Gefällt mir (nicht): Das Social Web als Spannungsfeld zwischen Selbstoffenbarung und Datenschutz

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1 Gefällt mir (nicht): Das Social Web als Spannungsfeld zwischen Selbstoffenbarung und Datenschutz Philipp K. Masur

2 Der gläserne Mensch als Zukunftsvision? Ausgangslage

3 A. Privatheit aus psychologischer Sicht B. Wahrnehmung von Privatheit und Umgang mit personenbezogenen Daten C. Das Privacy Paradox D. Erklärungen für paradoxes Privatheitsverhalten E. Fazit und Ausblick 3

4 A. Privatheit aus psychologischer Sicht 4

5 Privatheitsterminologie Privatheit aus psychologischer Sicht Privatheit ist nicht gleich Privatsphäre Aus wissenschaftlicher Perspektive ist eine Unterscheidung unerlässlich Privatsphäre Privatheit Ein/e geschützte/r Bereich/Raum/Sphäre Nicht-öffentlicher Raum Individuell abgrenzbar Privatheit ist ein gradueller Prozess zwischen sich zeigen und sich verbergen Graduell bestimmbar bzw. messbar Es gibt Bereiche mit hoher Privatheit (=privat) und Bereiche mit niedriger Privatheit (=öffentlich) Quelle: acatech,

6 Privatheit als selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst Definition und Begriffsklärung Privatheit als Optimierungs- und Regulationsprozess Privacy is the selective control of access to the self Dynamische Kontrolle der interpersonalen Grenzbestimmung Optimierungsprozess, um die optimale Balance zwischen erwünschtem und tatsächlichem Privatheitslevel zu erreichen Aushandeln von Privatheit mit sich selbst: Abgleich von Ist versus Soll Quelle: Altman,

7 Privatheit als Optimierungsprozess auf vier Dimensionen Dimensionen von Privatheit Informational Die Möglichkeit zu kontrollieren, welche Informationen gesammelt oder geteilt werden Psychisch Die Möglichkeit, affektive und kognitive In- und Outputs zu kontrollieren Privatheit Sozial Die Möglichkeit, sich von sozialen Interaktionen zurückzuziehen bzw. zu kontrollieren Physisch Die Möglichkeit, das Eindringen in den eigenen lokalen Privatraum zu kontrollieren Quelle: Burgoon,

8 Funktionen von Privatsphäre Privatsphäre als psychologisches Bedürfnis Autonomie Emotionale Entlastung Zentrale Funktionen von Privatsphäre Selbstevaluation Geschützte Kommunikation Quelle: Westin, 1967; Pedersen,

9 B. Wahrnehmung von Privatheit und Umgang mit personenbezogenen Daten 9

10 Privatheitsbedenken sind in der Bevölkerung stark ausgeprägt Privatheitssorgen der Internetnutzerinnen und -nutzer 62% der deutschen Bevölkerung gaben an, dass sie besorgt um ihre Privatsphäre sind, wenn sie das Internet nutzen 58% sind besorgt, dass Nachrichten, die sie online verschicken, durch nicht adressierte Personen oder Organisationen gelesen werden. 58% gaben an, dass sie besorgt sind, dass Institutionen oder Geheimdienste Daten, die sie im Internet preisgeben, sammeln und auswerten. 69% sind besorgt darüber, dass Webseitenanbieter ihr Surfverhalten im Internet aufzeichnen Quellen: Trepte, Masur & Dienlin,

11 Hat sich die Einstellung gegenüber Datenpreisgabe im Internet verändert? Vergleich Deutschland 2011 und Die Preisgabe persönlicher Informationen stellt für mich kein Problem dar Es gibt keine Alternative zur Preisgabe persönlicher Informationen, wenn man bestimmte Produkte oder Dienstleistungen nutzen will. 50 Ich fühle mich verpflichtet, persönliche Informationen im Internet preiszugeben Die Preisgabe persönlicher Informationen ist ein Teil unserer modernen Gesellschaft Quelle: European Commission 2011, Trepte, Masur & Dienlin,

12 Auf der andere Seite geben viele Menschen eine erhebliche Menge an privaten Informationen preis Datenpreisgabe Jugendlicher auf sozialen Netzwerkseiten Geschlecht Vorname Geburtsdatum Profil-Foto Nachname Interessen, Hobbies Ausbildung/Beruf Wohnort Beziehungsstatus Lieblingsfilme/-musik -Adresse Sexuelle Orientierung Religion Politische Einstellung Telefon/Handynummer Anschrift 4% 4% 20% 19 29% 46% 58% 56% 59% 66% 75 73% 82% 80% 94% 92% Quellen: Schenk, Niemann, Reinmann & Roßnagel,

