgerschaft nicht zu sorgen, es ist alles zu ihrem Wohle beschlossen lag es offen zu Tage: Ein Teil der Herren waren aktive loyale Nazis und brachten so alle in Verruf. Die Fächerordnung wird nicht mehr konstellativ vollzogen, sondern seriell; es gibt kein Oben und Unten mehr, sondern das Nebeneinander und damit die Austauschbarkeit aller Disziplinen, die damit auch ersetzbar werden. Aber bis 1968 sah der Staat im Erhalt der tradierten Universitäten eine Pflicht gegenüber einer unter seinem Schutz stehenden eigenständigen Korporation. Die einzelnen Disziplinen waren autonom im Hinblick auf die fachliche Gestaltung des Studiums und der Lehre, die Verwaltung durfte nur die Akten tragen. Die Rache, die sie dafür übt, ist furchtbar läßt sich eine Zäsur legen, wenn auch mit einiger Gewaltsamkeit. Es beginnen die Probleme, die der sog. Bologna-Prozeß lösen wollte. Sie sind das Thema aller heutigen Universitätsdebatten. IV. Die Universität nach 1968 (A) An den Anfang stellen wir einige Bemerkungen zu den Stichworten Wissen und Erkenntnis, und im Bereich speziell der Erkenntnis wenden wir uns den Geistes- oder Kulturwissenschaften zu. (B) Danach folgt die Anwendung auf die jetzige Universität. A. Wissen und Erkennen 1. Wissen Die Großmutter sagt: "Ich weiß, du kommst wieder". Wir wissen, daß etwas der Fall ist, und können einander darüber geschickt oder ungeschickt informieren. Dieses Fakten-Wissen erstreckt sich auf alles überhaupt, was uns oder die Welt betrifft; es ist angelegt auf Wandel und Zuwachs. Am besten, man weiß alles. Im Hinblick auf das Speichern und Kundgeben von Wissen unterscheidet sich der Mensch nicht vom Computer. Ob das Wissen vorhanden ist, läßt sich kontrollieren durch Abfragen. Ich weiß, wer 1956 Torwart war und wie die Formel von Einstein lautet und kann sie mir notfalls durch Wikepedia geben lassen. Wissen kann alphabetisch angehäuft werden, es führt nicht von sich aus zu der Nachfrage, wie das so akkumulierte Gewußte begründet und miteinander vernetzt ist. Wissen ist der Gegenstand des Gedächtnisses und der Pädagogik und der Didaktik. Sie lehren, wie man

5 größere Wissensmengen rasch speichern, günstig verwalten und auf Abruf von sich geben kann. Der Didaktiker sorgt dafür, wie die Wissensmengen anschaulich auf Bildern präsentiert und so rasch gelernt werden. Ziel des Bachelorstudiums ist das Anhäufen einer bestimmten Wissensmenge, von der Funktionäre der Meinung sind, sie reiche für eine bestimmte Praxis. Daher ist der Bachelor ein berufsqualifizierender Abschluß. Und falls sich für die Qualifikation ein Beruf nicht findet? Eine Klage vor Gericht ist aussichtslos, forget it. Wer in die Leere hinein administriert wird, hat nur die eine Chance, Erkenntnisse auf eigene Faust zu erwerben, in der Bibliothek, in Studien- und Lesezirkeln. Das Wissen ist ratlos, wenn das Wissen von A dem Wissen von B widerspricht. Der Ausweg ist der Übergang vom Wissen zur Erkenntnis. 2. Erkennen Wir erkennen etwas durch eine bestimmte eigene, nicht delegierbare geistige Tätigkeit, in der wir die Gründe aufsuchen, warum etwas der Fall ist oder sein könnte. Vorgebliche Erkenntnisse lassen sich somit gegen einen grundsätzlichen Zweifel oder auch gegen alternative Ergebnisse mit Argumenten verteidigen oder widerlegen. Wer alle Ergebnisse auswendig weiß, aber die Operationen, die zu ihnen führen, nicht selbst durchführen und auch spontan variieren kann, verfügt nicht über die einschlägige Erkenntnis. Jede Äußerung einer Erkenntnis ist grundsätzlich kritisierbar. Eine Letztbegründung etwa mag es geben, nur wird sie, wenn sie sprachlich formuliert wird, kritisierbar und durch eine vielleicht bessere Interpretation ersetzbar und bleibt bis zum Ende aller Zeit kein ausgemachtes Letztes. Das Wissen wird akkumuliert, für Erkenntnisse gibt es verantwortliche Personen im Abweis oder in der Zustimmung. Wissen kann punktuell sein; Erkenntnis dagegen ist immer auf einen Zusammenhang angelegt, der in der Idee alles Erkennen überhaupt widerspruchsfrei umfaßt. Wissen und Erkenntnis werden völlig unterschiedlich organisiert; das Wissen günstig zum Speichern und Abrufen, das Erkennen zum eigenständigen Begründen, weiteren Forschen, Verteidigung gegen Kritik. Hierin liegt das Ethos der Erkenntnis und die eigentümliche Lust, hierbei kritischer Mitspieler zu sein; Studium statt Wissensverwaltung. Was erkannt wird oder werden soll, hat eben dadurch den Status eines Objekts dieser Erkenntnis und ist jedem erkenntnisfähigen Subjekt zugänglich. Dieses Objekt kann das Universum, das Chaos, der Apfel, ein Gedicht, die Liebe oder auch die romantische Hermeneutik sein. Erklärt diese Hermeneutik, daß sie die Gedichte und die Liebe und sich selbst gern dem Status des Objektseins entziehen, aber trotzdem von ihnen künden möchte, dann trennen sich unsere Wege. Die Hermeneutik wandert aus in das Reich der höheren Gefühle oder feinen Gestimmtheit, die Universität führt ihre Objekterkenntnis ungestört weiter, ganz neu, im Team oder allein, immer nachvollziehbar. Wir sezieren alles. Was darüber hinausgeht, ist eine angenehme oder unangenehme Privatsache. 3. Erkenntnis in Geistes- und Kulturwissenschaften Legen wir die Zweiteilung von mathematisch und sprachlich orientierten Disziplinen oder von Natur- und Geistes- oder Kulturwissenschaften zugrunde, dann stößt man seit der Romantik auf die korrespondierende Unterscheidung von methodengeleitetem Erkennen und hermeneutischem Verstehen. Wie schon Platon und Aristoteles die sprachliche Erkenntnis gegen die Mathematisierung verteidigen, so wehrt sich die Geisteswissenschaft gegen die Meinung, sie sei keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Sie kann sich auf ihre Methoden berufen und eine Tradition, die in vielen Disziplinen in die Antike zurückreicht; des weiteren auf die Tatsache, daß alle Wissenschaften überhaupt Produkte der Kultur und des Geistes sind. Anders die Hermeneutik, die sich gegen Methode und Verobjektivierung wendet. Literarische Produkte und die Werke der bildenden Kunst und Musik können, so die romantische Hermeneutik, nicht objektiv-methodisch adäquat verstanden werden.