13 Starker Anstieg der Preisgabe von Daten im Internet Vergleich Europa 2011, Deutschland 2011 und Deutschland EU D 2011 D Quelle: European Commission 2011, Trepte, Masur & Dienlin,

14 C. Das Privacy Paradox 14

15 Sorgen um die eigene Privatsphäre haben keinen Einfluss auf das tatsächliche Verhalten Privacy Paradox Privatheitsbedenken Spezifisches Verhalten Starke Bedenken 62% der Deutschen gaben an, dass sie besorgt um ihre Privatsphäre sind, wenn sie das Internet nutzen 69% sind besorgt darüber, dass Webseitenanbieter ihr Surfverhalten im Internet aufzeichnen Selbstoffenbarung 79% der SNS-Nutzer in Europa geben ihren Namen an 52% aller deutschen SNS-Nutzer posten wöchentlich Statusupdates und Kommentare Quellen: Barnes, 2006, ARD/ZDF Onlinestudie, 2008; European Commission, 2011, Trepte, Masur & Dienlin,

16 Sorgen um die eigene Privatsphäre haben keinen Einfluss auf das tatsächliche Verhalten Privacy Paradox Das Privacy Paradox wurde in vielen Studien vermeintlich bestätigt Wissenschaftler untersuchten den Einfluss von allgemeinen Sorgen auf spezifisches Verhalten Privatheitsbedenken hatten z.b. keinen Einfluss auf: die Indikation des authentischen Namens das Preisgeben der eigenen Adresse das Angeben religiöser Ansichten die Preisgabe von personenbezogenen Informationen Verhalten wir uns im Internet also tatsächlich paradox? Quellen: Tufekci, 2011; Acquisti & Gross, 2006; Taddei & Contena, 2013, Dienlin & Trepte,

17 D. Erklärungen für paradoxes Privatheitsverhalten 17

18 Mehrere Erklärungen sind denkbar 4 Hypothesen warum Nutzer sich (vermeintlich) paradox verhalten Gratifikationshypothese Kompetenzhypothese Nutzer wollen die Vorteile der sozialen Medien nutzen und ignorieren die Risiken Nutzer verfügen nicht über die notwendige Datenschutzkompetenz Medienwirkungshypothese Erfahrungshypothese Einstellungen spiegeln lediglich die Medienberichterstattung wieder Nutzer haben schlichtweg noch keine negativen Erfahrungen gemacht 18

19 Nutzer sehen viele Vorteile in der Nutzung von sozialen Medien Gratifikationshypothese Sich mit Freunden austauschen bzw. in Kontakt bleiben 73% Sich mit der Familie austauschen bzw. in Kontakt bleiben 47% Über das Tagesgeschehen informieren 38% Neue Freunde und Bekannte finden 36% Meine Freizeit / Privatleben organisieren 35% Über Produkte informieren 32% Mit oder über Kollegen austauschen 26% Berufliche Kontakte pflegen 19% Basis: Alle befragten SNS-Nutzer (n=684) Quelle: BITKOM,

20 Das Social Web bietet eine Vielzahl an Belohnungen Gratifikations-Hypothese Intellektuelle Herausforderung Soziale Anerkennung Identitätsbildung Selbstdarstellung Social Web Gratifikationen Soziale Unterstützung Gemeinschaftsgefühl Unterhaltung Informationen Realitätsflucht Ablenkung Freunde finden Socializing Quellen: Taddicken & Jers, 2011; Masur, Reinecke, Ziegele & Quiring,

21 No Risk, no Fun! Gratifikationshypothese Gratifikationen vs. Privatsphäre? Um Gratifikationen des Social Webs nutzen zu können, müssen Daten preisgegeben werden Dies erhöht das Risiko Opfer einer Privatsphäreverletzung zu werden Tauschen Nutzerinnen und Nutzer also Gratifikationen gegen Privatsphäre? Mögliche Szenarien Nutzerinnen und Nutzer wiegen Chancen und Risiken ab und kommen zu dem Schluss, dass es das Risiko wert ist Nutzerinnen und Nutzer überbewerten die Gratifikationen und unterschätzen die Risiken Quellen: Taddicken & Jers, 2011; Trepte et al.,