6 Unsere These: Wenn die Geistes- und Kulturwissenschaften zur Universität gehören wollen, müssen sie sich in die Erkenntnisstrukturen integrieren, wie es zum Glück auch in den Phasen der Blüte dieser Wissenschaften geschehen ist. Wir haben dadurch gute Vorbilder, auch gute Argumente, um an einem einheitlichen Erkenntnisbegriff festhalten zu können. Mit Platon und Aristoteles brauchen wir nicht zu brechen, wohl aber mit den Nachfolgern der Romantik. Es ist daran zu erinnern, daß die Universität ein Ort der Erkenntnis ist und nicht dessen, was die Erkenntnis übersteigt. Die Theologie macht die Religion und ihre Texte zum Gegenstand der Erkenntnis, sie übt nicht ein in den Glauben. Die Jurisprudenz lehrt den Inhalt und Umgang mit den Gesetzen, sie übt nicht ein in die Gerechtigkeit. Der akademische Musikwissenschaftler singt in seiner Vorlesung nicht, und der Kunsthistoriker entwirft nicht die Kunstwerke, die er in seiner Lehre zum Gegenstand macht. Der Germanist lehrt das mitteilbare Studium von Gedichten, aber übt nicht ein in eine selbstverzückte Kontemplation. Also: Nur Erkenntnis, aber diese möglichst intensiv und ungestört. Wenn der Universität ein Bildungswert zukommt, liegt er in der immer republikanischen, mitteilbaren und nach Regeln kritisierbaren Erkenntnis. Dagegen Friedrich Schlegel: Würden erst die Prinzipien der ewigen Revolution verstanden, dann "würde das Geschwätz aufhören, und der Mensch inne werden, was er ist, und würde die Erde verstehn und die Sonne." 5 Dieses Innewerden und das Verstehen von Erde und Sonne gehören nicht in den Aufgabenbereich der Universität. Und Heideggers berühmtes Verstehen der wunderbaren Hände Hitlers, die Jaspers doch nur ansehen sollte. Heidegger schreibt ein Buch mit dem Titel Kant und das Problem der Metaphysik (1929). Welcher Leser argwöhnt, daß schon im Titel eine Schiefheit der Erkenntnis steckt, denn Heidegger berührt mit keinem Wort die Kantische Metaphysik der Sitten von 1797, die seit 1767 benannt und vorbereitet wurde? In der Metaphysik der Sitten geht es um Moral, um Recht und Tugend, nicht um das Sein. Heidegger streicht die praktische Philosophie eigenmächtig aus dem Programm, sie wird nicht erwähnt. Im "Vorwort zur zweiten Auflage" (1951) heißt es im selben Führergestus: "Unablässig stößt man sich an der Gewaltsamkeit meiner Auslegungen. Der Vorwurf des Gewaltsamen kann an dieser Schrift gut belegt werden. Die philosophiehistorische Forschung ist mit diesem Vorwurf sogar jedesmal im Recht, wenn er sich gegen Versuche richtet, die ein denkendes Gespräch zwischen Denkenden in Gang bringen möchten. Im Unterschied zu den Methoden der historischen Philologie, die ihre eigene Aufgabe hat, steht ein denkendes Zwiegespräch unter anderen Gesetzen. Diese sind verletzlicher. Das Verfehlende ist in der Zwiesprache drohender, das Fehlende häufiger." 6 Es gibt keine Möglichkeit, mit Werken der Kunst und Literatur in ein Zwiegespräch zu treten, weil diese keine Möglichkeit einer eigenständigen Antwort haben; wohl aber ist möglich und seit der Antike üblich eine kritische Auseinandersetzung mit divergierenden Auffassungen über die Werke. Jede Interpretation stellt sich der Kritik und unterwirft sich damit gemeinsamen Regeln, unter denen die Werke zu betrachten sind. Wer sich diesen Regeln entzieht, wird zurecht der Gewaltsamkeit bezichtigt, die 1933 bis 1945 üblich war und der sich die Universitäten nach 1945 in einem langsamen Prozeß der Aufklärung zu entziehen versuchten. 7 Das Verstehen, das sich nicht der Kritik und Korrektur stellt, bildet keinen Teil der Universität. Kritik und Korrektur implizieren, daß sich die Auseinandersetzung auf einen identischen Gegenstand bezieht. Er muß philologisch respektiert und kann auch durch andere Methoden als die Philologie bestimmt werden. Bei Kunstwerken ist es z. B. die Radiographie, 5 Nach Timm 1978, Heidegger beansprucht Sondergesetze, durch die er der wissenschaftlichen Beurteilung enthoben ist. Auch unter diesen Spezialgesetzen und ihren Lizenzen gibt es "Verfehlungen", die jedoch von einer höheren Gerichtsbarkeit festgestellt werden als der universitären. Die Universität erkennt sie nicht an. 7 Wie der Text zeigt, hat Heidegger hier am Führerprinzip auch nach 1945 festgehalten. Karl Jaspers und Hannah Arendt trennen seltsamerweise den "unreinen" Menschen Heidegger vom "reinen" Denker, vgl. Safranski 1994, 365. Zu wem gehört das Vorwort, zum Menschen oder Denker?

7 die Erkenntnisse über die Genese und ihre Schichten liefert. Diese Erkenntnis führt, das beklagten schon viele Generationen in der Vergangenheit, nicht zum Glauben und zum Innewerden, sondern zur nüchternen Analyse dessen, was damit gemeint sein kann. Über den akademischen Umgang mit Kunstwerken kann jedoch nicht dogmatisch entschieden werden, sondern er bleibt selbst ein Thema der Aufklärung. Ein vorzügliches Beispiel der methodischen Erkenntnisleistung in der Kultur- und Geisteswissenschaft ist Alexander Kirichenkos A Comedy of Storytelling. Theatricality and Narrative in Apuleius` "Golden Ass". Wer den Goldenen Esel liest, ist überwältigt von Sinn und Unsinn, Kultur und Unflat, Priesterwürde und Sex, Klamauk und Rhetorik, eine rasche Filmfolge von unverbundenen Einstellungen. Kirichenko zeigt in seiner methodisch reflektierten Analyse, welche Logik hier waltet, ein "distinctive profile of its own - as a narrative deeply indebted to popular theatricality, and yet compatible with the elite culture of the period." (7) Es ist die Oberflächenkultur der sog. Zweiten Sophistik, der Apuleius angehört. Die Verfremdung des Menschen durch die Verwandlung in einen Esel - Tiefsinn, der im Isiskult endet, oder komödiantischer Unsinn? Kirichenko lesen, dort erfährt man es. Ich möchte dazu noch einen Gedanken ergänzen: Die moderne Medientheorie arbeitet mit dem linguistic und pictorical turn und läßt die Wirklichkeit in ihrer diskursiven und bildhaften Vermittlung verschwinden. Alles ist Sprache, alles ist Bild. Diese Verrücktheit findet sich schon im Goldenen Esel. Die Erzählung und der Bühnenmimus sind deckungsgleich mit der sog. Wirklichkeit, und der Autor treibt sein ernstes Spiel mit dieser unserer äquivoken Stellung. Ist der Goldene Esel das perfekte Bild der Gegenwart und nahen Zukunft? Aber es ist ein Vorzug von Kirichenkos Analyse, daß er keine Pirouetten auf dem Glatteis der allgemeinen Theorie vorführt, sondern alle Begrifflichkeit und Spekulationen in konkrete Interpretationsvorschläge überführt. B. Anwendung auf die Universität nach 1968 Das entscheidende Ereignis ist die Öffnung der Universität für das Vielfache an Studentenund jetzt immer auch: Studentinnenzahlen. Diese Anzahl hätte nicht ohne eine proportionale Aufstockung des Lehrpersonals betreut werden können. Es muß, wenn dies nicht geschieht, das Niveau sinken, jedoch auch aus einem anderen Grund: Die Motivation und die Möglichkeit, sich dem mühseligen "studium" zu widmen, gibt es nur bei einem Teil der faktisch Studierenden; ein anderer Teil pocht mit der Unterstützung der Öffentlichkeit darauf, daß nur das Wissen gelehrt werden soll, das nahtlos zur Berufspraxis paßt. Die Fachhochschulen wären zuständig gewesen für dieses gewünschte praxisbezogene Wissen, nicht aber die Universitäten. "Man is born for action", der Ruf nach Praxis hallt durch die Jahrhunderte, er beschränkt sich nicht auf die Studierenden, die vom Studium nichts wissen wollen, sondern eine zielgenaue Ausbildung für ihren Beruf suchen. Die Praxis hat ihr Feindbild im Elfenbeinturm, in dem Gelehrte sitzen, die sich gegenseitig Verse vorzählen, über die Mehlspeisen bei Adalbert Stifter promovieren und ihr künftiges Forschungsfeld gern auf Homer ausweiten möchten. Warum nicht auch Albert Einstein, der sich eine Relativitätstheorie ausdachte? Er saß danach in Princeton im Elfenbeinturm. Der Elfenbeinturm markiert: Es gibt keine Universität für alle; sondern wenige, die sich für kurze oder längere Zeit dem Studium widmen. Sollten das alle tun, bedürfte es einer Diktatur von Stalinscher Härte, aus den Freiwilligen im Turm würden Zwangsstudenten im Kolchos. Der ruinöse, populistische Ruf nach Praxis macht jedoch auf ein ernstes Problem der Universität als eines Ortes der Erkenntnis aufmerksam. Die Erkenntnis als solche ist schrankenlos; sie hat seit der Antike alle Übersichtlichkeit verloren und wächst jetzt exponentiell. Wie soll ich aus ihr selbst Grenzen entwickeln, die bei Prüfungen, etwa der Promotion, einigermaßen fair sind? Wie kann ich aus der Erkenntnis selbst Grenzen für die Promotion und Habilitation gewinnen, die biographisch zumutbar sind, also in der Praxis? Die