22 Nutzer wollen ihre Privatsphäre schützen, wissen aber nicht wie Kompetenzhypothese Wissen über technische Aspekte des Datenschutzes Wissen über institutionelle Praktiken Datenschutz- Kompetenz Wissen über die Gesetzeslage zum Thema Datenschutz Wissen über Strategien des Datenschutzes Quellen: Trepte, Masur & Teutsch,

23 Datenschutzkompetenz ist zum Teil nur schwach ausgeprägt Beispielitems aus der Privatheitskompetenz-Skala 33% der Deutschen wussten nicht, dass Unternehmen Daten von unterschiedlichen Webseiten kombinieren und daraus Nutzerprofile zusammenstellen 72% dachten fälschlicherweise, dass für alle sozialen Netzwerkseiten dieselben Standard-AGBs gelten. 65% dachten fälschlicherweise, dass man durch die Privatsphäreeinstellungen auf sozialen Netzwerkseiten auch verhindern kann, dass der Anbieter selbst einen Zugang zu den Daten hat. 33% wussten nicht, dass die Nachverfolgerung der eigenen Internetnutzung erschwert werden kann, wenn keine Browserinformationen gespeichert werden Quellen: Trepte, Masur & Teutsch,

24 Je höher die Bildung, desto höher die Online-Privatheitskompetenz Gesamtergebnis: Einfluss von Geschlecht, Alter und Bildung Basis: N =

25 Anzahl Beiträge pro Woche Datenschutz relevante Ereignisse werden häufig thematisiert Thematisierung in Print- und Onlinemedien Mai Juni Sept Mai Juni Juli August September Oktober Quelle: Masur, von Pape, Mothes & Trepte, 2015 N=804 Beiträge

26 Medien und die Öffentlichkeit beeinflussen die Einstellungen der Nutzerinnen und Nutzer Soziale Erwünschtheit-Hypothese Öffentliche Meinung Medienberichterstattung Privatheitsbedenken Mögliches Szenario Werden Einstellungen (Sorgen, etc.) in Umfragen gemessen, so wird unter Umständen nur ein Spiegel der medialen Wirklichkeit wiedergegeben und nicht die tatsächliche eigene Meinung Quelle: Masur, von Pape, Mothes & Trepte,

27 Nutzerinnen und Nutzer geben Informationen preis, da sie keine negativen Erfahrungen gemacht haben Erfahrungshypothese Nur 2% aller Europäer gaben an, dass sie schon einmal Opfer von Datenmissbrauch/-klau waren In einer deutschen Studie mit 327 Teilnehmer, gaben nur 13% an, schon einmal negative Erfahrungen (Beleidigungen, ) online gemacht zu haben Frage: Würden sich Nutzerinnen und Nutzer anders verhalten, wenn sie negative Erfahrungen gemacht hätten? Quellen: European Commission, 2011; Trepte, Dienlin & Reinecke,

28 Nutzerinnen und Nutzer geben Informationen preis, da sie keine negativen Erfahrungen gemacht haben Erfahrungshypothese Hypothese: Nutzerinnen und Nutzer reagieren auf negative Erfahrungen Frage: Beeinflussen negative Erfahrungen das a) informationale Privatheitsverhalten, b) das soziale Privatheitsverhalten, c) das psychologische Privatheitsverhalten? Risiko Wahrnehmung Negative Erfahrungen T1 β =.38*** β = -.25* β = -.19 β =.01 Informationales Privatheitsverhalten Soziales Privatheitsverhalten Psychologisches Privatheitsverhalten T2 T2 Quellen: Trepte, Dienlin & Reinecke,

29 Nutzerinnen und Nutzer geben Informationen preis, da sie keine negativen Erfahrungen gemacht haben Erfahrungshypothese Hypothese: Nutzerinnen und Nutzer reagieren auf negative Erfahrungen Frage: Beeinflussen negative Erfahrungen das a) informationale Privatheitsverhalten, b) das soziale Privatheitsverhalten, c) das psychologische Privatheitsverhalten? Risiko Wahrnehmung Negative Erfahrungen T1 β =.38*** β = -.25* β = -.19 β =.01 Informationales Privatheitsverhalten Soziales Privatheitsverhalten Psychologisches Privatheitsverhalten T2 T2 Quellen: Trepte, Dienlin & Reinecke,