8 Universität ist bis heute nicht dazu in der Lage, diese Grenzen aus ihrer eigenen Tätigkeit zu setzen, sondern vertraut dem Weiterso und nimmt von den ruinierten Biographien der Vielen, die eine wissenschaftliche Laufbahn erstreben, keine Notiz. Und gravierender: Der Elfenbeinturm fingiert die Möglichkeit einer politisch aseptischen Wissenschaft, die blauäugig nur sich selbst verantwortlich ist. Darauf werden wir nachher zurück kommen. Zum ersteren noch Folgendes: Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Das Wissen, das im Handy steckt und im Wohnhaus, das bei Brandgeruch von selbst die Feuerwehr ruft, in der Straßenbahn und darüber in den Satelliten ist das Ergebnis höchst raffinierter Erkenntnisoperationen, ob nun in den Universitäten oder, wie in der Mehrzahl, außerhalb in der Industrie. Der Erkenntnis, können wir resümieren, ist es völlig gleichgültig, in wessen Namen und unter wessen Dach sie erzeugt wird. "Auch hier, im Labor bei BASF, wesen Götter an", hätte Heraklit gesagt und gerne auf die Holzwege im Schwarzwald verzichtet. Erkenntnis ist möglich unter ganz handfesten Interessen des Staates oder der Industrie. Welches Privileg soll aber dann die Universität noch haben, wenn ihr ein Erkenntnismonopol auf keinen Fall zukommt? Wer die Universität nicht zur Wissensproduktion hinabstufen, sondern für die Erkenntnis retten möchte, muß hier eine Antwort haben: Welche Universität soll es denn sein, die wir brauchen? Wozu brauchen wir die Universität als Ort der Erkenntnis? Die Bologna-Reform ist die teils dilettantische, teils zynische Antwort auf verschiedene Probleme. Das gravierendste ist die Öffnung der Universität für Personen, die etwas anderes im Sinn haben als die Mühen des asketischen Studiums. Ein großer Teil der Studierenden sucht eine den Berufsanforderungen angepaßte Lehre, und bitte nichts anderes. Die Bologna- Reform bietet ihnen eine verschulte erste Universitätsphase, sie macht aus freien Bürgern Untertanen von Verwaltungskadern, die ihnen vorschreiben, wie sie was zu studieren haben und wie was zu verrechnen ist. Das Verrechnen ist ein Phantomgebilde, das für Lernende und Lehrende zum Alptraum wird, der Verwaltung aber zur Aufstockung ihrer Macht dient. Entfernt man sich ein wenig von diesem Verwaltungsbeton und läßt seiner Phantasie über allen Wolken freies Spiel, dann kann man zwei Alternativen entwickeln. Die eine ist die Auflösung der Universitäten und die Rückkehr in den freien Zustand der Antike mit Lehr- und Lerngebilden allen Zuschnitts; die andere ist die zentrale Medien- und Fernuniversität, die ihren einen Sitz in Brüssel hat und urbi et orbi ihre Lehrprogramm zum Fern- und Fernststudium ausstrahlt, bis hinauf zu den Satelliten, wo gelangweilte Astronauten die beste Poetik-Vorlesung des Planeten aus Marburg hören. Und darüber nachdenken können: "Immanuel Kant - Was bleibt?" oder Jürgen Paul Schwindt: "Was ist eine philologische Frage?" Beides ist zum Teil schon verwirklicht. Viele traditionelle Universitätsteile haben sich verselbständigt zu parallelen effizienten Lehranstalten wie in der Antike, etwa die "School of Law" in Bremen, Teile der Medizin werden in privaten Kliniken gelehrt, natürlich gibt es längst selbständige Theologische Hochschulen. Die Fernuniversitäten bauen ihre Programme aus; sie werden perfekter und könnten auch die Prüfungen auf dem Weg der Medien und elektronischer Fußfesseln vollziehen, so daß die Prüfung überwacht werden kann, wenn die Kandidatin zufällig in der Nähe von Canberra wohnt. Was hat die Universität als Ort institutionalisierter Erkenntnis dagegen zu setzen? Wozu brauchen wir sie? Die Universität soll Lehre und Forschung, Lehrende und Forschende vereinen. Das bedeutet, daß sich die betreffenden Personen gemeinsam in einem Raum kritisch mit einem bestimmten Problem befassen. Die Erörterung folgt Regeln, die schon eingeübt sind oder eingeübt werden, und die es ermöglichen, daß jeder Teilnehmer noch einmal - immer im Rahmen des

9 Sinnvollen - zurückfragen kann, Schritte bezweifeln kann, die schon als konsensuell vollzogen wurden; daß auf Nebenwege hingewiesen wird, die sich für das Problem als relevant erweisen könnten. Das Ergebnis ist offen, der kritische vernünftige Einspruch bleibt jederzeit möglich. Jedes konkrete Vorhaben hat exemplarischen Wert; es soll also nicht dogmatisch eine bestimmte Lehre fristgerecht eingetrimmt werden, sondern es wird an einem beispielhaften Problem eingeübt, wie man konspirativ einer Erkenntnisfrage zu Leibe rückt. "Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Der Mut soll keine Naturgabe sein, sondern das Ergebnis der Übung und des Könnens; er knickt nicht ein vor Autoritäten, sondern bleibt kritisch gegenüber allen Lehren, die zu bezweifeln methodisch möglich ist. Die Ergebnisse werden publiziert, und an der gesamten Erkenntnis nimmt in einem höchsten Maß die interessierte Öffentlichkeit teil. Es wird nichts elitär versteckt, sondern möglichst offen dargestellt. Das Elfenbein ist durch Glas ersetzt. Diese Universität ist das, was sie als wissenschaftliche Institution immer schon war und durch die modernen Mittel der Kommunikation verstärkt wird: Sie ist global. Die einzelnen Wissenschaftler arbeiten mit Kollegen aus Kyoto vielleicht enger zusammen als mit den Kollegen in der eigenen oder benachbarten Stadt, und die Studierenden sind international, wer wollte hier noch besonders nach Deutschen und Europäern suchen. Ein so poetisches Weltgebilde ist die Universität geworden! Dies ist der Kern einer Universität, die ihr Ziel in der kritischen öffentlichkeitsnahen Erkenntnis sieht. Der Fernuniversität fehlt die Möglichkeit der unmittelbaren Nachfrage, des Eintränierens der eigenen Urteilskraft; den privaten Auslagerungen wie der "School of Law" fehlt das Interesse an den Umwegen, die eine kritische Erkenntnis mit sich bringt. Wer ist an dieser Universität interessiert? Es sind keine privaten Gruppen oder auch parastatale Institutionen, wie in der Antike und wie es sich in der Gegenwart wieder anbahnt. Es sind keine Fürsten und Nationen und deren Staaten wie bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das einzige und das tatsächliche Subjekt ist die aufgeklärte Zivilgesellschaft, die durch kritische Universitäten belehrt werden möchte. Der mündige moderne Bürger hat notwendig ein Interesse an kritischen wissenschaftlichen Untersuchungen der Kultur, an der er tätig und leidend teilnimmt. Er weiß, daß ohne die kritische, von keinen fremden Interessen gesteuerte Forschung die demokratische Öffentlichkeit verwahrlost. Sie ist das Ferment und Maß kritischer Zeitungen, die letzte Instanz gegen eine nationalistische Verdrehung der eigenen und fremden Geschichte, gegen Kreationismus und Exorzismus im Jahr 2010, vom wohlwollenden Lächeln der Öffentlichkeit begleitet: die einzige Institution, die davor retten kann, sind gute kritische Universitäten und verantwortliche