30 E. Fazit und Ausblick 30

31 Was passiert in unserem Kopf, was uns die Gefahren der Datenpreisgabe ausblenden lässt? Fazit und Ausblick Privatheit ist eine wichtige Ressource für psychologisches Wohlbefinden Menschen brauchen Privatsphäre zur Entspannung, Entlastung und um sich auszuprobieren Gerade in einem privaten Raum, haben Menschen die Möglichkeit sich selbst zu offenbaren Nutzer machen sich deswegen erhebliche Sorgen um ihre Privatsphäre Dennoch geben Nutzer eine Vielzahl an personenbezogenen Daten preis Nutzer wollen nicht auf die Vorteile der sozialen Medien verzichten (konkurrierende Bedürfnisse) Sie wollen weiterhin am Internetgeschehen teilhaben Medienberichterstattung hat einen großen Einfluss auf die Einstellungen der Nutzer Fehlende negative Erfahrungen und mangelnde Datenschutzkompetenz führen zu paradoxem Verhalten 31

32 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Philipp K. Masur Lehrstuhl für Medienpsychologie (540F) Institut für Kommunikationswissenschaft Universität Hohenheim Stuttgart

33 Literatur Acquisti, A., & Gross, R. (2006). Imagined communities: Awareness, information sharing, and privacy on Facebook. In Proceedings of the PET 2006 (pp. 1-22). Altman, I. (1975). The environment and social behavior: Privacy, personal space, territory, crowding. Monterey: Brooks/Cole. Burgoon, J. K. (1982). Privacy and Communication. Communication Yearbook, (6), Dienlin, T., & Trepte, S. (2014). Is the privacy paradox a relic of the past? An in-depth analysis of privacy attitudes and privacy behaviors. European Journal of Social Psychology. doi: /ejsp.2049 European Commission. (2011). Special Eurobarometer 359: Attitudes on Data Protection and Retrieved from public_opinion/archives/ebs/ebs_359_en.pdf Electronic Identity in the European Union. Masur, P. K., Reinecke, L., Ziegele, M. & Quiring, O. (2014). The interplay of intrinsic need satisfaction and Facebook specific motives in explaining addictive behavior on Facebook. Computers in Human Behavior, 39, doi: /j.chb Masur, P. K., von Pape, T., Mothes, C. & Trepte, S. (in prep). The influence of media coverage on privacy and data protection on individual privacy concerns. Manuskript in Vorbereitung. Pedersen, D. M. (1997). Psychological Functions of Privacy. Journal of Environmental Psychology, 17, Schenk, M., Niemann, Julia, Reinmann, Gabi, & Roßnagel, A. (2012). Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf sozialen Netzwerkplattformen. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen: Bd. 71. Berlin: Vistas Verlag. Taddei, S., & Contena, B. (2013). Privacy, trust and control: Which relationships with online self-disclosure? Computers in Human Behavior, 29(3), doi: /j.chb Taddicken, M., & Jers, C. (2011). The Uses of Privacy Online: Trading a Loss of Privacy for Social Web Gratifications? In S. Trepte & L. Reinecke (Eds.), Privacy Online: Perspectives on Privacy and Self-Disclosure in the Social Web (pp ). Berlin: Springer. Trepte, S., Dienlin, T., & Reinecke, L. (2014). Risky behaviors: How online experiences influence privacy behaviors. In B. Stark, O. Quiring, & N. Jackob (Eds.), Von der Gutenberg-Galaxis zur Google-Galaxis [From the Gutenberg galaxy to the Google galaxy] (pp ). Wiesbaden, Germany: UVK Trepte, S., Masur, P. K. & Teutsch, D. (2014). Measuring Internet Users' Online Privacy Literacy. Development and Validation of the Online Privacy Literacy Scale (OPLIS). Manuskript in Vorbereitung. Trepte, S., & Reinecke, L. (Eds.). (2011). Privacy Online: Perspectives on Privacy and Self-Disclosure in the Social Web. Berlin: Springer. Trepte, S., Teutsch, D., Masur, P. K., Eicher, C., Fischer, M., Hennhöfer, A., Lind, F. (in press). Do people know about privacy and data protection strategies? Towards the "Online Privacy Literacy Scale" (OPLIS). In. S. Gutwirth et al. (Hrsg.). Computers, Privacy and Data Protection - Reforming Data Protection: The Global Perspective. Dordrech; New York: Springer. Westin, A. F. (1967). Privacy and freedom. New York: Atheneum. 33

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