Akademiker. Die Zivilgesellschaft hat an ihnen nicht nur ein Interesse, sondern ein Recht, so wie sie ein Recht auf flächendeckende medizinische Versorgung hat. Nennen wir die Disziplinen, die in der Struktur der feudalen Universität die oberen Fakultäten bildeten. Die allgemeine Theologie ist einmal Gegenstand eines Erkenntnisinteresses in der Tradition der griechischen Philosophie; zum andern kann in diesem Fach jede Religion thematisiert werden, die christliche so gut wie die islamische oder jüdische. Dies ist eine Frage der Kapazitäten und der örtlichen Möglichkeiten. "Islamwissenschaft, Judaistik, Katholizismus, Protestantismus an den Universitäten"? Selbstverständlich, wenn es die finanziellen Möglichkeiten und vielleicht Zuwendungen gibt und unter der strikten Bedingung von Aufklärung und kritischer Erkenntnis, alles sine ira et studio, alles ohne das Einweisen in den jeweiligen Glauben und gar Mitgestaltung durch die Gläubigen. Die Juristen lehren jura, Rechte in verschiedenen Formen, und sie thematisieren Probleme der Rechtsgeschichte und der Rechtsphilosophie, woran private Schools of Law kaum ein systematisches Interesse haben dürften, weil die Uhr tickt. Die Medizin lehrt und forscht am Leitfaden der Erkenntnis und nicht der Pharmaindustrie, deren anonyme Spenden sie dankbar abbucht und dem Finanzamt meldet.

10 In allen Fächern bedarf es einmal der obligaten Grundausbildung, sei es der Mathematik, sei es der Sprachen zusammen mit speziellen Inhalten, sodann folgen wechselnde Föderationen mit anderen Fächern, die sich durch spezielle Forschungsvorhaben ergeben. Der Archäologe kooperiert mit den Satelliten, die Analyse von Kanthandschriften mit den Chemikern im Bundeskriminalamt und so munter weiter. Wenn man ältere Universitätsgebäude aufwendig saniert, sollte man auch an den Erhalt des Geistes denken, dem sie gewidmet sind oder waren. Wir haben ihn zu identifizieren gesucht. Eine der Gefahren liegt darin, daß die politische Bürokratie zur Zeit nicht die Voraussetzungen mitbringt und daß sie nicht nachvollziehen kann oder will, wovon hier überhaupt geredet wird. Einer Bildungsbürokratie, die in der Schulpolitik so versagt, daß Tausende Lehrstellen unbesetzt bleiben müssen, weil sich keine geeigneten Bewerber finden, ist in der Ebene der Universitäten nicht zu trauen. Man beachte die Institutionenschändung in München, wo die Hochschule für Musik und Theaterwissenschaft der durch kein Parlament je gebilligten Bologna-Reform unterzogen wird. Die Bürokraten sind auf freiem Fuß. Anzustreben ist eine Universität weder der Massen noch der Eliten, sondern der akademischen Erkenntnis. Wenn dies gelingt und sich Politik und Verwaltung nicht in die ihnen fremde Sache einmischen, sondern mit der Umsetzung begnügen, dann könnten die Universitäten sogar ein einträgliches Geschäft für den Standort Deutschland oder Europa werden. Alle würden uns um diese Universitäten beneiden.

11 Literatur: Brandt, Reinhard (2010): Immanuel Kant - Was bleibt?, Hamburg. Denifle, Heinrich (1885): Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400, Berlin. Diels, Hermann und Walter Kranz (1956): Die Fragmente der Vorsokratiker, Berlin. Heidegger, Martin (1951): Kant und das Problem der Metaphysik, Frankfurt am Main. Kant, Immanuel (1900 ff): Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Berlin. Safranski, Rüdiger (1994): Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit, München. Schwindt, Jürgen Paul (Hrsg.) (2009): Was ist eine philologische Frage? Frankfurt am Main. Timm, Hermann (1978): Die heilige Revolution. Schleiermacher - Novalis - Friedrich Schlegel, Frankfurt am Main.

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